Fast sieben Jahre für Schneider

Gescheiterter Bauunternehmer wegen Betrugs verurteilt


Dienstag, 23. Dezember 1997

Frankfurt/Main (dpa) - Der gescheiterte Bauunternehmer Jürgen Schneider ist vom Landgericht Frankfurt am Dienstag zu sechs Jahren und neun Monaten Haft wegen Betrugs verurteilt worden. Der Untersuchungshaftbefehl gegen Schneider wurde aufgehoben. Der 63jährige, der das Urteil annahm, konnte den Gerichtssaal als vorläufig freier Mann verlassen. Wann er wieder zur Verbüßung der Reststrafe hinter Gitter muß, blieb zunächst unklar. 

Schneider hatte bereits seit über zweieinhalb Jahren in Haft gesessen. Gegen die Aufhebung der Inhaftierung legte die Staatsanwaltschaft umgehend Beschwerde beim hessischen Oberlandesgericht ein, die allerdings keine aufschiebende Wirkung hat. 

Die 29. Strafkammer blieb mit ihrem Urteil ein Jahr unter der Forderung der Staatsanwaltschaft und ungefähr ein Jahr über den Vorstellungen der Verteidigung. "Ich kann mit dem Urteil leben", sagte der Ankläger Dieter Haike im Anschluß an die Verhandlung. Das Gericht sprach Schneider in zwei Fällen des Kreditbetruges, in zwei Fällen des schweren Betrugs und einmal des gewöhnlichen Betruges schuldig. 

"Echte Einsicht"

Als strafmildernd wertete der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke das Geständnis und die "echte Einsicht" Schneiders sowie die "kaum vorstellbare Fahrlässigkeit und Pflichtvergessenheit der Banken" bei der Kreditvergabe für insgesamt fünf Immobilienprojekte in Berlin, Frankfurt und Leipzig. Von einer Mitwisserschaft der Kreditinstitute könne aber keine Rede sein, sagte Gehrke. 

Trotzdem warf der Richter den Banken schwere Versäumnisse vor: So hätten die Geldinstitute die Finanzierungsanfragen Schneiders nie ernsthaft geprüft. Die Deutsche Bank als Hauptkreditgeber habe sowohl bankinterne als auch gesetzliche Prüfungsvorschriften verletzt, sagte Gehrke. Die Deutsche Bank hatte Schneider in der Spitze 1,5 Milliarden DM an Krediten gewährt. Besonders hart kritisierte der Richter die Verantwortlichen der Dresdner Bank, die aus ihrem fehlgeschlagenen Kreditgeschäft für das Berliner Kurfürsteneck keinerlei personelle und organisatorische Konseqenzen gezogen hätten. 

Streben nach Anerkennung

Schneider habe aus einem nie abgelegten Vater-Komplex heraus gehandelt, erläuterte Gehrke. Wie kaum ein anderer habe Schneider nach Anerkennung und weniger nach persönlichem Wohlstand gestrebt. Seinem preußisch-strengen Vater habe er beweisen wollen, daß er in der Geschäftswelt Erfolge erzielen konnte. Von daher sei auch eine Umkehr für Jürgen Schneider in seinem System der Überfinanzierungen sehr schwierig gewesen. Sein "Imperium der Hoffnungswerte" habe eher einem der Hoffnungslosigkeit geähnelt, meinte der Richter. "Er kaufte zu teuer, baute zu aufwendig und vermietete zu schlecht", chrakterisierte er den Weg in die Pleite. 

Für Schneider sei es in dem Prozeß, einem der größten deutschen Wirtschaftsstrafverfahren, darumgegangen, wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Die von der Staatsanwaltschaft befürchtete Fluchtgefahr sei bei Schneider nicht gegeben, der bereits in Miami das Leben eines Flüchtlings als belastend erfahren habe. 

Auslieferungshaft angerechnet

Die rund neun Monate Auslieferungshaft in den USA rechnete das Gericht dem Angeklagten an. Ein Antrag auf den Status eines Freigängers ist nach Mitteilung eines Schneider-Verteidigers noch nicht gestellt. 

Der mitangeklagte Bauzeichner Schneiders, Karl-Heinrich Küpferle, wurde wegen Beihilfe zum Betrug zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muß er eine Geldstrafe von 1.500 DM zahlen. 

Altbauten aufwendig saniert

Schneider hatte über Jahre hinweg hochwertige Altbauten in mehreren deutschen Städten gekauft und aufwendig sanieren wollen. Von den Banken lieh er sich dazu überhöhte Kredite. Beim Zusammenbruch seines Imperiums im April 1994 hinterließ er einen Schuldenberg in Höhe von 5,4 Milliarden DM bei über 50 Geschäftsbanken, der sich nach jüngsten Angaben des Konkursverwalters nach dem Verkauf der meisten Immobilien auf 2,4 Milliarden DM verringert hat. Fotos: Reuters, AP

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