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Ausgewählte Kritiken
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FEUILLETON Montag, 6. Mai 2002
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Mai 2002
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Bayern Seite 15 / Deutschland Seite 15 / München
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Seite 15
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Irrwitz aus dem Baukasten
Münchner Biennale II: Spots, Sets, Takes und Codes - „Heptameron“ von Gerhard E.Winkler
„Schreiben Sie nicht, wie das Stück gebaut ist, schreiben Sie wie es Ihnen gefallen hat“, hat Anton Webern einmal geantwortet, als sich ein Musikschriftsteller nach der Technik eines Stücks erkundigte. Das fällt bei der diesjährigen Biennale schwer. Denn es geht in den ersten beiden Uraufführungen um virtuelle Welten, computergesteuerte Vernetzungen. In Gerhard E. Winklers Stück „Heptameron“ nach Geschichten der Renaissance- Dichterin Margarete von Navarra wurde nun der Spieß umgedreht. Im Rhythmus von Videoclip-geschulten Sensorien wurde der Bühnenraum geradezu überschwemmt mit Spots, Piktogrammen, Codes, hart geschnittenen musikalischen Takes und Samplings, mit Computergraphiken, interaktiven Koppelungen zwischen Bühnengegenständen, Bildern und Sounds. Und mit fragmentierten Szenen zwischen Commedia dell'arte, Star Wars und Joystick-Lenksystemen.
Das Bewusstsein wurde in „Heptameron“ gleichsam gespalten. Auf der einen Seite war es immer auf der Suche nach den Beziehungsnetzen - zwischen Einblick und Verwirrung im weiten Feld der neuen Unübersichtlichkeit. Auf der anderen Seite konnte es sich das Bewusstsein gewissermaßen bequem machen, sich zurücklehnen und dem Informationsstrom wie einem Brausebad aus Witz, Ironie, Irrsinn und tieferer Bedeutung überlassen. Da war man wieder daheim bei den archaischen menschlichen Konnotationen von Liebe, Kampf, Tod, Geilheit, Gelächter, Einsamkeit oder Sehnsucht.
Freilich: Wer nach tradierter Operndramaturgie fahndete, wer auf lineare Stimmigkeit der Ereignisse aus war, der blieb in Winklers „Heptameron“ auf der Strecke. Daher wohl die Ratlosigkeit so manchen Besuchers. Aber was will man eigentlich? Da wird immer wieder von der Notwendigkeit gesprochen, verkrustete Operntopoi aufzubrechen, ihren Rhythmus einer medial beschleunigten Welt anzupassen, die längst schal gewordenen großen Gefühle abzublenden. Wenn dann ein in brillanter Teamarbeit erstellter Versuch in die Richtung unternommen wird, sehnt man sich nach den alten Regelkreisen wie ein Kind nach der Mutterbrust.
„Heptameron“ war Spielfläche, war Baukasten. Und mit der unverstellten Neugier eines Kindes wurden mit den Klötzen Türme gebaut. Die fallen auch immer wieder mal zusammen, man beginnt neu, verändert die Statik, wagt andere Kühnheiten. Der Begriff des Neustarts wurde zum formalen Prinzip: Szenenfragmente wurden neu aufgerufen, Ausgangsbedingungen hergestellt, und schon driftete man weg in andere Konstellationen. Offenes System: Jede weitere Aufführung wird mit der Offenheit der Möglichkeiten spielen. Spielästhetik ist übergreifendes Prinzip. Und Spiel heißt ja, dass der Spielende in groben Zügen weiß, was er will, dass die Konkretion aber jedes Mal unerwartete Konstellationen herstellt. Hieraus entsteht eine Melange aus äußerster Wachsamkeit und Vergnügen über das Überraschende.
Winkler schrieb dazu eine große Anzahl musikalischer Sets, die je nach Situation über Samples und von drei höchst spontan agierenden Musikern (Teodoro Anzellotti, Akkordeon, Marcus Weiss, Saxophon, und Garth Knox, Viola) gespielt wurden. Vielleicht ist der Vergleich mit einem auf Hightech gelifteten Jahrmarktspiel zutreffend, wo die Agierenden über ein Reservoir an Spielmodellen verfügen, aber immer auf die Situation, etwa auf Zwischenrufe zu reagieren haben. Wer Winklers bisherige musikalische Arbeiten kennt, konnte bemerken, wie subtil er sich den neuen theatralen Anforderungen zu stellen wusste. Die Musik bewies charakterliche Trennschärfen, bot viele ironische Unterhöhlungen, Ausbuchtungen, die Leichtigkeit erzeugten. Denn an illustrativer Verdoppelung war ihm nicht gelegen, was innerhalb der hier gesetzten Spielregeln auch nur Zeigefinger-Ballast bedeutet hätte. So konnte ein Sampling-Rülpser oder -Krächzer eine durchaus beschwingte Zäsur benennen, und hypertrophe Aktionen der Live-Musiker mochten hektisch den Puls des Geschehens in Gang halten.
Eines vor allem wurde in alte Ehre versetzt: das Team. Musiktheater ist Zusammenarbeit, und Jeder hier (Regisseur Alexander Löblein, Bühnengestalter Lawrence Wallen, die Sänger Jannie Pranger, Martin Lindsay und Fabrice de Falco, die Tänzer/Schauspieler Sabine Friesz, Boris J. Pietsch und Anna Tenta-Pancevski) suchte und fand im Informationsgewirr Nischen und Freiräume, die er mit theatraler Intensität, Spaß an der Aktion füllte. Frage am Schluss: Worum ging es eigentlich? Es ging um Liebe und Leid, um immerwährend uns Anrührendes. Die Zeit, es so zu sagen, ist hier die unsrige.
REINHARD SCHULZ
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11. Mai 2002, 02:09, Neue Zürcher Zeitung
Informatik, das Heil der Oper?
Die Münchener Biennale für neues Musiktheater
Zum achten Mal war München Schauplatz neuester Entwicklungen im Bereich des Musiktheaters. Die diesjährige Ausgabe der von Hans Werner Henze begründeten und heute von Peter Ruzicka geleiteten Biennale setzte auf das Interaktive Theater.
Vorstellen muss man sich: Einen geräumigen, rechteckigen Saal im Münchner Haus der Kunst. Das Publikum, umgeben von Lautsprechern, auf einer ansteigenden Tribüne, vorn ein leicht erhöhtes Podium mit drei gleich grossen Leinwänden an der Hinterwand. Auf einem Podest vor der mittleren Leinwand drei Instrumentalisten: Garth Knox mit seiner Viola, Teodoro Anzellotti mit seiner Harmonika, Marcus Weiss mit seinen Saxophonen. Ihre Noten - eher graphische Anweisungen für Bewegungsabläufe - finden die Musiker zur Hauptsache auf Bildschirmen, die vor ihnen stehen. So geht es auch den drei Sängern, dem Sopranisten Fabrice de Falco, der Mezzosopranistin Jannie Pranger und dem Bariton Martin Lindsay - nur sind ihre Bildschirme im Raum verteilt und mit Symbolen versehen, die sich auf die Partitur beziehen. Zu sehen sind schliesslich drei Akteure (Sabine Friesz, Boris J. Pietsch, Anna Tenta-Pancevski), die sich ungemein körperhaft bewegen und in ihren erotischen Szenen ziemlich konkret werden. Wenig tragen sie auf ihrer Haut; man könnte es als Fragmente eines Datenanzugs verstehen.
Computer in der Hauptrolle
Von einer Oper ist hier die Rede - und zwar von einer, in welcher der Computer die Hauptrolle spielt. «Heptameron», so heisst das Stück des 1959 geborenen Österreichers Gerhard Winkler, geht in seiner Textquelle zwar auf die knapp fünfhundert Jahre alte gleichnamige Dichtung der Margarete von Navarra zurück, in seinen Ausdrucksmitteln beschreitet es aber radikal Neuland. Insofern nämlich, als die Parameter, die das Musiktheater ausmachen, in ganz und gar ungewöhnlicher Weise miteinander verbunden werden. Sieben Bilder gibt es und dazu eine Sammlung von musikalischem und szenischem Material. Die Bilder sind in Einheiten von wenigen Minuten Dauer fragmentiert - und wie sich nun diese Fragmente folgen, das hat nicht der Komponist ein für alle Mal festgelegt, das bestimmen vielmehr die Darsteller. Ihre Laute und ihre Bewegungen werden durch eine Vielzahl von Sensoren registriert und in digitale Informationen umgesetzt, die von einem Rechner verarbeitet werden und den Fortgang des Geschehens bestimmen. So gleicht keine Aufführung der anderen, wobei die Interpretation in viel tieferen Schichten als bis anhin, in der Substanz nämlich, wirksam wird. In Konsequenz und Komplexität der Anlage geht das weiter als alles, was im Musiktheater diesbezüglich versucht wurde.
Enorm der Aufwand für den vom Komponisten im Verein mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe konzipierten Entwurf. Was er bringt? Nichts als Technik, keine Kunst, alles schon da gewesen (nämlich im Schauspiel und im Tanztheater) - die Einschätzungen eines erwartungsvollen und am Ende spürbar frustrierten Publikums greifen wohl doch zu kurz. Natürlich darf man sich fragen, ob ein von Lautsprechern vergrössertes Rülpsen, das Kratzen des Bogens auf einer Saite oder das Gekreisch einer ausser sich geratenen Sängerin zum Kunstgenuss werden können, ob die grellen Farben der Plakatwände und die kindlichen Piktogramme, die aus dem Internet bekannt sind, nun auch die Opernbühne erobern sollen. Auf der anderen Seite wird der Versuch, von der gepuderten Erhabenheit der Gattung wegzukommen, die Prinzipien des Musiktheaters über die Vertonung einer linear erzählten Geschichte hinaus weiterzudenken und die technischen Mittel unserer Zeit einzubeziehen, hier in äusserst anregender Weise gewagt. «Heptameron» steht für ein Theater, das gerade im Musikalischen ganz direkt aus dem Agieren menschlicher Körper entsteht; wer sich in seinen Wahrnehmungsformen darauf einliess, kam zu einem recht eigentlichen Elementarerlebnis. Und dies trotz der kunsthandwerklichen Inszenierung des jungen Alexander Löblein.
Selten ist die Münchener Biennale für neues Musiktheater, die nun zum achten Mal durchgeführt wurde, ihrem Anspruch so nahe gekommen wie in diesem Jahr. Ein Labor für die Erneuerung des musikalischen Theaters und eine Werkstatt für junge Künstler zu schaffen, das war die Idee von Hans Werner Henze, der die Biennale 1988 ins Leben gerufen und sie gegen alle Widerstände als Stachel im Fleisch eines vorab auf Repräsentation ausgerichteten Musiklebens durchgesetzt hat. Indes, solange Henze das Sagen hatte, blieb die Veranstaltung mit ihren Uraufführungen von Auftragswerken der bayrischen Landeshauptstadt einigermassen handzahm, denn kaum eine der neuen Opern ging über die ästhetischen Prämissen des stets zu väterlichem Rat bereiten Mentors hinaus. Dafür herrschte in vielen dieser neuen Stücke eine Sinnlichkeit eigener Art und lebte die Biennale von der glanzvollen Ausstrahlung und der Generosität ihres Gründers.
Als 1998 die Leitung des Unternehmens auf Peter Ruzicka überging, änderte sich das gründlich. Strenger, ambitionierter, auch wagemutiger ist die Münchener Biennale geworden. Erneuerung heisst nun wieder Fortschritt, Ruzicka erlaubt sich, das Wort ungeniert zu verwenden. Entwickelt werden soll die Oper, die keine Geschichte erzählt. Und dieses Jahr wurde die Vorgabe insofern zugespitzt, als auf das Interaktive Theater gesetzt wurde; alle Formen der elektronischen Technologie, von der hinlänglich bekannten Live-Elektronik bis hin zu den neuesten Entwicklungen der Netzkunst, sollten berücksichtigt werden. Das steht nicht nur im Trend, das kommt in der Medienstadt München auch besonders gut an; die in der Regel zusammen mit auswärtigen Institutionen erstellten und drei- bis viermal gezeigten Produktionen waren allesamt ausverkauft. Auch die Zukunft der Biennale scheint gesichert. Für 2004 werden Uraufführungen von Brian Ferneyhough, von Qu Xiao-song aus China, des Franzosen Mark André, von Vykintas Baltakas aus Litauen und des jungen Österreichers Johannes Maria Staud angekündigt. Und Ruzicka selbst will der Biennale trotz seiner neuen Aufgabe bei den Salzburger Festspielen bis 2008 treu bleiben.
Virtuelle Bühne
Interaktives Theater - das heisst für «Marlowe: Der Jude von Malta» des 1960 geborenen Deutschen André Werner, dass es wohl noch Spuren einer Geschichte, aber kein Bühnenbild und keine Kostüme gibt, wie auch die Darsteller nicht einzelne Figuren verkörpern. Sie tragen (mit einer Ausnahme) durchgehend Weiss, während die Bühne auch hier durch drei Leinwände begrenzt wird. Auf diese Leinwände werden vom Computer erzeugte Raumbilder projiziert, und das in einer dreidimensionalen Bewegung, die einen schwindeln macht. Ebenfalls projiziert, und zwar präzis auf die Körper, werden die Kostüme, die den einzelnen Rollen zugeordnet sind - nur: Welcher Darsteller zu welchem Zeitpunkt welche Rolle übernimmt, das entscheidet ein interaktiver Prozess. Festgelegt ist nur die Partitur, die freilich mit Live-Elektronik arbeitet. Ein Sehvergnügen erster Güte ist das; Peter Ruzicka hat den Regisseur Stefan Herheim denn auch eingeladen, 2003 in bei den Salzburger Festspielen Mozarts «Entführung» in dieser Weise zu inszenieren.
Im Vergleich dazu arbeitet «Orpheus Kristall» des fünfzigjährigen Deutschen Manfred Stahnke vergleichsweise konventionell mit einer weitgehend festgelegten Partitur und klar zugeordneten Aufgaben. Allerdings besteht dieses Stück, eine weitere musiktheatralische Auseinandersetzung mit dem Orpheus-Mythos, nicht nur in einer Bühnenversion, sondern auch in einer Internet- Fassung - und in der Aufführung selbst kommt es, über Lautsprecher, zu aktiver Einmischung aus dem Netz. Allein, das klingt interessanter, als es am Ende war. Dass das Internet beteiligt war, hat der Besucher dem Programmheft entnehmen können. Und nicht nur litt die Inszenierung von Bettina Wackernagel unter technischer Unzulänglichkeit, von nervtötender Schwäche gezeichnet war auch die musikalische Erfindung.
Da liegt denn auch das Problem: Bei keinem der drei in München uraufgeführten Werke hat man mit Lust und mit Gewinn zugehört. Die Neuordnung der musiktheatralischen Parameter scheint zu einer Aufwertung der optischen Elemente zulasten der Musik zu führen; was in der Oper bisher eher akzidentiell war, wird zur Hauptsache. Prima la parola, prima la musica - die seit dem Aufkommen der Gattung diskutierte Frage ist überholt; heute zählt die Form, nicht der Inhalt. Oder stehen wir in der Entwicklung des Musiktheaters an der Schwelle zu einem Paradigmenwechsel, der nur bewältigt werden kann, wenn auch die Kategorien der Wahrnehmung überprüft werden? Dass sie dieser Frage so vorurteilslos nachgeht, ist eines der Verdienste dieser Münchener Biennale.
PETER HAGMANN
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Münchener Biennale 2002 GEMA- Nachrichten
Oper als virtuelle Realität
von Reinhard Schulz
Mit dem Motto "Oper als virtuelle Realität" hatte die Münchener Biennale in diesem Jahr den Anspruch sehr hoch gehängt. Freilich könnte angemerkt werden, dass die Oper seit ihrer Entstehung vor 400 Jahren im Grunde die Kunstform des Virtuellen an sich ist. Doch natürlich lag der Akzent anders. Gemeint war die Einbeziehung der Mittel, die unseren Alltag zusehends dominieren: die immer schnellere Verfügbarkeit von Informationen, das Internet, der Computer, die überwältigende Bandbreite von Simulationsspielen, in denen Realität und Scheinhaftigkeit sich vermischen. Nachrichten aus Krisengebieten über unterschiedliche Medien etwa sind Beispiel für solch unmerkliche Verschleifungen.
Das Wagnis der Biennale war also zeitlich überfällig. Vor allem dann, wenn sich die Oper nicht als Bastion des Rückzugs in verklärte Welten verstehen will, was mehr und mehr zu ihrer Krise beiträgt. Virtualität in die Oper zu holen hieß im dialektischen Doppelschritt nichts anderes, als sie wieder mit der Realität unseres Daseins zu verknüpfen. Dass diese Annäherungsversuche mitunter zäh verlaufen, da Opernapparat und Opernästhetik nicht zum Beweglichsten zählen, war von Biennale-Leiter Peter Ruzicka schon vorab einkalkuliert. Schwerer wog die Notwendigkeit des Schrittes, der sich aber auch förmlich aufdrängte. Denn die Komponisten André Werner, Manfred Stahnke, Gerhard E. Winkler und auch Jörg Widmann und die Gruppe "48 nord" hatten schon in der Vorbereitungsphase Projekte vorgeschlagen, die ganz spontan und aus innerem Bedürfnis heraus Fragen von gegenwärtiger gesellschaftlicher Kommunikation, von medialen Vernetzungen in den Arbeitsprozess zu integrieren suchten. Es ist wohl die seismografische Funktion von Kunst, die diese Fragen als dringende auf die Tagesordnung setzte.
André Werner, dessen Biennale-Projekt von der GEMA-Stiftung gefördert wurde, hatte in Marlowe: Der Jude von Malta versucht, das gut 400 Jahre alte Stück über Religionskon¤ikte und Machtkämpfe gewissermaßen zu enthistorisieren, um das zeitlos Verbindliche über alle sich verändernden Gegebenheiten hinweg zu thematisieren. Dramaturgische Offenheit bei einem gleichzeitigen musikalischen Redundanz-prozess - die Machtansprüche enden im Vakuum - unterstrichen dies. Zugleich hatte man in mehrjährigem Arbeitsprozess eine virtuelle Bühnen-Lichttechnik entwickelt, die Räume aufbrach, sie unstet werden ließ, die die Agierenden über difÞzile Sensorlichttechnik individuell in Farbmuster kleidete. Hier dürfte einiges an Potenzial für die Zukunft vorliegen.
Unglücklicher ist Manfred Stahnkes Versuch in Orpheus. Kristall verlaufen, über das Internet zugeschaltete Musiker in die Aufführung zu integrieren. Vielleicht ist es auch der Trägheit der Technik zuzuschreiben, dass diese Momente hinter einer luzide mikrotonal konzipierten Livemusik und den untergründigen Tönen einer eigens für das Stück gebauten Subbass-Marimba zurücktraten. Orpheus als Suchender, als Fantasmagorien von Frauengestalten Entwerfender war das Thema. Unfreiwillig suchend blieb er gegenüber der Internettechnik.
Als sehr spannend erwies sich Gerhard E. Winklers Ansatz in seinem Stück Heptameron, aus fragmentarisierten Geschichten der Margarete von Navarra ein interaktives Musiktheater mit ständig sich verschiebenden, auch für die Ausführenden unvorhersehbaren Bezügen zu entwickeln. Das Team um Regisseur Alexander Löblein und Bühnenaustatter Lawrence Wallen wuchs im Wirbel der theatralen Ideen zu spontaner Frische zusammen. Es war eine Beobachtung, die man letztlich auch bei Jörg Widmanns Doppelaufführung (Hamburger und Münchner Inszenierung) seiner Monologe für zwei anstellen konnte. Die thematisierte Unfähigkeit zur Kommunikation vermittelte mit leichter Hand Botschaften.
Die Biennale 2002 war mehr noch als sonst Experimentierfläche. Experimente gehen nicht immer auf, sie zu unternehmen aber öffnet die Horizonte auf Möglichkeiten im bisher für unmöglich Gehaltenen.
Der Apfel ist eine Tomate TM
Die Oper HEPTAMERON bei der Münchener Musikbiennale
Die 8. Münchener Biennale kündigt sich als Pleonasmus an: "Oper als virtuelle Realität", so das Motto des diesjährigen Internationalen Festivals für neues Musiktheater. Der neuen Musik werden nun also auch die neuen Medien zur Seite gestellt. So viel vermeintlich Neues macht naturgemäß neugierig. Zum Beispiel auf HEPTAMERON (Musik und Gesamtkonzept: Gerhard E. Winkler, Regie: Alexander Löblein, Bühne / Visuelle Medien: Lawrence Wallen).
Neu an dieser Oper ist ihre Interaktivität. Verstand man bisher Interaktivität gemeinhin als die Möglichkeit des Zu- und Eingriffs durch die User, bleibt bei HEPTAMERON das Publikum außen vor. Vielmehr interagieren hier Sänger, Tänzer, Musiker auf einer Basis von hochkomplexen Algorithmen. Die Bewegungen der Akteure entscheiden über das, was die drei Musiker auf Akkordeon, Saxophon und Viola intonieren. Auch das Bühnenbild (virtuell!) wird durch verschiedene Sensoren an den Körpern der Darsteller und Darstellerinnen sowie an einzelnen Requisiten gesteuert. Drei riesige Videoscreens informieren über die jeweilige Sensortätigkeit. Jeder Sensor ist mit einem Icon gekennzeichnet und im Verlauf der 70 Minuten Spielzeit, erkennt man sie dann auch an ihren Namen: "BigEye" , "GForce Sensor", "Radio Baton" oder "Makrokratztisch".
Die Interaktivität der Zuschauer - wenn sie denn überhaupt in diesem Setting eine Rolle spielt - besteht in erster Linie darin, das Stück in seiner technischen "Gemachtheit" zu durchschauen. Was allerdings bis zum abrupten Ende nicht gelingt. Man müsste schon mehrmals dabei sein, denn "Die Szenen werden quasi durcheinandergewirbelt, Fragmente schließen sich aneinander an, ein Algorithmus bestimmt, in welcher Reihenfolge dies geschieht" (Zitat der Komponist). Jede Aufführung verläuft daher anders und man könnte nie mit Sicherheit sagen, ob etwas Zufall oder Absicht wäre.
Das einzige Identifikationsangebot, das HEPTAMERON seinem Publikum bietet sind die in endloser Wiederholung auftauchenden Piktogramm-Männchen auf den Videowänden. Gesichts- und geschlechtslose Wesen, deren kopiertes Dasein sich im Verbund mit Wohnwagen, Igluzelten und Bushaltestellen generiert. Was wollen uns die Künstler damit sagen?
Eine solche Frage sollte bei aller Innovations-Euphorie hin und wieder erlaubt sein. Allein der technologische Show-Off kann es doch nicht gewesen sein. Damit stünde HEPTAMERON jedoch nicht allein. Aufwändigste Elektrotechnik bei gleichzeitiger Inhaltsleere ist bedauerlicherweise das Kennzeichnen allzu vieler aktueller Produktionen und Projekte im Medien-Kunst-Milieu.
Damit an dieser Stelle kein falscher Eindruck entsteht: Es geht nicht darum, konventionelle Erzählweisen und erprobte Bühnenmittel zurück zu zitieren. Vielmehr wäre es allmählich an der Zeit, nicht länger nur Oberflächen zu gestalten, sondern auch wieder Räume zu schaffen. Erzählräume, Freiräume, Handlungsräume.
Interaktivität und Nicht-Linearität in rein ästhetische Konzepte zu fassen, hieße dreißig und mehr Jahre (Medien-)Kunstgeschichte auszublenden. Das Virtuelle als das Neue einer Kunstform zu bezeichnen, die seit der Antike nichts als virtuelle Räume, nämlich Möglichkeitsräume, geschaffen hat, ließe das Theater ziemlich arm, - oder unmißverständlicher - armseelig aussehen.
Denn arm ist das Digital-Theater des HEPTAMERON keineswegs. Eineinhalb Jahre Entwicklungzeit in enger Zusammenarbeit mit dem ZKM Karlsruhe liegen vor der Premiere. Sämtliche Softwarekomponenten mussten eigens programmiert werden. Allein die Entwicklung der Sensoren und des kabellosen Datentransfers während der Aufführung dürften mit enormen Aufwand verbunden gewesen sein. Das Ergebnis mutet in gewisser Weise auch sehr aufwändig, sehr barock an. Eine Überfülle an Tönen, Klängen, Geräuschen, an audiovisuellen Informationen. Selbst die Akteure in ihren hochstilisierten Kunstleder-Kostümen scheinen von einer dichten Schicht aus Codes überlagert; jede Geste ein Fundstück aus der Datenbank.
Alles in dieser Bühnenrealität ist synthetisch. Die Menschen karikierte Klone ihrer selbst. Sollte das etwa die Aussage von HEPTAMERON sein? Eine Welt zu zeigen (unsere?), in der die Äpfel sexueller Verführung zu Plastiktomaten mit Trademark mutiert sind, eine Welt, in der statt Blut unsichtbar Daten fließen und Sperma gefriergetrocknet aus dem Dosierspender kommt? Eine Welt auch, in der man sich plötzlich wieder an der Spannung freut, die in einem Moment der Stille entsteht.
Das wäre wohl des interpretatorischen Goodwill zu viel. Was bleibt ist ein rein ästhetisch begründetes Musiktheater. Das politische Movens, das einmal die Medienkunst eingeleitet hatte ist passé. Dem Begriff der Interaktivität wird seine demokratischer Anspruch entzogen. Das Disparate, Nicht-lineare wird zur Systemimmanenz erhoben und ist nicht länger als Widerspruch, als Kritik am System erfahrbar. Jedes Bruchstück zeigt sich bereits zusammengesetzt, jedes Fragment bereits defragmentiert. Die von Winkler beschworene Prozesshaftigkeit können nur die erleben, die sich innerhalb des Systems befinden und mitspielen. Die Regeln dieses Spiels, sprich die Algorithmen, sind jedoch vorprogrammiert; die offene Bühne Camouflage. Denn eigentlich ist dies der klassische Guckkasten und wir sitzen zu Kunstkonsumenten degradiert davor und dazu, weiterhin blöd zu glotzen.
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