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webbrain - Texte zur Kunst
Der „Virtuelle ! Realismus“ als postmoderne Überwindung
der
Realistischen Kunst der Moderne
Ein Palimpsest von Henriette Bootsdorfer
Der Formalismus als selbstbehauptete
Moderne
Mit der Modernen - N.
Luhmann - verändern sich auch die gesellschaftlichen Imperative für
Individualität. Nicht mehr: „was hat man zu sein?“ sondern: „wie hat man zu
sein?“ ist die Frage. Wenn das Individuum durch Technik derart marginalisiert
wird, gewinnt es die Distanz, die es möglich macht, das eigene Beobachten zu
beobachten. Es weiß nicht mehr nur sich selbst. Es bezeichnet nicht mehr nur
sich selbst mit Namen, Körper und sozialer Placierung. In all dem wird es
verunsichert. Und statt dessen gewinnt es die Möglichkeit einer Beobachtung
zweiter Ordnung.
INDIVIDUUM IM MODERNENSINN IST, WER SEIN EIGENES BEOBACHTEN
BEOBACHTEN KANN.
Und wer nicht von selber
drauf kommt oder von seinem Therapeuten darauf gebracht wird, hat die
Möglichkeit, Romane zu lesen und auf sich selbst zu projizieren - als „uno,
nessuno e centomila“ (Pirandello)

Rosa Brueckl/Gregor Schmoll „Leda“, 2000
Man sollte diese Diagnose
nicht zu rasch als pessimistisch abtun. Man kann sie jedenfalls auch als
Hinweis auf die
Möglichkeit des Ausprobierens immer neuer Kombinationen,
ja immer neuer Unterscheidungen sehen, für die funktionierende Simplifikationen
(offensichtlich die Kunstwerke) eine unabdingbare Voraussetzung bilden.
Der Kunstbegriff der Moderne
ist in seiner pessimistischen Sicht schließlich so weit ausgedehnt und
ausgereizt, dass negative Werte wie Banalität, Kitsch, Abfall, Pornografie als
Differenzkriterien unbrauchbar geworden oder als Readymades künstlerisch
vereinnahmt sind. Klassische Gegensatzpaare wie schön und hässlich, gut und
böse, die noch im Projekt der „nicht mehr schönen Künste“ der siebziger Jahre
wirksam waren, greifen nicht mehr recht. Geblieben vom Projekt der Moderne ist
eine ästhetische Entgrenzung - die mangels Barrieren und Tabus (?), die noch zu
überwinden wären – zum Leerlauf, zur Tautologie der Wirklichkeit, zu werden
droht. Dieser Mangel entspringt der Koketterie des Formalismus mit dem Zwang
zur technischen Modernität als marktmäßiges Differenzierungspotential und
einer metaphysischen „Freiheitsauffassung“. Aus dieser Perspektive gesehen
treibt seit der Jahrhundertwende, beschleunigt nach den Traumata der Weltkriege
die Kunst-Moderne in ihre Selbstdestruktion. Was wir vom Projekt der Moderne
ins
21. Jahrhundert übernehmen, wäre eine von der Selbstdestruktion
bedrohte Moderne. Die Moderne hat auf weiten Strecken vergessen, dass sich
Kunst, grenzüberschreitende, emanzipatorische Kunst, im Gegensatz und
Widerspruch zur Welt, nicht in der totalen Kommunikation mit ihr, verwirklicht.
Sie ist der raffinierte Schein der ideologischen Indoktrination der Massen
unter dem Mantel der „Freiheit“ und des Genusses. Der implizite Widerspruch im
herrschenden Ideologischen, welcher über die Kämpfe der Klassen und Schichten,
Völker und Institutionen artikuliert wird und permanent im Flottieren der
Bedeutungen, besser in der Umwertung der Werte sichtbar wird, findet, abhängig
von Spekulationsinteressen und Markt“zwängen“ mehr oder minder Zugang zum
System der Kunst.
Dieses System besteht als
spezifische Produktionssphäre der „Geistigen Produktion“ aus einem mittlerweile
im 20-ten Jahrhundert ausgeprägten sozio-ökonomischen Regulationssystem,
welches trotz seiner immanenten Krisenhaftigkeit seine Basis und Effekte
globalisiert hat. War das Regulationssystem der Kunsteiner der Vorreiter der Globalisierung des euroamerikanischen
Kapitals ?
Das Ende der Kunst ?
von Hegel bereits Anfang des
19. Jahrhunderts angekündigt, steht für eine Krise der Repräsentation des
Ideellen, die auch zu Beginn diesen Jahrhunderts von Künstlern wie Duchamp und
Malewitsch und später von Lyotard u.a. als Krise der Repräsentation überhaupt
dargestellt wurde . Das ist eine der verhängnisvollsten Fragen in der Kunst und
in der Wissenschaft, ein agnostischer Abgesang und Raum für Obskurantismus und
Idealismus aller Spielarten.
Die Vermutung des Endes der
Kunst impliziert die zählebigen Redensarten wie die „Vertreibung des Menschen
aus der Kunst“ oder den „Verlust der Mitte“, womit der Kulturkonservatismus von
Ortega y Gasset bis Hans Sedlmayr das
Projekt der Moderne zu torpedieren versuchte. Wobei man ja Sedlmayr zugestehen muss,
dass er vor allem um die Disfunktionalität der Kunst zur Aufrechterhaltung der
Herrschaft des Kapitalismus bangte. Ortega y Gasset konnte der Entwicklung in
den Zwanzigerjahren durchaus das Positive - die Unverständlichkeit dieser Kunst
für die Massen – als Entwicklung zu einer nur mehr komplex zu vermittelnden
Elitekunst der Tempel (Museen) abgewinnen.
Das Zwanzigste Jahrhundert und seine Kunst
Das Projekt der Moderne sah
sich in seiner explizit antikapitalistischen, humanistischen Strömung als Bremsblock
im Prozess der „Zerstörung der Vernunft“ ( Georg Lukacs ). Neben den Apologeten
des Endes der Kunst gab und gibt es die wesentlich differente Entwicklung von
der gebrochenen Romantik eines Delacroix oder Gericault und dem kritischen
Realismus von Courbet, Daumier, teilweise sogar Millet, über van Gogh bis zu
Bacon, Tübke, Lucian Freud oder Hrdlicka. Das Projekt der Moderne bedeutet
nicht nur den Anschluss an die extensive Romantik von Novalis, Schlegel, Kleist
(„Über das Marionettentheater“), Baudelaire, Lautreamont, den de Sade
huldigenden Surrealisten, Artaud und Bataille, sondernauch das Anknüpfen an die Befreiung des ästhetisch Bösen,
Verrufenen, Hässlichen aus der Vormundschaft und Kontrolle durch die deutschen
Identitätsphilosophie des Idealismus, die Ästhetik Hegels und seiner Schüler.
Die Erben der Romantik in
unserem Jahrhundert haben die giftigen Früchte der Verdrängung des Fleisches,
des Zufalls, des Unbewussten, alles Unästhetische sichtbar gemacht. Das
widersprüchliche Projekt der Moderne vereinigte kompromisslos (?) die Romantik
und die Utopie des Humanen, die Vernunft und ihre Kritik. Wir müssen diese
unauflöslichen Widersprüche, als die Antinomien unserer Moderne und als die
reale dichotomische Sicht der Kunstgeschichte des 20.Jahrhunderts akzeptieren.
Die Moderne vertritt ein Rationalisierungs- und Aufklärungskonzept, das den
erweiterten instrumentellen Freiraum der Kunst in einem „vernünftigen“ Ausmaß
gleichzeitig zu beschneiden sucht. Die humanistisch-rationalistische Strömung
verurteilt die Romantik darin, dass sie die Deformation des Schönen, Guten und
Wahren in der Emanzipation des Hässlichen, Bösen und der ästhetischen Lüge zu
weit getrieben hat und der Tradition der Schwarzen Romantik frönt, dies gaben
Lukacs, Bloch und auch Habermas zu bedenken.
Die Kunst braucht, damit
ihre Wahrheit formulierbar wird, die Philosophie; aber die Philosophie braucht
auch die Kunst (Adorno). Denn ohne Kunstwerke ist der Philosophie der Weg zur
Wahrheit längst versperrt. Ihre rationale Struktur, ihr identitätslogisches
Denken ist nicht imstande (Castoriadis), die Komplexität der Wirklichkeit zu
erfassen. Und ebensowenig vermag sie den allgemeinen Verblendungszusammenhang,
den die Kulturindustrie der kapitalistischen Gesellschaften über das Bewusstsein
der Menschen legt, zu durchbrechen. Die Hoffnung Adornos, dass mittels der
Darstellung des Erhabenen als Ausdruck des Widerstandes gegen die Totalität
unserer Gesellschaft die Kunst einen privilegierten Zugang zur Wahrheit hätte,
kann nur in der Form der Verweigerung der ideologischen Formen, mit denen der
Markt das Bewusstsein überschüttet, begründet werden. Deshalb muss Kunst nach
seiner Auffassung in der Organisation ihres Materials immer radikaler werden,
da die ästhetischen Errungenschaften immer schneller durch die massenhafte
Reproduktion und Vermarktung entwertet werden. Das ist auch ein Motiv dafür,
dass die Kunst der Moderne immer hermetischer, in sich geschlossener,
vordergründig unverständlicher, immer radikaler werden muss (?) - oder, wie
Adorno es formulierte: „Die adäquate Haltung von Kunst wäre die mit
geschlossenen Augen und zusammengebissenen Zähnen!“ In dieser Haltung wird
Kunst zum Statthalter des Humanen in einer inhumanen Welt. Sie kann dies aber
nur, wenn sie, wie Adorno in der Philosophie der neuen Musik geschrieben
hatte,, diese Unmenschlichkeit der Welt um des Menschlichen willen überbietet“.
Die Schocks der Sozialen
Kämpfe, der Weltkriege, des Faschismus und des Kalten Krieges
Das SYSTEMUMFELD der
KUNST des zwanzigsten Jahrhunderts
Bürgerkriege oder
bürgerkriegsähnliche Zustände seit der Pariser Commune in allen europäischen
Ländern zur Durchsetzung minimalster sozialer und demokratischer Standards;
erster Weltkrieg mit schwersten traumatischen Folgen, Russische Revolution mit
massiver äußerer und innereuropäischer Reaktion gegen alles Linke bis zum Sieg
durch den Faschismus. Millionen Tote, Ermordung des Großteils der linken und
humanistisch gesinnten Intelligenz im Faschismus und Stalinismus. Trauma des
Holocaust, Kalter Krieg und Ausbau der sozialen und demokratischen Standards in
Westeuropa und Nordamerika extreme Beschleunigung der Technologieentwicklung,
Globalisierung des Kapitalismus, Ende der „sozialistisch-terroristischen“
Regime in Osteuropa.
Die utopischen
Artikulationen der Klassenspaltung in der Kunst zu Beginn des zwanzigsten
Jahrhunderts
“Die Kunstausstellung ist
eine Missgeburt des kunstverarmten Europas. Da die Kunst im wirklichen Leben
der zivilisierten Völker erstarb, musste sie sich in jene grotesken Schauhäuser
flüchten und sich dort prostituieren. Das Kunstwerk hat heute nicht mehr seinen
festen, geheiligten Platz inmitten des Volkes, es ist vogelfrei geworden.“
(Gropius 1919)
Für die Avantgarde ist
bürgerliche Kunst bloße Ideologie: sie verschönt die Wirklichkeit, um deren
unschöne Seiten zu verdecken: „... dieses Milieu bemäntelt die Wahrheit“
(Leger). Damit aber darf sich „echte“ Kunst - auch und gerade wenn sie sich als
Anti-Kunst versteht - nicht zufrieden geben:„Der Dadaist hält es für nötig, gegen die Kunst aufzutreten, weil er
ihren Schwindel als moralisches Sicherheitsventil durchschaut hat. (...) Es
muss dem Bürger die Möglichkeit genommen werden, „Kunst zu seiner Rechtfertigung zu erhalten“
(Huelsenbeck).
Die Avantgarde bringt also
ein genuines Projekt der Aufklärung zu Ende: die Zerstörung der bürgerlichen
(?) Ideologie. Das Rasen des Künstlers ist deshalb auch kein blindes Wüten, es
ist heiliger Zorn - etwas, das er „... als eine Mission betrachten und wie ein
Priesteramt ausüben muss.“ (B. Croce, 1913)
In der Stilisierung dieser
Mission ins Titanenhafte zeigt sich der Avantgardekünstler als gelehriger
Schüler des von ihm ansonsten so vehement abgelehnten 19. Jahrhunderts. Sein
Ziel aber ist weiter gesteckt: Es ist nichts weniger als eine Gesellschaft ohne
Widersprüche, die realisierte Utopie, die soziale Revolution ...: „Nichts ist
uns teuerer als diese Produkte des menschlichen Genies, die, von der
Vormundschaft der Götter und Tyrannen befreit, seine unendlichen Fähigkeiten
und seine grenzenlose Freiheit bezeugen. Der Kult der Kunst wäre somit die
Religion des heutigen Menschen, die die Mitglieder einer neuen Ecclesia von
modernen Menschen vereinigt.
Die
faschistischen/rechtsradikalen Artikulationen der Klassenspaltung in der Kunst
Marinetti liebte die
messianische Geste, prangerte die angebliche Fäulnis des Zeitalters an und
delirierte vom neuen Menschen. Doch seine Vision von sozialer Gesundheit wies
schon im ersten Manifest in eine deutlich rechtsradikale Richtung: „Wir wollen
den Krieg verherrlichen - das einzige Heil für die Welt - den Militarismus, den
Patriotismus, die zerstörerische Geste der Anarchisten, die schönen Ideen,
welche töten, und die Verachtung für die Frau.“ Der kraftmeierisch dummdreiste
Militarismus und Machismo Marinettis war weit mehr als ein geschmackloser
Reklamegag – auch Hitlers „Mein Kampf“ wurde als Programm nicht ernst genommen.
Der Futurismus war seinem Wesen nach ein brutaler und zynischer
Antiintellektualismus. In den Schafspelz der Ästhetik gehüllt sang Marinetti das
Hohelied der Borniertheit und des Ressentiments. Von der künstlerischen
Maskerade eingenommen, stimmten auch viele darin arglos ein, denen es vorrangig
um Fragen der Bildgestaltung ging und die den Zug in die Zukunft und damit in
die Kunstgeschichte nicht verpassen wollten. Marinetti konnte aber ebenso auch
auf die Masse derer zählen, denen intellektuelle Innovationen nicht geheuer
waren; dagegen setzte Marinetti die Tat, den Kurzschluss, die Gewalt. „Was gehen
uns die Frauen an, die häuslichen, die Invaliden, die Kranken und all die
treuen Ratgeber? Ihrem unbeständigen, von düsteren Kämpfen zitternden Schlummer
und schreckniszerschnittenen Leben ziehen wir den gewaltsamen Tod vor, wir
verherrlichen ihn als den einzigen, der des Menschen würdig ist, des Raubtieres
würdig ist. Wir wollen, dass unsere Kinder fröhlich ihrer Laune folgen, brutal
den Greisen sich entgegensetzen und auf das pfeifen, was die Zeit geheiligt
hat“, hatte es im zweiten Manifest geheißen. Und vom italienischen Überfall auf
Libyen im Jahr 1911 schrieb er als Kriegsberichterstatter an die Kollegen
daheim: „Futuristische Dichter, Maler, Bildhauer und Komponisten Italiens!
Solange der Krieg dauert, lassen wir Verse, Pinsel, Meißel und Orchester
beiseite! Es haben die roten Ferien des Genies begonnen! Heute können wir
nichts anderes mehr bewundern als die großartigen Symphonien der Schrapnelle
und die wahnwitzigen Skulpturen, die unsere inspirierte Artillerie aus den
Massen der Feinde formt.“
Seine Worte fielen auf
furchtbaren Boden. Die meisten Futuristen waren bekanntlich glühende
Befürworter einer Beteiligung Italiens am ersten Weltkrieg. Benito Mussolini
betätigte sich, als er noch nicht der Duce war, eine Zeitlang als Aktivist bei
futuristischen Unternehmungen. Marinetti schrieb 1918 ein politisches Manifest,
in dem er die Kunst an den Faschismus verkaufte. Das lag durchaus in der Logik
der Sache, denn wenn die Avantgarde Kunst und Leben zusammenführen sollte, dann
war Parteiarbeit sicher wirkungsvoller als Dichterlesungen. 1934
begrüßte Gottfried Benn ihn auf einem Bankett in Berlin im Namen der Union
nationaler Schriftsteller in völkischer Verbundenheit mit den Worten:
„Exzellenz Marinetti (...) Welche ungeheuren Folgen hatte Ihr berühmtes
Manifest, das 1910 bei uns bekannt wurde, welche ungeheure Verwandlung des
europäischen Geschlechts drückte es aus! Mitten in einem Zeitalter
stumpfgewordener, feiger und überladener Instinkte verlangten und gründeten Sie
eine Kunst, die dem Feuer der Schlachten und dem Angriff der Helden nicht
widersprach. Ihr Manifest wirkte verblüffend, als es erschien, es wirkt heute
noch verblüffender, da alle ihre Formulierungen Geschichte wurden. ...“

Die Kubistische Revolution
Ein paar Worte zuerst vom
Namen dieser Schule, damit man ihn nicht als Programm auffasse und so zu
falschen Schlüssen gelange. Ein Schimpfwort seiner Gegner ist er, wie es schon
der Name „Impressionismus“ gewesen war. Sein Erfinder war der damalige
Kunstkritiker des „Gil Blas“, Louis Vauxcelles, der schon einige Zeit vorher,
in den Jahren 1904/5, einen anderen sinnlosen Namen für die damalige
„Avantgarde“ der Independants ausgebracht hatte, das zum Glück wieder
verschwundene (heute wieder übliche) Wort „les fauves“, die wilden Tiere. Ihm
begegnete im September 1908 Matisse, der in diesem Jahre Mitglied der Jury des
Salons d’Automne war, und der erzählte ihm, Braque habe zum Herbstsalon Gemälde
„avec des petits cubes“ gesandt. Zur Beschreibung zeichnete er auf ein Stück
Papier zwei aufsteigende, oben sich berührende Linien, und zwischen diese einige
Würfel. Es handelte sich um Braques Estaquelandschaften aus dem gleichen
Frühjahre. Mit der solchen Körperschaften eigenen Feinfühligkeit lehnte die
Jury von den fünf eingesandten Gemälden zwei ab, worauf Braque alle fünf Bilder
zurückzog.
In der kubistischen
Formzertrümmerung bleibt der Gegenstandsbezug, wie verzerrt auch immer,
erhalten. Kubisten
haben die Wirklichkeit, selbst die optischen Gegebenheiten genau untersucht, im
Grunde ist diese Malerei realistischer als etwa Dalis unzüchtige Klaviere.
Gewiss, auch der Kubismus ist ein Beispiel dafür, dass wir uns spezialisieren
und unser Leben sich teilt; was aber offenbar unteilbar blieb, war der Sinn für
Malerei in ihrem materiellen, ursprünglichen Kern. Dazu kommt, dass die
Kubisten jenen Anteil geltend machten, der nur durch die Tatsache, dass eine
Gruppe Maler die Merkmale unserer Welt neu buchte, unser Empfinden und unser
Raumgefühl mit erneuert hat. Es geht, im Ensemble kubistischer Bilder, um die
Malqualität: zumal dort, wo das Raumproblem geradezu übersprungen oder zu einem
jeu d'esprit wird, setzt eine Malerei ein, die Nuance und Genauigkeit, die Spur
der Pinselstriche und die Definition des Zeichens paart. Braque geht, in dieser
Übersensibilität, Picasso noch voran: aber der Spanier, härter in den Konturen,
eher von der Negerplastik als von Cezanne fasziniert, kommt zu Kombinationen
von Grautönen, gebrochenem Ocker, Erdfarben, die nie schmutzig wirken, um einen
Violinspieler, der natürlich keiner ist, einer Frau mit Mandoline, aus Hell-
und Dunkeltönen jene stoffliche Individualität zu verleihen, und die,
paradoxerweise, dem Gegenstand, als Thema oder Sujet gesehen, fehlt. Malerei
ist hier auf einen Höhepunkt getrieben, der Selbstbewusstsein im Umgang mit
einer Kunst zeigt, die, im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit,
genau dieses Selbstbewusstsein eingebüsst hat.
Das kubistische Bild stellte
neue Anforderungen an die ästhetische Wahrnehmung. Ein lediglich
wiedererkennender Blick reicht vor diesen Bildern nicht aus; es muss so etwas
wie ein sehendes Sehen, ein von der
„normalen“ Seherfahrung freigesetztes, konstruktives, imaginatives Sehen
hinzukommen, um den Betrachter vor einem kubistischen Bild nicht scheitern
zu lassen. Imdahl hat über den Zusammenhang von Bildautonomie und Gegenstandssehen
einen nach wie vor beeindruckenden Aufsatz geschrieben und gezeigt, wie in der
Verknüpfung von wiedererkennendem und sehendem Sehen die kubistischen Bilder
den Betrachtern zugänglich werden können.

Picasso,
Frau mit Mantille 1910
Was bedeutet der Kubismus,
abgesehen von den bildnerischen Momenten ? Doch eine Fehde zwischen dem, was
die Wirklichkeit sichtbar als Modell vorschlug, und den Imagines der Maler. Bei
Picasso wird diese Spannung immer wieder offenbar, auch wenn er die
eigentliche kubistische Malerei längst aufgegeben hat. Einmal ist das Bild ein
Kunstgegenstand, den Gegenständen gleichwertig, die die Wirklichkeit bevölkern,
zum anderen ein Spiel mit Stoffen, aus denen eine Pfeife, eine Fruchtschale,
das Päckchen Tabak oder die Gitarre bestehen. Im Gegensatz zu Klee und
Kandinsky zieht Picasso mit der Malfarbe Stofflichkeiten ins Bild, die Farbe
ist also kein Stoff an sich und entbehrt symbolischer Werte. Blau ist Email
oder eine Bluse, keine typisch himmlische Farbe, wie Kandinsky es wollte, die
beruhigt, weil sie sich entfernt. Woraus sich ein anderer Widerspruch ergibt,
der Picassos Malerei bis heute begleitet: diese Knochenfigur, diese Eule,
diese Violine lassen sich zwar umkehren, die Faszination des Gegenstands
schlägt jedoch stets durch die Ölpasten durch. Malerei ist zwar Kunst,
eigentlich aber nur ein Hilfsmittel, mit dem man notdürftig ein Ding verkörpern
kann. Was Picasso ungern akzeptiert hat. Als er wirkliche Materialien,
Putzlappen, Papierfetzen, Wellpappe oder Holzstücke in seine Leinwand klebte,
wollte er nicht, wie Braque, das Bild vielfältiger und greifbarer machen. Er
wollte es im Gegenteil zerstören und damit die Grenzen der Malerei verschieben.
Denn was sind diese Fremdkörper? Dinge, die keine Dinge mehr sein können, die
man allenfalls retten kann, indem man sie in ein Gebilde auf der Leinwand
verwandelt, doch diese begrenzte Fläche reicht nicht aus, will man
dokumentieren, wie aufwendig sich eine Wirklichkeit aus der Welt schafft.
Die autonome Kunst, die versucht, Fragmente aus der Alltagswelt in die
Kunstwelt zu überführen und in das Kunstwerk zu integrieren, überwindet damit
nicht die Grenze zwischen Kunst und Alltag, sondern verstärkt sie noch, denn
der aus dem Alltagszusammenhang herausgerissene Zeitungsausschnitt
beispielsweise hat im neuen Kontext der Kunst seine Identität als
Alltagsgegenstand verloren.

Die
Damen, Fotos für einen Kalender der Austria Tabakwerke
Der „Linguistic Turn“ in der Kunstphilosophie
Kahnweiler, der Freund und
Kunsthändler von Juan Gris, war der erste, der, neben seinem Hinweis auf den
Neukantianismus, Begriffe der Linguistik auf kubistische Bilder übertrug und
aus der Spannung zwischen Bezeichnendem, und Bezeichnetem das Neue als eine in
ihrer Zeichenhaftigkeit bewußt veränderte Welt erkannte. Von der Thematik her
betrachtet bleibt der Kubismus innerhalb einer realistischen Kunst, wie
Picasso, der im Unterschied zum früh verstorbenen Gris ausführlicher werden
konnte, ja stets den Realismus beibehalten hat. Statt Symbolen kommen, wie Kahnweiler
gezeigt hat, Embleme für Seiendes zustande (gegen diese erkenntnistheoretische
Wende des E.Mach –Begriffe als Hieroglyphen des Realen - zog vor allem Lenin im
„Emiriokritizismus“ zu Felde). Am Bestehen der sichtbaren Welt wird dabei nicht
gerüttelt. Hier liegt der grundlegende Unterschied zu Malewitsch und Mondrian,
deren Werke nur äußerlich eine Konsequenz kubistischer Morphologie darstellen,
deren signethaftes Hinausgehen über Wirklichkeit jedoch den Kubismus, dessen
linguistischen Glanz, nicht tangieren. Die Überlegungen, die in den Schriften
von Juan Gris anklingen, kreisen stets um die Sagbarkeit von Dingen. Er spricht
von einer deduktiven Methode: Ein Gegenstand gelangt zur Übereinstimmung mit
einer Komposition, nicht umgekehrt. Dies bedeutet, dass Gris jeweils zunächst
von autonomen Form- und Farbkorrespondenzen ausgeht, denen abschließend eine
eindeutig figurative Suggestion unterlegt wird. Denn in diesem Punkte toleriert
Gris auf Seiten des Betrachters keine Freiheit, kein Hineinsehen: ,,Wenn ich die
bildnerischen Beziehungen bis hin zur Darstellung von Gegenständen
spezifiziere, so will ich dadurch verhindern, dass der Betrachter eines Bildes
es von sich aus tut und dass die Gesamtheit der farbigen Formen ihm eine von
mir nicht vorgesehene Realität suggeriert." Eine zweifellos wichtige Äußerung:
nicht ein Gegenstand wird zerlegt, sondern in einer autonomen Bildarchitektur
wird die ihr adäquate Gegenständlichkeit untergebracht. Dies könnte darauf
schließen lassen, dass Gris eine informelle Bildwelt im letzten Augenblick
gegenständlich determiniert.
Der künstlerische
Konstruktivismus
eines Corbusier, Malewitsch,
van Doesburg, Mondrian gipfelt in der ästhetischen Allianz von Form und
Funktion. Er rangiert als Schlüsselbegriff der Kunst-Moderne neben Montage und
Experiment. Der ästhetische Eigensinn des Funktionalismus beruht auf seinen
„konstruktivistischen Grundlagen“ im holländischen Neoplastizismus, der alle
künstlerischen Einzelleistungen im „Gesamtkunstwerk einer umfassenden
architektonischen Gestaltung der Umwelt“ zumindest konzeptionell zusammenfasst.
Trotz der Kontroversen zwischen Bauhaus und Neoplastizismus zeigt sich in
Gropius „neuer Einheit von Kunst und Technik“ die gleiche Intention auf einen
Stil- und Lebensfragen restlos integrierenden Universalismus. Mit ihm verbindet
sich für Habermas der „wahre Geist des Projektes der Moderne, der durch alle
seine späteren Verfälschungen hindurch transparent und nachvollziehbar bleiben
soll“, eine bis heute uneingelöste Antizipation. So wie Habermas das
Selbstbewusstsein der klassischen Moderne in der Verschmolzenheit, dem Amalgam
von geschichtlichem und utopischem Denken, begründet wissen will, so hält er
über das 20. Jahrhundert hinaus an der Möglichkeit einer selbstkritischen
Fortsetzung des Projekts der Moderne fest, nach der Form und Funktion,
Konstruktivismus und Funktionalismus, Bildende Kunst und Architektur,
Darstellungsästhetik und technische Rationalität, Form und Zweck, Schönheit und
Nützlichkeit in einem Bindegewebe „kommunikativer Vernunft“ miteinander
verquickt sind, im doppelten Wortsinn alles Einzelne und Heterogene aufgehoben
ist.
Gegen das Ordnungsprinzip
der Vernunft hat das Projekt der Postmoderne zu Recht eingewendet, dass in der
modernen Kunst- und Architekturgeschichte es den einen Heils- und Königsweg unter Anleitung der aufklärerischen
Vernunft so wenig gäbe wie die Geltung eines einzigen universalen
Stilparadigmas. An ihre Stelle sei die „Paradigmenkonkurrenz“ (Wolfgang Welsch)
der Stile, Medien, Konzepte, Kulturen getreten, allerdings mit der wesentlichen
Einschränkung, dass das technologische Paradigma das „verbindlichste“ sei,
gewissermaßen das „Standbein“ aller anderen Paradigmen und nicht nur eine ihrer
„Facetten“.

Montage: Grosz-Heartfield „Korrigierte Picasso“ 1919
Das surreale Bild
Das Paradigma der „revolution surrealiste“ steht für die neben den
Formauflösungen im Futurismus und Kubismus wohl radikalste (nicht marxistische)
Vernunft- und Verstandeskritik der Moderne und den für Angriff einer
Bewusstseinsrevolution auf die Zensurmaßnahmen und Verdrängungsmechanismen
bürgerlicher Rationalität, die mit den, allerdings poetisch gebändigten,
Ausuferungen des psychischen Automatismus, der traumatischen Hysterie und des
Wahnsinns im Zeichen einer „konvulsiven Schönheit“ (Breton) konfrontiert wurde.
Der Befreiungsdrang von jeglichem Vorurteil, die Attacke gegen den Formzwang im
Namen einer frei flottierenden, riskanten Imagination wurden überdehnt und
hatte sich teilweise selber ad absurdum geführt. Die nachfolgenden Prozesskünste
mit ihrer Orientierung auf Körperrhythmus, Geste und Geschwindigkeit, das
Bewegungs- und Zeiterleben, also abstrakter Expressionismus, Tachismus,
Informel, CoBrA, Land Art, Date Paintings, Spurensicherung bis zur medialen
Sequenzierung des Körpers in der Gegenwart, haben die Intention auf einen sich
selbst ausdrückenden, reinen Schöpfungsakt fortgesetzt. Das Werkhafte, das den
Vitalitäts- und Spontaneitätskult Überlebende und Transzendierende der Kunst,
die Subjekt-Objekt-Differenz in der Genesis klassischer Kunst, wurden
schließlich in einen intersubjektiven totalitären Erfahrungszusammenhang des
Künstlers mit der Welt aufgelöst. Entweder wurde der Kunstrezipient zum
künstlerischen Koproduzenten erhoben und das Werk auf Idee und Konzeption (Fluxus,
Concept Art), häufig nur einen Einfall, den Deklarationsakt und die
Künstlersignatur reduziert. Oder der Prozess des Erfahrens wurde zur
(Video-)Performance, zum Happening, einem situationistischen, aktionistischen
oder kommunikativen Geschehen erweitert, das kein Kunstmarkt und kein
Kunstmuseum mehr verdinglichen können sollte.
Während aber die sichtbare
Realität der Materialien und Tätigkeiten bei Fautrier, Dubuffet und Pollock
noch, als „Bildlichkeit“ wahrgenommen wird, wird erst in der Bestimmung und
Wahrnehmung des Gemäldes als Objekt in dieser Welt die Transzendenz der Malerei
völlig aufgegeben.
Stella und Judd lassen vom
Gemälde außer der materiellen Oberfläche eines Trägers nichts mehr übrig. Das
hatte schließlich den vollständigen Zusammenbruch der ästhetischen Differenz
zwischen materiellem Gegenstand und visueller ästhetischer Ordnung zur Folge,
nach Meinhardt gleichzusetzen mit dem Ende der modernen Malerei. Diese war mit
einem tiefgreifenden Verdacht gegen den Illusionismus der traditionellen Malerei
angetreten und musste nun feststellen, dass die letzten noch möglichen Gemälde
keine Gemälde im ästhetischen Sinne mehr sind, sondern Gegenstände unter
anderen Gegenständen in der Welt.
Die Moderne im Kalten Krieg nach 1945
Alle Avantgarden verbindet
eine maßlose Borniertheit. Die Kunstgeschichte, die, ebenso wie die politische,
bekanntlich immer von den Siegern geschrieben wird, tat nach 1945 alles,
diesen Umstand möglichst zu bagatellisieren. Wer nach dem 2.Weltkrieg moderne
Kunst machte oder sich öffentlich für ihre Geltung einsetzte, malte mit
Vorliebe das Bild einer linken, pazifistischen, kosmopolitischen,
demokratischen Avantgarde. Marinetti fand darin aus naheliegenden Gründen
keinen Platz. Zum einen war die geringe Halbwertszeit des avantgardistischen
Programms beim Futurismus besonders augenfällig. Das aber stand der allgemein
ersehnten, legitimierenden Fortschreibung der avantgardistischen Mission in
alle Zukunft sehr im Wege. Zum anderen, und das dürfte wohl schwerer gewogen
haben, schien der Futurismus durch seine Nähe zum Faschismus schlicht
diskreditiert. Mögen die politischen und ästhetischen Ziele des Futurismus auch
diametral von denen anderer Avantgardebewegungen verschieden gewesen sein - der
Stil der Auseinandersetzung, die brutale Ablehnung jeden Einspruches, die
herablassende Überheblichkeit im Umgang mit Publikum und Kritikern nähren sich
aus den gleichen trüben Quellen: „Was ist Demokratie? Das Leben - erarbeitet
durch die Angst um unser tägliches Vaterunserbrot. Wir wollen lachen, lachen,
und tun, was unsere Instinkte heißen. Wir wollen nicht Demokratie, Liberalität,
wir verachten den Kothurn des geistigen Konsums (...)“ .Das ist Dada a la
Hausmann, könnte aber ebensogut Marinetti sein. Die Avantgarde gebärdete sich
von Marinetti bis Huelsenbeck, von Dali bis Breton als autoritärer Clan“
(Enzensberger). Indem sie in ihrem manichäischen Allmachtstraum das
Wahrheitsmonopol für sich in Anspruch nahm, ersetzte sie den Dialog mit
Tradition und Publikum durch den Monolog - nicht umsonst ist das Manifest mit
dem aufgeregten Predigtton des Religionsstifters das allen avantgardistischen
Bewegungen gemeinsame Markenzeichen.
Die Moderne aus konservative Sicht
Es entbehrt nicht einer
gewissen Komik, dass Benn schon 1934 ausgerechnet„die Geschichte“ als Zeugin für Marinettis Leistung anrief und
damit ungewollt die inneren Widersprüche der futuristischen Ästhetik aufzeigte.
Tatsächlich war der Futurismus als ästhetisches Programm zu diesem Zeitpunkt
längst seinem eigenen Verdikt gegen den „Passatismus“ anheim gefallen: Wer
gestern von heute war, ist zwangsläufig morgen von gestern - der Futurismus war
selbst Geschichte geworden und ebensosehr zu einer Maske erstarrt wie die
Bewegungen, die er einst so feurig bekämpft hatte. Ein Schicksal, das auch alle
anderen Avantgardebewegungen ereilen sollte, und das durchaus unabhängig von
ihrer politischen Couleur. Allesamt zerschellten sie an denselben
Widersprüchen, denselben theoretischen Unzulänglichkeiten. Abgesehen davon,
dass sich die theatralische Erregtheit, die ein wesentliches Agens der
Avantgarden war, nicht auf Dauer konservieren ließ, überschätzten ihre Pioniere
Macht und Aufgabe der Kunst maßlos. Mit ihrer messianischen Überhöhung der
künstlerischen Mission folgten sie blind dem alten 19. Jahrhundert, und das im
festen Glauben, es weit hinter sich gelassen zu haben. Ihre Naivität rächte
sich. Das System, das sie bekämpften, war stärker als sie. Es absorbierte sie
alle. Heute hängen die futuristischen Gemälde einträchtig neben dadaistischen Kollagen,
und das ausgerechnet in den Gebäuden, welche beide Parteien am liebsten
niedergebrannt hätten: den Museen der Welt, den rituellen Weihestätten
bürgerlicher Kunst.
und Dubuffet
Dubuffet sucht, wie so viele
andere Künstler des Jahrhunderts, dem Werk ein Verhaltensmuster voranzustellen.
In seinem Falle erscheint dies gerade der am wenigsten originelle Zug zu sein.
Der Einfluss lässt sich über die Surrealisten, Dadaisten, über Duchamp zu den
Futuristen zurückverfolgen und kommt hier an die prinzipielle Grenze, die die
Konfrontation Gesellschaft gegen Kunst von der Konfrontation Kunst gegen
Gesellschaft scheidet. Für die Impressionisten blieb die Gegnerschaft noch die
Rezeptionsschwierigkeit der Zeitgenossen, erst Futuristen und Dada verlegten
pointiert die Schranken adaptionswilliger Rezeption des jeweilig Neuen. Hier
wurde Avantgarde geradezu ein Kampf gegen das Verstehen, sie versuchte
zumindest, die Einfühlung - nicht umsonst ein Hauptwort der Zeit - zu
retardieren. Dubuffet bringt streng genommen, nicht mehr als das Revival einer
Haltung, von der das feindliche Publikum schon eine Generation zuvor
ausgegangen war. Der Versuch, sich in eine Außenseiterstellung zu bringen, zu
glauben, es gäbe einen vom Staat und vom Geschmack nicht patronisierten Platz, hat
sich im Falle Dubuffets als ebenso illusorisch erwiesen wie schon im Falle
Duchamps und Dadas.

J.Dubuffet
Wille zur Macht, 1946
(Öl, Sand, Glas, Kies, Schnur auf Leinwand)
Die Behauptung Dubuffet
bleibe ein Dorn im Kulturleib des zwanzigsten Jahrhunderts, kann man nicht
ernst nehmen. Zwischen Manifest und Werk besteht hier eine zu starke Divergenz.
Man mag sich hypothetisch kaum eine Situation vorstellen, in der in unserer
Gesellschaftsstruktur der breite Kulturbegriff nicht mehr hinreichen würde, ein
Werk zu decken. Man dürfte sich schwer tun, in den letzten drei Jahrzehnten,
während derer Dubuffet seine antikulturelle Einstellung zum Oeuvre ausbaute,
Situationen zu benennen, die so etwas wie Zensur vorführten. Ich glaube, daß
Dubuffets Haltung, der man ein überzeugtes Evangelistentum nicht absprechen
kann - die Schriften und Briefe belegen dies -, im Grunde in der Unfähigkeit
zum Skandal zu suchen ist, die jegliche kulturelle Aktivität in unserer
westlichen Nachkriegsgesellschaft betrifft. Das System, das sich Dubuffet
errichtete, polemisch, im Unterschied zu dem Duchamps aber frei von jeglichem
Zynismus, ging vom Glauben aus, dass es innerhalb der alles gestattenden
Kultur noch Reservate gebe, die den Liberalismus in Sachen Kultur außer Kraft
setzen könnten. Deshalb richtete sich das Interesse Dubuffets vor allem auf
solche Äußerungen, die am Rande des Anerkannten auftauchten, auf die art brut.
Der Begriff der „Bildnerei der Geisteskranken „ , der bei Hans Prinzhorn 1922
schon seine gegen Lombroso geführte Nobilitierung erfuhr, wurde von Dubuffet
hier variiert, um all die Formen kultureller Aktivität zu erfassen, die in
solipsistischer Isolierung entstehen. 1945 beginnt Dubuffet systematisch,
vorübergehend auch von Andre Breton unterstützt, Werke von Psychopathen,
Introvertierten, Sonderlingen, Provinzlern zu sammeln und auszustellen. Er
spielte diese Kunst (?), die in einem nicht kulturellen Zusammenhang entstanden
sein soll, gegen die Galerien- und Museumskunst aus. Das Ausmaß, in welchem
dies geschah, war neu. Die Interpretation, die Dubuffet diesen Arbeiten gab,
unterschied sich auch von der, die bereits in den zwanziger Jahren Max Ernst
oder Paul Klee heranzogen. Für diese war die Kunst des psychopathologischen
Bereichs, die die verschiedensten Spielarten kultureller und gesellschaftlicher
Regression aufwies, eine Art Musterbuch, das einer auf antiakademische und
spontane Schöpfung zielenden Kunst zum Ansporn dienen konnte. Die naive und
psychopathologische Bildnerei wurde in den Kunstbereich herübergeholt. Anders
bei Dubuffet. Auch er ging von der Hochschätzung dieser Arbeiten aus, aber
anstatt sie in die Kunst seiner Zeit herüberzuholen, versuchte er, selbst zu
ihr hinüberzugehen. Er versuchte eine Sezession jenseits des Museumsfähigen.
Allerdings findet sich in der Argumentation, die Dubuffet heranzieht, eine
erstaunliche Parallele zu Bretons Überzeugung, die Poesie könne und müsse von
allen hervorgebracht werden. So schreibt Dubuffet: „lch bin völlig davon
überzeugt, daß jedermann ohne besondere Kenntnisse oder Fähigkeiten... sich der
Kunst verschreiben kann, mit aller Aussicht auf Erfolg“. Man darf jedoch diese
so altruistisch klingende Stellungnahme Dubuffets nicht auf die Goldwaage
legen, denn prinzipiell bleibt er mit seinem Werk, das er scharf von der so
begönnerten Art brut trennt, durchaus im Bereich des Kulturellen. Was er
zustande bringt, ist allenfalls ein Mimikry dieser so spontan erscheinenden
nichtkulturellen Kunst. Er ist in seiner Art ein Jean-Jacques Rousseau und wie
dieser, vom Dilemma einer unerreichbaren Natürlichkeit gezwackt, zu Prozeduren
überlegter Künstlichkeit aufgerufen. Der Lebensweg Dubuffets zeigt, daß die
Ablehnung des offiziellen Wegs, des Wegs über eine der zahllosen
avantgardistischen Gruppenbildungen des Jahrhunderts, sehr stark im
Biographischen begründet liegt. Wiederholt unternahm es Dubuffet, Künstler zu
werden, und immer wieder kehrte er zu seinem einträglichen Weinhandel zurück.
Als er dann schließlich 1942 definitiv seinen Beruf an den Nagel hängte, blieb
von diesem Hinundhergerissensein sicher eine Entfremdung gegenüber dem
wiederholt umworbenen Kulturbetrieb übrig, Entfremdung, die sich nun in einer
scharfen Reaktion gegen diesen Betrieb selbst Luft machte. Offensichtlich
entlieh Dubuffet die Mittel seiner Malerei den Leuten, die er gleichzeitig
unter dem frappierenden Begriff „art brut“ zu sammeln begann
Das Selbstbewusstsein der Moderne
ist, etwas zu tun, was
unseren Wünschen und Vorstellungen entspricht: Dies ist das Moment der
Performativität, das uns zu Subjekten als tätige Wesen macht. Wir entdecken
nicht einfach, wer oder was wir sind, sondern aufgrund der Tatsache, dass wir
als lebendige Wesen ständig in Bewegung sind, verändern wir von Minute zu
Minute die Welt, in der wir wahrnehmen und handeln. Wir sind nicht nur
Zeuginnen, sondern Erzeugerinnen dessen, was wir als real erleben. Das
lebendige Wesen ist ein Selbst im Prozess, ein Selbst im Werden, ebenso Produkt
seiner Umgebung wie sein Produzent. Eben deshalb hat das Selbst im Werden eine
temporale Struktur. Es ist im Fluss, lässt sich nicht fassen oder verstehen
durch eine statische Momentaufnahme. Wenn wir uns dennoch als Einheit
wahrnehmen, so deshalb, weil wir Symbole verwenden - oft genug von außen
oktroyierte Symbole, die uns in unserer Vorstellung Einheit, Abgeschlossenheit
und Stabilität verleihen. Diese Einheit ist aus diesem Grunde keine „reale“,
sondern eine imaginäre im Sinne Castoriadis oder eine phantasmatische im Sinne
Lacans; Bewusstsein, Geist, Symbolgebrauch sind nicht einfach faktische
Gegebenheiten. In der analytischen Philosophie hat sich die Frage nach dem, was
es heißt, ein Subjekt zu sein oder was Subjektivität bedeutet, auf deren Form
sprachlichen Ausdrucks verlegt, nämlich auf Aussagen in erster Person bzw. in
der Ich-Form. Solche Aussagen haben, so wird festgestellt, die Form
„lch-hier-jetzt“ und enthüllen das Kernelement von Subjektsein und Bewusstheit.
Das heißt, sie verweisen auf die unaufhebbare Situiertheit, in der wir uns als
Subjekte erleben. Situiertheit bedeutet aber zugleich, dass Leibhaftigkeit
(Möschl) , Inkarniertheit essenziell sind für jede Manifestation des
Selbst-Seins als Subjekt-Sein. Die Philosophien, vor allem die Merleau-Pontys,
Langers und Plessners, sowie die Arbeiten des Neuropsychiaters Israel Rosenfield
( 1992) liefern überzeugende Argumente dafür, dass die spezifisch geistigen
Fähigkeiten des Menschen ihre Grundlage in den organischen Leistungen des
Lebendigen haben.

Elke Krystufek, Work, 1998
Der postmoderne „Virtuelle Realismus“ als kritische Überwindung
des Modernen Formalismus
„zwei Brüche“ : der erste, die Moderne einleitende
Bruch, ist der ‚Bruch mit dem Abbild und der Referentialität’, die
‚Entgegensetzung von vormoderner und moderner Malerei’, die sich um den
‚Gegensatz zwischen Funktionalität und Autonomie’, zwischen ‚Referentialität
und transzendenter Ordnung’ herum anordnete. Der zweite, die
Moderne überwindende Bruch, der Bruch mit der Abstraktion und Konkretion, wurde
der Gegensatz von moderner und postmoderner Malerei, der sich um die Achsen
Desillusionierung und Refiktionalisierung dreht . Zwischen den heterogenen
Wissensformen, Medien, Stilen soll ein geistiger Waffenstillstand, ein
scheinhafter Frieden der Simultaneität, ein ästhetischer Balanceakt des
konkurrenzhaften, marktwirtschaftlichen Zugleichseins herrschen. Die
Verabschiedung jeder Orientierung, die
auf Ausschließlichkeit des eigenen Anspruchs besteht und sich monoman gebärdet,
greift auch dem Geschichtsprozess vor, der weder gänzlich mit dem
technologischen Fortschritt konform verläuft, noch Außenseiterpositionen und
Oppositionen zum neuartigen Stil-, Medien und Kulturpluralismus verunmöglicht.
Und trotzdem ist die wesentliche Erkenntnis, dass ein privilegierter Ort, ein
privilegiertes Subjekt, eine priveligierte Klasse oder Ideologie nicht als
Begründung ideologiefreien Wissens angenommen werden kann idealistisch,
weltfremd, weil sie die machtmässige, materielle Privilegierung der
herrschenden Eigentümer ausser Acht lässt.
Die affimativen
Beschwörungen der Kunstideologen wollen, dass sich alles der postmodernen
Ideologie des prinzipiellen Pluralismus beugt, der das sozial und kulturell
Antinomische und das Unvereinbare zwischen technologisch fortgeschrittener
Rationalität und den regressiven, untechnologischen, neoromantischen
Kodierungen der Gegenwartskunst durch Mythos, Religion, Eros, Wahnsinn, Tod
ausscheidet.
Dagegen wendet sich zurecht
Jürgen Habermas und bindet seine Hoffnung auf das Fortsetzen des nach dem
zweiten Weltkrieg stagnierenden Projekts der Moderne nicht an die
unverbindliche Kollektion so vieler paralleler, heterogener Ansätze, sondern
fordert ihre versöhnliche
Auseinandersetzung unter der Kompetenz der selbstkritischen Vernunft, ihren
trotz allem nicht aus den Augen zu verlierenden Selbstreinigungsprozess. Damit
wird aber Habermas dem apostrophierten «Eigensinn der kulturellen Moderne»
nicht gerecht und die antinomische Struktur der Moderne, ihr Dissenscharakter,
die Tendenz zur Divergenz und Differenz (Deleuze) werden abermals verfehlt.
Das refiktionalisierte Bild
Die Postmoderne ist die „ästhetische Neubesetzung der Fiktion“.
Die Kunst den ‚Bindungen des schönen Scheins’ zu entheben und ihr die ‚Relevanz
einer das Leben durchdringenden und das Leben verändernden Kraft’ zu verleihen,
war das historische Programm einer dominant linken Entwicklunglinie der
Avantgarde. Dagegen geht es in den postmodernen Werken der Kunst und der
Architektur um eine „Wiedererlangung
eines fiktiven Gehalts, der durch den Versuch der Moderne, Kunst ins Leben zu
überführen, geopfert worden sei. Dieser fiktive Gehalt könne ausschließlich
unter der Bedingung einer Neuerrichtung der ästhetischen Grenze zwischen Kunst
und Wirklichkeit in die Kunst zurückgeholt werden (so die Apologie vom Ende des
Endes der Kunst..).
Parallel zur Absage
an die Abstraktion muß es verständlich erscheinen, dass den Avantgarden
unseres Jahrhunderts das Ausspielen von Figuration gegen Abstraktion als
Ausdruck einer reaktionären Haltung gelten musste. In ihrer Ausrichtung auf die
Abstraktion musste jede Hinwendung zur gegenständlichen Malerei als Verrat
erscheinen. Auf einer anderen Ebene gilt für die gegenständliche und
ungegenständliche Kunst in der Moderne, dass beide Richtungen zur Moderne
gehören. Doch während die ungegenständliche Kunst insbesondere seit 1945
fraglos als Hauptweg der Moderne akzeptiert, in USA nach 1945 inbesonders in
der McCarthy Ära gegen den Kommunisten Picasso fast diktiert wurde, konnte sich
die gegenständliche Kunstströmung lange Jahre lediglich im Abseits, d. h. auf
den Nebenwegen des kalten Krieges halten.
Jean Clair zeigt die
gegenständliche Malerei im Spannungsfeld von „Identität und Nicht-Identität“
(wie seine Ausstellung im Palazzo Grassi zur Biennale 1995 betitelt war) als
den immerwährenden Versuch, die Gestalten des Körperlichen sowohl realistisch
als auch fiktional sichtbar zu machen. Das gilt in besonderem Maße für die
postmoderne Kunst der 80er und 90er Jahre.
Martin Honert, Fliegendes
Klassenzimmer, 1995
Auch Martin Honerts lebensgroße und buntbemalte Figuren, die einem abhebenden
Flugzeug nachwinken, führen in eine Fiktion ein. Sie visualisieren Erich
Kästners „Fliegendes Klassenzimmer“. Der Betrachter wird unmittelbar in diese
Welt, d. h. in diese Fiktion versetzt.
Das
bewegte Bild
Klotz und Weibel zufolge können wir nach dem Ende der
Malerei einzig und allein das bewegte Bild als Bild noch akzeptieren. Im
amerikanischen Pavillon der Biennale 1995fanden wir über die Darstellung avancierter Medien der Bildproduktion
hinausgehend den Versuch, das Bild nach dem Ende der Malerei herzustellen. Das
war der Versuch von Bill Violas Video-Räumen.


Bill Viola, Die Begrüßung, 1995
Die Arbeiten Violas, aber auch diejenigen von Nam June Paik, Gary Hill, Bruce
Nauman, stehen in der Logik der formalen Konsequenzen, die Impressionismus,
Kubismus, Abstraktion, Visualisierung von Konzepten und Refiktionalisierung von
Bildern gezogen haben. Nach dem Ende der Malerei sind Bilder, die den Anspruch,
Kunstwerke zu sein, erheben wollen, nur als bewegte Bilder denkbar, die
stilgeschichtlich Klotz zufolge einer „zweiten Moderne“ zugerechnet werden
müssen.
Das hat Folgen
für die Kunstgeschichte, denn Kunstgeschichte hat in der Tradition als ihren
Forschungsgegenstand ausschließlich das Standbild gekannt. Mit diesem
Forschungsgegenstand ist Belting zufolge auch die traditionelle Kunstgeschichte
zum Ende gekommen. Kunstgeschichte nach dem Ende der Kunstgeschichte ist
Mediengeschichte des bewegten Bildes. Entwicklungslogisch betrachtet setzt sie
dort an, wo die Moderne ansetzte, als sie die Krise des Abbildes und der
Repräsentation mit einem gewaltigen Desillusionierungsunternehmen überwinden
wollte. Weil seither jedoch über 100 Jahre vergangen sind, muss diese
Kunstgeschichte nach dem Ende der Kunstgeschichte, darin würden Klotz und Weibel
übereinstimmen, als Beschreibung einer „zweiten Moderne“ eingeschätzt werden.
In diesem Sinne sind die Bilder Heimo Wallners in den Grafik-Animationen
„MENUDO“ und „MAO“ wieder Abbilder, aber nicht passive Abbilder einer
stillstehenden sinnlichen Erscheinungswirklichkeit, sondern Simulacren des
Magmas der Imaginationen. Der Grundzug des virtuellen Realismus besteht
für Wallner in der Reillusionierung
der Bewegung der IMAGINATIONEN.



MENUDO , H.Wallner imaginäres Morphiing
„Zeichentrickfim“ 17 min
Hatte die Kunst der Neuzeit den Versuch, auf der zweidimensionalen
Fläche die Illusion einer dritten Dimension hervorzurufen, bis an seine Grenze
getrieben, versuchen die Installationen der Medienkunst, die Illusion der
Wirklichkeit als Bewegung zu erzeugen indem sie dem Rezipienten „Maschinen der
Sinnlichkeit“ zum Gebrauche bieten. Der neue Aspekt des Simulacrums, also die
Zeitlichkeit, war der auf den räumlichen Aspekt fixierten Malerei seit der
Renaissance nicht in den Blick gekommen. Erst mit den technischen
Voraussetzungen der Medienkunst konnte die Bewegung als Grundzug der
imaginativen Wirklichkeit entdeckt und dargestellt werden (vgl. auch C.
Castoriadis über die IMAGINATION) .
Nach der Moderne und der
Postmoderne, also nach der schrittweisen Abhebung der malerischen Ebenen des
Illusionismus und nach der Refiktionalisierung des Bildes, entsteht mit der
Medienkunst eine neue, eine zweite
Moderne in der Kunst. Die Moderne, die aus dem Bruch mit dem Abbild
hervorgegangen ist, hat das Gemälde auf seine dingliche Realität zurückgeführt.
Die Postmoderne, die nach dem ersten Ende der Malerei der konkreten Kunst für
eine Refiktionalisierung des Bildes eintritt, erneuert damit nicht wirklich die
Malerei, wie Klotz es beispielsweise herausgestellt hat, sondern knüpft an
Tendenzen an, die bereits bei Max Beckmann, beim späten Picasso und beim späten
de Chirico vorzufinden waren und vollendet damit endgültig die Malerei des
figurativen Standbildes, d. h. des unbewegten Bildes. Die Postmoderne ist also neu und zugleich auch alt, insofern nichts
wirklich Neues nach der Moderne, sondern lediglich eine Phase in der Moderne.
Die Medienkunst, die in der Tradition der Malerei seit der Renaissance nicht
mit dem Illusionismus, sondern mit der Bewegungslosigkeit des Tafelbildes bricht
und das bewegte Bild zur neuen Kunst erhebt, ist damit zur Kunst nach dem Ende
der Malerei geworden. Aber diese Kunst nach dem Ende der Malerei ist nicht
etwas absolut Neues. Denn die Medienkunst hat die Grenze, die die Moderne sich
selbst gesetzt hat, nur wieder einmal überschritten. Und damit ist sie nichts
mehr und nichts anderes als eine „andere Moderne“.
Kunst und Cyberspace
Die Identitäten des
Cyberspace wirken, auch wenn die gebotenen Identitäten „flach“ und „fließend“
sind und auf einem Bildschirm angeboten werden. Die Option beliebig wählbarer
und fließender Identitäten scheint eine Verführung für alle zu sein, die ihren
Alltag als leer und monoton erleben. Im digitalen Raum des globalen Datennetzes
ist eine Vielzahl von Knoten virtueller Kommunikation entstanden, die sich als
Orte für virtuelle Gemeinschaften anbieten. Traditionelle Formen der face-to-face Interaktion erhalten starke Konkurrenz durch die on-line-chats, durch virtuelle Cafes und
insbesondere durch die MUDs (Multi User Dungeons) als Spielplätze für virtuelle
Selbstdarstellung und Kommunikation nach von ihren Programmiererinnen
festgelegten Regeln. Welche Möglichkeiten des Selbstseins, der menschlichen
Existenz, welche Formen von Beziehungen bieten diese virtuellen Räume? Turkle bescheinigt
ihnen auf der Basis extensiver Interviews mit MUD-TeilnehmerInnen, dass sie
soziale Laboratorien der experimentellen Konstruktion und Rekonstruktion von
Identität darstellen, die charakteristisch seien für das Leben in der
Postmoderne. Sind MUDs also soziale Räume oder doch und zugleich virtuelle
Räume? Die Hauptidee der MUDs ist für Turkle die virtuelle Neufassung des
eigenen Selbstbildes: „[...] du kannst der sein, der du sein möchtest, der zu
sein du schaffst“ . Von anderen Teilnehmern wahrgenommen zu werden und ihre
Reaktionen zu erfahren, vermittelt offenbar rasch das starke Gefühl, wirklich
die persona zu sein, die man sich
ausgesucht hat, besonders bei Spielern, die oft bis zu acht Stunden pro Tag in
ihrem MUD verbringen. Turkle sieht die Probleme, die entstehen, wenn die
konstruierte virtuelle Welt und die Welt des Alltags zu sehr in Konflikt
geraten. Sie ist aber dennoch geneigt, den Raum der virtuellen Kommunikation
als reale Option, ja als eine Bereicherung des Alltags zu sehen. Unausgesprochen
setzt sie dabei Lebensbedingungen einer „postmodernen Existenz“ voraus, in der
durch die allgemein gesteigerte Mobilität, die Verdichtung der Kommunikation
und die globale Ausweitung der Handlungsoptionen eine Fülle von individuellen
Handlungsmöglichkeiten erzeugt würden, die kaum noch zu bewältigen seien und
einen hohen Preis forderten: Zunehmender Verlust sozialer Sicherheiten, lokaler
Zugehörigkeiten, erhöhte ökonomische Risiken, die Aushöhlung kohärenter
Selbstbilder - all dies unter dem Diktat einer politischen Ökonomie des Raumes
und der Informationen, die letztlich bestimmt ist durch kommerzielle
Interessen, durch die Marktstrategien eines neuen Produktionssektors der
telematischen Industrie, der mittlerweile das Geschehen auf den internationalen
Aktienmärkten entscheidend bestimmt. Die von den Enthusiasten des Cyberspace
gepriesenen Segnungen der Virtualisierung der Existenz in der Welt der Daten
hat ihre Basis in diesen realökonomischen Gegebenheiten. Diese geraten übrigens
systematisch aus dem Blick, wenn man sich der virtuellen Welt des Cyberspace
verschreibt. Denn das hervorstechende Merkmal dieser Welt ist Nicht-Lokalität,
was unterstrichen wird durch ein demonstriertes Desinteresse an den Vorgängen
in der Realität der sozialen Umwelt. Die virtuelle Welt ist selbst sozial
desituiert, eine dem Belieben anheim gestellte Wahl von Virtualitäten, losgelöst
von der sinnlich-leiblichen Dimension der Wahrnehmung. Die neuen Muster eines
„Selbst im Werden“ sind definiert durch die Verwendung der neuesten verfügbaren
Technologien, die selbst allerdings nicht neutral sind.
Demokratie und Kunst
Gegen die Tendenzen einer in
den letzten 20 Jahren geforderten Demokratisierung der Elitekunst wurde eine
neue Kommunikationsschiene ein gezogen, die das dringend benötigte Spender- und
Sponsorenpublikum durch reservierte Besuchstermine, exklusive Veranstaltungen,
Sammler-Soireen in Gegenwart von Künstlerprominenz usw. privilegiert, wodurch
der gemeinsame Sockel von Kunst und Rezeption, die Dienstleistungen der Museen,
neu hierarchisiert werden. Die fortschrittliche, museologische Verabschiedung
der Ära des publikumsfernen, kustodalen Museums trügt. Offensichtlich bleibt
uns neben zugkräftigen Ausstellungsinszenierungen, den neuen Öffentlichkeiten
der sich prostituierenden Muse und den Erlebnislandschaften der elektronischen
Kommunikationsästhetik, eine Burg der „wahren“ Kunstkenner erhalten. Müssen wir
die Refeudalisierung des Kunstgenusses in der Museumspolitik des 21.
Jahrhunderts fürchten? Das Entgrenzungsprojekt der Kunst-Moderne kann mit
dieser Entwicklung ebenso wenig einverstanden sein wie mit dem Wildwuchs der
Kommunikationskultur. Für die neuen Funktionen der Kunst, die sich durch ihre
neue technische, industrielle Instrumentalisierung ergeben haben, forderte
vorausschauend Susan Sontag als Ergänzung ihrer übrigen Funktionen einen
ethischen, humanistisch begründeten Rahmen, die Abstimmung mit dem Gewissen des
antiquierten Menschen. Dass die neuen Technologien neue Lebensstile erzwingen,
das Diktat der wissenschaftlichen Prothesenkultur sich unbesehen durchsetzt,
fällt der sich emanzipatorisch begründenden Kunst-Moderne in den Rücken, will
sie sich nicht zur Affirmation des Neuen und Innovativen verkleinern und
verharmlosen lassen.
Auch wenn Avantgarde und Neo-Avantgarde
längst historisch geworden sind - die ihrer ästhetischen Grundhaltung
endemische Selbstgerechtigkeit und Kritikfeindlichkeit hat die Kunstwelt nie
wirklich aufgegeben. Nach wie vor behandelt sie die kritische Diskussion als
rein interne Angelegenheit. Außenstehende dürfen wohlmeinend davon Kenntnis
nehmen - ein Einspruchsrecht haben sie nicht. Die professionelle Kritik hat
sich dieser Ansicht weitgehend angeschlossen.
(Eine kommentierte, mutierte, deformierte Montage. Der methodische Ansatz zielt
darauf, die in gängigen Kunstideologien formulierten Behauptungen für eine
davon abweichende Sicht der Dinge zu nutzen; daher werden die Quellen angeheben
aber nicht zitiert, da verformt)
verwendete
Literatur
H. Belting, Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren,
München 1995.
C. Demand,
Der böse Geist der Avantgarde, Wespennest 116
P. Gorsen,
Was überlebt vom Projekt der Moderne ?, Wespennest 118
B. Groys, Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie, München u. Wien 1992.
M. Imdahl, Farbe. Kunsttheoretische Reflexionen in Frankreich, München 1987.
Daniel
Henry (Kahnweiler), Der Weg zum Kubismus, München 1920
H. Klotz, Kunst im 20. Jahrhundert. Moderne, Postmoderne, Zweite Moderne,
München 1994.
E. List, Floating Identities, Terminal Bodies,
Argument 238
N. Luhmann,
Beobachtungen der Moderne, Opladen 1992
J.
Meinhardt, Ende der Malerei und Malerei nach dem Ende der Malerei, in:
Kunstforum, Bd. 131, Aug. - Okt. 1995.
H.
Platschek, Die Zeit ist ein gieriger Spieler, Hamburg 1999
W.Spies,
Kunstgeschichten, Köln 1998
P. Weibel,
Probleme der Moderne - Für eine Zweite Moderne, in: H. Klotz (Hg.), Die Zweite
Moderne. Eine Diagnose der Kunst der Gegenwart, München 1996.