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# 22: Alles fließt (von: S.C.S, 12/97)
O'Neills rechtes Auge war immer noch blau angelaufen. Dr. Boyd hatte ihm gesagt, es würde auch noch ein Weilchen dauern, bis das Hämatom vollständig abgeklungen war. Nachdem er die Wachen am Eingang zur Basis passiert hatte, nahm O'Neill die Sonnenbrille ab und schob sie in die Tasche. Während er auf den Aufzug wartete, der ihn hinunter in die Krankenstation bringen sollte, lehnte er sich gegen den Rahmen der Aufzugstür - und zuckte unwillkürlich zurück, weil die Stichwunde von Preys Messer immer noch schmerzte. Vier Tage waren seither vergangen und Daniel Jackson benahm sich immer noch etwas - seltsam.
***
"Ist er wach?" O'Neill grüßte eine der Wachen, die neben der Tür von Daniel Jacksons Zelle saß.
"Schwer zu sagen, Sir. Er liegt mit geschlossenen Augen auf dem Bett. Aber ob er wirklich schläft?" Die Wache deutete auf den Überwachungsbildschirm.
"Okay. Ich will mit ihm sprechen. Öffnen sie die Tür." Sagte O'Neill entschlossen.
"Aber -, Sir! Ich habe Befehl, zuerst General Hammond zu informieren, bevor diese Tür geöffnet wird."
"Ich werde General Hammond sowieso über das informieren, was mit Jackson los ist." O'Neill gab der Wache einen Schubs. "Nur ein paar Minuten, ja?" drängte O'Neill weiter.
Die Wache ließ sich erweichen und legte einen Schalter um, um die Zelle zu öffnen. Mit einem zischenden Geräusch schwang die Tür auf und O'Neill betrat den Raum.
"Ich gebe ihnen dann ein Zeichen, wenn ich wieder gehen will, ja?" sagte O'Neill.
Die Wache nickte und verschloß dann hinter ihm die Tür.
***
"Daniel?" O'Neill blieb vor der Linie auf dem Boden stehen, die die Sicherheitszone der Zelle markierte.
Daniel Jackson stöhnte und drehte sich auf der Pritsche um. Mit den Fingern seiner rechten Hand umklammerte er das Kissen unter seinem Kopf und dann, mit einer schnellen Armbewegung, warf der das Kissen hinüber zu O'Neill. Dieser hob den linken Arm und wehrte es ab. Das Kissen fiel zu Boden.
"Daniel! Hör auf damit!" O'Neill klang gereizt.
"Warum kommst du her?" Daniel Jackson setzte sich auf und grinste O'Neill böse an. "Willst du sehen, wie sie mich hier behandeln? Hier, sieh dir das an. Sie haben mich an der Wand festgebunden." Er bewegte seinen linken Arm und die Kette, die an seinem Handgelenk angebracht war, klirrte.
"Wenn ich richtig informiert bin, hast du Dr. Boyds Assistenten angegriffen. War das so?" O'Neill zwang sich, ruhig zu bleiben.
"Jaaaa, es war sooo." Jackson hörte sich gelangweilt an. "Sie behandeln mich wie einen Patienten. Ich bin nicht krank!"
"Daniel, sie sind krank. Deine Persönlichkeit hat sich verändert. Dr. Boyd tut alles, um das zu ändern und du unterstützt ihn dabei nicht. Daniel, wir brauchen dich. Wir wollen dich wieder im Team haben."
"Oh, da bin ich mir sicher." Daniel Jackson lachte und ließ sich zurück auf die Pritsche fallen.
"Jackson. Du bist der Experte. Du warst der, der den entscheidenden Hinweis gegeben hat, wie man das Gate ans Laufen kriegt."
"Ich weiß das, Colonel. Aber es ist gut zu wissen, dass du es auch tust. Du hast doch nie etwas auf das gegeben, was ich sagte. Meine Untersuchungsergebnisse waren nur nützliche Daten für die Missionen. Das war alles." Jackson hielt inne, setzte sich wieder auf und starrte O'Neill an.
"Ist was, Jackson?" O'Neill hob erstaunt eine Braue.
"Dein Gesicht - . Es ist nicht symmetrisch. Vielleicht brauchst du ein zweites -." Daniel Jackson stand auf und bewegte sich auf O'Neill zu.
"Nein, danke, Daniel." O'Neill machte eine ablehnende Geste. "Ein Veilchen reicht völlig."
Beide Männer standen nun fast vor einander, etwas eineinhalb Meter von einander entfernt, getrennt von der weißen Linie und Jacksons Kette, die ihn zurück hielt. Von einer Sekunde zur anderen verwandelte sich Jacksons Aggression in Resignation.
"Jack. Hilf mir. Ich weiß nicht, was ich tun soll." Er ging vor der Linie auf und ab. "Sieh mich an. Sie erlauben mir nicht mal, mich zu rasieren." Er fuhr sich mit den Fingern über sein stoppeliges Kinn.
O'Neill ging ein paar Schritte näher an die weiße Linie heran und hielt Daniel am Arm fest. "Daniel. Keine Sorge. Du kommst wieder in Ordnung. Und - ich habe eine Akku-Rasierer in meinem Schreibtisch. Ich werde mir die Erlaubnis holen, ihn dir zu leihen. Okay?" O'Neill zwinkerte ihm zu.
Jetzt baute sich Daniel Jackson vor ihm auf und umklammerte O'Neills Hand. Einen Moment lang rollte Daniel mit den Augen und O'Neill fühlte, wie der Schmerz in seine rechte Schulter zurück kehrte. Es war eine Art Kräftemessen und O'Neill war nicht gewillt, Jackson gewinnen zu lassen.
"Daniel. Tue es nicht. Kämpf dagegen an. Kämpfe gegen das Böse in dir. Sie werden dich erst hier heraus lassen, wenn du dich wieder voll im Griff hast. Hast du mich verstanden? Jackson?"
Langsam ließ Daniel Jackson los. Er zog sich von der weißen Linie zurück und sank auf die Pritsche. Kopfschüttelnd gab O'Neill der Wache ein Zeichen, die Tür zu öffnen.
"Ich komme bald wieder, Daniel. Gib den Kampf nicht auf. Ich weiß genau, du gehörst zu den Guten." Dan verließ O'Neill die Zelle.
Die Wache verschloß die Tür wieder und deutete dann auf die Zelle. "Sie haben da eine Menge riskiert, Colonel. Was, wenn er sie angegriffen hätte? Manchmal entwickelte er unheimlich viel Kraft."
"Ich bin sicher, darum hat man sie hier postiert. Um Typen wie mich zu retten. Richtig?" Dann drehte sich O'Neill um und verließ die Sektion. Auf seinem Weg zu General Hammonds Büro traf er Dr. Boyd.
"Hallo, Doc. Erzählen sie mir was über Jackson."
"Ich war gerade in General Hammonds Büro, um Bericht zu erstatten. Fragen sie ihn."
"Doc!" O'Neill warf Dr. Boyd einen bittenden Blick z.
"Tut mir leid, O'Neill. Nicht hier auf dem Flur. Wenn sie noch Fragen haben, kommen sie in mein Labor. Oh, und dachten sie wirklich, sie könnten ein blaues Auge vor mir verbergen? Ich wußte es in dem Augenblick, als sie zum Verbinden des Arms kamen. Ich dachte, das sollten sie wissen." Dann drehte sich Dr. Boyd um und kehrte zur Krankenstation zurück.
Frustriert sah O'Neill ihm nach. Dann ging er weiter zu General Hammonds Büro.
"Kommen sie herein." Rief General Hammond, als es an der Tür klopfte.
"Sir." O'Neill trat ein und grüßte.
"Col. O'Neill. Ich wollte gerade eine Wache nach ihnen schicken." General Hammond sah von einem Stapel Papier auf. "Setzen sie sich bitte. Wir sollten über Jackson sprechen."
"Darum bin ich hier, Sir." O'Neill nahm auf einem Besucherstuhl gegenüber von General Hammond Platz. "Sir. Wie die Wachen ihn behandeln, ist entwürdigend." O'Neill beugte sich vor und griff nach einem Stift.
"Er hat sie angegriffen." General Hammond zeigte auf O'Neills Auge. "Und auch unsere Wachen. Dr. Boyd sagte mir, dass Jackson eine Art Persönlichkeitsteilung durchmacht. Die Flüssigkeit, die er getrunken hat, hat seine emotionale Konditionierung verändert. Langsam, sehr langsam läßt die Vergiftung durch diese - Droge nach, und er fällt in dieser wirren emotionalen Zustand." General Hammond räusperte sich.
"Was wollen sie mir damit sagen? Dass sie ihn aus meinem Team nehmen? Sir!" O'Neill stand auf und lehnte sich gegen den Schreibtisch.
"O'Neill, bitte. Atmen sie tief durch und beruhigen sie sich. Zur Zeit ist Dr. Jackson unberechenbar, was diese - emotionalen Ausbrüche angeht. Dr. Boyd sagt, dass Jackson sein emotionales Gleichgewicht wiedererlangen wird, aber er kann uns nicht mit Bestimmtheit sagen, wann. Boyd schätzt Jacksons emotionale Instabilität als äußerst gefährlich ein."
"Sir." O'Neill protestierte weiter. "Ich sah Jackson vor wenigen Minuten. Ich - ich weiß, was Dr. Boyd mit seiner Diagnose meint. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Er kämpft dagegen an, um es zu überwinden. Er will es ändern. Wirklich. Er - versuchte mich anzugreifen und hielt dann inne. Einfach so." O'Neill setzte sich wieder hin.
Nun war es an General Hammond, sich aufzuregen. "Colonel. Sie setzen sich über meine Befehle hinweg. Ich ordnete an, dass man mich zuvor informiert, wissen sie. Als erstes, verdammt. Scheint so, als ob ich der Letzte in dieser Saubude bin, der informiert wird, was?" General Hammond stand auf und begann, im Raum hin und her zu gehen. "Ich bin der, der hier die Verantwortung trägt. Sie erinnern sich?" Seine Stimme schien sich fast zu überschlagen.
O'Neill wollte schon aufstehen, aber General Hammond ging zu ihm hinüber und drückte ihn zurück in den Sessel. "Oh, nein. Sie bleiben sitzen. Ich bin noch nicht fertig."
General Hammond ging zurück zu seinem Tisch und wühlte in einer Schublade, um eine Akte heraus zu nehmen. "Hier. Dies ist ein Bericht über P4Y2783. Kürzlich war SG-VIII dort wegen geologischer Untersuchungen. Sie entdeckten nichts besonderes in bezug auf ihren Auftrag, aber sie fanden das hier." General Hammond zog ein paar Fotos aus der Akte und gab sie O'Neill.
"Hieroglyphen?" O'Neill sah sich die Fotos an.
"Nicht genau. Nicht so wie die ägyptischen, die wir bereits kennen." General Hammond sah O'Neill ernst an. "Jackson erwähnte einmal, dass sie einen Raum mit vier verschiedenen Zeichen gefunden haben. Könnten das welche davon sein?"
O'Neill antwortete mit einem Schulterzucken. "Sie wissen, ich bin kein Experte in Anthropologie. Das ist Jackson. Davon rede ich ja die ganze Zeit. Wir brauchen ihn in unserem Team." Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
"O'Neill. Unterlassen sie das. Mit dem Thema sind wir durch. Dr. Boyd sagt, sie werden nächste Wochen wieder einsatzbereit sein und -."
"Mir geht es jetzt schon toll." Warf O'Neill ein.
"Gut. Dann werde ich den Terminplan ändern. Ihre nächste Mission wird sie nach P4Y2783 führen. Morgen früh um 0900." General Hammond schloß die Akte und drückte sie O'Neill in die Hand. "Hier. Und seien sie pünktlich."
"Sir? Was ist mit Jackson?"
"Er bleibt dort wo er ist, bis Dr. Boyd bestätigt, dass alles mit ihm wieder in Ordnung ist." General Hammond sah entschlossen aus.
"Sir." Col. O'Neill stand auf, salutierte und verließ das Büro des Generals.
Draußen im Gang lehnte er sich gegen die Wand und ballte die Fäuste. Er wollte sich gar nicht erst mit der Idee anfreunden, ohne Jackson die Mission durchzuführen, aber leider war er nicht in der Position, die Befehle des Generals in Frage zu stellen.
***
Früh am nächsten Morgen ging Jack O'Neill hinunter zur Krankenstation. Als er in der Überwachungsabteilung ankam, fand er Jacksons Zellentür offen vor. Dr. Boyd war mit ein paar Routinetests beschäftigt.
"Gibt es etwas neues, Doc?" fragte O'Neill, als er auf Dr. Boyd zuging.
"Ja. Die Wache informierte mich, das Jackson eine Verhaltensänderung zeigt. Er ist in eine Depression gefallen. Sehen sie nur, er reagiert nicht mal." Dr. Boyd schnippte mit den Fingern direkt vor Daniels Gesicht, aber der blinzelte nicht mal.
"Ich - ich wollte eigentlich, dass er sich das mal ansieht." O'Neill kramte in der Tasche und zog das Foto mit dem seltsamen Zeichen heraus. "General Hammond hat unser Abrücken für heute morgen angesetzt. Wir - , hm, sieht so aus, als müßten wir ohne ihn gehen."
"O'Neill. Er ist momentan nicht in der Lage, ihnen auch nur irgend etwas zu erzählen." Dr. Boyd sah besorgt aus. "Er scheint jeden nur möglichen Gefühlszustand durchzumachen und es ist schwer zu sagen, was als nächstes kommt." Als Dr. Boyd den enttäuschten Blick auf O'Neills Gesicht sah, nahm er ihm das Foto aus der Hand. "Okay. Lassen wir ihn einen Blick darauf werfen. Versuchen wir es."
O'Neill sah, wie Dr. Boyd Daniel das Foto zeigte, aber Jackson reagierte darauf nicht. Er starrte es bewegungslos an.
"Sie sehen - keine Reaktion." Dr. Boyd gab O'Neill das Bild zurück. "Ich denke es ist besser für alle Beteiligte, wenn sie ohne ihn gehen. Er würde keine große Hilfe sein."
"Ja, scheint so." O'Neill drehte sich um und verließ die Krankenstation, um sich für die Mission umzuziehen.
***
Kurz darauf traf O'Neill Sam Carter und Teal'C in der GATE-Halle.
"Und?" Carter sah O'Neill fragend an.
"Nichts. Er ist heute apathisch. Keine Chance, ihn zu überzeugen, dass -." O'Neill deutete mit seinem Kinn in Richtung General Hammond, der nahe beim Fenster des Kontrollraums stand. "- er uns erlaubt, Jackson mitzunehmen."
"Ist es wirklich so schlimm?" Sam Carter schüttelte den Kopf. "Die Wachen haben mir noch nicht mal erlaubt, einen Blick auf den Überwachungsbildschirm zu werfen."
"Meine Schuld. Ich war gestern wohl etwas undiplomatisch. Ich habe General Hammond provoziert und er hat mir eine Standpauke gehalten. Und das war eine der Konsequenzen. Tut mir leid."
"Vielleicht ist es besser für Daniel Jackson, wenn er hier bleibt." Teal'C zog den Reißverschluß seiner kugelsicheren Weste zu.
"Ja, vielleicht. Es ist nur, weil - ." O'Neill führte den Satz nicht zu Ende, weil das Gate sich in Bewegung versetzte. Er winkte ab. "Ist ja auch egal. Also, gehen wir nachsehen, was wir auf der anderen Seite finden."
* * * * *
Als sie durch das Gate auf ihrem Zielplaneten schritten, blieben sie verwundert stehen. Dem Bericht von SG-8 zufolge hatte ein schwerer Sturm großen Schaden an dem Transporter angerichtet, mit dem sie die geologische Ausrüstung transportiert hatten. SG-8 war gezwungen gewesen, den Transporter zurück zu lassen. So sehr sich SG-1 aber auch bemühte, sie konnten den Transporter nicht entdecken.
"Jemand hat das Ding weggebracht, was?" Sam Carter setzte ihre Sonnenbrille auf, weil die Sonne, die hoch am Horizont stand, sie blendete.
"Offensichtlich." O'Neill zog seine Kappe ab, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und setzte die Kappe dann wieder auf. Er schulterte sein Gewehr. "Da drüben." Er zeigte nach Osten. "SG-8 berichtete, das sie die seltsamen Zeichen auf einer Kalksteinsäule hinter ein paar hohen Felsen fanden. Teal'C? Hast du ein Problem mit irgend etwas?" O'Neill sah zu Teal'C hinüber.
Der Jaffa sog Luft ein und schüttelte dann den Kopf. "Ich dachte, es wäre Rauch in der Luft, aber . Nein. Negativ, O'Neill. Es gibt nichts ungewöhnliches hier." Teal'C folgte O'Neill und Sam Carter auf ihrem Weg ostwärts zu den mächtigen weißen Felsen, die in der Sonne leuchteten. Sie wanderten stundenlang über die Ebene und hatten den Eindruck, die Felsen wären kaum näher gekommen. Als sie Sonne im Zenit stand, entschied sich O'Neill für eine Pause. Ihre Kleidung war durchgeschwitzt und die Riemen der Waffen und Rucksäcke schnitten tief in ihre Schultern. Sie brauchten definitiv eine Auszeit. O'Neill setzte wieder die Mütze ab und schüttete sich etwas Wasser aus seiner Feldflasche über den Kopf.
"Colonel!" rief Sam Carter ihm vorwurfsvoll zu. "Sie verschwenden Wasser. Was, wenn wir es später noch brauchen."
"Kein Problem, Sam. SG-8 berichtete, dass die Stele, die wir suchen, nahe bei einer Quelle mit kristallklaren, gut schmeckenden Wasser liegt." O'Neill wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ab und schob die Mütze wieder auf die Haare. "Kein Grund, Angst zu haben, was?"
"Halte nicht inne auf dem Weg, bevor du dein Ziel erreicht hast." Teal'C zeigt hinüber zu den Kalksteinfelsen.
"Er hat recht, Colonel. Wir sollten eher eine Pause machen, wenn wir bei den Felsen angekommen sind. Es gibt mehr Schatten dort."
"Okay." O'Neill nahm seine Waffe wieder hoch. "Dann gehen wir noch ein wenig weiter. Die Felsen auf der linken Seite scheinen Schutz vor Wind und Sonne zu geben." Er setzte sich in Bewegung und hielt direkt auf einen großen weißen Felsen zu, der die Form eines gegen eine Wand gelehntes Schild hatte.
* * * * *
In der Zwischenzeit in der Basis. Dr. Boyd schreckte von der Pritsche in seinem Büro auf. Er gönnte sich manchmal den Luxus von etwas zusätzlichem Schlaf während der Mittagspause, aber dieses Mal wurde seine Pause von einem lauten, schrillen Ton gestört. Dr. Boyd rutschte aus der Koje und ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Er drückte den Knopf für die Freisprechanlage. "Medizinische Abteilung. Wer spricht?" Er unterdrückte ein Gähnen.
"Die Wache, Sir. Überwachungsstation. Sie kommen wohl besser, um nach Dr. Jackson zu sehen."
"Sofort." Eilig griff Dr. Boyd nach seinem Block und lief dann den Korridor entlang.
Als er bei Jacksons Zelle eintraf, war die Tür nur angelehnt. Eine Wache wartete draußen. Die andere ging an der weiße Linie in der Zelle entlang.
"Was ist los?"
"Sie wollten informiert werden, wenn sich sein Verhalten ändert. Nun, sehen sie ihn an." Die Wache draußen schob die Tür auf.
Jackson saß auf seiner Pritsche und hatte sein Gesicht in seinen Händen begraben.
"Erst rief er uns, wir sollten die Tür öffnen." Berichtete eine der Wachen. "Er sagte, er würde ersticken. Er könne die Enge der Zelle nicht ertragen. Als ich mir das genauer ansehen wollte, versuchte er, mich am Arm zu packen. Er griff nach der Waffe in meinem Halfter. Dann wich er zurück, setzte sich hin und -." Die Wache versuchte Dr. Boyd zurück zu halten, aber dieser wies ihn zurück.
"Nein. Ich muß näher heran gehen." Langsam ging Dr. Boyd auf Jackson zu. "Daniel? Verstehen sie, was ich sage?"
Er bekam nur ein Schluchzen als Antwort. Vorsichtig zog Dr. Boyd die Hände vor Jacksons Gesicht weg. Dann nahm Dr. Boyd eine Taschenlampe heraus und sah sich Jacksons Augen an. Aber wie zuvor gab es keine Reaktion. Daniel Jacksons Augen waren rot und tränennass. Er heulte wie ein Schloßhund.
"Warum macht er das?" fragte eine der Wachen.
"Weinen ist eine unserer elementarsten emotionalen Reaktionen. Während der letzten Tage hat Jackson fast alle Stadien durchgemacht. Jeweils einzeln. Normalerweise überlagern sich unsere Emotionen. Sie bedingen und beeinflussen sich, und in Abhängigkeit davon, wie intensiv wir die Situation einschätzen, reagieren wir darauf. Bei Jackson stehen die Emotionen nicht in Verbindung mit einander. Sein Verstand scheint heraus finden zu wollen, welche Bandbreite an Emotionen möglich ist. Es wird noch eine Weile dauern, bis er diese emotionalen Fragmente wieder zusammensetzen kann, um sein ursprüngliches emotionales Verhaltensmuster wieder zu erlangen." Dr. Boyd wandte sich um und ging zur Tür. "Ich werde General Hammond davon in Kenntnis setzen. Traurigkeit und Trauern liegen auf der höchsten Stufe unsere emotionalen Bewußtseins."
**
Dr. Boyd traf General Hammond im Aufenthaltsraum der Basis an.
"Gute oder schlechte Neuigkeiten?" General Hammond nippte an einer Tasse Kaffee.
"Gute, schätze ich." Dr. Boyd langte nach einer Tasse und schüttete sich auch einen Kaffee ein. "Bislang hat Jackson fast das gesamte emotionale Repertoire abgearbeitet. Und die Zeitintervalle nehmen ab."
"Das bedeutet?" In Gedanken versunken rührte General Hammond in seiner Tasse.
"Wenn ich nicht völlig falsch liege, Sir, dann fehlen noch zwei Elemente. Eines davon ist Selbstmitleid und das andere ist unbegrenzte Freude." schmunzelte Dr. Boyd. "Wenn er damit durch ist, sollte er anfangen, diese Basisemotionen wieder zu kombinieren."
"Dann wird er wieder in Ordnung sein?" General Hammond hob fragend eine Augenbraue.
"Schwer zu sagen. Ich hatte noch nie solch einen Fall. Was mir Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass Jackson immer noch die Wachen oder sonstige Anwesende angreift. Immer nur für einen Moment, aber die Aggression scheint immer noch vorhanden zu sein."
"Danke für die Information, Boyd." General Hammond nickte ihm zu.
"Keine Ursache, Sir. Dafür kriege ich hier mein Geld." Boyd trank seinen Kaffee aus und ging dann in sein Labor zurück. Wieder kam er bei der Überwachungsstation vorbei und Jackson lag immer noch auf der Pritsche und heulte in sein Kissen.
"Rufen sie mich an, wenn sich sein Verhalten wieder ändert." instruierte Dr. Boyd die Wachen, bevor er zu seinem Büro zurück ging.
* * * * *
SG-I hatte das Lager im Schatten der bizarren Kalksteinformation aufgeschlagen. Andauernder Sonnenschein war nicht gerade das Element, in dem sich O'Neill wohl fühlte und er genoß es, im Schatten zu liegen und die Wolken vorbei ziehen zu sehen. Der anstrengende Marsch über die Ebene hatte alle Teammitglieder müde gemacht. Selbst Teal'c hatte seine Stabwaffe herunter genommen und sich nach einem bequemen Sitzplatz umgesehen. In der Luft war nichts als eine sanfte Brise, die die nahen Felsen umströmte. Die Melodie des Windes sang sie in den Schlaf und erst das gedämpfte Geräusch von Trommeln ließ sie merken, wo sie eigentlich waren. Vorsichtig weckte Teal'C Carter und O'Neill auf.
"Was?" O'Neill ruffelte sich durch die Haare und setzte seine Mütze wieder auf.
"Leise!" Teal'C versiegelte seine Lippen mit den Fingern. Dann zeigte er auf die anderen Felsen. "Jemand kommt näher. Hört ihr nicht die Trommeln? Riecht ihr nicht den Rauch?"
O'Neill wollte schon den Kopf schütteln, als er den Rauch in der Luft bemerkte. "Feuer?"
"Fackeln, nehme ich an." Sam Carter stand auf und begann, den Felsen zu erklimmen.
"Hey!" O'Neill versuchte sie zurück zu halten, aber sie war schneller. Er zuckte mit den Achseln und winkte Teal'C, ihm und Carter zu folgen. Immer in Deckung bleibend, krochen sie an den Felsen entlang. In der Entfernung sahen sie die hohe Kalksteinstele, von der SG-8 gesprochen hatte. Davor stand ein altarähnlicher Tisch neben einer flachen Quelle. Aus der Richtung, wo die Sonne stand, kamen in zwei Reihen Leute näher. Einge davon gingen etwas voraus. Diese Personen trugen einen schweren Gegenstand auf den Schultern.
"Eine Beerdigungszeremonie." flüsterte Carter.
"Aber wo wollen die Leiche beerdigen? Wollen sie in Loch in den Boden picken?" O'Neill hielt inne, weil er eine Person aus dem Schatten der Stele treten sah. Diese Person trat vor, um die Ankömmlinge zu begrüßen, die sich vor dem Altar in zwei Gruppen aufstellten. Diejenigen, die den Kalksteinsarkophag getragen hatte, stellten in auf dem Altar ab. Dann verbeugten sie sich und schlossen sich den wartenden Menschen an.
"Sieht aus wie einer de ägyptischen Götter." murmelte O'Neill, den Mann näher betrachtend, der eine hohe Krone auf dem Kopf trug. An der Vorderseite der Krone entdeckte O'Neill das Relief einer Antilope. Daniel würde bestimmt gewußt haben, was es damit auf sich hatte. Aber leider ....!
O'Neill warf nun einen Blick auf die Menge. Die Leute waren in Gruppen zu vier Personen aufgereiht und knieten im Sand. Fast alle von ihnen trugen weiße Kaftane und Ledersandalen. O'Neill erinnerte sich daran, dass Jackson ihm vor ein paar Monaten Fotos gezeigt hatte, um ihm die verschiedenen Bekleidungsgewohnheiten der alten Ägypter während der verschiedenen Dynastien zu erklären. Etwas ärgerte sich O'Neill jetzt, dass er damals nicht besser zugehört hatte. Er stieß einen Seufzer aus und setzte sein Fernglas ab. Carter beobachtete hingegen weiter.
"Was haben die da um ihre Köpfe gebunden?" flüsterte sie.
"Eine Art Stirnband." O'Neill klang gelangweilt. Er war schließlich nicht hierher gekommen, um einer altmodischen Beerdigungszeremonie beizuwohnen. Seine Aufgabe bestand darin, Hinweise zu finden, ob andere Götter außer den Goa'uld hier gewesen waren und Hinweise in Form der Kalksteinstele hinterlassen hatten. Und - außerdem zählte Geduld sowieso nicht zu seinen Haupttugenden. Was O'Neill zu dem Zeitpunkt nicht wissen konnte, war aber, dass er schon sehr bald sehe nahe an diese Stele und den Gott, für den sie stand, heran kommen sollte.
* * * * *
Als Daniel Jackson aufwachte, fühlte er einen stechenden Schmerz im Kopf. Obwohl seine Augen geöffnet waren, liefen von seinem Gedächtnis produzierte Bilder vor seinem inneren Auge ab. Es war immer die gleiche Bildabfolge und er sah sie wieder und wieder. Und es gab ihm die Gewißheit, dass er seinen besten Freund geschlagen hatte. Mit einem Ruck fuhr Jackson hoch.
"O'Neill." Der Name zuckte durch sein Inneres. Jackson rutschte von der Pritsche und begann, an der weißen Linie entlang zu gehen. Dabei hämmerte er sich immer wieder mit den Fäusten gegen die Schläfen, um dieser unangenehmen Gedanken loszuwerden.
"Wie konnte ich das nur tun? Oh, Gott." Murmelte er. "Das wird er mir nie verzeihen. Es ist meine Schuld. Ich Idiot."
Eine der Wachen betrat die Zelle. Der Mann wollte verhindern, dass Jackson sich selbst verletzte, aber Daniel streifte die Hände der Wachen ab und ging weiter auf und ab. Die zweite Wache rief bei Dr. Boyd an und einige Minuten später eilte der Doktor in die Überwachungsstation. "Was gibt's?"
"Vielleicht sollten wir ihn festbinden, bevor er sich noch selbst etwas antut." Schlug eine der Wachen vor.
"Nein." Dr. Boyd schüttelte den Kopf. "Er muß das durchmachen. Es geht schon in Ordnung. Ich werde zu Beobachtungszwecken hier bleiben. Das wird nicht lange anhalten."
"Er rief O'Neills Namen." Bemerkte die Wache noch, bevor sich der Mann umwandte, um die Zelle zu verlassen.
"Wirklich?" Dr. Boyd machte sich eine kurze Notiz. Dann überschritt er die weiße Linie und setzte sich auf Jacksons Pritsche. Jackson tigert noch für eine Weile durch den Raum und stotterte dabei unzusammenhängende Wortbrocken. Dann, plötzlich, kehrte er zu seiner Pritsche zurück, setzte sich neben Dr. Boyd und starrte auf dessen Bleistift. Mit zitternden Fingern griff er nach dem Stift und begann seltsame Symbole auf den Notizblock zu malen, der in Dr. Boyds Schoß lag. Jackson machte mehrere Versuche, eine besondere Hieroglyphe aufzuzeichnen, aber es dauerte eine Weile, bis sie so aussah, wie sie sollte. Mit rollenden Augen pickte er dann mit dem Stift auf dem Notizblock herum, bis der Bleistift in zwei Teile zerbrach. Dann warf Daniel die Stiftteile weg, drehte sich zu Dr. Boyd um und griff ihn bei den Jackenaufschlägen.
"Gefahr." rief Daniel Jackson laut. Dann langte er mit einer Hand nach Dr. Boyds Finger und stubste damit auf die Hieroglyphe.
"Dieses Symbol heißt 'Gefahr'?" Boyd hob erstaunt eine Braue.
Jackson nickte eifrig. "O'Neill ist in Gefahr." Jackson presste die Worte heraus. Schweißperlen riefen über sein Gesicht. Dann sprang er wieder von der Pritsche auf und fuhr fort, murmelnd durch den Raum zu wandern. Dr. Boyd stand ebenfalls auf und klopfte an die Tür, um den Raum zu verlassen, aber bevor er ging, winkte Daniel ihn nach einmal zurück. Wieder langte er nach dem Notizblock und hob dann ein Stück vom Bleistift auf. Er malte noch ein weiteres Zeichen auf. Es zeigte einen knienden Mann mit einem Messer an der Kehle.
Dr. Boyd sah ihn erstaunt an. "Was soll das sein, Jackson? Sagen sie es mir. Kommen sie schon. Konzentrieren sie sich und sagen sie es mir." Er warf Jackson einen erwartungsvollen Blick zu.
Daniel blieb vor Boyd stehen und versuchte sich zu artikulieren, aber er schaffte es nicht. Wieder fühlte er diesen stechenden Kopfschmerz, der ihn fast in den Wahnsinn trieb. Er hob die Fäuste an die Schläfen, weil er das Gefühlt hatte, sein Köpfe würde ihm explodieren. Dr. Boyd verließ ihn in diesem Zustand. Er ging direkt zu General Hammonds Büro, um ihm das Blatt Papier zu zeigen.
**
"General Hammond. Bitte sehen sie sich das mal an." Dr. Boyd legte dem General das Blatt vor.
"Von wem ist das?" General Hammond warf einen Blick darauf.
"Jackson! Er macht gerade die Selbstmitleidsphase durch, aber zwischendurch scheint er mal lichte Momente zu haben. Er versucht, uns zu waren."
"Eine Warnung?" General Hammond warf einen weiteren Blick auf das Zeichen.
"Er sagte, O'Neill sei in Gefahr, Sir, und danach zu urteilen, wie er es sagte, war es ernst gemeint." Dr. Boyd lehnte sich gegen eine Ecke von General Hammonds Schreibtisch.
"Okay. Nehmen wir mal an, es ist so. Was soll ich ihrer Meinung nach tun?" General Hammond sah Dr. Boyd fragend an.
"Keine Ahnung, Sir. Ich bin nicht so ein Stratege wie sie. Meiner Meinung nach sollten wir feststellen, wofür diese Hieroglyphe steht."
"Kein Problem." General Hammond stand auf und ging zu seinem Bücherregal. "Das Hauptquartier hat eine Menge investiert, als man sich entschied, dass Projekt durchzuführen." General Hammond nahm ein dickes Buch aus dem Regal und legte es vor sich auf den Tisch. "Es gibt eine Tabelle mit Zeichen im Anhang. Vielleicht finden wir etwas."
Und beide Männer verbrachten den Nachmittag damit, sich ihren Weg durch die ägyptischen Schriftzeichen zu bahnen.
***
"Ich will nicht bei dieser Beerdigung zuschauen." O'Neill zuckte mit den Lippen und kletterte wieder von dem Felsen hinab.
Als er unten angekommen war, mußte er allerdings feststellen, dass sie nicht mehr allein waren. Er sah direkt in die Mündungen von Jaffa Stabwaffen. Sie sahen Teal'c Waffe in gewisser Weise ähnlich, aber waren doch etwas anders geformt. Die Waffe insgesamt war mit seltsamen Symbolen bedeckt und die Jaffa, die sie trugen, sahen auch anders als Teal'c und seine Leute aus. Anstelle des Kastenzeichens auf der Stirn trugen sie metallische Masken, die die obere Hälfte ihres Gesichtes bedeckten.
O'Neill hob die Hände, um zu signalisieren, dass er keinen Widerstand leisten würde. Carter und Teal'C folgten seinem Beispiel, nachdem sie vom Felsen herunter geklettert waren.
Die Wachen bedeuteten ihnen mit den Waffen, um die Felsen herum zu den anderen Menschen zu gehen.
"Freunde von dir?" fragte O'Neill Teal'C.
"Sie sind nicht wie ich, obwohl sie etwas so aussehen. Niemand, den ich kenne, trug je solch ein Visier."
Ein Hieb in den Rücken ließ O'Neill und Teal'C weitergehen. Sie wurden gezwungen, sich als letzte in der Reihe hinzuknien. Sie waren jetzt näher am Altar und O'Neill war in der Lage, dass Gesicht des Mannes zu sehen, der dahinter stand. Es war ein Gesicht ohne Altersanzeichen. Keine Falte, keine Narben. Als der Mann hoch sah, leuchteten seine Augen wie Feuer. Momentan war die Person mit der Leiche im Sarkophag beschäftigt. Er bedeckte das Gesicht des alten Mannes in dem Steinsarg mit einer Schicht aus weißem Puder. Dann nahm der Priester oder was immer dieser Mann war, ein paar Gegenstände auf einem Geheimfach in der Kalksteinstele: ein Zepter und eine goldene Peitsche, die Insignien der Könige.
Während eine Menge der Jaffa Wachen damit beschäftigt waren, die Menge in Schau zu halten, nahmen vier von ihnen die schweren Steindeckel hoch und verschlossen den Sarkophag. Währenddessen begannen die Leute vor SG-1 zu singen. Es hörte sich wie ein lethargische Hymne an. Jeder der Männer, die vor ihnen knieten, nahm seine Hände auf den Rücken und wartete darauf, dass ein Jaffa sie zusammenband. O'Neill befand sich im höchsten Alarmzustand und sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber es gab hier zu viele Wachen und das Gebiet war zu weitläufig und fast ohne Deckung. Sie würden nicht mal den halben Weg bis zum Gate schaffen. Es blieb ihnen nichts übrig, als dem Beispiel der anderen zu folgen, die vor ihnen knieten. Dabei hoffte O'Neill, dass es nicht so schlimm ausgehen würde, wie er tief in seinem Inneren befürchtete. Er versuchte, positiv zu denken, aber es fiel ihm sehr schwer, denn irgend etwas schien ihm zu sagen, dass sie wirklich in der Patsche saßen.
* * * * *
"Hier." Boyd zeigte auf eine Hieroglyphe im Anhang des Buches, das vor ihm auf dem Tisch lag. "Das sieht doch ungefähr so aus, wie das, was Jackson da aufgemalt hat. 'Reshef', nie gehört."
"Okay." General Hammond griff sich ein anderes Buch. "Sehen wir mal hier nach. Das Buch der alten ägyptischen Götter - alphabetisch geordnet. Hm, Reshef, Reshef, oh, hier. Ich habe es gefunden." Von einer Sekunde zur nächsten verschwand allerdings der enthusiastische Ausdruck auf General Hammonds Gesicht.
"Was ist, Sir?" Dr. Boyd ging auf General Hammond zu.
"Reshef, ein Kriegsgott. Und hier - 'Träger von Epidemien' ist sein Spitzname." General Hammond runzelte die Stirn.
"Nett." Dr. Boyd sah sich den Eintrag näher an. Dann riß er die Augen auf. "Sie sollten noch weiter lesen. Der wirklich interessante Teil steht unten auf der Seite."
General Hammond zog das Buch wieder zu sich herüber und begann zu lesen. Von Zeit zu Zeit wischte er sich über die Stirn. "Das kann nicht sein. Hier sagen sie: die Ägypter hatten eine Abneigung gegen Menschenopfer. Also ist das unmöglich. "General Hammond schüttelte ungläubig den Kopf. "Ich muß mit Jackson sprechen. Auf der Stelle. Sie kommen mit. Ich brauche vielleicht ihre Hilfe. Er muß mir das erklären. Sofort."
Eilig verließen General Hammond und Dr. Boyd das Büro und liefen zur Krankenstation.
"Jackson?" General Hammond griff nach Daniels Schulter und rüttelte ihn. "Jackson. Wir brauchen ihre Hilfe. Sie müssen uns das hier erklären." Hammond zeigte auf das Buch mit der Hieroglyphe von Reshef und der mit dem Mann, der das Messer an der Kehle hatte
"Der Planet, wo sie sie hingeschickt haben." Jackson begann zu kichern. "Es ist seine Opferstätte. Der König ißt das Wunder und schluckt den Geist der Götter."
"Jackson, jetzt mal ernsthaft." Fuhr General Hammond den junge Archäologen an.
"Vergessen sie nicht - er befindet sich emotional in einem Ausnahmezustand. Dies ist die letzte Stufe: Freude. Verstehen sie ihn nicht falsch. Er weiß nicht, was er tut." Dr. Boyd überprüfte Jacksons Augenreflexe. "Er scheint momentan ziemlich klar zu sein. Entweder er erzählt uns jetzt was über die Zeichen oder nie." Dann beugte sich Boyd zu Jackson. "Daniel. Erinnern sie sich an O'Neill? Sie sagte, er wäre in Gefahr. Warum? Warum?" Er erhielt aber keine Antwort.
"Was sollen wir ihrer Meinung nach tun?" General Hammond sah besorgt aus.
"Haben sie noch ein Reserveteam?! Dann schicken sie sie in Gottes Namen aus. Wenn dieser Reshef, der da in dem Buch erwähnt ist, einer dieser - wie nennen sie die?"
"Goa'uld." sagte General Hammond.
"Ja, einer von denen. Wenn er einer von denen ist, könnte Jackson recht mit dem haben, was er uns gesagt hat. Wo kriegen sie denn sonst die Kraft des Lebens her? Was?" Dr. Boyd sah General Hammond fragend an.
"Ich bin sicher, ich mag die Antwort auf diese Frage nicht." General Hammond ging zur nächsten Sprechanlage und beorderte das Bereitschaftsteam in die Gate-Halle. Als er dann dort eintraf, stand SG-8 bereits in der Nähe der Rampe.
* * * * * Als SG-I bemerkte, was mit den Leuten, die vor ihnen knieten geschah, war es zu spät für eine Flucht. Sg-1 wurde von den Wachen entwaffnet. Die Hände wurden ihnen auf den Rücken gebunden, und so sehr sie sich auch wehrten, sie konnten die Hände nicht aus den Schlingen ziehen. Dann wurden ihnen die Mützen von den Köpfen genommen und Bänder wurden ihnen um die Stirn gewickelt. Bänder mit Piktogrammen auf der Vorderseite, die eine knienden Mann mit einem Messer an der Kehle zeigten.
Der Jaffa, der Teal'C das Band anlegte, hielt kurz inne, als er dessen Kastenzeichen sah. Die Wache berührte das Zeichen, überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf, und vollendete sein Werk. O'Neills und Carters Protests führten zu nichts, außer dass man ihnen die Stabwaffe in den Rücken schlug.
SG-Is Widerstand wuchs, je näher sie zum Altar kamen. Es waren mittlerweile nur noch ein paar Reihen vor ihnen. Nervös sah Carter zu, was passierte.
"Colonel, Ideen? Ansonsten werden wir gleich mit einem stumpfen Messer enthauptet." Sie schluckte.
"Negativ, Captain. Unglücklicherweise kann ich keine Idee beisteuern." O'Neill räusperte sich. "Die ganze Sache verwirrt mich. Warum machen sie das? Warum töten sie all die Leute? Sie haben doch schon eine Leiche."
"Ich schätze, man kann das auf zwei verschiedene Arten sehen. Einmal auf die ägyptische Weise: ich schätze, man hat den Leuten gesagt, sie seien ein Menschenopfer. Sie sehen wie Diener aus, nicht wahr? Im Leben nach dem Tod braucht ein König Diener. Also werden sie mit ihm gehen - in die Unterwelt."
"Und die andere Möglichkeit?"
"Die bezieht sich auf den Priester dort drüben vor dem Altar. Seine Wachen sehen wie Jaffa aus. Er könnte also ein Goa'uld sein. Er scheint die Lebensenergie dieser Leute aufzusaugen." Sam zuckte mit den Achseln und rutschte dann erneut ein Stück vorwärts, damit sie nicht wieder mit der Stabwaffe geschlagen wurde.
"Ha." O'Neill grinste Carter verzweifelt an. "Sie klingen, als ginge sie da gar nichts an. Aber wir sind die nächsten die dran sind."
Vor dem Altar breitete der 'Gott' mit dem Antilopenrelief auf der Vorderseite seiner Krone die Arme aus und dann griff er mit der Hand nach der Stirn der Person, die vor ihm kniete.
* * * * *
"Sir." Der Anführer von SG-VIII salutierte. "O'Neill hat Ärger?"
"Vielleicht." General Hammond ging zur Rampe hinüber. "Erinnern sie sich an die Fotos, die sie von ihrem letzten Ausflug mitbrachten?"
Sein Gegenüber nickte.
"Jackson gab uns einen Hinweis in bezug auf die Stele, die sich knipsten. Es muß ein spiritistischer Ort sein, der von Goa'uld oder sonst wem zu Opferzwecken benutzt wird."
"Aber da war nichts außer der Ebene, den Kalksteinfelsen, der Stele mit der Quelle daneben und dem Kalksteintisch. Wir fanden keinen Spuren, weder von Menschen noch von Goa'uld. Nichts." Der Anführer von SG-8 klang entschlossen.
"Sie vergessen einen Punkt: die Stele. Es muß einen Grund geben, warum sie dort steht, richtig?" General Hammond schluckte. "Augenblicklich ist Jackson nicht in der Lage, uns mehr darüber zu erzählen."
"Was ist mit diesem anderen Experten?" Der Anführer von SG8 sah General Hammond fragend an.
"Fowler? Das geht ihn nichts an." Hammond machte eine Pause. "Mein bestes Team ist dort draußen. Solange wir nicht wissen, was dieses Piktogramm wirklich heißt, würde ich es begrüßen, wenn sie mit ihrem Team die Nachhut von SG-1 bilden. Nennen sie mich risikoavers. Es macht mir nichts aus. Gehen sie einfach. Sehen sie sich um und nehmen sie die Artillerie mit."
"Sir. Sie können sich auf uns verlassen." Der Anführer von SG-8 salutierte und schwenkte dem Arm, damit seine Männer ihm folgten.
Langsam setzte sich das GATE in Bewegung und nach einander rasteten die 7 Winkel ein. Nachdem sich das Energiefeld aufgebaut hatte, ging SG-8 in das Wurmloch hinein. Jeder von ihnen hatte ein Bazooka dabei.
***
Das nächste Mal, als O'Neill hoch sah, schaute er dem grausamen Priester direkt in die Augen. In gewisser Weise ähnelte er Ra. Die Gesichtszüge waren weich und die Haut war makellos. Er bewegte sich langsam und behäbig, so als ob er satt wäre. Wie zuvor streckte er die Hand aus, um die Stirn des vor ihm knienden Mannes zu berühren. Aus den Augenwinkeln heraus warf O'Neill einen Blick auf die Augen des Mannes. Sie schienen kaum die Energie in seinem Körper zurück halten zu können. Der Gefangene neben O'Neill zuckte weg von der Hand, aber die Wachen hielten ihn fest. Zur gleichen Zeit, wie der 'Gott' die Lebensenergie des Mannes aufsaugte, verblaßte die Hautfarbe des Gefangenen. Dann ging er zu Boden, aber es blieb nichts übrig außer der Kleidung, und einer Handvoll Staub. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen wandte sich der Goa'uld O'Neill zu. Jack O'Neill schluckte und versuchte, seinen Blick nicht abzuwenden, sondern der Kreatur direkt in die Augen zu schauen. Als der Mann vor ihm sich über die Lippen leckte, schickte O'Neill ein kleines Gebet an den Gott, an den er normalerweise glaubte. Seine Fäuste waren zusammengeballt und seine Kehle war trocken. Er starrte auf die Handfläche, die ihm entgegen gestreckt wurde. In der Handfläche trug dieser Goa'uld nicht einen halbrunden Edelstein wie Apophis sondern einen blutverschmierten Dorn. Es schien als sollten der Dorn und das Messer des Piktogramms auf dem Stirnband eine Einheit bilden.
Der Dorn kratzte schon O'Neills Haut auf, als plötzlich Donner und Flammen durch die Luft schossen. Überrascht hielt der Goa'uld in der Bewegung inne. O'Neill rutschte zur Seite und sprang dann auf. Der Dorn riß ihm den linken Ärmel auf, aber der Goa'uld tat nichts, um ihn zurück zu halten. Carter und Teal'C folgten O'Neills Beispiel und beeilten sich, hinter dem Altar, auf dem immer noch der Sarkophag stand, Schutz zu suchen.
Der Goa'uld befahl den Wachen, das heilige Gebiet zu verteidigen. Sie begannen mit Schüssen aus ihren Waffen den Angriff aufzuhalten. Ohne darauf zu achten, wie seine Jaffa den Geschossen der Angreifer zum Opfer fielen, wendete sich der Goa'uld wieder dem Ritual zu. Er ging auf O'Neill zu, um ihm den Dorn ins Fleisch zu stoßen. O'Neill entdeckte Rückstände des weißen Puders auf dem Altar. Während er sich am Altar entlang zurück zog, stolperte er über eine Kante. Er klammerte sich im Fallen am Altar fest, mit dem Gesicht fast auf dessen Oberfläche. Carter sah, wie der Goa'uld sich zu O'Neill beugte. Aber O'Neill sah, dass die Hilfe bereits nahe war und er war nicht bereit so leicht aufzugeben. Er holte tief Luft und blies den Puder vom Altar direkt in die Augen des Goa'du. Nun war es der Goa'uld, der sich am Altar festklammern mußte, weil er durch den Puder nichts sehen konnte.
Einen Moment lang starrte O'Neill den Goa'uld an. Es war Sam Carter, die ihn gerade noch rechtzeitig wegzog. Einige Sekunden später schlug eine Granate am Sockel der Stele nahe bei der Quelle ein und die Stele begann, umzufallen. Wie ein Schwert schnitt sie den Altar mit dem Sarkophag in zwei Teile und begrub dann den Goa'uld unter sich. Eine dichte Staubwolke stieg hoch und als sie sich verzog, war der Kampf vorüber. Alle Wachen waren getötet worden und lagen verstreut herum. Langsam verließen Carter, O'Neill und Teal'C ihre Deckung. Als sie um die Felsen herum gingen, kam ihnen der Anführer von SG-8 entgegen. Er und seine Männer hielten immer noch die Bazookas schußbereit.
"Col. O'Neill? Hatten sie Ausfälle?" Der Anführer von SG-VIII salutierte.
"Nicht bei uns." O'Neill gab ihm ein dünnes Lächeln. "Nettes Feuerwerk. Wirklich." Er zeigte auf die Bazookas.
"Ja. General Hammond dachte, es könnte vielleicht nützlich sein."
"Sie kamen gerade rechtzeitig." Carter ging auf sie zu. "Dieser Goa'uld war im Begriff, O'Neill zu töten."
"Welcher Goa'uld? Ich sah nur die Wachen. Und alle, die uns angegriffen haben, sind jetzt tot." Der Anführer von SG-8 sah sie erstaunt an.
"Dieser Goa'uld hier. Er liegt unter -." Carter ging zurück zu der zusammengefallenen Stele, aber so sehr sie auch suchte, sie konnte keine Spur von dem Goa'uld. Einige Kleidungstücke klemmten unter dem schweren Sarkophag, der nun zweigeteilt auf dem Boden lag, aber der Goa'uld war weg.
"Er lag da unter der Säule. Ich sah ihn dort liegen." Behauptete Sam steif und fest, während ein Mitglied von SG-8 sie von den Fesseln befreite. Dann bückte sie sich, um ein Stück Stoff zu berühren. Es war ein Ärmel von dem Kaftan, den der Goa'uld getragen hatte. Sie fühlte Reste der Energie an ihren Fingern entlang prickeln, als sie den Stoff anfaßte und sie wich sofort zurück.
"Wir sollten diesen Ort so schnell wie möglich verlassen." Der Anführer von SG-VIII gab seinem Team das Zeichen, sich nahe bei den Felsen zu sammeln.
"Ich stimme ihnen zu." O'Neill rieb sich die Handgelenke.
***
Bevor Teal'C den Zeremonieort verließ, beugte er sich zu einer der seltsamen Jaffa-Wachen herab Er schob das Augenvisier hoch und sah sich das Gesicht des Mannes genau an. Diese Wache sah Teal'c zwar ähnlich, aber nur in bezug auf Figur und Hautfarbe. Teal'C öffnete den Brustpanzer und wich dann erstaunt zurück. Dieser Jaffa hatte keine Bauchtasche und trug keinen Symbionten in sich. Teal'C überprüfte auch die anderen Wachen, aber bei allen verhielt es sich ähnlich.
"Ist etwas nicht in Ordnung?" Sam Carter ging auf Teal'C zu.
"Nicht direkt." Teal'C wunderte sich immer noch. "Wir dachten, sie dienen einem Goa'uld. Vielleicht haben wir uns geirrt. Es gibt eine Legende bei uns, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Dass einige von uns die Gemeinschaft verließen, um anderen Herrschern zu dienen. Dies geschah lange bevor die Goa'uld uns zu dem machten, was wir heute sind." Teal'C berührte seinen Bauch.
"Das würde auch die seltsame Gewohnheit mit den Menschenopfern erklären und den Energietransfer." Carter wollte noch etwas sagen, aber O'Neill unterbrach sie.
"Carter? Teal'C? Nach Hause! Jetzt!"
"Was ist mit der Stele? Ich dachte, dass wäre der Grund, warum wir hier sind." Carter bückte sich, um ein Stück Kalkstein aufzuheben.
"Wenn sie wollen, nehmen sie den Brocken mit. Vielleicht als Geschenk für Daniel. Er wird es mögen." O'Neill zwinkerte Carter zu.
Dann zogen sich SG-VIII und SG-I zum Gate zurück. Während der gesamten Wanderung dorthin zurück, achteten die Teammitglieder von SG-8 auf möglichen Verfolger, aber sie sahen niemand. Als sie beim Gate eintrafen, drückte O'Neill die Tasten auf dem DHD fast blindlings .Nervös sah er, wie die Winkel einrasteten. Erst als das Energiefeld aufgebaut war, entspannte er sich etwas.
"Wer geht als erster?" fragte O'Neill, nachdem er den Transmittercode eingegeben hatte.
"General Hammond sagte, wir wären die Nachhut, Colonel. Also, bitte." Der Anführer von SG-VIII machte eine einladende Geste.
O'Neill salutierte und betrat das Wurmloch, gefolgt vom Rest seines Teams und SG-8.
Als sie die Rampe der Basis betraten, sah General Hammond erleichtert aus. Mit ausgebreiteten Armen ging er auf O'Neill zu. Einer potentiellen Umarmung wich der Colonel aber dann noch lieber aus. "Sir. Bitte, tun sie das nicht. Ich hatte ein paar schlechte Erfahrungen mit ausgestreckten Armen, kurz bevor wir zurück kamen."
"Wie sie meinen, Colonel. Nach all dem, was mir Jackson über Reshef und seine Rituale erzählt hat, bin ich froh, dass SG-8 es geschafft hat, sie rechtzeitig zu finden."
"Ja. Rechtzeitig. Aber wovon sprechen sie eigentlich? Reshef? Nie gehört."
"Kennst du dies hier?"
O'Neill sah an General Hammond vorbei und entdeckte Daniel Jackson, der langsam die Rampe hinauf kam. Er trug einen Notizblock in der Hand und zeigte O'Neill ein Piktogramm. "Hast du das schon mal gesehen?"
"Ich trug ein Stirnband mit solch einem Bildchen." O'Neill räusperte sich.
"Wirklich? Toll." Daniel Jacksons Augen glänzten.
"Nein. Daniel. Falsch. Es war lebensgefährlich." Dann sah sich O'Neill Daniel näher an. "Es geht dir wieder gut?"
Daniel Jackson lächelte. "Keine Angst. Meine Aggression ging vor ein paar Stunden weg. Ich - manchmal bin ich noch ein wenig müde und ich habe immer noch Kopfschmerzen, aber ich bin stolz, zu sagen, dass ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle habe. Fast." Er ballte eine Faust und machte eine Scheinattacke gegen O'Neill, der überrascht reagierte.
Zuerst wich O'Neill zurück; dann holte er tief Luft. "Jackson. Das war nicht witzig. Verstanden? Mach das nicht noch mal. Das nächste Mal werde ich zurückschlagen."
"Ich verspreche es." lachte Jackson. "Ich wollte nur sehen, wie du reagierst. Ich bin froh, dass du nicht mehr böse auf mich bist."
"Nicht im geringsten, Daniel. Gut, dich wieder im Team zu haben."
ENDE