BUESSING
Das Fahrrad


Eigentlich ist es keine richtige Fabrik, sondern nur eine "dunkle, enge Werkstatt" auf der Wolfenbütteler Straße 37. In einer Anzeige aus dem Jahre 1869 stellt er sein Produkt vor.
Velociped
Die Unternehmensidee ist sehr präzise. Zunächst begibt er sich auf ein Gebiet, von dem er etwas versteht. Der Rahmen und die Gabeln des Fahrrades sind aus Schmiedeeisen. Auch die hölzernen Räder mit Eisenbereifung ähneln denen der Pferdewagen, die er kennt. Achsen, Lager, Pedale, Federn müssen ebenfalls geschmiedet werden.
Freiherr von Drais
Und das Fahrrad ist damals etwas sehr Modernes. Erfunden hat es der Freiherr von Drais  etwa 50 Jahre vorher. Die ersten Fahrräder sind Laufräder gewesen, auf denen man sich mit den Füßen abstoßen mußte - daher auch die Bezeichnung "Velociped" (="Schnellfuß"). Später ist die Tretkurbel dazugekommen, allerdings noch am Vorderrad, was in Kurven ziemlich lästig ist.

Büssing baut nun solche Fahrräder - aber eigentlich braucht sie niemand. Braunschweig erstreckt sich damals nicht über die alten Wälle der ehemaligen Stadtbefestigung hinaus, jeder Weg in der Stadt kann also bequem zu Fuß erledigt werden. Und für Überlandfahrten sind weder die Straßen noch die Fahrräder geeignet. Das Fahrrad ist damals etwas wie heute Inlineskates - ein Ding für ein bißchen Ausgeflippte, ein Sportgerät, aber nichts, was jemand wirklich nötig hat.

Mit anderen Worten - die Idee ist nicht schlecht, das Produkt auch nicht, was fehlt, ist der Markt!

Büssing zeigt sich nun sehr flexibel - ebenfalls eine Eigenschaft, die ein Unternehmer besitzen muß. Er baut nicht nur einfache Fahrräder, sondern auch solche für Kinder, er bietet mehrsitzige Räder an, mit denen ein junger Fant seine Angebetete zum Staunen der Nachbarschaft und zum Neid der anderen Damen umherfahren kann, ja, sogar ein Fahrradkarussell.

Velociped
Das ist natürlich eine besondere Attraktion, erstmal für den Karussellbesitzer, denn sonst muß ein Esel das Karussell drehen. Den kann man sich sparen, wenn die Fahrgäste selber in die Pedale treten. Außerdem ist es Werbung für das eigentliche Produkt - welches Kind, das auf dem Karussell gefahren war, hätte nun nicht zu Hause auch gern ein Rad? Nicht umsonst stellt Büssing im Garten vor seiner Werkstatt selber so ein Karussell auf.
Buessing Fahrrad
Und Büssing schreckt nicht davor zurück, ziemlich viel Geld in Werbung zu investieren! Eine Anzeige mit Bild, wie wir sie anfangs sehen, ist damals eine ausgesprochene Seltenheit und außerdem ziemlich teuer. Auch das Photo eines dreisitzigen Fahrrades - vorne Büssing selbst, hinten zwei Angestellte - wird von einem professionellen Photographen für Werbezwecke aufgenommen.

Es ist überliefert, daß Büssing eine Serie Fahrräder an einen Magdeburger Sportclub verkauft hat, ein wirkliches Büssing-Rad ist in Frankfurt am Main erhalten geblieben!
 

Frankfurter Industriegeschichte

Außerdem findet er wohl Kunden für einige Karussells. Im großen und ganzen muß der junge Unternehmer aber bald feststellen, daß mit diesem Geschäft kein Blumentopf zu gewinnen ist. Außerdem beginnt 1870 der Krieg gegen Frankreich, der zu Deutschlands Einigung führen soll - da hat man sowieso ganz andere Sorgen.

Außerdem ist Büssing ein Einzelunternehmer - er hat die Firma mit seinem eigenen Kapital gegründet, oder vielmehr ohne Kapital, weil er kein Geld hat. Er kann es sich also nicht leisten, lange zu warten, bis sich das neue Produkt durchsetzen wird, er muß Angestellte bezahlen und seine Frau und inzwischen drei Kinder ernähren, er muß also Geld verdienen, und zwar sofort!

1870 gibt er die Fahrradproduktion wieder auf.


Lion
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