31.03.01
Der Milliardencoup des Dr. Schneider

Dr. Jürgen Schneider ist ein Mann der Superlative: Anfang der 90er Jahre galt er als der größte private Bauinvestor Deutschlands. Sein Name stand für die aufwendige Restaurierung historischer Bauten in Frankfurt, München, Leipzig und Berlin. Als er im April 1994 mit seiner Frau nach Miami floh, hatte er mit Bankkrediten in Höhe von 5,6 Milliarden Mark einen gigantischen Schuldenberg aufgetürmt. Monatelang war er der meistgesuchte Wirtschaftsbetrüger Deutschlands. Nach seiner Verhaftung und Auslieferung begann im Sommer 1997 vor dem Frankfurter Landgericht eines der spektakulärsten Wirtschaftsstrafverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es endete im Dezember 1997 mit einem überraschend milden Urteil. Der Angeklagte wurde wegen Betrugs, Kreditbetrugs und Urkundenfälschung zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. 

Der Aufstieg

Jürgen Schneider vor dem Fürstenhof Jürgen Schneider wurde am 30. April 1934 als Sohn eines erfolgreichen Bauunternehmers in Frankfurt geboren. Von Anfang an war seine Erziehung darauf ausgerichtet, ihn auf die Übernahme der väterlichen Firma vorzubereiten. Nach einer Maurerlehrer studierte er in Darmstadt Bauingenieurwesen und promovierte an der Universität Graz im Fach Staatswissenschaften. 1963 trat er in das Geschäft seines Vaters an. Doch schon bald kam es zwischen Senior und Junior zu Unstimmigkeiten. In Schneiders Erinnerung war der Vater nie zufrieden zu stellen: "Er wollte mich hart machen, um als Unternehmer im Haifischbecken der Wirtschaft bestehen zu können." Es sollte aber noch Jahre dauern, bis sich der Sohn emanzipierte. Als er schließlich 1981 das Unternehmen verließ, rief der Vater bei den ihm bekannten Banken an, um sie daran zu hindern, dem Sohn Geld zu leihen.

Diese Intervention war offensichtlich vergeblich. Mit Hilfe der Kreditinstitute stieg Jürgen Schneider innerhalb von zehn Jahren zum gefeierten Immobilienkönig und Edelsanierer auf. Wie ein Sammler pickte er sich die Rosinen in Deutschlands Innenstädten heraus. Ihn interessierten vor allem historische Bauten, die er teuer kaufte und teuer restaurierte - in der trügerischen Erwartung, sie später noch teurer verkaufen zu können. Für die Instandsetzung seiner städtebaulichen Kronjuwelen war ihm das Beste gerade gut genug. Dass sich die Realisierung seiner Träume nur durch Kredite finanzieren ließ, war selbstverständlich. Schneider aber besaß so gut wie kein Eigenkapital. Und schon bald war ihm klar, dass es nicht ausreichen würde, wenn ihm die Banken - wie vorgeschrieben - nur 60 Prozent der Kaufsumme und Baukosten zur Verfügung stellen würden. Als der Erwerb des heruntergekommenen Gründerzeitbaus "Goldenes Kreuz" in Baden-Baden zu scheitern drohte, springt ausgerechnet der Kreditvermittler und Repräsentant der Deutschen Centralbodenkredit-AG (DCB), der Hypotheken-Tochtergesellschaft der Deutschen Bank, Dr. Friedrich Möll ein. Er arbeitete damals bereits seit 25 Jahren für die DCB, mit seiner Hilfe gelingt es Schneider, den Wert des Objektes in eine beeindruckende Höhe zu schrauben. Und die Deutsche Bank war bereit, in die Zukunft des "Goldenen Kreuzes" zu investieren. Dass die Mieteinkünfte nach der Fertigstellung des Gebäudes deutlich geringer als erwartet ausfielen, blieb den Bankern zunächst verborgen. Schneider hatte sich ungehindert über geltende Vorschriften hinweggesetzt und das Konto für die Mieteinnahmen bei einem anderen Geldinstitut eröffnet.

Vom Erfolg ermutigt, machte sich der Baulöwe daran, das "Schönrechnen" der Finanzierungsanfragen zu perfektionieren. Dabei scheute er auch vor Betrug und Urkundenfälschung nicht zurück. Als er die Deutsche Bank um einen Kredit für das Renommierprojekt "Zeilgalerie" in Frankfurts City ersuchte, erhöhte er die reale Nutzfläche von 9.000 Quadratmetern auf 22.000. Für den nicht vorhandenen Raum erfand er 30 nicht existente Mieter und legte der Bank die gefälschten Mietverträge vor. Bei der Restaurierung des historischen Bernheimer Palais in München ließ er sich zwei Stockwerke finanzieren, die er nie baute. Dass die beiden Etagen mit ein paar Tausend Quadratmetern Mietfläche fehlten, fiel den Mitarbeitern der Deutschen Bank nicht auf, obwohl sie von der dem Palais gegenüberliegenden Filiale aus den Umbau täglich vor Augen hatten.

Dr. Jürgen Schneider Mittlerweile war der "geniale Immobilienentwickler" bei den Bankern längst vom Bittsteller zum umworbenen Großkunden geworden. Er ließ sich vom Chauffeur im goldfarbenen Mercedes vorfahren und richtete sich in einem Schlösschen in Königstein, der prunkvollen "Villa Andrae", einen repräsentativen Firmensitz ein. Als Zweifel an seiner Seriosität aufkamen, gelang ihm der spektakuläre Verkauf des Frankfurter "Fürstenhof", bei dem er einen Gewinn von 200 Millionen Mark erzielte. Es sollte das einzige seiner bundesweit rund 160 Objekte bleiben, das er tatsächlich veräußerte.

Als der Bau- und Immobilienmarkt Anfang der 90er Jahre zu kriseln begann, öffnete die Wende neue Perspektiven im Osten. In Leipzig kaufte Schneider ganze Innenstadtquartiere auf und ließ die legendäre Mädler-Passage mit "Auerbachs Keller" und Barthels Hof in neuem Glanz erstrahlen. Noch heute sind ihm die Leipziger dankbar dafür.

Die Pleite

Das Ehepaar Schneider vor dem Romanus-Haus in Leipzig Die neuen Kredite für die Projekte im Osten ermöglichten es Schneider, die enormen Finanzierungslücken im Westen zu schließen. Doch irgendwann bricht jedes Schneeballsystem zusammen. Im Frühjahr 1994 war es soweit. Ein kritischer Artikel über Mieterprobleme in der "Zeilgalerie", der Ende Februar 1994 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien, ließ den Finanzierungskünstler aufschrecken. Jeden Moment musste er damit rechnen, dass die gefälschten Mietverträge überprüft werden würden. Um dem Debakel zuvorzukommen, informierte er Anfang April die Deutsche Bank per Brief über seine drohende Zahlungsunfähigkeit, beantragte die Stundung seiner Kredite und tauchte mit seiner Frau unter. Daraufhin stellte die Deutsche Bank gegen ihn Strafanzeige. Am 14. April 1994 wurde das Konkursverfahren eröffnet. In einer Pressekonferenz vom 21. April 1994 bezifferte Hilmar Kopper, damals Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Schneiders gesamte Bankschulden zum Jahresende 1993 mit 5,3 Milliarden Mark - davon allein 1,3 Milliarden bei der Deutschen Bank. Die unbezahlten Handwerkerrechnungen in Höhe von fast 50 Millionen Mark nannte er "Peanuts" - und prägte damit das Unwort des Jahres 1994. Ende April bestätigte die Genfer Staatsanwaltschaft die Beschlagnahme von 245 Millionen Mark, die Schneider ins Ausland transferiert hatte.
 

Der Prozess

Nach monatelanger weltweiter Fahndung wurde das Ehepaar Schneider am 17. Mai 1995 in Miami verhaftet. Ein Dreiviertel Jahr saß Jürgen Schneider in Florida in U-Haft, bevor er im Februar 1996 ausgeliefert wurde. Am 30. Juni 1997 begann der Prozess vor dem Frankfurter Landgericht. Vertreter von über 50 deutschen Banken waren als Zeugen geladen. Der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke schonte sie nicht. Hartnäckig versuchte er zu ergründen, wie es möglich war, dass sie die offenkundigen Anzeichen für Fälschung und Betrug übersahen. Kopfschüttelnd nahm er zur Kenntnis, dass Kreditspezialisten manipulierte Kostenaufstellungen ungeprüft akzeptierten, sich von aberwitzigen Schätzungen blenden ließen und wiederholt Warnungen aus den eigenen Reihen in den Wind schlugen

Am 23. Dezember 1997 wurde Jürgen Schneider nach 41 Verhandlungstagen zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Die relativ milde Strafe begründete Richter Gehrke ausdrücklich mit der an Vorsatz grenzenden Fahrlässigkeit der Banken: "Viele haben nicht zu unrecht die Frage gestellt, ob die Banken nicht mit auf die Anklagebank gehört hätten.

Welche Konsequenzen haben die Kreditinstitute ihrerseits aus dem Desaster gezogen? Auch wenn einige der für die Schneider-Affäre Verantwortlichen gegen eine Abfindung ihren Posten räumen mussten, wurde niemand strafrechtlich verfolgt. Die Deutsche Bank gab Ende 1994 bekannt, dass sie die unbezahlten Handwerkerrechnungen beglichen habe. Ein Schuldeingeständnis war das zwar nicht. Aber die "generöse" Geste warf doch die Frage auf, ob man damit nicht weiteren Prozessen zuvorkommen wollte. Immerhin hatte das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen festgestellt, dass der Konzern in 15 Fällen gegen Vorschriften des Kreditwesens- und Hypothekenbankgesetzes verstoßen habe.

Epilog

Nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Haftstrafe wurde Jürgen Schneider im Dezember 1999 auf freien Fuß gesetzt. Kurz vor der Entlassung braute sich neues Unheil über seinem Kopf zusammen, nachdem Steuerfahnder auf der britischen Kanalinsel Jersey ein unversteuertes Millionenvermögen aus dem Erbe seines Vaters entdeckt hatten. Ein erneuter Haftbefehl wurde gegen Hinterlegung einer Kaution ausgesetzt.

Im Frühjahr 2000 stellte der Pleitier auf der Leipziger Buchmesse seine beiden Bücher "Bekenntnisse eines Baulöwen" und "Alle meine Häuser vor". Die Einahmen sollen unschuldig in Not geratenen Handwerkern zugute kommen. 

Seine unbeglichenen Schulden werden noch immer auf rund 2,6 Milliarden Mark geschätzt. Sie gehen hauptsächlich zu Lasten seiner Geschäftsbanken. Die aber können den Verlust von der Steuer absetzen. Konkursverwalter Dr. Gerhard Walter geht deshalb davon aus, dass die Hälfte der 2,6 Milliarden vom Finanzamt zu tragen sind. Der Hauptgeschädigte ist also der Steuerzahler.

Gert Monheim



 
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