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"Neue
Zürcher Zeitung
FEUILLETON
Montag, 08.03.1999 Nr. [1848-1998] 55 26
Alle
gegen eine. Katja Kabanova von Leos Janácek in München.
Käme
es irgend jemandem in den Sinn, die vier Bilder von Richard Wagners Rheingold
durch eine Pause zu unterteilen? Katja Kabanova dauert eindeutig weniger
lang als Rheingold, und doch wird die Oper von Leos Janácek im Münchner
Nationaltheater mit einer langen Pause nach dem zweiten Akt gegeben. Das
mag dem Repräsentationsbedürfnis des Publikums und den kommerziellen Interessen
des Buffetiers entgegenkommen - dem Werk schadet es. Die Pause hat allerdings
auch ihren technischen Grund. Auf der Bühne muss erheblich umgebaut werden,
denn die Inszenierung von David Pountney schlägt für den dritten Akt einen
ganz anderen Weg ein, als sich im ersten Teil des Abends abgezeichnet
hat. Mit der Partitur, die nach der Art eines Einakters geschrieben ist
und in ihrer durchgehenden Spannung auch so wirkt, hat das herzlich wenig
zu tun. Die Akte eins und zwei - die Schilderung der Situation im Haus
der herrschsüchtigen Witwe Kabanicha, der merkwürdigen Beziehung zwischen
ihrem schwachen Sohn Tichon und der Schwiegertochter Katja, später der
fatalen Liebe zwischen Katja und dem gleichfalls nicht sehr profilierten
Gast Boris - diese beiden Akte spielen auf der von Stefanos Lazaridis
gestalteten Bühne vor einer Wand, die sich hart am Portal in die Höhe
zieht. Die grünlichen Wellen, mit denen sie bemalt ist, lassen die Wolga
gegenwärtig werden, in deren Anblick der Lehrer Kudrjasch zu Anfang versunken
ist und in die sich Katja am Ende stürzen wird. Für die einzelnen Szenen
öffnen sich in dieser Wand Fenster unterschiedlichen Formats, die jeweils
mit grell beleuchtetem Hintergrund versehen sind und die Figuren geradezu
als Schattenrisse erscheinen lassen. Grossartig, wie in dieser szenischen
Anlage - in welche die Kostüme von Marie-Jeanne Lecca scharfe Akzente
setzen - die Enge der Verhältnisse im Haus der Kabanicha zum Ausdruck
kommt. Und sehr berührend, wie sich am Ende des zweiten Akts die Wand
auf der ganzen Breite auftut und so die Perspektive zeigt, welche die
Liebe eröffnet. Eindrücklich auch der Gegensatz zwischen der Kälte der
szenischen Anlage und der Hitze des Geschehens. Schon im Vorspiel zum
ersten Bild ist die musikalische Temperatur kräftig erhöht; das von einem
Quartschritt geprägte Paukenmotiv, das die Oper durchzieht, erscheint
weniger drohend als dringlich. Bald wird dann deutlich, dass es dem englischen
Dirigenten Paul Daniel, der mit ausladender Gestik seines Amtes waltet,
darum geht, die heftige Emotionalität Janáceks doppelt und dreifach zu
unterstreichen. Ist es nötig? Spricht die Musik nicht für sich selbst,
wie es in den beiden berühmten Einspielungen mit dem Dirigenten Charles
Mackerras zu hören ist? Man fragt es sich um so eher, als das Bayerische
Staatsorchester an der Premiere unter seiner Qualität blieb und, besonders
was die Intonation der hohen Streicher betrifft, manchen Wunsch offen-
gelassen hat. Von zugespitzter Prägnanz auch die Auftritte des Personals
auf der Bühne. Die Witwe Kabanicha (Sally Burgess) ist nicht eine keifende
Alte, sondern eine in Schönheit erstarrte Autorität, vor der auch dem
grobschlächtig herrischen Dikoj (Walter Fink) nichts als die Selbsterniedrigung
bleibt. An den beiden Männern um Katja werden die Momente der Schwäche
betont; Tichon (Ulrich Ress), von seiner Mutter abhängig, ist in ohnmächtigem
Zorn befangen, während Boris - anders als es der tenorale Schmelz von
Peter Straka erwarten liesse - sich nicht zu den Schritten durchringen
kann, die sich aus der Gefühlslage ergäben. Bleibt die dramaturgische
Umgebung somit ziemlich konventionell, so ergibt sich im Bereich der beiden
weiblichen Hauptrollen eine bemerkenswerte Umdeutung. In der Darstellung
von Catherine Malfitano ist Katja eine mädchenhaft leichte, allerdings
von Anfang an zur Depression neigende Erscheinung, der eine keineswegs
flatterhafte, sondern pragmatisch erdverbundene Barbara gegenübersteht
- und hier ist von Nadja Michael zu berichten, einer jungen deutschen
Sängerin, die den Abend kurzerhand für sich entschieden hat. Dann eben
die Pause und danach ein ganz und gar realistisches Bühnenbild, in dem
der brutale Schluss der Geschichte in banalem Opernkitsch untergeht. Die
Welt ist, nachdem sich Katja während der Abwesenheit ihres Gatten Tichon
mit dem Geliebten Boris getroffen hat, aus den Fugen: das ist dem schrägen,
verfallenen Gemäuer, in dem sich der dritte Akt ereignet, anzusehen. Keineswegs
zu spüren ist aber, welche Abgründe sich hier auftun, welche Not Platz
greift. Das Gewitter, das Janácek eindrücklich schildert, wird vom Regisseur
mit handfestem Donner untermalt - durchaus zulasten der Musik, die im
Bühnengeräusch untergeht. So etwa läuft der zweite Teil des Abends in
der Bayerischen Staatsoper. Er zerstört, was ausgesprochen [Image] anregend
begonnen hat. Peter Hagmann
SZonNet aktuell 08.03.99
Feuilleton
David
Pountney inszeniert Janáceks Oper "Katja Kabanova" in München. Geh ins
Kloster! Oder mit Weichei Boris nach Sibirien! Aber hüpf bitte nicht in
die Wolga!Vor allem, weil in den Tod springende Sängerinnen siehe Tosca
immer eine schlechte Figur machen unddadurch den ergreifendenEffekt des
vorhergehenden Malheurs verderben. Aber auch weil die Sympathie von uns
Kapitalismus-Geschädigten, die wir kein Stückchen Empfindung mehr in uns
Anzeige tragen, dieser sanften, reinen Seele gehört Leo? Janáceks Katja
Kabanova. Einer Frau, die zumindest in Gedanken die freie Liebe praktiziert,
die naturliebend ist, schwärmerisch, versponnen - und darüber doch nie
vergißt, wie restriktiv die Welt funktioniert. Beginnen wir also
mit Francisco Goya. In dessen Caprichos und in den Desastres de la Guerra
finden sich immer wieder engelhafte, junge Frauen in langen weißen
Kleidern. Sie liegen da - tot, erschöpft, zerstört, zerschlagen: Lux-ex-tenebris-Gestalten,
die von einer anderen Gesellschaft künden. So liegt zuletzt auch Catherine
Malfitano auf dem Sarg: weißgekleidete Unschuld, als sozialer Störenfried
ausgesondert und in den Tod getrieben. Eine Revolutionärin, die sensibel
genug war, sich selbst zu richten und damit den Willen des Kollektivs
zu erfüllen. Goya schreibt unter eine seiner Radierungen: Wird sie auferstehen?,
und unter eine andere: Es starb die Wahrheit. Diese Wahrheit hat bei Goya
die Brüste entblößt. Denn Wahrheit ist für ihn, den Aufklärer, mehr als
eine Idee. Sie ist physische Realität. - Ganz ähnlich komponiert Janácek.
Seine Musik ist Erotik, strömende Sinnlichkeit. Eine Sexualität, die aus
Janáceks unumschränkt positivem Naturverständnis fließt: selbstverständlich
und als ein unveräußerliches Menschenrecht. Doch Catherine Malfitano und
ihr Regisseur David Pountney setzen an der Staatsoper München den III.
Katja-Akt als III. Akt Traviata in Szene. Statt eines jungen Mädchens
eine reife Frau, die gelebt hat und keinen anderen Ausweg mehr sieht als
den Selbstmord. Das gelingt vorzüglich. Die Malfitano gibt den sterbenden
Schwan. Nach zwei eher angestrengten Akten spielt sie nicht nur atemberaubend.
Auch ihr Gesang hat sich fast völlig von Schärfen, Registerproblemen,
angestrengter Höhe verabschiedet. Catherine Malfitano räkelt sich auf
einem bürgerlichen Diwan, der wundersamerweise in Janáceks halbverfallenem
Gebäude steht. Denn Bühnenbildner Stefanos Lazaridis hat sich für den
show-down einen klobigen PappmachZ-Raum ausgedacht. Seltsamerweise mit
Mast, der in einem Kreuz mündet. Der Kontrast zu der grünen Riesenwand
des Anfangs, in dem sich wie in einem Adventskalender verschiedenfarbige
Szenenausschnitte öffnen und schließen, ist gewaltig aber wenig einleuchtend.
Weil dabei unmotiviert von der Abstraktion zur konkreten Szene übergegangen
wird. Catherine Malfitano hält gerade ihren großen Monolog. Visuell und
musikalisch sehr beeindruckend. Doch man versteht kein Wort. Tschechisch
wird gesungen - aber nicht übertitelt. Welch Unsinn und intellektuelle
Hybris, die von seltsamen Voraussetzungen ausgeht. Sicherlich ist das
phonetische Element von Sprache musikalisch wichtig. Gerade bei Janácek.
Doch deshalb muß das semantische Element nicht völlig ignoriert werden.
Denn Janáceks Musik begreift sich als Kontrapunkt zum Libretto. Nur wer
versteht, was im Moment gesungen wird, begreift, was die Musik will. Der
wirkliche Lover der Katja ist nicht Boris, der Loser (strahlend singender
Zögerling: Peter Straka), noch ihr versoffener Gatte Tichon (kuschende,
von der Mutter gedemütigte Kreatur: Ulrich Reß). Nein, er ragt hager und
selbstbewußt aus dem Orchestergraben. Dirigent Paul Daniel weiß vom Pianissimo
des sich verströmenden Anfangs bis zum herben Fortissimo-Final-Schlag
alles über seine Katja, er kennt ihre Leiden, geheimsten Wünsche, Sehnsüchte,
erotischen Phantasien. Paul Daniel weiß mehr von Katja als selbst die
Protagonistin - und zeigt es mit dem willigen, überzeugten und überzeugend
spielenden Staatsorchester. Organische †bergänge, ideale Ausgewogenheit
zwischen Lyrik und Dramatik, Zurückhaltung gegenüber den Sängern, kein
selbstgefälliges Auftrumpfen: das paßt. Regisseur Pountney dagegen gerät
in die Abseitsfalle. Weil er auf Theaterrealismus und damit auf Sand baut.
Nie erzählt er mehr, als die Bühnenanweisungen und der Text bereitwillig
hergeben. So wird brav Salonkomödie gemacht. Aber was in den Seelen tobt,
und wie die Sexualität wie eine Hydra aus dem Unbewußten auftaucht und
alles verschlingt - dafür fehlen Pountney die Chiffren und Gesten, das
kann er Dank seines realistischen Bühnenkonzepts nicht zeigen. Deshalb
gerät die Katja letztlich aus dem Lot. Weil Sally Burgess die Schwiegermutter-Despotin,
die die überkommenen restriktiven Gesellschaftsnormen wie eine Stammeskönigin
wahrt, nicht glaubwürdig realistisch spielen kann Ð das schmeckt nach
Operette Ð, es bleibt unverständlich, warum Katja Selbstmord begeht, warum
ihre Tochter Varvara (unangestrengt brillant: Nadja Michael) mit Kudrjasch
flieht Ð Raymond Very ist ganz Nüchternheit und von der Vergangenheit
befreiter Mensch. Diese für die Katja zentralen Machtkonstellationen entziehen
sich zwangsläufig einem realistischen Theateransatz. Janácek aber hat
keine Sozialstudie vorgelegt, sondern eine Gesellschafts- und Lebensvision.
Genau wie die Frauengestalten Goyas ist seine Katja die personifizierte
Wahrheit. Eine Frau jenseits der Transzendenz und doch nicht von dieser
Welt. REINHARD J. BREMBECK |
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