Selbständigkeit


Wir wissen nichts über Büssings allererstes Unternehmen - Büssings Biograph Hermstorf schließt auch nur aufgrund des ersten Patents, daß er zu dieser Zeit bereits selbständig gewesen sein muß.

Der junge Heinrich Büssing hätte zwei naheliegende Möglichkeiten, sein Berufsleben zu gestalten.
  • Die eine wäre, die väterliche Schmiede zu übernehmen. Der Vater wünscht das sehr, weil er selber schon kränklich ist, die schwere Arbeit des Schmieds nicht mehr so gut ausführen kann und hofft, daß sein Sohn im Betrieb mitarbeitet. Die Aussichten sind dabei nicht schlecht - der Sohn wird irgendwann das väterliche Haus erben, die Schmiede übernehmen und als angesehener Handwerker ein auskömmliches Leben führen. Und - wie wir heute überblicken können - hätte es tatsächlich gereicht. 1929, in Büssings Todesjahr, gibt es in Nordsteimke noch genug Pferde, daß ein Schmied sein Brot hätte verdienen können.
Diesen Weg hat Büssing nicht beschritten.
 
  • Die zweite Variante bietet sich 1866. Nach Abschluß seiner Ausbildung ist Büssing Angestellter im Eisenbahn- Konstruktionsbüro Clauss. Auch das ist für die damalige Zeit eine Lebensstellung. Aufgrund seiner Fähigkeiten würde er sicher in der Hierarchie des Büros aufsteigen, verantwortungsvollere Aufgaben übertragen bekommen, mehr Geld verdienen. Vielleicht macht er auch eine Karriere bei der Staatsbahn - sein Arbeitgeber Wilhelm Clauss wird schließlich auch später Direktor eben dieser Bahngesellschaft, sicherlich eine Stellung, mit der man in seinem Leben schon zufrieden sein kann.
Diesen Weg beschreitet Büssing zunächst scheinbar tatsächlich - er heiratet nämlich während seiner Angestelltenzeit. Damals ist es es nicht üblich, daß junge Männer heiraten, bevor sie sich nicht eine Stellung im Leben gefunden haben, in der sie eine Familie ernähren können. Der Pedell Zimmermann, ebenfalls ein Mann mit, wenn auch bescheidener, Lebensstellung, würde seine Tochter Marie sicher nicht Büssing zur Frau gegeben haben, wenn er nicht überzeugt wäre, daß der junge Ehemann das Geld zum Leben schon herbeischaffen würde.
  • Aber in Wirklichkeit gedenkt Büssing nicht, sein Leben aus Angestellter zuzubringen! Er will die Ideen, die er hat, selber verwirklichen, er will unabhängig sein - er will ein eigenes Unternehmen gründen.

Die Möglichkeit dafür gibt ihm die Gewerbefreiheit, die im Herzogtum Braunschweig während seiner Studienzeit eingeführt wird. Sie erlaubt jedermann, ohne Zunftzwang oder staatliche Genehmigung, ein Unternehmen zu gründen.

Allerdings weiß Büssing auch, daß die Freiheit zugleich ein hohes Risiko bedeutet. Ein neugegründetes Unternehmen kann auf keinen etablierten Kundenstamm zurückgreifen, wie er es als Schmied und Nachfolger seines Vaters in Nordsteimke tun könnte. Ein Unternehmer kann sich auch nicht auf eine wöchentliche Lohnzahlung verlassen, wie er sie als Angestellter im Büro Clauss erwarten kann. Was dieses Risiko im wirklichen Leben bedeutet, wird Heinrich Büssing die nächsten 15 bis 20 Jahre lang ziemlich deutlich an eigenem Leibe erfahren.


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