BUESSING
Das Traktorenwerk in Charkov, Ukraine

1929 ist der Beginn der Stalin-Zeit in der Sowjetunion. Stalin beschließt, das Land in einer gigantischen Kampagne vom Agrarstaat zu einer Industrienation voranzutreiben. Das entspricht zwar nicht ganz der Realität - Rußland besitzt schon vor der Revolution bedeutende, leistungsfähige Industrien und ist bemüht, den Anschluß an die westeuropäischen Länder zu halten. Auch die Landwirtschaft ist nicht so rückständig, wie die sowjetische Geschichtsschreibung uns jahrzehntelang glauben machen wollte. 

Aber wenn der Vater aller Werktätigen es beschließt, dann wird es schon seine Richtigkeit haben ...

Stalin
Überall im Land werden gewaltige Industrieprojekte aus dem Boden gestampft, zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen für die, die dabei arbeiten. Ein Wirtschaftsplan wird aufgestellt, der Produktion und Entwicklung im sozialistischen Sinne regeln soll. Aber das Bestreben ist, diesen Plan zu erfüllen und überzuerfüllen ... ob unter Zwang oder aus blindem Enthusiasmus, sei dahingestellt.

Die zweite Säule der stalinistischen Wirtschaftspolitik ist die Kollektivierung der Landwirtschaft - die Bauern sollen in Kolchosen, d.h. bäuerliche Genossenschaften eintreten. Gelockt werden sie dadurch, daß diese Kolchosen Maschinen und vor allem Traktoren zur Verfügung gestellt bekommen. 

Der erste Traktor
Wladimir Gawriilowitsch Krikhatzkij: "Der erste Traktor", 1930er Jahre
Also müssen Fabriken her, die solche Maschinen bauen. In Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, gibt es bereits solch eine Fabrik - die Putilov-Werke. Sie bestehen schon seit der Zarenzeit, nach der Oktoberrevolution werden sie zeitgemäß in "Roter Putilovetz - Roter Putilov-Arbeiter" umbenannt, später heißen sie nach dem Leningrader Parteisekretär Kirov-Werke. Sie produzieren - in amerikanischer Lizenz und unterstützt von den Ford-Werken in Amerika - den Fordson-Traktor, das modernste, was es damals gibt. 
Kirov-Werk
Pawel Filonov, "Traktorenbau in den Putilov-Werken", 1920er Jahre
Die Traktorenwerke in Stalingrad - dem ehemaligen Zarizyn an der Wolga, das Stalin in stiller Bescheidenheit nach sich selbst benennen läßt - kommen komplett aus den USA und fertigen ebenfalls den Fordson-Traktor. Heute heißt die Stadt Volgograd.

Die dritte große Traktorenfabrik entsteht in Charkov (heute Charkiv) in der Ukraine. Das Traktorenwerk in Charkov wird zwischen 1929 und 1931 außer Plan gebaut, d.h. in zusätzlichen Schichten der Arbeiter und Zulieferer. Hier hat Büssing mitgearbeitet. Erfahren habe ich das von Frau Sonja Ahl aus Braunschweig, deren Vater Meister bei Büssing war und die mit ihren Eltern zusammen in den 1930er Jahren in der Ukraine gewesen ist. Produziert wird hier aber auch ab 1. Oktober 1931 ein Traktor, der dem Lenigrader Putllov-Traktor sehr ähnlich ist. 


Lion
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