Gejagt
 

„Ach, halt doch die Klappe, Jean", meinte Mac scherzhaft. „Du weißt ganz genau, was ich meine!"
„Wenn Mylady so denken, bitte", meinte Jean und verzog gespielt schmollend den Mund. „Aber ich habe Mylady gewarnt, es wird nicht funktionieren."
„Wetten, dass ..?" grinste Mac und fügte seufzend hinzu: „Und hör endlich mit dem Mylady auf!"
„Was denn?" fragte Jean unschuldig und schob sich noch einen Cracker in den Mund. „Du bist doch eine", mampfte er dann.
„Egal, auf jeden Fall, wer als erster drinnen ist", meinte Mac und stürzte sich auf ihre Tastatur.
Jean ließ vor Schreck seine Packung Kekse fallen, die auch prompt auf dem teuren Spannboden der Firma landeten und hatte plötzlich alle Hände voll damit zu tun, schneller zu sein als Mac.
„Hey Leute, solltet ihr nicht noch was arbeiten?" fragte Toni dazwischen und deutet zum Büro ihres Chefs. „Ryan wird sauer, wenn er bemerkt, wie ihr eure Arbeitszeit nutzt."
„Streber", mampfte Jean noch immer mit vollen Mund und starrte weiterhin gebannt auf den Monitor, während seine Finger wie von alleine über die Tastatur huschten.
„Hier geht es um die Ehre", bemerkte Mac grinsend, ohne den Blick zu wenden.
Toni zuckte mit den Schultern. „Bitte, wenn ihr wollt, aber ich mach da nicht mit."
„Überhaupt finde ich es verantwortungslos was ihr da macht", quäkte Lisa von ihren Platz auf und rückte sich ihre Brille zurecht. „Ihr könntet damit ein schreckliches Chaos anrichten und vielleicht Schäden hinterlassen!"
„Iwo", meinte Mac siegessicher. „Diesem reichen Fatzke schadet es sicher nicht, wenn mal ein paar Hacker seine Datenbank durchstöbern."
„Ha, Ha", kommentierte es Toni humorlos und schüttelte den Kopf. „Ihr seid ja Irre!"
„Nö, wir sind nur schlecht bezahlt und unterbeschäftigt, Schätzchen."
„Und irre", fügte Toni stur hinzu.
„Nein, cool", belehrte ihn Jean und pfiff triumphierend. „Gleich hab ich’s."
„Und dann kommt die Polizei oder das FBI oder sonst was", quäkte Lisa weiter. „Wer weiß in was für Schwierigkeiten ihr uns bringt."
„Sag bloß, du hast nie eine in der Schule geraucht", grinste Mac und schrie im selben Moment: „Bingo!"
„Oje", machte Toni und griff sich auf die Stirn. „Irgend wann müssen wir alle daran glauben."
Jean machte ein abfälliges Geräusch und wedelte unwillig mit der Hand. „Nur wenn Mac wieder einmal pfuscht, nur um schneller als ich drinnen zu sein."
„Du bist doch nur neidisch", entgegnete sie und sah sich kurz uninteressiert in dem eigentlich kennwortgeschützten Verzeichnis der Xanatos Enterprises um. „Hat sich nicht viel geändert seit dem letzten Mal ..."
„Seit dem letzten Mal, als du alles mögliche gelöscht hast", murmelte Toni fassungslos und rutschte auf seinem Bürosessel näher heran. „Lass mich mal sehen."
„Finger weg, hack dich doch selber rein", schimpfte Mac noch immer grinsend und loggte sich wieder aus. „Das hier ist meine Spielwiese."
„Solange bis ich dich mal schlage", fügte Jean hinzu.
„Träumen darfst du von mir aus."
Das nahm der junge Amerikaner mit einem wütenden Schulternzucken zur Kenntnis und schaltete wieder den Browser ab. „Wie spät ist es?"
„18 Uhr 57 Punkt genau", antwortete Lisa spitz und wollte noch etwas sagen, aber Mac viel ihr ins Wort. „Wer hat Lust auf Doughnuts?"
„Miss MacBeth?" dröhnte es plötzlich vom Büro des Chefs her.
„Uh, sch ...", zischte Mac und duckte sich automatisch.
Jean kicherte und Lisa nuschelte etwas, dass sich anhörte, wie „Hab ich’s nicht gesagt?".
Mac stand langsam auf, während in ihrem Inneren ihr Herz plötzlich einen Luftsprung vollführte. Was wollte der alte Knacker bloß von ihr? Dass er wirklich darauf gekommen war, dass sie noch etwas anderes machte, außer zu programmieren, glaubte sie eigentlich nicht. Vielleicht hoffte sie es aber auch einfach nur.
Ryan stand an der Tür zu seinem Büro und starrte ungeduldig auf die junge Programmiererin, die sich langsam auf den Hauptgang des großen Raumes arbeitete, in dem mehr als 50 Computer in diesem Moment liefen.
„Ja, was ist denn Mr. Ryan?" fragte Mac, als sie endlich vor ihrem Chef stand.
„Kommen Sie mal mit", befahl der Boss und sah so finster drein, als hätte er gerade seinen 5jährigen Sohn beim Rauchen erwischt. Er hatte sein schneeweißes Haar sorgfältig auf der Seite gescheitelt und trug wie immer einen ziemlich eng aussehenden Anzug. Mac hatte sich schon des öfteren gefragt, ob Ryan täglich versuchte, sich mit seinen geschmacklosen Krawatten zu erdrosseln, denn sonst gab es wirklich keinen Grund, warum der alte Herr sein Doppelkinn so einquetschen müsste.
Mac hatte wie immer ihre Bürokleidung an, die, wie viele ihrer Freunde sagte, überhaupt nicht zu ihrem Charakter passten. Aber dass war ihr eigentlich egal und außerdem hatte der Chef vorgeschrieben, dass jeder „ordentliche" Kleidung trägt. Also war für die Männer Anzug und Krawatte vorgeschrieben und für die Frauen ein Kostüm. Solange es saß und nicht allzu sehr zwickte und für ihre Arbeit angemessen schien, war es okay. Heute hatte Mac ein neutral blaues Kostüm mit einer weißen Bluse aus dem Schrank gekramt in der Hoffnung, so das wohlwollen ihres Arbeitgebers zu erlangen. Blau soll ja angeblich beruhigen. Ihre hellroten Haare dagegen, die sie sich in der Früh nicht sonderlich professionell hochgesteckt hatte, waren jetzt, am Abend schon ziemlich zerrauft und so manche Strähne hing lose herab. Mac wusste, dass ihr Erscheinungsbild für die meisten Menschen ziemlich irritierend war. Eigentlich gehörten Menschen wie sie in Jeans und T-Shirt und nicht in so etwas .... formelles. Aber genug von der Mode, denn es war keine.
„Setzen Sie sich", befahl Ryan barsch und nahm noch, bevor Mac zu ihrem Stuhl gefunden hatte, Platz. „Es ist nun so, Miss MacBeth, dass wir eine Anfrage auf Sie haben", begann er dann ohne Umschweife.
„Eine Anfrage?" fragte Mac etwas verwirrt nach.
„Oder anders ausgedrückt, ich soll Ihnen ausrichten lassen, dass Ihnen ein besserer Job als hier angeboten wird."
„Was?" Mac war nun so perplex, dass sie nicht einmal auf den Gedanken kam, ihren Mund wieder zu schließen.
Ryan lächelte höflich, aber nicht sehr freundlich. „Ja und zwar von Nightstone Unlimited. Eine gewisse Domenique Destine hat eben Sie, Miss MacBeth, ausgesucht, um bei ihr zu arbeiten. Sie zahlt Ihnen das doppelte, was Sie hier bekommen würden."
Es klang alles in allem nicht sehr begeisternd, aber für Mac selbst war es für einen Moment so, als schwebe sie im siebten Himmel.
„Aber wieso?" fragte sie nach einem Moment hilflos.
„Nun, wie gesagt, weil Sie gut sind", meinte Ryan mit eiserner Miene und fügte dann kalt hinzu: „Vielleicht sogar die beste in unserer kleinen Firma."
„Oh", war das einzige, was die junge Programmiererin darauf sagen konnte. Es war alles noch ein wenig unglaublich und dass Ryan jetzt plötzlich sagte, dass sie die beste in der ganzen Firma war, dass war doch ... unerwartet.
„Aber ich möchte Sie noch warnen, Miss MacBeth", begann der Chef dann wieder zu reden und diesmal bekam er sogar ein etwas glaubwürdiges Lächeln hin, „diese großen Firmen kaufen sich von überall die besten und natürlich kann ich da nicht mithalten. Ich kann Ihnen nicht soviel zahlen wie Nightstone, aber ich weiß ihre Qualität zu schätzen. Ich will Ihnen jetzt aber nicht eine Entscheidung aufhetzen, ich weiß sowieso, wie Sie sich entscheiden werden und ich kann es verstehen. Schließlich habe ich hier nicht vor, Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, aber ich will nur sagen, dass sich diese Riesen einen Dreck um ihre Mitarbeiter scheren, sobald sie sie mal gekauft haben."
„Aha, ja", murmelte Mac etwas verständnislos. „Wollen Sie denn, dass ich bleibe?"
„Natürlich will ich dass, aber wollen kann man doch viel. Gehen Sie ruhig und verdienen Sie das Geld, das Sie verdienen, aber denken Sie, wenn Sie in so einem Wolkenkratzer ganz oben arbeiten auch mal zurück an Computron und an ihren alten, knorrigen Chef, okay?"
Dieses Lächeln war das erste und das ehrlichste, dass Mac je über Ryans Gesicht hat huschen sehen und einen Moment lang wollte sie doch nicht zu Nightstone, sondern hier bleiben bei Ryan, nur weil er ihr plötzlich wirklich leid tat. Aber sie wusste, dass dieser Gedanke falsch war und dass ihr Chef das wahrscheinlich auch gar nicht wollte.
„Das Treffen mit Dominique Destine hat sie für morgen abend 18 Uhr angesetzt, ich hoffe, dass ist Ihnen recht", meinte Ryan abschließend und richtete sich ein wenig in seinem klobigen Bürosessel auf.
„Ja, natürlich und wo?"
„Das Café Turin Ecke Zehnte kennen Sie doch, oder?"
„Gut, danke", verabschiedete sich Mac und ging langsam aus dem kleinen, etwas dusteren Büro. Sie spürte Ryans Blicke, die sie bis hinaus verfolgten und sich geradezu in ihren Rücken zu bohren schienen.
„Hey Leute, Lady MacBeth ist zurück!" rief Jean schon vom weiten, als sie wieder zu ihrem Platz kam. „Und, hat er dich rausgeschmissen?", fragte Toni neugierig, aber grinsend.
Mac schüttelte den Kopf und nickte gleichzeitig.
„Was also jetzt?" fragte Lisa ungeduldig.
„Nein, aber ich habe eine bessere Stelle angeboten bekommen", murmelte Mac geistesabwesend.
Kurze Zeit herrschte Stille.
„Was denn, Lady Mac will uns verlassen?" fragte Jean dann verblüfft.
„Hm", machte Mac.
„Wer weiß, ob sie von dort auch in das Datennetz vom Big X einbrechen kann", witzelte Toni.
„Oder es darf", fügte Lisa spitz hinzu.
„Sarah MacBeth, Lady von Schottland darf und kann alles, was sie will", entgegnete Jean.
„Leute, bitte, hackt nicht wieder darauf rum", knirschte Mac schon wieder etwas amüsiert.
„Wer hackt hier?" fragte Lisa giftig.
„Liz hat ausnahmsweise Mal recht", grinste Toni. „Wir hacken nicht, DU hackst."
„Ich meinte das mit dem Lady", zischte Mac gespielt wütend und durchbohrte Jean mit eisigem Blick. Der grinste nur schief und meinte: „Ich sage nur die Wahrheit und -"
„-nichts als die Wahrheit", beendeten Lisa und Toni seufzend den Satz. „Jaja."
„Diesmal hat Jean ausnahmsweise Mal recht", meinte Liz dann. „Er hat das Recht dich Lady zu nennen."
„Aber nicht von Schottland", wandte Mac ein.
„Formalitäten." Toni zuckte gelassen mit den Schultern. „Damit müsst ihr vom blauen Blut auch doch besonders gut auskennen."
Innerlich kochte Mac schon. Wenn sie eins hasste, dann war es, an ihre Abstammung erinnert zu werden. Aber sie versuchte es, wie immer, gelassen zu nehmen. Ihre Freunde machten sie fast täglich darauf aufmerksam und alles nur, weil sich Ryan den Spaß erlaubt hatte, dass nebenbei zu bemerken, als er sie den anderen vorstellte. Und Jean walzte ihren Titel immer besonders lang ab, vor allem, dass sie aus Schottland kam und eingewandert war.
„Ja, wenn jemand meinen Titel falsch sagt, dann wird er enthauptet", giftete sie und machte eine Handbewegung, als würde sie Jean erwürgen wollen. Der duckte sich vorsichtshalber und kicherte böse. „Mylady wird doch nicht handgreiflich, dass geziemt sich nicht für eine Dame!"
Mit „Stimmt" und „Da hat er recht" kommentierten es Toni und Liz.
„Ihr drei werdet mir fehlen", seufzte Mac dann kopfschüttelnd und umarmte sie plötzlich so überraschend, dass sich keiner dagegen wehrte, nicht einmal, als sie Jean hinterrücks einen Kugelschreiber in den Rücken bohrte.

Am nächsten Tag war Mac trotz allem ziemlich nervös. Ihre Freunde hatten versucht, sie zu beruhigen und aufzuheitern, aber alles hatte nichts gebracht. Was war, wenn sie kein Wort herausbrachte oder diese Destine einfach eine blöde Kuh war? Allein die Tatsache, dass ihr „Vorstellungsgespräch" in einem Café stattfinden sollte, verwirrte Mac zutiefst. Diese Frau musste einfach komisch sein.
Fünf Minuten vor 18 Uhr traf sie schließlich im Turin ein und sah sich zuerst einmal bei den runden Tischchen vor dem Café nach einer Dame um, auf die Ryans Beschreibung passte. Groß, schlank, dunkelrote, lange Haare und „irgend wie seltsam" wie Ryan bemerkt hatte. Genau so eine saß auf einem der weißen Sesselchen, die zwar allesamt sehr hübsch waren und in das Arrangement passten, jedoch ziemlich unbequem aussahen. Egal, unbequemer als in ihrem blauen Kostüm, dass sie heute anscheinend irgend wie nicht richtig angezogen hatte, konnte es sowieso nicht werden.
Als Mac näher kam, blickte die Frau auf und lächelte ihr geschäftsmäßig entgegen.
„Sie sind Miss Sarah MacBeth, nehme ich an", sagte sie ungewöhnlich höflich, jedoch stand sie nicht auf, sondern deutete nur auf den Sessel gegenüber. „Setzen Sie sich doch."
Mac nickte nur etwas schüchtern und nahm gegenüber von Destine Platz. Sie war durchaus eine schöne Frau Mitte 30, mit angenehm dunkelroten Haaren, die sie streng hinten zusammengesteckt hatte. Ihre Hände waren seltsam schmal, direkt zierlich und wollten so gar nicht zu dem restlichen Image der harten Geschäftsfrau passen. Was Mac von Anfang an ein wenig irritierte, war, dass Miss - oder Misses? - Destine eine schwarze, verspiegelte Sonnenbrille trug, die ihr nicht erlaubte in ihre Augen zu sehen.
Während des ganzen restlichen Gespräches nahm Destine diese Sonnenbrille auch nicht ab und kurze Zeit fragte sich Mac, ob sie vielleicht blind war, verwarf den Gedanken aber bald wieder, als die Frau zur Getränkekarte griff.
„Wollen Sie etwas trinken, ich lade Sie ein", meinte Destine höflich und studierte kurz die Karte.
„Nein, danke ich ... bin nicht durstig", lehnte Mac höflich ab. „Wollen sie nicht vielleicht auch noch meinen Lebenslauf und meine Referenzen sehen?"
„Danke, ich bin alles schon genau durchgegangen", lächelte Destine etwas kühl. „Ansonsten säßen wir wohl kaum hier."
Und ich würde Sie auch sicher nicht einladen, sprach ihre Miene weiter.
Etwas verwirrt ließ Mac ihre Hand wieder sinken, mit der sie gerade zu ihrer Aktentasche greifen wollte.
Sie saßen fast 2 Stunden da und redeten über Dinge, von denen Mac einfach nicht begreifen konnte, was sie mit ihrem Job zu tun hatten, geschweige denn mit einem Vorstellungsgespräch. Fragen wie „Gehen Sie ins Theater?" oder „Kennen Sie Shakespeare?" fielen und einmal blieb Destines Blick an einem kleinen Kofferradio hängen, deren Besitzer an einem Tisch neben ihnen saß. Es war ziemlich leise gestellt und anscheinend schien der Mann schon das Interesse an der laufenden Sendung verloren zu haben.
„Entschuldigen Sie, könnte ich mir kurz das Radio borgen?" fragte Destine höflich, nahm dankend das kleine Gerät entgegen und stellte es vor sich auf den Tisch.
„Was ist denn damit?" fragte Mac verwirrt und sah die rothaarige Frau unschlüssig an.
„Hören Sie doch", meinte Destine und drehte ein wenig lauter.
Mac erkannte, dass gerade Nachrichten liefen.
„ ... wie wir nun alle wissen. Bisher wurden wir von der Frage gequält ob diese Gargoyles, Freund oder Feind des Menschen sind, gehirnlose Monster oder intelligente Wesen. Dazu eine Live-Reportage von Michael Harling von der Burg, die der Billionär David Xanatos vor zwei Jahren aus Schottland hierher gebracht hat."
„Aber was -?"
„Psst!"
„Liebe Hörer und Hörerinnen, uns ist es tatsächlich gelungen ein Interview mit einem der sagenhaften Gargoyles zu führen. Der Billionär David Xanatos hat uns erlaubt, mit Goliath, dem Anführer der Gruppe Gargoyles ein Interview zu führen!
Meine erste Frage an den beeindruckenden Gargoyle - einen Moment ...." Es raschelte kurz und plötzlich sagte eine fremde, aber ziemlich ernste Stimme von weiter weg: „Mister Harling, die Gargoyles erwachen erst in einer halben Stunde! - Wie bitte? Entschuldigen Sie, liebe Hörer und Hörerinnen, hier scheint es ein kleines Problem zu geben. Mister Burnett, wieso kann ich die Gargoyles nicht jetzt sprechen?" Kurzes Rascheln. „Weil sie jetzt ihren Steinschlaf halten", antwortete dieselbe ernste Stimme, der plötzlich anzuhören war, wie schwer sich der Mann noch unter Kontrolle hatte. „Sie wissen doch, dass die Gargoyles einen Steinschlaf benötigen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Und die Sonne IST noch nicht untergegangen, falls Sie dass noch nicht bemerkt haben sollten. - Äh ... ja. Also es scheint so, als müssen wir eine kleine Musikpause einschieben, aber später melde ich mich wieder. Live vor Ort, ihr Michael Harling!" Danach wieder lautes rascheln und plötzlich dröhnte in voller Lautstärke irgend ein altes Country-Lied aus dem Radio.
Mac konnte sich ein Schmunzeln nicht ganz verkneifen, als  Destine das Radio wieder abschaltete und zurückgab. Auch auf den Zügen der rothaarigen Frau erschien ein amüsierter Ausdruck. Es war aber auch mehr als lächerlich. Wahrscheinlich wusste bereits jedes Kleinkind, dass diese neue aufgetauchten Bewohner von Manhatten namens Gargoyles am Tage zu Stein erstarrten.
„Was halten Sie davon?" fragte Destine unvermittelt.
„Von was? Von diesen ... Gargoyles?" fragte Mac etwas unsicher nach und zuckte dann mit den Schultern. „Ich weiß nicht, ganz interessant und so ..."
„Aber?"
„Naja, ist ja alles gut und schön mit diesen Wesen. Sie können fliegen -"
„Gleiten", unterbrach Destine sie.
„Und sind ziemlich stark und tja ... sorgen für Gerechtigkeit auf den Straßen, oder so ... keine Ahnung. Die Wissenschaftler werden wohl ihre helle Freude mit den Gargoyles haben ..."
„Sie scheinen ja nicht sonderlich begeistert zu sein", bemerkte Destine.
„Habe ich denn einen Grund dazu?", Mac schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bin mit Sicherheit keine dieser Irren, die alles, was nach Gargoyles aussieht, zertrümmert. Allerdings bringt mir ihr Dasein auch nicht mehr. Wie hoch stehen denn die Chancen, dass ich einmal einen wirklich live zu Gesicht bekomme? Eins zu acht Millionen, die hier leben."
„Aber es ist doch sicherlich beruhigend zu wissen, dass da oben über einem starke Freunde sind, die einen im Notfall beschützen", warf Destine ein und meinte hastig: „Nicht dass ich etwas gegen ihre Meinung hätte, Miss MacBeth, ich bin sogar sehr neugierig, zu erfahren, was sie davon halten."
„Ich bin sicher, diese Gargoyles wollen nur das beste für uns, aber egal wie stark und klug diese Wesen sind, überall können sie auch nicht gleichzeitig sein", meinte Mac schulternzuckend. „Ich verlasse mich besser nicht auf sie, außerdem wird sich der Trubel bald gelegt haben. In einigen Monaten ist die Sensation keine Sensation mehr. Aber vielleicht", fügte sie schmunzelnd hinzu, „macht Spielberg einen tollen Film mit den Gargoyles in den Hauptrollen ..."
Dominique Destine lächelte höflich und meinte dann: „Stimmt, Sie haben recht, Miss MacBeth. Für die normalen Leute wird es wohl nicht viel Veränderung mit sich bringen. Außer, dass sie vielleicht mal einen solchen Koloss auf der Fifth Avenue spazieren gehen sehen."
„Ja, genau", grinste Mac, „aber nur in der Nacht. Was mich interessieren würde, ist, ob es nur ,gute’ Gargoyles gibt. Ich meine, wenn sie als so ,menschlich’ hingestellt werden, ist es doch auch gut möglich, dass es auch schwarze Schafe gibt."
Darauf hin sagte Destine nichts und es blieb auch noch für eine ganze Weile still.

Ungefähr eine halbe Stunde später bezahlte Dominique Destine ihre Rechnung und lud Mac ein, noch mit ihr ein paar Straßen zu gehen, bevor sich ihre Wege trennten. Mac kam das zwar etwas seltsam vor, denn irgend wir hatte sie eine große, schwarze Limousine erwartet, die Destine abholen würde. Aber dass jetzt diese sicher vielbeschäftigte und reiche Frau mit ihr noch ein wenig spazieren gehen wollte, kam ihr doch seltsam vor.
Es dämmerte langsam und die Sonnenstrahlen schienen jetzt nur noch zwischen den großen Wolkenkratzern hindurch. Destine führte, Macs Meinung nach, eigentlich nur noch belanglosen Small Talk und nichts mehr, was von Wichtigkeit war. Falls irgend etwas bei diesem Vorstellungsgespräch so war, wie es normalerweise sein sollte ...
Ein paar Minuten nach acht Uhr bogen sie in eine unbelebte, wenn nicht menschenleere Straße ein. Mac war bisher ihrer neuen Arbeitgeberin einfach nur nachgegangen, denn eigentlich kannte sie diesen Viertel, aber langsam kamen sie in einen etwas stilleren Teil, der ihr unvertraut war.
„Wissen Sie, Miss MacBeth", begann Destine, „Sie haben noch Ihr ganzes Leben vor sich und Sie sollten wirklich etwas daraus machen."
„Ich schätze, dass Sie mir schon dabei helfen", meinte Mac lächelnd und wollte noch etwas fragen, wurde aber gleich wieder von Destine unterbrochen.
„Ich habe bereits den größten Teil meines Lebens verschwendet und wenn es nach manchen Leuten gingen, läge ich schon längst unter der Erde", fuhr sie fort.
Mac sah sie etwas verdutzt an und lächelte dann. „Ah ja, die Geschäftsfrau, die es den Konkurrenten schwer macht, nehme ich an."
„Tja", Destine zuckte mit den Schultern und blieb plötzlich neben einer kleinen Seitengasse stehen. „Und ich denke, Sie können mir zur Seite stehen und mir sicherlich in vielen Dingen das Leben retten."
„Äh", sagte Mac etwas verwirrt und grinste dann schief. „Dazu sind wir Computergenies ja da, nicht wahr?"
„Das auch", meinte Destine geheimnisvoll und schüttelte dann lächelnd den Kopf. „Ich bin sicher, wir werden noch gute Freunde."
Endlich nahm sie dich schwarze Sonnenbrille ab, die Mac schon längst für überflüssig hielt und sah ihr tief in die Augen.
Dominique Destines Augen waren seltsam. Seltsam, aber wunderschön grün und geheimnisvoll. Mac war so von ihrem Blick gefangen, dass sie gar nicht merkte, wie Destine einen Schritt auf sie zumachte und sie ein wenig in die Seitengasse drängte.
Und dann geschah es.
Destine stöhnte plötzlich auf, verlor den Blickkontakt zu Mac und krümmte sich, als hätte sie große Schmerzen.
„Ma’am, was ist denn los?" fragte Mac verstört und kam erschrocken näher.
„Lassen Sie ... mich in Ruhe", keuchte Destine mit schmerzverzerrtem Gesicht und ging in die Knie.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen", murmelte Mac, die keine Ahnung hatte, was sie tun sollte und gerade dabei war, in Panik zu geraten.
„ES GEHT SCHON", stöhnte Destine mit solch herrischem Nachdruck, dass Jennifer erschrocken zurückprallte.
Die rothaarige Frau taumelte ein Stückchen weiter in die Seitengasse und drängte Mac dabei auch mit. Sie warf plötzlich den Kopf in den Nacken und ließ einen furchterregenden Schrei los, der nichts menschliches mehr an sich hatte.
Auf Macs Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen und nun schien sie wirklich in Panik zu geraten, als sie sah, was mit Destine vor sich ging.
Die Geschäftsfrau veränderte sich schlagartig. Ihre Strumpfhose zerriss, als aus den schmalen Stöckelschuhen plötzlich monsterähnliche Füße mit scharfen Krallen wuchsen und sich die Haut bläulich färbte. Auch der rote Rock musste unter der plötzlichen Verwandlung leiden, als die langen Beine noch ein Stück wuchsen und viel kräftiger als vorhin zu sein schienen. Ein starker Schwanz peitschte auf einmal auf und vollführte eine elegante Kreisbewegung in der Luft. Aus dem gekrümmten Rücken wuchsen schlagartig zwei riesige Schwingen mit Klauen, die Schultern wurden breiter und die Arme veränderten sich. An den Händen wuchsen Klauen, wie an den Füßen und schließlich gewann Destines Gesicht härtere Züge und an der Stirn bildeten sich kleine Hörner. Ihre Augen glühten wütend auf, als sie sich fertig verwandelt zu Mac umdrehte und sie anstarrte.
Mac hingegen stand wie gelähmt da und konnte sich einfach nicht rühren. In ihrem Inneren schien kurze Zeit alles still zu stehen und dann schrien alle Stimmen von Panik über Angst, Verwirrung und dem Bedürfnis einfach aus diesem Traum aufzuwachen.
Dominique Destine dagegen schien wieder vollkommen Herr ihrer Sinne zu sein und kam nun mit drohenden Schritten auf ihren Zehenballen näher. Ihre Augen leuchteten wie Feuer und aus ihrem Inneren kam ein tiefes Knurren. Ihre Züge hatten ein hämisches, böses Grinsen angenommen, dass Mac überhaupt nicht gefiel.
Mit einem Mal war der Bann gebrochen und sie sah sich hastig um. Sackgasse. Es war nicht irgend eine Nebengasse gewesen, die sich diese Destine - oder anscheinend ein Gargoyle, so wie es aussah - ausgesucht hatte, sondern eine Gasse, die in der Mitte zugemauert war. Zwar gab es eine Möglichkeit über die vielen Mülltonnen hinweg über die Mauer zu klettern, aber dass Mac soviel Zeit blieb, bezweifelte sie.
An diesem Monster von einer Gargoyle Frau kam sie auch nicht vorbei. Allein die Schwingen füllten schon den gesamten Freiraum zwischen Destine und der Hauswand aus. Auch der Gargoyle schien das so zu sehen, denn sie lächelte zufrieden und kam weiterhin langsam näher, während Mac immer weiter zurück weichen musste.
Trotzdem versuchte Mac auszubrechen und rannte auf gut Glück nach rechts und duckte sich unter den zuschnappenden Klauen weg. Fast dachte Mac, dass sie es geschafft hätte, doch da schnellte plötzlich der Schwanz des Monsters wie aus dem Nichts auf sie zu und schleuderte sie gut einen Meter weg. Sofort war der Gargoyle über ihr, packte sie grob und zerrte sie wieder in die Höhe. Mac duckte sich instinktiv und hob die Hände, obwohl das wohl kaum bei einem Monster mit diesen Kräften viel genützt hätte. Destine lachte nur böse und stieß sie vor die Brust.
Mac taumelte nach hinten, fand irgend wie wieder das Gleichgewicht und versuchte es diesmal mit einem verzweifelten Frontalangriff. Destine machte sich nicht einmal die Mühe, Macs ungezielte Schläge abzufangen, sondern schlang nur ihren wenigen Schwanz um ihr rechtes Bein und machte einen ruckartigen Schritt rückwärts. Diesmal war es Mac einfach nicht möglich das Gleichgewicht zu halten und sie stürzte mehr als unsanft zu Boden. Bevor Destine sie erneut in die Höhe zerren konnte, war Mac wieder auf den Beinen, machte einen ungeschickten Sprung nach rechts und gleichzeitig vorwärts und trat dem Gargoyle so fest sie konnte vors Schienbein.
Destine heulte eher vor Wut, als vor Schmerz auf und setzte Mac nun doch nach. Diese landete etwas wackelig und versuchte den zupackenden Händen erneut zu entwischen und somit zu entkommen.
Sie schaffte es nicht ganz.
Destine packte sie fest am Rücken, hob sie mehrere Zentimeter hoch und schleuderte sie fauchend in eine Ecke der Sackgasse. Mac wurde einen kurzen Moment schwarz vor den Augen und plötzlich hatte sie mit einer ekelhaften Übelkeit zu kämpfen. Ihre Arme und Beine versagten ihr einfach den Dienst und so konnte sie nichts andere machen, als hilflos daliegen und warten, bis der Schwächeanfall wieder verflogen war. Der Gargoyle ließ ihr nicht soviel Zeit.
In Macs begrenztes Sichtfeld trat ein dreizehiger, blau-türkiser Gargoylefuß und dann fühlte sie sich plötzlich in die Höhe gehoben. Alle in ihr schrie danach, wegzulaufen oder sich wenigstens zu wehren um es dem Feind nicht so leicht zu machen. Aber ihre Glieder waren einfach gelähmt. Das einzige was Mac bewusst wahrnahm, war, dass Destine sie unsanft über die Schulter warf, wie einen nassen Sack und dann ohne sichtliche Anstrengung auf einer Hauswand zuging.
Dadurch, dass Mac nun kopfüber über die Schulter des Gargoyles hing, wurde die Übelkeit stärker. Alles begann sich zu drehen und mehr als einmal musste sie mit sich kämpfen, nicht ohnmächtig zu werden.
Knirschende Geräusche erklangen, als würde jemand die Hauswand zerkratzen wollen und das Monster arbeitete sich plötzlich schnell und geschickt an der Mauer in die Höhe.
Als nächstes bekam Mac bewusst mit, wie sie unsanft am Flachdach des Wohnhauses aufkam und den bereits dunklen Nachthimmel über sich sah. Sie stöhnte auf und rutschte aus ihrer unbequemen Seitenlage unbeholfen ein wenig umher und sah endlich Destine, oder was immer dieses Ding auch wahr, ohne größere Hast am Dach herumschlich. Mac bezweifelte stark, dass Destine wirklich der Name dieses Gargoyles war, aber was sie viel mehr wunderte, war, was sie da machte.
Langsam kam wieder das Leben zurück in ihren Körper und sie fühlte sich in der Lage sich aufzusetzen. Vorsichtig, ohne dass es das Monster bemerkte, ging Mac in die Hocke und richtete sich schließlich in eine geduckte Haltung auf. Der „Kampf" vorhin hatte ihr bewiesen, dass sie so keine Chance gegen das Monster hatte, aber vielleicht gelang es ihr, sich wegzuschleichen. Zwar war ihr noch immer schwindelig, aber ihre Sicht begann sich langsam zu klären.
Destine schien inzwischen ziemlich beschäftigt zu sein, denn sie ging nervös auf und ab und tippte irgend etwas in ein kleines Gerät in der linken Hand. Was auch immer los war, es lenkte den Gargoyle genug ab, damit sich Mac verziehen konnte. Sie zog sich leise ihren verbliebenen rechten Schuh aus und legte ihn behutsam, um ja kein Geräusch zu erzeugen auf den Boden. Ihre Strumpfhose konnte sie sowieso vergessen, so zerrissen wie sie schon war. Ungefähr das gleiche galt für ihre restliche Kleidung.
Mac sah sich hastig um, und ging in gebückter Haltung einige Schritte rückwärts, bis sie gegen einen Meter hohe Betonbrüstung stieß. Wie zum Teufel war dieses Vieh hier rauf gekommen, schoss es ihr durch den Kopf, als sie keine Leiter entdeckte.
„Was machst du da?" fauchte Destine plötzlich und starrte sie mit rotglühenden Augen an, die im Halbdunkeln einen tollen Effekt hatten, auf den Mac leider nicht achten konnte. „Vergiss es, du kommst von hier nicht runter, ohne dir den Hals zu brechen."
Mac sagte darauf nichts, wahrscheinlich aus Trotz.  Sie sah sich erneut um und beschloss zu dem Betonblock am anderen Ende des Daches zu gehen. Dort musste einfach eine Tür zum Stiegenhaus sein.
„Du wirst auch so nicht weit kommen", meinte Destine inzwischen. Sie hatte ihren Blick wieder gesenkt und starrte angestrengt auf den kleinen Apparat in ihrer Hand. „Glaubst du, ich hätte nicht vorgesorgt?" Sie lachte plötzlich, ein unangenehmes, keineswegs humorvolles Lachen.
„Was wollen Sie eigentlich?" fragte Mac mit zitternder Stimme. „Ich habe Ihnen nichts getan." Sie blieb wieder stehen. Es hatte wahrscheinlich wirklich keinen Sinn und außerdem vermutete sie, dass dieses Monster keineswegs dumm war.
„Das wirst du noch früh genug erfahren", murmelte Destine abwesend. „Aber du kennst doch Shakespeare, nicht wahr?"
Mac zuckte mit den Schultern. „Ja, naja, ein wenig. Aber was hat das damit zu tun?"
„Tja, ziemlich viel sogar", lachte der Gargoyle hämisch und klappte plötzlich das Ding in ihrer Hand zu. „MacBeth ist nicht irgend ein Name, weißt du?"
Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich eine seltsame Art von Raumschiff oder ähnlichem auf. Mac machte vor Schreck einen Hüpfer nach hinten und prallte wieder gegen die Kante der Brüstung. Das riesige Gefährt brummte nur leise und nur zwei kleine Lichter blinkten auf der Unterseite. Diese war ungefähr so groß wie das Dach des Wohnhauses, aber wie hoch es war, konnte Mac nicht bestimmen.
„Und jetzt komm, bevor ich nachhelfen muss", meinte Destine spöttisch, als sich eine Art Luke öffnete und etwas wie ein Steg herauskam.
Alles in Mac sträubte sich dagegen in dieses Ungetüm einzusteigen, aber gleichzeitig wusste der etwas vernünftigere Teil von ihr, dass sie gegen diesen Gargoyle absolut keine Chance hatte.
Doch die Entscheidung wurde ihr unerwartet schnell abgenommen.
Zwei Schatten tauchten wie aus dem Nichts am Himmel auf und landeten mit gehörigem Schwung in der Mitte des Daches, zwischen Mac und Destine. Mac erkannte sofort, dass es ebenfalls Gargoyles waren. Einen von den beiden kannte sie aus Zeitschriften, die sie vor kurzem durchblättert hatte. Er war größer als Destine, ziemlich muskulös und hatte violette Hautfarbe. Der andere neben ihm war kleiner und stand in etwas gebückter Haltung da. Es war ein junger, männlicher Gargoyle von rötlicher Färbung und mit einer Art Schnabel.
„Demona!" knurrte der Große, „was geht hier vor?"
Destine schien sich mit Demona angesprochen zu fühlen und Mac fand, dass der Name zu dieser Gargoyle Frau passte. Aber wenn der große Violette auch noch auf ihrer Seite stand, dann war es für Mac sowieso aus.
Jedoch schien Destine - oder besser gesagt Demona überhaupt nicht erfreut über das Erscheinen der anderen Gargoyles zu sein. Sie fauchte plötzlich auf und ihre Augen färbten sich wieder glühend rot.
Mac wusste es nicht genau, aber es sah so aus, als würden die Gargoyles eine Art Kampfstellung einnehmen.
„Lass den Unsinn", sagte der Große drohend.
„Genau", stimmte der jüngere Rote zu. „Du hast keine Chance gegen Goliath und mich!"
Demona lachte hämisch auf und schüttelte den Kopf. „Ihr seid doch viel zu dumm, um mich besiegen zu können." Und mit diesen Worten drückte sie etwas an dem kleinen Gerät, dass in ihrem Gürtel steckte.
Mac sah verblüfft zu, wie plötzlich eine kleine Gruppe von summenden Maschinen aus dem Eingang des Raumschiffes herausflogen und einen Kreis um den großen Violetten und den kleinen Roten bildeten. Aber eigentlich war ihr egal, was weiter geschehen würde, sie wollte nichts weiter als weg von hier. Für die Ablenkung war sie den beiden Gargoyles dankbar, aber sie konnte hier am wenigsten helfen und es ergab sich endlich eine Möglichkeit zu fliehen.
Mac drehte sich um, während hinter ihr plötzlich gleißende Lichter aufblitzten und sich das Summen mit wütendem Kampfgeschrei vermischte.
Mit klopfenden Herzen und ohne sich nach den Gargoyles noch einmal umzusehen, kletterte Mac auf die Betonbrüstung und starrte hinunter in die scheinbar bodenlose Schwärze. Es waren vielleicht zehn Meter, mehr als genug um sich den Hals zu brechen. Oder wenigstens die Beine beim Aufprall und das würde ihr auch nicht weiterhelfen. Vor lauter Panik hätte Mac wohl fast die seltsamen Löcher übersehen, die anscheinend bis hinab auf den Boden führten. Schweren Herzens ließ sie sich an der Kante herab und blieb einen Moment lang unentschlossen in der Luft hängen. Allerdings fehlte es ihr an Kraft sich jetzt wieder hochzuziehen. Also suchten Macs Zehen nach den ersten paar Löchern, die sie finden konnte und fand nach einigem hin und her rutschen Halt, wenn auch keinen sehr sicheren. Langsam und vorsichtig ohne einen unüberlegten Schritt zu machen hangelte sie sich ein ganzes Stück nach unten. Dabei tauchte mehr als einmal die Frage auf, ob diese seltsamen Löcher, die etwas größer als für ihre Finger schienen, vielleicht von dem Gargoyle gemacht worden waren. Wenn ja, dann musste diese Demona noch mehr Kraft haben, als sie bisher vermutet hatte.
Jedoch ließ Macs Kraft schon nach wenigen Sekunden beängstigend nach. Ihre Finger waren schon längst blutig gekratzt von dem scharfen Beton und ihr Atem zitterte so stark, dass sie nicht einmal mehr sicher war, genug Luft zu bekommen. Verzweifelt versuchte sie schneller zu klettern, um ihre Arme nicht zu sehr anzustrengen aber nach nicht einmal fünf Metern, wusste sie, dass ihre Kraft sie verlassen würde. Und zwar jetzt.
Mac schrie hilflos und angstvoll zugleich auf, als sich ihre schwachen Finger von der Mauer lösten und sie den Halt verlor. Einen Moment lang war da nichts, außer Dunkelheit und vorbei zischender Hauswand, doch anstatt am harten Beton aufzuprallen und sich das Genick zu brechen, landete Mac in den Armen eines anscheinend ziemlich kräftigen Menschen .... oder eines Gargoyles.
Von dieser Erkenntnis wie von einem Faustschlag ins Gesicht getroffen, erwachte Mac aus ihrer Schreckensstarre und befreite sich mit der Kraft der Verzweiflung aus den bisher nur hilfreichen Armen. Sie kam wackelig auf die Beine und sah hastig mit verschleiertem Blick um sich.
„Warte!" rief der Gargoyles, von dem sie nur verschwommene Umrisse erkennen konnte. Ihr Kreislauf schien nun endgültig den Geist aufzugeben.
Mac taumelte vor dem roten Monster zurück, dorthin wo sie mehr Licht vermutete und fand sich plötzlich wieder auf der Straße wieder. Und dann begann sie zu laufen. Einfach nur blindlings zu laufen und bald waren die Rufe und der Kampflärm hinter ihr verstummt. Sollten sich diese Bestien doch gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Zwar hatte Mac keine Ahnung wie sie es geschafft hatte, aber nach weniger als einer viertel Stunde kam sie bei ihrem Apartment an und klopfte zittern beim Nachbarn an. Mr. Lorensky war glücklicherweise zu Hause und händigte ihr nach einigem Stirnrunzeln und der wiederholten Frage, ob es ihr gut gehe, den Ersatzschlüssel aus.
Mac konnte sich gut vorstellen, was für einen Eindruck sie machen musste, so verschmutzt und zerrissen wie sie war. Aber eigentlich war ihr jetzt auch die Meinung anderer Leute vollkommen gleichgültig.
Sie sperrte zitternd die Tür zu ihrem Apartment auf und sah sich drinnen kurz um. Anscheinend war das Monster noch nicht hier gewesen, denn das Vorzimmer lag in gemütlicher Stille da. Mac knipste das Licht zögernd an und warf den Schlüssel achtlos auf die Kommode. Dann schlurfte sie erschöpft in das Schlafzimmer, nahm die Fernbedienung von dem Kästchen neben der Tür und schaltete wohl eher aus Reflex, als aus einem besonderen Grund den Fernsehen ein. Ohne einen Blick auf die flimmernde Mattscheibe zu werfen, ließ sich Mac einfach auf ihr Bett fall und schloss erschöpft die Augen. Ihr Atem ging noch immer schnell und langsam begannen ihre aufgeschürften Hände und Füße zu schmerzen, genauso wie fast jeder andere Punkt an ihrem Körper. Nicht nur der „Kampf" mit Demona hatte sie mitgenommen oder die Kletterei, sondern auch der kopflose Sprint durch das halbe Viertel. Sie musste auf eine Glasscherbe oder sonst etwas getreten sein, anders konnte sie sich den pochenden Schmerz auf ihrer Sohle nicht erklären.
„... noch ungeklärt ...", schnappte Mac vom Fernsehsprecher auf. „Die Brutalität, mit der hier vorgegangen worden war, lässt wohl einen Selbstmord ausschließen."
Das dunkle Schlafzimmer leuchtete im unruhigen Schimmer des Fernsehers bläulich auf und aus irgend einem Grund wollte Mac wissen, was so schreckliches wieder einmal passiert war. Sie öffnete müde ihre Augen und setzte sich schließlich ganz auf.
„Um Acht Uhr Fünfzehn wurde das Opfer tot in einem Büro der Firma Computron aufgefunden. Bisher gab es keine Zeugen, allerdings ist die Polizei schon auf der Suche nach Verdächtigen."
Als der Name Computron fiel, war Mac mit einem Mal hellwach. Was war in ihrer Firma passiert? Um viertel neun? Und vor allem, wer war der Tote?
„Bob Ryan, ein leitender Angestellter, der nach ..."
Weiter hörte Mac nicht zu. Entsetzt starrte sie auf den flimmernden Bildschirm vor sich, auf dem Fotos von Ryans Büro gezeigt wurden. Der klobige, alte Bürosessel war blutig und zerfetzt, genauso wie die Schreibtischplatte blutbeschmiert war.
Mac stand langsam und ohne jegliche seelische Regung auf, ging hinüber in ihr Badezimmer und übergab sich.

Zwei Stunden später hatte sie sich einigermaßen beruhigt. Nach einer kräftigen Dusche und vor allem, nachdem Mac ihre sowieso vollkommen zerrissene Arbeitskleidung gegen Jeans, ein weißes T-Shirt und Sportschuhe ausgetauscht hatte, fühlte sie sich in der Lage zur Polizei zu gehen. Schließlich ging es hier nicht nur um einen ermordeten Arbeitgeber, sondern auch um einen Überfall. Mac hatte den Fernseher schließlich wieder abgeschaltet, weil sie die Bilder und die Bericht über den Mord nicht mehr ertragen konnte. Sicher, sie hatte kein weltbewegendes Verhältnis zu Ryan gehabt, aber gerade gestern hatte sie begonnen, ihn fast wie eine Art Vaterfigur zu sehen. Wieso er jetzt einfach so in einem Büro umgebracht worden war und noch dazu auf so schreckliche Weise, konnte und wollte sie einfach nicht begreifen.
Wahrscheinlich würde die Polizei so der so bald hier auftauchen, wenn sie nicht kam und eigentlich wollte Mac das verhindern. Ein Polizist vor der Haustür machte sicherlich keinen guten Eindruck auf die Nachbarn. Außerdem fühlte sie sich nicht mehr in ihrem Apartment sicher, nach allem was geschehen war. Schließlich war es gut möglich, dass dieser Gargoyle noch einmal hier auftauchte und dann würde sie vielleicht nicht mehr soviel Glück, wie beim ersten Mal haben. Obwohl es ihr noch immer ein Rätsel war, was diese Destine beziehungsweise Demona von ihr wollte. Und irgend wie keimte ihn ihr auch schon ein schrecklicher Verdacht, dass dieses Monster Ryan auf seinem Gewissen hatte.
Mac starrte einen Moment lang aus dem Fenster in die sternklare Nacht hinaus. Nirgends war ein verdächtiger Schatten zu sehen, dafür machte sie noch einmal kehrt und suchte ihre Lederjacke aus dem Schrank. Obwohl Sommer war, konnte es doch ziemlich kühl nach Sonnenuntergang werden.
Schließlich steckte sie noch den Ersatzschlüssel ein, drehte alle Lichter, bis auf das Wohnzimmerlicht ab und öffnete die Wohnungstür um das Apartment zu verlassen.
Vor ihr stand ein etwas verdutzt aussehender junger Mann in Begleitung einer schönen Frau. Der rothaarige Mann hatte bereits die Faust zum Klopfen erhoben und ließ sie jetzt etwas überrascht sinken.
Mac war nicht weniger verdutzt und sagte im ersten Moment gar nichts, sondern starrte die beiden nur dumm an.
„Sind Sie Miss Sarah MacBeth?" fragte die junge Frau ernst.
„Äh, ja, ich ... ich bin Sarah MacBeth", stotterte Mac verwirrt. „Und wer sind Sie?"
„Detective Elisa Maza und das ist mein Kollege Detective Matt Bluestone", erklärte die schwarzhaarige, deutete zuerst auf sich und dann auf den jungen Mann und holte dann ihre Polizeimarke hervor.
„Aha", machte Mac, die sich langsam zu wundern begann, wie schnell die Polizei da war.
„Wir wollen Ihnen nur ein paar Fragen zum Mord an Bob Ryan stellen", lächelte Detective Bluestone professionell und trat ohne eine Einladung vorbei an Mac in das Apartment.
Auch Maza schob sich an ihr vorbei und sah sich interessiert um.
„Sie wollten gerade gehen?" fragte die junge Frau.
Mac schloss die Tür hinter sich wieder und schaltete das Licht erneut ein. Jetzt, wo sie die beiden besser sah, bemerkte sie, dass Detective Maza dunkle Haut und die Augen eines Indianers hatte. Bluestone dagegen war doch ziemlich weiß und hatte hellrotes Haar und grüne Augen.
„Ja, zur Polizei um genau zu sein", lächelte Mac unsicher und machte eine auffordernde Handbewegung: „Gehen wir doch ins Wohnzimmer, da ist es gemütlicher."
Bluestone nickte und betrat noch vor Mac den einfach eingerichteten Raum. Langsam ging es ihr auf die Nerven, dass dieser Kerl so ungehobelt herumglotzte. Aber es war schließlich seine Pflicht.
Ohne eine weitere Aufforderung nahm Maza auf der Couch Platz, während Bluestone es wohl vorzog hinter Mac stehen zu bleiben.
„Wenn Sie gerade gehen wollten, wieso haben Sie das Licht dann hier angelassen?" bohrte der junge Detective weiter.
Etwas unwillig antwortete Mac: „Die Gegend ist nicht gerade die sicherste. Manche Einbrecher schreckt Licht ab."
„Wollen Sie sich nicht setzten?" fragte Bluestone inzwischen.
„Nein, danke, ich stehe lieber", lehnte Mac nicht ganz so höflich ab, wie sie anfangs vorgehabt hatte. Irgend wie konnte sie für diesen Rotschopf einfach keine Sympathie empfinden. Vor allem dann nicht, wenn er ohne Einladung in fremden Wohnungen herumschnüffelte.
„Sie wollten mich doch etwas fragen", begann sie dann wieder, als keiner der beiden Detectives Anstalten machte ihrer Pflicht nach zu gehen.
„Ja", sagte Maza und wurde von Bluestone wieder abgelöst. „Sie haben wahrscheinlich gehört, dass Bob Ryan, ihr Vorgesetzter, um Zwanzig Uhr Fünfzehn tot in seinem Büro aufgefunden wurde."
Mac nickte und versuchte dabei möglichst unauffällig zu schlucken. „Ja, ich habe etwas darüber im Fernsehen gesehen."
„Wir haben gehört, dass Sie sich gestern abend mit ihm in seinem Büro eine Zeitlang unterhalten haben", meinte Maza weiter.
„Ja, aber wieso -"
„Und", unterbrach sie Bluestone, „wir haben gehört, dass er vorgehabt hat, Sie zu entlassen."
„Nein, das stimmt nicht", stellte Mac die Vermutung des Detective kopfschüttelnd richtig. „Ich habe vorgehabt zu kündigen."
„Können Sie uns den Grund dafür nennen?" wollte Maza wissen.
Verwirrt blickte Mac zwischen den beiden hin und her. Sie merkte sehr wohl, dass die beiden Detectives nach einem Plan vorgingen und sich gegenseitig den Spielball - in diesem Fall war es wohl Mac selbst - zuwarfen. Und dass Bluestone hinter ihr stand, trug auch nicht gerade dazu bei, dass sie sich allzu wohl fühlte. Die beiden brachten es noch einmal fertig, dass sie ohne Grund ein schlechtes Gewissen bekam.
„Ich habe ein Angebot für eine bessere Stelle erhalten", antwortete Mac einigermaßen gereizt.
„War Bob Ryan damit einverstanden?" fragte Bluestone scharf.
„Ja, ich meine nein, also ...", Mac atmete tief durch und begann von neuem. „Er hätte mich natürlich gehen lassen, allerdings war er einigermaßen betrübt darüber, dass ich die Firma verlassen würde."
„Hatten Sie in irgend einer Weise eine Auseinandersetzung mit Bob Ryan?" bohrte Maza weiter.
„Ich -"
„Oder hatten Sie noch eine außerberufliche Beziehung zu ihm?" setzte Bluestone hinzu.
„Nein", meinte Mac verärgert. „In allen beiden Fällen nein. Aber dürfte ich jetzt bitte wissen, was Sie mir eigentlich vorwerfen? Glauben Sie etwa, dass ICH meinem Chef ermordet habe?"
Darauf sagte keiner der beiden Detectives etwas und als sich Mac zu Bluestone umdrehte, lächelte er professionell, aber sein Blick blieb kalt. „Wo waren Sie zwischen Zwanzig Uhr und Zwanzig Uhr Fünfzehn?"
Nun blieb Mac wirklich die Luft weg. „Ich wurde überfallen, falls Sie’s genau wissen wollen", zischte sie patzig. „Von so einem verdammten Gargoyle."
Diesmal tauschten die beiden überraschte Blicke und Mac war direkt stolz auf sich, dass sie die Detectives aus der Bahn gebracht hatte.
„Von einem Gargoyle?" vergewisserte sich Maza.
Als Mac nickte, meinte Bluestone: „Relativ unwahrscheinlich. Soviel ich mich erinnere, ging um Acht Uhr erst die Sonne unter, wie und vor allem was für ein Gargoyle hätte so schnell erwachen und einen Menschen überfallen können?"
„Außerdem sind Gargoyles keine brutalen Wesen, sondern äußerst sensibel und menschlicher als viele von uns", dabei verhärtete sich Mazas Gesichtsausdruck, „es wahrhaben wollen."
„Es war ja auch kein normaler Gargoyle, sondern zuerst ein Mensch und dann, als die Sonne untergegangen ist, hat sie sich in so ein Vieh verwandelt. Ziemlich schnell sogar", bemerkte Mac giftig.
Diesmal war die Reaktion der beiden ziemlich eindeutig. Bluestones Unterkiefer klappte nach unten, während Mazas Gesichtsausdruck von ernst und unbeeindruckbar zu fassungslos und besorgt wechselte. Ziemlich drastisch.
„Und was genau ist dann passiert?" wollte Maza nach einigen Moment des ungläubigen Schweigens wissen.
„Das Monster hat mich k.o. geschlagen und wollte mich, glaube ich, entführen oder so. Auf jeden Fall ist dann noch so ein Exemplar in violetter Muskelpaketausgabe und ein kleiner Roter aufgetaucht und dann haben sie sich gegenseitig die Schädel eingeschlagen. Da bin ich abgehauen."
„Und wann war das genau?" fragte Bluestone trocken.
„Das ganze hat, glaube ich, nicht mehr als fünfzehn Minuten gedauert. Ich war dann so um halb neun zuhause. Aber ich habe doch absolut kein Motiv!"
„Nun, das versuchen wir eben herauszufinden", entgegnete Maza kühl.
„Überhaupt wundert es mich doch sehr, wie schnell Sie gekommen sind", meinte Mac. Sie wollte den Spieß jetzt endgültig umdrehen.
„Wenn Sie es genau wissen wollen, wir haben einen anonymen Tip erhalten, dass Sie etwas mit der Sache zu tun haben", erklärte Bluestone und beobachtete dabei Macs Reaktion.
„Ach und deshalb platzen sie hier bei mir um halb elf rein, wie?" giftete Mac wütend. „Normalerweise ist die Polizei doch auch nicht so schnell. Was werden Sie überhaupt wegen dieser Geschichte mit meinem Überfall unternehmen?"
„Wir werden sehen, was sich ergibt", antwortete Maza gelassen.
„Sie glauben mir wohl nicht?" vermutete Mac ärgerlich. „Bitte, ich kann Ihnen gerne meine zerfetzte Kleidung zeigen und alle aus meiner Abteilung wissen, dass ich mich um sechs Uhr mit ..." Mac stockte. Wenn sie genau überlegte, hatte eigentlich nur Ryan von ihrem Treffen mit Dominique Destine gewusst. Alle anderen hatten nur von einer besseren Stellung erfahren.
„Ja?" fragte Maza lauernd.
„Mit wem?" bohrte Bluestone weiter.
„Dominique Destine ...", murmelte Mac geistesabwesend. „Aber ...."
Kurz herrschte wieder Stille und Mac wusste auch, ohne auf die beiden Detectives zu sehen, das sie überrascht und erschrocken waren.
Schließlich fragte Maza weiter: „Aber was?"
„Eigentlich wusste es niemand, außer Ryan", sagte Mac dann stockend. „Er war der einzige."
„Nun gut, eigentlich war das fast mehr als wir wissen wollten", meinte Maza mit einem gekünstelten Lächeln und erhob sich wieder.
Mac nickte verwirrt und führte die beiden wieder zum Ausgang.
„Ja und bitte bleiben Sie, solange der Fall nicht geklärt ist, in der Stadt", bemerkte Bluestone noch nebenbei.
„Wie in den alten Columbos, ich weiß", lächelte Mac gequält und öffnete die Tür.
„Wie war schnell noch mal Ihr vollständiger Name?" wollte Maza plötzlich wissen.
„Sarah MacBeth", antwortete Mac. „Naja, eigentlich Lady Sarah MacBeth, aber ich schätze mal, so ein Titel ist in den USA nicht wichtig, oder?"
„Sie kommen aus dem Ausland?" vermutete Bluestone.
Zwar war Mac sich ziemlich sicher, dass der rothaarige Detective das schon wusste, aber trotzdem nickte sie und meinte erklärend: „Aus Schottland, um genau so sein. Der Titel ist übrigens nur geerbt."
„Ah ja und von Beruf sind Sie Programmiererin ...?" fragte Maza auf einmal.
Mac nickte erneut und bejahte. Warum fragten diese Leute eigentlich so dumm, wenn sie es sowieso schon wussten?
„Na dann, auf Wiedersehen", verabschiedete sich Bluestone mit einem unechten Lächeln und schloss hinter sich die Tür.
,Hoffentlich nicht’ dachte Mac und drückte aber trotzdem das Ohr gegen das dünne Spannholz um vielleicht noch etwas von den Detectives zu belauschen.
„Glaubst du wirklich, dass ihr Name vielleicht eine Rolle spielt?" fragte die männliche Stimme dumpf.
„Ich weiß es nicht, aber ich würde ihr nicht trauen. Wir sollten Xanatos um Hilfe bitten, aber falls Demona wirklich ..."
Weiter hörte Mac nichts. Die beiden waren schon zu weit weg, um noch durch die Tür verständlich zu sein. Aber eigentlich war das, was sie gehört hatte, für sie auch schon mehr als genug. Bei dem Namen Xanatos zuckte Mac unmerklich zusammen. Es war ein verdammt reicher Kerl mit den nötigen Mitteln auch herauszubekommen, dass sie in seine Datenbank eingebrochen war. Wenn man ihn nicht direkt auf die Idee brachte, dass ein eigentlich harmloser Hacker wie sie sich zum Spaß mal bei ihm umgesehen hatte, dann würde er sicherlich auch keine Spezialisten darauf ansetzen. Doch wenn diese beiden Detectives aus welchen Gründen auch immer bei diesem stinkreichen Xanatos verbeischauten, dann rückte Mac wahrscheinlich in den engeren Kreis der Verdächtigen. Und wenn sie es sich genau überlegte, hatte sich auch nicht den besten Eindruck gemacht. Das einzige, was sie wirklich wunderte, waren diese vermehrten Anspielungen auf ihren Namen und ihren Titel.
Selbst das Monster hatte Shakespeare erwähnt und Mac war klug genug um zu wissen, dass Shakespeare auch ein Stück über einen schottischen König namens MacBeth geschrieben hatte. Aber was zum Donnerwetter hatte das mit ihr zu tun? Es gab Tausende von Leuten auf der Welt die MacBeth, MacBeath oder sonst wie hießen.
Oder etwas anderes, was Mac plötzlich brennend interessierte, war, wieso diese Leute den Namen des Monster anscheinend als Mensch und als Gargoyle kannten. Auch hätte sie allzu gerne gewusst, wer der anonyme Informant der Polizei gewesen war, der sie beschuldigt hatte.
Irgend wie blickte Mac schon längst nicht mehr durch die Sache durch. Wieso war Ryan ermordet worden und wieso schob man jetzt gerade ihr den Mord in die Schuhe? Es war alles mehr als lächerlich.
Mac war sich allerdings ziemlich sicher, dass sie heute sowieso nicht mehr einschlafen konnte, abgesehen, dass sie noch immer nicht ganz von der Sicherheit ihres Apartments überzeugt war. Also beschloss sie, zwar mit einem etwas mulmigen Gefühl in der Magengegend, aber doch entschlossen, an den Ort zurückzukehren, an dem sie von Demona überfallen worden war. Vielleicht fand sie irgend etwas, dass sie der Polizei als Beweis bringen konnte und wenn nicht, dann vielleicht ihre Tasche mit dem Schlüssel.
Also schnappte sich Mac das nächste Taxi, dass sie bekam und fuhr zum Café Turin. Von dort aus versuchte sie sich, trotz Dunkelheit, zu orientieren und fand eher durch Zufall, als durch ihr gutes Gedächtnis die Straße wieder. Sie war genauso menschenleer wie das erste Mal, ganz zu schweigen von der Sackgasse.

Es sah eigentlich genauso aus, wie vor drei Stunden, als Mac das letzte Mal hier gewesen war. Eine relativ leere Gasse - wenn man mal von den Mülltonnen absah - die nach vielleicht sieben oder acht Metern von einer hohen Mauer abgeschnitten war. Auf der rechten Seite bemerkte Mac wieder die seltsamen Löcher, von denen sie nun wirklich annahm, dass der Gargoyle sie beim Hinaufklettern in den Stein geschlagen hatte.
Zögernd ging sie ein paar Schritte weit und blickte sich dann wieder um. Es war jetzt direkt gespenstisch still. Auf jeden Fall tobte am Dach über ihr sicher kein Kampf mehr. Ob wohl jetzt da oben irgend so ein Gargoyle tot oder schwer verwundet lag?
Und wenn, dann würde sich Mac nicht noch einmal auf die halsbrecherische Klettertour begeben. Sie holte eine kleine Stabtaschenlampe aus ihrer Jackentasche und leuchtete neugierig um sich. Dabei kam ihr plötzlich der Gedanke, dass sich in der Lederjacke, die sie nun schon lange nicht mehr getragen hatte, ihr Pass befand. Wieso eigentlich, wusste sie selbst nicht, aber eigentlich war es ihr auch egal.
Mac leuchtete etwas tiefer in die Gasse hinein und suchte den Boden nach etwas ab, dass irgend wann vielleicht mal ihre Aktentasche gewesen sein könnte.
Nicht unweit bei den Tonnen fand sie dann die fast noch unversehrte Tasche und begann sie erst mal zu durchsuchen. Glücklicherweise waren noch ihre Schlüssel, ihre Geldbörse mit den Kreditkarten und ein wenig Bargeld und alles andere vorhanden.
Aufatmend drehte sich Mac mit der Tasche in der Hand wieder um und wollte schon aus der bedrückenden Stille der Gasse hinaus auf die Straße, als ihr, für die Gegend ein viel zu weißes und vornehmes Papierkärtchen, dass am Boden lag, auffiel. Verwundert bückte sie sich, um es aufzuheben, vielleicht gehörte es ja ihr und wenn nicht, dann vielleicht ... Dominique Destine, schoss es ihr durch den Kopf. Hastig hob sie das Kärtchen auf und leuchtete mit der Taschenlampe auf die gedruckten Buchstaben.

Lennox MacBeth
24, Rue St.-Dominique
F-75014 Paris

Als Mac den Namen MacBeth las, stockte ihr für kurzen Moment der Atem. Also hatte das alles doch etwas mit ihrem Namen zu tun, so schwer sie es sich auch vorstellen konnte. Und vielleicht wusste dieser Lennox MacBeth mehr ... vielleicht mussten sie ihn aber auch vor diesem Monster namens Demona warnen. Sonst endete der arme Mann womöglich noch so, wie Ryan. Aber eigentlich konnte sie sich durch diese Visitenkarte noch absolut nichts erklären. Es brachte sie kein Stückchen weiter.
Mac beschloss, wieder mit einem Taxi nach Hause zu fahren. Hier würde sie nichts weiter mehr finden und mitten in der Nacht herumzulaufen, nachdem ihr Chef ermordet worden war, anonyme Menschen sie beschuldigten und Gargoyles hinter ihr her waren, war wahrscheinlich alles andere als klug.
Mac bereute es schon zum hundertsten Mal, sich vor lauter Sparsamkeit keinen Wagen gekauft zu haben. Sie hatten von ihrer Familie alle nötigen Mittel zur Unterstützung ihres Lebens hier bekommen, aber anstatt sich um das Geld vielleicht ein Auto zu leisten, hatte sie alles auf verschiedene Bankkonten gestopft. Jetzt musste sie wohl damit leben und immer nach einem Taxi Ausschau halten.
„Wohin soll’s gehen, Miss?" fragte der Taxifahrer höflich.
„Ecke 7., 24.", meinte Mac leicht nervös. „Und bitte fahren Sie schnell."
„Geht klar, aber schnallen Sie sich an", grinste der Fahrer in den Rückspiegel und gab Gas.
Nachdenklich starrte Mac aus dem linken Fenster und beobachtete, wie die Straßenlichter und die dunklen Schatten der Häuser am Wagen vorbeihuschten. Es waren auch in den normalerweise belebteren Straßen nur vereinzelte Leute zu sehen, aber meistens waren es irgend welche Jugendbanden. Das Radio im Auto war leise eingeschaltet und zum x-ten Mal wie es Mac vorkam, nuschelte irgend ein Nachrichtenmensch etwas daher. Wann zum Teufel spielte es eigentlich mal wieder Musik im Radio oder sonst etwas unterhaltsames?
Gerade wollte Mac zur Entspannung, aber auch aus Langweile ein wenig Small Talk mit dem Fahrer beginnen und sich mal gehörig über das Programm im Radio aufregen, als ein Wort fiel, dass all ihre Nackenhaare sich sträubten.
„... Ryan-Mordfalls. Wie es scheint hat die Polizei bereits eine Verdächtige im Visier, die vor kurzem entlarvt wurde...."
Erschrocken starrte Mac auf das kleine Autoradio und bat den Fahrer dann: „Könnten Sie das Radio bitte etwas lauter stellen?"
Der Mann nickte höflich und drehte kurz an dem Apparat herum.
„Man hat in ihrem Apartment eine Neunmillimeter Handfeuerwaffe und andere Beweise gefunden. Bob Ryan wurde drei mal hintereinander in den Brustkorb geschossen und anschließend der Schädel zertrümmert. Nach der mutmaßlichen Täterin wird jetzt gefahndet. Sie ist höchstwahrscheinlich gefährlich und bewaffnet. Ihr Name ist Sarah MacBeth, sie ist 24 Jahre alt, hat hellrotes, langes Haar, Augenfarbe grün und ist ungefähr 1 Meter 75 groß. Sie hat einen leichten schottischen Akzent, trägt wahrscheinlich blaue Jeans und ein helles T-Shirt. Bitte nehmen Sie sich in Acht.
Und weiter geht es mit dem Wetter ..."
Mac hätte vor Entsetzen und Panik am liebsten laut aufgeschrien. Stattdessen saß sie einfach nur da, ohne mit der Wimper zu zucken und starrte das Radio an. Sie spürte förmlich wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. Das konnte einfach nicht wahr sein.
Und dann bemerkte sie die Blicke des Taxifahrers. Natürlich hatte auch er die Durchsage mit Radio gehört und starrte sie jetzt mit einem beunruhigten Ausdruck an.
„Sie haben rote Haare", sagte er dann trocken und schluckte. Die pure Angst schien ihm plötzlich ins Gesicht geschrieben. „Und Sie haben einen schottischen Akzent."
Mac wusste einfach nicht, wie sie reagieren sollte. Und nach der Gegend zu urteilen war sie nicht mehr weit von ihrer Wohnung entfernt, wo wahrscheinlich ein riesiger Haufen Polizisten auf sie wartete.
„Hören Sie, ich habe niemanden umgebracht", begann sie mit energischer Stimme, „aber wenn Sie jetzt nicht langsamer fahren, muss ich wohl handeln."
Der Taxifahrer ging zu Macs Erstaunen wirklich darauf ein und senkte die Geschwindigkeit.
„Und Sie haben mich auch nie gesehen", zischte Mac. „Fahren Sie einfach weiter."
Schweren Herzens öffnete Mac die Tür des Wagens und sprang einfach.
Der Aufschlag war nicht viel härter als sie erwartet hatte. Etwas ungeschickt rollte sie sich ab und blieb schließlich schwer atmend neben dem Gehsteig liegen. Sie hatte nun zwar ein paar blaue Flecken mehr, aber eigentlich war das jetzt auch schon egal.
Das Taxi jedoch fuhr nicht, wie erhofft, einfach weiter, sondern blieb nach einigen schlingernden Kurven stehen. Und das bedeutete für Mac, dass sie laufen musste. Und zwar so schnell sie konnte.

Wenig später fand sie sich nach einem ausgedehnten Sprint auf dem Dach eines fünfstöckigen Gebäudes nahe ihres Apartments wieder. Wieso sie gerade die Feuertreppe genommen hatte, war ihr bis jetzt nicht klar. Aber eigentlich war sie schon längst mit ihrem Alphabet am Ende. Wieso sie so plötzlich wirklich des Mordes an Ryan verdächtig wurde, hatte ihr seelisch den Rest gegeben. Was das Monster, die mysteriösen Umstände um ihren Namen und der Mord noch nicht geschafft hatte, hatte der Nachrichtensprecher im Radio bewirkt: Mac war kurz vor dem absoluten Zusammenbruch.
Sie sah sich ein wenig hilflos auf dem Dach um und starrte dann kurz in den schwarzen Nachthimmel über ihr. Keine Gargoyles, wenigstens etwas. Nachdem sie kurz alle Möglichkeiten abgewogen hatte, wieso sie nicht von jetzt an von Dach zu Dach zu springen sollte, hüpfte sie einfach über eine kniehohe Mauer auf das nächste Haus.
Macs Puls ging inzwischen schon so schnell, dass sie nicht mehr sicher war, ob ihr Herz lange mithalten würde. Ihr Atem raste, aber regelmäßig. Was sie immer beim Joggen beherzigt hatte, war, dass man gleichmäßig atmen musste, egal wie sehr man sich anstrengte. Sie sprang noch einmal keuchend über ein Hindernis auf das nächste Dach und bemerkte, dass sie sich nun genau gegenüber ihres Wohnhauses befand. Mac wischte sie den Schweiß von der Stirn und ging vorsichtshalber in die Hocke, bevor sie weiter nach vor kroch. Als sie an der Brüstung angekommen war, lugte sie über den Rand und sah tief unter sich auf der Straße, ganz wie sie vermutet hatte einen großen Auflauf von Streifenpolizisten und Wagen.
Das Fenster ihres Apartments war hell erleuchtet und Mac sah mehrere Schatten, die sich darin bewegten. Gut, also hier würde sie nicht mehr her kommen. Sie drehte sich schwer atmend um und lehnte sich erschöpft gegen die Brüstung. Wer auch immer versuchte, ihr den Ryan Mord anzuhängen, hatte seine Arbeit gründlich getan. Zwar hatte Mac einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte, aber sie war sich nicht sehr sicher. Vielleicht war dieser Xanatos noch skrupelloser, als sie bisher angenommen hatte. Vielleicht hatte aber auch diese Dominique Destine alias Demona ihre Hände im Spiel, aber was ein gewisser Lennox MacBeth mit der ganzen Sache zu tun haben könnte, das war Mac einfach zu kompliziert.
Sie drehte sich wieder um und starrte noch einmal zu dem Fenster ihrer Wohnung hinüber. Dort stand plötzlich eine Gestalt, deren männliche Umrisse und rotes Haar ihr irgend wie vertraut waren. Mac richtete sich ein wenig in ihrer knienden Position auf, um besser sehen zu können und erkannte, dass es Detective Bluestone war, der da an ihrem Fenster stand und anscheinend auf irgend etwas starrte, genauso wie sie auf ihn starrte.
Und dann erkannte Mac, auf was Bluestone starrte. Nämlich auf sie.
Erschrocken zog sie sich wieder in ihre Deckung zurück, aber seine heftigen Gestikulationen, machten deutlich, dass er sie bereits entdeckt hatte.
Mac verschwendete keine weitere Zeit damit, auf dem Dach vorsichtig herumzukriechen, sondern stand schweren Herzens ganz aus ihrer Deckung auf und begann zu laufen, so schnell sie konnte. Ohne auf die Gefahr acht zu nehmen, sprang Mac über eine kleine Nebengasse hinweg und kam federnd auf dem anderen Dach wieder auf. Keuchend sah sie sich nach dem Detective um, der jetzt zumindest nicht mehr am Fenster zu entdecken war.
Und dann war das Dach zu Ende und die nächste Seitengasse, so klein sie ich auch war, war für einen Sprung einfach zu breit. Mac blieb einen Herzschlag lang einfach entsetzt stehen und begann dann in Windeseile die Feuerleiter hinunterzusteigen. Sie wusste nicht, wie schnell dieser Bluestone aus dem sechsten Stock wieder hinunterkam, aber sie wollte sich nicht darauf verlassen, dass er einer dieser lahmen Bürohengste war.
Nach einer wirklich riskanten Kletterei unten angekommen sah sich Mac gehetzt um und beschloss über die Mauer, die wieder einmal eine Sackgasse aus der Nebengasse machte, zu klettern.
Sie sprang auf die erste Mülltonne, was mit lautstarkem Scheppern und einer seltsamen Art Miauen verbunden war, erreichte mit den Händen die Kannte und zog sich sofort hoch. Hinter ihr erklang plötzlich ein aufgeregter Ruf, der von Bluestone zu kommen schien und dem ein ganzer Chor von erschrockenen Schreien und hastigem Fußgetrampel folgte. Mac machte sich nicht die Mühe, noch einmal zurückzusehen, sie war sicher, dass in den nächsten Sekunden die ersten Streifenpolizisten in der Gasse auftauchen würden. Sie zog sich ganz hoch und ließ sich ohne weiter nachzudenken auf der anderen Seite hinunterfallen.
Natürlich landete sie prompt in einer weiteren, allerdings leeren Mülltonne, was zwar nicht ihren Aufprall verminderte, sie aber auch nicht von oben bis unten dreckig machte. Mac rappelte sich hastig hoch und starrte einen Moment verwundert auf die Pistole zu ihren Füßen.
Allerdings überlegte sie nicht lange, ob ihr dieses Wunder Gott oder der Teufel zukommen ließ und hob sie rasch auf. Mac kannte sich eigentlich überhaupt nicht mit Waffen aus, aber sie vermutete, dass es eine ganz normale war. Wieso sie irgend wer hier, zwischen den Mülltonnen liegen gelassen hatte, war ihr zwar ein Rätsel, aber es störte sie nicht weiter.
Mit der Waffe, die sie vorsichtshalber unter ihrer Lederjacke versteckte in der rechten Hand lugte sie aus der Gasse heraus, auf die etwas größere Straße, auf der tatsächlich ein paar Leute herum spazierten. Hinter ihr erscholl wieder ein seltsames Miauen und das Scheppern von Mülltonnendeckel und das bedeutete für Mac, dass sie handeln musste, so ungern sie das auch machte.
Sie ging möglichst unauffällig aus der Sackgasse heraus auf den Gehsteig  und sah sich suchend nach jemandem passenden um. Ein unaufmerksamer Passant rempelte sie beim Vorbeigehen. Es war ein 1,80 großer Mann mit zu einem Zopf zusammengebundenen braunen Haaren und ziemlich breiten Schultern und Mac beschloss wohl eher aus Hast, als aus besonders klugen Überlegungen diesen zu nehmen. Sie ging unauffällig an ihn heran, so wie sie es schon so oft im Fernsehen beobachtet hatte und drückte ihm dann einfach die Pistole in den Rücken.
„Keine auffälligen Gesten und versuchen Sie ja nicht zu schreien", zischte Mac leise und so drohend sie konnte, ohne zu zeigen, wie sehr sie schon in Panik war.
Der Mann verlangsamte zwar seinen Schritt, wahrscheinlich einfach aus Schreck, ging aber wie befohlen weiter.
„Haben Sie einen Wagen in dieser Straße?" fragte Mac scharf.
Der Mann nickte nur. Wahrscheinlich hatte es ihm vor Angst die Sprache verschlagen. Gerne hätte sie ihn beruhigt und ihm gesagt, dass sie ihn wahrscheinlich nicht einmal treffen könnte, wenn sie ihm die Pistole am Herz ansetzen würde, weil sie sich eben absolut nicht damit auskannte. Vielleicht aber auch, weil sie trotz allem nicht ein Mensch war, der andere einfach erschoss.
„Gehen Sie unauffällig zu ihrem Auto", befahl Mac weiter.
Sie war direkt gespannt welcher, der parkenden Wagen dem Mann gehörte. Allerdings hatte sie etwas ganz und gar nicht erwartet. Dass er in diesem Moment bei einer parkenden, schwarzen Limousine stehenblieb.
„Das ist doch nicht Ihr Ernst", murmelte Mac fassungslos.
„Doch, das ist es", meinte der Mann plötzlich direkt spöttisch und drehte sich zu ihr um.
Wahrscheinlich hätte ihre Geisel - oder besser gesagt David Xanatos? - in diesem Moment ihr einfach die Waffe aus der Hand nehmen, sie gleich k.o. schlagen oder einfach einsteigen und wegfahren können, aber das tat er nicht. Mac war einfach so verwirrt, erschrocken und vollkommen perplex, dass sie nur dastand und weiter auf den Billionär zielte.
„Machen Sie die Tür auf und lassen Sie mich als erstes einsteigen", befahl sie dann mit zittriger Stimme, die alles drohenden längst verloren hatte. „Schnell."
Xanatos lächelte weiterhin spöttisch, tat was ihm befohlen war und ließ Mac als erstes einsteigen.
„Kommen Sie jetzt", murmelte Mac ohne die Waffe herunterzunehmen. In der Limousine war es ziemlich dunkel, aber man hatte auch viel Platz. Xanatos setzte sich Mac gegenüber auf die Bank, ohne mit seinem hässlichen Grinsen aufzuhören.
Mac machte ungeschickt mit der linken Hand die Wagentür zu und befahl: „Sagen Sie dem Chauffeur, dass er losfahren soll!"
„Sir?" fragte eine Stimme vom Beifahrersitz, dann machte Mac blonde Haare und eine Brille aus. „Was ist -"
„Nichts, Owen, sagen Sie dem Chauffeur, dass er losfahren soll und zwar schnell", befahl Xanatos barsch und sah dann wieder Mac in die Augen. „Dürfte ich vielleicht erfahren, was das alles soll?"
„Sehen Sie das denn nicht?" meinte Mac patzig. „Sie sind meine Geisel."
„Ah ja", sagte Xanatos spöttisch. „Das wäre mir nie in den Sinn gekommen."
„Halten Sie den Mund, oder ..."
„Oder was?" grinste der Billionär. „Wollen Sie mich etwa erschießen?"
„Das nicht", giftete Mac zurück, „aber eine Kugel im Knie ist sicherlich nicht sehr angenehm."
„Na, wohin wollen Sie denn überhaupt fahren?" wollte Xanatos nach einer kurzen Pause wissen.
Mac kam plötzlich eine Idee. Hier in New York würde sie sicher nichts mehr erreichen, aber sie kannte den großen XanaCorp. Wolkenkratzer von einigen Informationen aus dem Datennetz.
„Fahren Sie zum Landeplatz ihres Helikopters auf dem XanaCorp. Wolkenkratzer", befahl sie barsch.
„Natürlich", meinte Xanatos mit gespielter Höflichkeit und gab den Mann am Beifahrersitz einen Wink. „Owen, Sie haben es gehört."
Mac sah inzwischen auf beiden Seiten aus den Fenstern der Limousine. Nirgends war ein Streifenpolizist oder vielleicht auch Detective zu sehen. So wie es aussah, hatte sie die Polizei tatsächlich abgehängt.
„Wissen Sie eigentlich wer ich bin?" fragte der Billionär nach einer Weile.
„Sicher", murmelte Mac. „Ein stinkreicher, skrupelloser Nichtsnutz mit Hang zur Kriminalität."
„Ich möchte Sie nicht erinnern, WER hier die Pistole in der Hand hat", entgegnete Xanatos leicht ärgerlich. „Wie heißen Sie überhaupt?"
„Hören Sie denn keine Nachrichten?" fragte Mac müde.
„Ihn den letzten drei oder vier Stunden bin ich nicht dazu gekommen, nein", meinte der Billionär nachdenklich. „Owen, was gab es denn so neues?"
„Es wird nach einer Verdächtigen im Mordfall Ryan gefahndet, Sir", sagte der Blonde am Beifahrersitz, ohne sich umzudrehen. „Rote Haare, grüne Augen, Jeans und weißes T-Shirt, schottischer Akzent, 1, 75 groß mit dem Namen Sarah MacBeth."
Xanatos musterte Mac spöttisch und meinte dann gelassen: „So wie es aussieht, sind Sie das wohl."
„Und wahrscheinlich gefährlich", fügte der Blondschopf formell hinzu.
„Das sehe ich selbst, Owen", meinte der Billionär grinsend. „Mein Sekretär muss immer seinen Senf dazu geben, wissen Sie, Miss MacBeth?"
Mac wusste nicht ganz, wie sie sich verhalten sollte. Auf jeden Fall hatten die Geiselentführungen im Kino immer etwas anders ausgesehen. Vielleicht sollte sie diesem reichen Fatzke doch ins Knie schießen, aber sie spielte nur einen kleinen Moment mit diesem lächerlichen Gedanken herum.
„Sagen Sie, sind Sie eigentlich aussergewöhnlich genial oder besonders blöd?" fragte Xanatos nach einiger Zeit. Als Mac nicht darauf antwortete, meinte der Billionär: „Es ist nämlich so, dass sie hier eine gepanzerte und somit kugelsichere Limousine mit Aussenverspiegelung erwischt haben, wissen Sie?"
„Ah ja", meinte Mac trocken. „Toll."
Nach weiteren stillen Minuten fragte sie schließlich: „Sind Sie es, der mir den Mord anhängen will?"
„Ich?" Xanatos spielte perfekt den Unschuldigen. „Was würde mir das bringen?"
„Ich schätze mal, ein gewisser Detective Maza und Bluestone haben bei Ihnen mal vorbeigeschaut im Laufe des Abends."
„Nein, ich habe sie nicht empfangen, aber es könnte durchaus sein, dass ..." Xanatos stockte kurz. „Dass sie bei den Gargoyles waren."
„Achso ...", murmelte Mac. Es konnte also sein, dass Xanatos noch gar nichts von Macs Einbrüchen in die Datenbank wusste.
„Allerdings hat man mir vor geraumer Weile mitgeteilt, dass jemand von der Firma Computron sich des öfteren in unsere geheime Datenbank hackt", sagte Xanatos lauernd. „Und das hat Owen natürlich den Detectives mitgeteilt, nicht wahr, Owen?"
„Ja, Sir", sagte der Sekretär.
„Haben Sie nicht vor kurzem noch bei Computron gearbeitet?" bohrte Xanatos weiter. „Und war nicht auch dieser Bob Ryan dort angestellt?"
„Und was wenn es so wäre?" fragte Mac spitz. „Ich weiß eigentlich noch immer nicht was hier gespielt wird, aber eines sage ich Ihnen, Xanatos, so leicht werden Sie mich nicht in die Versenkung stoßen."
Der Billionär sagte nichts darauf, aber seine Blicke sprachen Bände. Auch Mac wusste, dass dieser Mann keineswegs nur ein eigenbrötlerischer Reicher war, sondern auch gefährlich. Wahrscheinlich könnte er sie auf 25 verschiedene Arten nur mit dem kleinen Finger überwältigen, aber aus irgend einem Grund tat er es nicht. Er saß nur da und grinste spöttisch...

Nach einer ungefähr zehnminütigen Fahrt bog die Limousine in die Einfahrt des Wolkenkratzers ein. Mac machte Xanatos schnell klar, dass sie sehr wohl von dem Lastenaufzug wusste, der auch dazu diente schwere Wagen wie eben diese Limousine nach oben bis zu dem Landeplatz des Helikopters zu bringen. Er erfüllte sogar die Forderung, dass oben auch wirklich ein Helikopter bereit stand, der sie weiter zum J. F. Kennedy Flugplatz bringen würde.
„Fahren Sie so nahe wie möglich an den Hubschrauber heran", befahl Mac, als sie oben angekommen waren. Sie wollte solange wie möglich in der gepanzerten und verspiegelten Limousine bleiben.
Xanatos musste als erster aussteigen, dann schob sich Mac so schnell sie konnte aus dem Wagen und sah sich hastig um. Nirgends waren Polizisten oder andere Sicherheitsleute zu sehen, aber das hieß nicht, dass sie nicht da waren. Als der blonde Sekretär auf der anderen Seite der Limousine ausstieg, stellte sich Mac rasch hinter Xanatos, bohrte ihm wieder die Pistole in den Rücken und zwang ihn, sich kleiner zu machen, als sie den Arm um seinen Hals legte.
„Keine Bewegung", zischte sie Owen an. „Und der Pilot soll aus dem Helikopter heraus kommen!"
„Wieso das?" fragte der Sekretär verständnislos, beeilte sich dann aber schnell dem Befehl nachzukommen, als Mac der Forderung Nachdruck verlieh und Xanatos kurz die Luft abschnürte.
„Warum tun sie das?" krächzte Xanatos verwundert, als er wieder Luft bekam.
„Denken Sie nicht, ich wäre so blöd und wüsste nicht, dass sie mit so einem Ding fliegen können!" meinte Mac triumphierend und bugsierte den Billionär in den Helikopter.
Xanatos seufzte ergeben, als sie ihm die Waffe gegen die Schläfe drückte und startete den Motor.
Sein Sekretär stand inzwischen mit leicht besorgten Ausdruck ein Stück neben der Maschine und beobachtete sie beim starten. Mac wusste sehr wohl, wie ungeschickt sie sich verhielt, aber sie war weder zum Verbrecher noch zum Entführer oder Geiselnehmer geboren, sondern eine einfache Programmiererin.
Auch der Flug verlief aussergewöhnlich ruhig. Irgend wie hatte Mac vermutet, dass bald ein Polizeihubschrauber aufkreuzen würde oder sonst etwas, dass sie stoppen würde, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen landeten sie im Privatabschnitt des J. F. Kennedy Flugplatzes und konnten sogar ohne Probleme in den bereitgestellten überdurchschnittlich großen Privatjet von Xanatos einsteigen.
„Hören Sie", sagte Xanatos, nachdem er die Luke geschlossen hatte, „Sie müssen dem Pilot jetzt endlich sagen, wohin wir fliegen."
„Der Tank ist doch hoffentlich voll, oder?" fragte Mac anstatt direkt zu antworten.
„Ja", nickte der Billionär.
„Und das ist doch eine von Ihren neuen Wundermaschinen, hm?"
„Wenn man es so nennen will, ja", sagte Xanatos widerwillig.
„Okay, dann sagen Sie dem Pilot, dass wir nach ...", Mac hielt kurz inne und suchte kurz in ihrer Tasche nach der Visitenkarte, „ ... Paris fliegen."

„Wieso eigentlich nach Paris?" fragte Xanatos neugierig, als sie sich bereits in einer stabilen Höhe befanden.
„Ich wüsste nicht, dass Sie das was angeht", meinte Mac abweisend und fuchtelte kurz mit ihrer Pistole herum. „Und wehe Sie machen irgend welche Faxen."
„Habe ich nicht vor", lächelte der Billionär. „Aber eigentlich könnten Sie es mir sagen."
„Kennen Sie vielleicht einen gewissen Lennox MacBeth?" fragte Mac statt zu antworten.
Über Xanatos Gesicht huschte ein beunruhigender Schatten. „Naja", murmelte er dann.
„Was naja?" bohrte Mac weiter. Sie war nicht einmal mehr sehr überrascht darüber, dass Xanatos schon mal von Lennox MacBeth gehört hatte. Es würde sie nicht einmal mehr wundern, wären die beiden irgend wie verwandt ... oder steckten unter derselben Decke.
„Er ist, genauso wie ich, ein begeisterter Antiquitätensammler und wir sind uns schon einige Male über den Weg gelaufen um Geschäfte zu machen."
„So, so", meinte Mac spitz. „Antiquitäten also." Natürlich kaufte sie dem Billionär diese einfach zu durchschauende Lüge nicht ab.
„Wenn wir schon bei dem Thema sind, Sie kennen doch bestimmt auch eine Dominique Destine, nicht wahr?"
„Ja, aber dürfte ich fragen, wie sie jetzt auf Destine kommen?"
„Mit ihr hat alles angefangen", seufzte Mac. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass sie irgend etwas mit dem Ryan Mord zu tun hat."
„Ich dachte, Sie wären es gewesen", grinste Xanatos und hob dann besänftigend die Hände als Mac auffahren wollte. „Nein, natürlich waren Sie’s nicht."
„Gut, dass wir das geklärt haben", murmelte Mac, „aber erzählen Sie mir doch mal so ein bisschen was über diese ... Dominique Destine."
„Auch wenn Sie es mir nicht glauben, ich habe meine Prinzipien", lächelte Xanatos kalt.
„Ach?" giftete Mac. „Natürlich, Sie geben Monstern wie dieser ... Demona Unterschlupf und brüsten sich dann auch noch damit."
„Dass Demona bei mir lebt, habe ich nie gesagt", widersprach ihr Xanatos.
„Aber alle Gargoyles wohnen doch bei Ihnen", entgegnete Mac.
„Beileibe nicht alle. Woher wissen Sie überhaupt von Demona und Dominique Destine?"
„Das wollen Sie doch gar nicht hören", meinte Mac. „Außerdem ist alles ein wenig kompliziert."
„Nun, da wir die nächsten sechs Stunden sowieso weiter nichts zu tun haben", sagte Xanatos seufzend, „außer dass Sie mich bedrohen müssen ..."
Mac überlegte kurz und zuckte dann mit den Schultern. Was konnte es schon schaden, dem Billionär alles zu erzählen? Es war ja kein Geständnis. Sie setzte sich gegenüber Xanatos auf die gepolsterte Bank und ließ noch einmal ihren Blick in dem Privat Jet umherschweifen. Es war alles blitzblank geputzt und bis zur neusten Technologie modernisiert. Nach einigem Zögern begann sie langsam zu erzählen.
„Also alles begann eigentlich damit, dass mein Chef Ryan mir von Dominique Destine etwas ausrichtete. Ich sollte mich um sechs Uhr ..."

„Wirklich interessant", meinte Xanatos kurz nachdem Mac aufgehört hatte zu reden. „Und jetzt sind also alle hinter Ihnen her."
„Tja, das ist wohl das Los einer mutmaßlichen Mörderin und Entführerin", seufzte Mac und lehnte sich müde zurück. „Wie lange haben wir noch?"
„Leider noch immer fünf Stunden und dreißig Minuten", sagte der Billionär nach einem kurzen Blick auf die Uhr. „Aber haben Sie sich nie gefragt, wer Ihnen den Mord anhängen könnte, oder was Demona eigentlich von Ihnen wollte?"
„Natürlich habe ich mich das gefragt und zwar mehrere hundert Mal", meinte Mac niedergeschlagen. „Aber es will noch immer keinen Sinn ergeben ... meine Annahme war allerdings bisher, dass ..."
„Ja?" fragte der Billionär als sie nicht weiter redete.
„Das Sie etwas damit zu tun haben ... und ich bin eigentlich noch nicht davon abgekommen", sagte Mac dann dumpf.
„Aus welchem Motiv sollte ich handeln?" wollte Xanatos wissen.
„Nun, ich bin einige Male bei Ihnen eingebrochen", lächelte Mac bitter, „und jetzt weiß ich ja, dass Sie es schon die ganze Zeit wussten."
„Und jetzt glauben Sie, dass ich mich an Ihnen rächen will?", vermutete der Billionär.
„Tun Sie’s denn?" entgegnete Mac. Als Xanatos nicht darauf antwortete, meinte sie schließlich: „Ich würde es sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen, aber das Ryan sterben musste ..."
„Mit Ryan habe ich nichts zu tun", widersprach der Billionär und lächelte auf eine seltsame Weise und fast hätte Mac ihm schon vertraut. „Ich bin zwar - wie sagten Sie? - ein stinkreicher, skrupelloser Nichtsnutz, aber -"
„Mit Hand zur Kriminalität", fügte Mac grinsend hinzu.
„Aber", fuhr Xanatos fort und lächelte kurz, „ich mache nichts ohne Grund. Und Ryan wäre für mich absolut unwichtig."
„Außer Sie stecken mit dieser Demona unter einer Decke", bemerkte Mac. „Ryan war der einzige außer mir, der ihren Namen wusste. Sie hätten Ihn leicht umbringen lassen können, Sie hätten auch leicht einen anonymen Anruf machen können und zu letzt hätten Sie die Tatwaffe in meinem Apartment verstecken können."
Als Xanatos daraufhin nur die Schultern zuckte, fuhr Mac fort: „Allerdings verstehe ich dann eins noch immer nicht. Diese anderen Gargoyles, die sich mit Demona angelegt haben ..."
„Goliath und Brooklyn", sagte Xanatos dazwischen.
„Ja, von mir aus. Wenn die beiden Detectives mit diesem Goliath und dann mit Brooklyn geredet hat, dann muss doch herausgekommen sein, dass ich von Demona angegriffen worden bin."
„Also wenn ich Sie verdächtigen würde", dachte Xanatos laut, „würde ich mir folgendes denken: Entweder stecken Sie mit Demona unter einer Decke und wollten sich durch einen gespielten Angriff ein Alibi verschaffen und sind dann schnurstracks zum Firmengebäude gelaufen um Ryan umzubringen ... oder, eine etwas fragliche Vermutung, dass Sie nachdem Demona Sie angegriffen hat, wütend auf Ihren Chef waren, der Ihnen ja Dominique Destine vermittelt hat und einfach Amok gelaufen sind."
„Hm", machte Mac nachdenklich.
„Okay, das zweite ist vielleicht keine gute Erklärung, aber wenn Sie sich besonders dumm bei ihrem Verhör angestellt haben, dann kann die erste Theorie gut möglich sein", murmelte Xanatos nachdenklich.
„Na gut", meinte Mac, „aber was ist dann mit dem anonymen Anrufer?"
Der Billionär zuckte die Schultern. „Detective Maza wird sich das sicher irgend wie zusammenreimen. Vielleicht ein Arbeitskollege der Ihre Tat beobachtet hat, oder aber auch Demona, die sie jetzt aus irgend einem Grund verraten will. Aber das ist gar nicht so wichtig, wichtig ist die Tatwaffe mit den Fingerabdrücken in Ihrer Wohnung, das nicht sehr wasserdichte Alibi und vielleicht kramt man dann irgend wo noch ein Motiv aus ..."
„Und dann bin ich erledigt", sagte Mac niedergeschlagen.
„Naja, ich würde das nicht so krass sehen", versuchte Xanatos aufmunternd zu lächeln. „Schließlich sitzen Sie jetzt in einem Privat Jet nach Paris MIT einer Geisel."
„Am Flughafen warten sicher schon Tausend Beamte", seufzte Mac. „Das ganze war doch von Anfang an ein Himmelfahrtskommando."
„Sehen Sie das nicht so schwarz", grinste Xanatos. „Es wird schon wieder. Vielleicht eine Tasse Tee gefällig?"
„Eine ... was?" fragte Mac verdutzt.
„Eine Tasse grünen Tee", wiederholte der Billionär. „Frisch aus China."
„Äh ... wieso das jetzt?" murmelte Mac, die noch immer nicht ganz verstand.
„Das ist eines der wenigen Getränke, die ich immer auf Reisen pflege, dabei zu haben", erklärte Xanatos. „Und wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mir jetzt gerne eine Tasse machen und wenn Sie wollen, kann ich Ihnen auch gleich ..."
„Grüner Tee?" fragte Mac zweifelnd. Sie hatte von schwarzen Tee, Tee mit Milch, Früchtetee, heißem Wasser mit Butter und von anderen Arten gehört, aber grüner Tee?
„Sehr exquisit", nickte Xanatos. „Und noch dazu eine der besten Marken überhaupt. Für echte Teekenner ein Muss."
„Gut, dann -äh- nehme ich gerne eine", stotterte Mac verwirrt.
„Sie müssen nur ein wenig Geduld aufbringen", sagte Xanatos dann und stand vorsichtig auf, um Mac nicht zu provozieren. „Am besten schmeckt er eigentlich nur, wenn man das Wasser nach dem Kochen wieder auf 60 Grad abkühlen lässt."
Mac sagte darauf nichts, sie war einfach viel zu Baff, um irgend einen Kommentar abzugeben. Machte ihr gerade einer der reichsten Männer der Welt TEE?
Xanatos fummelte eine Zeitlang in einem kleinen, unscheinbaren Schränkchen herum, bevor er eine kunstvoll verzierte Teekanne dazugehörigen Tassen und Löffeln herausholte und dann noch ein kleines Säckchen, das stark nach einem unbekannten, aber durchdringenden Duft roch.
Verblüfft sah Mac weiter zu wie der Billionär Wasser in einen Behälter goss und es nach wenigen Sekunden zum Kochen brachte, wieder abdrehte und gute fünf Minuten wartete, bevor er ein paar gerollte Teeblätter sorgfältig in die Teekanne legte und dann aufgoss.
„Den ersten Aufguss können Sie vergessen", erklärte er dabei, als wäre er in einer Kochschule und nicht in einem Flugzeug und hätte eine Pistole aus sich gerichtet. „Erst beim vierten kommt dann der volle Geschmack heraus. Ab da ist es dann wieder absteigend. Aber die meisten Amerikaner und Europäer wissen das alles nicht zu schätzen. Nicht einmal die Engländer."
Es dauerte wirklich noch eine ganze Weile bis der grüne Tee fertig war. Skeptisch betrachtete Mac dann die Tasse, die Xanatos ihr hinstellte. Sie wusste sich nicht zu helfen, aber irgend wie hatte sie das Gefühl, dass etwas mit diesem Tee nicht stimmte. Womöglich wollte der Billionär sie damit betäuben.
„Betäuben?" fragte Xanatos unschuldig, als sie ihn darauf ansprach. „Ach was, grüner Tee hält wach und ich schätze, dass können Sie doch gut gebrauchen."
„Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich auf so einen uralten Trick reinfalle, wie?" meinte Mac leicht ärgerlich.
„Na gut, dann vertauschen wir eben die Tassen", schlug Xanatos vor. „Wären Sie dann zufrieden?"
„Drehen Sie sich um", verlangte Mac. „Ich werde die Tassen vielleicht vertauschen, vielleicht auch nicht."
Der Billionär wollte zuerst protestieren, sagte dann aber nichts und drehte sich grinsend um.
Mac dachte inzwischen fiebernd nach. Xanatos war sicher nicht auf den Kopf gefallen, er konnte sich gut denken, dass sie die Tassen vertauschte und vielleicht hatte er gerade deswegen in eigentlich seine eine Betäubungsmittel getan.
Sie hoffte, dass diese Vermutung richtig war und schob die Tassen einmal im Kreis, so dass sie am Schluss wieder ihre eigene hatte.
„Kann ich mich wieder umdrehen?" fragte Xanatos.
Mac bejaht und nahm dann die Teetasse in die linke Hand, ohne die Pistole von dem Billionär weg zurichten.
Xanatos grinste schief und meinte dann: „Keine Angst, ich mach schon keine Mätzchen."
Wie auf Kommando tranken sie beide gleichzeitig einen Schluck des lauwarmen Getränks.
„Und, wie schmeckt es?" fragte Xanatos, nachdem er die Tasse wieder weggestellt hatte.
Mac wusste nicht recht, wie sie darauf antworten sollte. Der Tee hatte einen fremdartigen Nebengeschmack gehabt, war aber alles in allem ganz gut, wenn nicht vielleicht ein wenig bitter gewesen.
„Gut und sehr interessant", meinte sie dann nachdenklich.
„Wirklich?" fragte der Billionär nach.
Mac nickte und unterdrückte ein leises Gähnen. Wie sollte sie nur den Rest des Fluges durchstehen, wenn sie jetzt schon müde war?
„Also, das hätte ich mir nicht gedacht", meinte Xanatos mit fast beleidigtem Unterton. „Ich finde, man hat das Xylon 51 ziemlich stark herausgeschmeckt."
„Was ist Xylon 51?" fragte Mac müde.
„Ein neues Betäubungsmittel", grinste Xanatos und fing Mac auf, als sie bewusstlos wurde und haltlos nach vorne kippte.

Als Mac wieder aufwachte, kam es ihr vor, als hätte sie endlich einmal ausgeschlafen. Allerdings fiel ihr im selben Moment wieder ein, WIE sie eingeschlafen war. Von diesem Gedanken nun ganz aus der Traumwelt katapultiert, öffnete sie erschrocken die Augen und setzte sich mit Schwung auf.
Ganz gegen Macs Erwartung, war sie weder gefesselt, noch irgend wo eingesperrt, sondern lag auf der weichen Bank des Privat Jets von David Xanatos. Und genau, wie vorher, als sie noch nicht bewusstlos gewesen war, saß der Billionär jetzt auf seinem Platz und grinste sie schräg an.
„Guten Morgen", begrüßte er sie.
„Was zum Teufel ...?" fragte Mac verwirrt und rutschte mit den Beinen von der Bank. Sie war trotz allem noch nicht wieder ganz wach. Außerdem hatte sie bereits jegliches Zeitgefühl verloren und ein ekelhafter Geschmack hatte sich in ihrem Mund breit gemacht.
„Hm?" grinste Xanatos überlegen.
Mac sagte nichts, sondern suchte kurz nach ihrer Pistole, die am Tisch lag und hob sie auf.
„Bitte, lassen Sie doch den Unsinn", meinte Xanatos nun. „Sie können doch sowieso nicht damit umgehen."
„Woher wollen Sie das wissen?" fragte Mac gereizt.
„Ganz einfach, weil die ganze Zeit über kein Magazin drinnen war", erklärte Xanatos und lächelte freundlich. „Sie hätten damit wohl kaum jemanden ernsthaft weh tun können. .... Außer Sie versuchen mich damit zu erschlagen."
„Und was sollte das ganze Affentheater dann?" wollte Mac wissen. Dieser Mann schaffte es tatsächlich sie vollkommen zu verwirren. Sie legte die Waffe schulternzuckend wieder weg und sah ihn wütend an.
„Meinen Sie jetzt den Tee?"
„Überhaupt alles."
„Irgend ein Trottel musste Ihnen doch helfen", lächelte der Billionär. „Und der Tee half nur, dass Sie sich endlich mal ausschlafen. Sonst wären Sie mir in Paris umgekippt."
„Aber wie konnten Sie eigentlich wissen, welche Tasse ich nehme?" bohrte Mac weiter.
„Das wäre mir zu riskant gewesen. In allen beiden Tassen war Xylon 51", erklärte Xanatos.
„Aber dann hätten Sie doch auch ..."
„Wen man vorher das Gegenmittel schluckt, kann absolut nichts passieren."
Mac knurrte ärgerlich und zog eine Grimasse. „Und wieso sind Sie plötzlich so nett zu eine mordenden Entführerin? Machen Sie sich einen Spaß daraus, meinen Chef umzubringen, mir das Ganze anzuhängen und schließlich wieder aus der Patsche zu helfen?"
„Ich handle aus ganz anderen Beweggründen", sagte Xanatos gespielt beleidigt, „was denken Sie eigentlich von mir?"
„Dann könnten Sie mir zufällig erklären, worum es hier eigentlich geht?" fragte Mac gereizt.
„Nein", beschloss der Billionär stur. „Sie werden sicher noch früh genug draufkommen."
„Wann denn?" meinte Mac spitz. „Nachdem oder bevor mich entweder ein Gargoyle zerfleischt, ein Anonymer erschießt oder ich am elektrischen Stuhl lande?"
„Interessante Auffassung der Situation", grinste Xanatos und stand dann langsam und bequem auf.
„Wo sind wir überhaupt?" fragte Mac und warf einen Blick durch die kleine Luke. Es war bereits wieder hell und draußen war eine menschenleere Betonebene zu erblicken. Wohl ein Flugplatz.
„In Paris, sagte ich doch schon", erklärte Xanatos ungeduldig. „Sie sollten ein bisschen besser zuhören lernen, aber jetzt kommen Sie schon!"
„Und wie spät ist es?"
„14 Uhr 23, aber kommen Sie jetzt."
Mac runzelte die Stirn und stand langsam auf. „So spät?" fragte sie zweifelnd.
„Vergessen Sie die Zeitumstellung nicht", meinte Xanatos und tippte auf die sicherlich tausend Dollar teure Quarzuhr an seinem linken Handgelenk.
„Natürlich", sagte Mac und folgte dem Billionär, während sie ihre Uhr umstellte. „Und darf man fragen, was jetzt als nächstes passiert?"
Xanatos wartete ungeduldig an der Ausstiegsluke, bis Mac fertig war und erklärte dann: „Von mir aus gehen Sie hin, wo Sie wollen. Sehen Sie sich Paris an oder machen Sie sonst was. Ich werde nicht Ihren Wachhund spielen. Das war einmalig, ich hoffe wir verstehen uns."
Irgend wie war Mac enttäuscht, als sie das hörte. Und auch leicht beunruhigt. Xanatos hatte vielleicht keine saubere Weste, aber mit seiner Hilfe wäre sie sich vor irgend welchen Gargoyles geschützt worden und mit ein wenig Glück hätte sie auch die Polizei vom Hals. Ganz alleine auf sich gestellt in einer Stadt, deren Sprache sie nicht konnte, fühlte sich Mac doch irgend wie hilflos. Vielleicht war Paris doch nicht so eine gute Wahl gewesen.
„Ach ja, und noch was", bemerkte Xanatos und trat aus der Luke hinaus an die frische Luft. „Ich bin ein rechtschaffener Bürger."
„Ja und?" wollte Mac wissen. Natürlich glaubte sie dem Billionär das nicht, aber sie verstand nicht genau, was diese Andeutung jetzt sollte.
„Genauso wie jeder andere tue ich nur meine Pflicht", erklärte Xanatos und ging, ohne Mac eines Blickes zu würdigen, die Treppe hinunter. „Auch der Polizei gegenüber."
Mac sog scharf die Luft ein. „Heißt das, dass Sie den Behörden melden werden, dass ich hier bin?"
„Wie gesagt, ich möchte da nicht in irgend einer Weise verdächtigt werden, aber", lächelte Xanatos kalt, „ich muss ja nicht jetzt sofort ein rechtschaffener Bürger werden."
„Wann?" fragte Mac geradeaus.
„Sie haben acht Stunden Zeit. Mehr kann ich mir nicht leisten."
„Wie großzügig", meinte Mac giftig und überholte den Billionär auf der Treppe. Die Sonne blendete sie zwar, aber sie genoss den blauen, wolkenlosen Himmel und die frische Luft, trotz der vorbei fliegenden Maschinen. Sie mussten wohl wieder auf einem privaten Teil des Flugplatzes gelandet sein, denn nirgends war ein Mensch zu sehen, nur einige wenige, verlassene Fahrzeuge standen herum. Vielleicht hundert Meter entfernt erhob sich das Flughafengebäude.
Und dann passierte das, mit dem Mac am wenigsten gerade in diesem Moment gerechnet hatte.
Jemand schoss.
Die Kugel prallte mit einem metallischen Geräusch an dem Geländer der Treppe ab und verfehlte Mac. Sie war im ersten Moment so geschockt, dass sie einfach nur dastand und sich ungläubig umblickte. Wer zum Teufel schoss auf sie? Gerade jetzt?
„Runter!" schrie währenddessen Xanatos hinter ihr und warf sich mit voller Wucht gegen sie.
Der Billionär prallte hart gegen sie, warf Mac zu Boden und in einem undurchschaubaren Knäuel rollten sie gemeinsam die Treppe hinunter.
Während Mac noch etwas benommen von dem Sturz liegenblieb, rappelte sich Xanatos schon wieder hoch und riss sie grob in die Höhe.
Ein zweiter Schuss verfehlte auch diesmal sein Ziel.
Und endlich erwachte Mac aus ihrer Trance. Sie riss sich von dem Billionär los, taumelte einige Schritte rückwärts und konnte durch einen dritten Knall endlich bestimmen, wo sich ihre Angreifer befinden mussten.
Ohne zu zögern rannte sie zum hinteren Teil der Gangway und suchte nach einer geeigneten Deckung. Diesmal hallte eine ganze Salve von Schüssen durch die sonst so friedliche Atmosphäre und einige Querschläger schlugen nur kurz vor Mac Funken. Als sie sich halb blind vor Panik umdrehte, erblickte sie Xanatos, der mit gezückter Waffe auf sie zulief.
„Verdammt, rufen Sie Ihre Leute zurück!" schrie Mac verzweifelt und wich vor dem Billionär zurück
Der jedoch erwiderte zuerst gar nichts, da er plötzlich genug damit zu tun hatte, sich vor den nächsten Schüssen in Sicherheit zu bringen und gleichzeitig zurück zuschießen. Als er endlich hinter der Treppe angekommen war, lehnte er sich keuchend gegen den Motor der Gangway.
Mac konnte sein Gesicht nicht genau im dunklen Schatten, den der Jet warf, erkennen, aber er sah trotz allem nicht sehr selbstzufrieden oder triumphierend aus.
„Das sind nicht meine Leute", sagte er dann keuchend und deutete mit der Waffe hinter sich. „Oder glauben Sie tatsächlich, dass ich sie dafür bezahle, mich zu erschießen?"
Mac war sich nicht sicher, was für ein Spiel Xanatos nun spielte, aber sie hatte keine andere Wahl, als mitzumachen.
Das bewiesen ihr auch die kleine Anzahl von Männern, die sich nun aus dem Schatten einer eigentlich verlassenen Gangway lösten und im Lauftempo auf sie zukamen. Dabei feuerten sie hin und wieder einige Warnschüsse ab, die zwar nicht sehr gezielt waren, jedoch die Drohung deutlich machten.
„Weg hier!" rief Mac erschrocken auf, als sie das sah und drehte sich um, um in Richtung des Flughafengebäudes zu laufen.
„Nichts da", meinte Xanatos, der langsam wieder zu Atem zu kommen schien und sie mit eisernem Griff festhielt. „Wenn wir ohne Deckung da rausrennen, dann schießen die uns schneller ab, als ich bis zwei Zählen kann."
Obwohl sich Mac noch kurze Zeit gegen seinen Griff wehrte, zog er sie anscheinend ohne viel Anstrengung wieder in ihre Deckung zurück.
„Setzen Sie sich in die Fahrerkabine, ich gebe Ihnen Rückendeckung", meinte er dann herrisch.
Mac nickte schwach, warf noch einmal einen Blick auf die immer näher kommende Gruppe, vollkommen in schwarz gekleideter Männer und öffnete dann blitzschnell die Tür zum Fahrerhaus der Gangway.
Xanatos schoss inzwischen zweimal auf die unaufhaltsam näherkommenden Leute und kletterte dann hinter Mac in das Fahrerhaus, warf den Motor an und legte den Rückwärtsgang ein.
„Ach ja, und noch was", meinte er bevor er aufs Gas stieg.
„Ich weiß, ich weiß, schnallen Sie sich an", seufzte Mac.
„Nein", grinste Xanatos, „ziehen Sie besser den Kopf ein."
Er trat grob aufs Gaspedal und fuhr ohne Rücksicht zu nehmen einfach durch die Gruppe hindurch. Leider hatten die Männer nicht so lange damit zu tun, auszuweichen, wie Mac gehofft hatte, denn schon nach wenigen Sekunden prasselte ein wahres Feuerwerk an Munition über sie nieder. Mac machte sich mit einem entsetzten Aufschrei so klein wie möglich und auch Xanatos zog bestürzt den Kopf ein, als die in wenigen Sekunden vollkommen durchlöcherte Frontscheibe zerbrach und die einzelnen, rasiermesserscharfen  Splitter auf die fielen.
Aber anstatt auf das rettende Flughafengebäude zuzusteuern, entfernte sich der Billionär immer weiter von ihm. Hinter ihnen wurden die Schüsse schon leiser und auch weniger.
„Wohin fahren Sie denn?" fragte Mac in heller Panik. Sie war sich nicht sicher, ob sie nicht vielleicht irgend wo ein überzähliges Loch hatte, aber die bloße Vorstellung diesen ersten Angriff überlebt zu haben, stimmte sie ein wenig optimistisch.
„Sie glauben doch nicht tatsächlich, dass das alles war?" meinte Xanatos wütend und schüttelte die Scherben ab.
„Was soll das wieder heißen?"
„Sehen Sie doch einfach mal aus dem Fenster!" sagte der Billionär düster.
Und endlich verstand Mac, was er meinte. Aus dem Schatten des riesigen Gebäudes lösten sich plötzlich zwei dunkle Wagen, die allemal schneller schienen als die Gangway, mit der sie sich vor den schießwütigen Männern in Sicherheit gebracht hatten. Wären sie dorthin gefahren, hätten sich diese Autos nicht einmal die Mühe machen müssen, anzuspringen.
„Oh ... und jetzt?" fragte Mac stockend. Der Wind blies ihr ziemlich stark ins Gesicht, da Xanatos nun schon das Gaspedal durchtrat und keine schützende Scheibe mehr da war.
„Wir müssen auf den öffentlichen Teil des Flughafens", erklärte er. „Dort können wir untertauchen."
Doch recht simpel, dachte Mac und zuckte mit den Schultern. Vor ihnen tauchte ein Absperrung in Form eines gespannten Seiles mit einigen Hinweisschildern auf. Xanatos machte jedoch keine Anstalten langsamer zu werden und Mac konnte sich gut vorstellen, dass ihre Verfolger schon ziemlich nah heran gerückt waren. Sie überfuhren die Sperre ohne größeren Aufwand und fanden sich am offiziellen Teil wieder. In einer geordneten Reihe standen da zuerst kleine Privatflugzeuge und dann immer größerer Passagiermaschinen. Xanatos fuhr eine große Schleife an ihnen allen vorbei und Mac merkte, dass er es jetzt nicht mehr ganz so eilig zu haben schien. Natürlich, denn eine Gangway fiel hier nicht auf, aber zwei fremde Wagen sehr wohl.
Dann entdeckte Mac endlich das, nachdem sie schon die ganze Zeit lang Ausschau gehalten hatte: Eine Maschine, die gerade gelandet war und aus der jetzt die ersten Passagiere kamen.
Auch der Billionär schien das zu sehen, denn er wurde deutlich langsam und hielt dann ganz.
„Laufen Sie, aber versuchen Sie trotzdem so unauffällig wie möglich zu sein", riet er ihr und sah kurz aus dem Seitenfenster nach hinten. Er machte einen besorgten Eindruck, stieg dann aber langsam aus.
Mac folgte ihm leicht gebückt und sah sich kurz um. Nicht weit entfernt hinter ihnen rollten fast im Schrittempo zwei dunkle Wagen heran. Keine zwanzig Meter vor ihnen stiegen gerade einige Leute aus einem Flugzeug aus und gingen gemächlich zu einem Transportbus. Dorthin mussten sie. Und sie schafften es auch.
Anscheinend war niemand sonderlich aufmerksam und auch die beiden Wagen, die näher kamen, unternahmen nichts. Es wäre auch ein wenig auffällig gewesen mitten in einen Haufen Touristen zu schießen.
So gelangten sie sicher zum Flughafengebäude. Xanatos sagte während der ganzen Fahrt kein Wort und auch seine Miene schien ausdruckslos. Er hatte seine Waffe wieder verschwinden lassen, aber Mac zweifelte nicht, dass er sie gut einzusetzen wusste.
Ein wenig verwunderte sie es dann aber schon, als niemand sich die Mühe machte, nach dem Pass zu verlangen. Als sie den Billionär darauf ansprach, erklärte der mit kurzen Worten: „Das war ein deutsches Flugzeug. In der EU wird nicht kontrolliert."
So wäre wohl auch dieses Problem gelöst gewesen. Auch sahen sie trotz aller Vorsicht keine Männer mit Pistolen wieder. Es kam Mac irgend wie gespenstisch vor, dass mit einem Mal der ganze Spuk wieder vorbei war. Eigentlich folgte sie nur noch Xanatos, der quer durch die große Eingangshalle marschierte und dann plötzlich stehen blieb.
„So", sagte er dann kalt, „ich muss Sie jetzt bitten, zu gehen."
Als Mac ihn nur verdutzt musterte, zog er sie näher zu sich heran und drückte ihr plötzlich den Lauf seiner Waffe unauffällig in die Magengrube.
„Bevor ich sie aus Notwehr erschießen muss."

Drei Stunden später hatte Mac sich die Haare schneiden lassen, ein Ticket nach Kairo besorgt und sich ein wenig in Paris umgesehen.
Sie hatte noch gut fünf Stunden Zeit, bevor Xanatos der Polizei verriet wo sie war, aber in vier Stunden würde bereits ihr Flug nach Ägypten gehen. Bis dahin wollte sie noch etwas erledigen, denn sie war schließlich nicht nur aus Willkür nach Paris geflogen.
Nachdem sie bei einer Bank einen größeren Geldbetrag abgehoben hatte, machte sich Mac auf den Weg zur Rue St.-Dominique, wo sie hoffte, ein paar Antworten zu finden. Was der Name MacBeth mit dieser ganzen verworrenen Geschichte zu tun hatte, war noch eines von vielen ungelösten Rätseln. Auf jeden Fall durfte sie sich nicht allzu viel Zeit lassen, denn trotz allem war sie noch immer eine gesuchte, mutmaßliche Mörderin und anscheinend war ihr noch irgend wer anderer auf den Fersen, außer die Polizei.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer war Mac allerdings noch geblieben, denn es konnte auch sein, dass die seltsamen Männer am Flughafen es nicht auf sie, sondern auf Xanatos abgesehen hatten. Aber insofern war das ganze genauso unklar, wie alles andere.
Was sie jedoch in diesem Moment am wenigsten erwartet hatte, dass sie hier, auf einer breiten Einkaufsstraße kurz vor der Rue St.-Dominique den Namen „MacBeth" plötzlich laut und deutlich vernahm.
Mac drehte sich erschrocken im Kreis und hielt nach möglichen bewaffneten, düsteren Gestalten oder der Polizei von Paris Ausschau, aber anscheinend war nicht sie gemeint gewesen. Sondern der Lennox MacBeth, der hier wohnt, schoss es ihr durch den Kopf.
Zwei heftig diskutierende Männer überholten sie gerade in diesem Moment. Der eine war eher älter, durchschnittlich groß gewachsen, hatte graues, dichtes Haar und, wie Mac kurz bevor er sie überholt hatte, erkannte, einen etwas seltsam geschnittenen Bart.
Der andere neben ihm war wesentlich kleiner und auch dicker, hatte eine Mönchsglatze und starke Brillen auf. Und, was Mac besonders an der witzigen Figur auffiel, er sprach ein unangenehm schrilles Französisch.
Gerade dieser kleine Mann wiederholte in diesem Moment den Namen MacBeth, wenn auch in einer stark veränderten, französischen Form und fuchtelte dabei wieder mit seiner freien Hand herum, in der anderen trug er einen kleinen Aktenkoffer.
Mac beschloss den beiden zu folgen und versuchte inzwischen ihre längst eingerosteten Französischkenntnisse wieder aufzuwecken. Die Wortfetzen, die sie jedoch verstand, waren alles andere als beruhigend. Zweimal fiel der Name Dominique Destine und einmal erwähnte der kleine Dicke etwas von Hochzeit und gestikulierte dabei so heftig, dass Mac schon fast glaubte, er würde seinem Gesprächspartner, der viel ruhiger schien, ein Auge ausstechen wollen. Mac vermutete, dass der größere wahrscheinlich MacBeth war, irgend wie schien der Name sogar auf ihn zu passen.
Tatsächlich gingen die beiden, weiterhin in ein sehr angeregtes Gespräch verwickelt, auf direktem Weg in die Rue St.-Dominique. Soviel Mac verstand, regte sich der kleine besonders über eine gewisse Namensänderung des andere auf. Andauernd wiederholte er den Namen MacBeth und dann wieder MacDought und umgekehrt. Es schien ihn auch besonders zu wurmen, dass anscheinend irgend etwas mit der Hochzeit zwischen MacBeth oder besser gesagt MacDought und Dominique Destine nicht geklappt hatte und nun etwas revidiert werden müsse. Aber so sehr sich Mac auch anstrengte, mehr war aus ihrem mehr als begrenzten Französischwortschatz nicht herauszubekommen.
Außerdem musste sie immer weiter zurückbleiben um nicht aufzufallen, da je näher sie dem Anwesen von MacBeth kamen, desto weniger Leute ließen sich auf den Straßen blicken.
Schließlich beschloss Mac den beiden nicht weiter zu folgen, aber sie waren anscheinend sowieso schon angekommen. Es war ein großes, sehr prachtvolles Haus, dass nach einer Vermischung von Moderner Kunst und Romantik aussah. Mac vermutete, dass sich dahinter noch ein kleiner Garten befinden musste, da ein kleiner Weg zwischen dem Nachbarhaus und MacBeths nach hinten führte. Sie staunte noch einmal kurz über das anscheinend sehr reiche Anwesen und beschloss dann sich zurückzuziehen und zu überlegen, was sie als nächstes machen würde.
In einem kleinen Café nahe des Eifelturms und wahrscheinlich auch deshalb so teuer, dachte Mac über alles noch einmal genau nach und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Sie traute sich nicht, diesen MacBeth direkt auf Dominique Destine anzusprechen, denn so wie es aussah, hatte er irgend eine Beziehung zu ihr und wenn sie das Wort Hochzeit richtig gedeutet hatte, dann gehörte MacBeth wohl doch eher zu den Leuten , vor denen sie sich hüten musste. Am Ende arbeitete er mit dem Monster zusammen und wartete nur darauf, dass sie auftauchte.
Allerdings wollte Mac es nicht darauf beruhen lassen, dass dieser Mann zu Demona gehörte und damit die Sache gelaufen war und sie nach Kairo fliegen konnte. So schnell würde sie sicher nicht aufgeben.
Anstatt wieder zurück zum Flughafen zu fahren, beschloss Mac noch ein wenig nachzuforschen, wenn auch nicht auf ganz legalem Wege. Aber was machte das jetzt noch aus? In die Kriminalität war sie doch schon längst, wenn auch unfreiwillig, geschlittert. Ein Einbruch mehr oder weniger würde das Kraut auch nicht fett machen. Außerdem, wenn sie ein wenig geschickt vorging, dann würde vielleicht niemand bemerken, dass jemand diesen MacBeth belauscht hatte. Aber vielleicht würde sich doch noch einiges klären. Mac hoffte nur inständig, dass der Mann nicht wieder die ganze Zeit Französisch sprechen würde.

Nun gut. Mac hatte sich die Sache nicht ganz so einfach vorgestellt, aber anscheinend legte dieser reiche Herr nicht allzu viel wert auf Alarmanlagen. Der Zaun war nicht gesichert gewesen, keine Hunde in dem Garten hinter dem Haus und keine Lasersperren oder elektrische Absperrungen.
Dafür musste sie jetzt nur noch diese Fassade hinaufklettern und sich darauf verlassen, dass in dem Haus keine Muskelprotze mit schwarzer Sonnenbrille herumrannten.
Sie zog sich schweratmend hoch und suchte nach einem guten Halt, bevor sie das Gewicht auf den rechten Fuß verlagerte. Ihre Hände zitterten schon eine ganze Weile, waren schweißnass und eiskalt. Überhaupt meinten ihre Nerven mal wieder, dass es Zeit wäre, sie mal ordentlich zu überspannen. Das noch ungewohnte kurzgeschnittene Haar hing ihr außerdem andauernd ins Gesicht und sie hatte mehr Zeit damit verloren sich die Stirnfransen aus dem Gesicht zu pusten, als weiterzuklettern.
Und sie hatte nicht gerade unbeschränkt Zeit. In zwei Stunden ging ihr Flug und den wollte sie um keinen Preis verpassen, selbst wenn sie sich vielleicht ein wenig auffällig aus dem Staub machen musste.
Endlich erreichte sie das einzig offene Fenster und zog sich mit einem erschöpften Keucher hoch. Es war doch ziemlich anstrengend bis in den zweiten Stock hinauf zu klettern. Trotzdem lugte sie bevor sie sich auf das Fensterbrett setzte vorsichtshalber in den dunklen Raum.
Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass auch niemand im Schatten der riesigen Bücherwände stand, zog sie sich mit letzter Kraftanstrengung in den Raum und ließ sich so leise wie möglich auf den blank geputzten Parkettboden herunter. Ihre Sportschuhe schabten leise auf dem Holz.
Mac stockte der Atem und sie sah sich hastig in alle Richtungen um. Nichts. Anscheinend hatte niemand etwas gehört.
Mit pochendem Herzen ging sie auf der rechten Seite aus dem Raum und weiter einen langen, hin und wieder von alten Lampen erleuchtenden Gang entlang auf dem zu beiden Seiten alte Gemälde hingen. Sie wunderte sich, dass noch immer nichts zu hören war. Lebte dieser MacBeth in diesem riesigen Haus etwa alleine oder ... noch besser, vielleicht war gar niemand hier.
Etwas enthusiastischer schritt Mac weiter aus und durchquerte einen weiteren, mit Büchern und Gemälden vollgestopften Raum. Ja, Xanatos hatte recht gehabt, dieser MacBeth war ein Kunstsammler.
Ein leises Knistern vor Mac ließ sie erschrocken stehen bleiben. Es knisterte weiterhin auf eine beruhigende, einschläfernde Art, die sie zuerst nicht ganz einordnen konnte. Vorsichtig presste sie sich an die linke Wand des Ganges, der in ein großzügig eingerichtetes, großes Zimmer endete. Und hier war jemand.
Mac sah die Umrisse des grauhaarigen Mannes von vorhin in einem angenehm aussehenden Ohrensessel sitzen. Ein Feuer knisterte leise und beruhigend vor sich hin und war die einzige Lichtquelle in diesem Raum. Über dem Feuer hingen zwei ungefähr armlange, nicht sehr kunstvolle Schwerter gekreuzt und darüber das Gemälde eines dunkelgrünen Waldes.
Auf der linken Seite ersetzte ein kunstvolles Glasfenster die große Wand und gab den Blick auf einen angenehm dunkelblauen Himmel und die ruhige Straße frei.
Ansonsten sah Mac wieder Bücher, Bücher und noch einmal Bücher und einen großen Globus in einer Ecke stehen.
Sie duckte sich vorsichtig und versuchte kein weiteres Geräusch zu machen. Vielleicht war dieser MacBeth ja auch schon eingeschlafen. Am besten sie zog sich von hier wieder zurück und suchte weiter nach einem Arbeitszimmer oder ähnlichem, wo sie vielleicht mehr Informationen finden würde.
Nach einer nervenaufreibenden Durchquerung des gesamten Hauses fand Mac endlich ein kleines Arbeitszimmer im ersten Stock. Tatsächlich war sie nirgends mehr auf einen anderen Menschen gestoßen, aber das beruhigte sie ganz und gar nicht. Mac war keine Einbrecherin, aber sie hatte das merkwürdige Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte.
Sie umrundete den Schreibtisch, der zwar sauber aufgeräumt zu schien, auf dem sich aber auf beiden Seiten die Papiere stapelten. Leise schaltete sie die Schreibtischlampe an und nahm willkürlich ein Blatt von einem der Stapel.
Natürlich war es Französisch, was sonst?
Es schien sich um einen sachlichen Brief zu handeln in dem es wieder einmal um MacBeth und MacDought ging. Da Mac wesentlich besser Französisch lesen, als hören konnte, verstand sie endlich worum es hier eigentlich ging. Anscheinend hatte MacDought seinen Namen umändern lassen in MacBeth. Warum das allerdings ein Problem war, verstand sie deshalb noch lange nicht.
Achtlos legte sie das Blatt wieder weg und nahm ein anderes auf, in dem es aber nur um irgend welche finanziellen Angelegenheiten ging und sie hatte noch nie einen Sinn für Buchhaltung gehabt. Auch auf den nächsten Blättern hatte sie kein Glück mehr herauszufinden, jedoch nachdem der Schreibtisch sich nun tatsächlich mit ihrer Hilfe in einen Saustall verwandelt hatte, fand sie doch noch etwas interessantes.
Es schien sich ebenfalls um einen Brief vom selben Absender zu handeln, aber diesmal ging es nicht direkt um MacBeths Namensänderung, sondern um die Hochzeit zwischen ihm und einer gewissen Dominique Destine. Oder besser gesagt um die geplante Scheidung.
Was Mac diesmal las, erstaunte sie über alle Maßen. So wie es aussah, wollte sich MacBeth von ihr scheiden lassen, jedoch ging das nicht so einfach. Da stand irgend etwas von einer benötigten Einwilligung von Destine und dass das ganze überhaupt furchtbar kompliziert sei, wegen der Namensänderung. Anscheinend hatte es dieser MacBeth nicht gerade viel mit Bürokratie am Hut.
Ein Geräusch ließ Mac auffahren. Sie hatte sich so in die Übersetzung vertieft, dass ihr nichts anderes mehr aufgefallen war. Aber, hatten ihre Sinne wieder einmal einen Streich gespielt oder war dieses Geräusch von Schritten doch gefährlich nahe gewesen?
Hastig legte Mac das Blatt Papier weg und schaltete die Lampe aus. Fieberhaft versuchte sie ein verdächtiges Geräusch ausfindig zu machen, aber es gelang ihr nicht. Vielleicht war es doch nur Täuschung gewesen?
Leicht geduckt verließ sie das Zimmer und sag sich ängstlich nach allen Seiten um, bevor sie einen Blick auf ihre Uhr riskierte. Sie hatte noch gute eineinhalb Stunden. Nervös und ziemlich zittrig schlich sie den Gang zurück, den sie gekommen war und blickte sich wieder um. Nichts.
Mac kam wieder in die große Eingangshalle mit der Galerie zwei kleinen Treppen, die an beiden Seiten nach unten führten. Sie beschloss die Stiegen hinunterzugehen und sich vielleicht in der Küche nach einem Lieferanteneingang umzusehen.
Was sie jedoch in diesem Moment am wenigsten erwartete, war eine unangenehme Spitze die plötzlich in ihren Rücken gedrückt wurde.
„Vous êtes qui?" fragte eine tiefe Männerstimme, die Mac als die des grauhaarigen Mannes erkannte.
Im ersten Augenblick war sie überhaupt wie vom Donner gerührt, vor allem, weil sie keine Ahnung hatte, was MacBeth sie gefragt hatte.
Aber anstatt eine Antwort abzuwarten, ließ sie der Mann ein Stück nach vorne stolpern, kam aber nicht nach. Mac drehte sich hastig zu MacBeth um, und erkannte, dass er sie mit einem der beiden Schwerter aus dem Raum mit dem Kamin bedrohte.
Das andere warf er ihr in diesem Moment ohne Vorwarnung zu und bevor sich Mac die Finger abhackte, bei dem Versuch das Schwert zu fangen, ließ sie es lieber zu Boden poltern.
Und dann griff MacBeth an.
Mac hatte gerade noch genug Zeit, sich unter dem Schwerthieb wegzuducken, verlor jedoch das Gleichgewicht und fiel haltlos auf die Knie. Ohne weiter über die etwas konfuse Lage nachzudenken, hob sie hastig das zu Boden gefallene Schwert auf und versuchte damit den zweiten Schlag zu parieren.
Doch anstatt es in einer eleganten Schleife hochzureißen, verrenkte sich Mac fast die Schulter und musste abermals den Kopf hastig einziehen, als die Klinge haarscharf über ihr vorbeizog.
Der Angreifer lachte belustigt auf und trat ein Stück zurück, wahrscheinlich nur um ihr genügend Zeit zu geben, das Schwert wieder aufzuheben.
Mac staunte selbst über das Gewicht ihrer Klinge, doch allem Anschein nach, war dieser verrückte MacBeth gerade in der Laune mit Einbrechern kurzen Prozess zu machen, oder er hatte einfach nichts besseres zu tun, als sich zuerst mit ihr zu duellieren und sie dann erst recht der Polizei auszuliefern. Etwas wacklig kam sie wieder auf die Beine und versuchte einen sicheren Stand zu bekommen.
So wie es aussah, war MacBeths Geduld sofort, nachdem sie sich aufgerappelt hatte, wieder am Ende und diesmal stach er noch energischer zu.
Mac jedoch machte nur einen hilflosen Hüpfer rückwärts, prallte gegen das Geländer und versuchte einen eleganten Schlag zu parieren, ohne gleichzeitig den Halt zu verlieren. Das Holz in ihrem Rücken knarzte protestierend, als sie immer weiter dagegen gepresst wurde. MacBeths Klinge berührte schon fast ihr Gesicht und bald würde ihre Kraft endgültig nachlassen. Aber anstatt bis zum bitteren Ende gegen das Schwert zu halten, drehte sich Mac kurz bevor alle Kraft aus ihren Muskeln wich, zur Seite und stolperte sofort wieder als das Gewicht ihres Schwertes sie hinunter zog.
MacBeth schien aus irgend einem Grund damit nicht gerechnet zu haben, konnte seine Kraft nicht  mehr ganz zügeln und spaltete das kunstvolle Holz des Stiegengeländer. Mac hingegen wartete nicht darauf, dass sein Schwert wieder voll einsatzfähig war und rannte so schnell sie konnte an ihm vorbei zur Treppe.
Bevor sie die erste Stufe erreichte, spürte sie einen plötzlichen Lufthauch, drehte sich im Laufen um und riss mit verzweifelter Anstrengung ihr Schwert wieder hoch. Nicht zu früh, denn diesmal hätte MacBeth wahrscheinlich sein Ziel gar nicht verfehlen können, so stark wie der Schwung war. So aber leitete Mac seine Kraft etwas geschickter als zuvor ab und hätte es fast geschafft, ihm das Schwert aus der Hand zu schlagen. Aber so einfach war es nun auch wieder nicht.
Sie stand nämlich gerade an der Kante der ersten Stufe und verlor endgültig das Gleichgewicht, als sie MacBeths Schlag parierte. Ihr eigenes Schwert riss sie nach hinten und endlich wurde Mac bewusst, wie schmerzhaft ein Sturz eine Stiege hinunter sein konnte.
Irgend wo polterte die Klinge zu Boden kurz bevor sie unten aufprallte. Kurz wurde Mac schwarz vor Augen, aber ein ekelhafter Schmerz in ihrem Rücken ließ sie nicht bewusstlos werden. Im Gegenteil.
Mac fuhr erschrocken hoch und tastete hinter sich. Sie war anscheinend auf ihrem Schwert liegen geblieben. Ein blauer Fleck mehr, aber was machte das schon wenn man am selben Tag schon zweimal eine Treppe hinunter gekullert war?
Oder wenn da gerade ein Wahnsinniger mit Schwert die Stiege hinunter kam ...
Hastig hob sie wieder ihr Schwert auf und wehrte sich verzweifelt gegen den dritten Angriff. Diesmal schien MacBeth es nicht auf Stärke sondern auf Schnelligkeit angelegt zu haben, denn zuerst stach er einfach nach vorn und drängte Mac zurück. Sie aber versuchte seinem Schlag den Schwung zu nehmen, taumelte noch einen Schritt rückwärts und musste dann auf der rechten Seite parieren. MacBeth grinste spöttisch als er auch auf der linken Seite abgehalten wurde und vollführte eine elegante Schleife nach oben.
Noch einmal konnte Mac den nicht sehr harten Schlag abhalten, aber sie war bereits an ihrem Limit angekommen. Ihr Atem ging schnell und abgehackt und ihr Herz raste als würde sie einen Marathon laufen, ganz abgesehen davon, dass ihr T-Shirt schon schweißnass war.
Auch MacBeth schien das zu sehen, denn er drängte sie mit noch ein paar nicht sehr ernsten Hieben weiter rückwärts und schleuderte ihr dann mit einer Eleganz und Leichtigkeit das Schwert aus der Hand, die Mac selbst jetzt noch staunen ließ.
Irgend wie war sie erleichtert. Ihre Arme waren bereits völlig kraftlos und die Waffe war wirklich unzumutbar schwer gewesen. Was in Hollywoodfilmen so lässig aussah, war in Wirklichkeit schwerer als Hammerwerfen.
Am liebsten hätte Mac sich jetzt einfach hingesetzt um wieder zu Atem zu kommen, aber MacBeth ließ ihr diesen Luxus nicht. Stattdessen hob er sein Schwert gegen ihr Kinn und presste es erbarmungslos zurück.
Mac legte hilflos den Kopf in den Nacken bis sie nicht mehr weiter konnte und krächzte dann ein verzweifeltes „Stopp!".
MacBeth hörte nicht sofort auf, sondern ritzte noch ein kleinen Kratzer in ihren Hals bevor er stoppte, aber er zog das Schwert nicht zurück.
„Noch einmal: Wer sind Sie?", fragte er drohend, diesmal aber auf Englisch.
Wahrscheinlich hatte sich Macs Stopp einfach zu Amerikanisch angehört um Französisch zu sein.
„Ich kann so nicht reden", brachte sie keuchend heraus. Tatsächlich war es ihr fast unmöglich eine verständliche Silbe herauszubringen.
Als er aber trotzdem keine Anstalten machte, sie aus ihrer misslichen Lage zu erlösen, sagte sie schließlich krächzend: „Sarah MacBeth."
„MacBeth?" fragte der grauhaarige überrascht und nahm nun doch das Schwert von ihrer Kehle.
Mac seufzte erleichtert auf und sah MacBeth das erste Mal wirklich ins Gesicht. „Ja", meinte sie müde und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Ihr Gegenüber schien bei ihrem Anblick noch mehr überrascht, als bei ihrem Namen. Er sengte vollständig seine Waffe und starrte Mac noch weitere zwei Sekunden fassungslos an.
„Gruoch?" fragte er dann völlig entgeistert.
„Wer bitte ist Gr -" wollte Mac wissen, aber ein starker Arm, der sich plötzlich um ihren Hals legte, schnitt ihr nicht nur das Wort sondern schnürte ihr auch die Luft ab. Gleichzeitig wurde sie fest gegen einen Körper hinter sich gedrückt, dem wohl auch der Arm gehörte und gleich einige Zentimeter in die Luft gehoben. Wer immer auch hinter ihr stand, musste ein ganzes Stück größer sein als Mac.
Was ihr allerdings im Moment ziemlich egal war, denn sie bekam nun wirklich keine Luft mehr und versuchte sich mit verzweifelter Anstrengung aus dem Griff zu befreien und zappelte hilflos in der Luft.
„Demona!" schrie MacBeth erschrocken und hasserfüllt zugleich auf und riss sein Schwert, zum Zuschlagen bereit, wieder in die Höhe.
Eine ganze Menge sarkastische Gedanken überrollten Mac in dem Moment, in dem sie den Namen des Gargoyles hörte. Vom Regen in die Traufe ...
Demona drückte ihr im selben Moment, wie MacBeth das Schwert hoch riss, eine Waffe gegen die Schläfe.
Witzig, dachte Mac, der nun wirklich der Sauerstoff ausging. Sie würde wahrscheinlich im selben Moment ersticken, erschossen und erstochen werden. Auch eine Art zu sterben.
Aber anscheinend schien auch Demona das im selben Moment zu bemerken, denn sie lockerte ihren eisernen Griff fast unmerklich, aber doch genug, dass Mac wieder Luft zum husten bekam.
„Demona, was macht du hier?" fragte MacBeth scharf, ohne zuzuschlagen, aber auch ohne seine Waffe wieder herunterzunehmen.
Mac konnte nicht sehen, wie der Gargoyle nun reagierte, aber die boshafte Stimme verhieß wohl nichts gutes: „Meinen Glücksbringer einfangen, MacBeth."
„Lass Sie los!" befahl der grauhaarige Mann herrisch. „Sie hat mit der ganzen Sache nichts zu tun!"
Diesmal lachte Demona auf eine wirklich ... dämonische Weiße.
„Wir beide wissen, dass das nicht stimmt", meinte sie dann hämisch. „Sieh sie dir doch an!"
Mit diesen Worten riss der Gargoyle Macs Kopf unsanft nach hinten, wahrscheinlich, damit MacBeth sich noch einmal an dem Anblick eines durchgeschwitzten, halb erwürgten Menschen erfreuen konnte.
„Das ist Gruoch", sagte der Gargoyle schließlich, ließ Macs Kopf wieder los und drückte ihr abermals eine Waffe gegen die Schläfe.
„Das kann nicht Gruoch sein", entgegnete MacBeth mit zittriger Stimme. Er versuchte ruhig und gelassen zu klingen, aber das mißlang ihm kläglich. „Lass sie gehen!"
„Und damit riskieren, dass du mich tötest?" Demona lachte wieder, völlig humorlos. „MacBeth, ich bin enttäuscht von dir. Wir kennen uns jetzt schon so lange und du glaubst tatsächlich, dass ich so dumm wäre meinen größten Trumpf einfach gehen zu lassen?"
„Sie wird mich nicht aufhalten, dich zu töten", meinte MacBeth stur.
„Gut dann töte mich", forderte Demona ihn auf. „Aber sei gewiss, dass sie mit uns stirbt!"
Und tatsächlich, der grauhaarige Mann ließ sein Schwert widerwillig sinken. Mac sah ihm dabei ungläubig zu. Worum es hier auch immer ging, anscheinend war sie ein Schlüsselfigur.
Demona fing wieder an zu lachen, so hämisch und grausam und es schien, als würde MacBeth dieses Lachen verletzen.
„Dann ist das jetzt geklärt", sagte der Gargoyle dann kalt und ging ein paar Schritte rückwärts, ohne Mac loszulassen, deren Füße noch immer ein paar Zentimeter über dem Boden baumelten.
MacBeth unternahm nichts dagegen und sah dem Monster nur wütend und hilflos nach, als sie in der Nacht verschwand.

Nach weiteren zwei Straßen, die Demona ohne Unterbrechung gelaufen war, ließ sie Macs Hals endlich los und ergriff sie dafür an den Handgelenken. Etwa benommen von dem Sauerstoffmangel blickte Mac sie zuerst teilnahmslos an, aber nach einigen Momenten klärten sich ihre Gedanken wieder.
„Um was geht es hier eigentlich?" fragte sie gerade aus.
Der Gargoyle sagte nichts darauf, sondern grinste nur spöttisch und zauberte plötzlich Handschellen hervor.
„Oder wer ist diese Gruoch?" wollte sie weiter wissen. Mac versuchte sich gar nicht zu wehren, sie wusste nur zu gut, dass ihr dieses Monster überlegen war.
„Du bist zu neugierig, Mensch", meinte Demona kalt und legte ihr die Handschellen ziemlich fest an.
„Ich will doch bloß wissen, was -"
„Gib dich damit zu frieden, dass du mit MacBeth verwandt bist", meinte der Gargoyle scharf und schubste Mac spielerisch. „Aber jetzt halte deinen Mund."
Demona sah sich einen Moment prüfend um, aber die Straßen waren zu Macs bedauern menschenleer. Das einzige, was ihr erst jetzt auffiel, war, dass sie sich direkt vor dem Eifelturm befanden. Und genau dorthin wollte der Gargoyle jetzt, wie es schien.
Das Monster ergriff Mac fest am Arm und schleifte sie geradeaus auf das riesige Gebilde zu. Mac brannten plötzlich noch mehr Fragen auf der Zunge, aber sie hatte genug Mühe mit dem Gargoyle mitzuhalten und außerdem war sie sich sicher, dass diese Demona auch gewalttätig werden würde, wenn sie nicht tat was sie befahl.
Jedoch kam sie nie dazu, Demona noch irgend etwas in dieser Nacht zu fragen.
Vielleicht fünf Meter vor einem der vier Standbeine des Eifelturms blieb der Gargoyle erschrocken stehen und sah sich in alle Richtungen um. Zwei Sekunden später erklang ein dumpfes Geräusch und etwas zischte an den beiden vorbei. Auch ohne besondere Waffenkenntnisse wusste Mac, dass jemand mit einem Schalldämpfer auf sie schoss.
Auch Demona schien zum selben Ergebnis gekommen sein, denn sie riss Mac blitzschnell vor sich und schrie wütend in die noch immer friedliche Nacht hinaus: „MacBeth! Du musst zuerst sie töten, um mich erschießen zu können!"
Anscheinend war das MacBeth - oder wer auch immer der Schütze war - ziemlich egal. Weitere drei, gefährlich nahe, dumpfe Schüsse erklangen. Der Gargoyle begriff, dass sie nicht weit mit Mac als Schutzschild kommen würde und schleuderte sie stattdessen von sich um nach ihrer Waffe greifen zu können.
Mac hingegen schlug mit einem schmerzerfüllten Keucher am Beton auf und blieb benommen liegen. Sie hörte nur das dumpfe Geräusch von weiteren Schüssen, aber auch wütendes Fauchen, dass von Demona kommen zu schien. Das alles drang nur leise und zäh in ihre Gedanken die langsam aber beharrlich von einer müden Dunkelheit überwallt wurden. Der Kampflärm, der Ausgang der Schießerei, das alles schien plötzlich so weit entfernt und so vollkommen belanglos.
Aber ein gleißend roter Lichtstrahl vereitelte den Wunsch ihres Unterbewusstseins, einfach das Bewusstsein zu verlieren Mit einem Schlag war sie wieder in der Wirklichkeit zurück und rollte sich auf den Rücken. Auf Macs Netzhäuten tanzten einige grelle Lichtpunkte und das gesamte Bild eines wild um sich schießenden Gargoyles und einiger seltsam dunkel gekleideter Leute war fast zur Unkenntlichkeit verschwommen und wackelte ohne Ruhe.
Stöhnend richtete Mac sich auf und schüttelte benommen den Kopf, doch weder das Rauschen in den Ohren, noch die seltsamen Lichtspiele wollten sich davon vertreiben lassen. Mit einigen Anfangsschwierigkeiten wegen der Handschellen stand sie schließlich wackelig auf und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Vielleicht zwanzig Meter vor ihr war Demona anscheinend in ein Handgemenge verwickelt, doch auch jetzt noch schoss sie mit ihrem Laser und vereinzelte Schüsse der Angreifer waren zu hören. So wie es aussah, nahmen weder die Männer in schwarzen Anzügen, noch der Gargoyle Notiz von ihr, also beschloss Mac zu flüchten.
Allerdings war das etwas komplizierter als sie es sich vorgestellt hatte. Der Aufschlag am Beton schien sie doch etwas mehr mitgenommen zu haben, als sie zugeben wollte. Alles drehte sich um Mac und zwei Mal wurde ihr schwarz vor Augen, erst dann setzte sie sich wirklich Bewegung, wobei sie aber nicht einmal wusste wohin sie laufen sollte. Ihre Orientierung hatte sich wahrscheinlich auch abgeschaltet.
Mac stolperte ein paar Meter weit, bis sie gegen etwas hartes, kaltes prallte und wieder benommen stehen blieb. Mit verschleiertem Blick erkannte sie den anscheinend aufgebrochenen Eingang zu der Treppe hinauf in den Eifelturm. Eigentlich wollte sie nicht dorthin hinauf, weil es praktisch eine Sackgasse war, aber als ihr plötzlich eine dunkle Gestalt aus der anderen Richtung entgegen kam, beeilte sie sich die ersten Stufen mit einem Satz zu nehmen.
Die vorne zusammengeketteten Hände behinderten sie bei dem hastigen Sprint die Stiegen hinauf und als sie schließlich bei der - ebenfalls aufgebrochen - Tür zum ersten Stockwerk ankam, war sie noch durchgeschwitzter als nach dem Schwertkampf mit MacBeth.
Sie lehnte sich kurz keuchend gegen den Türrahmen und holte tief Luft. Langsam aber doch schien sich das Bild wieder zu klären, denn als sie das nächste Mal die Augen öffnete, wackelte nichts mehr und auch das schwindelige Gefühl wurde weniger.
Jedoch hörte Mac jetzt um so deutlicher, dass jemand ebenfalls polternd die Treppe hinauf rannte. Hastig sprang sie über die kleine Absperrung für Touristen und sah sich etwas verwirrt um. Sie war noch nie in Paris, geschweige denn im Eifelturm gewesen und kannte sich hier überhaupt nicht aus. Mac fand sich in einem breiten Gang wieder auf dem zu beiden Seiten kleine Souvenirgeschäfte befanden.
Langsam setzte sie sich wieder in Bewegung und kam schließlich zu einer weiteren, kniehohen Absperrung über die sie mit Leichtigkeit hüpfte. Und dann war sie endlich im Freien.
Hinter Mac erklang plötzlich ein dumpfes Klirren und als sie sich erschrocken umdrehte, sah sie ihren Verfolger wieder, der die kleine Absperrung umgerannt hatte.
Es war MacBeth.
In der einen Hand hielt er noch immer das Schwert, aber in der anderen hatte er eine laserartige Waffe, vielleicht auch so etwas wie ein Elektroschocker. Er war nicht einmal halb so außer Atem wie Mac, aber auch auf seiner Stirn perdelten Schweißtröpfchen.
„Was wollen Sie von mir?" fragte Mac keuchend. Falls er sie wirklich angreifen wollte, dann hatte er jetzt die Gelegenheit, denn mit gefesselten Handgelenken und ohne eine Waffe, aber dafür mit umso brummenderen Schädel war sie für ihn ein leichtes Ziel.
„Bist du Gruoch?" fragte MacBeth anstatt zu antworten.
Mac schüttelte verblüfft den Kopf. „Nein, aber können Sie mir vielleicht sagen, wer diese Gr -"
Das zweite Mal in dieser Nacht kam Mac nicht dazu, weiter zusprechen. Allerdings spürte sie diesmal das irgend etwas von hinten auf sie zukam und sie duckte sich rechtzeitig.
Ein riesiger Schatten glitt über Mac weg, direkt auf MacBeth zu. Demona konnte gerade noch rechtzeitig stoppen, bevor sie dem alten Mann ins Schwert gerannt wäre.
MacBeth lachte  wütend auf und ging ohne ein weiteres Wort mit seinen beiden Waffen zum Angriff über. Der Gargoyle war eine Sekunde lang zu überrascht um auszuweichen und wurde von dem blauen Laser aus seiner Waffe an der Schulter verwundet. Gleichzeitig mit MacBeth heulte sie vor Schmerz auf und wich einen Schritt zurück.
Verwirrt beobachtete Mac den weiteren Verlauf des Kampfes und bemerkte schon nach kurzer Zeit, dass egal, wer wen verletzte, alle beide anscheinend getroffen wurden. Und sie bemerkte auch, dass nur MacBeth darauf aus war, Demona zu verletzen oder vielleicht sogar zu töten.
Der Gargoyle hingegen wehrte sich nur gegen die Angriffe und ... und kam Stück für Stück näher an Mac heran.
Als ihr das bewusst wurde, machte sie einen erschrockenen Satz zur Seite und wich der plötzlich zuschlagenden Klaue mit knapper Not aus. Demona fauchte wütend, wehrte kurz einen Schwertschlag mit ihrem Laser ab und setzte Mac nach. MacBeth hingegen fluchte wütend auf und schoss in einem Moment, in dem der Gargoyle nicht aufpasste, wieder auf sie. Damit verschaffte er Mac einen winzigen Vorsprung den Demona nach einem kurzen Moment der Benommenheit sofort mit einem Sprung wieder aufhob.
Gleichzeitig holte MacBeth mit seinem Schwert aus, traf zwar nicht, aber vertrieb den Gargoyle wieder aus Macs Reichweite. Der alte Mann stellte sich schützend vor sie und drückte ihr plötzlich das Schwert in die Hand, während er mit dem Laser Demona weiterhin bedrohte, die wütend mit den Augen leuchtete, aber noch nichts unternahm.
„Stoß zu!" befahl er ihr hektisch.
„Bitte was?" fragte Mac verblüfft und starrte auf die Waffe in ihren, noch immer gefesselten Händen.
„Ich sagte, dass du mir das Schwert in den Rücken rammen sollst", erklärte er leise und nervös. „Schnell!"
„Aber ich kann doch nicht -", begann Mac.
Im selben Moment sprang Demona mit einem wütenden Fauchen auf MacBeth und sie zu, er machte einen erschrockenen Sprung rückwärts und rannte fast mit Absicht in Macs Schwert.
Der Gargoyle heulte mitten im Sprung schmerzerfüllt auf und prallte bewusstlos, einen Meter vor MacBeth am Boden auf. Er stöhnte leise auf, röchelte einen Moment lang hilflos und sackte dann einfach in sich zusammen.
Mac hingegen ließ mit einem entsetzten Schrei das Schwert, dass immer noch bis zur Hälfte in MacBeth steckte, los. Sie starrte fassungslos auf die beiden leblosen Gestalten zu ihren Füßen, während sie sich einzureden versuchte, dass das alles nicht wahr sein konnte. Es durfte einfach nicht.
Zögernd kniete sie sich zu MacBeth und versuchte den Puls an seiner Halsschlagader zu finden. Nichts. Noch viel vorsichtiger kam sie an Demona heran uns suchte auch bei ihr nach einem Lebenszeichen. Ebenfalls nichts. Was ging hier vor?
Mit einem verzweifelten Stöhnen blieb Mac am Boden sitzen und schloss erschöpft die Augen. Sie hatte alle beide getötet. Sie war doch eine Mörderin. Eine ganze Weile hockte sie so da, mit geschlossenen Augen und atmete tief durch. Wieso hatte MacBeth das getan?
Nach einigen weiteren Minuten, in denen sie ebensogut über nichts hätte nachdenken können, denn das Ergebnis war das selbe, suchte sie schweren Herzens nach einem Schlüssel für ihre Handschellen. Sie hatte Glück und fand ihn auf anhieb unter dem Gürtel des Gargoyles.
Nachdem sie sich endlich der sperrigen Dinger entledigt hatte, seufzte sie etwas befreiter auf und rieb sich die schmerzenden Gelenke. Mac warf einen nachdenklichen Blick auf MacBeth, überlegte nicht lange und beschloss ihm das Schwert wieder aus dem Rücken zu ziehen. Sie wollte ihn nicht so hier liegen lassen, denn eine Leiche mit einem Schwert im Rücken sah doch ziemlich brutal aus.
Seufzend ergriff sie die Waffe am Griff und zog sie mit einem Ruck heraus. Es gab ein ekelhaftes Geräusch und Mac ließ das Schwert hastig fallen, als sie sah, wie blutig es war.
MacBeth stöhnte.
Im ersten Moment war Mac so erschrocken, dass sie einfach nur die Luft anhielt und ungläubig auf den Toten starrte. Waren ihre Nerven schon so überreizt, dass sie Leichen stöhnen hörte?
MacBeth hustete qualvoll.
Mac machte einen entsetzten Schritt rückwärts und beobachtete das Unfassbare: MacBeth rollte sich schwer atmend auf den Rücken und starrte sie aus trüben Augen an.
„Lauf weg!" keuchte er mühsam. „Bevor sie wieder erwacht!"

Nicht weit vom Eifelturm entfernt blieb Mac erschöpft stehen, aus zwei Gründen. Erstens war sie bereits so fertig, dass sie sich nicht einmal mehr zutraute mehr als zehn Meter zu gehen ohne umzukippen und zweitens lag da einer der dunklen Gestalten, die Demona angegriffen hatten. Wahrscheinlich waren diese seltsamen Männer die selben, die auch Xanatos und sie am Flughafen angegriffen hatten und das wiederum konnte wohl nur bedeuten, dass sie es weder auf den Billionär noch auf den Gargoyle abgesehen hatten, sondern auf Mac.
Sie wollte es jetzt aber ganz und gar nicht darauf beruhen lassen, dass es hier noch eine weitere Partei gab, die hinter ihr her war, nein, sie wollte wissen, wer sie waren. Noch etwas geschockt von dem Erlebnis mit MacBeth kniete sich Mac nur mit aller größter Vorsicht und auf alles bereit neben dem am Rücken liegenden Mann nieder und suchte zuerst sicherheitshalber nach dem Pulsschlag, den sie auch bald fand. Anscheinend hatte Demona nicht sehr viel Zeit mit diesen Leuten vergeudet.
Aber dass der Mann noch lebte, hieß vor Mac nur, dass sie noch vorsichtiger sein musste. Zögernd griff sie in seine Brusttasche und zog eine Art Ausweis heraus. Mit klopfendem Herzen öffnete sie ihn und starrte einen Moment verständnislos auf das Zeichen. Es war eine Art Dreieck mit einem Kreis. Darunter stand ein römischer Dreier, was aber auch nicht mehr zu sagen hatte. Mac beschloss den Ausweis bei sich zu behalten und steckte ihn in ihre Tasche zu dem Pass, denn sie Gottlob mit hatte.
Genau in diesem Moment schnappte die Hand des bisher Bewusstlosen nach ihrem Handgelenk und klammerte sich daran fest. Mit einem erschrockenen Ruf versuchte Mac aufzuspringen aber der Mann hielt sie eisern fest und ließ ihr nicht mehr Bewegungsfreiheit als das sie sich gerade gebückt aufrichten konnte.
Einen Moment lang entstand ein kleines Gerangel zwischen den beiden, denn obwohl der Mann sicherlich den Überraschungseffekt und die Kraft auf seiner Seite hatte, so hatte Mac doch eine weitaus bessere Position. Dieses Licht schien ihm auch aufzugehen, den er griff mit einer blitzschnellen Bewegung unter das Sakko.
Zum Glück hatte Mac schon genug Filme gesehen, um zu wissen, was das bedeutete. Aus lauter Verzweiflung trat sie ihm so hart wie sie konnte in die Magengrube und tatsächlich hatte er weitere Sekunden genug damit zu tun, sich vor Schmerz zu krümmen. Und er lockerte seinen Griff.
Mac riss sich ruckartig los und rannte so schnell sie konnte davon.

In letzter Zeit war eigentlich alles schief gegangen. Angefangen die falsche Arbeitsvermittlung von Ryan, über das Verhör mit Maza und Bluestone und schließlich ein einziges großes Fragezeichen in Paris. Dabei musste sich Mac eingestehen, dass sie wie ein Trottel von einem Glück ins nächste stolperte, denn wer hätte gedacht, dass sie Demona schon zweimal hätte entkommen und es bis nach Paris schaffen können? Oder, dass sie zwar eine Stunde zu spät zum Flughafen kam, aber dafür ein Ticket nach Zürich kaufte?
Nach einem relativ kurzen Flug in das Land der Tausend Banken, wie Mac es aus dem Fernsehen kannte, einem sehr misstrauischen Zollbeamten und einer glücklicherweise ebenfalls kurzen Suche nach einem Hotel, konnte sie sich endlich wieder ausruhen. Zwar wollte sie Punkt Acht aus den Federn kommen, aber da niemand und nichts sie weckte, schlief Mac zwei Stunden länger und wachte schließlich mit dem schlimmsten aller Muskelkater wieder auf, den man sich vorstellen konnte. Trotzdem schaffte sie es sogar mit dem etwas widerspenstigen Portier fertig zu werden, der ihre amerikanischen Dollar zuerst mit einer beleidigten Miene ablehnte. Abgesehen davon, dass man sein Englisch kaum verstand, wurde er auch immer unhöflicher, aber Mac hatte Durchhaltevermögen was solche Leute anging.
Sie stopfte sich nach dem angeregten Gespräch noch eine Semmel von den Resten des Frühstücksbüffets in die Jacke und verließ auf schleunigstem Weg das Drei - ihrer Meinung nach, schlappe Zwei - Sterne-Hotel. Mac wusste, dass sie schon zuviel Zeit verloren hatte. Sie hoffte zwar immer noch auf die umständliche Vorgehensweise der Beamten im Ausland, aber sie konnte sich nicht darauf verlassen und die Behörden in New York wussten nun schon seit gut, Mac sah auf die Uhr, 13 Stunden, dass sie in Paris war oder besser gesagt gewesen war. Trotzdem höchste Zeit aus der Schweiz abzuhauen, bevor sie sich in der Fußgängerzone von Zürich vollständig verlief. Zuerst wollte sie jedoch wenigstens eine Bank in dieser Stadt besuchen, wenn ihr schon sonst nichts vergönnt war. Und am besten wechselte sie dort auch ihr Geld um. Aber in was sie es umwechseln sollte, oder besser gesagt, wohin sie als nächstes fliegen wollte, wusste Mac noch nicht. Dabei kam auch plötzlich wieder die Erinnerung an MacBeth und Demona.
Sie hatte ihn getötet, sie war sich so sicher gewesen und trotzdem ... er hatte wieder angefangen zu atmen. Nachdem sie ihm das Schwert aus dem Rücken gezogen hatte. Und der Gargoyle war mit MacBeth gestorben - und wahrscheinlich auch mit ihm wieder zum Leben erwacht. Mac hatte nie an Magie oder Ähnliches geglaubt, aber das Erlebnis am Eifelturm hatte sie mehr mitgenommen als sie wahr haben wollte.
Aber vielleicht hatte sie damit auch Demona vom Hals, dafür interessierte sie viel mehr, wer diese seltsamen Männer in schwarzen Anzügen waren.
Bei dem Gedanken holte sie noch einmal den Ausweis heraus, den sie eingesteckt hatte und betrachtete ihn sich jetzt genauer und bei Tageslicht. Das Zeichen war doch relativ schmucklos und sagte nicht gerade viel aus. Mac zuckte die Schultern, steckte es wieder ein und begann statt weiter über unlösbare Fragen nachzudenken, die trockene Semmel zu essen.
Kurze Zeit später kam sie zu einer Schweizer Bank, die, genauso wie Mac mit gesunden Menschenverstand erwartet hatte, absolut nicht anders aussah, als eine in New York mit dem einzigen Unterschied, das diese hier viel kleiner war. An den Schaltern standen genauso wie im ganzen Raum verteilt Leute, die Prospekte lasen oder mit Bankangestellten redeten.
Mac beschloss schließlich ein wenig von ihrem Geld in ägyptische Pfund umwechseln zu lassen. Nur weil sie einmal den Flug nach Kairo verpasst hatte, hieß das noch lange nicht, dass sie von jetzt an Ägypten meiden musste. Sie stellte sich an einem der Schalter an und starrte eine Zeit lang ins Leere, bis die Reihe endlich weiter rückte. Mac ließ kurz ihren Blick im Raum umherschweifen und entdeckte eine deutschsprachige Zeitschrift in ihrer Nähe. Aus Langweile angelte sie nach ihr und blätterte lustlos herum. Deutsch war etwas, das sie weder verstand noch sehr mochte. Ihre Eltern waren aus Schottland und hatten eine prinzipielle Abneigung gegen alles Deutsche, egal ob Schweizerisch, Deutsch oder Österreichisch. Anscheinend hatte sie ein wenig von diesem Vorurteil geerbt. Sie legte die Zeitschrift achtlos weg und sah sich wieder um. Und fast hätte sie einen Herzinfarkt erlitten, als sie sah, wer da in einer Ecke stand und mit jemanden redete.
Er hatte noch immer die selben geschmacklosen Sachen an, als Mac ihn das erste Mal sah und er war noch immer der selbe unsympathische Rotschopf. Matt Bluestone.
Mac starrte fassungslos auf den heftig gestikulierenden Detective, und konnte es einfach nicht glauben. Was zum Teufel machte der hier?
Anscheinend waren ihre Blicke wohl doch etwas zu stechend, denn er drehte sich in diesem Moment ein wenig verwirrt um und sah ihr direkt in die Augen. Macs Nackenhaare sträubten sich und alle Muskeln spannten sich. Eine Sekunde schien ihr Herz still zu stehen, nur um sich für einen nervenaufreibenden Sprint bereit zu machen.
Ein Sprint, zu dem es nie kommen sollte.
Bluestones Unterkiefer klappte fassungslos nach unten, als er sie erblickte und trotzdem kam er nicht sofort darauf seine Waffe zu ziehen. Das war der richtige Augenblick für Mac, sie würde einen kleinen Vorsprung herausschlagen können wenn sie jetzt -
„Alles auf den Boden, das ist ein verdammter Überfall!" schrie plötzlich eine rauhe Stimme in Macs Gedanken.
Fassungslos sah sie sich nach dem Mann um, der diese Worte geschrien hatte, als ihr plötzlich eine Pistole gegen die Nase gedrückt wurde.
„Alles auf den Boden habe ich gesagt", knurrte der Bankräuber wütend. „Verstehst du meine Sprache nicht?"
Mac konnte das Gesicht von der Seite nicht gut erkennen und sah nur braune Haare. Hastig fiel sie auf die Knie und legte sich auf den Bauch. Was sie von dieser Bodenperspektive aus sah, war auch nicht viel mehr als ein paar vollkommen verschreckte Gesichter von einfachen Leuten. Fast wünschte sie sich, den Rotschopf jetzt zu sehen. Dieser Banküberfall kam ihr nur zu gelegen. Das einzige, was sie ein wenig wunderte, war, dass der Mann, der sie bedroht hatte, Englisch sprach, wenn auch mit einem starken tschechischen Akzent.
„Niemand bewegt sich, sonst wird er erschossen!"
Aber er schien nicht im Alleingang zu handeln, denn ein paar Mal schrie auch jemand anderer einen groben Befehl. Sollten sie ruhig die Bank ausplündern, dachte Mac amüsiert, sie konnte dann hoffentlich in der allgemeinen Aufregung untertauchen und musste diesen Bluestone nie wieder sehen.
Nach einigen Minuten begannen die Räuber plötzlich untereinander heftig zu reden, allerdings diesmal in einer Sprache die Mac wirklich nicht verstand, aber auf Tschechisch tippte.
Plötzlich befahl der eine von vorhin grob: „Du da, steh auf!"
Mac sah sich hastig um, um zu sehen wer gemeint war und erkannte, dass sich in diesem Moment niemand anderer als der Rotschopf mit erhobenen Händen vor den Bankräubern aufrichtete.
„Du kommst mit!" meinte der Braunhaarige barsch und sah sich noch einmal im Raum um.
Mac beeilte sich schnell wieder das rechte Ohr gegen den Boden zu drücken und so zu tun, als wäre nichts, aber es war zu spät.
Schwere Schritte kamen immer näher auf sie zu und dann meinte eine amüsierte, jedoch trotzdem drohende Stimme: „Und du auch!"
Nein. Nein, alles nur das nicht, dachte Mac entsetzt. Widerwillig stand sie mit erhobenen Händen auf und starrte den Braunhaarigen trotzig an. Der grinste hässlich und schubste sie dann in Richtung Bluestone und die anderen Verbrecher.
„So, die müssen uns wohl durchlassen", meinte der Braunhaarige und lachte rau.
Schon das verflixte zweite Mal in 24 Stunden wurden Mac Handschellen angelegt, diesmal jedoch hinten, und schon das zweite Mal wurde sie als Schutzschild benutzt. Der Trost, dass dem Rotschopf dasselbe passierte wie ihr, war nicht sonderlich aufmunternd.
Sie wurden aus der Bank hinaus auf die Straße geschubst, auf der kein einziger Mensch mehr war. Dafür sah Mac einen kurzen Moment lang eine Frau, die wie Elisa Maza aussah und sich hinter einem parkenden Wagen etwas weiter entfernt verbarg. Wahrscheinlich wimmelte es hier nur so von Polizisten, auch wenn man sie nicht sehen konnte.
Mac wurde weiter gedrängt und musste hinter Bluestone in den dunkelgrünen Sechssitzer zwängen.
„Alle da?" fragte eine weibliche Stimme, die eindeutig englischer Herkunft war und drehte sich zu den Bankräubern und ihren Geiseln um.
Mac erlebte heute ihre zweite Überraschung, denn niemand anderer als Dominique Destine saß hinter dem Steuer.
Als sich ihre Blicke streiften, sah Destine überrascht auf, sagte aber nichts. Nach einigen Schrecksekunden begann sie böse zu grinsen und drehte sich dann wieder um, als der braunhaarige Mann ihr befahl, los zu fahren.
Macs Gedanken rasten. Anscheinend gehörte sie nicht zu dem Plan von Dominique Destine, ansonsten wäre sie nicht so überrascht gewesen. Trotzdem war sie jetzt wieder einmal in der Gewalt dieses Monsters und diesmal konnte ihr wahrscheinlich weder ein MacBeth, der einem schottischen König aus Shakespeares Stück zum verwechseln ähnlich sah, noch ein paar tapfere Gargoyles helfen.
Macs Blick fiel auf Bluestone der sichtlich zerknirscht und auch ein wenig aus der Fassung gebracht dasaß und stumm ins Leere starrte. Sie konnte sich nicht ganz ein Grinsen verkneifen, als sie den Detective so sah. Der Rotschopf schien ihre Blicke zu spüren, denn er drehte ruckartig den Kopf zu ihr um und funkelte sie an.
Mac versuchte aufmunternd zu lächeln, was ihr aber kläglich mißlang und schließlich wahrscheinlich eher wie ein schuldbewusstes Grinsen wirkte.
„Irgend woher kenne ich die beiden", meinte der Braunhaarige von vorhin plötzlich düster. „Woher bloß ..."
„Du musst dich täuschen", meinte Destine herrisch. „Das sind ganz normale Schweizer."
Spätestens wenn jemand versuchte mit ihnen Deutsch zu sprechen, würde dieser fatale Irrtum auffallen. Und spätestens wenn sie bei Bluestone seine Dienstmarke und seine Waffe finden würden, würden sie sie beide erschießen, dachte Mac düster.
"Nein, ich kenne sie irgend woher", murmelte der Braunhaarige gedankenverloren weiter.
„Von wegen", sagte Destine barsch und schaltete plötzlich das Autoradio an. „Wir sollten besser hören, was die Nachrichten sagen."
Was genau der Sprecher sagte, verstand Mac nicht, aber zumindest war es nichts über den Ryan Fall. Der Braunhaarige begann wieder mit einem seiner Freunde auf Tschechisch zu reden, aber Destine unterbrach die zwei sofort.
„Thomas, wie oft habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du in meiner Gegenwart Englisch sprechen sollst?" fauchte sie wütend und sah kurz in den Rückspiegel. „Sehr gut, sie folgen uns auch nicht."
„Donna, ich sage dir ja, die Geiseln sind zu etwas nütze", meinte Thomas leicht beleidigt. „Aber du wolltest ja nicht."
„Es stimmt", meinte Destine - oder jetzt plötzlich Donna? - und ihr Blick fiel zuerst auf Bluestone und dann auf Mac, „du hattest recht. Diese Geiseln können uns noch von nutzen sein."
Mac zuckte unmerklich zusammen, aber der Rotschopf neben ihr sah sie nur fragend an. „Was zum Teufel geht hier eigentlich vor?" flüsterte er aufgebracht zu Mac.
„Das sehen Sie doch", zischte sie. „Wir werden gerade entführt. Hat man Ihnen das nicht auf der Polizeischule beigebracht?"
Bluestone quittierte die patzige Antwort mit einem wütenden Funkeln in den Augen und schwieg.
„Ruhe jetzt, die sagen irgend was von der Bank", befahl Thomas plötzlich und sah die beiden Geiseln an. „Ihr übersetzt!"
Erschrocken starrten sich Bluestone und Mac an und auch Destine machte einen leicht nervösen Eindruck.
„Ich .. äh... kann kein Deutsch", erklärte der Rotschopf und zuckte mit den Schultern.
„Ich auch nicht", schloss sich Mac an und versuchte hilflos zu grinsen.
„Was?!" keuchte der Braunhaarige verwirrt aber auch zornig. „Ihr seid Amerikaner?"
Gleichzeitig antworteten die beiden mit einem eindeutigen „Ja".
„Na toll!" mischte sich Destine gespielt wütend ein. „Wie kann man nur so vollkommen verblödet sein, zwei Amerikaner in einer Schweizer Bank auszusuchen?!"
„Und was machen wir jetzt?" fragte Thomas hilflos.
„Nichts! Geiseln sind Geiseln!" zischte Destine und stellte das Radio ab. „Von euch kann doch sowieso sonst niemand Deutsch, oder?"
Natürlich antwortete niemand.

Mac hatte jegliches Zeitgefühl verloren, seitdem sie die schwarze Augenbinde trug. Aber wenigstens war sie so vor Bluestones giftigen Blicken geschützt. Wie lange noch, was fraglich.
Der große Wagen wurde langsamer und langsamer und stoppte bald. Es war fast wie eine Wohltat denn der Boden auf dem sie in letzter Zeit eher dahin gerumpelt als gefahren waren, war alles andere als eben
Grob wurde Mac hinaus gezerrt, stolperte und wurde von kräftigen Armen gepackt. Dass sie nichts sehen konnte, irritierte sie zunehmend, vor allem weil sie auf dem Waldboden nicht wusste wohin sie trat. Wahrscheinlich wäre sie mehr als einmal gestürzt, wären da nicht immer fremde Hände gewesen, die sie auffingen und weiter schubsten. Nach einem vielleicht fünfminütigen Marsch durch den Wald, der Mac erstaunlich viel Kraft kostete, wurde sie ein weiters Stück nach vorn gestoßen und fiel diesmal wirklich auf die Knie. Jemand taumelte an ihr vorbei und ein Rascheln verriet Mac, dass es dem Rotschopf wohl auch nicht besser erging als ihr.
Aus einem quietschenden Geräusch hinter ihr und dem Rasseln eines Schlossen schloss sie weiter, dass sie eingesperrt worden waren. Nach einiger Zeit, in der sie nur reglos dagehockt war und gelauscht hatte, bis auch die letzten Schritte verhallt waren, fragte sie vorsichtig: „Bluestone?"
„Detective", meinte eine ärgerliche Stimme aus einem anderen Eck des Raumes.
„Jetzt werden Sie nicht kindisch", sagte Mac und schüttelte den Kopf. „Können Sie mir die Augenbinde abnehmen?"
„Einen Moment, bitte", sagte der Rotschopf schnippisch. „Damit ich das tun kann, muss ich selber erst einmal etwas sehen."
„Ich hoffe doch sehr, dass Ihnen gelernt wurde, wie man mit einer solchen Situation umgeht", vermutete Mac während sie angestrengt dem Rascheln aus Bluestones Richtung lauschte. Er schien nicht sehr viele Probleme mit seiner Augenbinde zu haben, denn nach einigen Moment hörte sie Schritte auf sich zukommen.
„Meinen Sie jetzt, wenn ich als Geisel zusammen mit einer anderen Verbrecherin verschleppt werde?" fragte er böse und nahm ihr einigermaßen unbeholfen das schwarze Band ab. „Nein, eigentlich nicht."
Mac blinzelte und stand ungeschickt auf. Mit den Händen auf den Rücken gefesselt war es noch schwieriger als wenn sie vorne Handschellen trug. Sie befanden sich in einer Art kleinem Verschlag, bei dem durch einige Ritzen grelles Sonnenlicht in die sonst sehr dunkle Umgebung fiel.
„Was ist mit Ihrer Waffe?" fragte Mac nach.
„Die hat mir, glaube ich, diese Donna abgenommen", erklärte Bluestone und zuckte mit den Schultern.
„Dominique Destine", verbesserte ihn Mac.
Der Rotschopf machte einen überraschten Eindruck. „Ach, daher kannte ich sie ..."
„Tun Sie nicht so unschuldig, ich bin sicher, Sie stecken in dieser ganzen Geschichte ziemlich tief drin", sagte Mac leicht wütend. „Wer hat Sie überhaupt auf die Idee gebracht, dass ich an Ryans Tod schuld sein könnte?"
„Jetzt, tun SIE nicht so unschuldig", meinte Bluestone ärgerlich. „Sie waren es ja schließlich auch!"
„Wer sagt das?" bohrte Mac nach.
„Ein anonymer Anrufer, eine Tatwaffe mit Ihren Fingerabdrücken, die Tatsache, dass Sie geflohen sind, der unglaubliche Sauhaufen in Ihrer Wohnung und Ihre illegalen Einbrüche in die Xanatos Enterprises Datenbank."
„Eine Tatwaffe?" fragte Mac überrascht. „Mit meinen Fingerabdrücken?"
„Um genau zu sein zwei", murmelte der Rotschopf, während er sich nachdenklich umsah. „Eine 9mm Handfeuerwaffe mit halb leer geschossenem Magazin in ihrem Apartment in Manhattan und ein blutbeschmiertes Schwert am Eifelturm in Paris."
Er blickte zweifelnd auf die verschlossene Tür und trat schließlich dagegen. Etwas metallisches Draußen klirrte kurz, aber sonst rührte sich nicht.
„Was hatten Sie eigentlich in der selben Nacht noch einmal in meiner Wohnung zu suchen?" wollte Mac weiter wissen. „Sonst reagiert die Polizei doch auch nicht so schnell."
„Wenn ein verschreckter Nachbar anruft und Schüsse meldet gerade aus dem Apartment wo sich eine Verdächtige aufhält, dann schon", entgegnete der Rotschopf und lehnte sich enttäuscht gegen die Bretterwand. „Scheint nicht so, als würden wir hier rauskommen."
„Schüsse aus meiner Wohnung?" fragte Mac verblüfft. „Wer war das?"
„Sie natürlich", sagte Bluestone und schüttelte den Kopf. „Tun Sie doch nicht so unschuldig. Als wir ankamen, fanden wir Blutspuren von einem Mitarbeiter von Ihnen und ein paar Kugeln, die in der Wand steckten. Und die Waffe mit Ihren Fingerabdrücken drauf."
„Was für ein Mitarbeiter?" schrak Mac hoch.
Der Rotschopf seufzte und durchbohrte sie mit seinen Blicken. Als Mac standhielt, schüttelte er schließlich den Kopf und erzählte weiter: „Okay, ich gehe auf Ihr Unschuldsspiel ein. Jean Venissons Blut wurde gefunden, er gilt seitdem als vermisst. Danach sind Sie ja verschwunden und später hat uns David Xanatos erzählt, dass Sie ihn als Geisel genommen haben und nach Paris geflogen sind."
„Und weiter? Wie sind Sie so schnell hierher gekommen?"
„In Paris waren wir nicht einmal zwei Stunden. Die dortige Polizei bekam eine Schießerei beim Eifelturm gemeldet und fand dann das blutige Schwert. Wir wissen bloß noch nicht, wem dieses Blut gehört ..."
„Aber wie sind Sie in die Schweiz gekommen?" bohrte Mac weiter.
Bluestone grinste. „Naja, wir haben nicht vermutet, dass Sie sich lange in Paris aufhalten werden und haben die Flughäfen mit Ihrer Personenbeschreibung abgeklappert. Sie waren nicht ganz unauffällig, wissen Sie das?"
„Ja, kann ich mir gut vorstellen", murmelte Mac. Natürlich war sie nicht ganz unbemerkt geblieben, als sie völlig außer Atem und durchgeschwitzt dort angekommen war, eine Stunde zu spät zu ihrem Flug nach Kairo und dann sofort die nächstbeste Maschine raus aus Frankreich genommen hatte. Am liebsten hätte sie sich geohrfeigt, wären ihre Hände nicht am Rücken gefesselt gewesen.
„Allerdings hingen wir dann ein wenig in der Luft", erzählte der Rotschopf weiter und grinste erneut. „Dass Sie plötzlich in der Bank auftauchen, in der ich mein Geld wechseln wollte, konnte ja niemand ahnen."
„Tja", seufzte Mac und ließ gegenüber von Bluestone an der Wand hinunter bis sie sich in einer einigermaßen bequemen Position befand. „Mal abgesehen von den Beweisen ... was sollte überhaupt mein Motiv sein?"
Der Rotschopf zuckte noch einmal mit den Schultern und ließ sich ebenfalls in eine sitzende Position hinunter. „Das sollten Sie mir sagen. Es scheint nur so, als hätte etwas zwischen Ihnen und Ihrem Boss nicht geklappt. Sie haben Ihn umgebracht, weil ... hm, vielleicht hat er Sie sexuell belästigt, oder er wollte nicht, dass Sie die bessere Stelle annehmen und hat auf Ihren Vertrag mit ihm angespielt, vielleicht auch alles beide. Aber wenn wir da genauer nachforschen, kommen wir schon dahinter."
„Sie glauben wirklich, dass ich das war?" vermutete Mac fassungslos. „Mache ich wirklich so einen schlechten Eindruck?"
„Es reimt sich eigentlich sehr gut zusammen, haben Sie sich dass nicht schon einmal überlegt?" entgegnete der Rotschopf. „Sie bringen Ihren Boss um und dieser Jean Venisson sieht es. Er war wahrscheinlich der anonyme Anrufer. Als Detective Maza und ich dann kamen und etwas von anonymem Anrufer erzählten, fiel Ihr Verdacht auf diesen Venisson und Sie haben ihn auch umgebracht. Vielleicht wollte er Sie ja nachträglich noch erpressen ... Was mich allerdings noch immer interessiert ist, wo Sie seine Leiche hingeschafft haben und wen Sie am Eifelturm erstochen haben."
„Ich finde, es sollte Sie eher interessieren, wie wir hier rauskommen", giftete Mac ärgerlich. Seine Arroganz ging ihr genauso wie vor zwei Tagen mächtig auf die Nerven. Dabei fiel ihr plötzlich wieder ein, dass Sie doch Zeugen hatte. „Moment mal, haben Sie nicht die Gargoyles befragt, die Demona angegriffen haben?"
„Brooklyn und Goliath? Ja, natürlich, noch bevor wir die Meldung von der Schießerei in Ihrer Wohnung bekommen haben. Dass bringt Ihnen aber auch nicht viel", sagte Bluestone und lächelte formell. „Die Gargoyles meinten, dass es nicht so aussah als würden Sie in dem Moment, in dem sie eintrafen von Demona bedroht. Nein, sie sagten nur, dass Sie einige Meter entfernt von Demona standen und dann ziemlich schnell einen Abgang machten, als sie auf Demona losgingen."
„Aber sie hat mich angegriffen!" protestierte Mac. „So wahr ich hier sitze!"
„Okay, dann verraten Sie mir mal was", meinte der Rotschopf spitz. „Wieso sitzen Sie dann noch hier? Wenn Demona Sie angegriffen hat um Sie zu töten oder sonst was zu machen, hätte sie jetzt als Dominique Destine doch die beste Möglichkeit gehabt, das zu tun."
„Aber wenn sie mit mir verbündet wäre, dann hätte sie mich doch freigelassen!" entgegnete Mac.
„Nur wenn diese beschränkten Burschen eingeweiht wären. Mir sah es eher so aus, als würde Destine verbergen wollen, dass sie Sie kennt. Aus welchen Gründen auch immer."
„Weil Sie mich, sobald die Sonne untergegangen ist, fertig machen wird", murmelte Mac wie zu sich selbst. „Natürlich. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird sie es noch leichter haben."
„Aber da ist ein Haken", wunderte sich Bluestone plötzlich. „Destine kennt mich, sie weiß, dass ich ein Detective bin ... allerdings schien es so, als würde sie das auch vor den anderen verbergen wollen. Diese Bankräuber hätten mich wahrscheinlich gleich erschossen, hätten sie meine Waffe gefunden."
„Aber Destine hat Ihnen die Pistole nur sehr unauffällig weggenommen?" vermutete Mac.
Der Rotschopf nickte verwirrt.
„Es sieht fast so aus, als wolle Demona uns helfen", wunderte sie sich.

Sie saßen noch ungefähr weitere acht Stunden in ihrem kleinen Gefängnis und Macs Magen begann langsam zu knurren. Die Frage, ob sie die Entführer einfach hier vergessen hatten, erübrigte sich, als ein paar Männer am späten Nachmittag kamen und sie aus dem Wald  führten - natürlich mit Augenbinde. Bluestone war während der Zeit sehr still geworden, aber so dämmrig es in dem Verschlag auch gewesen war, Mac sah, dass er angestrengt überlegte und sie sah auch etwas anderes in seinem Blick. Etwas, dass ihr die Hoffnung gab, es doch nicht mit einem Tommy Lee Jones zu tun zu haben, sondern mit einem Polizisten, der nicht nur Befehle ausführte.
Doch sehr überraschend war dann das, was Mac sah, als ihr die Augenbinde wieder abgenommen wurden: einen Bahnhof. Ihr wurden sogar die Handschellen abgenommen, jedoch postierten sich gleich der braunhaarige Thomas und zwei weitere, ziemlich muskulöse Männer hinter sie und drückten ihr und wahrscheinlich auch Bluestone etwas in den Rücken, das sicher kein Blasrohr war. Dominique Destine - oder Donna? - übernahm die Führung und zischte nur kurz und drohend: „Ein Wort und ihr seid tot."
Das hatten wir doch schon mal, dachte Mac ironisch und folgte der rothaarigen Frau quer durch die Bahnhalle, bis sie schließlich ohne weitere Umstände aber mit sehr viel Gepäck in einen Zug einstiegen. Das ganze verlief sehr gezielt und durchaus geplant. Eigentlich konnte sich Mac nicht vorstellen, dass dieser Thomas oder seine Schläger so eine perfekte Flucht inszenieren konnten, aber wieso Destine überhaupt einen Banküberfall machte, war sowieso nicht klar. Sie schien auf jeden Fall nicht arm zu sein.
Das bewies auch das Erste Klasse Abteil, in das Bluestone und Mac schließlich gestoßen wurden.
„Geht ihr schon mal zu euren Abteilen, wir treffen uns dann", meinte Destine. Mac zuckte bei diesen Worten unmerklich zusammen. Bluestone sah sich hastig um und wich bis zum Fenster zurück, als Destine hinter sich die Tür zum Abteil schloss und die Vorhänge vorzog.
„So", sagte sie und lächelte teuflisch. „Rein mit euch in das Nebenabteil."
Als Mac die zierliche Damenpistole in Destines Hand erblickte, ging sie wenn auch ein wenig widerwillig, gefolgt von dem Rotschopf in das „Badezimmer". Es war zwar etwas eng, aber doch sehr luxuriös. Natürlich zauberte ihre Entführerin wieder Handschellen zutage, jedoch kettete sie diesmal Mac mit einer Hand an Bluestone mit der anderen an die Handtuchablage und den Rotschopf ans Waschbecken.
„Und macht keinen Mucks, ich bin nebenan", drohte Destine während sie die Fesseln noch einmal überprüfte.
Als sie die beiden schon verlassen wollte, hielt sie Mac zurück: „Demona?"
„Donna", verbesserte Destine sie und blieb grinsend stehen. „Ja?"
„Was soll das alles eigentlich?" fragte Mac ärgerlich.
„Was denn?" meinte Destine/Donna/Demona mit gespielter Unschuld.
Mac ging nicht auf die Frage ein, sondern blieb stur: „Wer ist dieser Tscheche, was sollte der Bankraub und was wollen Sie von Bluestone?"
„Keine Angst, Thomas wird euch nichts tun", sagte Demona einfach. „In ein wenig mehr als neun Stunden sind wir diese Vollidioten los." Bei dem Wort Vollidiot fiel ihr Blick auf Bluestone und sie meinte nachdenklich: „Was ich mit Ihnen anstellen soll, weiß ich noch nicht. Aber da Sie ja Elisas Partner sind, wird mir sicher noch etwas einfallen."
Der Rotschopf starrte sie wütend an, blieb aber stumm.
„Was den Banküberfall angeht, so hat dich das nicht zu interessieren", meinte Destine weiter. „Das ist privat."
„Gut, eine andere Frage", bohrte Mac weiter. „Was wollen Sie eigentlich von mir?"
„Kannst du dir das noch immer nicht denken, Mensch?" Demona lachte hässlich. „MacBeth ist auf Rache aus, aber wenn ich jemanden habe, den er liebt, kann ich ihn mir vom Hals halten. Du bist das fehlende Glied und vielleicht kannst du sogar noch mehr, als ihn mir vom Hals zu halten... Nimm’s nicht persönlich."
Mit diesen Worten verschwand sie wieder und ließ die beiden alleine zurück.
„Was heißt das, ich bin das fehlende Glied?" murmelte Mac verwirrt.
„Wow, Sie scheinen tatsächlich in ernsten Problemen zu stecken", meinte der Rotschopf inzwischen und schüttelte den Kopf.
„Ach? Seid wann glauben Sie mir denn?"
„Ich sage nicht, dass ich Ihnen glaube, ich meine nur, dass Sie in Schwierigkeiten stecken, nicht nur wegen des Mordes."
„Das müssen Sie mir nicht sagen", sagte Mac niedergeschlagen.
Sie versuchte sich in eine etwas bequemere Position zu bringen, obwohl sie dabei versehentlich Bluestone mit sich riss. In diesem Moment fiel ein schwarzer Ausweis aus der rechten Tasche ihrer Lederjacken und blieb offen liegen.
„Oh", murmelte Mac und versuchte ihn aufzuheben, wobei sie Bluestones Hand einfach mitriß. Er hatte aber einen längeren Arm, reagierte sofort und schnappte ihr den Ausweis weg.
„Was haben wir denn da?" meinte er schelmisch und musterte das Zeichen darauf.
„Geben Sie her", sagte Mac ärgerlich und versuchte ihm den Ausweis, den sie von einem der schwarzgekleideten Männer hatte wieder wegzunehmen. Dabei fiel ihr auf, wie er plötzlich kreidebleich wurde.
„Was ist denn?" fragte Mac schließlich, als sie keine Chance sah, den Ausweis wieder zu bekommen.
„Gehört das Ihnen?" wollte der Rotschopf ohne zu antworten, wissen.
„Äh, eigentlich nicht ...", murmelte Mac verlegen.
„Woher haben Sie es?" fuhr Bluestone sie an.
„Ge ... gefunden, aber wieso fragen Sie das?"
„So etwas findet man nicht einfach!", meinte der Detective ärgerlich. „Woher haben Sie es?"
„Demona hat einen der Männer k.o. geschlagen, die auf mich geschossen haben", erklärte Mac verwirrt. „Ich habe das bei ihm gefunden."
„Und Sie wissen nicht, was das ist?" vergewisserte sich Bluestone.
„Nein, wissen Sie’s denn?" meinte Mac patzig.
Sein Blick sagte alles. „Es ist das Zeichen der .... Illuminati", sagte er dann stockend.
„Aha."
„Also doch ..."
„Also doch, was?" wollte Mac wissen. „Sprechen Sie nicht in Rätseln."
„Sie haben Ryan wirklich nicht umgebracht", überlegte Bluestone laut. „Sie waren es!"
„Die Illuminati?" fragte Mac zweifelnd.
Der Rotschopf nickte nur. „Irgend wie dachte ich die ganze Zeit darüber nach, aber ... aber da reimt sich trotzdem etwas nicht."
„Weihen Sie mich doch mal ein", schlug Mac vor. „Ich komme mir hier sowieso vor wie der Obertrottel persönlich."
„Das darf ich nicht", sagte Bluestone stur. „Aber grundlos tun die Illuminati nie etwas ... Sie haben irgend etwas getan."
„Ich habe schon viel in meinem Leben getan", sagte Mac patzig.
„Etwas verbotenes", fiel ihr Bluestone ins Wort. „Irgend etwas müssen Sie getan haben, was die Illuminati aufgeschreckt hat, etwas, dass sie bedrohen könnte."
„Da ich nicht einmal weiß, von was Sie hier überhaupt reden, kann ich Ihnen auch leider nicht sagen, was ich so schreckliches getan habe", meinte Mac eingeschnappt.
„Doch, doch, Sie haben sich bei Xanatos eingehackt", murmelte Bluestone abwesend weiter. „Sie müssen etwas gelesen haben, das niemand hätte lesen sollen."
„Ich habe ...", Mac überlegte einen Moment. „Naja, ich habe schon ein paar Zeilen überflogen, aber ... aber das die deshalb gleich meinen Boss umbringen und mich um die ganze Welt hetzen."
„Stimmt, da muss noch mehr sein", stellte Bluestone fest. „Aber ich habe keine Ahnung, was noch."
„Sagen Sie mal, sind diese Illuminati auch so ein Geheimbund?" fragte Mac zur Abwechslung. „Sind Sie etwa auch auf so einem Verschwörungstrip?"
Der Rotschopf musterte sie ärgerlich und meinte dann: „Ich weiß nicht, wenn ich Sie wäre, hätte ich doch schon ein wenig Paranoia."
„Ja, wir alle haben sicherlich schon mal Akte X gesehen", seufzte Mac. „Sorry, aber die Geschichte von allesbeherrschenden geheimen Organisationen, die von Ausserirdischen gelenkt werden, kenne ich bereits."
„Wenn ich nicht hier angekettet wäre, würde ich Ihnen gerne beweisen, dass es mehr auf dieser Welt gibt, als ein paar Millionäre und Mafiabosse, die böser Onkel spielen."
„So wie Xanatos?"
„Der gehört dazu."
„Natürlich, ist ja logisch", meinte Mac grinsend. „Als nächstes werden Sie mir erzählen wollen, dass SIE überall sind und uns belauschen .... mitten unter uns."
Bluestone starrte sie auf seltsame Weise an. „Dass sind sie auch."
„Ach hören Sie mir doch auf damit", räumte Mac ein. „Ich glaube nicht an so einen Schwachsinn."
„Tun Sie’s oder lassen Sie’s, jetzt ist es zu spät", meinte der Rotschopf mit einer Weltuntergangsmiene. „Falls Demona uns nicht umbringt, werden das die Illuminati erledigen."
„Oder diese Tschechen oder Xanatos oder MacBeth oder die Polizei. Ich habe weitaus größere Probleme als diese Illuminati."
„Verstehen Sie doch, die Illuminati sind die Wurzel all Ihrer Probleme! Womöglich steckt Demona mit denen auch noch unter einer Decke", überlegte Bluestone.
„Dann wäre ja alles perfekt", meinte Mac fröhlich. „Aber bitte hören Sie jetzt auf mit ihren Verschwörungstheorien, da würde ich lieber noch einmal freiwillig mit MacBeth schwertkämpfen, mich mit Demona prügeln und vor der Polizei davonlaufen."
Daraufhin schwieg Detective Bluestone beleidigt.

Da in den nächsten Stunden nichts weiter passierte, als das der Zug schließlich zu rollen begann, kamen Mac und Bluestone doch noch ins Gespräch. Besser gesagt erzählte sie ihm von ihrer Warte, was bisher geschehen war. Je mehr sie redete, desto stärker wurde ihr Gefühl, das der Detective langsam aber sicher überzeugt wurde. Das Zeichen der Illuminati schien bei ihm großen Eindruck hinter lassen zu haben und er widersprach nicht einmal, als sie ihm von den seltsamen Geschehnissen am Eifelturm erzählte. Überhaupt sagte der Rotschopf nicht sehr viel von sich aus, und obwohl Mac sicher war, dass er sehr viel wusste, als er zugeben wollte, fragte sie ihn nicht danach aus.
Die Sonne musste schon längst untergegangen, wahrscheinlich schlug es schon bald Mitternacht. Insofern war Mac beruhigt, dass Demona noch nicht in ihrer Gargoyle Gestalt aufgetaucht war, sie versuchte es sogar für ein gutes Zeichen deuten. Mac schwankte noch immer zwischen den Tschechen und dem Gargoyle - wer würde wohl auf Dauer gesehen den angenehmeren Entführer spielen? Doch auch auf das fand sie nach langen Überlegungen keine Antwort, nur Bluestone meinte ironisch, dass sich die beiden Parteien gegenseitig den Schädel einschlagen würden. Aber Mac hatte schon einmal zu oft darauf gehofft, dass sich ihre Gegner in Luft auflösen würden. Die einzig wirklich nagende Frage, die sie noch wachhielt, war, was mit Jean passiert war. War er auch ermordet geworden, genauso wie Ryan? Und wenn ja, was für einen Sinn sollte das schon wieder ergeben? Oder wo war seine Leiche?
Irgend wann trieben Macs Gedanken schließlich ganz ab und sie schlief trotz knurrendem Magen und ganz gewiss nicht schönen Träumen ein.

Ein furchtbarer Krach ließ sie erschrocken die Augen aufreißen. Im ersten Moment sah sie gar nichts, außer flimmernden Schatten, die über ihre Netzhäute tanzten, aber als sich ihr verschlafener Blick klärte, erkannte sie niemand anderen als Demona in Gargoyle Gestalt vor sich. Das Monster hatte nur wenig Platz in der engen Kabine und schien einfach die Tür eingetreten zu haben. Bluestone neben ihr war anscheinend im selben Moment aufgewacht, denn auch er sah etwas verwirrt durch glasige Augen, als könnte er noch nicht ganz zwischen Realität und Traum unterscheiden.
Mac versuchte sich aus ihrer unvorteilhaften Position aufzurappeln, aber als Demona ohne viel Federlesen die Handschellen mit denen sie an der Handtuchablage angekettet war, zerbrach, verlor Mac wieder den Halt. Der Gargoyle grinste kurz und zerriss dann auch Bluestones Handschellen mit denen er an das Waschbecken gebunden war. Nur die Fesseln, mit denen die beiden zusammengekettet waren, ließ Demona wo sie waren. Stattdessen riss sie die beiden an den Handschellen grob in die Höhe, wobei sich Mac fast den rechten Arm verrenkte, und versuchte sie aus der kleinen Kabine zu zerren.
Bluestone jedoch, der langsam aufzuwachen schien, sträubte sich mit verbissener Kraft und auch Mac versuchte so widerspenstig wie möglich zu sein. Demona fauchte wütend auf und holte aus um die beiden mit einem gezielten Schlag wieder ins Traumland zu befördern, aber sie hatte zu wenig Platz und der Hieb ging ins Leere. Mac erkannte ihre Chance und versuchte ihrerseits dem Gargoyle einen Tritt zu verpassen.
Der Detective ging darauf ein und schlug mit geballter Faust eben so heftig zu. Nicht das die ungezielten Schläge Demona tatsächlich verletzt hätten, aber sie lenkten sie ab.
„Raus hier!" schrie Bluestone und zerrte Mac einfach mit sich aus der engen Kabine in das eigentlich Abteil.
Der Gargoyle fauchte wütend auf und bekam Mac hingegen auf der linken Hand zu fassen und hielt sie eisern fest. Einen Moment kam ihr es so vor, als würde sie in zwei Teile gerissen, denn der Rotschopf versuchte noch immer aus dem Abteil zu gelangen, bis er endlich einsah, dass Demona stärker war. Ohne Vorwarnung hörte er plötzlich auf zu ziehen und auch wenn dieser abrupte Abbruch den Gargoyle nicht das Gleichgewicht kostete, die fest in den Magen gerammte Schulter eines Detectives tat es bestimmt.
Demona kippte mit einem erschrocken Schrei nach hinten und verschwand in der Kabine, als Bluestone mit aller Kraft die Tür hinter ihr zutrat. Mac stand eigentlich ziemlich teilnahmslos da und versuchte dem Rotschopf nur genug Bewegungsfreiheit zu geben, trotz der tatsache, dass sie aneinander gekettet waren.
„Jetzt aber weg!" rief er hastig und riss Mac wieder mit sich.
Am Gang war es dunkel und vollkommen still. Durch die kalten Scheiben des Zuges viel milchiges Mondlicht, dass auf ... auf der Wasseroberfläche glitzerte? Mac hatte nicht genug Zeit um es genauer zu betrachten, aber die Landschaft an der die Bahn vorbeiraste, war anscheinend nichts anderes als das Meer.
„Wo zum Teufel sind wir hier?" flüsterte Mac, während Bluestone sich hastig umsah und dann auf gut Glück nach rechts rannte.
„In einem Zug", meinte er keuchend und blieb dann wieder still. Hinter ihnen polterte es laut und plötzlich stand Demona, wenn auch ein wenig eingezwängt am Gang. Mac sah den Gargoyle nur kurz, denn sie hatte Mühe nicht zu stolpern, bei dem Tempo das Bluestone vorlegte, aber die glühenden Augen sagten alles.
Doch Detective stoppte so plötzlich, dass Mac geradewegs in ihn rannte und tatsächlich fast das Gleichgewicht verlor.
„Was ist denn los?" fragte sie entsetzt und blickte sich nach dem Gargoyle um, der jetzt mit riesigen Schritten auf sie zukam.
„Sehen Sie doch mal zur Abwechslung auch mal nach vorne", meinte der Rotschopf trocken.
Mac drehte den Kopf und wollte gerade zu einer giftigen Antwort ansetzen, als sie sah, wer da plötzlich vor ihnen aufgetaucht war und ihre Flucht so schnell vereitelt hatte.
Der braunhaarige Thomas und zwei seiner Schläger verstellten ihnen mit einem etwas überraschten wie auch zornigem Gesichtsausdruck den Weg.
„Au, sch -" fluchte Mac erschrocken auf und drehte sich noch einmal zu Demona um, die mit unverminderten Tempo auf sie zukam. Ihre Augen weiteten sich erschrocken, als sie sah was der Gargoyle vor hatte.
„Runter!" schrie Mac und duckte sich hastig, keine Sekunde zu spät. Auch Bluestone befolgte den Befehl, das einzige, was jetzt noch der zubrausenden Krallenhand Demonas im Weg war - waren ihre zusammengeketteten Hände. Die letzten zwei Sekunden bevor die Klauen sie erreichten, bemerkten Mac und Bluestone es und versuchten jeder für sich aus einem erschrockenen Reflex heraus die Hand zurückzuziehen. Aber die Handschellen ließen das nicht zu.
In Mac und Bluestones verzweifeltes Aufschreien mischte sich das Geräusch von zerberstendem Stahl und einem undeutlichen Knallen, das Mac als einen schallgedämpften Schuss erkannte. Als sie wieder die Augen öffnete, war weder ihre, noch Bluestones Hand abgehackt, aber dafür waren die Handschellen durchtrennt und Demona war einfach an ihnen vorbei in Thomas’ Gruppe gerannt.
Sie richteten sich verdutzt auf und starrten einen Moment lang auf das kroteske Bild: die beiden tschechischen Bankräuber waren einfach von dem Gargoyle mit zu Boden gerissen worden, während Thomas einen etwas geschockten Eindruck machte. In seiner Hand lag eine Pistole, aus der der Schuss stammen musste und als Mac bemerkte, dass sich Demona nicht gleich wieder aufrichtete, wusste sie auch, wen die Kugel erwischt hatte.
Bluestone nutzte inzwischen Thomas’ Schocksekunde aus um auf ihn zuzutreten und ihm hastig die Waffe aus der Hand zu schlagen. Im selben Moment erwachte der braunhaarige Tscheche aus seiner Erstarrung, knurrte wütend auf und warf sich auf den Detective. Als Mac das sah, warf sie sich ebenfalls wütend in das Handgemenge, dass zwischen dem Rotschopf und dem Bankräuber entstand. Ihr Ellenbogen vollführte die elegante Schleife fast von selber, als sie schwungvoll ausholte und ihn Thomas gezielt ins Gesicht schlug. Der Tscheche schrie überrascht und auch ein wenig gequält auf und ließ Bluestones Krawatte los. Dafür nuschelte er ein paar ausländische Flüche und hielt sich die blutende Nase.
Als der Detective wieder Luft bekam, pfiff anerkennend durch die Zähne und meinte grinsend: „Sie scheinen ihm die Nase gebrochen zu haben..."
„Tut mir leid, aber ich glaube, wir haben wichtigeres zu tun", sagte Mac nervös und sah auf den scheinbar toten Gargoyle und die beiden unter ihm begrabenen Tschechen, die wütend strampelten. Sie wusste, dass Demona nicht so schnell starb und auf noch so ein Glück konnte sich Mac nicht verlassen, abgesehen davon, dass der Lärm bereits in ein paar Abteilen das Licht angehen lassen hatte.
„Wir sollten von hier verschwinden", meinte sie hektisch.
Genau in diesem Moment stoppte der Zug. Es war keineswegs ein abrupter Halt, da sie schon längst an Geschwindigkeit verloren hatten, aber jetzt war er endgültig stehen geblieben.
Auf Bluestones Gesicht machte sich plötzlich ein gespannter Ausdruck breit und man merkte an seiner Haltung, dass er ganz und gar nicht an Flucht interessiert war sondern eher an seinem eigentlichen Auftrag dachte. Doch Mac wollte ihm gar nicht erst Gelegenheit zu dem geben, was Detectives wie er eben so mit mutmaßlichen Verbrechern machten und setzte mit einem sportlichen Sprung über den - noch - toten Gargoyle und rannte den Gang weiter.
„Halt!" rief der Rotschopf hinter ihr überrascht auf und die schweren Schritte zeigten Mac, dass er keineswegs daran dachte, sie laufen zu lassen.
Mac musste fast den ganzen Zugabschnitt durchqueren, bis sie endlich einen Ausgang fand und so schnell sie konnte auf den Bahnhof übersprang. Ein Klappern hinter ihr bestätigte Mac, dass Bluestone schnell aufholte, während sie dagegen wusste, dass sie nicht mehr lange weiterlaufen konnte. Also entschied sich Mac für eine andere Methode.
Sie rannte in das dunkle, so gut wie menschenleere Bahnhofsgebäude, stoppte hinter einem geeigneten Vorsprung und wartete im Verborgenen bis der Detective an ihr vorbeikam. Natürlich glaubte Mac nicht im Ernst daran, dass Bluestone sie so verlieren würde, aber das war gar nicht ihr „Plan". Stattdessen sprang sie ihn von hinten an und warf ihn etwas ungeschickt zu Boden. Der Rotschopf konnte gar nicht so schnell schauen, wie Mac über ihm war, ihn mit ihrem Körpergewicht am Boden hielt und das Knie gegen seinen Kehlkopf drückte.
„Okay", sagte sie keuchend. „Sie wissen etwas, was ich nicht weiß und Sie wissen auch, dass ich es nicht wahr. Sie können Sich’s also aussuchen: entweder schnüre ich Ihnen so lang die Luft ab, bis sie bewusstlos werden und werde dann in aller Ruhe meines Weges gehen, oder Sie helfen mir."
Bluestone röchelte etwas unverständliches.
Mac seufzte ärgerlich und obwohl sie fast sicher war, dass es ein Fehler war, nahm sie ihr Knie von seinem Hals. In den nächsten zwei Sekunden, wurde ihr klar, dass sie wirklich einen Fehler gemacht hatte. Der Detective rollte sich geschickt herum, ergriff gleichzeitig Macs Handgelenk und brachte sie so aus dem Gleichgewicht. Mit einem erschrockenen Schrei fiel sie auf die Knie und bemerkte erst zu spät, dass Bluestone schon längst wieder auf den Beinen war und ihr den Arm verdrehte.
„Erstens weiß ich nicht halb soviel, wie Sie denken", sagte er nun wütend. „Und zweitens bin ich noch immer nicht sicher, ob Sie’s vielleicht doch waren."
Mac machte einen Versuch, aus seinem Griff auszubrechen, aber ein ekelhafter Schmerz in der Schulter brachte sie sofort wieder davon ab. „Aber ...", keuchte sie gequält.
„Aber ich bin kein Idiot", schnitt ihr der Rotschopf das Wort ab. „Und wenn es hier tatsächlich um die Illuminati gehen sollte, dann möchte ich es genau wissen. Und deshalb", plötzlich ließ er Mac los, „werde ich Ihnen helfen."

Ihre Entführer hatten sich wohl keine schönere Stadt als Venedig aussuchen können. Zwar war es ein wenig kompliziert um halb fünf in der Nacht - oder besser gesagt, in der Früh - ein Hotelzimmer in der Touristenstadt zu bekommen, aber nach ein paar schrägen Blicken überließ man Mac und Bluestone tatsächlich ein ganzes Zimmer, um genau zu sein, die Präsidentensuite und natürlich zum vollen Preis. Der Detective war natürlich auch Gentleman genug, um auf dem Sofa zu schlafen, während Mac es sich auf dem breiten Bett gemütlich machte. Sie beschlossen, einmal richtig auszuschlafen, trotz Entführung, Polizei, Gargoyles und Illuminati.
Erst als die Sonnenstrahlen Mac in der Nase kitzelten, meinte sie, dass es Zeit wäre aufzustehen und genehmigte sich erst einmal ein wohltuendes Bad, bevor sie Bluestone aufweckte, der sich jetzt als Langschläfer entpuppte.
Während der Detective im Badezimmer verschwand blickte Mac nachdenklich aus dem Fenster auf die Straße unter ihnen. „Sie müssen mir ein wenig mehr über diese Illuminati erzählen", meinte sie dann laut genug, damit es der Rotschopf auch nebenan verstehen konnte.
„Wir werden sehen", antwortete er dumpf aus dem Badezimmer und meinte dann noch kurz bevor er das Wasser aufdrehte: „Machen wir doch einen kleinen Spaziergang, da haben wir genug Zeit. Ich war noch nie in Venedig."
Natürlich hatte der Detective absichtlich sofort nachdem er geredet hatte, das Wasser aufgedreht, so dass Mac nichts mehr entgegnen konnte, zumindest nichts was er hören würde.
Sie grinste einen Moment über diese Taktik und begann dann die Minibar zu plündern.

Tauben. Überall Tauben. Wohin man sah, flatterten einem dieses weiße Federvieh entgegen. Und Touristen. Touristen, die auch noch unbedingt die Tauben füttern mussten!
Mac schüttelte seufzend den Kopf und rammte ihre Hände in die Lederjacke. Was für Idioten.
Der Marcusplatz war schön auf Ansichtskarten, aber hier tummelten sich so viele Menschen - und Tauben - dass sie aufpassen mussten, sich nicht zu verlieren. Eigentlich hatte Bluestone noch immer kein Wort über die Illuminati verloren, aber Mac hatte sich fest vorgenommen bald danach zu fragen. Bis jetzt hatten sie nur ausgemacht, dass der Detective nicht die Polizei oder sonst wen verständigen würde, sondern dass sie auf eigene Faust weiterforschen würden. Plan in dem Sinne hatten sie jedoch noch keinen.
In diesem Moment wurde sie schon zum x-ten Mal von einem unachtsamen Fußgänger gerammt, diesmal wieder so ein fetter Tourist mit Sonnenbrillen und einem Prospekt vor der Nase. Der Mann murmelte in irgend einer Sprache eine unfreundliche Entschuldigung und rempelte sich weiter durch die Menge. Mac blickte ihm einen Moment wütend nach und schloss dann wieder zu Bluestone auf, der sich geschickt durch die Menge quetschte und hin und wieder zu ihr zurücksah und auf sie wartete.
„Wir sollten wieder weggehen", schlug sie vor, als sie bis zu ihm vorgedrungen war. „Ich hasse solche Massenansammlungen."
„Ja, gute Idee, ich hasse das nämlich auch", pflichtete der Rotschopf ihr bei und kämpfte sich weiter.
Ein weitere Passant rempelte Mac ziemlich grob an der Schulter, doch dieser blieb ärgerlich stehen und schien auf eine Entschuldigung zu warten. Allerdings hatte Mac keineswegs vor sich zu entschuldigen, sondern starrte dem eher dünnen Mann mit Brille und in einem schwarzen Anzug zornig an. Er starrte ebenso ärgerlich wie auch eingebildet zurück und musterte sie kurz. Sein Blick hellte sich aus irgend einem Grund plötzlich auf.
„Ah, Miss MacBeth", meinte er höflich und kam auf Mac zu.
Mac blinzelte und dachte kurz nach, woher der Mann sie kennen könnte. Blondes Haar, dünne Brillen, schwarzer Anzug, formelles Auftreten .... Dann machte es plötzlich auch bei Mac Klick. Dieser Mann war niemand anderes als Xanatos’ Sekretär.
Erschrocken wich sie vor ihm zurück und fragte misstrauisch: „Was wollen Sie hier?"
„Naja, eigentlich standen Sie erst als zweite auf meiner Liste, aber da ich Sie schon hier treffe, kann ich mir die aufwendige Suche nach Ihnen in ganz Europa, sparen", plapperte der Sekretär munter drauf los und schüttelte ihr die Hand. „Ich hoffe Sie können sich noch an mich erinnern." Bei dem heftigen Händedruck fiel sein Blick auf die kaputte Handschelle, die Mac noch immer nicht herunter bekommen hatte und deshalb möglichst unauffällig unter der Jacke trug. Der Sekretär wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als hinter Mac Bluestone auftauchte und sichtlich verblüfft wirkte. „Mr. Burnett?"
Auch der Sekretär schien ein wenig überrascht und fragte dann: „Was tun Sie denn hier, Mr. Bluestone?"
„Dasselbe könnte ich Sie fragen", entgegnete der Detective kalt und musterte Burnett.
„Äh, Sie kennen sich?" fragte Mac dazwischen.
„Natürlich", lächelte der Sekretär gekünstelt, „ich hatte schon öfter das Vergnügen."
Bluestone sagte darauf nichts, aber sein Blick machte deutlich, dass es für ihn ganz und gar kein Vergnügen gewesen war.
„Sind Sie etwa schon verhaftet?" wollte Burnett schließlich wissen.
„Wer, ich? Nein, wir ... äh ... arbeiten zusammen", stotterte Mac verwirrt und fragte dann: „Was machen Sie eigentlich wirklich hier?"
„Ich erledige geschäftliche Dinge für Mr. Xanatos", erklärte der Sekretär formell und sein Blick sagte, dass Mac das einen Dreck anginge.
„Ist er etwa hier?"
„Mr. Xanatos? Aber nein, der muss sich noch von dem Schock seiner Entführung in New York erholen", meinte Burnett und grinste über beide Ohren. „Aber ich hätte Sie so oder so aufsuchen müssen."
„So?" fragte Mac verwirrt. „Und wieso?"
„Ich schlage vor, dass wir erst einmal von diesem Platz herunterkommen", wich Burnett der Frage aus und bedeutete den beiden mit einer Geste ihm zu folgen.
Als sie endlich den Marcusplatz verlassen hatten, blieb der Sekretär kurz stehen und klopfte auf den Aktenkoffer in seiner linken Hand. „Mir wäre es am liebsten, wenn wir alles unterwegs besprechen können, ich bin nämlich ein wenig in Eile."
Mac nickte und fragte noch einmal: „Und was genau wollen Sie von mir?"
Burnett ging weiter und verbesserte sie sofort: „Ich will gar nichts von Ihnen, aber Mr. Xanatos will Ihnen helfen."
„Ah ja und wie?" mischte sich Bluestone ein.
„In Sachen Demona natürlich", erklärte Burnett kalt. „Wir können Informationen anbieten, die Ihnen vielleicht ein wenig Klarheit verschaffen."
„Ich bin sicher, da ist irgend wo ein Haken", entgegnete Mac und lächelte formell. „Was will Xanatos dafür?"
„Dass Sie sein Geld und das Ticket annehmen und nach Istanbul fliegen", sagte Burnett einfach.
„Äh, bitte?" fragte Mac verblüfft. „Was sollte ihm das bringen?"
„Das ist ein wenig komplizierter" begann der Sekretär, „und ich weiß nicht, ob ich Ihnen wirklich davon erzählen sollte. Manchmal ist es besser nichts zu wissen."
„Tun Sie nicht so scheinheilig", meinte Bluestone und blieb auf der Straße stehen. „Wir wissen doch alle, dass es hier um die Illuminati geht."
Burnett blieb ebenfalls kurz stehen und sah dem Detective wütend in die Augen: „Ich habe nicht vor mich auf eine Diskussion einzulassen." Er starrte nachdenklich in das trübe Wasser des Kanals, der durch diese Straße floss. „Außerdem", sagte er dann spitz, „haben Sie in Sachen Illuminati auch nicht eine ganz weiße Weste."
„Immerhin noch weißer als Ihre", entgegnete Bluestone giftig und starrte den Sekretär wütend an.
„Hey, Moment mal", fuhr Mac dazwischen. „Könnte ich vielleicht erfahren, worum es hier eigentlich geht?"
Der Rotschopf und Burnett fuhren herum und musterten sie kurz, bevor sie fast gleichzeitig „Nein!" mit einem sehr bestimmenden Unterton sagten.
„Na toll ..." seufzte Mac und zuckte die Schultern. „Ich will Sie beide ja nicht weiter stören, aber eigentlich geht es hier immer noch um MICH."
„Wie gesagt, fragen Sie besser Ihren Freund Detective Bluestone nach den Illuminati, ich kann Ihnen nur Material über Demona und MacBeth liefern", meinte der Sekretär formell und bog nach links in ein Gebäude ab. Etwas widerwillig folgten ihm die beiden, wobei Mac dem Rotschopf ein „Darüber unterhalten wir uns später" leise zuflüsterte.
Sie stiegen weiter eine Treppe hinauf in ein altes Wohnhaus.
„Wann bekomme ich dann das Ticket und die Informationen?" fragte Mac inzwischen.
„Ich habe die Unterlagen bei mir und werde sie Ihnen gleich geben, aber vorher muss ich, wie gesagt eine kleine geschäftliche Angelegenheit regeln. Und wenn Sie wollen, kann ich Ihnen auch zwei Tickets verschaffen", erklärte Burnett und blieb schließlich vor einer unscheinbaren, alten Tür zu einer Wohnung stehen und klopfte an.
„Ist das denn so wichtig?" fragte Mac ein wenig außer Atem nach den vielen Stufen.
„Ja", meinte der Sekretär einfach und im selben Moment ging die Tür auf und ein schwarzhaariger Mann mit leicht italienischen Zügen musterte die drei misstrauisch. Seine Haare hatten Kinnlänge, aber das auffälligste an ihm war der weiß gefärbte Streifen am Scheitel, der ihn auf eine Art wie ein Stinktier wirken ließ.
„Guten Tag, Mr. Dracon", begann Burnett, wurde aber sofort wieder von dem Mann unterbrochen.
„Was soll das, Burnett, Sie sagten, dass Sie ohne Polizei kommen, aber", Dracon deutete mit einer abfälligen Geste auf Bluestone, „selbst ich weiß, dass der da ein Bulle ist."
Zu Macs Überraschung redete er einwandfrei Englisch und machte sonst auch keinen sehr venezeanischen Eindruck.
„Oh, Mr. Bluestone wird an unserem Gespräch nicht teilhaben, er ist mir nur zufällig über den Weg gelaufen", erklärte Burnett höflich und wedelte mit der Hand. „Die beiden werden draußen warten."
„Moment, die da kenne ich doch auch irgend woher", überlegte Dracon inzwischen und rieb sich das Kinn. „Brode!"
Mac runzelte die Stirn. Brode? Wer war das und woher sollte dieser Dracon, der nicht gerade einen sehr koscheren Eindruck machte, sie kennen?
In den nächsten Sekunden sollte sie die Antwort bekommen, denn niemand anderer als der braunhaarige Thomas erschien in der Tür. Diesmal machte er einen fast lächerlichen Eindruck, da seine Nase fest verbunden war.
Mac merkte, wie Bluestone hinter ihr zusammenzuckte und auch Thomas Brode war zuerst ziemlich überrascht, allerdings mischte sich in seinen Blick dann etwas wütendes. Burnett merkte im ersten Moment nicht, was zwischen ihnen vorging und fragte unschuldig: „Ist irgend etwas?"
Mac machte sich nicht die Mühe darauf zu antworten, genauso wenig, wie Bluestone oder Thomas Brode. Der Rotschopf und Mac flüchteten so schnell sie konnten und kurz darauf wurde der Sekretär grob zur Seite gestoßen, als der braunhaarige Thomas ihnen mit einem wütenden Aufschrei folgte.

Ohne Rücksicht auf sich selbst sprang Mac immer vier Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinunter und kam Dank einem guten Schutzengel nicht ins Stolpern. Das Getrampel hinter ihr war mit wütenden Schreien und seltsamen Klicken verbunden, das sie an das Laden von Pistolen erinnerte. Keuchend blieb Mac einen Moment ratlos stehen und sah sich nach links und rechts um. Falls diese Verrückten tatsächlich von ihren Waffen auf offener Straße Gebrauch machten, dann war es hier und jetzt um sie geschehen.
Bluestone, der völlig außer Atem einen Sekundenbruchteil nach ihr unten ankam, sah sich ebenfalls ein wenig hilflos um, aber plötzlich viel sein Blick auf den Kanal, der in der Mitte der Gasse friedlich dahinfloß. Oder besser gesagt starrte er mit einem gefährlichen Schimmer in den Augen auf das Motorboot, dessen Besitzer gerade dabei war, es anzulassen.
„Dorthin!" rief er eilig und zerrte Mac einfach mit sich. Sie kam nicht einmal zum protestieren, als der Detective einfach auf das Boot sprang und ihr zuwinkte.
Der Besitzer dagegen begann sofort lauthals zu schimpfen und zetern und Bluestone versuchte sogar einen Moment lang mit ihm vernünftig zu reden, aber das gab er schnell auf, als die erste bedrohliche Gestalt im Hauseingang erschien. Stattdessen stieß er den Italiener blitzschnell ins Wasser und rief noch schnell ein entschuldigendes „Sorry!" nach.
„Was tun Sie da?" rief Mac vollkommen fassungslos und beeilte sich Platz zu nehmen als der Rotschopf hastig den Motor startete und immer schneller zu fahren begann.
Brodes Leute hätten sie tatsächlich beinahe erwischt, was ein paar ziellos abgefeuerte Kugeln in ihre Richtung auch deutlich machten. Doch bevor Mac zurückblicken und durchatmen konnte, passierte das nächste.
Nicht alle von Brodes Leuten waren stehengeblieben und starrten ihnen nach. Ein ganz Fleißiger rannte ziemlich schnell hinter dem immer schneller werdenden Motorboot her und sprang schließlich über. Der starke Schlag, der das Gefährt erzittern ließ, ließ Bluestone kurz nach hinten sehen, was wahrscheinlich auch Macs Rettung war.
Der Angreifer fand auf dem vom Wasser nass gespritzten Holz nur wenig Halt, doch als der Detective das Boot durch seine Unaufmerksamkeit kurz ins Schlingern brachte, rutschte der Mann augenblicklich ein weites Stück nach hinten und verschwand fast ganz auf der rechten Seite. Aber nur fast.
Mir Schrecken bemerkte Mac die Hände, die sich fest am Rand anklammerten.
„Übernehmen Sie das Steuer!" schrie Bluestone plötzlich über den laut heulenden Motor, der dieses Tempo ganz und gar nicht gewöhnt war.
„Aber das kann ich nicht!" schrie Mac zurück.
„Wenn Sie ein Auto lenken können, dann können Sie das auch", meinte Bluestone laut. „Oder wollen Sie sich mit diesem Kerl da etwa prügeln?!"
Darauf sagte Mac nichts, sondern drängte den Detective schon fast hastig vom Steuer. Es war tatsächlich nicht sonderlich schwer zu lenken, nur ein wenig schwerfällig, was schließlich dazu führte, dass sie bei jeder kleinsten Gelegenheit aneckte und dadurch wieder Geschwindigkeit verlor.
Mit einem kurzen Blick nach hinten vergewisserte sich Mac, dass Bluestone von der holprigen Fahrt nicht über Bord geworfen war und bemerkte gleichzeitig ein weiteres Boot, dass ihnen zu folgen schien. Wieder vielen einige Schüsse und diesmal waren sie um einiges gezielter als zuvor. Erschrocken zog Mac den Kopf ein als die ersten Kugeln die Scheibe zerschlugen.
„Lassen Sie besser mich wieder her!" schrie jemand hinter ihr, dann tauchte der Detective wieder auf und drängte sie vom Steuer.
„So schnell?" fragte Mac verwundert und riskierte einen weiteren Blick nach hinten. Zumindest auf ihrem eigenen Motorboot drohte ihnen jetzt keine Gefahr mehr.
„Schön wär’s", meinte Bluestone ohne aufzusehen. „Nein, eine Kugel hat ihn erwischt."
„Ehrlich?" Mac starrte ihn erschrocken an. „Die haben ihn erschossen?"
„Vielleicht auch nur angeschossen, aber so wie’s aussieht, ist mit diesem Brode nicht zu spaßen ..." Der Detektive warf einen kurzen, schrägen Blick auf Mac und meinte dann spöttisch: „Und vielleicht wäre es auch besser gewesen, wenn Sie ihm nicht die Nase gebrochen hätten."
Mac quittierte das mit einem beleidigten Schweigen und starrte weiter in einer schon fast liegenden Position auf den schmalen Kanal vor sich. Kurze Zeit schienen die Verfolger mit dem Nachladen ihrer Waffen beschäftigt zu sein, dann ging des Kugelhagel wieder los - und sie kamen auch näher.
Inzwischen merkte sie, dass so klein der Kanal auch war, er sich langsam vergrößerte und dann erkannte sie auch den Grund dafür: er mündete in den Hafen. Ob das wiederum schlecht oder gut war, würde sich bald herausstellen.
Ein Schlag, der das Motorboot wieder wanken ließ, machte Mac kurz darauf Aufmerksam, wie nah ihre Verfolger tatsächlich schon waren.
Bluestone seufzte und meinte mit einem gequälten Ausdruck: „Okay, jetzt alles oder nichts."
„Was meinen S -", wollte Mac wissen und verstummte wieder, als der Detective auf eine höhere Stufe schaltete. Natürlich war das hier kein Rennboot, sondern ein hundsnormales Boot mit einem altersschwachen Motor. Ob dieses alte Ding es wirklich aushalten würde noch schneller zu fahren, war eine bohrende Frage. Wenn nicht, dann würden sie es sicher gleich merken.
Doch anstatt mit einem heißeren Krächzen abzustottern, so wie Mac schon fast befürchtet hatte - bei ihrem Glück in letzter Zeit - machte ihr Gefährt einen aufheulenden Satz vorwärts und klatschte wie hart auf der Wasseroberfläche auf - und befand sich hiermit im Hafen Venedigs. Macs Versuch, sich rechtzeitig irgend wo fest zuhalten, kam zu spät. Sie wurde so stark gegen die Rücklehne geschleudert, dass sie glaubte, ihre Rippen knacken zu hören.
Bluestone hatte währenddessen immer mehr mit der bockigen Steuerung zu kämpfen und schaffte es gerade noch einem mittelgroßen Fischkutter mit einer scharfen Linkskurve auszuweichen. Und diese Linkskurve war zuviel für Mac.
Sie rutschte ohne Halt, dafür mit einem umso lauteren Schreckensschrei nach rechts und fand sich plötzlich bis zum Bauch im Wasser. Trotzdem geistesgegenwärtig genug, griff sie blitzschnell zu und  konnte gerade noch den hinteren Rand des Motorbootes zu fassen bekommen.
„MacBeth!" schrie Bluestone von vorne und sah sich ein wenig hilflos um. „Wo sind Sie?!"
Das nächste, was Mac machen würde, falls sie das hier überlebte, war diesen Vollidioten zu ertränken und zwar genau in diesem ekelhaften Wasser, in dem sie jetzt quer durch den ganzen Hafen geschleift wurde - unter Beschuss. Erst jetzt bemerkte sie die leisen Schüsse, die trotz dem immer lauter werdenden Brausen noch zu hören waren. Noch dazu, verlor Mac langsam den Halt an dem nassen Rand, zudem, dass sie sowieso schon fast unterging. Aber eins war sicher: wenn sie jetzt losließ, würden die Verrückten hinter ihr sicherlich kein Pardon kennen, sondern einfach über sie hinweg - nein, Mac wollte sich das nicht vorstellen.
Statt ihre Energien weiter ihn stille Verwünschungen und schreckliche Todesarten zu verschwenden, versuchte sie sich ein wenig in die Höhe zu ziehen, doch der unglaubliche Druck des Wassers, dass an ihr vorbei zischte, ließ das nicht zu.
„Ach, da haben Sie sich versteckt", schrie der Detective plötzlich, als er Mac endlich entdeckt hatte. „Ich habe mir schon richtige Sorgen um Sie gemacht."
„Sie können sich weiterhin Sorgen um mich machen!" gurgelte sie wütend.
„Was?!"
„Vergessen Sie’s!" keuchte Mac genervt. Sie hatte wirklich besseres zu tun, als sich mit diesem Einfallspinsel zu unterhalten, während sie ertrank.
„Ich würde Ihnen ja gerne helfen", schrie Bluestone weiter, „aber -"
In diesem Moment zersplitterten weitere Kugeln die Frontscheibe und der Rotschopf musste sich hastig ducken. Ist auch besser so, dachte Mac zufrieden und versuchte abermals gegen die Strömung anzukämpfen, viel aber nur noch weiter zurück und hatte nun wirklich alle Mühe, nicht loszulassen oder Wasser einzuatmen.
„Passen Sie auf!" kam plötzlich eine Warnung von vorne.
Mac drehte sich erschrocken um und blickte zurück auf ihre Verfolger und sah sofort, worauf sie aufpassen musste: und zwar auf einen der Handlanger, der sich jetzt bis nach vorne vorgearbeitet hatte und anscheinend nichts anderes vorhatte, als auf das Motorboot zu springen, dass jetzt nicht mehr weit entfernt war - oder auf sie. Vollkommen in Panik verfallen verschluckte sich Mac nun tatsächlich und hatte die nächsten Sekunden genug damit zu tun, wieder an Sauerstoff zu kommen und konnte sich nicht mehr um ihre Verfolger kümmern.
Ein entsetzlicher Schlag in den Rücken, der ihr schließlich nicht nur alle Luft aus den Lungen trieb, sondern sie nun doch dazu veranlasste loszulassen, bestätigte Mac jedoch, dass der Mann tatsächlich gesprungen war. Sie widerstand der Versuchung sofort wieder nach oben an die Wasseroberfläche zu schwimmen und tauchte im Gegenteil noch weiter ab. Damit schüttelte sie nicht nur den Mann, der sie vom Motorboot gerissen hatte, sofort ab, sondern entging auch dem zweiten Boot der Verfolger. Sobald die Schatten über ihr verschwunden waren, tauchte sie aber so schnell wie möglich wieder auf, damit sie nicht in die Versuchung kam, schon früher etwas einzuatmen, als es gesund war.
Mit einem erleichterten Luftzug durchbrach Mac die Wasseroberfläche und sah sich einen Moment verwirrt nach Bluestone und den Verfolgern um. Scheinbar unendlich weit entfernt spielten die beiden noch immer Katz und Maus, wobei der Detective zwar schon wieder ein Stückchen Vorsprung gewonnen hatte, aber es noch immer nicht ziemlich gut für ihn aussah, wenn man mal von der Bewaffnung der Tschechen ausging.
Aber das sollte nicht Macs Sorge sein, denn da war noch etwas anderes, dass ziemlich zielstrebig und mit kräftigen Zügen auf sie zuschwamm. Genau der Mann, der sie auch vorher am Motorboot von hinten angesprungen hatte. Mac gurgelte erschrocken auf, als sie ihn erkannte und setzte sich ebenfalls in Bewegung, jedoch nicht sehr erfolgreich. Ihre Kleidung war nass und schwer von dem Wasser mit dem sie sich vollgesogen hatte und auch wenn der nächste Steg nicht mehr weit entfernt war, so würde sie der Tscheche wahrscheinlich schon viel früher einholen. Trotzdem schwamm sie, so gut sie konnte mit kräftigen Zügen darauf zu und versuchte sich nicht mehr umzusehen.
Gerade mal fünf Meter vor dem rettenden Steg, erreichte sie ihr Verfolger. Er griff sofort nach ihrem Fuß und packte gleich darauf den zweiten um sie daran in die Tiefe zu ziehen. Mac strampelte wütend, aber erfolglos und schnappte hastig nach Luft, bevor er sie untertauchte. Eine andere Taktik, und zwar einfach von selbst untergehen und ein Stück von ihm weg tauchen, war nicht durchführbar, da er sie trotz allem mit eisernem Griff unter Wasser drückte. Macs Bewegungen wurden schon fahrig und ihr Blick verschleierte sich langsam, als der Mann sich doch wieder an die Luft ließ. Sofort begann sie sich wieder zu wehren und wurde gleich wieder untergetaucht. Das nächste Mal, als der Mann sie an die Wasseroberfläche ließ, war Mac einfach zu schwach um weitere Fußtritt zu verteilen, hustete qualvoll und bekam nur halb mit wie er sie in einer Art Rettungsschwimmergriff nahm und weiter schwamm.
Irgend wann fühlte Mac, dass er mit ihr aus dem Wasser stieg und sie wie einen nassen Sack am Steg abwarf. Sie versuchte aufzustehen, aber ein ziemlich schmerzender Fußtritt in die Rippen hielt sie wirkungsvoll ab, doch wahrscheinlich hätte sie auch gar nicht aus eigener Kraft aufstehen können.
Ein dumpfer Schlag ließ sie aufschrecken und plötzlich lag eine Gestalt neben ihr, die ziemlich nach dem Mann aussah, der sie gerade eben noch getreten hatte. Allerdings war ihr das egal, sie war gerade dabei ins Land der Träume abzuweichen.
Jedoch jemand, der sich neben sie und vor die Sonne kniete und sie auf den Rücken rollte, hielt sie vor dem Bewusstloswerden geschickt mit einigen leichten Ohrfeigen ab.
„Hey, Miss MacBeth, machen Sie mir jetzt nicht schlapp", sagte eine bekannte Stimme, die Mac aber in diesem Moment einfach nicht im Stande war, einzuordnen. Träge öffnete sie die Augen und blickte in ein in Schatten gehüllte Gesicht, das von den kräftigten Strahlen der Sonne umrandet war. Ein kurzes Aufblitzen einer Brille gab ihr schließlich einen Tipp, wer ihr die Ohrfeigen verpasste.
„Burnett?" fragte sie schon wieder ein wenig munterer, blinzelte das Wasser aus den Augen und wehrte einen weiteren leichten Schlag ab.
„Ich hoffe Sie können mir erklären, was das eben sollte", sagte der Sekretär und stand wieder auf. „Machen Sie so etwas öfter?"
„Was?" fragte Mac verdattert und richtete sich langsam auf. „Ja, ich surfe des öfteren im Hafen von Venedig."
„So etwas nennt man Wasserski", grinste Burnett und hielt ihr hilfreich eine Hand hin.
„Ohne Ski, aber mit viel, viel Wasser", fügte Mac scherzhaft hinzu und zog sich an seiner ausgestreckten Hand hoch.
„Ich hab’s gesehen. Wo kann man denn so etwas lernen?" wollte der Sekretär wissen.
„Nur auf einem einwöchigen Überlebenstripp um die Welt", erklärte Mac todernst und sah sich plötzlich ein wenig erschrocken nach dem Rotschopf um. „Wo ist eigentlich Bluestone?"
„Ach, der ist -" begann Burnett und wurde von einem seltsamen Röcheln hinter ihnen unterbrochen. Dort schob sich gerade eine Hand über den Rand des Stegs, gefolgt von einer passenden zweiten und dann einem pistchnassen Detective, der einen ziemlich ramponierten Eindruck machte und nur wackelig auf die Füße kam.
„Was ist passiert?" fragte Mac verwirrt.
Bluestone sagte nichts, sondern deutete nur schwach auf einen Punkt hinter sich. Weiter weg im Hafen schien ein Stück an der Flanke eines riesigen Tankers zu brennen. Daneben waren zwei kleine Boote zu erkennen: eines, das verdächtig nach Polizei aussah und ein anderes, das wiederum verdächtig nach ihren Verfolgern aussah.
„Ich bin angefahren", brachte er schließlich heraus und grinste schief.

„Bitte, was?"
„Kennen Sie den etwa nicht?"
„Wen sollte ich kennen?"
„Na, die Filme von Indiana Jones!" versuchte Bluestone Mac nun schon seit einer geraumen Weile klarzumachen.
„Irgend wann hab ich mal was davon gehört, aber was hat das jetzt bitte damit zu tun?" fragte sie verständnislos.
„Es gibt eine Szene in einem Teil, die hat auch was mit Venedig und Booten zu tun", erklärte der Detective resignierend.
„Und deshalb mussten Sie mir unbedingt ein vollkommen hirnrissiges ‘Ah, Venedig’ ins Ohr brüllen?"
„Ich sagte doch, dass es mir leid tut."
„Und ich wollte nur wissen, ob sie damit irgend etwas bezweckten, außer, dass einige Leute sehr dumm zu uns herüber sehen", bohrte Mac weiter.
„Was meinen Sie?"
„Womöglich war das irgend so ein polizeidienstlicher Geheimcode, was weiß ich."
„Sie wollen mir unterstellen, dass ich Sie verraten will?" stellte der Rotschopf halb überrascht, halb zornig fest.
„Was gibt’s da noch viel zu verraten, ich bin sicher, jede Taube, jeder Tourist und vor allem jeder Polizist im Umkreis von einem Kilometer hat es mitbekommen!"
„Jetzt hören Sie mal, nur weil ich -"
„Nur weil Sie in durchnässt wie eine Hafenratte aus dem Hafen auf den Steg geklettert sind und sich dann lautstark über die Stadt geäußert haben, gleich neben einem Haufen Polizisten -"
„Entschuldigung", lenkte Burnett in diesem Moment ein. „Es tut mir sehr leid, dass ich sie unterbrochen habe, aber ich denke, dass man diese Diskussion auch woanders vorsetzten könnte ..."
Irgend wie hatte er recht damit, denn die Leute in dem italienischen Café schauten die drei schon eine geraume Weile ziemlich missmutig an, was wohl auf das störende Verhalten von Bluestone und Mac zurückzuführen war, die sich seitdem sie hierher gekommen waren, bloß gestritten hatten.
„Überhaupt war es eine saublöde Idee von Ihnen ein Motorboot zu kapern!" zischte sie noch nebenbei.
„Und es war ein reines Himmelfahrtskommando diesem Kerl zu folgen", Bluestone deutete auf den Sekretär, „es hat doch nur Ärger gemacht! Soviel ich mich erinnern kann, war das Ihre Idee!"
„Ich bitte Sie, werden Sie jetzt nicht kindisch", versuchte Burnett die beiden zu beruhigen, wobei er sich einen wütenden Blick von dem Rotschopf einfing. „Alle beide!"
Im Grunde genommen war es auch wirklich lächerlich. Letztendlich hatten sie die Polizei sogar leicht abgeschüttelt und Burnett hatte sogar genügend Bargeld und Kreditkarte bei sich gehabt um die beiden neu einzukleiden. Bluestone sah eigentlich genauso aus wie vorher, nur dass seine Krawatte jetzt in die andere Richtung grün gestreift war, wogegen Mac den schmerzlichen Verlust ihrer Lederjacke hinnehmen musste, die wassergetränkt und vollkommen aufgeweicht gewesen war. Ansonsten hatte sich ihr Outfit - soviel musste sie zugeben - auch nicht drastisch verändert, nur dass sie jetzt eine einfache Leinenhose trug und eine weiße Bluse. Danach hatte es der Sekretär sogar noch geschafft, die Handschellen von den Handgelenken der beiden mit einigen präzisen Fingergriffen und einem kleinen Schließfachschlüssel aufzubekommen, was Mac sehr erleichtert hatte.
„Dieser Indianer", fing sie wieder an, „hatte der auch eine Lederjacke?"
„Indiana Jones", verbesserte sie der Detective knauserig, „und ja, er hatte auch eine Le-"
„Und hier sehen wir wieder einmal, wie man von solchen Hollywood Schinken verblöden kann!" fiel ihm Mac ins Wort. „Ich wette mit Ihnen, dass dieser Jonas -"
„Jones!"
„ - nach seinem Bad im Venediger Hafen eine noch immer perfekte und wunderschöne Lederjacke gehabt hat!"
„Es tut mir ja leid um Ihre Lederjacke, aber auch ich habe meinen Trenchcoat aufgeben müssen!"
„Kurzer Zahlenvergleich, was glauben Sie, hat mehr gekostet?"
Burnett räusperte sich übertrieben. „Bitte!"
„Ah, der große Gönner bittet um Aufmerksamkeit", spöttelte Bluestone und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Mit was können wir uns Dankbar erweisen?"
Der Sekretär überhörte den Hohn in seiner Stimme und fuhr ungerührt fort: „Ich habe zwei Tickets nach Istanbul für Sie beide gebucht. Dort werden Sie fürs erste einmal sicher sein."
„Vor wem? Demona, Brode, diesem italienischen Heini, den Illuminati oder vor ihrem Boss?"
„Vor allen."
„In Istanbul?" vergewisserte sich Mac. „Ist das Ihr Ernst?"
„Ja und außerdem bekommen Sie noch eine gewisse Summe Bargeld um über die Runden zu kommen", lächelte Burnett professionell. „Und Mr. Xanatos hat Ihnen ein paar Unterlagen über MacBeth und Demona zur Verfügung gestellt, damit Sie wenigstens ein bisschen was verstehen."
„Wie großzügig."
„Aber dann ist es mir sicher auch noch erlaubt, etwas in Erfahrung zu bringen", begann der Rotschopf bissig. „Was zum Kuckuck wollten Sie von Dracon?"
„Der italienische Heini?" fragte Mac nach.
Der Sekretär nickte leicht und erklärte: „Nur soviel: Ich musste etwas geschäftliches mit ihm regeln, da Brode, der jetzt mit ihm zusammenarbeitet, eine Züricher Bank ausgeraubt hat."
„Das müssen Sie uns nicht zweimal sagen", bemerkte Mac mit einem Seitenblick auf Bluestone.
„Und da es hauptsächlich Mr. Xanatos’ Schaden war ... naja, eigentlich geht Sie beide das nichts an. Was mich allerdings viel mehr interessieren würde, Detective Bluestone, was veranlasst Sie dazu mit Miss MacBeth zusammenzuarbeiten?"
„Ach, das hat sich so ergeben", meinte der Rotschopf ausweichend. „Falls Sie übrigens Elisa sehen, richten Sie ihr bitte aus, dass es mir gut geht."
„Natürlich."
„Und könnten Sie ihr bitte auch noch ausrichten", fragte Mac todernst, „dass ich nicht schuld bin?"
Burnett blinzelte sie ein wenig verwirrt an und wusste nicht gleich was er darauf sagen sollte, aber Bluestone beeilte sich zu erklären: „Sagen Sie ihr bloß, dass das ganze ein Komplott der Illuminati ist."
Diesmal musste der Sekretär spöttisch grinsen. „Ach, deshalb sind Sie mit Miss MacBeth zusammen, Detective."
„Was?" fragte Mac ahnungslos.
„Wie soll ich das verstehen?" wollte der Rotschopf ärgerlich wissen.
„Nun, sagen wir mal so ... Ich habe gehört, dass Sie ein Mitglied sind."
„Was?!" Mac hätte vor Schreck ihren Expresso verschüttet. „Sie sind -"
„Ich bin", sagte Bluestone und legte eine rhetorische Pause ein, „ein Mitglied der Illuminati, ja."
„Sie sind -"
„Aber ich habe mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun und würde selbst gerne wissen, was da eigentlich vor sich geht." Seine Augen wurden plötzlich schmal. „Aber ich weiß, dass Ihr Boss auch nicht so eine ganz weiße Weste von wegen Illuminati haben soll ..."
„Das tut wirklich nichts zur Sache!" empörte sich Burnett.
„Moment mal", unterbrach Mac die beiden. „Sie wollen mir weiß machen, dass Sie alle beide in dieser Organisation sind?"
Der Sekretär und der Detective sahen sie schuldbewusst an.
„Äh, ja ..."
„Naja, also, wie man es nimmt ..."
„Das gibt’s doch nicht!" regte sich Mac weiter auf. „Ich komme mir hier langsam wie in einem Zirkus vor!"
Burnett warf in diesem Moment einen zufälligen Blick auf seine Armbanduhr und beeilte sich aufzustehen. „Äh, es tut mir leid, dass ich mich nicht länger mit Ihnen unterhalten kann, aber ich habe noch einige dringende Geschäfte zu erledigen."
Er überreichte Mac hastig eine Mappe. „Hier drinnen finden Sie alles, was Sie brauchen werden."
Und damit verließ er eilig das Café.
„He!" protestierte Mac ein wenig verspätet, als er schon gute zehn Meter entfernt war. Dann fiel ihr Blick wieder auf Bluestone, der sich nicht so einfach aus dem Staub machen konnte. „Ich glaube, wir sollen uns einmal eingehend unterhalten", schlug sie spitz vor.

Ein wenig nervös sah sich Mac in der großen Flughafenhalle um. Seitdem sie von der Polizei gesucht wurde, hatte sie ein steigendes, ungutes Gefühl, was öffentliche Plätze anging, vor allem, wenn es sich um Bahnhöfe, Flughäfen oder derartiges handelte.
„Dort müssen wir einchecken!" meinte Bluestone plötzlich neben ihr und deutete auf die Tafel mit den Abflugzeiten. „Istanbul, 19:45 Uhr."
Mac grinste wissend und schüttelte den Kopf. „Nein, folgen Sie mir einfach."
„Was?" fragte der Rotschopf und beeilte sich hinter ihr herzukommen. „Wohin gehen Sie?"
„Kommen Sie einfach!"
Sie durchquerten die Halle und näherten sich einem Schalter der British Airlines bei dem eine etwas verklemmt aussehende Dame saß.
„Hallo", begrüßte Mac sie freundlich und überreichte ihr die Tickets. Bluestone stand daneben und glotzte ungläubig ohne irgend etwas zu sagen. Er hielt noch immer die Bordkarten einer türkischen Airline in seiner Hand.
„Wir haben kein Gepäck und wenn’s geht würden wir gerne im Nichtraucherbereich sitzen", erklärte sie einfach, während die Angestellte irgend was in ihren Computer tippte.
„Sonstige Wünsche?" fragte sie mit einem formellen Lächeln.
„Nein, danke", bedankte sich Mac und nahm die Bordkarten entgegen.
„Wir wünschen Ihnen einen guten Flug mit British Airlines", verabschiedete die Frau am Schalter Mac und Bluestone. Ihre Stimme klang ziemlich gelangweilt und auch nicht sonderlich höflich, aber das machte Mac nichts. Ihr genügte das vollkommen verdatterte Gesicht des Rotschopfs.
„Was zum Kuckuck?" brachte er heraus, als sie ihm die Bordkarten, die er bereits in der Hand hielt, wegnahm und ihm dafür die neuen gab.
„Sehen Sie doch selber", grinste Mac fröhlich weiter und warf die alten Bordkarten in den nächsten Papierkorb und machte sich auf den Weg zum einchecken.
„Schottland?!" keuchte Bluestone erschrocken auf, als er sich die Karten genauer ansah. „Haben Sie im Geographieunterricht nicht richtig aufgepasst?"
Mac lächelte ihn siegessicher an und schüttelte den Kopf. „Keineswegs. Schließlich komme ich aus Schottland."
„Ich weiß", entgegnete der Detective bitter. „Und jetzt wollen Sie unbedingt Schutz bei Ihren Eltern suchen, oder was?"
„Nein", meinte Mac nun doch ein wenig ärgerlich und durchquerte die Passkontrolle problemlos. „Und gehen Sie ein wenig schneller, sonst kommen wir zu spät!"
Bluestone zuckte gleichgültig die Schultern. „Was kratzt das mich? Ich würde zuerst mal gerne wissen, warum wir überhaupt -"
„Lesen Sie das und geben Sie endlich Ruhe!", brummte Mac und steckte ihm ein kleines Zettel zu.
„ ,Sie finden Antworten bei der Dritten Schwester von Drymen’ ", las er laut vor. „Was ist das für ein Schwachsinn?"
„Das ist kein Schwachsinn!" Mac schüttelte energisch den Kopf. „Das ist ein eindeutiger Hinweis!"
„Ich kenne leider Gottes keine dritte Schwester von Drymen", maulte Bluestone beleidigt. „Was halten Sie davon, mich ein wenig aufzuklären?"
„Drymen ist ein schottischer Ort. Der Ort, in dem ich aufgewachsen bin."
Der Detective blieb vor Überraschung kurz stehen und hastete dann eilig hinter Mac her. „Und wer ist die dritte Schwester? Ihre Schwester?"
„Ich habe keine Schwester", bemerkte sie nebenbei und fuhr fort ohne darauf zu achten, dass der Rotschopf seine Mühe hatte mit ihr mitzuhalten: „Die Dritte Schwester von Drymen ist ein schäbiges, altes Bild, dass ich durch Zufall kenne."
„Zufall?"
„Es hängt in unserem Flur", erklärte Mac und grinste. „Dieser Hinweis, wer auch immer ihn geschrieben hat, ist bei Gott wichtiger als irgend ein Geld und Tickets, die uns Xanatos andrehen will. Der, der das hier geschrieben hat, kann uns vielleicht wirklich helfen."
„Und woher wollen Sie wissen, dass das nicht vielleicht eine Falle ist?" beeilte sich Bluestone zu widersprechen. „Oder woher haben Sie überhaupt den Zettel? Und wieso haben Sie mir nichts davon gesagt?"
Mac grinste. „Um Ihre letzte Frage zu beantworten: Ich bin hin und wieder ein wenig rachsüchtig."
„Was hat das jetzt damit zu tun?"
„Hey, Sie haben mir nicht gesagt, dass Sie Mitglied der Illuminati sind!"
Der Detective setzte zu einer scharfen Antwort an, kam aber gar nicht erst dazu, etwas zu sagen.
„Der Zettel war übrigens in meiner Bluse. Der wird wohl dorthin nicht zufällig gerutscht sein, nicht wahr?"
„A -"
„Und falls es eine Falle ist, werden wir es früh genug herausfinden. Besser auf jeden Fall als den Schwanz einzuziehen und nach Istanbul zu fliegen. Oder haben Sie etwa Angst?"
Bluestone stotterte ein paar unvollständige Sätze daher, bevor er im Stande war, Macs Frage zu beantworten. „Ich habe keine Angst, ich komme doch sowieso mit!"
„Gut", grinste Mac zufrieden und gab dem Mann vor dem Gate, bei dem sie gerade angekommen waren, die Bordkarten.

Der Schein der kleinen Taschenlampe berührte eine alte Truhe, strich über wertloses Gerümpel hinweg und deckte Unmengen von Staub oder Dreck auf, der sich in den letzten Jahren in dem Keller gesammelt hatte.
„Wieso hast du das Bild nach unten geschafft?" fragte Mac missmutig ihren Bruder, der weiterhin mit der Taschenlampe die Wände absuchte.
„Weil es hässlich ist, deshalb", meinte er und zuckte die Schultern. „So ein altes Ding muss man doch nicht unbedingt jeden Tag sehen."
„Na wenigstens hast du’s noch nicht verkauft", murmelte Mac spitz und sah zu Bluestone hinüber. „Haben Sie schon was gefunden?"
„Ich weiß ja noch nicht mal, wonach ich suchen soll!" gab der hilflos zurück und sah sich weiter um, ohne irgend etwas der Dinge zu berühren. Aber es war hier unten wirklich dreckig.
„Und ich weiß nicht, wieso du die Dritte Schwester haben willst", fügte ihr Bruder zu.
„Will, ich sagte doch schon, dass es wichtig ist, aber ein wenig kompliziert zu erklären."
„Oder was ist hier überhaupt los?" Will deutete auf Bluestone. „Ihr beide seht nicht gerade wie die engsten Freunde aus."
„Sind wir auch nicht", beeilte sich der Detective zu versichern und hob abwehrend die Hände. „Das hätte mir gerade noch gefehlt."
Mac quittierte das mit einem stechenden Blick in seine Richtung und nahm schließlich ihrem Bruder die Taschenlampe aus der Hand und stapfte ein paar Schritte weiter in die Dunkelheit.
„Was ist eigentlich mit dem Licht passiert?"
„Ich mach hier unten nicht viel, wahrscheinlich ist es beim letzten Kurzschluss kaputt gegangen und ich hab’s nicht bemerkt", überlegte Will und schüttelte den Kopf. „Ich brauche den Keller eigentlich nicht."
„Klar", brummte Mac und arbeite sich weiter vor. Ihr gefiel die Einstellung ihres Bruders nicht sonderlich. Seit dem Tod ihrer Eltern lebte er alleine hier und ließ ziemlich viel verkommen. Und alles, was ihn irgend wie an Mac oder an ihre Eltern erinnerte, hatte hier nach unten geschafft. Sie kannte Will gut genug um zu wissen, dass er sich noch immer Vorwürfe machte, was den Autounfall anging, aber sie war nicht hier um alte Wunden aufzureißen.
„Ha, ich hab’s!" rief sie in diesem Moment hustend und zog triumphierend ein staubiges Bild aus der Dunkelheit.
„Sarah, könntest du mir mal freundlicherweise erklären, was das eigentlich alles soll?" fragte Will wieder, ohne auf das Gemälde zu achten.
„Gleich", hustete sie, als sie noch mehr Staub einatmete. „Zuerst möchte ich aber hier raus."
Als Mac mit dem Bild unter ihrem Arm geklemmt wieder die Treppen hinauf ins Haus hastete, sprang Joel, der schwarze Retriever, den sich Will vor einigen Jahren zugelegt hatte - nun schon das fünfhundertste Mal seit ihrem kurzen Aufenthalt - an ihr hoch und versuchte sie wieder einmal zu Boden zu reißen. Es wäre ihm diesmal auch fast gelungen, wäre Bluestone nicht gleich hinter ihr die Treppe hinaufgestiegen und hätte sie rechtzeitig aufgefangen.
„Er kennt dich noch immer", grinste Will schief und ging an dem Detective und Mac vorbei zu dem fast schon kalbgroßen Hund, um ihn ein wenig zurückzuhalten.
„Ja, aber er ist seit dem letzten Mal ein gewaltiges Stück gewachsen", bemerkte Mac und versuchte einen großen Bogen um Joel zu machen.
Will schüttelte weiterhin grinsend den Kopf und verscheuchte den Retriever. „Also?"
„Noch einen Moment", entschuldigte sich Mac und ging an ihm vorbei in die Küche, wo genug Platz war. Eigentlich war das Haus ihrer Eltern für einen Menschen zu groß, viel zu groß sogar und das konnte dann nicht einmal ein solches Ungetüm wie Joel wettmachen. Aber Will war ein Mensch, von der Sorte, die sich schwer von Haus und Heim trennen können und er hatte es immer strikt abgelehnt das Anwesen der MacBeths zu verkaufen geschweigedenn in die Stadt zu ziehen. Irgend wie war Mac ihm dafür auch dankbar, denn sie liebte den kleinen See und das ebenfalls zwar kleine, aber trotzdem schöne Stück Natur, das ihnen beiden hier in Schottland gehörte. Das Haus lag nicht direkt in Drymen, sondern etwas abseits mitten in einer kleinen Wildnis. Das war auch einer der Gründe gewesen, wieso Mac schließlich weggezogen war, denn wer brauchte in so einem Kaff wie Drymen und Umgebung eine Programmiererin?
Will hatte sich indessen hier schon fast abgekapselt von dem Rest der Welt. Er war ein typischer Einsiedler, der hin und wieder nach Drymen fuhr um dort Einkäufe zu tätigen oder fertige Aufträge abzuliefern, schließlich war er der beste Tischler weit und breit.
Mac sah sich kurz in der altvertrauten Küche um und legte dann das Gemälde einer jungen Frau, die weiße Haare und sonst kein sonderlich schönes Aussehen hatte - was wohl eher an dem Künstler lag und nicht an ihr selbst - auf den breiten Esstisch.
„Und jetzt?" fragte Bluestone ziemlich ahnungslos.
„Mal überlegen", murmelte Mac nachdenklich und strich über den Rahmen.
„Während ihr beide da irgend was sucht, könnt ihr mir vielleicht erklären, was jetzt eigentlich los ist?" fragte Will inzwischen ungeduldig.
„Hast und mal in den letzten drei oder vier Tagen das Radio eingeschaltet?" wollte Mac wissen, anstatt zu antworten.
„Nein, wieso?"
Sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Gut, dann weißt du auch noch nicht, dass ich die Hauptverdächtige in einem Mordfall bin und von der Polizei gesucht werde."
„Was?!" Wills Unterkiefer klappte runter. „Dududu ... hast wwww", stotterte er verständnislos.
„Nein, habe ich nicht, das versucht mir jemand anzuhängen."
„Und der da?" fragte er deutete auf den Rotschopf, der noch immer das Bild anstarrte.
„Ich bin Police Detective Bluestone", antwortete er statt Mac und lächelte kalt. „Leider ist mein Ausweis verloren gegangen, ansonsten könnte ich es Ihnen zeigen."
„Dadadas ... äh ... Sssie .." Will schluckte. „Das ist nicht euer Ernst, oder?"
„Leider doch."
„Aber was wollt ihr dann hier und mit diesem Bild?"
„Das ist sehr kompliziert", seufzte Mac. „Und ehrlich gesagt, bin ich jetzt zu faul um das alles zu erklären."
„Natürlich", murrte Will und verschränkte die vor der Brust. „Mein liebes, kleines Schwesterherz steckt in der Klemme und ist zu faul mich um Hilfe zu bitten."
„Halt!" meinte Mac erschrocken und hob abwehrend die Hände. „Ich brauche wirklich keine Hilfe."
Der Blick in den Augen ihres Bruders zeigte ihr, was er von der Sache hielt.
„Außerdem wird die ganze Angelegenheit dann noch komplizierter als sie sowieso schon ist."
„Ist sie das etwa?"
„Naja", grinste Bluestone, „inzwischen ist ihre Schwester von New York über Paris und Zürich bis nach Venedig und hierher gekommen, und das alles nicht nur wegen der Polizei."
Will schien es diesmal schon etwas gefasster zu nehmen, denn er blinzelte nur ein wenig überrascht und meinte dann: „Umso mehr möchte ich wissen, was sie jetzt hier verloren hat."
„Ich bin sicher nicht hier um dich um Hilfe zu bitten", entgegnete Mac und drehte plötzlich das Gemälde um. „Ich bin hier um einen Hinweis nach zu gehen."
„Hinweis?"
„Oder es ist eine Falle, was ich wohl eher befürchte", meldete sich der Detective wieder. „In Venedig bekamen wir einen Zettel zugesteckt, dass hier irgend etwas oder jemand auf uns wartet. Und dass es irgend was mit dem Bild zu tun hat."
„Persönlich glaube ich", begann Mac und griff fingerfertig unter den Rahmen, „dass irgend wo in diesem Bild eine weitere Nachricht zu finden ist. Ich denke, dass -"
Ein helles Klirren ließ nicht nur Bluestone und Mac sondern auch Will erschrocken aufsehen.
„Joel?" rief ihr Bruder verwundert. „Joel, was hast du jetzt wieder angestellt?"
Aber da war kein Kläffen, Winseln oder sonst etwas Hundeähnliches zu hören.
Will zuckte die Schultern und ging mit weit ausgereiften Schritten auf den Flur zu.
Mac warf einen hastigen Blick aus dem Fenster und bemerkte erst jetzt, dass es bereits zu dämmern begonnen hatte. Oder besser gesagt, die Sonne war schon in den Baumwipfeln verschwunden.
Und genau in dem Moment, als Mac einfiel, wen sie eigentlich schon viel zu lange nicht mehr gesehen hatte, flog Will mit einem entsetzten Kreischen im hohen Bogen wieder zurück in die Küche und blieb bewusstlos liegen. Gleichzeitig erschien ein bedrohlicher Schatten in der Tür und niemand anders als Demona in Gargoylegestalt betrat mit einem finsteren Lächeln - und nebenbei bemerkt mit einer ziemlich großen Laserwaffe in der rechten Hand - den Raum.