Gibt es Gott? Ich bin Gott! Du bist Gott! Wir alle sind Gott! Denn wenn es mich nicht gibt, und dich nicht, somit uns nicht, dann gibt es auch Gott nicht. 5. April 1997 München 1.9.1969 Bei den Huren - herrlich. Ich bin die Sammlung eurer Träume, Quatsch - du sammelst nur dich selbst. München 13.1.70: Als ich dich verlor fand ich mich selbst. Da vermißte ich dich. München 1970: Nimm mir nicht die Sonne weg, ohne zu fragen. München 1971: Die Giese. Bub - schau nicht so - sei ein Mann. Ich bin ein Mann. Dann schau nicht wie ein Bub. Der Schmiedinger. Schau nie zurück. Dort siehst du nur die Fehler von morgen. Der Pekny. Kultur heißt sprechen. So wie Oskar Werner. Wann stirbt der bloß. Der Löwitsch. Das Gefühl sitzt im Arsch. Die Nicklisch. Lieben - einfach nur lieben, junger Mann. Der Weinzirl. Bisch a Tiroler, bischt a Mensch. Bischt koaner, bischt a Arschloch. Als Tiroler überlebst du den Brandauer um Jahrhunderte. Der Brandauer. Sei zärtlich zu mir, sonst wird nichts aus dir. Die Pluhar. Leidenschaft - mehr - noch mehr - so und jetzt beruhige dich. Der Wigger. Denk daran - ich bin groß und du bist klein. Also mache ich mich klein und du dich groß. Und wenn es klappt, sind wir auf der Bühne gleich groß. Der Everding. Junge - pfeifen im Theater. Nur die Dummen geben Fehler zu. Die Ostermeier. Lächle - aber nie mit den Zähnen. Die machen nur die Augen blind. Die Emo. Der Mond hat einen Hof um sich und ich dich. Der Heller. Was dem Hamburger Zimmermann seine Zimmermannstracht ist dem Österreicher seine Niedertracht. Der Leber. Doch ein Tiroler hat die einzig wahre Tracht. Eine prächtige Tracht Prügel für Kopflose. München Olympia 1972: Terror und keiner weint. Komm laß uns nach Sibirien fahren, wo die Küsse zwischen den Lippen erfrieren. Schweden Herbst 1972 Wo sind die Schwedinnen? In Spanien auf dem Teutonengrill. Wann kommen sie nach Hause? Wenn du Frauen nicht mit Schwedinnen verwechselst. Wuppertal Januar 1973 Das Haus erdrückt - es ist so zweckvoll. Der Mensch erschrickt und beugt sich tief. Fremde Laute malen eine Sprache in die Luft. Edle Einfalt in den Gassen. Fremde - wie verboten angestarrt. Heimliche Blicke suchen - kein Finden. Tausend leere Hände greifen nicht zu. Halten nur ihr eigenes Herz an der Hand. Innsbruck August 1973 Im Krankenhaus liegt ein ausgepumpter Mensch Eben noch weiblich - jetzt nur noch Es. Manchmal stirbt einer - stirbt an der Liebe. Und auf sein Grab pflanzen sie ein mitleidiges Lächeln. Diese Zeit ist gegen die Liebe. Doch Liebe ist Zeit. Davor haben wir Angst. Wuppertal 1.1.1974 In den Separets knutschen Alleingelassene. Auf der Bühne läßt Lady Caroline die letzten Hüllen fallen. Aber nicht sich selbst. Alle begehren die Königin der Nacht. Aber sie hat sich in Tirol verliebt. 2.2.1974 Der Wüstenhöfer. Mit glänzenden Augen träumt er von Sylt. Mir schenkt er die Schlüsselgewalt fürs Schauspielhaus. Mein Sylt. Basel 1975: Jeden Abend schminke ich mir ein Lächeln ins Gesicht. Die Trauer meiner Augen bedecke ich mit Flitterglanz. Drei glückliche Stunden bin ich Zwei. Um Mitternacht hängt mein Lächeln wieder an der Garderobenwand. Basel 15.2.1976 Premiere "Exszesse": Hans Hollmann - In Gläsern spiegeln sich Weingesichter Vom Schnaps entstellt Von Tränen entseelt Und lachen doch Und lachen mehr Und lachen damit keinen Frühling her. Juli 1976: Ich habe meine Hoffnungen normalisiert. In meiner Haut bin ich nur allein. Nun hoffe ich, daß meine Hoffnungen leben können. Doch hoffen heißt vertrauen. Und da fängt der Betrug schon an. Toskana - August 1976: In mir hängt ein Kasten aus Glas. Darin sitzen zwei Papageien. Davor kniet eine Katze - der wächst eine Rose aus der Brust. Sie spricht ungarisch mit dem rechten Vogel. Er gibt es chinesisch weiter an den Linken und der erzählt mir die Geschichte. Das Märchen von meiner Seele. Siena im August 1976: Nach dem 8. Espresso und dem 12. Grappa, so gegen 14:00 Uhr da stolpert ein Hund mit traurigen Augen über die grauen Katzensteine. Er schwankt und fällt. In der Sekunde seines Todes umarmen ihn meine sterbenden Augen. Freiburg 27. August 1976: Er sah sie Sie sah ihn Beide dachten - nie Und Gott lachte. Dezember 1976 - bevor es den Zeitgeist gab: Stell den Staubsauger ab. Er frißt meine Gedanken. Stell die Blumen fort. Meine Worte sind so farblos neben ihrer Pracht. Stell Alles weg was uns bedrängt. Attribute der Zeit treiben uns auseinander. 1977 - im Bad hängt ein übergroßer Kristallspiegel: Die Zeit hat mich mir selbst so ähnlich gemacht daß alle Spiegel vor mir erblinden. Alle Spiegel erblinden vor mir. Die Zeit hat mich ihnen zu ähnlich gemacht. Die Zeit hat mich zum Spiegel gemacht. Ich kann mich nicht mehr erkennen. 1978 - nach Bekanntgabe der Faustbesetzung: Theater - der Popanz der Eifersucht. Sydney - Juli 1978: Hochzeitsnacht auf dem Klo. Die Austern wollen nicht bei mir bleiben. Sie verschließen sich mir - So wie die Frau nebenan im Honeymoonbett. Flughafen Sydney - August 1978: I love you - Mum. I love you too - Dear. Farewell - my love. Take care. Be good to her, Herr Leber. I will. No, you will not. I will. Go! Singapur - August 1978 - Zwischenstop: O Darling! Darling? Yes - Darling - I love you. Don`t Darling me. Why not? My name is Paul. Yes, Darling. Gib der Liebe einen Namen und sie verrät dich! Premiere Faust - 1978: Ein Lächeln ist Erlebnis. Jeder Geste ein Erkennen. Jeder Schritt ein Spiegel. Froh, die unerkannt im Dunkeln sitzen und nicht wie wir bekennen müssen. Alaska - Sommer 1978: Schau - die Sonne. Mich friert! Schau - es glitzert. I'm freeeezing! Die geliebten Augen sehen nicht. Sie wandern ruhelos durch mich hindurch. Finden nur ein Labyrinth. Gläserne Seelen schweben frei im Raum. Sie zerschellen an den Ufern des Wartens. Die geliebten Augen sehen nur die Ohnmacht des Vergessens. 31.12.78 - Mitternacht: Sie sehen so traurig aus. Ja - man hat's nicht leicht. Sie sehen krank aus. Ja - man kann nicht klagen. Sie sehen so mürrisch aus. Ja - für mich lachen andere. Sie sehen so tot aus. Ja. Frühling 1979: Verständnislos entdecken wir die Ohnmacht unserer Nachbarn. Wir lauschen in den Brunnen hinein. Wir warten auf ein Echo und finden nur uns selbst - ohne Grund. 4.3.1980: Laß mich nur einmal dein Spiegel sein. Die einzige Chance zwei Stunden mit Dir ganz allein zu sein. 16.7.1980: Zwei Jahre nach der Toilettennacht wollen die Austern endlich zu mir. Liebesperlen. 16.7.1981: Ich bin der Weg Ich bin der Überweg Ich bin der Ausweg Ich bin der Heimweg Ich bin der Eingang Ich bin der Umgang Ich bin der Heimgang Ich bin der Vorübergang Ich bin der Übergang Ich bin der Übergangene Ich bin nicht das Ziel Ich bin der Weg Das Jahr 1982: Wenn man ein Clown ist Dann lachen die Leute Auch wenn man schreit: Der Zirkus brennt! Sie lachen sich tot Wenn man weint. 15.9.1983: die principessa und portofino glockenklang - albinoni sendet seinen letzten gruß am strand die reste des großen festes traurige möwen die um freunde weinen die es längst nicht mehr sind ratlose gesichter hinter der promenande portofino stirbt - zurück bleibt nur erinnerung 30.1.1983: Da - eine Sternschnuppe. Fang sie - für mich. Ich streck mich, reck mich, fang sie. Will sie überreichen - An wen? Herbst 1984: Der Spiegel im Fenster zeigt schale Gesichter. Die Umrisse des Wartens zerfleddern an den Ecken. Kinderfüße scharren Laub. Es modert aus Kellern. Es riecht nach Gräbern. Nur nicht nach Menschen. Die liegen zu Hause - austauschbar wohldeodoriert liegen sie in ihren Betten und träumen Prospekte. 12-4.1984: Kinder - leg dich neben mich und träume. 1985: Hier ist mein Spruch: Rang oder Szene - DU bist im Spiel. Getanzt wird dein Lied. Purpurn zu Ende getanzt wird dein Zögern. Trag nur die Maske Tor der du träumst. 6.9.1986: Kyra - die Herrin des Hauses dir will ich das Leben zu Füßen legen. Du sollst nie Angst haben - vor Männern. Toronto - Weihnachten 1986: Statt Blumen hängen Kränze in den Fenstern. Boten der Freude ahnen das Vergangene voraus. Kerzen brennen - doch sie vergehen - brennen nicht lange genug um auch nur ein Gesicht hell zu erkennen. Das Kind aus der Krippe wartet mit leeren Händen und Ohnmacht an den Füßen. Die Gaben der Weisen sind längst verbraucht. Die Welt schreit. Nur die Satten können helfen. Am besten sich selbst. 5.5.1987: Ich glaubte, ich könne einer Frau die Wahrheit beibringen. Doppelfehler. 9.9.1987: Wenn zwei sich lieben - einfach. Wenn zwei sich verstehen wollen - getrennte Wege. Sydney - 24.12.1987 Das Wichtigste: Das Selbstvertrauen einer schönen Frau zu stärken. 30.1.1988 Was gäbe ich darum, wenn sie mich nur um meiner selbst lieben würde. Nürnberg - Februar 1988: Liebste - ist das dein Name? 21. März 1988: Mascha - Synonym für Amtsmißbrauch am Mann. Fiji - 14.6.1988 Barbara Carrera - mit Karacho und Methode. Beware of falling nuts. Fiji - Garteninsel 17.6.1988 Und jeden Abend stehen sie traurig im smaragdgrünen Wasser - Mann, Frau, Kind - Großvater und Urenkel, Urgroßmutter und Enkelin - sie starren gen Osten - nicht weil dort die Sonne aufgeht - nein - weil sie dort, vor hunderten von Jahren, für die Fidijaner unterging. Die Herren Weißen thronen, hoch über den Buchten, in Häusern aus Stein und mit Weltuntergangsblick - die Inder hausen häuslich in netten Holzhäuschen, im Schatten der Palmen - die Fijianer selbst verkrümmen sich in glühend heißen Blechhütten, mitten auf der Müllhalde. Man nennt es die ehrliche Gerechtigkeit. Los Angeles - 16.7.1988: Wenn Frauen, die sich täglich hübsch machen, unter einem Minderwertigkeitskomplex leiden, dann werden Männer mit Phantasie nutzlos. 1.12.1988: Für einen Tritt in den Arsch räumte er ihr jeden Stein aus dem Weg. März 1989: Meine Emotionen sind mit meinen Tischmanierern vergleichbar. Ich esse was auf den Tisch kommt. Meine Tischmanieren sind meine Emotionen. Ich lecke den Teller blank. Juni 1989: Mein Zorn? Sinnlos ihn aufzugeben. September 1989: Du warst niemals ein Baum. Nie eine Rose Nie ein Felsen Nie ein Vogel Nie ein Gedicht. Du warst immer nur du. Ist das fair? Paris - 30.11.1989: Zum ersten Mal hast du Leck mich am Arsch zu mir gesagt. Ist das die Entdeckung deiner Unabhängigkeit oder dein sehnlichster Wunsch? Januar 1990: Gespräche - haarscharf aneinander vorbei. Schauspieler - das größte Gesocks. Schauspielerinnen - erst ausprobieren, dann brillieren. März 1990: Ich will nicht mehr denken - es schadet der Liebe. April 1990: Mein Körper lebt Mein Hirn denkt Meine Beine tragen mich Ich esse Ich trinke Ich schlafe Früher trug ich stolz ein Herz zur Schau. Heute trage ich Verantwortung. Ein Traum. 18.6.1990: Alicia niemand soll dir die Tränen trocknen, wenn du es nicht willst. Paris - 2.1.1991: Aggression - eine wahrhaft positive Leistung. Prag - 3.3.1991: Den Finger solange in die Wunde legen bis sie heilen kann. Big Bang Schtroumpf (Schlumpfpark) - Mai 1991: Sarkasmus - Schutzschild gegen die Dummheit. Zynismus - einzige Überlebenschance für Träumer. Fatalisten -stehend Begrabene oder die Angst vor dem bequemen Bett. Utopisten - ertrunkene Wassermänner. Utopistinnen - Wiederbeleber ertrunkener Wassermänner. Meiningen 17.6.1991: Als er die Frau zum ersten Mal sah - erinnerte er sich. Als sie dann vor ihm saß - glaubte er sie zu kennen. Als sie dann nackt neben ihm lag - war sie eine Fremde. Warschau - 2.2.1992: Der Papst - inkarnierter Gottesfurz. Der polnische Papst - Durchfall nach scharf gewürzter Krakauer. Katholiken - Ausweglose. Gott - meine Erschöpfung nach jedem Schöpferakt. Wien - 14.4.1992 Glaube - daß die Welt sich nur um sich selber dreht. Hoffnung - daß die Dummen durchdrehen und so gescheit werden. Liebe - polnisches Eis am Stil. Amsterdam - 1.5.1992: Ich hab dem Wind gesagt er soll dich streicheln. Ich hab der Nacht gesagt sie möge dich begleiten. Ich habe dem Nebel gesagt er möge um dich sein wie mein Arm auf dem Weg heimwärts Über das Mondlicht will ich in deine Träume steigen und am Morgen soll deine Hand noch warm sein. Von meiner. 2 Paar ratlose Kinderaugen 1 Paar Tränensäcke 1 Paar Gletscheraugen 4 Koffer und kein Attentat. Gelsenkrichen - 18.8.1992: Hör auf zu träumen. Nur Katholiken können das. Zug - 5.9.1992: Schweizer - 500 Jahre Isolationssyndrom. Der Keep Cool. Zu satt um noch zu rülpsen. Münster - 6.9.1982: Gib mir mal nen Kuß. Und ich habe das Gefühl mich selbst zu küssen. Amt 46 oder auch Theater Münster 17.9.1991: Liebschaften ohne das Gefühl der Gefahr. 22.9.1992: Gesche - wer hat hier wen erschaffen. Ich wäre so gern Eliza Doolittle. Innsbruck - 1.10.1992: Ungehaltene Reden ausgehaltener Männer. Münster 11.11.1992: Manchmal ist ein verlorener Kampf der größte Sieg. 14.11.1992: Das Gedächtnis und die Großzügigkeit eines Elefanten - 15.11.1992: Nichts bleibt und ist trotzdem immer da. Ich bin genial. Ich weiß - 1 + 1 = 2. Oder? Geld - die Möglichkeit sich selbst etwas vorzumachen. Ebermergen - 20.11.92: Es gibt Menschen, die sammeln ein Leben lang Schriftstücke. Ich sammle nur in Gedanken - die kann mir niemand verbrennen. Da fühlen sich die Mißverstandenen plötzlich verstanden - das totale Mißverständnis. Draußen vor der Tür - Ja! Drinnen in der warmen Stube - Nein! Außer im Gespräch mit Borchert. Der Thorwald. Hochglanzabziehbild der eigenen Eitelkeit. Der Achim. Genitaler Nutznießer der Dummheit. Onanie - der Versuch Intendanten zu befriedigen. Befriedigung - nicht aus Angst nachgeben. Angst - nur mit Träumen zu besiegen. Träume - die einzige Möglichkeit der Realität ins Auge zu schaun. 23.11.1992: Laß mich einfach nur deine Genialität korrigieren. 30.11.1992 Probenbeginn Two bei Two: Endlich brauch ich keine Spiegel mehr. Du bist da. Aggression? Die positivste Form zu überleben. Sarkasmus? Der zärtliche Weg, ein wahres Herz zu finden. Fatalismus? Die Angst davor, in einem weichen Bett zu sterben. Utopie? Echte Menschen auf diesem Planeten. Die Vergangenheit? Jeder der glaubt, noch am Leben zu sein. Zukunft? Ein Planet aus lebenden Träumen. Träume? Des Teufels netteste Lüge. Der Teufel? Die Chance, an etwas zu glauben. Leben? Nicht existent. Tod? Ein römisch-katholischer Alptraum Gott? Die Tränen eines Kindes. Kinder? Die einzigen Lebewesen, die wirklich Fragen stellen. Fragen? Des Anfang vom Ende. Das Ende? Hoffnung. Hoffnung? Du. Du? Der Hafen. Der Hafen? Leben. Frankfurt 10.2.1990 Flughafen - ab, weg und aus. Randgestalten übernehmen die Macht. Angst frißt unerbittlich die Reste meiner Seele auf. Sie schmatzt genüßlich und rülpst mein Fühlen tot. Was war, was ist geschehen. Wer war der Mann, der hilflos um sich schlug und so verriet was ihn bisher durchs Leben trug. Er hat ihr weh getan, in jener Nacht. Nicht sie, sich selbst hat er dabei wohl umgebracht. Jetzt muß er fort, nur wenn er geht, steht er sich selbst nicht mehr im Weg. "Das warst nicht du, die ich da schlug. Das war ich selbst, den ich begrub." So murmelts und wisperts ihm in Herz und Hirn. "Mein Haß ist weg, so wie ein schnöd-schönes Liebeslied. Ich fühl mich frei, weil ich dich immer noch so lieb, wie damals als der Teufel kam und mir von Gott die Nachricht brachte, daß der lachte voller Glück, als er uns Beide händehalten sah. Ich hab dem Teufel das geglaubt und doch dem Frieden nie so recht vertraut, weil Gott der Teufel war. 11. 2. 1996 SQ 325 Anflug auf Singapur. Die Tränen bleiben nicht zurück. Sie folgen mir wie ein Kometenschweif, sie holen mich immer wieder ein, sind schneller als der Überschall, umhüllen mich, verbrennen mich, verglühen mich zur Asche meiner Schuld. Flug-Enten-Hafen-Singapur 11.2.1996 - 20 Uhr Vier Stunden - viel zu lange Stunden weine ich am Fenster - Singapur weint mit und peitscht sich im Tropensturm die eigene Schuld aus den Saubermannporen. Alkohol - tabu schreit Herz, Hirn und ein russischer Matrose, der sich im falschen Hafen verirrte. Eine Uhr, die richtig ticken soll braucht eine Unruh. Ein Mann, der richtig ticken soll braucht Ruhe um seine Unruh zu entdecken. Hat er erst beides kann keine Rolex ihm mehr die Stunde schlagen. Trauerarbeit Er weinte bei der Principessa, als sie ihr einziges deutsches Wort sagte: "Leider." Danach war sie in ihrem Alfa gen Rom gebraust und hat wohl auch geweint. Die Principessa. Sie hatten sich wortlos geliebt. Ohne Sprache, nur mit den Augen, mit den Händen, den Lippen. Trotzdem hatte Paul immer noch das Gefühl, daß er sich noch nie und nie wieder so gut mit einer Frau verstanden hatte. Katjuschka, am roten Platz. Sie hatte große, dicke Kindertränen geweint, als er in den Bus zum Flughafen stieg. Er hatte nur laut in sich hineingeflucht. Über das Land, das ablaufende Visa, die Unfreiheit und seine Ahnung, daß er nie wieder nach Moskau fahren würde, weil Katjuschka kein Telefon besaß. Marina weinte nur einmal. Als sie aufwachte und merkte, daß ihr Selbstmordversuch mißglückt war. Paul weinte nie mit Marina. Mit ihr war er immer nur zornig, über ihre Leichtfertigkeit, ihre Abtreibungen, ihre Flatterhaftigkeit. Wahrscheinlich war Marina zu jung für den achtzehn-jährigen Jungschauspieler. Obwohl beide gleich alt waren. Trotzdem fuhr er ein Jahr lang in einem klapprigen VW Käfer täglich die hundertvierzig Kilometer von Dinslaken nach Wuppertal und zurück. Liebe? Über Marina weinte Paul erst Jahre später. Als er entdeckte, daß sie ihn vier tränenlose Jahre gekostet hatte. Diana Montaquue - er weinte, als er an der Reling der Fähre stand und ihr zum Abschied zuwinkte. Sie war das erste Mädchen, das ihn geküßt hatte. Erst aus purer Dankbarkeit, weil er ihr das Leben rettete. Sie hatten Fish and Chips gegessen und Diana bekam eine Allergie. Ihre Oberlippe schwoll mächtig an. Ihr strahlendes Aussehen war zeitlebens zerstört. Der Arztsohn Paul wußte Rat. Eis drauf und Basta. Ihr Leben und ihre Schönheit waren gerettet. In den vier Wochen Sommeraufenthalt in Totton, bei Southhampton, wurde dann wildes Geknutsche und große Sehnsucht nach dem sechzehnten Geburtstag daraus. Stammte daher seine Affinität für Anglosachsen? Nun, sie waren damals gerade zwölf Jahre alt und Ludmilla war noch nicht zu Hause eingezogen. Bei Trixi stellten sich seine Tränen erst in der Erinnerung ein. So wie bei der Medizinstudentin Elisabeth. Er hatte es nicht bis zum Akt geschafft. Peinlich. Den drei Kellnerinnen in seinem Leben - gut verteilt auf Österreich, Deutschland und die Schweiz - hatte er immer nur ein dickes Trinkgeld gegeben, wenn sie weinten als er ging. Sein jüngster Bruder, Andreas war Kellner. Ob der auch Trinkgeld nahm? Der Pina Bausch Tänzerin Josephine weinte er keine Träne hinterher. "Die hat mich ja auch verleumdet," schoß es ihm durch den Kopf. Sie hatte irgendwann Blutungen bekommen und da er sie gerade verlassen hatte, behauptete sie im Krankenhaus, er hätte sie so brutal geliebt, daß dabei wohl ein Hämatom entstand, das nun geplatzt war. Sie hat den behandelnden Ärzten nie verraten, daß sie in der letzten Wuppertaler Tanztheaterproduktion, vor der Sommerpause, jeden Abend aus einem Meter Höhe in den Spagat gesprungen war. Das sah spektakulär aus und nur eine waschechte Australierin geht bis an den Rand des Selbstmords für ihre Tanzkunst. Bühnenböden sind hart, selbst mit Tanzteppich. Australier auch, aber leider oft nicht im Nehmen. Gesche? Gehab dich wohl. Zlatika - die Lady Caroline aus der Striptease Bar. Da weinte er vor Glück. Das Glück bei den Zigeunern zu sein. Sie kam aus Mostar. Hatte Medizin studiert - vielleicht. Klug war sie. Aber doch abgestürzt. "Is sich viel Geld," sagte sie nur. Und eines Tages sagte sie ihm, nach durchliebter Nacht: "Krieg ich Hängebusen, schon bald. Bin ich altes Weib. Nehm ich Geld in Koffer und fahr zurück nach Mostar. Reiche alte Frau. Kauft sich Porsche und nie wieder einen Mann. Du bist so jung, viel zu jung, um mit Hängeflatschbusen erschlagen zu werden." Sie drückte seinen Kopf zwischen die herrlichen Hügel, zog sich an und ging. Er sah sie nie wieder. Anuschka - da spielte er den Valmont aus den Gefährlichen Liebschaften nach. Setzte seine Tränen wie eine Waffe ein. Schrieb Briefe wie ein wahrer Cyrano. Er war besser als die tatsächlichen Darsteller in seinen Produktionen. Ja, er war sogar besser als der Valmont im Briefroman. Sie wollte ein Kind. Da weinte er, denn er hatte schon zwei. Anuschka hatte er mit tödlicher Kälte an sich gebunden. Eiskalt ließ er sie in Meiningen verhungern. Er wußte bis heute nicht, warum. Was hatte sie ihm angetan? Sie liebte ihn. Betty - liebe, liebe Schneeflocktraumfrau. Ihre Briefe waren Kleinode der Zärtlichkeit. Waren es immer noch. Sie hatten sich nie aus den Augen verloren. Sie plauderten immer noch miteinander. Teilten sich ihre Sorgen mit, bauten sich gegenseitig auf, um dann das Telefon wieder für Tage, Monate verstummen zu lassen. Irgendwie waren sie immer noch miteinander verbunden. Warum? Beide forderten nichts voneinander. Beide verschenkten und schenken immer noch nur ihre Zuneigung zueinander. Freunde, die sich wohl mit achtzig, zahnlos anlächeln und immer noch verstehen. Bettina hatte sich ehrlich für Paul gefreut, als er ihr von Lu erzählte. Es gab ihr die notwendige Sicherheit, den Schmerz zu ertragen, den sie wohl immer noch empfand. Marja, die Czardasfürstin, die er bei der Premiere unter die kalte Dusche stellen mußte, weil sie Sekt auf Beruhigungspillen getrunken hatte. Marja weinte die Tränen der Masuren. Tatsächlich - sie war ja auch Polin gewesen, wenn auch in Bayreuth aufgewachsen. Paul weinte nie um sie, sondern nur, weil er Anne betrog. Mara - die Möwe, die nun in Hamburg saß und auf seine Rückkehr wartete. Bis zu seiner Abreise aus Sydney mußte er einen Weg finden, ihr die Angst zu nehmen. Er wollte nie wieder jemanden verängstigen, verunsichern oder gar emotional vergewaltigen. Er sehnte sich nach den Gesprächen mit ihr. Er sehnte sich nach den heiligen Salbungen, die sie im frühen Sonnenlicht veranstaltete. Er vermißte ihre warme Intelligenz und ihre schrille Verachtung dafür. Er stand gebannt und sah ihr beim Suchen zu. Er schrieb keinen einzigen Brief an sie, seit sie sich wieder getroffen hatten. Er rief sie an, ohne Timing, ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne Zweck. Er wollte ihr nahe sein, ohne sie zu beengen. Er ahnte wohl, daß er Mara brauchte, weil er ein Mann war. Und sie war ganz Frau. Er wollte die Möglichkeit zur Nähe einer Frau haben, seinem Alter Ego. Paul schwor sich, Mara niemals für seine Zwecke zu mißbrauchen und rief sie wieder einmal an. Und die Namenlosen? Sie waren nur blasse Erinnerungen aus Zeiten, in denen er vor Einsamkeit in seinem Hotelzimmern lautlos schrie. In diesen Zeiten hängte er sein Herz wie eine Fahne in den Wind und hoffte. Auf was? Um diese namenlosen Mädchen und Frauen aus Esslingen, München, Basel, Prag und Wuppertal weinte er, weil er sich an ihre Namen nicht erinnern konnte. 3 Ich will (Paul und Lu) Lu: Mist - Mist - Mist - Mist - Mist. Unser Leben ist nur Mist. Paul: Aber ich liebe dich. Lu: Seit Jahren ewig nur das Gleiche. Tag ein, Tag aus. Ich geh zur Arbeit Ich komm nach Haus, wir essen, schlafen, rackern, schuften, ackern und ernten nie. Wie soll man das ertragen? Sieh doch ein, wir sind kleinkariert und gehen langsam an uns selber ein. Doch ich habe noch Träume. Paul: Du bist mein Traum. Lu: Ich bin der Baum, an dem sich deine Dummheit wetzt. Paul: Jetzt wirst du gemein. Lu: Laß mich ehrlich sein. Du gehst mir auf den Geist mit deiner Liebe. Sie schnürt mich ein, nimmt mir die Luft, beerdigt mich schon vor dem Tod, bringt mich in Not, macht mich zum Schuft, und hält mich nieder. Ich will wieder Freiheit schmecken, ich will träumen und mich nach den Sternen strecken. Ich will mehr als deine Liebe. Ich will Geld und Ruhm und Spaß. Ich will fröhlich sein und leben. Ich will nicht mehr den Einheitsfraß der Zweisamkeit. Tut mir leid, deine Liebe hat mich erschlagen. Paul: Erschlagen? Lu: Erschlagen. Die beiden sehen sich lange stumm an. Dann Musikeinsatz zu MUSIK Nr. 4 "Love is" (Paul) Paul: Those years of harmony have made you cold? Those years of cosiness and warmth Those days of laughter, those nights of tenderness. The many seconds of eternity we shared have grown to despair? Your love turned to hate and in this state of mind you punish me with nasty words, you put your finger where it hurts, you nurture your ego without cause, you hear applause from where there is no hand to clap. You wrap your selfishness in dreams of dreams. Did you forget the time you said: Love is. Love is to let you go. Love is to set you free. Love is to hold you, but not tight. Love is to care and stay aside. Love is to spare one moment of truth. Love is the light to guide you through the night. Love is. Love is. Those years of eagerness have now grown old. Those years of happiness and trust. Those days of future, those nights of foolishness. The many seconds of this ecstasy we shared have made you unfair? Your love changed to greed and cause you need a fiend you torture me and throw with mud, you turn the knife and drink my blood, you pamper your nightmare without care, you want to share a dream which is no longer there. You swear you are the only one who counts. Did you forget the Time you said: Love is. Love is to let you go. Love is to set you free. Love is to hold you, but not tight. Love is to care and stay aside. Love is to spare one moment of truth. Love is the light to guide you through the night. Love is. Love is. Lu: Die Liebe ist tot. Es lebe die Liebe in der Black Widow Bar (es lebe die Liebe in Hamburg). Paul: Du willst in diese Bar? (Du willst nach Hamburg) Lu: Dort spielt sich das Leben ab. Dort ist es heiß und kalt zugleich. Dort wird gelacht, gelebt, geliebt, geträumt, gespielt, gekämpft und gesiegt. Dort wird Zukunft gemacht. Du kannst ja mitkommen. Aber das richtige Leben hat dir ja immer Angst gemacht. Bleib hier sitzen und verstaube. Wenn ich ganz oben bin, kaufe ich dir eine neue Spülmaschine. Adee. Lu verläßt die Wohnung. Erschlagen steht PAUL mitten auf der Bühne und singt, während über ihr TRAMA sich in hysterischen Lachkrämpfen schüttelt. Paul: Love is to let you go. Love is to set you free. Love is to hold you, but not tight. Love is to care and stay aside. Love is to spare one moment of truth. Love is the light to guide you through the night. Love is. Love is. Paul und Trama: Love was Love was you. Love was you. Alles hat Zweck, selbst der Tod. Aber nur, wenn man vorher wahrhaftig gelebt hat. Die meisten Menschen stellen sich tot, um so länger zu überleben. (30.3.1996) Freiheit - nicht mehr Narr sein. Nicht mehr Reisender sein. Frei sein! 12.2.1996 Ablehnung, oder der Versuch, nicht in den Spiegel zu sehen 13.2.1996 Auf der Flucht vor der Angst begegnet man meistens nur sich selbst. 13.12. 1978 Paßt euch mir an, damit es euch besser geht. 15.2.1996 Warum hast du nicht gewartet, bis ich dir ebenbürtig war? Warum hast du nie erwartet, daß auch ich den Freund in dir sah. 20.2.1996 Ich weise jede Schuld von mir. Schuldig ist nur die Schuld, solange sie nicht an sich selbst erstickt. 22.2.1996 Selbst Jesus wurde bei den Händlern zornig. 24.2.1996 "Laß los!" "Dann stürzt du ab." "Laß los, sonst stürzen wir beide ab!" Er ließ los und kletterte mit ihr ihm Herzen weiter. 27.2.1996 "I mog mi - oder wia ma holt so sagt: Ich lieb mich wirklich." 28. 2.1996 Ich bin der Übergang, der Abgang, der Untergang, der Heimgang, Ich bin der Weg. Ich bin der Ausweg aus deiner Ausweglosigkeit. 29.2.1996 Wer leere Flaschen öffnet und austrinkt, verrät den Wunsch von Coca Cola und Mac Donald nach einer Filiale auf dem Mond 2.3.1996 "Liebe deine Nachbarn wie dich selbst." "Was ist, wenn ich mich selbst nicht liebe?" 4.3.1996 Vertrauen oder der Mut auf die Schnauze zu fallen. 5.3.1996 Verwandte - rette sich wer kann. Eis - aber nicht lutschbar. Ewiges Eis. Draußen jaulen die Menschencats. Bei Sweet Charity ist jede süße Wohltätigkeit hinter einer Stimme wie aus flüssigem Glas, zu Polareis erstarrt. Ein rampengeiles, karrieresüchtiges Kind huldigt der Borniertheit ihrer, im Zuschauerraum sitzenden, trium-phierenden Erzeuger. Das Kind, das kein Geschlecht mehr besitzt, ejakuliert ausschließlich sich selbst. Die Seele hat sie sich, von Jack the Ripper, wie Schamlippen aus dem Leib sezieren lassen. Eis. Das unmenschliche Bündel auf der Bühne schreibt Rechtschreibgeschichte: Star buchstabiert sie mit c. u. n. t. 20.3.1996 5. April 1996 Für Lynne Washington, die mich so lange ertragen hat. Für meine Töchter Kyra und Alicia mit auf den Weg. Für meinen Sohn Sean, damit er mich versteht. FÜR LOUISA - durch die sich Alles lohnt.