Markus Weber DER UNRUH Romanbiographie einer Verwund(er)ung 5. April 1996 Für Lynne Washington, die mich so lange ertragen hat. Für meine Töchter Kyra und Alicia mit auf den Weg. Für meinen Sohn Sean, damit er mich versteht. Für Louisa, durch die sich Alles lohnt. Für meine Freunde, die mich getragen haben, ohne es mich wissen zu lassen. PROLOG Gibt es Gott? Ich bin Gott! Du bist Gott! Wir alle sind Gott! Denn wenn es mich nicht gibt, und dich nicht, somit uns nicht, dann gibt es auch Gott nicht. 1 Der Vater räusperte sich auf seine unnachahmliche Art und sagte: „Sie darf in den Garten, ins Wohnzimmer und in ihr Zimmer. Paß auf, daß sie nicht an den Whiskeyschrank geht. Du machst das schon." „Nun geht doch endlich" dachte Paul, eben dreizehn Jahre alt geworden und heilfroh, daß er an diesem Sonntag nicht auf die Berge mußte. Seit er drei Jahre alt war, schleppten ihn seine Eltern von Bergspitze zu Bergsattel, von Höhenweg zu Kamineinstiegen. Paul haßte diese Klettertouren, ihm wurde schlecht bei dem Gedanken an die Gewaltmärsche, die bis zu zehn Stunden dauern konnten. Seine Eltern liebten die Tiroler Berge und sahen einfach nicht ein, daß er diese Liebe nicht teilen konnte. Er verachtete Tirol mit jeder Faser seines Herzens. Schon seit er denken konnte. Mit seiner Kinderfrau durfte er sehr oft nach Deutschland, ins Ausland. Die Gretl kam aus einem winzigen Dorf in der Nähe von Donauwörth. Die Landschaft dort lag dem kleinen Paul viel mehr. Sie war sanft, beruhigend und nicht so schrecklich aggressiv wie der dunkle Bettelwurf, der im gelben Föhnlicht bedrohlich nahe rückte und einen zu erschlagen drohte. Der Bettelwurf war der Strafberg. Immer wenn eines der Kinder etwas Fürchterliches angestellt hatte, zum Beispiel Schokolade aus dem geheimen Reservoir der Mutter klaute, hieß es am nächsten Wochenende: Bettelwurf. Das war gemein, denn dieser Berg ist roher Fels. Der Weg hinauf hat keinen Schatten und man steigt fast in der Diretissima steil bergauf. So eine Tour dauert immer ihre guten acht Stunden. Sicher - Tirol hatte auch seine guten Seiten. Manchmal. „Du mußt nur den Herd auf drei stellen und das Essen warm machen. Paul, hörst du mir überhaupt zu?" „Immer," meinte Paul und wünschte sich die Mutter auf die Serles. Das war sein erster Berg gewesen. Mit drei Jahren durfte er die acht Stunden auf den Gipfel latschen und die Eltern zeigten Freunden noch heute das für sie so herrliche Bild, auf dem die Mutter sanft den Dreijährigen durch die Gerröllhalden schiebt. „Also dann, Servus, Paul!" murmelte der Vater herzlos und ging hinaus zum Auto, in dem schon die anderen vier Geschwister warteten. Die Mädchen Susn und Babs an den Fenstern im Fond, der elfjährige Urs durfte auf dem Schoß der Mutter vorne mitfahren und der Älteste, Ulrich, saß zwischen den Schwestern - weil er eben der Älteste und schon vernünftig war. Paul stand an der Tür und winkte freudig hinter dem weißen Studebaker her. Sein Vater wurde auch oft der Doktor mit der Tarnkappe genannt. Zu Recht, wie Paul meinte. Sein Vater hielt überhaupt nichts von der Pflege des großen amerikanischen Wagens. Er raste mit ihm die engsten Gebirgsstraßen hinauf - dabei verlor er sehr häufig die Türgriffe, wenn wieder einmal ein Tunnel zu eng war. Ziemlich häufig riß auch der Auspufftopf ab und dann dauerte es immer sechs Wochen, bis ein neuer aus Amerika eingetroffen war. Dem Doktor mit der Tarnkappe machte es nichts aus, daß jeder sofort wußte, wer da kam, wenn er trotzdem mit dem defekten Wagen durch die Stadt donnerte. Ihm war das alles egal. „Als Psychiater kann ich mir das leisten" war immer seine lapidare Antwort auf besorgte Fragen von Freunden. „Mein Vater" dachte Paul. „Hoffentlich werde ich nie wie er." Doch an diesem herrlichen Sonntag, da mochte er ihn. Sein Vater ahnte zwar nicht, was er Paul für ein Geschenk gemacht hatte: Aufpassen auf eine Hauspatientin. Nicht mit müssen auf die Serles. Herrlich. Und Ludmilla, die Patientin, war ganz nett. Sie hatte zwar immer kalte, feuchte Hände, rauchte wie ein Schlot und trank wie eine Almkuh. Doch reden konnte man mit ihr. Er hatte den Vater einmal gefragt, was sie denn hätte, doch der gab ihm nur eine ausweichende Antwort und murmelte etwas von Eheproblemen und Depressionen. „Hallo" hauchte es hinter ihm und Paul fuhr erschrocken herum. „Verdammt!" dachte er. „Wann erschrecke ich bloß nicht mehr so leicht." Seit seinem dritten Lebensjahr hatte Paul panische Angst in der Dunkelheit. Er konnte damals gerade die Haustüre öffnen und es war im Herbst, während der Kürbiszeit. Es klingelte an der Haustüre und er rannte freudig hin, streckte sich, öffnete sie und fiel in Ohnmacht. Draußen stand ein Kürbisgeist, mit grauenhaft leuchtenden Augen. Daran konnte und mochte sich Paul nicht erinnern, als er wieder aufwachte. Seit jenem Tag hatte er auch vier Jahre lang schwerstes Asthma, das sich Gott sei Dank in den letzen Jahren wieder gebessert hatte. Seine Eltern wußten das noch gar nicht, denn Asthma war eine tolle Waffe gegen viele Ungerechtigkeiten in einem Kinderleben. „Jetzt sind wir ganz alleine" schnurrte Ludmilla. „Gehn wir spazieren?" „Äh, Vati meinte Sie dürfen nur in den Garten, ins Wohnzimmer und in Ihr eigenes Zimmer. Ich bin verantwortlich - heute." „So klein und schon so verantwortlich" lachte Ludmilla. Sie war nicht sehr groß, blond, mit meist ziemlich wirren Haaren. Das gab ihr eine reizende Verschrobenheit. Sie trug meistens sehr enge Sachen und man konnte dadurch ihre Brüste genau sehen. Manchmal hatte Paul den Eindruck, daß sie gar keinen BH trug, weil ihre Brustnippel oft durch den dünnen Stoff drängten. Heute hatte sie Hosen mit Schlag an und eine dünne, rosafarbene Bluse, die ziemlich weit aufgeknöpft war. „Dann gehen wir halt im Garten spazieren" meinte sie. „Kommst du mit?" Sie wanderte durch das große Wohnzimmer voraus. Paul wollte zwar nicht in den Garten, aber was sollte er machen. Er lümmelte hinter Ludmilla her. Die Sonne schien und es war herrlich warm. Ludmilla legte sich augenblicklich unter den großen Herzkirschenbaum, rekelte sich wohlig und schnurrte: „So ist das Leben schön. Komm, setz dich zu mir. Erzähl mir ein Abenteuer aus deinem Leben!" Zögernd setzte sich Paul zu ihr. Wie sie da so lag, sah sie wunderschön aus. Sein verdammter kleiner Bruder regte sich augenblicklich. Es war schon eine Qual, wenn man schon mit zehn Jahren seine erste Ejakulation hatte und dann warten mußte, bis der Jugendschutz irgend etwas in Richtung Liebe oder Beischlaf zuließ. Paul wurde damals gleich richtig aufgeklärt. Er war mit zehn Jahren für ein Jahr im Internat gewesen und dachte zu sterben, als er die Flecken auf der Bettdecke entdeckte. Er suchte seinen ganzen Körper ab, ob er irgendwo verletzt sei. Doch er konnte nichts finden und dachte, sein Schweiß würde irgend etwas Böses aussondern. Dummer Weise war das Internat eine Franziskaner Schule und als er seinem Klassenvorstand von den Flecken erzählte, rief dieser sofort seine Eltern auf den Plan. Die kamen dann aus dem fernen Tirol angedüst, seine Mutter war zu dieser Zeit, aus irgend einem Grund, erblondet und er erkannte sie kaum wieder, so fremd war sie für ihn. Es war Ostern und sein Vater meinte, auf einem kleinen Osterspaziergang würde er seinem Paul nun mal die Leviten lesen. Sein Vater hatte komische Ansichten über die Wahrheit. Er vermittelte sie so brutal und hart wie möglich. Er ließ niemandem die Wahl, sich vor der Wahrheit zu schützen. War einer für seinen Vater eine Idiot, dann sagte er es ihm so schnell wie möglich. Auf diese Art hatte er damals Paul aufgeklärt. Dann setzte er sich in seinen Wagen und brauste mit der blonden Mutter zurück nach Tirol. Zu dieser Zeit begann Paul erwachsene Bücher zu lesen, um sich so einen Reim aus der Aufklärung seines Vaters zu machen. Tja, und seit damals litt Paul manchmal Nachts schiere Höllenqualen. Sein Penis machte mit ihm was er wollte und manchmal stöhnte Paul so laut auf, daß die Mutter aufwachte und dachte, er hätte wieder einen seiner Asthmaanfälle. Paul machte in diesen Fällen dann auch auf Atemnot, denn wenn er keine Luft bekam, waren die Eltern immer ganz nett zu ihm und ließen ihn in Ruhe. Paul war das schwarze Schaf der großen Familie. Sicher, er hatte oft tatsächlich etwas angestellt, doch es hatte sich eingebürgert, daß er für alle Schandtaten gerade zu stehen hatte. Bei den wöchentlichen Gerichtssitzungen, die seine Eltern wohl aus mißverstandener Psychologie heraus mit den Kindern veranstalteten, war Paul immer der Angeklagte. Ulrich war meist der Richter, Peter der Staatsanwalt und Babs, die ältere Schwester, seine Verteidigerin. Seit Ulrich mit Paul ins Internat mußte, damit der kleine Bruder nicht ganz so alleine wäre, seit jener Zeit zeigte der Älteste der Leberkinder seinen Haß auf Paul ziemlich unverhüllt. Es ging diszipliniert, wie im echten Gerichtsaal zu und Babs kämpfte wie eine wahre Löwin für Paul. Doch wenn der Richter haßt, verliert die beste Anwältin. Paul hatte sich inzwischen an diesen Zustand gewöhnt. Verurteilt zu werden machte ihm nichts mehr aus. Eines Tages, da würde er der Richter sein und seine Eltern zu dreißig Tagen Paulsein verurteilen. Auf diesen Tag freute sich Paul wie ein Schneekönig. „Küß mich" murmelte Ludmilla. Paul hatte in seinen Tagträumen Ludmilla völlig vergessen. „Streichle mich" flüsterte sie und ihre Hand kroch wie eine kleine Schlange durch das Gras, in Richtung seiner Hose. Paul lachte verblödet kurz auf. Was soll ich bloß tun, rasten seine Gedanken. Er hatte höllische Angst, denn er wußte nichts. „Die Nachbarn" entfuhr es ihm. Ludmilla änderte die Richtung ihrer Hand und nun kam die Schlange auf seine Hand zu, verbiß sich in ihr und zog ihn hoch. Schweigend führte Ludmilla den völlig geschockten Paul in Richtung Terrasse, hüpfte wie ein kleines Mädchen die Treppe hoch und zog ihn ins Wohnzimmer. Sie war einen Kopf größer als Paul und direkt vor der großen Stehuhr, die der Großvater aus Tübingen gespendet hatte, sah sie Paul nun tief in die Augen. Sie blickte so tief, als wollte sie in ihn hinein sehen. Ihre Hände fuhren dabei ganz langsam über Pauls Hosenbeine. Hinauf und hinunter, in einem quälend langsamen Rhythmus. „Verdammt, verdammt, verdammt," dachte Paul, „verdammt ich kriege einen Ständer. Peinlich. Gott wie peinlich, gleich lacht sie mich aus." Doch Ludmilla fing statt dessen langsam an mit ihren Händen in Richtung seines kleinen Bruders zu streicheln. Sie berührte sein schmerzhaft erregteres Glied nicht. Sie fuhr nur mit den scharfen Nägeln kreisförmig, haarscharf daran vorbei. Paul hätte schreien mögen. Er stand zitternd vor Ludmilla und wußte nicht weiter. „Riech mich" wisperte sie und zog seinen Kopf ganz sanft in ihren weit geöffneten Ausschnitt. Da waren sie - zum ersten Mal war er ihnen endlich nah. Da standen sie vor ihm, die harten Nippel, der rosenrote Hof. „Sie sind gar nicht so groß, wie ich dachte" murmelte Paul entzückt. „Für dich sind sie groß genug" lachte Ludmilla. „Küß meine Brustwarzen," und Paul tat es. „Saug an ihnen" und Paul tat es. „Beiß sie" und Paul tat es. Ludmilla begann leise zu stöhnen. „Fester" und Paul biß zu. Mit einem Schrei riß Ludmilla seinen Kopf zurück und küßte ihn. Ihre Zunge fuhr durch seine Lippen, sie spielte mit seiner Zunge, saugte sich an ihm fest, wie eine Ertrinkende. Plötzlich löste sie sich von Paul und stand schwer atmend vor ihm. Erst jetzt bemerkte Paul, daß sie immer noch vor der Standuhr standen. Draußen sang eine Amsel und aus den Nachbarhäusern wehten Musikfetzen. Ludmilla knöpfte ihre Bluse auf und ließ sie achtlos fallen. Paul wußte nicht ob sie schön war, doch in diesem Augenblick war sie die Schönste. Langsam schälte sie sich nun aus der Hose und er entdeckte, daß sie auch kein Höschen trug. „Endlich, lieber Gott, ich danke dir. Jetzt glaube ich, daß es dich wirklich gibt" dachte Paul. Er stand nur vor Ludmilla, sah sie bewundernd an und konnte nichts tun. Sie legte sich auf den großen Perserteppich, auf den sein Vater so stolz war. „Die sind jetzt grade an der Waldgrenze und ich an der Schmerzgrenze" schmunzelte Paul in sich hinein. Ludmilla fuhr mit ihren Zehen an seinem Hosenbein hoch und klopfte leise an seinen Hosenschlitz. „Zieh deine Hose aus, nur die Hose" kam Ludmillas Befehl. Paul war sehr gut erzogen und zog die Hose aus. Er wäre dabei vor Aufregung fast ins Stolpern gekommen, doch als guter Schirennfahrer hat man eine stabile Balance. Ludmilla spreizte nun die Beine und winkelte sie an. Paul konnte sich nicht satt sehen. In den anatomischen Büchern seines Vaters hatte er heimlich nach nackten Frauen gesucht. Aber diese wissenschaftlichen Aufnahmen verrieten nichts von dem wunderbaren Anblick, der sich ihm jetzt bot. „Komm - komm zu mir, mein Paul" gurrte es vom Perserteppich und Paul legte sich neben Ludmilla und begann dieses Wunder mit den Fingerspitzen zu entdecken. „Jetzt verstehe ich zum ersten Mal, warum das Wort begreifen heißt" dachte er. Ludmilla begann sich dabei zu rekeln, sie erschauerte, besonders wenn er ihre Brustwarzen streichelte. Plötzlich nahm sie seine Hand und führte sie nach unten - dorthin, wo dieser silberweiche Haarbusch wartete. Sie führte seine Hand an ihre Scham und bewegte sie ganz leise hin und her. Aus einem seltsamen Impuls heraus beugte sich Paul plötzlich in Ludmillas Schoß. Er küßte mit unendlicher Sanftheit ihre Hand, fuhr mit der Zungenspitze durch ihre Finger, leckte ihre Scham, fuhr tiefer, umspielte ihre Schamlippen und öffnete sie instinktiv mit seiner Zungenspitze. Ludmilla schien zu explodieren. Sie stöhnte, schrie, grub ihre Nägel in seinen Rücken, riß seinen Kopf an ihren Mund, saugte sich an ihm fest und zog ihn, mit plötzlich großer Kraft, auf sich und in sich hinein. Wie Wahnsinnige rollten sie über den Teppich, bis Ludmilla plötzlich auf ihm saß. Paul wußte längst nicht mehr, wie ihm geschah. Der Schweiß rann ihm aus allen Poren, Ludmilla ritt nun auf ihm, wie eine Furie. Er fühlte, wie er selbst explodierte und hörte, wie durch einen Nebel, die Haustürglocke. Beide froren augenblicklich ein. Schwer atmend starrten sie sich an. Hatte es wirklich geläutet? Da - wieder schellte es und gleichzeitig kam Paul, zum erstenmal in seinem jungen Leben, in einer richtigen Frau und nicht nur im Traum. Jetzt überfiel Paul Panik. Er stieß Ludmilla von sich, fuhr in seine Hosen - das Hemd hatte er ja nie ausgezogen und barfuß wie er war, rannte er zur Haustür. Drei Mal tief durchgeatmet, einmal mit den Fingern durch die Haare und dann öffnete er die Tür. Draußen stand Frau Fuchs, die Nachbarin. „Was ist denn passiert, Paul? Wer schreit denn bei euch so?" „Äh - ich meine - Sie wissen ja - die Patientin - ich meine die Ludmilla - die ist ein bißchen - äh - na ja, ich muß aufpassen auf sie und sie wehrt sich.!" „Wehrt sich gegen was?" fragte Frau Fuchs. „Sie will spazieren gehen, aber mein Vater hat gesagt, sie darf nur in den Garten." Frau Fuchs kam gefährlich nahe an die Haustüre heran und versuchte um die Ecke ins Haus zu schielen. Sanft drängte sie Paul wieder nach draußen. „Es ist alles in Ordnung. Ich hab das unter Kontrolle, Frau Fuchs." „Du blutest ja, warum blutest du denn?" „Ich blute? Wo? Kann ja gar nicht sein." „Na da - schau doch." Paul schaute auf seine linke Schulter. Da war tatsächlich Blut auf seinem Hemd. „Ich muß mich gestoßen haben. Es ist wirklich alles in Ordnung. Tschuldigung daß es so laut war. Ich schaff das schon. Jetzt koch ich und dann wird sie bestimmt ruhig!" „Na, ob das so eine gute Idee von deinem Vater war, dich mit der Gspinnerten alleine zu lassen" nörgelte die Fuchsin, wie sie allgemein genannt wurde. „Schönen Sonntag noch," sagte Paul und schloß ihr die Tür vor der Nase. In dem großen Spiegel im Flur sah er nun die ganze Bescherung. Ludmilla mußte ihm, durch das Hemd, den ganzen Rücken aufgekratzt haben. Sein Hemd war blutdurchtränkt. „Wie erkläre ich das meinen Eltern. Oh Gott, wie mach ich das. Am besten in die Brombeerhecke mit dem Hemd. Genau, das geht. Ich zieh das Hemd einfach durch die Brombeerhecke und sag, der Federball ist hinein geflogen und ich hab nicht aufgepaßt." Er riß sich das Hemd herunter und stürmte ins Wohnzimmer. Auf dem Perserteppich lag Ludmilla, immer noch nackt, zusammengerollt wie eine Katze und schlief. „Wie ein Gemälde" dachte Paul. Wie ein Gemälde. Das Bild der erschöpft schlafenden Frau sollte ihn sein ganzes Leben lang begleiten. Nie wieder konnte er die Augen von einer schlafenden Frau lassen. Er blieb lieber wach, als diesen herzergreifenden Anblick zu verpassen. Ob die Eltern ihm jemals die Geschichte mit der Brombeerhecke geglaubt haben, das fand Paul nie heraus. Was er allerdings sehr viel später, so um die dreißig, heraus fand war, daß der Sonntag von seinem Vater genau so, wie er abgelaufen war, geplant war. Der Herr Psychiater verwendete einfach seinen dreizehnjährigen Sohn, um herauszufinden, wie nymphoman seine Patientin war. Daß er dabei gleichzeitig, quasi als Nebenprodukt, auch noch herausfand, daß sein Sohn ein Mann geworden war, das hielt ihn nicht davon ab, selbst eine kleine Affäre mit der Patientin zu beginnen. 2 „Leber - du bist ein Tachinierer. Ein fauler Sack. Eine Pestbeule. Mach daß du rauf kommst auf Seil, oderrrr es setzt was hinter die Löffel." Paul stand mit seinen Klassenkameraden in der Reihe. Alle waren verschwitzt, nur Paul nicht. Er war ja auch von bestimmten Übungen des Turnunterichtes befreit. Seit seinem schwerem Sturz bei einem Schülerrennen, bei einem Abfahrtslauf in Kitzbühel. Seit Paul sich mit den Geheimnissen des EEG's auseinandergesetzt hatte, konnte er, mit dem kleinen Finger, ganz einfach eine Gehirnerschütterung manipulieren. Nicht einmal sein großartiger Vater mit der Tarnkappe hatte das gemerkt. Und seither war er, für ein paar Monate, von bestimmten, lästigen Übungen per ärztlichem Attest befreit. Nur Herr Szabo, der ehemalige Jagdflieger aus Ungarn, wollte das nicht akzeptieren. „Ich ols dein Turnleeerer, weiß beesser was du schaffst und wos nicht!" raunzte Szabo los. „Mach dir Beine, Junge. Los. Auf die Seil. Hela Hopp!" Paul blieb stur. „Sie wissen, daß ich auf Grund einer Sport-verletzung," er legte die Betonung besonders auf Sport, „nicht in der Lage bin, bestimmte, vorgeschriebene Übungen des Lehrplans auszuüben. Dazu gehört, meiner bescheidenen Meinung nach, auch das Seilklettern. Ich könnte schwach werden und Abstürzen - auf den Kopf. Das wollen wir doch nicht, Herr Professor Szabo!" Die ganze Klasse begann zu gackern und Paul fühlte sich prächtig. „Ruhe!" brüllte Szabo. Er baute sich, in seiner ganzen Gardegröße von eins neunzig, vor Paul auf und schrie mit hochrotem Kopf: „Auf die Seil, Leber!" Paul grinste süffisant und sagte nur: „Das." „Was?" „Das. Das Seil, Herr Professor Szabo." „Willst du Lümmel mir jetzt auch noch der Deutsche Sprache beibringen, der ich seit vierzig Jahren fließend sprech?" „Die und die," grinste Paul. „Was?" „Die Deutsche Sprache, die Sie seit über vierzig Jahren fließend erbrechen, Herr Professor." Wieder hatte Paul überbetont. Der Professor lief nun fast blau an und holte tief Luft. „Bitte nicht schreien, Herr Professor. Sie wissen - meine Kopfverletzung." Klatsch und Klatsch machte es. Das Echo verwehte im Turnsaal. Es war totenstill. Alle Schüler standen so stramm wie noch nie. „Du hast mich geschlagen." „Sie haben mich geohrfeigt, Herr Professor und ich habe einen stark ausgeprägten Reflex, Herr Professor." „Schweig!" würgte der Szabo hervor. „Er hat mich geschlagen. Die ganze Klasse hat es gesehen. Meyer. Klassensprecher. Hast du es gesehen?" Nach einer fast endlosen Pause kam ein klägliches „Ja, Herr Professor" von dem Oberstreber Meyer. Sein Vater war Direktor am Mädchengymnasium und Paul hatte sich geschworen, die Mädchen vor Meyer-Sohn zu beschützen. So viel Unglück hatte kein Mensch verdient. Und schon gar kein Mädchen. „Meyer, er hat mich zuerst geschlagen. Es war ein Reflex." „Ganze Klasse, einer nach dem anderen. Hat Leber mich geschlagen, oder nicht?! Von hinten anfangen." Und ob man es glaubt oder nicht. Selbst Gerhard, Pauls einziger Freund in der Schule, sagte untertänigst: „Ja." Das war's. Aus! Paul dachte an Mord. Am liebsten hätte er jetzt und sofort die ganze Klasse, inklusive Professor Szabo an die Wand gestellt und standrechtlich erschossen. „Ihr seid doch der letzte Dreck. Gerhard. Er hat mich zuerst geschlagen!" brüllte Paul. Doch Freund Gerhard blickte nur betreten zu Boden und der Herr Professor sagte, äußerst kühl: „Na. Leber - dann hätten wir's ja geschafft. Jetzt kannst du Straßenkehrer werden. Scheener Beruf für Leite wie dich." Die Pausenklingel schrillte und der Turnsaal war noch nie so schnell leer, wie an diesem Morgen. Professor Szabo verließ, hocherhobenen Hauptes, den Turnsaal und warf noch lässig ein paar Worte hinter sich: „Muß ich zum Direktor. Meyer, stell die Ordnung sicher!" Paul stand noch lange an einem der großen Fenster des Saales und starrte auf die Nordkette. Er fühlte sich einsam, verlassen, betrogen und verstört. „Er hat mich zuerst geschlagen" dachte er immer wieder. „Warum sind die so ungerecht?" Aber, es war nun eben einmal so. Seine Mitschüler lachten zwar über seine sarkastischen Bemerkungen im Unterricht. Sie genossen die Diskussionen mit dem Latein- und Deutschlehrer, Professor Girsten. Paul führte sie regelmäßig und mit großem Witz. Bei den freien Aufsätzen war es immer Paul, der seine Arbeit vorlesen mußte. Schreiben konnte er schon damals. Doch seine Mitschüler verstanden nur die Hälfte von dem, was er da so schrieb. „Aus!" dachte Paul. „Jetzt ist alles aus. Ich bin knapp sechzehn und schon eine gescheiterte Existenz." Irgendwann entschloß er sich dann, sich umzuziehen. Er packte seine Sachen ein und verließ die Schule. Paul kam nie wieder in diese Schule zurück. Paul hatte sich entschlossen, zu Hause die reine Wahrheit zu sagen. Keine Ausflüchte, keine Abschwächungen. Einfach wie es war. Er sagte seinen Eltern sogar, daß er den Professor provoziert hätte. Er wurde dafür, zum ersten Mal in seinem Leben, von seinen Eltern überrascht. Sie glaubten ihm. Von da an ging alles sehr schnell. Paul wurde von der Schule verwiesen. Sein weiterer, schulischer Werdegang konnte nur in einem Internat abgeschlossen werden. Paul kämpfte dagegen wie ein Stier. Er wollte nicht mehr in die Schule. Seine Eltern ließen ihn testen. Beim Eignungstest kam immer wieder etwas Künstlerisches heraus. Buchhändler, Journalist - sicher auch Theater. Oder Musiker? Paul spielte zu jener Zeit seit acht Jahren Cello. Auch nur, weil sein Vater sich mit vierzig eingebildet hatte plötzlich selbst Cello lernen zu wollen. Paul spielte nicht sehr gut. Seit zwei Jahren spielte er trotzdem im Stadtorchester mit - nur sein Lehrer wußte, wie schlecht er spielte. Er haßte das Orchester. Er haßte das Cello. Es gab ihm nichts. Das war ein Instrument, das man üben mußte. Paul wollte endlich leben. Endlich frei sein. Zu den Huren gehen. Medizinstudentinnen anbaggern. Weg. Fort aus der Stadt, aus dem Land. Am besten nach Australien. Nie wieder Schnee. Zu lange hatte der Vater die Kinder gezwungen, mit den Fellen unter dem Schilift auf die Berge zu steigen. Körperertüchtigung nannte sich das. Paul war überzeugt davon, daß sein Vater nur zu geizig für die Liftkarte war. Der große Herr Psychiater, der immer mit den Hunderter Scheinen bündelweise in der Geldtasche herumlief, war zu geizig, seinen Kindern eine Liftkarte zu spendieren. Obwohl, das mit den vielen Scheinen war ganz angenehm. Der Vater rasierte sich immer am Frühstückstisch und las dabei die Tageszeitung. Irgend etwas hatte Paul immer vergessen und so konnte man sich noch ein paar Scheinchen aus Vaters Brieftasche borgen. Vater ließ seine Jacke immer offen vor dem Schlafzimmer hängen. Herrlich. Seit Ludmilla Paul das Rauchen beigebracht hatte, brauchte er immer etwas mehr Geld. Und die vielen Theaterbücher und Kunstbände. Ein paar davon mußte er schließlich bezahlen. Die meisten ließ er sowieso, gut getarnt, in der Achselhöhle mitgehen. Der Doktor mit der Tarnkappe kämpfte wie ein Löwe um das Recht seines Sohnes. Doch er verlor. Und somit erlebte Paul, innerhalb kürzester Zeit, seine zweite, große Überraschung mit den Eltern. Der Vater saß am Sonntag resigniert am Frühstückstisch und meinte: „Ich habe da zwei Patienten. Der eine hatte einen Schlaganfall und ist der Direktor vom Landestheater, dem anderen gehört die größte Buchhandlung in der Stadt. Ich möchte, daß du bei dem als Buchändlerlehrling anfängst." „Ich will aber lieber ins Theater," traute sich Paul. „Dann rede ich morgen mit dem Direktor Hummel." Damit war die Diskussion abgeschlossen. Paul wollte noch Danke sagen, doch das ließ der Vater gar nicht mehr zu. Ihr Verhältnis war äußerst gespannt. Spätestens seit der Zeit, als der Vater ihn mit Seilen und Riemen verprügelt hatte, nur weil er bei einem Neubau gegenüber des Elternhauses von einem sehr, sehr langem Seil ein Stück für ein Lasso abgeschnitten hatte, das er zum Indianerspielen brauchte. Dieb und Lumpensohn nannte ihn sein Vater damals. Daß der Mutter sehr häufig die Hand ausrutschte, das war Paul schon ziemlich egal. Er duckte sich inzwischen so schnell weg, daß sie ihn meistens gar nicht traf. Er fand sich gar nicht so schlimm, er dachte nur immer: „Die wollen mich ja sowieso nicht! Also, warum nicht einfach weg." In sein Buch schrieb er damals: Tirol 24.12.69: Geht mir aus dem Weg oder ich prügle euch davon. Auf daß ihr euren eigenen Weg nie mehr findet. Paul fing also, im Theater von Innsbruck, als Volontär an. Er saß in der Abonnementabteilung, an der Theaterasse, aber auch in der Maske. Er inspizierte, assistierte und schrieb Programmhefte. Ein heftiges Programm für einen sechzehnjährigen. Nebenbei nahm er noch privaten Schauspielunterricht, liebt eine Medizinstudentin, von der ihn der Vater, mit unsensibler Gewalt, eines Tages fort holte. „Ich zeige Sie an, wegen Verführung Minderjähriger," sagte er dem armen Mädchen. Die Mutter wartete schon zu Hause auf Paul. Sie öffnete die Tür und nahm ihn, seltsam sanft beim Arm und sagte: „So, jetzt gehst du duschen, das tut man nach solchen Schweinereien. Hannes, hat sie dir meine Rose gegeben?" Paul hatte der Mutter eine goldene Rose aus der Schmuckschatulle geklaut. Er hatte extra das einzige Schmuckstück genommen, das er noch nie an seiner Mutter gesehen hatte. Ausgerechnet jetzt wollte sie die Ansteckbrosche ins Theater ausführen. „Eieieiei" sagte der Vater. „Die Rose, die hab ich total vergessen. Ich fahr gleich und hol sie." Weg war er. Paul stand unter der Dusche, Mutter machte sich Sorgen und der Dr. Leber hielt sich sehr lange bei der Medizinstudentin auf. Später dann noch länger. Arme Mutter, armer Vater. Der jüngste Rettungsversuch war inzwischen auch schon vier Jahre alt. Anderl, das Nesthäkchen, der Nachzügler. Wozu sich die Eltern diesen wahnsinnigen Traum von sechs Kindern erfüllen mußten, das konnte Paul einfach nicht verstehen. Nun ja. Er war am Theater und was seine Eltern noch nicht wußten, er durfte auf die Schauspielschule nach München. München. Ausland. Weg von den Bergen - die Nordkette nur noch im Rücken. Endlich den Blick nicht mehr von Felswänden versperrt. Endlich freie Sicht auf einen neuen Horizont. 3 Die ersten acht Jahre seiner schauspielerischen Laufbahn vergingen für Paul wie im Flug. Er war knapp siebzehn, als er in München ankam. Als freier Erwachsener kam er dort an. Der vergrämte Herr Psychiater hatte ihn, aus Wut darüber, daß er am Reinhard Seminar in Wien absichtlich durch die Aufnahmsprüfung gerasselt war, um so nur nach München zu können, für diese Unverschämtheit hatte der Vater ihn mündig schreiben lassen. „Entlassung aus der väterlichen Gewalt" hieß das Dokument in Österreich. Sehr sensibel ausgedrückt. So war Paul also schon mit siebzehn geschäftsfähig und durfte selbst unterschreiben. 1969 war das eine Sensation, denn mündig wurde man damals erst mit einundzwanzig. „In spätestens zwei Monaten bist du Alkoholiker und schwul," gab ihm der Vater zum Abschied mit auf den Weg. Und vierhundert Mark, die für den ersten Monat in München reichen mußten. Er gab dieses Geld innerhalb von zwei Tagen bei den Huren aus und war von da an für immer geheilt. Paul kam am ersten September 1969 in München an. Ein müder Taxifahrer zeigte ihm nur zu gerne den Weg ins Rotlichtviertel. Schon bald gabelte ihn eines der leichten Mädchen auf. Er war nervös, doch er versuchte dies durch höfliche Witzigkeit zu übertünchen. „Endlich bei den Huren - herrlich!" sagte er als das Mädchen ihn aufforderte sich auszuziehen. Er lag auf einem ziemlich schäbigen Bett und als die Bordsteinschwalbe sich auf ihn setzte meinte er dümmlich: „Ich bin die Sammlung deiner Träume." „Quatsch. Du sammelst nur dich selbst," sagte die Nutte trocken und verrichtete ihr Handwerk. Als Paul schon am nächsten Tag wieder auf der Suche nach einer Hure war, konnte er nur eine ziemlich traurige und im Schummerlicht ihrer Bleibe äußerst häßlich aussehende Hure ergattern. Er sprach diesmal kein Wort. Nach zehn Minuten war alles vorbei. Paul fühlte sich billig und dreckig. Er fuhr zurück ins Haus seines Onkels, bei dem er wohnen sollte, bis er eine eigenen Bleibe gefunden hatte, duschte sich gründlich und kehrte nie wieder auf einen Straßenstrich zurück. Dem Onkel erzählte er, man hätte ihm das Geld gestohlen. Seltsamer Weise glaubte der Onkel das und half ihm finanziell aus. München, sein Himmel, seine Inspiration, sein Spielplatz. Oft saß Paul mit den eingesessenen Münchner Schauspielern und diskutierte die Nächte durch. Einmal, nach einer wichtigen Premiere fand er sich plötzlich an einem Tisch, an dem sich wohl so alle wichtigen Namen der Münchner Szene eingefunden hatten. Ein unvergeßlicher Abend. Irgendwann hatte Paul wohl die Grand Dame des deutschen Theaters, Therese Giese, etwas zu lange und intensiv angestarrt. Sie drehte sich plötzlich zu ihm um und raunzte: „Bub - schau nicht so. Sei ein Mann!" „Ich bin ein Mann," entfuhr es Paul erschrocken. „Dann schau nicht wie ein Bub!" donnerte die Giese, streckte ihm die Zunge heraus und widmete sich wieder ihrem Gesprächspartner. „Schau nie zurück Dort siehst du nur die Fehler von morgen," wisperte ihm Walter Schmiedinger ins Ohr und der Großmeister der Sprechkunst, Romuald Pekny, rollte seine R's: „Sprache ist Kultur. So sprechen wie Oskar Werner. Wann stirbt der denn bloß." Als Paul einmal auf die Toilette mußte brüllte der Buhmann des deutschen Films, sein Lehrer Klaus Löwitsch, hinter ihm her: „Das Gefühl sitzt im Arsch!" Doch Pauls Mentor, der unverwüstliche Kurt Weinzirl, konterte im breitesten Tiroler Dialekt: „ Bisch a Tiroler, bisch a Mensch. Bisch koaner, bisch an Arschloch. Als Tiroler überlebsch den Brandauer um Jahrhunderte." „Sei zärtlich zu mir, Kurti. Sonst wird aus dir nie was," murrte Klaus Maria Brandauer, der an diesem Abend einen grandiosen persönlichen Erfolg für seine Interpretation des Petruccio in der Widerspenstigen erzielt hatte. Sie waren alle irgendwie überglücklich an diesem Abend und auch ziemlich betrunken. Das trieb wohl sogar Maria Nicklisch, den alternden Star der Kammerspiele dazu, ihren Arm um Paul zu legen und zu flöten: „ Liebe - einfach lieben, junger Mann," und, die für Paul sagenhaft erotische Erika Pluhar zog ihn hoch und zerrte ihn in den letzten Winkel des Lokals, nahm seinen Kopf in die Hände und gurrte: „Leidenschaft - mehr - noch mehr - und jetzt beruhige dich wieder." Paul fühlte sich wie im siebten Himmel. Er konnte es gar nicht fassen mit all diesen wunderbaren Schauspielern zusammen zu sein. Und sie nahmen ihn offensichtlich so ernst, daß sie sogar mit ihm sprachen. Als ein anderer seiner Lehrer dann schließlich zu ihm sagte: „Denk immer daran: Ich bin ein Reise und du bist ein Zwerg. Also mache ich mich klein und du dich groß auf der Bühne. Und wenn es funktioniert, dann sind wir irgendwann einmal gleich groß. Auf der Bühne" dachte Paul nur noch: 'Ich hab's geschafft!' Der einzige Mensch der an diesem Abend offensichtlich total nüchtern blieb, obwohl er ein Glas Weißwein nach dem anderen in sich hinein schüttete, war der Intendant der Kammerspiele, August Everding. Er war dann auch der Erste, der sich verabschiedete. Als er mit Küßchen links und Küßchen rechts fertig war blieb er bei Paul stehen, sah ihm tief in die Augen und ruinierte seinen Abend: „Junge, Pfeifen im Theater. Nur die Dummen geben Fehler zu!" Sagte es und war verschwunden. Paul hatte Everding einmal bei einer Premiere, die wirklich nicht sehr gelungen war, ausgepfiffen. Cleverding, wie er nur genannt wurde, hatte ihn wohl entdeckt und den heutigen Abend benutzt, ihm die Leviten zu lesen. Paul war erschüttert. Doch Christine Ostermeier, für Paul die Inkarnation weiblicher Sanftheit, rettete ihn vor dem Absturz. „Lächeln - immer nur lächeln - aber nie mit den Zähnen. Die machen nur blind. So wie der Cleverding schon vor Jahren erblindet ist, „lächelte sie Paul an, zwinkerte ihm kurz zu und wendete sich wieder an den Brandauer . um, weiterhin zu versuchen ihn davon zu überzeugen, daß sie als Katharina seine Partnerin und nicht seine Gegnerin sei. As war spät am Abend und es schien fast so,, als wollt Andre Heller, der eigens aus Wien angereist war um mit seiner damaligen Frau, Erika Pluhar bei dieser wichtigen Premiere dabei zu sein, als wolle er einen häuslichen Streit vom Zaun brechen. „Was dem Hamburger Zimmermann seine Zimmermanns-tracht ist dem Österreicher seine Niedertracht," giftete er die Pluhar an. Er war berühmt für seinen scharfen Sarkasmus. Doch Paul, gestärkt durch seine Begegnung der dritten Art mit Frau Pluhar, traute sich in den Ring: „Und ein Tiroler ist stolz auf nur eine Tracht: Eine gehörige Tracht Prügel für kopflose Chaoten!" Das war dann auch das Ende dieses herrlichen Abends. Der Heller hatte nicht mehr den Humor diesen markigen Ausspruch Pauls zu diskutieren und verließ abrupt, mit seiner wunderbaren Frau im Schlepptau, das Lokal. Alle anderen waren schon viel zu betrunken um noch etwas zu sagen oder sich gar zu bewegen. So saß Paul ziemlich plötzlich alleine und sprachlos an dem großen Tisch. Nur Maria Emo, die Paul noch vor kurzem in der Premiere eines neuen Stückes aus der DDR bewundert hatte, nur sie saß immer noch Kerzen gerade und munter am anderen Ende der Tafel. „Der Mond hat einen Hof um sich - und ich hab dich," sang sie leise eine Zeile aus dem Stück vor sich hin. Paul setzte sich zu ihr und sie plauderten noch gute zwei Stunden über Gott und die Welt und wurden schließlich sehr sanft zueinander. Gegen vier Uhr morgens verließen sie das Lokal. Gemeinsam. Sie wachten am späten nachmittag auf. Gemeinsam. Der Himmel. Paul war stolz darauf, der einzige Schauspieler zu werden, der keinen Alkohol trank. Paul war stolz darauf absolut heterosexuell zu sein. Keine Experimente. Keine Drogen, kein Hasch. Nur Zigaretten und Orangensaft. Seine ersten Jahre waren ein Traum für ihn. Er war witzig, talentiert, viele Menschen mochten ihn. Fanden ihn interessant. Er war ja auch wirklich blutjung und für die Theaterschickeria in München ein gefundenes Fressen. Er verliebte sich in die Tochter eines Fischhändlers aus Hamburg und zog vier Jahre mit ihr durch die Lande. Als er sich von ihr trennen wollte, machte sie einen Selbstmordversuch im Bett der, inzwischen vom Vater geschiedenen, Mutter von Paul. Sie hatte zwei Mal abgetrieben, gegen den Willen von Paul. Der dachte damals, ein Kind wäre die größte Bindung und er könnte das Mädchen so besser halten. Ja wie im Traum. Nach der ersten Abtreibung hatte er nur verbittert zu ihr gesagt: „Nimm mir nicht die Sonne, ohne zu fragen." Seine Freundin verstand ihn natürlich nicht und fuhr schon ein Jahr später wieder nach Jugoslawien. Pauls Mutter überzeugte ihn, sich bloß nicht schuldig für den Selbstmordversuch der Freundin zu fühlen. Und so saß er an ihrem Bett und murmelte: „Als ich dich verließ, da fand ich mich selbst. Jetzt vermisse ich dich." Das arme Mädchen verstand wieder kein Wort. Doch Paul mußte sie verlassen, mußte seinen eigenen Weg gehen. Als Paul an jenem Abend aus dem Krankenhaus zu seiner Mutter nach Hause kam, meinte diese, er solle doch seine Gedanken niederschreiben, damit sie ihn nicht erschlagen könnten. Doch er wollte nicht schreiben. Er wollte seine Gedanken mitteilen, doch seine Mutter war damals viel zu sehr mit ihren eigen Problemen beschäftigt. Er ging hinaus in den Garten. Es war eine milde August Nacht im Jahr '73. Der Himmel war klar und man konnte die Berge gegen den dunklen Nachthimmel sehen. Paul sah zum Bettelwurf hinüber, zu diesem Berg, der in seiner Erinnerung immer so dunkel war. Doch in dieser Nacht schien sein hartes Felsengesicht wie ein alter Mann milde zu lächeln. Er lehnte sich an den Kirschenbaum und ließ seine Gedanken zurückwandern, zu jenem längst vergangenen Sonntag, an dem Ludmilla ihm das Leben gezeigt hatte. Er konnte seinen Blick nicht von dem Berg abwenden und so begann er, mit ihm zu reden. „Du hast ziemlich viel von mir mitbekommen, mein Freund. Wenn du sprechen könntest, dann müßte ich wohl Angst haben. Aber du kannst nicht reden - also nimm meine Geheimnisse und halt den Mund. Im Krankenhaus liegt ein ausgepumpter Mensch - gestern noch weiblich - jetzt nur noch ein Es. Manchmal stirb einer - stirbt an der Liebe. Auf sein Grab pflanzen sie dann ein mitleidiges Lächeln. Diese zeit ist gegen die Liebe. Doch Liebe ist Zeit. Davor haben wir Angst. Noch mehr nach den grausigen Ereignissen während der Olympiade in München." Paul hatte damals eine Rolle in einem Stück angenommen, das während der Spiele direkt unterhalb des Stadions im Theatron gespielt wurde. Nach dem Angriff der Terroristen kampierten die Schauspieler zusammen mit Publikum auf dem Olympiagelände um so nahe wie möglich bei der israelischen Mannschaft zu sein und sie mit ihren Gebeten und Sit-ins zu unterstützen. „Terror und niemand weint. Komm, laß uns nach Sibirien fahren, wo die Küsse zwischen den Lippen erfrieren - das habe ich damals zu der Frau gesagt, die da jetzt in diesem Krankenhausbett liegt. Doch sie fuhr noch einmal nach Jugoslawien und ich fuhr nach Schweden. Dort suchte ich nach den geilen Schwedinnen. Doch die lagen alle in Spanien auf dem Teutonengrill. Also fand ich mich plötzlich, ganz allein, in den endlosen schwedischen Wäldern zusammen mit ein paar einsamen Elchen. Terror und keiner weint." Der riesige Berg sah immer noch lächelnd auf Paul und sagte kein Wort. So stand Paul lange Zeit im Garten und weinte. Später fand er heraus, daß die Mutter auf der Terrasse stand und ihn beobachtete. Sie wartete auf sein Weinen. Doch Paul weinte sehr leise nur in sich hinein. Also dachte sie, er sei in Ordnung. Nach dieser ersten, festen Beziehung trieb Paul sich manisch durch die Gegend. Er machte nie Halt, ließ sich keine Zeit. Nach den Münchner Jahren nahm er ein Engagement als Schauspieler in Wuppertal an. Als er dort ankam, überfiel in Angst. Der zuständige Dramaturg für die Theaterzeitung bat ihn, seine Ankunftsgedanken für die Zeitung niederzuschreiben. Alle neuen Ensemblemitglieder wurden so dem Publikum vorgestellt und der Dramaturg wollte wohl dieses Jahr besonders originell sein. Wuppertal Januar 1973 Das Haus erdrückt - es ist so zweckvoll. Der Mensch erschrickt und beugt sich tief. Fremde Laute malen eine Sprache in die Luft. Edle Einfalt in den Gassen. Fremde - wie verboten angestarrt. Heimliche Blicke suchen - kein Finden. Tausend leere Hände greifen nicht zu. Halten nur ihr eigenes Herz an der Hand. Als die Zeitung erschienen war, erhielt Paul einen Anruf seines Intendanten. „Kommen Sie morgen um zehn Uhr in mein Büro," lautete die kurze, aber präzise Anordnung. Paul hatte vor diesem Treffen kein Angst. Er hatte ja nichts falsch gemacht und war also ziemlich ruhig und gelassen, als er am nächsten morgen bei seinem Intendanten eintraf. Es war sein erstes, ernsthaftes Gespräch mit der wohl wichtigsten Person im ganzen Theater und nach zwei Stunden intensiver Unterhaltung war Pauls Position im Schauspielhaus eine gänzlich Neue. Er hatte ab nun den Respekt und die Unterstützung seines Intendanten. Er spielte Faust, Hamlet und alles was gut und teuer war. Viel zu jung, viel zu aufgeregt. Er liebte zwei australische Tänzerinnen aus der Pina Bausch Truppe gleichzeitig, ließ sich von Ruth die Glut des Judentums erklären, nächtigte im Theater, weil seine Freundin Stripteasetänzerin war und erst um vier Uhr morgens Dienstschluß hatte. Paul war immer pünktlich, das war sein Prinzip. Egal wie spät es geworden war. Paul war pünktlich. Einmal überredete Paul seinen Intendanten mit ihm in das Strip Lokal zu kommen. An diesem Abend wurden sie Freunde. Arno, der Intendant, erzählte Paul über seine Leidenschaft für Sylt - so berühmt für seine Nacktbadestrände. Nach jener Nacht erhielt Paul die Schlüssel zu Schauspielhaus, um ja keine Probe zu versäumen, nur weil er gerade in eine Striptease Tänzerin verliebt war. „Der Intendant - mit glänzenden Augen erzählt er mir von Sylt und überreicht mir die Schlüssel zum Schauspielhaus. Mein Sylt," hatte Paul nach dieser denkwürdigen Nacht in sein Buch geschrieben. Irgendwann hatte ihn die Besitzerin der Bar einmal gebeten, ein kleines Gedicht für die VIP Wand zu schreiben. Nicht, daß Paul ein VIP gewesen wäre. Nein, die Besitzerin wußte von Pauls Affäre mit ihrer Starstripperin. Normalerweise hätte Paul sofort Barverbot erhalten, da es den Tänzerinnen nicht erlaubt war, näheren Kontakt zu den Gästen zu halten. Doch seit Paul mit dem wichtigsten Mann des städtischen Kulturlebens dort aufgetaucht war, behandelte man ihn eher wie einen lieben Freund. Für Die VIP Wand schrieb er dann: In den Separets knutschen Alleingelassene. Auf der Bühne läßt Lady Caroline die letzten Hüllen fallen. Aber nicht sich selbst. Alle begehren die Königin der Nacht. Aber sie hat sich in Tirol verliebt. Viele Gäste, die das kleine Gedicht lasen, fragten seine Lady Caroline, was das denn heißen sollte. Doch sie war eine äußerst diskrete Stripperin und tatsächlich sehr in Paul verliebt. Also schwieg sie und ließ ihre zahlenden Gäste in ohnmächtiger Ahnungslosigkeit. Oft saß er damals vor seinem Orangensaft und dacht: 'Ich bin ein glücklicher Mann!' Doch nach zwei Jahren war es für Paul Zeit, sich wieder auf den Weg zu machen. Er verließ Wuppertal. Fehlentscheidung. Er nahm ein Engagement in der Schweiz an. Wieder Grenzen überqueren. Aber diesmal in die falsche Richtung. In Basel drohte er dann fast zu vereinsamen. Da gab es nur Kellnerinnen, denen er Respekt machen konnte. Die Töchter einer großen Pharmafirma, die gerne wollten, die waren ihm zu häßlich. Der Direktor des Theaters mochte Paul nicht. Vom ersten Tag an. Ohne Grund. Einfach so. Paul wurde Mitglied im Fitneß Club des nahe am Theater gelegenen Inter Conti Hotels. Er wußte, daß Hans Hollmann, sein Direktor dort jeden morgen seine einsamen Schwimmrunden drehte. Also schwammen die beiden, fast ein Jahr lang fast täglich stumm nebeneinander her. Wortlos. Grimmig. Hart. Niemals auch nur ein Wort. Purer Haß. Ein endloses Jahr lang. Einmal fragte Pauls Kellnerin ihn nach seinen Gefühlen für Basel. Sie lagen auf seinem Bett, in dem kleine Hotelzimmer, in dem Paul sich für seine Zeit in Basel eingemietet hatte. Er dachte kurz nach, zündete sich eine Zigarette an und meinte: „Jeden Abend schminke ich mir ein Lächeln ins Gesicht. Die Trauer meiner Augen bedecke ich mit Flitterglanz. Drei glückliche Stunden bin ich Zwei. Um Mitternacht hängt mein Lächeln wieder an der Garderobenwand." „Das versteh ich nicht," sagte die Kellnerin. „Schau. Wenn du nur von Leuten wie mein Direktor umgeben bist." „Hans Hollmann?" „Du kennst den?" wunderte sich Paul. Seine Kellnerin hatte ihm bisher nicht den Eindruck gemacht, als interessiere sie sich für das Basler Kulturleben. „Der trinkt manchmal seinen Kaffe bei uns. Der starrt mich immer so komisch an. Seltsamer Mann." „Hans Hollmann - Exzesse. In Gläsern spiegeln sich Weingesichter Vom Schnaps entstellt - Von Tränen entseelt Und lachen doch - Und lachen mehr - Und lachen damit keinen Frühling her." „Ist das aus dem neuen Stück, das du gerade probierst?" meinte die Kellnerin. „Nein, das habe ich mir gerade so ausgedacht!" „Das ist unwahrscheinlich, wie du das machst. Das könnte ich nie." „Dann laß es," sagte Paul trocken, löschte seine Zigarette, schloß die Augen und lag einfach nur da, in seinem kleinen Hotelzimmer, umgeben von seinen Büchern, einem warmen Frauenkörper und seinen tausend Gedanken. „Ich mag dir!" kam es von der Kellnerin und dieser eine, kleine Satz war wohl der einzige Fehler, denn sie in ihrer Beziehung je machte. Als Paul sie diese drei simplen Worte sagen hörte, fiel jegliches Gefühl für sie von ihm ab. Paul ließ das Mädchen am nächsten morgen fallen. Er konnte nicht erklären warum, er konnte einfach ihre Gegenwart keine Sekunde länger ertragen. Er war gemein, herzlos und brutal. Er benahm sich wie einer der wüstesten Charaktere die je für ein Theaterstück geschrien wurden. Jahre später verstand er erst, was damals eigentlich passiert war. Als die süße, kleine Schweizerin ihre Liebeserklärung im breitesten Basler Dialekt anbracht, hatte Paul Angst, daß er dieses Mädchen niemals seinen Eltern vorstellen könnte. Nie. Sie würden seine Wahl einfach nicht akzeptieren. Also ließ er sie fallen. Nicht die Eltern - nein, das Mädchen. Am Ende seiner Basler Saison machte Paul Ferien in seinem Haus in der Toskana, das er zusammen mit einem Freund aus Basel ganzjährig gemietet hatte. Das wunderschöne, verträumte alte Rustici war sein Traum. Er liebte die Toskana, wohl weil er Goethes dämlichen Ausführungen über diese Traumlandschaft, in der Italien Reise, immer böse war. Paul war ziemlich erschöpft von der langen Durstsaison in Basel und wollte nur alleine mit seinem Freund Rudi sein, gut essen, reichlich Grappa und Chianti. In Basel trank er auch seinen ersten Schnaps. Auf der Bühne. Pernod. Seine rechte Gesichtshälfte war sofort eingeschlafen. Immer öfter griff er danach, auch nach der Vorstellung zum Glas. Er haßte das, denn es ging gegen seine Prinzipien. Doch der Bann war gebrochen und sein Vater weit weg. Auf dem Campo in Siena herumhängen und gar nichts tun. Das war die Losung. Er führte lange, ruhige Gespräche mit seinem Freund. Eines Abends saßen sie auf der Loccanda, schlürften ihre Grappas und Espressos, nach einem hervorragenden Huhn á la Orange, als Paul sagte: „Ich habe meine Hoffnungen normalisiert." „Niemand kann aus seiner Haut," brummte Rudi. „Aber in meiner Haut bin ich nur allein," „Das reicht auch," grinste Rudi. „Jetzt hoffe ich, daß meine Hoffnungen leben können," sagte Paul traurig und betrunken. „Hoffen heißt vertrauen," versuchte Rudi ihn aufzumuntern. „Und da fängt der betrug wohl an," bellte Paul los. Lange Zeit saßen die beiden sehr still. „Wenn wir schon von Betrug reden." Rudi nahm einen tiefen Schluck Grappa und sah Paul direkt an. „Ich bin schwul." Paul wollte sich gerade ein neues Glas Grappa einschenken und hielt mitten in der Bewegung inne. Die Flasche hing gefährlich schräg über dem Glas. Rudi war ungefähr zehn Jahre älter als Paul. Er war im Filmgeschäft und so ungefähr die netteste und ruhigste Person die Paul je kennengelernt hatte. Aber schwul? Paul begann zu lachen. „Warum lachst du?" „Ich hatte da gerade so einen merkwürdigen Gedanken. Vor fast zehn Jahren, als ich von zu Hause weg ging, da sagte mein Vater zu mir: In weniger als zwei Monaten bist du Alkoholiker und schwul. Und jetzt schau mich an. Grappa und mein bester Freund erzählt mir, daß er schwul ist." „Ich habe nicht gesagt, daß ich in dich verliebt bin." „Bist du sicher?" „Über was? Über mein Schwul sein oder ob ich in dich verliebt bin?" lachte Rudi los. „Beides." „Bist du sicher?" fragte Rudi plötzlich sehr sanft. „Weißt du, das ist eine sehr gute Frage. Aber: In mir hängt ein Kasten aus Glas. Darin sitzen zwei Papageien. Davor kniet eine Katze - der wächst eine Rose aus der Brust. Sie spricht ungarisch mit dem rechten Vogel. Er gibt es chinesisch weiter an den Linken und der erzählt mir die Geschichte. Das Märchen von meiner Seele." „Du bist besoffen," meinte Rudi trocken. Erinnerst du dich an neulich auf dem Campo in Siena? Nach dem 8. Espresso und dem 12. Grappa, so gegen vierzehn Uhr, da stolperte ein Hund mit traurigen Augen über die grauen Katzensteine. Er schwankte und fiel. In der Sekunde seines Todes umarmten ihn meine sterbenden Augen." Paul schenkte sich nun endlich sein Glas voll. Sie saßen unter dem hinreißenden Sternendom, schwiegen und lächelten sich an. „Prost," sagte Paul und sie leerten ihre Gläser in einem Zug. „Also, was nun? Bist du sicher?" „Ja," meinte Rudi ruhig. „Ich bin schwul und in dich verliebt." „Beendet ein Nein von mir unsere Freundschaft?" fragte Paul sehr plötzlich und wieder nüchtern. „Nie!" Rudi stand auf und wanderte von der Loccanda hinaus in die Dunkelheit. Jahre später mußte sie ihre toskanische Fluchtburg schlußendlich aufgeben. Die greise Besitzerin war nun doch gestorben und der herzasthmatische Sohn verlangte einen viel zu hohen Preis für das Haus, als die beiden es nun doch kaufen wollten. Ihre Freundschaft war damals immer noch sehr tief. Doch seit jener Nacht, im Juli '76, behandelten sie sich mit Respekt, doch nie wieder mit der alten Wärme, die sie bei ihrem ersten Treffen so stark füreinander empfunden hatten. 4 Nach diesem Sommer in der Toskana verschlug es Paul nach Freiburg und sein wahres Leben fing an. In Freiburg durfte er alles machen. Er war Festivalleiter, Dramaturg, Schauspieler, seine ersten Stücke wurden uraufgeführt. Er fand den einen großen Freund fürs Leben und einen zweiten noch dazu. Vernon der amerikanische Kapellmeister, der kongenial für ihn Songs zu literarischen Revuen schrieb und ihn bei hunderten von Auftritten begleitete, ja Vernon sollte ihn von nun an begleiten. Der andere, Perdi, zwanzig Jahre älter als Paul und arrivierter Bühnenbildner, sah in dem jungen Wilden eine zweite Chance auf Erneuerung der eigenen Kreativität. Die beiden wurden Freunde, arbeiteten an über fünfzig Inszenierungen miteinander. Stritten sich, haßten sich, trennten sich und kamen wieder zusammen. Die einzige Qualität, die sich Paul selbst zugestand, war die Fähigkeit, sehr schnell vergessen zu können und zu verzeihen. Was gestern war interessierte ihn heute nicht mehr. Er nannte sich den letzten Utopisten, den Partisanen der Hoffnung, den Einzelkämpfer der Träume. Daß beide Freunde ihn verraten und verkauft haben, hat er immer verziehen. Viele Menschen in seiner Umgebung konnten und werden das nie verstehen. Doch Paul hatte ein großes Herz. Er zeigte es nur niemandem. Am ersten Tag seines Engagements in Freiburg, war Paul ziemlich aufgeregt. Schmetterlinge. Er wußte, jetzt passiert irgend etwas Großes. In Basel ertrug er die Dunkelheit nicht. Er raste oft, auf der Suche nach Licht, durch die Nacht, in Richtung Toskana. In Freiburg würde das anders sein. Er öffnete die Tür zum Bühneneingang und bemerkte, daß hinter ihm noch jemand ankam. Paul war immer ein akribisch höflicher Mensch gewesen. Die sechs Kinder saßen oft am Mittagstisch mit Büchern auf dem Kopf und unter den Armen, um das manierliche Speisen zu erlernen. Paul und Babs, die Mistviecher, knieten auch sehr häufig, auf Holzscheiten, im dunklen Keller. Dabei hatten die beiden sich immer geschworen: „Wenn wir erwachsener sind als die Eltern, dann knien wir nie wieder. Wir machen den Rücken nicht krumm, wir verbiegen uns nicht, wir sehen nur gerade aus und niemals in ein Loch." Wie einen Geheimschwur beteten die beiden Kinder sich das vor. Paul drehte sich lächelnd um und war geblendet. Hinter ihm stand ein Wesen aus einer anderen Welt. Paul hielt ihr die Tür auf und ließ das Mädchen, die Frau, die Dame, die Primaballerina, die Königin, die Göttin an sich vorbei ins Theater. Es war kurz vor zehn. Viele Kollegen kamen zur Begrüßungsansprache des neuen Intendanten ins Theater und Paul stand und hielt ihnen die Tür auf. Er bemerkte es nicht. Seine Augen sahen immer noch nur dieses Wesen. Sie hatte endlos langes, kupferfarbenes Haar, gnadenlos lange Beine, grüne Augen, eine fein ziselierte Nase, herrliche Wimpern und einen niedlichen Busen. „Bist du jetzt Türsteher geworden, Paul?" Paul fuhr erschrocken zusammen. Er konnte diesen Reflex immer noch nicht beherrschen, obwohl er inzwischen wußte woher er tatsächlich kam. Auf einer Venedigreise wollte der Vater auf dem Markus Platz unbedingt ein Foto von Paul mit den Tauben. Um das Foto spektakulärer zu machen, setzte er ihm zwei Tauben auf den Kopf, die dann aufgeregt um Paul herum flatterten. Paul hatte den Vorfall vergessen. Doch seither duckte er sich bei jedem tief fliegenden Vogel, oder bei schnellen, fallenden Schatten und erschrak, wenn er von hinten angesprochen wurde. Hans, der Mann, der Paul aus Basel befreite und mit nach Freiburg nahm, stand lächelnd vor ihm. „Nein, nein," meinte Paul. „Ich habe eben ein Wunder gesehen." „In welcher Form" fragte Hans. Er dachte immer sehr analytisch. Schließlich war er auch Chefdramaturg des Hauses. „In weiblicher." „Aha, Frau Lincoln, unsere Solotänzerin. Komm wir sind spät dran." Die beiden gingen ins Theater und gleich in den großen Saal. Das Ensemble und die Belegschaft waren fast vollzählig versammelt und das sind, bei einem Theater der Größenordnung von Freiburg, immerhin über dreihundertfünfzig Menschen. Der Zuschauerraum war hell erleuchtet und Paul sah sich seine neuen Kollegen genau an. Eigentlich wollte er nur Frau Lincoln entdecken. Doch die Balletttruppe hatte sich auf dem Balkon versammelt und der war aus dem Parkett nicht einzusehen. Paul hatte sich ein kleines Appartement außerhalb Freiburgs genommen. Es war eigentlich ein Gasthaus, mit angeschlossenen Wohnungen. Auf der Adlerburg, so hieß das Haus, traf Paul zum ersten Mal Vernon. Auch er hatte sich auf der Adlerburg eingemietet. Vernon kam in die Gaststube und setzte sich zu Paul an den Tisch. „Hi, mein Name ist Vernon, ich habe dich im Theater gesehen. Ich bin dort Kapellmeister. Lets be friends." „Ich bin Paul Leber. Schauspieler. Freundschaften müssen wachsen." „Oh, ein intelligenter Schauspieler. Wie neu." antwortete Vernon in seinem gebrochenen Deutsch. „Unintelligente Schauspieler gibt es nicht. Dumme Sänger, ja." referierte Paul. Und so entspann sich ein äußerst intensives Gespräch über Gott und die Welt, über Theater und seinen Sinn und Zweck, über Philosophie, Vernons Lieblingsthema, über Lyrik, Pauls Lieblingsthema und über Frauen. „Ich bin noch bi," sagte Vernon. „Aua," antwortete Paul. „Davon halte ich nichts." „Hast du's probiert?" „Das habe ich nicht nötig. Ich bin hundertprozentig normal." „Normal?" „Ja, normal. Beide meine Eltern sind Psychologen. Mein Vater als Psychiater und Neurologe, meine Mutter als Familientherapeutin. Ihr Beruf hat zwar nie geholfen, die eigene Familie zu therapieren. Aber in einem Punkt sind sich beide einig. Alles was nicht Hetero ist, ist nicht normal. Wie Freud schon sagte: Der Verlust von Scham ist das erste Anzeichen von Schwachsinn. Punktum." „Dann bin ich also schwachsinnig, denn ich finde dich einfach süß," seufzte Vernon und leerte sein Glas in einem Zug. „Du wirst es überleben" meinte Paul. „Aber sag mir, du spielst doch auch für das Ballett. Da gibt es eine Lincoln." „Du willst Anne kennenlernen? Ich lad sie morgen zum Essen ein und dich dazu. OK Buddy?" „Wenn du das hinkriegst, da wäre riesig." Und so lernte Paul, schon am zweiten Tag seines neuen Engagements, seine zukünftige Ehefrau kennen und lieben. Paul warb um Anne Lincoln mit der Phantasie des Getriebenen. Anne hatte gerade eine vierjährige Beziehung zu einem schwedischen Tenor hinter sich. Der Schwede verliebte sich dann in eine spanische Kollegin Annes und tanzte mit ihr Flamenco. Anne war über den Sommer in Sydney gewesen, um sich bei den Eltern zu erholen. Anne wollte gar nichts. Keine Beziehung, keine Freundschaft, einfach nichts. Doch Paul ließ nicht locker und dachte sich immer neue Werbemethoden aus. Er mußte diese Frau haben. Für immer. Koste es was es wolle. Paul war ziemlich schnell bekannt in Freiburg. Er machte so viel Wind mit seinen Programmen und seiner Schauspielerei, daß man ihn schon bald nicht mehr übersehen konnte. Der Chefkritiker der Badischen Zeitung nannte ihn einmal „Die Vielzweckwaffe". Das gefiel Paul und machte ihn stark. Irgendwann, nach für Paul endlos langer Zeit - nach zwei Monaten - entschloß er sich zu einem letzten Versuch. Er schrieb, zum ersten Mal in seinem Leben, einen Werbebrief an die Angebete. Der Umschlag trug nur ihren Namen und der Brief selbst lautete: Freiburg 27. August 1976: Er sah sie Sie sah ihn Beide dachten - nie Und Gott lachte. Paul gab Anne diesen Brief auf der Premierenfeier des Ballettabends. Anne hatte mit ihrer Hauptrolle im Bolero riesigen Erfolg gehabt, sie war glücklich und für Paul schien das der richtige Moment zu sein. Er steckte ihr seinen Brief zu und verabschiedete sich von der Feier. In jener Nacht klingelte es bei Paul auf der Adlerburg, so gegen halb vier Uhr morgens, an der Wohnungstür. Paul war wach, er konnte nicht schlafen und arbeitete an einem neuen Kästner Programm. Er dachte, es wäre Vernon, der wahrscheinlich sturzbetrunken oder bekifft die Schlüssel zu seiner Wohnung nicht fand. Paul öffnete die Tür und schloß sie erst sechzehn Jahre später wieder. Als Anne und Paul 1978 in Sydney heirateten, wußte Paul instinktiv, daß er einen Fehler machte. Kurz vor der Hochzeit fühlte er sich zu der Frau eine Musikerfreundes der Familie Lincoln hingezogen. Er liebte Anne und konnte seine Sehnsucht nicht verstehen. Als er nach sechzehn Jahren Ehe, der Geburt von zwei herrlichen Töchtern, zu denen sich Anne erst nach zehn Jahren Ehe entschloß, nach fast anderthalb Jahren Auswanderer Schicksal in Australien und Rückkehr nach Good Old Europe, als er sich diese sechzehn Jahre ansah, wurde ihm vieles klar. Diese sechzehn Jahre waren seine große Zeit. Paul drehte mit Barbara Carrera auf Fiji und erlernte von ihr das Method Kissing. Zwei Mal rechts, zwei mal links mit der Zunge, dann kreisen, retardieren und nur die Spitzen kitzeln, einmal inbrünstig festsaugen, Biß in die Unterlippe und ganz langsam zurück, damit im Gegenlicht der Speichel schön zur Geltung kommt. Frau Carrera wollte das, in ihrer Cabana auf Fiji, mit Paul über. Der sagte ihr aber lieber, er mache das mit der europäischen Methode. Mit Gefühl. Barbara Carrera - mit Karacho und Methode. Beware of falling nuts. Paul hatte Fiji schon nach drei tagen wieder verlasen wollen. Die Garteninsel, auf der er drehte, war einfach zu umwerfend schön. Atemberaubend. Nichts für ihn. Und dann noch die Fijianer. Seit Jahrhunderten stehen sie jeden Abend traurig im smaragdgrünen Wasser - Mann, Frau, Kind - Großvater und Urenkel, Urgroßmutter und Enkelin - sie starren gen Osten - nicht weil dort die Sonne aufgeht - nein - weil sie dort, vor hunderten von Jahren, für die Fijianer unterging. Die Herren Weißen thronen, hoch über den Buchten, in Häusern aus Stein und mit Weltuntergangsblick - die Inder hausen häuslich in netten Holzhäuschen, im Schatten der Palmen - die Fijianer selbst verkrümmen sich in glühend heißen Blechhütten, mitten auf der Müllhalde. Man nennt es das wohl die ehrliche Gerechtigkeit. Paul avancierte in diesen Jahren zum Autor. Er erhielt Preise für seine Stücke. Die Autos wurden immer größer. Nach der Rückkehr aus Australien, zog die Familie nach Ebermergen. Heimkehr in den Schoß der Kinderfrau. Den Kontakt zu der Gretl hatte Paul nie verloren. Wann immer er konnte, fuhr er in dem kleinen Dorf vorbei. Nach dem Desaster Australien, wurde das Dorf Heimat, Hafen, sicherer Ankerplatz und Recreation Center. Aus dem Dorf schöpfte Paul seine ungeheure Kraft und raste von Theater zu Theater, von Autobahn zu Autobahn. Er wurde sogar Direktor des ersten Schlumpfparks in Metz und führte dort Wagners Ring in 90 Minuten mit Schlümpfen auf. Das waren herrlich, verrückte Sommernächte. Paul inszenierte an großen Häusern. An der Wiener Staatsoper war er genau so erfolgreich wie in Zürich. Er blieb lange Zeit monogam, doch die Auster öffnete sich leider nur zögernd. Als er dann, nach dem Abflug seiner Familie in die neue Heimat, Sydney, zurückblickte, da kam ihm das kalte Grausen. Schon als er seine Anne kennenlernte, schon in den ersten Wochen ihres Zusammenlebens ging ihm so manches auf den Geist. Auf den Zeitgeist, wie es damals nannte, obwohl es den als Schlagwort damals noch gar nicht gab. „Stell den Staubsauger ab, „ schrie er manchmal, wenn ihn Annes Putzwut wider einmal nervte. „Warum?" lächelte sie dann immer. „Er frißt meine Gedanken." Und Anne saugte selig weiter. „Stell die Blumen fort. Meine Worte sind so farblos neben ihrer Pracht." „Nimm dich nicht so wichtig," war immer ihre lakonische Antwort auf diese Attacken. „Stell Alles weg was uns bedrängt. Attribute der Zeit treiben uns nur auseinander." Stundenlang standen sie in ihrer Küche und diskutierten. Er liebte sie innig dafür. Anne liebte Spiegel. Besonders im Bad. Stundenlang stand sie davor um sich wohl noch schöner zu machen. Paul war manchmal richtig eifersüchtig auf die Spiegel. Aber anstatt mit Anne über seine Ängste zu reden, verkleidete er sie in Aphorismen und beendete eine hitzige Diskussion über den Sinn und Unsinn der Erfindung des Make Ups mit einer Freudschen Fehlleistung: „Im Bad hängt ein übergroßer Kristallspiegel. Die Zeit hat mich mir selbst so ähnlich gemacht, daß alle Spiegel vor mir erblinden. Alle Spiegel erblinden vor mir. Die Zeit hat mich ihnen zu ähnlich gemacht. Die Zeit hat mich zum Spiegel gemacht. Ich kann mich nicht mehr erkennen." Anne hatte längst gelernt solche Tiraden nicht mehr ernst zu nehmen. Als er aber dann seine Besetzung als Faust einfach mit einem Kernsatz wegwischte, da wurde sie zum ersten Mal richtig böse. Es war an dem Tag als die Besetzung bekannt wurde. Das ganze Theater hatte sich darüber mokiert, daß ausgerechnet Paul, der Überflieger mit dem Faust besetzt worden war. Anne hatte ihn in der Kantine wie eine Wölfin verteidigt und sagte ihm auf dem nach Hause Weg, wie stolz sie auf ihn sein. „Theater - der Popanz der Eifersucht," hatte Paul da nur zu sagen und Anne sprach fast eine Woche kein Wort mit ihm. Als Paul schließlich mit einem Blumenstrauß und einer Flasche Champagner ankam und sagte: „Wenn du schon nicht mehr mit mir redest, dann könnten wir doch gleich heiraten," da mußte selbst Anne wieder lachen. Für den Sommer hatten sie eine Reise nach Sydney geplant. Sie waren fast zwei Jahre zusammen und es war zeit, Annes Eltern kennenzulernen. Paul war noch nie so weit geflogen und auf dem langen Flug hatten beide so eine leise Ahnung. Sie waren damals sehr glücklich miteinander und nahmen die Gelegenheit beim Schopf. Sie heirateten. Weit weg von Tirol. Nur umgeben von Menschen, die sie beide mochten. Nicht in einem stinkigem Standesamt, nein unter einem jungen Zitronenbaum, der sich Jahre später als Grapefruitbaum entpuppte. Ein Freund Annes hatte die Hochzeitssuite in einem Superhotel am Hafen für die beiden gebucht. Als Paul kurz vor Sonnenaufgang kreidebleich und völlig erschöpft vom Austern auskotzen am Fenster stand und in die aufgehende Sonne blinzelte hatte er Angst. Seine Frau, Anne, lag wunderschön ausgebreitet auf dem riesigen Bett und schlief glückselig und allein. Paul hatte die Nacht auf dem Klo verbracht, es war nicht der Alkohol sondern tatsächlich eine ausgewachsene Fischvergiftung. Und als die Sonne dann aufging, murmelte er verbissen zur Harbour Bridge hinüber: „Hochzeitsnacht auf dem Klo. Die Austern wollen nicht bei mir bleiben. Sie verschließen sich mir - So wie die Frau nebenan im Honeymoonbett." Kurze Zeit später war es zeit für ihren Rückflug nach Deutschland. Tränen, gute Wünsche, aber auch Erleichterung auf den Gesichtern der lieben, neuen Verwandten. „I liebe dich, Mum. „Ich dich auch, Dear. Alles Gute, mein Liebling. Paß auf dich auf." „Du auch, Mum." „ Sei gut zu ihr, Herr Leber." „Werd ich." „Nein, wirst du nicht." „Doch. Sicher." „Geht!" Und so flogen Herr Leber und Frau Lincoln als Mann und Frau zurück nach Europa. Anne hatte ihren Mädchennamen behalten. Paul sah es gar nicht ein, warum sie ihn ändern sollte. Er wußte ja, daß sie tatsächlich miteinander verheiratet waren und hielt nicht von diesem Männlichkeitswahn der Namensgebung. In Singapur kaufte Paul, während des Zwischenstops seiner Anne dann noch eine Uhr. „O Darling! Darling?" konnte Anne nur immer wieder von sich geben. „Ja", fragte Paul trocken nach. „Darling - I love you," meinte Anne überschwenglich. „Darling mich nicht," knurrte Paul ungehalten. Bisher hatte ihn Anne immer nur beim Namen genannt. Seit Sydney war da plötzlich dieses Darling. Er konnte es einfach nicht leiden. „Was hast du gegen Darling," frage Anne ganz verblüfft. „Mein Name ist Paul." „Ich weiß, Darling." 'Gib der Liebe einen Namen und sie verrät dich!' schoß es Paul da durch den Kopf. Aber er liebte sie - uneingeschränkt, hoffnungslos. In Freiburg holte sie sehr bald wieder der Alltag des Theaters ein. Die Faust Premiere stand vor der Tür. Sie arbeiteten beide sehr hart. Am Premierenabend machte sich Paul vor Angst fast in die Hosen. Die Rolle war riesig und er war unsicher. Als sein Regisseur im viel Glück wünschen kam, merkte er, in welchem Zustand sich Paul befand. „Wie fühlst du dich," fragte sein Regisseur ihn vorsichtig. Schweigen. Jeder im Theater wußte eigentlich, daß man mit Paul nicht reden konnte, wenn er dies nicht wollte. „Vergiß dein Lächeln nicht, wenn du deine Seele verkauft hast," sagte der Regisseur und machte sich auf den Weg in den Zuschauerraum. „Vergiß dein Lächeln nicht," widerte Paul sein Spiegelbind an. Das Lächeln eines Idioten der sich vor Angst in die Hosen scheißt. Nur darf es keiner merken. Lächeln. Ein Lächeln ist Erlebnis. Jede Geste ein Erkennen. Jeder Schritt ein Spiegel. Froh, die unerkannt im Dunkeln sitzen und nicht wie wir bekennen müssen. Das ist zwar nicht aus dem Faust, aber dafür von mir. Ich hasse diesen Beruf." Als Paul wenig später zum Beginn der Vorstellung gerufen wurde hatte er sich immer noch nicht ganz im Griff. Als er jedoch beim Inspizienten auf seinen ersten Auftritt wartete, da fühlte er plötzlich Annes sanfte Hand im Nacken. Seine ersten Auftritt hatte er mit ihr gemeinsam zu absolvieren. Sie spielte eine wundersame Tänzerin, die den Faust sein ganzes Leben lang so wie ein Schutzengel begleitete. Sie war hinreißend schön und Paul hoffte ein bißchen von ihrem Bühnenglanz abzukriegen. Sie küßte ihn sanft in den Nacken und wisperte nur: „Spiel für mich." Und Paul trat lächelnd auf die Bühne. Später, während der Premierenfeier sagte sein Regisseur damals nur zu ihm: „Du warst gut, aber warum hast du schon beim ersten Auftritt gelächelt?" Manchmal lächelt man eben früher als man sollte, dachte Paul nur und ließ es sich gut gehen. Es war eine wilde und aufregende Zeit. Paul und Anne reisten viel, immer wieder auch nach Australien. Sie arbeiteten sehr viel miteinander. Paul inszenierte, Anne choreographierte. Paul schrieb, Anne las und kritisierte. Für Paul perfekt. Das perfekte Team. Und trotzdem gab es immer wieder Dinge in ihrem Leben, die er einfach nicht begreifen konnte. Anne fror es immer. Ganz egal, wie warm es war. Nur in Sydney schien sie genügend Wärme zu bekommen. Wie oft holte er sie aus dem Bett, kurz vor Sonnenaufgang, nur um sie in die Arme zu nehmen und mit ihr gemeinsam einen Sonnenaufgang zu erleben. „Schau. Die Sonne" „Mich friert!" „Schau - wie es glitzert." „I'm freeeezing!" 'Die geliebten Augen sehen nicht. Sie wandern ruhelos durch mich hindurch. Finden nur ein Labyrinth. Gläserne Seelen schweben frei im Raum. Sie zerschellen an den Ufern des Wartens. Die geliebten Augen sehen nur die Ohnmacht des Vergessens.' So hatte er es, wie nebenbei, auf die Hotelrechnung geschrieben. Sicher es hatte so um die zwanzig Grad minus. Aber was für eine Luft, was für ein Blick - was für eine Weite über der endlosen Schneelandschaft Alaskas. Er hatte das total vergessen und erst wieder entdeckt, als er seine Jahressteuer machte und durch die Quittungen ging. Er bemerkte, daß er offensichtlich sehr häufig irgendwelche Rechnungen und Quittungen wie abwesend als Schreibunterlagen zu benutzen begann. Seine wärmende Decke war immer das Wunder Erde. Für Anne gab es da nur Eiderdaunen. Verständnislos entdecken wir die Ohnmacht unserer Nachbarn. Wir lauschen in den Brunnen hinein. Wir warten auf ein Echo und finden nur uns selbst - ohne Grund. Ohne Grund. Was war der Grund. Wo war der Grund. Mußte man tatsächlich erst in den Brunnen stürzen, um auf den Grund zu kommen? Viele kleine Notizen, die er dann nachträglich in sein kleines Buch übertrug. Notizen aus den endlosen Gesprächen mit ihr, in denen er ihr Dinge sagte wie: „Laß mich nur einmal dein Spiegel sein. Die einzige Chance zwei Stunden mit Dir ganz allein zu sein." Aus einem dieser Gespräche entwickelte sich dann auch zum ersten Mal in ihrer Beziehung eine Liebesnacht, wie Paul sie sich immer erträumt hatte. Als er dann, wieder einmal getrieben, nicht schlafend neben einer geliebten Frau zu liegen, sondern es einfach nur zu genießen, sie so zu betrachten, als er dann kurz vor Sonnenaufgang am Terrassenfenster ihrer Wohnung stand sagte er glücklich in die aufgehende Sonne: „Zwei Jahre nach der Toilettennacht wollen die Austern endlich zu mir. Liebesperlen. Ich bin der Weg. Ich bin der Überweg. Ich bin der Ausweg. Ich bin der Heimweg. Ich bin der Eingang. Ich bin der Umgang, Ich bin der Heimgang. Ich bin der Vorübergang. Ich bin der Übergang. Ich bin der Übergangene. Ich bin nicht das Ziel. Ich bin der Weg." Damals, als er das so in den jungen Morgen flüsterte, war ihm überhaupt nicht klar, wie recht er damit hatte. Denn: Wenn man ein Clown ist, Dann lachen die Leute. Auch wenn man schreit: Der Zirkus brennt! Sie lachen sich tot. Wenn man weint. In ihrem rastlosen Leben blieben Ecken und Kanten nicht aus. Paul wollte nie, daß seine Anne irgend wann einmal alleine in einer fremden Stadt, an einem unbekannten Haus ohne ihn eine Produktion machte. Doch selbst er konnte dies auf Dauer nicht verhindern. Eines Tages war es soweit. Anne ging nach Bremen um dort mit Pauls Intendantenvater aus Wuppertal, dem guten alten Arno, eine Oper zu choreographieren. Prompt verliebte sie sich in den Bühnenbildner des Werkes und vergaß völlig wer sie war. Auf der Premierenfeier klammerte sie sich so sehr an diese neue Liebe, daß sie Paul völlig vergaß. Sie hing mit diesem Mann am Bartresen und machte die Premierengäste zu Voyeuren. Sie vergaß sich einfach. Paul fuhr alleine durch einen wüsten Schneesturm zurück zu ihrem damaligen Wohnort, nach Bielefeld. Aus. Sechs Jahre nach der Traumhochzeit in Sydney war es nun also vorbei? Warum hatten sie keine Kinder? Warum hatte er sie fast gezwungen, mit ihm zu arbeiten. Noch mehr, nach dem sie nicht mehr tanzen konnte. Mit dreißig hatte sie das schlimmste Tänzerschicksal ereilt, da man sich vorstellen konnte. Diagnose: Keine Knorpel mehr in beiden Knien. Sie ging durch die Agonie von sechzehn Spritzen wöchentlich. Nichts half. Sie konnte mit knappen dreißig Jahren nicht mehr tanzen. Sie saß im Rollstuhl, wenn der Rücken nicht mehr mitmachte. Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen, bis hin zu stummen Niere durch Kortisonablagerungen. Paul dachte, Arbeit - das wird sie auf den Beinen halten. Die Rechnung bekam er nun. Wohl die Rechnung auch dafür, daß er einmal einer Sängerin auf die Sprünge half, die ihrer Rolle emotional nicht gewachsen war. Er rutschte aus, auf der hinterlistigen Bananenschale der Macht. Als Regisseur war er der wichtigste Mann - nicht nur beruflich, sondern auch und gerade eben emotional. Mit Männlichkeit die Hand unterhalten. Er hatte damals eine kurze, heftige Affäre mit der Sängerin. Anne hatte er zur Erholung nach Sydney geschickt. Schon am Abend ihres Abfluges war die Affäre vorbei. Als er sie in den Flieger steigen sah, wußte er - ohne sie geht in meinem Leben gar nichts. Also beendete er den Ausflug auf die Bananenschale. Anne zog erst einmal aus - zu einer Freundin nach Freiburg. Paul grub sich ein. Verriegelte die Türen und floh. Wie Jahre vorher flüchtete er sich in die Toskana. Nach Portofino. Im späten Herbst. Die Cammerata Romana übte im Freiluftpavillon Albinoni und er saß stundenlang alleine auf der Promenade und hörte zu - Portofino war leer gefegt um diese zeit des Jahres. Der Touristenstrom ließ das verwunschen Felsenstädtchen endlich wieder zu atmen kommen. Er war alleine - ein einziges Hotel hatte noch geöffnet. Er war der einzige Gast - zusammen mit einer Dame aus Rom. Die Principessa und Portofino - Glockenklang - Albinoni sendet seinen letzten Gruß - am Strand die Reste des großen Festes - traurige Möwen die um Freunde weinen die es längst nicht mehr sind - ratlose Gesichter hinter der Promenade - Portofino stirbt - zurück bleibt nur Erinnerung - an Anne und die Principessa. „Da - eine - eine Sternschnuppe, „ hatte er Anne so oft unter dem weiten Himmel Australiens zugerufen. . „Fang sie - für mich." Sie lachte sich immer halbtot wenn er dann den Strand hinunter lief, hüpfend wie ein Känguruh, nur um ein einziges Mal eine Sternschnuppe zu fangen. 'Ich streck mich, reck mich, fang sie. Will sie überreichen - an wen?' dacht er noch, als die Principessa in ihrem Alfa Romeo Sport mit offenem Verdeck und wehenden Haaren wieder gen Rom brauste. 'Isadora Duncan wäre jetzt tot,' schoß es ihm bei diesem Anblick durch den Kopf. Doch in Pauls Leben war kein Platz für derartig epochemachende Schicksalsschläge. Lange stand er an der Ortsausfahrt von Portofino und sah einer Schulklasse beim Kastanien sammeln zu. Herbst - Der Spiegel im Fenster zeigt schale Gesichter. Die Umrisse des Wartens zerfleddern an den Ecken. Kinderfüße scharren Laub. Es modert aus Kellern. Es riecht nach Gräbern. Nur nicht nach Menschen. Die liegen zu Hause - austauschbar - wohldeodoriert liegen sie in ihren Betten und träumen Prospekte. Am Abend, seinem letzten in Portofino, versuchte sich der Abendkellner in einem Gespräch mit Paul. Er gab dazu Grappa aus - die Flasche war am Schluß des Abends leer. Der Kellner kam aus Apulien. Schwärmte von Süden Italiens und seinen vier Kindern dort. Wie bitterlich hatte die Principessa letzte Nacht geweint, als sie Paul begreiflich machen wollte, daß sie so gerne Kinder gehabt hätte, aber leider nie welche bekam. „Kinder - leg dich neben mich und träume," hatte Paul da traurig gemurmelt. Ja, warum hatten er und Anne keine Kinder? Sie waren doch eigentlich alt genug dafür. So gegen drei Uhr morgens brüllte der Patrone durch das leere Hotel, daß die beiden Männer an der Bar, die nicht einmal jedes dritte Wort von dem verstanden, was sie sich zu erzählen hatten, daß die beiden nun endlich schlafen gehen sollten. Domani, domani tönte es immer wieder. Paul wußte gar nicht, was der Patrone eigentlich wollte. Es war doch längst domani - mehr domani als in jener Nacht konnte es gar nicht mehr werden. Als Paul am nächsten Tag seine Rechnung bezahlte, ließ im der halb schlafende Patrone die Hälfte der Rechnung nach und wischte Pauls Argumente mit einem doppelten Grappa zum Abschied vom Tisch. Zu dem Grappa knallte er Paul ein dickes Gästebuch vor die Nase. Und so schrieb Paul, geehrt als letzter Gast der Saison das Credo seiner Einsamkeit in den dicken Lederband mit Goldschnitt: Hier ist mein Spruch: Rang oder Szene - DU bist im Spiel. Getanzt wird dein Lied. Purpurn zu Ende getanzt wird dein Zögern. Trag nur die Maske Tor der du träumst. Paul Leber im Herbst, aber noch nicht im Winter. Der Patrone besah sich die wenigen Zeilen sehr genau, wiegte immer wieder den Kopf hin und her, murmelte die Zeilen vor sich hin - übersetzte sie offensichtlich mühevoll in eine für ihn verständliche Sprache. Schließlich sah er Paul lange über den Rand seiner Schubertbrille an und sagte im klarsten Deutsch: „Aha, ein Dichter." Der Patrone verneigte sich als ob er Marcello Mastroani höchst persönlich wäre, nahm Pauls kleine Reisetasche und begleitete ihn zu seine Wagen. Als er die Tasche in Pauls Wagen legte, einen tiefer gelegten Mercedes, verneigte er sich noch einmal und sagte, fast enttäuscht: „Ach, ein Journalist." Der Patrone stand winkend an der Hotelausfahrt und direkt hinter ihm ging die Sonne unter. Nach endlos zähem Ringen, gelang es Paul und Anne doch noch einmal zueinander zu finden. Sie ließen sich dafür tapfer Zeit. In Tirol schrie alles: Das nächste ist jetzt ein Kind. Doch sie taten den Verwurzelten Gipfelstürmern diesen gefallen nicht. Erst als Babs, die unverwüstliche, sich auf einer griechischen Sonnen-insel von der Inkarnation des Sonnengottes in Form eines griechischen Soldaten, ihr zweites, uneheliches Kind machen ließ und den reichen Bruderonkel aus Deutschland bat, dieses Kind doch zu adoptieren, da Anne ja wohl keine Kinder haben könne, erst dann entschlossen sie sich. Nach vierunddreißig Stunden lässig durchgehaltener Wehen, die Segnungen der epiduralen Anästhesie machen es möglich lachend und Champagner trinkend auf das freudige Ereignis zu warten, kam die kleine Kyra zur Welt. Paul war natürlich anwesend, für einen modernen, aufgeschlossenen Mann gehört sich so etwas. Als er den kleinen Frosch dann im Arm hielt und wusch, konnte er nur ergriffen flüstern: „Kyra - die Herrin des Hauses. Dir will ich das Leben zu Füßen legen. Du sollst nie Angst haben - vor Männern." „Das hat ja dann noch ein bißchen Zeit, Herr Leber," raunzte die total übermüdete Hebamme und Herr Prof. Dr. Schnell - er hieß tatsächlich so - lachte überglücklich, nach fast vierzig Minuten penibler Näharbeit: „Herr Leber, kommen Sie, schauen Sie sich diese genialische Dammnaht an." Sie waren eine Familie geworden. Familien suchen die Sicherheit und so machten sich Anne, Paul und die kleine Kyra auf um das Gegenteil zu beweisen. Nach einem kurzen Gastspiel bei Cats in Hamburg, packten sie ihre Sachen ein, verfrachteten alles nach Ebermergen und zogen nach Australien. Paul war völlig klar, daß es ein Fehler war. Aber er fühlte sich jung, wollte seine Anne nicht mehr frieren sehen und selbst nicht mehr an der Banalität seiner Arbeit erfrieren. Also ab, in die Wärme. Ihre Möbel hatten sie in einer wunderschönen Neubauwohnung in seinem kleine Dorf untergestellt und Gretl wollte sich um die Pflanzen kümmern. Unser deutscher Landsitz, nannten die beiden es und flogen ab. Doch nach neun Monaten im Pazifik war es Paul leid einen deutschen Akzent zu markieren um Arbeit als Schauspieler zu finden und immer nur den rechten Arm zu heben, weil man Down Under damals der Meinung war, Deutsch ist gleich Drittes Reich. Aber er wollte es wenigstens versucht haben. Für Anne, für sich selbst und vor allen Dingen für Kyra. Kein besser Land in dieser Zeit für Kinder, als Australien. Nach neun Monaten kehrten sie in den Hafen zurück. Doch der Hafen war nicht der überirdisch schöne Naturhafen von Sydney, sondern der natürlichste Hafen der Welt: Ebermergen im bayerisch - schwäbischen Ries. Seiner Gretl erzählte Paul dann von Australien und bewarf sie mit seine großen Worten. Erzählte davon, wie sehr er zu Weihnachten ohne Tannenbaum gelitten hatte. Wie sehr ihm Europa, die Kultur, die Vielfalt gefehlt hatte. Jetzt sei er endlich zu Hause. In Ebermergen. Daß Anne immer öfter Bauchkrämpfe bekam, das bemerkte er gar nicht. Er bemerkte auch nicht, daß er es mit Treue und Hingabe nicht mehr so genau nahm. Er dachte, er hätte nun seinen teil getan, hätte alles versucht, was in seiner Macht stand, Anne glücklich zu machen. Als Gretl ihn einmal fragte, ob er denn nicht sehen würde, daß es Anne in Ebermergen nicht gefiel, daß sie es kaum aushalten könne, meinte er nur lapidar: „Statt Blumen hängen Kränze in den Fenstern. Boten der Freude ahnen das Vergangene voraus. Kerzen brennen - doch sie vergehen - brennen nicht lange genug um auch nur ein Gesicht hell zu erkennen. Das Kind aus der Krippe wartet mit leeren Händen und Ohnmacht an den Füßen. Die Gaben der Weisen sind längst verbraucht. Die Welt schreit. Nur die Satten können helfen. Am besten sich selbst. Ich bin noch nicht satt und Anne ist es auch nicht. Hier gehören wir hin - sonst werden wir satt." Gretl schwieg und ging lieber die Blumen auf dem Friedhof gießen, während Paul an seinen Computer zurückkehrte um zu schreiben. Paul hatte sein kleines Büchlein inzwischen in den Computer übertragen. Eines Tages, es war kurz nach der Geburt seiner zweiten Tochter, Alicia, da nahm er sich die zeit seine Gedanken einmal tatsächlich zu lesen. Nachdem er sich seine Aufzeichnungen durchgelesen hatte, weinte er sehr lange still in sich hinein. 'Löschen' dachte er. 'Alles löschen.' Er markierte den Text und gab den Befehl löschen. Doch Sein Computer machte Feierabend in dieser Nacht. Er verweigerte sich dem Befehl und stürzte einfach ab. Das Programm blieb erhalten und Paul entschloß sich zu seinem Leben zu stehen. Am Abend vor dem Abflug saß Paul noch sehr lange bei seinen Töchtern am Bettrand. Sie waren nicht traurig. Sie freuten sich auf Sydney und wußten noch nicht, daß sie nie mehr zurück kommen würden. Die kleine Alicia war aufgedreht und wollte unbedingt ein Märchen hören. Paul hatte noch nie ein Märchen erzählt. Er sagte „Ich kann nur eines erfinden." „Das kannst du doch am besten, Dad," meinte Kyra. „Komm, erzähl uns ein Märchen. Bitte." Und so erzählte ihnen Paul das Märchen vom Hund, der fliegen wollte. Er erzählte aus dem Bauch. Aus dem Stehgreif, ohne nachzudenken. Die Kinder schliefen, während er redete, selig ein. 5 „Also," begann Paul mit seiner tiefen, warmen Stimme zu erzählen. „Das Märchen vom Hund der fliegen wollte. Es war einmal - in einer Zeit, als selbst die Tiere sich noch etwas zu sagen hatten, ein junger Hund. Man konnte nicht sagen, daß er unbedingt von edelster Rasse war, obwohl sein Herrchen immer ganz stolz seinen Hundestammbaum zitierte, der den jungen Wildling als Freiherr, Edler von und zu Tratzberg auswies. Die adeligen Vorzüge hatten sich jedoch bei Kuschel - so wurde der junge Hund gerufen - also die so hoch gepriesenen Vorzüge hatten sich bei ihm wohl ausgemendelt und er war nichts weiter als ein ganz normaler, junger Hund. Kuschel wohnte in einem wunderschönen Garten umgeben, von einer wilden Hecke und aus der Ferne konnte man das Meer rauschen hören. Kuschel hatte ein Geheimnis. Er sprach mit den Tieren in seinem Garten und lernte so, in seinen jungen Jahren, weit mehr als das gewöhnliche Repertoire an „Kusch" und „Platz" und „Fress Fress" und „ Fuß Fuß". Jeden morgen lief er in den Garten hinaus und machte sich auf die Suche nach Gesprächspartnern. Mit der samtenen Schnauze dicht am Boden verfolgte er die Ameisen auf ihrem mühseligen Weg. Oft fragte er sie: Wie macht ihr das bloß? Wie schafft ihr nur diesen elenden Trott so Tag für Tag? Eine kleine, besonders vorwitzige Ameise kletterte dann über seine Pfoten auf seine Nasenspitze, sah ihm tief in die Auge und sagte: Spaß. Uns macht das Arbeiten einfach riesigen Spaß. - Dann zwickte sie ihn scherzhaft in die Nase und eilte zurück ins Gras, hob den kleinen Zweig auf, an dem sie sich schon seit zwei Tagen abplagte uns sang fröhlich: Wer nicht trägt und schleppt und zieht, kriegt auch selten auf das Leben Appetit. Die Ameisen waren Kuschels Freunde, doch er beschloß schon bald in seinem Leben nie so zu ackern wie sie. So pflegte Kuschel also mit allen Tieren in seinem Garten ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Kuschel lachte sehr gerne. Besonders mit der Katze vom Nachbarsgarten. Oft saß er stundenlang, beobachtend unterm Herzkirschenbaum und machte sie nach. Jedesmal, wenn sie eine Maus fing und genüßlich verspeist hatte, setzte sich in den Kirschenbaum und pflegte sich. Das dauerte dann eine wahre Ewigkeit und Kuschel folgte mit seinen wachen Augen jeder ihrer Bewegungen und prägte sie sich haarscharf ein. Er wollte sich nämlich verstellen können Er war der festen Überzeugung, daß ihn niemand als Hund erkennen würde, wenn er sich wie eine Katze benähme. Er war sicher, daß er dann auch viel mehr Streicheleinheiten bekommen würde. Wenn die Katze mit ihrer Wäsche fertig war, dehnte und streckte sie sich und wälzt sich wohlig in der Sonne. Dann senkte sie die Augenlider auf Schlafzimmerblick und schnurrte zu Kuschel hinunter: Heee, Kuschel. Warum können sich Hund und Katze nicht lieben? - Da wurde Kuschel immer ganz philosophisch. Er hatte die Katze ja lange genug beobachtet und sich in seinen schlaflosen Vollmondnächten die richtige Antwort zurecht gedacht: Katzen machen Hunden Angst. Sie fressen Mäuse - die unschuldigen Kleinen - und dann sehen sie dich an und in ihren Augen ist der ewige, kreatürliche Wunsch nach einer richtigen Mahlzeit. Wer so großen Hunger hat, der frißt dich - wenn auch vielleicht aus Liebe. - Die Katze auf ihrem Ast kicherte leise in sich hinein und sagte: Warte nur bis ich eine Löwin bin, dann wirst du erst Augen machen. - Damit drehte sie sich auf den Rücken, streckte alle Viere von sich und ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen. So sprach also Kuschel mit allen Tieren in seinem Garten und lernte und lernte und lernte. Oft träumte er davon, über die große Hecke zu springen und dem Rauschen des Meeres hinterher zu laufen. Doch das traute er sich nicht mehr, seit es bei seinem ersten Versuch so gräßliche Schelte gegeben hatte. Seither ließ er sich eben von den Geheimnissen der großen, weiten Welt da draußen von den Vögeln berichten. Im Frühling, wenn sie ganz erschöpft aus dem Süden zurück kamen, erzählten sie ihm von der Weite Afrikas und er hatte dann für einige Wochen die üppigsten Träume. Er sah sich als stolzer, kraftvoller Jäger in der Steppe. Erst war er der große, geheimnisumwitterte Einzelgänger. Doch dann, nachdem ihn sogar die Elefanten akzeptiert hatten, ja dann schaffte er sich ein Rudel an. Kuschel bewunderte die Vögel für ihre schier grenzenlose Freiheit. Er beneidete sie um die Fähigkeit, die Welt von oben betrachten zu können. Er träumte sich Flügel und flog dann, wenn auch etwas schwerfällig, jeden Herbst mit ihnen mit, der Sonne entgegen. Kuschel war natürlich in dieser Zeit etwas schizophren. Während der Pubertät ist das ja auch kein Wunder. Ach die Gefühle, die vielen Gefühle die Kuschel damals noch nicht einordnen konnte. Oft saß er tagelang, im Keller eingesperrt und heulte wie ein Wolf in der Mitternachtssonne. Auch von der hatten ihm die Vögel erzählt. Dann lief er wieder wochenlang durch den Garten und wetzte sein Fell an den Bäumen. Er wollte aus der Haut fahren, was ihm aber immer langwierige Diskussionen mit seiner Flohkolonie eintrug. Er dachte: Wenn ich mein Fell loswerde, dann hat die Gerechtigkeit bestimmt ein Einsehen und läßt mir Feder wachsen und wunderschöne Flügel gleich mit dazu. Es blieb ein unerfüllter Wunsch und so beschied sich Kuschel mit seinen Träumen. Eines Tages kam sein Herrchen ganz aufgeregt zu ihm in den Garten und erzählte ihm mit einem unverständlichen Wortschwall irgend etwas von einer Gräfin von und zu Dönnitz - oder so ähnlich. Er lobte die Dame in den grünen Klee und Kuschel verstand nur Bahnhof. Er spitzte die Ohren, legte die, inzwischen schwere und männliche Pfote auf seines Herrchens Knie, sah ihn schief von der Seite an und lachte sein prächtiges Lachen aus den Augenwinkeln. Doch sein Herrchen hörte nicht zu reden auf. Plötzlich hatte er eine Flasche in der Hand und besprühte ihn daraus mit seltsam duftendem Puder. Kuschel dachte: Ich werd verrückt. Das Zeug krieg ich ja nie wieder aus meinem Fell und die Katze ist auf Urlaub und kann mich auch nicht sauber lecken. - Und sein Herrchen redete und redete, irgend etwas von „Benimm dich" und „Mach mir bloß keine Schande" und „Du Glückspilz", doch Kuschel konnte nur ahnen was ihm noch bevor stand. Am nächsten Morgen wurde er dann schon vor dem Aufstehen geweckt. Sein Herrchen hielt ihm ein wunderschönes Rumpsteak unter die Nase. War denn Sonntag? Kuschel schnappte sich das riesige Stück Fleisch und verschlang es auf einen Sitz. Dann kam der andere Mensch, der immer so herrlich duftete und diese zwei weichen Höcker auf der Brust hatte, zwischen die er seine feuchte Schnauze so gerne steckte. Zwischen den Höckern hätte er es tagelang ausgehalten. Aber der Mensch, der lebte anscheinend mit seinem Herrchen in einem Bett, ja dieser Mensch mochte das nicht und schrie immer gleich los: Nimm deinen geilen Köter von mir weg. - Kuschel wußte nicht, was geil bedeutete, er wußte was hitzig war und heiß und er kannte den süßen Schmerz zwischen seinen Hinterläufen. Aber geil? Nun gut. Menschen. Verstehe sie wer will. Der Mensch mit den Höckern bürstete nun sein Fell bis es glänzte, nein, strahlte und legte ihm ein wunderschönes, neues Halsband um. Kuschel mochte keine Halsbänder. Er war Zeit seines Lebens frei gewesen und immer wenn man ihm so ein Ding umlegte, bedeutete dies, daß ein neuer Mensch, in einem weißen Kittel, ihm spitze Sachen in die hintere Flanke pikste und mit einer grellen Lampe in seinen Augen und im Maul herum fuchtelte. Oder, daß er halb geduckt durch Blechlawinen laufen mußte, ganz eng bei Fuß. Die Luft war dann immer schwer wie Schwefel und seine Pfoten schmerzten ihn noch tagelang danach. Nein, er haßte Halsbänder. Heute bekam er nun ein besonders Schickes. Wozu der Aufwand, dachte sich Kuschel. Die beiden Menschen um ihn waren nicht wie sonst. Die mit den Höckern duftete noch aufregender als gewöhnlich und Herrchen strich sich dauernd nervös durch die Haare. Dann wurde Kuschel hinten ins Auto gesperrt und heute regte sich auch keiner von den Beiden über seine dreckigen Pfoten auf. Ein seltsamer Tag. Die Fahrt dauerte lange, zu lange. Kuschel wäre viel lieber neben dem Auto hergelaufen, oder am liebsten gleich auf und davon. Aber er thronte auf dem Rücksitz wie ein Scheich und besah sich gelangweilt die Landschaft. Einmal, da tat es einen gräßlichen Knall und sein Herrchen fluchte etwas von „verdammte Vögel". Als sich Kuschel nach hinten umdrehte und aus dem Fenster sah, saß da eine junge Amsel am Straßenrand. Mit gebrochenen Flügeln und sterbenden Augen. Da weinte Kuschel still in sich hinein, weil ja mit jedem sterbenden Vogel auch ein bißchen von seiner Sehnsucht starb. Er wollte noch aus dem Auto springen und der Amsel mit einem kurzen Biß ins Genick das Sterben leichter machen, doch sein Herrchen gab ihm nur einen rüden Klaps auf die empfindliche Schnauze und so ließ er es. Als der Wagen endlich anhielt, sprang Kuschel glücklich aus dem Auto, machte einen riesen Satz in die Luft, raste wie ein Irrer um das Auto herum und sprang an seinem Herrchen hoch, der sich auch prompt, mit seinem besten Anzug in die einzige Pfütze weit und breit setzte. Kuschel war heilfroh, endlich aus dem elenden Blechzwinger heraus zu sein. Er freute sich und sein Herrchen sagte: Nun sie dir nur an, wie sich Kuschel auf sein erstes Liebesabenteuer freut. - Moment! Liebe? Abenteuer? Wann und wo? Jetzt?! Ich habe doch heute gar keine Lust - dachte Kuschel - und wieso Erstes? - Doch plötzlich fiel ihm ein, daß Herrchen ja nichts von dem Loch in der Hecke wußte, das er sich in mühevoller Grabarbeit im letzten Winter gebuddelt hatte. Sein Geheimgang in die Welt da draußen - in Richtung Meer. Zum Meer hatte er sich allerdings noch nicht getraut. Das Rauschen wurde immer lauter, je näher man ihm kam und Kuschel überfiel dann immer so ein merkwürdiges Gefühl. Angst hatte er nicht, nein, er doch nicht. Aber er ahnte irgendwie, daß die Zeit für das Meer noch nicht ganz reif war. Also blieb er in der Nähe und sah zu, daß er eines der leichten Mädchen treffen konnte. Die streunten fröhlich da draußen in der Freiheit herum und wenn er dann mit seinem Stammbaum daher kam, da kriegte sie immer ganz feuchte Augen und wurden sanft wie Rehe. Apropos Reh. Das war eine Erinnerung, die ihm heute noch den Schlaf raubte. Er hatte nämlich eines nachts im nahe gelegenen Wald ein Reh getroffen. Erst lief es immer voller Angst davon , wenn es Kuschel sah. Doch eines Tages konnte er der waldverzauberten Dame beweisen, daß er sie ja nicht jagen wollte. Er wollte sie immer nur mit seinen Augen streicheln und ein wenig mit ihr plaudern. Das taten sie dann auch und manchmal kam es sogar so weit, daß sie sich die weichen Schnauzen rieben und in Zärtlichkeit badeten. Das war dann das Schönste. Nun gut, einmal, da überkam ihn so ein wilder, unsinniger Drang und er sprang das Reh von hinten an. Doch das Reh war so erschrocken, daß er sich lieber gleich wortreich entschuldigte, für diesen einen Anfall von Leidenschaft. Es war Vollmond und sie unterhielten sich damals darüber was wohl wäre wenn und wie man denn die Kinder nennen würde: Rehhund? Aber sie verwarfen diese Idee sehr schnell. Und ausgerechnet in dieser Nacht wurde dann sein Reh von einem Damhirsch erobert. Kuschel hatte zwar vor um sie zu kämpfen, aber der Hirsch schüttelte nur einmal den Kopf mit dem mächtigen Geweih, das messerscharf war - man ist eben nur Hund, hatte Kuschel damals gedacht. Sein Reh folgte ihrem Hirschen in den tiefen Wald und Kuschel war danach tagelang depressiv. Manchmal sieht er das Reh noch. Es steht dann am Waldrand und wittert scheu zu ihm herüber und die Erinnerung ist wie ein süßes Lied, das aus der Ferne der Möglichkeiten zu ihm weht. - Ha! Erstes Liebesabenteuer! Wenn die wüßten. Die Hörner abstoßen , sagen die Men-schen wohl dazu. Hätte er Hörner gehabt, er hätte längst keine mehr. So völlig in seine Gedanken versponnen hatte Kuschel gar nicht bemerkt, daß ihn sein Herrchen an eine adrette Dame, so nannte man die wohl, übergeben hatte. Ihm war unwohl zumute. Er war es nicht gewohnt „übergeben" zu werden. Das roch immer so verdächtig nach Niederlage. Die Dame hielt in kurz an der Leine, führte ihn hinter das Haus, öffnete die Tür zu einem Zwinger und scheuchte ihn hinein. Kuschel sah sich in dem hochherrschaftlichen Zwinger um und dachte noch: Nicht schlecht für ein Hundeleben. - Die Dame pfiff nun melodiös durch die Zähne - dürfen Damen denn das? - Kuschel war auf den Pfiff langsam rückwärts in die äußerste Ecke des Zwingers gegangen und setzte sich nun, ganz eng an den teuren Maschendraht gepreßt, auf die zitternden Hinterläufe. Gebannt starrte er auf die kleine Tür des Häuschens am anderen Ende des Zwingers. Erst sah er gar nichts - dann die Spitze einer Schnauze, nicht so groß und grob wie die Seine, nein, weich und zart, mit einer wunderbaren Linie und goldenen Tupfern darin. Dann sah er ein Auge, scheu leuchtend, ihn beäugend und dann sah er: SIE. Was da aus der Tür kam, verschlug ihm den Atem. Er drängte sich noch dichter an den Zaun und begann, wie spastisch, zu zucken. So etwas hatte er noch nie gesehen. Hilflos starrte er auf die Gräfin von und zu Dönnitz, die jetzt mit kapriziösen Schrittchen auf ihn zu kam, viel mehr schwebte. Er wandte den Kopf zu seinem Herrchen, doch das stand auch nur mit weit offenem Mund, blöde erstarrten Augen, plattgedrückter Nase am Maschendraht und starrte, wie Kuschel nun auch, auf die Damenhündin. Kuschel winselte, versuchsweise, einmal kläglich. Doch niemand nahm Notiz von ihm. Er wollte schreien: He, du Schöne. Komm mir nicht zu nahe, ich habe die Pest. Ich bin ein wüster Hund und habe dir nichts zu bieten. Geh zurück und warte auf einen Prinzen. - Doch er konnte nicht einmal flüstern und die Gräfin kam immer näher, knurrte gefährlich, aber so wundersam schön, zog die Lefzen hoch - war das ein Lächeln oder nur Kampfansage - setzte sich ganz dicht vor ihn, aber nicht so dicht, daß er ihre Schönheit nicht hätte bewundern können, drehte sich einmal mit wunderbarer Anmut im Kreis, legte sich dann flach auf den Boden, zwinkerte ihm zu und knurrte ganz sanft: Ein Mann - endlich ein Mann. Komm, komm schnuppern. - Ihre Stimme wirkte wie Magie auf Kuschel. Er löste sich aus seiner Ecke und ging Millimeterschrittchen auf die Schöne zu, stupste mit der Nase in ihre Flanke, sog den köstlichen Duft tief ein, näherte sich zögernd ihrem Hinterteil, wohl ahnend, daß hier große Vorsicht geboten war und - die Schöne entzog sich ihm nicht. Nein, sie kam ihm entgegen und ließ ihn zu. Er mußte nicht einmal etwas sagen. Brauchte keine großen Töne zu spucken, nicht den unwiderstehlichen Rüden markieren. Sie ließ ihn an sich heran und nahm ihm damit allen Wind aus den Segeln. Es wurde keine wilde Liebesnacht. Nichts so spielerisch Brutales wie bei seinen nächtlichen Ausflügen vor die Gartenhecke. Nichts so unschuldig Zärtliches wie mit seinem Reh. Nichts Besitzergreifendes. Nein, beide akzeptierten sich und manchmal flüsterte sie erstaunt: Aus uns könnte Liebe werden. - Zu Hause, bei dem Höckermensch und seinem Herrchen fühlte sich Kuschel von diesem Tag an nicht mehr wohl. In klaren Nächten schlich er sich manchmal an den Waldrand und rief nach seinem Reh. Doch das hörte ihn nicht mehr. Tage später dachte er, er hätte es gesehen. Doch sein Reh war nicht mehr allein. Es hatte zwei Kitze bei sich. Vorbei, dachte Kuschel. Vorbei. Die Besuche bei der Schönen wurden regelmäßig und wie schon beim ersten Mal war es immer schön und die Beiden spürten eine tiefe Verbundenheit. Doch plötzlich durfte Kuschel seine Schöne nicht mehr besuchen. Er verstand die Welt nicht mehr und litt Höllenqualen. Er wurde auch nicht mehr gebürstet, bekam kein Rumpsteak mehr. Die Wochen vergingen und er fühlte sich so einsam wie die Sterne am Winterhimmel. Er verkroch sich in sich selbst, wurde mürrisch und unleidlich und der Garten war still und leer, da der Winter so hart und schneereich war. Eines Tages benahmen sich sein Herrchen und der Höckermensch wieder wie damals, als er zum ersten Mal die Gräfin sah. Wieder saß er geschniegelt und gestriegelt auf dem Hintersitz und wußte nicht, ob er weinen oder lachen sollte. Er hatte keine Ahnung, was ihm nun bevor stand. Diesmal sprang er auch nicht vor Freude in die Luft und er raste nicht um den Wagen herum. Diesmal stand er mit eingezogenem Schwanz, still und stumm wartete er ab. Die Dame führte ihn in den Zwinger, er blieb in der Mitte stehen und wartete. Sein Herrchen rief ihm irgend etwas zu das klang wie „Nun geh schon. Such. Such." Er nahm sein Herz in beide Pfoten und ging auf die Tür zu, hinter der sein Schicksal vermutete. Er trat ein und er schnupperte sofort einen neuen Geruch. Ganz hinten, in einem weichen Bett aus frischem Heu, da lag sie. Kuschel knurrt freundlich und voller Glückseligkeit und seine Schöne winkte ihn, mit matten Augen, näher zu sich. Doch was war das? Was hing ihr denn da an den schweren Zitzen? Kleine Knäuel, Fell, dunkle, feuchte Schnäuzchen mit halbblinden Augen, blau wie der Sommerhimmel. Pfoten die ihr Gewicht noch nicht tragen konnten, weder ihr eigenes, noch das der Welt. Kuschel näherte sich vorsichtig und die Schöne knurrte sanft: Deine Welpen. - Und Kuschel leckte seinen Nachkommen mit nie geahnter Zärtlichkeit über die kleinen Gesichtchen, stupste sie mit der Schnauze ins rechte Licht, bellte einmal laut auf vor Glück und - verstummte. Er zitterte, er mußte sich setzen, denn mit einem Donnerschlag hatte ihn die Wahrheit erreicht: Aus! - Der Wind heulte um den Zwinger und schrie hämisch: Fliegen. Du wolltest mit den Vögeln im Wind fliegen. Träumen! Du armer, dummer Hund. - Die Schöne merkte von all dem nichts. Sie war zu sehr mit sich und ihrem neuen Status beschäftigt. Einmal hatte sie - wie lange war das her - nur ihren Kuschelmann geliebt. Nun konnte sie ihre Liebe endlich dorthin verteilen, wo sie Sinn und Zukunft sah. Und Kuschels Zukunft? Und Kuschels Sinn? Er legte seinen großen Kopf zwischen die Vorderpfoten, sah die Schöne aus großen, fragenden Augen an. Sie lächelte - er lächelte - und dann schloß er die Augen und weinte. Die Wochen, die in einem Hundeleben wie Jahre sind, vergingen. Zu Hause hatte sich Einiges verändert. Sein Herrchen hatte ihm eine große Überraschung versprochen und eines Tages war sie dann da. Seine Schöne zog bei ihnen ein. „Zucht." Dieses Wort hörte er in diesen Wochen sehr oft. Er verstand dieses Wort nicht und wollte es auch nicht verstehen. Sein Herrchen hatte zu allem Überfluß auch noch das Loch in der Hecke entdeckt und fein säuberlich zugemauert. Kuschel war gefangen. Nun gut, es ging ihm ja nicht schlecht. Er hatte alles was es zu einem anständigen Hundeleben braucht. Seit die Schöne bei ihm lebte gab es auch immer anständig zu futtern. Vorbei waren die Zeiten von Kutteln, Kuhohren und Schweinsaugen mit Polenta. Jetzt gab's nur noch vom Feinsten. Die Welpen wuchsen auch prächtig heran, sie waren der Stolz seines Herrchens und die Schöne sonnte sich in ihrem Glanz. Doch Kuschel war traurig. Ganz selten sprach er noch mit den Ameisen und der Katze und diese Gespräche waren eher belanglose Konversation. Die Vögel hörten auch nicht auf immer nur das Gleiche zu erzählen. Kuschel begann, sich in seine Jugend zurück zu sehnen. Heimlich begann Kuschel seine Sprungkraft zu trainieren. Er mußte die Hecke schaffen. Mit einem einzigen, gewaltigen Sprung. Wenn er schon nicht fliegen konnte, dann wollte er sich wenigstens ein bißchen eigene Freiheit erspringen. Wenn ihn sein Herrchen manchmal beim Training überraschte, wurde Kuschel an die Kette gelegt. Herrchen dachte wohl, Kuschel wäre dabei seinen Verstand zu verlieren, wenn er ihn bei seinen Sprungübungen beobachtete. Von da an tarnte Kuschel sein Trainingsprogramm äußerst geschickt. Nun brauchte er nur noch das Herz eines Löwen, um eines nachts den großen Sprung zu wagen. Und als es soweit war, schlich er sich heimlich und verstohlen in den Garten. Er dachte noch: Du bist doch ein feiger Hund. Von Abschied hat du wohl noch nie gehört. - Er sah sich noch einmal in seinem Garten um. Er markierte, zur Erinnerung, alle Bäume, schnüffelte in den Ameisenhaufen und flüsterte der jagenden Katze zu: Gut siehst du aus, so als Löwin. Er knurrt fröhlich zu den Vogelnestern hinauf und nahm Anlauf und sprang. Die Hecke kam ihm bedrohlich nahe und die gestutzten Äste ritzten seinen Bauch. Doch Kuschel sprang und gab nicht auf und träumte sich auf die andere Seite. Die Landung hatte er bisher nie üben können und der Boden kam so aufregend schnell näher, daß er seinen Sturz nicht mehr bremsen konnte. Seine linke Vorderpfote knickte um, der Schmerz kam blitzartig als er sich drei Mal überschlug. Totenstille. Kein Laut regte sich. Seine Freunde im Garten hielten wie er den Atem an. Wenn einer über sich selbst hinaus wachsen will, dann halten alle kameradschaftlich den Daumen. Langsam rappelte sich Kuschel hoch und begann, trotz der schmerzenden Pfote zu laufen. Er setzte sich in Trab, immer auf den flammend roten Streifen am Horizont zu. Dort wartete das Meer auf ihn. Es begann zu dämmern und der frische Tau im Gras kühlte seine Wunden. Er lief und lief. Das Rauschen des Meeres wurde immer lauter, doch diesmal hatte er keine Angst. Er wußte: Jetzt. Jetzt ist es Zeit. Dann war er plötzlich da. Vor ihm das Meer, mit steigender Flut. Gewaltig, brausend, elementar und unendlich frei. Er stand auf einer Düne und im fernen Osten lugte die Sonne aus dem Meer, als hätte sie nur auf seine Ankunft gewartet. Feurig stieg der Sonnenball aus der See, schüttelte die Nacht aus seinem gleißenden Gefieder, schenkte Kuschel ein Lächeln, das sich wie eine goldene Straße geradewegs zu ihm auf den Weg machte und seine Augen leuchten ließ. Kuschel sah auf diese Wunder und wußte: Ich habe mich nicht verlaufen. Er lief am Strand entlang, spielte mit den zuckrigen Gischtkronen der Wellen, wälzte sich im Sand, knüpfte erste Kontakte zu den Krabben, sprang den Möwen hinterher und lernte von den Fischen das Tauchen. Kuschel hielt seine Schnauze in den steifen Wind und dieser jauchzte: Ein Hund, der sich der Welt ergibt. - Und Kuschel lachte. Kuschel trieb sich lange am Strand herum. Er zählte die Tage nicht, weil dies für ihn längst nicht mehr zählte. Manchmal, wenn Spaziergänger den Strand laut machten, versteckte er sich hinter einer Düne. Wenn er doch einmal in seinem Versteck entdeckt wurde hörte er nur: Guck Mal, was für ein häßlicher, räudiger Streuner. - Ja, sein Fell war vom Salz ganz struppig und stumpf geworden. Dreck klebte zwischen den Klauen, die Schnauze war rauh von Wind und Sand. Doch in seinen Augen war ein unbändiges Leuchten. Er fühlte sich stark und schön wie nie zuvor. Kuschel, der Strandläufer. Am Mittag döste er meist endlos in der Sonne. Wenn es einmal regnete nahm er, kurz entschlossen, sein Wochenbad. Jetzt konnte er endlich seine Katzenbeob-achtungen in die Tat umsetzen und er lachte schallend auf, wenn er sich wie eine Katze benahm. Eines Tages lag er stolz auf einer Düne und führte mit einer Überseemöwe ein hitziges Streitgespräch über die Wertigkeit des Kotverscharrens. Kuschel vertrat standhaft die Meinung, daß die Möwen asozial seien, da sie ständig einfach alles unter sich fallen ließen. Die Möwe lachte ihn aber nur aus und meinte: Wir sind frei, während du dich ständig irgendwie verhalten mußt. Kuschel wollte schon zu seinem, inzwischen perfektioniert Sprung ansetzen, um sich die Möwe zu greifen und ihr etwas Benimm beizubringen. Da hörte er einen seltsamen Laut. Es klang wie ein klägliches Weinen. Es kam von weit her. Kuschel bat die übrigen Möwen, die ihrer Kollegin zur Hilfe geflogen waren, endlich einmal den Schnabel zu halten und da sie Kuschel eigentlich alle außerordentlich respektierten, taten sei es auch. Nun hörten alle ganz deutlich das Jammern vom Strand her. Fürchterlich verzweifelt und kurz vor dem Tod. Kuschel bat eine der Überseemöwen einmal nachzusehen, woher das Klagen kam. Die schwang sich in den Wind und äugte mit ihren scharfen Augen den Strand ab. Plötzlich ließ sie sich von einer Bö mitnehmen und hing über einer Stelle, fast am anderen Ende des Strandes. Kuschel spähte in die Richtung, konnte aber nichts erkennen. Er war halt doch nur ein Hund. Also trabte er gemächlich los, dorthin wo die Möwe noch immer hoch im Aufwind stand. Je näher er kam, um so deutlicher sah er die Umrisse einer schwarzen, klebrigen Masse am Strand liegen. Er ahnte nicht was es war, doch der Wind trug seiner feinen Nase nun den Geruch von Öl zu. Er erreichte das kläglich wimmernde Bündel und umkreiste es neugierig. Die nackte Angst war in den klaren Augen zu lesen. Das Bündel bewegte sich hilflos während die Möwe hämisch von oben schrie: Eine Ente, eine blöde Wildente. Geschieht ihr recht. Pech und Schwefel über sie! - Damit flog sie davon und kreischte ihren Genossen die schadenfrohe Nachricht zu, die gleich zum Sturzflug ansetzten und neben Kuschel und der in eine Ölpest geratenen Wildente landeten. Alle kreischten durcheinander: Laß sie ersaufen. Stoß sie ins Wasser zurück. Gib ihr den Gnadentod. Sie ist verloren. - Bis Kuschel, zum ersten Mal seit er am Strand lebte, die Geduld verlor und wütend bellte: Haltet den Schnabel und kümmert euch um eure eigenen Gemeinheiten. - Er näherte sich der hilflosen Ente und stupste sie sacht an. - Hilf mir, flehte die Ente mit ersterbender Stimme. Ich werde dir helfen, sagte Kuschel und es wurde ihm gleichzeitig klar, daß er nur ein Hund war, der wohl sehr wenig helfen konnte. Und so begann für Kuschel eine Zeit, die er nie wieder vergessen sollte. Es dauerte Stunden, bis er die Ente mit den Zähnen greifen konnte und zu seiner Düne schaffte. Bei seinen Welpen war das so einfach gewesen. Die packte man fest im Nacken und trug sie wohin man wollte. Aber eine Ente? Er hätte ihr ja die Flügel brechen können und ihre Knochen waren so leicht und zart, eben zum Fliegen gemacht. Die Ente konnte ihm auch nicht helfen, sie war so fürchterlich verklebt und hilflos. Doch er schaffte es. Er war danach so erschöpft, daß er nur noch schlafen wollte. Doch er hatte Angst, daß die Ente, während er schlief, verenden könnte. Außerdem hatte sie großen Durst, das sah er in ihren Augen. Nun hätte er alles dafür gegeben nur für ein paar Sekunden eine Elefant zu sein, um mit seinem Rüssel Wasser fassen zu können. Wie sehr beneidete er nun die Eskimohunde in Alaska, die sich aus Eislöchern Fische fangen. Warum hatte er aber auch nie etwas Anständiges gelernt? - Zucht! Dachte er. Jetzt verstehe ich das erst. Zucht, dafür war ich gut genug, das war meine Aufgabe, mein Leben. - Er sah in den Himmel und hoffte inbrünstig auf Regen, obwohl er sich erst gestern gebadet hatte. Und siehe da, der Himmel hatte ein Einsehen und öffnete seine Schleusen. Kuschel rannte schnell zu der Stelle, an der er eine Blechbüchse verscharrt hatte. Er fand den Platz auf Anhieb - nichts gegen seine Hundenase. Die Büchse stellte er auf die Düne und wartete, bis sie sich mit Regenwasser gefüllt hatte. Eisern saß er und schlotterte im eisigen Wind. Dann nahm er die Büchse vorsichtig zwischen seine Zähne und trug sie zu seiner Ente zurück. Sie war viel zu schwach um den Kopf zu heben und so schlabberte Kuschel mit seiner langen Zunge das kühle Naß aus der Dose und die wenigen Tropfen die dabei den Schnabel der Ente trafen schienen ihr schon zu helfen. Doch sie brauchte auch dringend etwas zu Futtern. Fisch! Dachte Kuschel. Rasch lief er zum Strand hinunter und rief den Fischen zu: He, kommt doch ein bißchen näher ans Ufer, damit ich einen von euch fangen kann. - Die Fische glotzten noch blöder als gewöhnlich. Nur einer, ein ganz doofer, der dachte er hätte sich verhört und schwamm träge zum Ufer und nuschelte: Du willst mich fangen? Bist du nicht ganz dicht? Du bist ein Hund und kein Fischer. - Doch Kuschel sagte nur: Was soll ich machen. Die Ente hat Hunger und braucht dringend Aufbaunahrung. Stellst du dich zur Verfügung? - Dem Weißfisch blieb vor Staunen das Maul offen stehen und Kuschel packte die Gelegenheit beim Schopf, biß einmal kräftig uns Wasser, erwischte, zur eigenen Verblüffung, den Fisch am Schwanz, riß ihn aus dem Wasser und beutelte ihn wild hin und her. Er ließ ein Freudengeheul los: In jedem Hund steckt auch das Herz eines Braunbären - und dabei verlor er den Fisch aus dem Maul. Hilflos zappelte dieser im Sand herum und Kuschel hatte nun große Mühe ihn wieder einzufangen, bevor er zurück ins Wasser kam. Als es ihm endlich gelungen war, knurrte er zwischen Zähnen: Tut mir leid Fisch, aber du tust ein gutes Werk. Du sollst es nicht bereuen. - Er trug den Weißfisch zur Ente zurück und legte ihn ihr dicht vor den Schnabel. Sie schnappte dankbar danach und verschlang ihn mit einem kurzen Würgen. Sie verschlingt ihn - dachte Kuschel noch, doch es schien ihm nicht ungewöhnlich. Die Nacht brach herein und Kuschel legte sich sanft ganz dicht neben die Ente, um ihr ein bißchen von seiner Wärme abzugeben. Er kuschelte sich eng an sie und sie sich an ihn und so schliefen beide ein. Es war ihre erste gemeinsame, zärtlich umschlungene Nacht. In den folgenden Tagen kämpfte Kuschel unermüdlich um das Leben seiner Ente. In mühseligen Stunden leckte er das Öl aus dem Gefieder. Immer wieder macht er sich auf zum Strand um Fische zu fangen und täglich hoffte er auf mehr Regen. Sein Maul tat ihm entsetzlich weh und die Pfoten waren blutig vom endlosen Kampf mit den Fischen im Sand. Eines Tages, er hatte längst vergessen wie lange er schon arbeitete, da hatte er es endlich geschafft. Die Wildente war blitzsauber und oh Wunder: Sie war das Schönste, was Kuschel jemals zu Gesicht bekommen hatte. In den Nächten, wenn sie unter ihrer Sternendecke lagen, da erzählten sich wispernd aus ihrem Leben. Kuschel lernte in dieser Zeit sehr viel über Wildenten und über deren große Einsamkeit auf den langen Flügen zu neuem Leben. Kuschels Ente hatte in Tanger den Anschluß verpaßt. Zuerst wollte sie ja bei dem Enterich, den sie dort im Winter kennen gelernt hatte bleiben. Doch den zog es dann im Frühling hinunter zum Killemantschoro. Da hatte er noch eine andere Braut, was die Ente zwar nicht gewußt hatte, aber immer ahnte. So saß sie also plötzlich in Tanger völlig alleine herum und wußte nicht wohin. Also entschloß sie sich, die weite Reise in den Norden alleine zu wagen. Am Anfang ging auch noch alles gut, doch irgendwann war sie so erschöpft, daß sie wassern mußte und während sie bleiern schlief muß sie in eine Ölpest getrieben sein. Als sie erwachte konnte sie die Flügel nicht mehr spreizen . Eine freundliche Strömung nahm sie dann mitleidig mit und warf sie an Kuschels Strand. Dort wäre sie wohl gestorben - hätte nicht ein Hund in einer Mondnacht den Sprung seines Lebens gewagt. Die Ente wurde von Tag zu Tag kräftiger. Und dabei immer schöner. Es war, als würden die Gespräche ihrer langen Nächte sie stählen für das Leben nach dem Erwachen. In diesen zärtlichen Schnabelstunden nannte sie Kuschel „Mein Retter," „Mein Geliebter", „Mein Engel und Goldschatz." Doch Kuschel kannte für sie immer nur einen Namen: Ente. Meine Wildente. Das war ihm genug. Eines Nachts gestand er der Ente seine grenzenlose Liebe und vertraute ihr sein Geheimnis an - seinen Traum, einmal zu fliegen. Sie pickte ihn zärtlich in die Nase und raunte: Wenn Enten so wären wie du, dann könnte auch ich dich lieben. - Kuschel verstand das zwar nicht so ganz, denn er hatte nun einmal ein simples Hundegemüt und ihm war es völlig egal ob es nun eine Ente, eine Reh oder auch die längst vergessene Schöne war, denen er seine Liebe zu Füßen legte. Als die Ente die Traurigkeit in seinen Augen sah, da erzählte sie ihm, mit leiser Stimme, aber mit einem überirdischen Leuchten in den Augen von einem Enterich in Finnland. - Er hat die wunderbarsten und sanftesten Augen der Entenwelt - sagte sie. Ein Federkleid wie aus feinstem Gold gesponnen, mit Edelsteintupfern verziert. Ihn lieb ich, lieb ich, lieb ich. Doch er ist ein ganzes Leben weit von mir entfernt. Er ist ein bißchen feige, aber er ist wunderschön. Er zieht auch nie mit uns in den Süden. Er traut sich nicht. Er hat Angst vor so viel Neuem. Er bleibt zu Hause, dort in Finnland. Da haben ihm Menschen ein warmes Entenhaus gebaut. Dort lebt er in Sicherheit und fühlt sich wohl als Pascha. - Kuschel knurrte zwar einmal warnend, doch die Ente verstand ihn nicht. Sie sah ihm lange in die Augen, seufzte tief, breitete plötzlich ihre Schwingen aus, flog auf und hoch in den Himmel hinein, dem Wind entgegen. Kuschel lief ihr am Strand hinterher und rief: Nimm mich mit. Nimm mich doch mit. Doch die Ente drehte sich auf den Rücken und badete in ihrer Sehnsucht. Stundenlang saß Kuschel wartend am Strand. Als seine Ente dann mit Einbruch der Dunkelheit zu ihm zurückkehrte, da legte er sich erschöpft in den Sand und sagte still: Ich gebe nicht auf. - Die Ente beäugte ihn und lachte ihr herrliches Lachen: Das glaube ich dir. Du gibst nie auf. Vielleicht zeigt uns da ein ahnungsloser Gott den Weg zur Wahrheit, Engel. Ich will diesen Weg fliegen. Kommst du mit? Los - sagte Kuschel nur, sprang auf, nahm Anlauf wie zum Start. Er sprang und die Ente holte ihn ein und flog mit ihm und er flog mit ihr und - landete ziemlich unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Die Ente kreiste traurig über ihm und rief: Du kannst es nicht. Flieg, Engel. Flieg mein Goldschatz. Flieg mein Geliebter - flieg für dich und mich. Kuschel rannte zum Ende des Strandes, hetzte die steile Klippe empor, die sich hundert Meter über den Meeresspiegel reckte. Er holte einmal tief Luft und sprang. Er schwebte im Aufwind und die Ente flog lachend mit ihm, immer tiefer, tiefer, tiefer - bis er mit einem lauten Knall ins Wasser krachte, das ihm sämtliche Knochen brach. Die Ente landete elegant neben ihm. Sanft schwamm sie an Kuschel heran, der rücklings im Wasser trieb. Sie pickte ihn zärtlich in die Nase und schwieg. Sie schaukelten sie lange auf den sanften Wellen, ihre Blicke stumm verschränkt. Noch einmal kuschelte sich die Ente dicht an den zerbrochenen Hund. Dann flog sie auf, immer höher und höher und sie weinte, wie eben nur Wildenten weinen konnten und vergoß ihre Tränen wie warmen Regen auf Kuschel hinunter. Sie nickte ihm zu, drehte ab und flog in eine Richtung, in der Kuschel Finnland vermutete. Kuschel rief die Ente stumm mit den Augen. Seine Klage erreichte wohl wie aus Zufall ihr Herz und trieb ihr eine einzige, wahrhaft geweinte Träne ins Auge. Diese Träne warf sie hinter sich und sie fiel in Kuschels linkes Auge und machte es für immer blind. Die Flut hat dann Kuschel an den Strand zurück gespült. Von dort machte er sich, noch in der gleichen Nacht, auf den langen Weg, zurück nach Hause. Er ging seiner eigenen Fährte entlang und als er Tage später an seiner Hecke ankam, da waren nicht nur seine Knochen zertrümmert sondern der ganze Hund. Die Wunden heilten, nur den linke Hinterlauf zog Kuschel immer noch nach. Der Bruch vom Klippensturz war schlecht verheilt. Sein linkes Auge blieb für immer blind und diente ihm als Schutz für seine einsamen Träume. Äußerlich wurde er wieder ein annehmbarer Hund. Doch tief in seinem Innersten, da leckte er nie verheilende Wunden. Seine Schöne starb mit der Zeit. So wie er. Die Welpen waren längst um vieles schöner geworden als die Mutter und sein Herrchen ließ auch den alten Elan vermissen. Mittwochs ging Kuschel in den Garten und tratschte mit den alten Freunden. Er hatte sich in seinem Hundeleben eingerichtet. Wer sollte denn auch hier begreifen, daß eine Wildente tatsächlich das Leben eines Hundes verändern kann. Manchmal hörte er sein Herrchen sagen: Einschläfern. Er leidet zu sehr. - Dabei weinte Kuschel nur im Geheimen. Als jedoch eines Tages der Mensch mit dem weißen Kittel und den spitzen Nadeln kam, um ihn noch einmal eingehend zu untersuchen, da regte sich in Kuschel der vergessen geglaubte, große Traum. An diesem Abend, da ging er in den großen, alten Garten hinaus und besah sich die Hecke. Die Katze, die inzwischen kaum noch den Kirschbaum hoch kam, schnurrte im Vorbeigehen: Na, juckt es unseren Abenteuerhund wieder einmal? Und so faßte Kuschel einen letzten großen Entschluß. Er nahm Anlauf und sprang - nein, er flog wie er noch nie geflogen war. Die Katze fiel vor Schreck von ihrem Ast, die Ameisen lugten alle gleichzeitig aus ihrem Haufen, die Vögel verstummten in ihrem Abendtratsch. Der ganze Garten beobachtete nur, mit entsetztem, sprachlosem Staunen, den großen Hund mit dem lahmen, linken Hinterlauf und dem blinden, linken Auge. Sie sahen wie er flog, als wären ihm über Nacht Flügel gewachsen. Die Hecke knickte vor Ehrfurcht in die Knie und gab den Weg für Kuschel frei. Sanft, geschmeidig wie ein Puma landete er auf der anderen Seite und rannte augenblicklich los. Er rannte dem Brausen des Meeres entgegen und heute hätte ihn kein Windhund schlagen können. Als er auf seiner Düne ankam, blieb er, kaum außer Atem, stehen. Er legte den Kopf in den Nacken und heulte dem Wind entgegen. Dieser hatte heute seinen freundlichen Tag und trug den Ruf mit sich fort, dorthin, wo nur Wildenten noch hören. Kuschel trabte langsam zum Strand hinunter und machte es sich im Sand bequem. Er legte den Kopf zwischen die Vorderpfoten und erwartete so den Sonnenaufgang und die Flut. Als die Sonne aufging schickte sie, wie bei Kuschels erster Ankunft am Strand, eine goldene Straße auf ihn zu. Er blinzelte in das gleißende Licht und sein linkes Auge konnte wieder sehen. Die Flut stieg mächtig an, umspülte Kuschel, der sich ihr ganz hingab. Er schwebte auf den Wellen, schaukelt mit ihnen und als die Ebbe den Strand leer fegte, ließ sich Kuschel von ihr aufs offene Meer hinaus ziehen. Er trieb schwerelos dahin, wälzte sich auf den Rücken und wußte nicht, ober er schon tot war, oder nur träumte. Er sah ein letztes Mal in den endlos blauen Himmel, aus dem, wie ein Stein, die Wildente im Sturzflug auf ihn nieder stieß. Mit dem koketten Federgepluster, das Kuschel an ihr so liebte, landete sie auf Kuschels Bauch. Kuschel sagte nur: He.! Die Ente sah ihm tief und lange an und in ihren Augenwinkeln glitzerten echte Tränenperlen. Sie begann zu erzählen. Er begann zu erzählen. So wie damals in den Strandnächten. Ihre Fragen waren so zärtlich wie die sanften Schaumkronen. Die Beiden trieben im offenen Meer. Sie waren allein und jeder hielt sich von ihnen fern. Liebende soll man nicht belauschen, dachten sich wohl die chinesischen Thunfischkutter und hielten einen sicheren Respektabstand. Sie fischten ihre Thunfische, verarbeiteten sie und warteten, bis sie die beiden plaudernd Treibenden zu sich an Bord holen konnten, um endlich ihre neugierigen Fragen loszuwerden. Manchmal, in kühlen Mondnächten, da flüstert der Wind uns ein Märchen zu. Der Wind raunt uns das Märchen vom Hund, der fliegen wollte ins Ohr. Er weht es in unsere Herzen und Kinderaugen werden staunend groß. Ein Hund, der mit einer finnischen Wildente den großen Traum des Lebens lebt? Darf er das? Kann er das? Und der Wind kichert dann leise und wispert schlau: Ein Hund der sieht - der darf Alles! 6 „Ende" sagte Paul leise. Kyra und Alicia lagen im Tiefschlaf. Beide lächelten im Traum Als Paul Kyra zudeckte murmelte sie: „Nicht aufhören" und schlief tief und fest weiter. Paul küßte die beiden Mädchen sanft und wisperte ihnen seine Liebe ins Ohr. Es war der letzte Abend der Kinder in Deutschland. „Wie soll das nur weiter gehen" dachte Paul. Was war das für eine Geschichte, die er da gerade erzählt hatte. Von der Tür kam die Stimme seiner Frau. „Du weißt tatsächlich was du tust. Habe ich Recht?" „Du hast zugehört?" „Du erzählst schon über zwei Stunden, Paul." „Willst du reden?" „Nur wenn du es ernst meinst." „Ich meine es ernst, Anne. Ich habe es immer ernst gemeint." Die beiden saßen sich im Wohnzimmer gegenüber. Zu allem Unglück war Pauls Mutter vor zwei Wochen gestorben. Sie hatte sich tatsächlich aus dem Leben geschlichen, ohne Paul auf Wiedersehen zu sagen. Er wollte noch zu ihr ins Krankenhaus. Aber sie sagte immer, so schnell sterbe ich nicht. Mach deine Premiere und komm. Dann war sie tot. Später erfuhr Paul über einen Brief des behandelnden Arztes der Mutter seiner Mutter. Die war inzwischen vierund-neunzig und wollte einfach nicht sterben. Paul wußte, daß seine Mutter nie so richtig mit dem Geld klar kam. Seit sie vom Herrn Doktor geschieden war, ging es ihr nicht gut. Für eine Tochter aus reichem Hause kein leichtes Brot. Pauls Eltern ließen sich an ihrem fünfundzwanzigsten Hochzeitstag scheiden. Der Hang zum Dramatischen lag wohl in der Familie. Die Mutter hoffte seit zwanzig Jahren auf das große Erbe, auf dem die eigene Mutter saß. Doch die starb nicht. Sie sagte immer: „Der Gustl hat mir versprochen, mich nie alleine zu lassen. Und dann hat er sich, feige, schon mit sechsundachtzig davon gemacht. Jetzt soll er auf mich warten. Das hock ich aus." Für Pauls Mutter schien das das Ende zu sein. Sie verschleppte einfach einen Krebsbefund. Ließ sich zu spät operieren. Dann ging es ihr ein paar Monate gut und plötzlich hatte sie die Lungen voller Metastasen. Selbstmord. Das stand für Paul fest. Sie soll still eingeschlafen sein. Sie liegt in einem feudalen Grab. Paul fand es viel zu groß und protzig. Aber seine Mutter wollte es so. Nun gut. Wenn sie selbst im Tod noch so viel Platz brauchte. Sie verfügte auch, daß sie einen besonderen Grabstein bekommt. „In der Hoffnung auf ein Leben in Frieden" sollte darauf stehen. Roter Sandstein sollte es sein. Kunst. In Tirol. Über den Tod hinaus noch auffallen. Dableiben mit aller Macht. Zum Kotzen. „Also, rede!" kam Annes Befehl. „Ich glaubte, ich könne einer Frau die Wahrheit beibringen. Doppelfehler," sagte Paul unvermittelt und brutal. „Wenn zwei sich lieben - einfach. Wenn zwei sich verstehen wollen - getrennte Wege." „Willst du mich verstehen, oder nur dich?" „Uns beide. War es Canetti der gesagt hat: Das Wichtigste: Das Selbstvertrauen einer schönen Frau zu stärken?" „Vielleicht ist es an der Zeit, daß du das sagst, was du meinst." Anne schenkte sich Weißwein nach, Ihre große, überdimensionale Selbstdisziplin hielt sie kerzen-gerade. „Oft habe ich mir vorgebetet, was gäbe ich darum, wenn sie mich nur um meiner selbst lieben würde." „Meinst du damit Mascha?" Nach ihrer Rückkehr aus Sydney hatte Paul eine völlig ohnmächtige Affäre mit einer Schauspielerin in Nürnberg begonnen, nur um sich zu beweisen, daß er trotz seines australischen Ausrutschers immer noch ein gefragter Mann war. Aus dem Ende dieser Geschichte hatte sich dann wohl auch die Tochter Alicia ergeben. Anne und Paul hatten damals diese Geschichte sehr genau durchleuchtet und waren gemeinsam zu dem Ergebnis gekommen, daß da einfach auch sehr viel Lebensangst mit im Spiel gewesen sein mußte. „Nein. Bei Mascha hieß es immer nur: Liebste - ist das dein Name? Ich habe viel zu spät herausgefunden, was mit Mascha eigentlich passiert ist. Heute muß ich eher sagen: Mascha - das ist ein Synonym für Amtsmiß-brauch am Mann." „Ich glaube kaum, daß dies der richtige Zeitpunkt für eine Diskussion über Mißbrauch am Mann ist," entfuhr es Anne zum ersten Mal fast unkontrolliert. „Wenn Frauen, die sich täglich hübsch machen, unter einem Minderwertigkeitskomplex leiden, dann werden Männer mit Phantasie nutzlos!" Paul war aufgesprungen und rieb sich den Kopf an der kalten Fensterscheibe. „Das ist nicht von dir, also zitiere es nicht." „Aber es trifft genau auf dich zu." „Schade daß mein Mann keine Phantasie hat." „Dafür räumt dir dein Mann aber für einen Tritt in den Arsch jeden Stein aus dem Weg." „Jetzt werde nicht emotional Paul. Ich glaube außer mir hat dazu im Augenblick niemand das Recht." „Genau. Außer dir hat niemand das Recht auf Emotionen. Meine Emotionen sind mit meinen Tischmanieren vergleichbar. Ich esse was auf den Tisch kommt. Meine Tischmanieren sind meine Emotionen. Ich lecke den Teller blank." „Das wissen wir ja nun. Du verheimlichst das auch gar nicht. Warum bist du eigentlich so zornig? Vielleicht wäre es besser, wenn du da mal aufgeben würdest." „Meinen Zorn? Sinnlos ihn aufzugeben." „Was habe ich falsch gemacht, Paul?" „Du warst niemals ein Baum. Nie eine Rose. Nie ein Felsen. Nie ein Vogel. Nie ein Gedicht. Du warst immer nur du. Ist das fair?" „Leck mich am Arsch, Paul," kam es kurz, trocken und sehr bestimmt von Anne. Anne wußte immer ganz genau, wann und wie sie ihren Punkt zu setzen hatte. „ Jetzt hast du zum ersten Mal 'Leck mich am Arsch' zu mir gesagt. Ist das die Entdeckung deiner Unabhängigkeit oder dein sehnlichster Wunsch?" Anne nahm sich noch ein Glas Weißwein und rührte sehr lange darin herum. Dann seufzte sie tief auf und sah Paul mit tränen in den Augen an: „Also gut - spielen wir es auf deine Art, Herr Psychologe. Ping Pong." Ping Pong nannten sie die Art wie sie manchmal versuchten auf den Punkt zu kommen. In dem sie sich Stichworte zuwarfen die dann irgend wann einmal das richtige Wort für ihr Problem zu Tage brachten. Und so warf Anne ihm, wie so oft in ihren langen Küchennächten das erste Wort zu: „Gespräche?" „Haarscharf aneinander vorbei." „Schauspieler?" „Das größte Gesocks." „Schauspielerinnen?" „Erst ausprobieren, dann brillieren." „Ich will nicht mehr denken?" „Es schadet der Liebe." „Mein Körper?" „Lebt"" „Mein Hirn?" „Denkt." „Beine?" „Tragen mich." „Und?" „Ich esse. Ich trinke. Ich schlafe. Früher trug ich stolz ein Herz zur Schau. Heute trage ich Verantwortung." „Ein Traum?" „Alicia!" „Warum?" „Niemand soll dir die Tränen trocknen, wenn sie es nicht will." „Aggression?" „Eine wahrhaft positive Leistung." „Wunden?" „Solange den Finger in die Wunde legen bis sie heilen kann." „Sarkasmus?" „Schutzschild gegen die Dummheit." „Zynismus? „Einzige Überlebenschance für Träumer." „Fatalisten?" „Stehend Begrabene oder die Angst vor dem bequemen Bett." „Utopisten?" „Ertrunkene Wassermänner." „Utopistinnen?" „Wiederbeleber ertrunkener Wassermänner." „Was ist schief gegangen, Paul?" fragte Anne sehr ruhig. „Ich bin Zwilling. Du mußt mich wiederbeleben wenn mein Zwilling mich einmal erschlagen hat. Das weißt du doch. Ich kann nicht in dein Wasser. Ich bin nicht wie du. Ich bin bodenständig. Nicht so kreativ. Nicht so getrieben. Nicht so atemlos. Ich bin Zwilling. Du bist der Wassermann, der Utopist, der Träumer, der Weltenbummler, der Mann der hinter dem Mond noch Licht sieht. Ich bin das nicht. Ich will nicht hinter dir her hechten, für dich arbeiten in einem Metier für das ich nicht geschaffen bin." „Natürlich bist du dafür geschaffen. Wer sonst, außer dir?" „Ich bin Tänzerin, Paul. Tänzerin. Nicht Choreographin. Ich kann nicht mehr tanzen. Das tut irrsinnig weh, das weißt du. Wir haben zwei Töchter, die eine Mutter brauchen und keine Tänzerin." „Und wohl auch keinen Vater der Traumtänzer ist." Anne mußte lachen. Selbst in dieser Situation konnte Paul sie noch zum Lachen bringen. „Doch - einen Traumtänzer brauchen sie, solange er sich erinnert, daß ein Traumtänzer auch Vater sein kann." Paul wußte darauf nichts zu sagen. Er war müde und leer. Er wußte, daß er Anne nicht die Antworten geben konnte, die sie im Augenblick so notwendig brauchte. „Was ist in Meiningen passiert?" fragte sie leise. „Ich dachte, du liebst diese neue Schauspielerin. War Mascha nicht genug? Und nun plötzlich diese Polin. Diese Sängerin. Was ist mit der Schauspielring in Meinigen passiert? Ist es endlich einmal jemandem gelungen, dir etwas vorzuspielen?" „Als ich die Frau zum ersten Mal sah - erinnerte ich mich. Als sie dann vor mir saß - glaubte ich sie zu kennen. Als sie dann nackt neben ihm lag - war sie eine Fremde." „Erspar mir die Einzelheiten!" Anne nahm sich eine Zigarette, obwohl die alte noch im Aschenbecher vor sich hin glimmte und leerte ihr Glas in einem Zug, füllte es nach und warf die Flasche an die Wand. Lange saß sie mit verkrampften Händen, während Paul immer noch am Fenster lehnte und auf Kühlung hoffte. „Du siehst müde aus," murmelte Anne in ihren Weißwein. „Es war ziemlich anstrengend." Paul war erst an diesem Tag wieder nach Hause gekommen, um den letzten Tag bei den Kindern zu sein. „Das kann ich mir lebhaft vorstellen" giftete Anne. „Anne, ich bin nicht hier um mit dir zu streiten." „Bist du sicher, daß du diese...Sängerin nicht aufgeben kannst - so wie deine Schauspielerinnen?" „Ganz sicher." Die Art, wie sie Sängerin sagte, machte Paul wütend. Doch er hatte sich geschworen, ruhig zu bleiben. „Bist du sicher, daß du uns aufgeben kannst?" fragte Anne zaghaft. „Ja!" Die Antwort kam klar, eindeutig und unwiderruflich. „Und deine große, unendliche Liebe zu mir, Paul?" „Gibt es immer noch. Ich kann sie nur nicht mehr leben." „Ich habe wohl zu spät zugegeben, daß ich die liebe." „Hast du mich je geliebt." „Ich mochte dich, ich schaute zu dir auf. Du gabst mir Sicherheit und ich wußte, daß du mich trotz allem, wirklich liebst. Als ich dann entdeckte, daß auch bei mir eine große Liebe gewachsen war, da war es schon zu spät." „Wann hast du das entdeckt, Anne?" Anne schwieg sehr lange. Dann nahm sie einen kleinen Schluck Weißwein und wischte mit dem kleinen Finger über den Marmortisch. „Vor zwei Monaten, Paul." „Vor zwei Monaten? Nach vierzehn Jahren Ehe und sechzehn Jahren Zusammenleben?" „Es war am Flughafen, als wir aus Sydney zurück kamen. Ich wußte, daß du mich nur für so lange nach Hause geschickt hast, weil irgend etwas nicht stimmte. Aber als du dich dann hinter einem Pfeiler versteckt hast, damit wir dich nicht sehen, da wußte ich plötzlich, was da für ein Gefühl ist. Warum hast du dich versteckt Paul?" „Ich wollte sehen, was ich empfinde wenn ich euch einfach nur sehe." Nach einer langen Pause fragte Anne: „Und was hast du empfunden?" „Nichts," sagte Paul. „Gar nichts. Nicht einmal Trauer. Es war schrecklich." Anne stand langsam auf. Sie hatte ein bißchen zu viel getrunken und das Begräbnis der Schwiegermutter und die ganze Kraft, die sie zu dieser Trennung brauchte, ließ sie leicht schwanken. Paul wollte sie stützen, doch sie wehrte ihn ab. Primaballerina. Prima Disziplina bis zum Abwinken. Wie immer war sie perfekt geschminkt. Sie war mit ihren neununddreißig Jahren genau so schön wie immer. Sie war herrlich. Doch Paul konnte nicht mehr Pygmalion sein. „Bring uns bitte morgen nicht zum Flughafen. Geh bitte jetzt. Die Kinder wissen, daß du nicht kommst. Sie verstehen das. Geh bitte jetzt. Und fahr vorsichtig." „Bist du sicher, daß das gut ist, Anne?" „Ja, so lange du die Geschichte über deine Sängerin nicht einmal erzählen kannst, ist das gut. Kannst du die Geschichte erzählen?" „Nein. Noch nicht. Vielleicht kann ich sie nie erzählen. Ich weiß nur, daß es sein muß." „Du tust mir leid, Paul. Du bist ein armer Mann." Paul nickte leise und ging. Er stieg in seinen Mercedes und brauste in die Nacht davon. Wohin? In die Nähe der Sängerin, von der er niemandem erzählen konnte. Seine Ehe war zu Ende und er war doch nicht frei. Paul wußte nicht was ihn trieb. Er wollte sich um seine Kinder sorgen. Er wollte seiner Frau in Australien einen neuen Anfang ermöglichen. Er wußte noch nicht, was da auf ihn zu kam. Noch glaubte er, es ginge alles leicht und glatt. Doch beleidigte Frauen werden sehr hart und gierig. In den kommenden Jahren mußte Paul immer wieder Geld zusammen kratzen, um es nach Australien zu transferieren. Für die ersten drei Jahre füntausendzweihundert Mark im Monat. Er verdiente gar nicht so viel. Das Erbe der Mutteer, sein Hausanteil am Elternhaus, runde einhundertfünfzig-tausend Mark, gingen wortlos nach Sydney. Für Paul war das egal. Geld ängstigte ihn nicht. Manchmal dachte er nur: „Jetzt weiß ich wenigstens, was sie damals mit armer Mann meinte." Er mußte, seit er sechzehn war, sein eigenes Geld verdienen. Er rechnete oft stundenlang und schaffte es immer irgendwie klar zu kommen. Er redete viel über Geld, aber es war ihm noch nie aufgefallen. Doch es war ihm egal. Er hatte Kraft. Er war gesund. Er hatte den Alkohol im Griff. Er war Wassermann mit Löwe. Nur über Iza - die Sängerin konnte er nicht reden. Er fragte sich in dieser Nacht, warum eigentlich. 7 Als Paul in Essen ankam und sein Zimmer im Mövenpick bezog, war es sieben Uhr morgens. Paul war hellwach. Er hatte Anne noch gesagt, die Kinder könnten ihn, vom Flughaufen aus, im Hotel anrufen. Das würde so gegen elf Uhr sein. Was sollte er nur machen? Er wußte nicht, ob Iza - die Sängerin, über die er nicht reden konnte, ob sie heute überhaupt nach Essen kam, oder nicht. Bei ihr zu Hause durfte er erst nach neun Uhr anrufen. Wenn die Familie aus dem Haus war. Er schaltete den Fernseher an und bestellte sich Frühstück aufs Zimmer. Abwesend packte er sein Laptop aus und ging auf sein privates Programm. Niemand kannte das Paßwort dafür. Zu viele Geheimnisse waren in diesem Programm verborgen. Zu viele Träume, zu viele Sehnsüchte. Aber auch zu viel Angst. Er klickte auf Datei öffnen und ging mit dem Cursor ans Ende des Dokuments. Was hatte er eigentlich in letzter Zeit geschrieben? Warschau - 2.2.1992: Der Papst - inkarnierter Gottesfurz. Der polnische Papst - Durchfall nach scharf gewürzter Krakauer. Katholiken - Ausweglose. Gott - meine Erschöpfung nach jedem Schöpferakt. „Genau" dachte Paul. „Das war als Iza so sauer war, daß ich nicht mit ihr in die Kirche wollte." Paul sprach in letzter Zeit häufig mit sich selbst. Er war unendlich viel alleine. Saß tagelang in Hotelzimmern und wartete. Sprach mit niemandem. Wartete nur auf die zwanzig Minuten mit Iza. In Wien, in Mannheim, in Warschau, in München, in Düsseldorf, in Gelsenkirchen und nun wieder einmal in Essen. Warten, warten, warten. Warum konnte er die verdammte Geschichte nicht erzählen. Wo war da sein Block? Wien - 14.4.1992 Glaube - daß die Welt sich nur um sich selber dreht. Hoffnung - daß die Dummen durchdrehen und so gescheit werden. Liebe - polnisches Eis am Stil. „Wien" dachte Paul In Wien war es immer am Besten. Da hatte Iza zwar Proben und Vorstellungen, doch sie hatte auch viel Zeit für ihn. Sie gingen spazieren in Schönbrunn. Sie gingen essen. Sie trafen dort sogar Freunde. In Wien taten sie so, als wenn alles normal wäre. Amsterdam - 1.5.1992: Ich hab dem Wind gesagt er soll dich streicheln. Ich hab der Nacht gesagt sie möge dich begleiten. Ich habe dem Nebel gesagt er möge um dich sein wie mein Arm auf dem Weg heimwärts Über das Mondlicht will ich in deine Träume steigen und am Morgen soll deine Hand noch warm sein. Von meiner. In Amsterdam hatten sie einen fürchterlichen Streit. Iza wollte unbedingt eine Live Sex Show sehen. Paul war das peinlich. Seit seiner Zeit mit der Stripperin in Wuppertal fand er das ziemlich blöde. Aber Iza hatte so etwas noch nie gesehen. Doch Paul blieb standhaft und so wurde die Fahrt zurück nach Essen eine sehr schweigsame. Sie hatten sich dann doch noch im Hotel geliebt. Wie immer mit voller Inbrunst und Leidenschaft - und Liebe? Das kleine Gedicht hatte Paul irgendwann einmal entdeckt und für Iza niedergeschrieben, nachdem sie nach Hause gefahren war. Er hatte es ihr jedoch nie gegeben. Es war das erste Mal, daß Paul etwas geschrieben hatte, ohne es zu überreichen. Das kleine Gedicht schien ihm irgendwie zu kostbar. Er wollte den richtigen Zeitpunkt abwarten. Vielleicht würde er es ihr auch nie schenken. Versonnen tippte er '12.5.1992 - Flughafen Frankfurt' in den Computer. Das heutige Datum. Die Abreise seiner Kinder und seiner Frau. Der Beginn eines neuen Lebens? Was für ein Leben. Wirklich neu. Warum konnte er die Geschichte nicht erzählen. Was hielt ihn denn nur so in Atem. Was blockierte ihn denn so. Er wußte nicht, was er unter das Datum schreiben sollte. Er starrte nur ratlos vor sich hin. Und dann schrieb er unter den Titel: 2 Paar ratlose Kinderaugen 1 Paar Tränensäcke 1 Paar Gletscheraugen 4 Koffer und kein Attentat. Plötzlich wurde ihm klar, warum Anne alleine zum Flughafen wollte. Sie wollte sich und die Kinder beschützen. Sie wollte sogar Paul beschützen. Sie wollte sicherstellen, daß der eingeschlagene Weg begehbar wurde. Sie war klug. Sehr klug. Und sie liebte ihn anscheinend wirklich. In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Seine Kinder waren am anderen Ende der Leitung. Das Gespräch war kurz, fast schmerzlos. Er wünschte ihnen gute Reise und sagte wie sehr er sie vermissen würde. Ja und er würde sehr, sehr bald nachkommen. Dann legte er, nach vielen Küssen und Hugs, auf. Paul war erleichtert. Er fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit befreit. Es klopfte an der Tür und Paul öffnete sie. Iza stürmte herein. Sie hatte ein leicht gerötetes Gesicht und offen-sichtlich etwas getrunken. Sie setzte sich auf einen Stuhl, in Hut und Mantel und krampfte die Hände zusammen. „Was ist los?" fragte Paul sanft und küßte ihren Nacken. Iza hatte sich direkt vor den Spiegel gesetzt. Sie sprach mit ihm durch den Spiegel. „Seltsames Bild" dachte Paul. „Das muß ich einmal auf der Bühne probieren." „Du mußt zu deiner Frau zurück." „Zu spät, das Flugzeug hat eben abgehoben." „Trotzdem. Flieg hinterher." Iza hatte das so an sich. Sie konnte sehr rigoros sein und wurde dabei manchmal etwas ungeduldig. „Was ist passiert. Schau, ich bin da. Alles ist gut. Alles ist richtig. Komm erzähle." Paul bemerkte, wie sie ihre Hände verkrampfte. Sie trieb sich die Nägel ins Fleisch, als wollte sie sich mit Gewalt festhalten. „Ich war bei der Beichte." „Oh mein, Gott." „Ich darf dich nicht mehr anfassen, hat der Priester gesagt. Dann wird mir verziehen." „Iza, das kann doch nicht dein Ernst sein. Wie sollst du das schaffen. Mich nicht anfassen. Du liebst mich." „Ja, Paul, ich liebe dich. Aber ich darf nicht mehr anfassen. Nie mehr. Ich weiß meine Strafe und Buße ist, daß ich unglücklich werde. Aber so muß es sein. Geh zurück zu deiner Frau, bitte." Sie war todunglücklich. Paul sah sie nur im Spiegel an. Ihre Augen trafen sich, sie schüttelte leise den Kopf. „Schau mich nicht so an." Doch Paul sah sie nur an. Er tat nichts. Er sah sie nur an. Izas Hände bluteten fast. Sie starrte Paul mit einer Verzweiflung an, die er noch nie gesehen hatte. „Schau nicht so." „Du kannst ja morgen wieder zur Beichte gehen," ulkte Paul. „Du kannst jeden Tag zur Beichte gehen. Der Papst liebt das. Du kriegst einen Orden aus dem Vatikan und wirst Heilig gesprochen. Als echte Polin ist das doch die Karriere." „Mach dich nicht lustig" sagte Iza, doch in ihren Augen war schon ein kleines Lächeln. Die beiden sahen sich wieder lange an. Dann schüttelte Iza den Kopf, nahm ihren Hut ab, legte den Mantel über die Stuhllehne und fiel über Paul her, als würde sie ertrinken. Sie liebten sich zwei Stunden lang. Ohne Pause. Wie Verlorene. Es gab nichts, was ihnen fremd gewesen wäre. Nach diesem Akt kannten sich Paul und Iza in- und auswendig. Als Iza aus der Dusche kam und sich rasch anzog, fragte Paul: „Wann sehe ich dich?" „Immer," kam die prompte Antwort. Sie war fertig und küßte ihn lange und zart. Dann sah sie ihn noch einmal mit ihrem tiefen Blick an und sagte: „Weißt du, wie sehr ich dich liebe, du Mann aus der anderen Welt?" Damit setzte sie ihren Hut auf und ging, winkend den Hotelgang hinunter. Paul bemerkte erst jetzt, daß sein Laptop immer noch an war. So ging das jetzt schon seit sechs Monaten mit ihm und Iza. Warum konnte er die Geschichte nicht erzählen. Er setzte sich und begann zu schreiben. Er las was er schrieb und löschte es wieder. Nichts machte Sinn. Dann tippte er ein: Das Märchen vom Mann aus der anderen Welt. „Das Märchen vom Mann aus der Anderen Welt. Warum schreib ich jetzt Märchen?" murmelte er. „Sie hat doch gesagt ich bin der Mann aus der anderen Welt. Schaun wir mal was da jetzt so kommt." Und er begann zu schreiben wie er es immer tat. Ohne zu denken. Einfach nur den Gedanken freien Lauf lassend. Es war einmal, vor nicht all zu langer Zeit, ein Mann! Es hätte auch eine Frau sein können, ein Kind - aber es war nun Mal ein Mann. Er war nicht anders - er war auch nicht wirklich aus einer anderen Welt - es schien nur so - weil er nachdachte - weil er ein kleines bißchen anders war, als die vielen, grauen Einheitsmänner um ihn herum. In Augen-blicken, in denen ein „wirklicher" Mann niemals seine Tränen zeigen würde, in solchen Augenblicken weinte er. Er weinte - weil er es ehrlich meinte - weil er sich nicht wie ein „wirklicher" Mann benehmen wollte - sondern weil ihm der Andere - die Andere - das Gegenüber so wichtig war. Drum nannte man ihn, automatisch, den Mann aus einer anderen Welt. Seine Welt war aber nicht anders, sie war nur dicht - zärtlich - duldsam - zuhörend - nicht berechnend - einfach nur seine Welt. Er wollte immer, daß Alle um ihn herum an dieser Welt teilnehmen sollten - genießen sollten - fröhlich und unbefangen - ohne Angst und ohne schlechtes Gewissen. Dieser Mann reiste durch die Welt, traf viele Menschen, machte sie durch seine bloße Gegenwart und sanfte Berührung glücklich und unendlich unglücklich zugleich. Immer wenn er fort ging, hinterließ er eine seltsame Leere - als ob der Klang der Musik plötzlich nicht mehr klingen wollte. Aber er ging, unbeirrbar, immer wieder ging er weiter - in Richtung einer anderen Welt, in die ihm aber niemand folgen wollte. Eines Tages, da traf dieser Mann aus einer anderen Welt eine Frau - doch diese Frau war aus einer ganz anderen Welt. Diese Frau war stark - nicht ängstlich - diese Frau war selbständig - niemals abhängig - diese Frau war jung und doch alt zugleich, wobei das Altsein nichts mit Vergänglichkeit zu tun hatte, sondern mit einem tiefen Wissen um die Möglichkeit und Machbarkeit des Lebens. Sie ahnte ihre Kraft, war sich ihrer aber noch nicht sicher. Diese Frau hatte Talent - woran sie nicht glaubte, denn für Talent konnte sie ja nichts und sie wollte immer alles selbst in der Hand haben, alles aus sich selbst heraus schaffen und nichts geschenkt bekommen. Diese Frau war ein Mädchen - so unschuldig und hoffnungsfroh, aber sie wollte nicht wahr haben, daß sie das Geheimnis längst erkannt, längst entdeckt hatte! Sie war eine Frau - so unantastbar wie ein Edelweiß, das dem Kletterer im steilen Fels durch seine naive Schönheit den rettenden Griff versperrt. Der Kletterer kehrt lieber um, als daß er das Edelweiß zerdrückt, nur um sein eigenes Leben zu retten. Doch eines Tages, es war zwangsläufig - da trafen sich der Mann aus einer anderen Welt und jene Frau, die immer noch ein Mädchen war. Zum ersten Mal seit langer Zeit, begann der Mann zu kämpfen. Es fiel ihm schwer, denn er mochte den Kampf nicht. Doch durch dieses Zusammentreffen begann er zu kämpfen - gegen sich - gegen seine Umgebung - gegen Lug und Trug, Eitelkeit, Borniertheit und Überheblichkeit, gegen all die Dinge, die er immer so sehr gehaßt hatte. Der Mann aus der anderen Welt hatte auch Verpflichtungen, große Verantwortung - wichtige Ziele. Doch dies schien ihm plötzlich nichtig und klein. Er wußte - er konnte nur noch frei atmen, wenn er dem neuen Gefühl nachgab, wenn er es zuließ, wenn er es ehrlich verantwortete, wenn er einfach sein ganzes Sein dem Wind anheim gab - sich fallen und treiben ließ - und fest daran glaubte, daß Alles richtig und gut war. Er wehrte sich mit aller Macht gegen diese neue Welt, die da so unerwartet über ihn hereinbrach, wie ein Gewitter im Winter. Er suchte Schutz in seiner Kraft, doch seine Kraft sagte: Nein - du mußt hier selber handeln. Doch wie sollte er handeln, wenn ihm die Hände so gebunden waren? Er träumte sich zu dieser fremden Frau, er malte sich die unheimlichsten Situationen aus, er fuhr - nachts im Traum - gequält hoch - schrie nach ihr und niemand hörte ihn. Teil 2 Einmal - da war die Nacht besonders schlimm - da sah er sich ins Auto steigen und durch Wind und Regen, Nebel und Schnee, in ihre Richtung fahren. Es dauerte sehr lange, doch schließlich kam er an. Es war spät und doch früh genug - er läutete an der Tür - ein fremder Mann öffnete ihm und der Mann aus der anderen Welt konnte nur sagen : Ich bin der Fremde. Darf ich eintreten? Und der Mann an der Wohnungstür war so verblüfft, daß er ihn einließ. Der Fremde legte seinen Mantel ab und sagte: Darf ich mit den Kindern sprechen? Und der Hausherr nickte still. Und so ging der Fremde ins Wohnzimmer, wo zwei Kinder um den Fernseher versammelt waren, kniete sich nieder und sagte: Ich bin der Mann der euch Angst macht. Und der kleine Junge sah dem Fremden vertrauensvoll in die Augen und flüsterte: Ich habe keine Angst vor Dir, denn meine Mutter hat mich vor dem Ertrinken gerettet und sie wird mich immer retten. Und das kleine Mädchen wisperte: Ich kann schwimmen, - weil ich meiner Mutter vertraue. So kniete der Fremde vor den Kindern und sprach mit ihnen. Er erzählte ihnen von fernen Ländern, von Menschen und Tieren, den vielen Dingen, die er so liebte. Von Gerüchen, Geheimnissen, Abenteuern, Märchen und von seinen Träumen. Und die Kinder schauten ihn an, verstanden ihn und hatten keine Angst. Der Vater der Kinder stand an der Wohnzimmertür und beobachtete den Fremden, wie er mit seinen Kindern sprach. Er wollte wütend sein, doch kein böses Gefühl verirrte sich zu ihm. Er stand nur da, sah seinen Kindern und dem Fremden zu und er begriff, daß sein Leben sich veränderte. Die Frau kam aus der Küche, sie hatte die Türklingel gehört und wußte, ahnte wer da gekommen war. Sie sah den Fremden vor ihren Kindern knien, sah das Vertrauen das sie zu ihm hatten, sah ihren Mann, der so hilflos im Türrahmen stand und sie wollte erschrecken, wütend und böse sein und konnte es nicht. Sie war seltsam ruhig - nie hatte sie geahnt, oder gar gehofft, daß der Mann aus der anderen Welt eines Tages wirklich in ihrem Leben auftauchen würde - daß er einfach da sein würde - ohne großes Geschrei, ohne viel Wirbel und Kampf. Daß er vor ihren Kindern knien würde, Geschichten vom Leben erzählend und ihrem Mann freundlich die Hand reichen würde. Sie hatte Angst, daß ihr Mann, mit seiner urwüchsig antrainierten Kraft und dem halben schwarzen Dan vielleicht ein fürchterliches Blutbad anrichten würde. Doch nichts dergleichen geschah. Da kniete der Fremde in ihrem Wohnzimmer - ihr Mann setzte sich auf die Couch, die Kinder packten ihre Spielsachen aus und zeigten sie dem fremden Mann, alles war gänzlich normal - friedlich - ohne Angst und Haß. Der Mann aus einer anderen Welt stand irgendwann auf und sagte: Ich muß jetzt wohl wieder gehen. Doch die Frau antwortete: Nein bleib - iß mit uns - setz dich an den Tisch mit uns. Und sie sah ihren Mann an und der nickte nur - zwar traurig, aber nicht verängstigt. Irgendwie schien alles völlig normal, so normal und richtig, wie es eben nur im Traum sein kann. Und so aß der Fremde mit der fremden Familie. Kurz vor dem Nachtisch sagte er: Ich habe übrigens auch einen Namen und er nannte ihnen seinen Namen - und alle nickten und wiederholten leise den Namen des Mannes aus der anderen Welt. Dann war auch das Essen vorbei und der Fremde, der nun auch einen Namen hatte, verabschiedete sich höflich. Er ging so leise wie er gekommen war und die Kinder gingen zu Bett, sagten ihr Nachtgebet und waren irgendwie glücklich. Die Eltern haben sich sehr lange stumm angesehen und dann sprachen sie, die ganze Nacht, ohne müde zu werden. Beide wußten sie, daß da kein Fremder in ihr Leben eingedrungen war. Sie wußten, der Mann aus der anderen Welt, der nun auch einen Namen hatte, dieser Mann war da und er blieb. Teil 3 Plötzlich wachte der Fremde auf - er war schweißgebadet und erinnerte sich augenblicklich an seinen seltsamen Traum. Er geriet fast in Panik, denn er wußte nicht mehr ganz genau, ob er nur geträumt hatte, oder ob er wirklich bei der Familie in der fernen Betonstadt zu Besuch gewesen war. Er bekam Angst, denn er hatte der Frau doch so fest versprochen, niemals in ihr Leben einzudringen. Er stand auf und wanderte im Zimmer hin und her. Er hatte keine Zigaretten mehr, es war egal. Er zermarterte sich das Hirn über seinen seltsamen Traum, als die Türklingel ging. Er war an einem Ort, an dem ihn niemand finden konnte und doch ging die Türglocke - jetzt um vier Uhr Nachts. Er öffnete und draußen stand, völlig außer Atem, als wäre sie den weiten Weg zu Fuß gelaufen, da stand verwirrt und glücklich zugleich, die Frau aus seinem Traum. Sie sagte nur: Ich muß mit dir in deine fremde Welt und er nahm sie still bei der Hand und fuhr mit ihr dorthin, wo seine eigenen Kinder auf ihn warteten. Und als sie ankamen, da sprangen ihnen zwei kleine Mädchen entgegen und riefen: Wie schön daß ihr endlich da seid! Und die Frau, die wirklich aus einer anderen Welt kam und sogar eine andere Sprache sprach, sie kniete vor den Mädchen nieder und erzählte ihnen, in ihrer Muttersprache, die lange Geschichte ihrer Begegnung mit dem Mann aus einer anderen Welt. Obwohl die Kinder ihre Worte nicht verstanden, begriffen sie die Geschichte mit dem Herzen. Am Türpfosten stand die Frau des Fremden, kämpfte mit ihren Tränen, doch auch sie verstand. Helles Sonnenlicht flutete durchs Fenster und der Mann aus der anderen Welt fand sich, eng zusammengekauert, in einer Ecke des fremden Hotelzimmers und wußte endlich, daß er die ganze Nacht sehr real geträumt hatte. Er kauerte in seiner Ecke, blinzelte ins strahlende Licht. Er zählte die Sekunden, die Minuten, sehnte sich nach der Frau, die er gefunden hatte, quälte sich mit Gedanken an die Frau, die er vielleicht verlassen mußte und trotz der vielen Fragen fühlte er sich zum ersten Mal, seit langer Zeit, wieder stark und glücklich. Das Märchen vom Mann aus der anderen Welt. Es ist kein Märchen - es ist so wahr wie die Zeit - sicher - es ist schwierig, aber auch der Hund in seinen Träumen lernte eines Tages fliegen und die geliebte Wildente konnte ihn schlußendlich verstehen. So viele Geschichten hat der Mann aus der anderen Welt in seinem Leben erzählt, es wurde Zeit, daß seine Geschichten und Märchen endlich wahr wurden. Und so packte er seine wenigen Sachen, bezahlte die Hotelrechnung, setzte sich in seinen Wagen und fuhr - nach Hause - wo auch immer das sein mochte. Er fuhr durch den Regen, durch Schnee und Eis. Die Nebel lichteten sich und er sah ganz klar, daß in seinem Herzen genug Platz war für Verantwortung und Liebe. Er liebte seine Kinder, wie man nur Kinder lieben konnte, er liebte seine Frau wie man nur einen Menschen lieben konnte, der mehr war als nur die Frau des Mannes aus der anderen Welt. Doch ganz anders, neu und unauslöschlich , in jeder Faser seines Herzens, brannte die Liebe zu jener fremden Frau, der er einfach begegnet war, als die Zeit dafür reif war. Ein Rausch verfliegt - doch Liebe nie. Er wußte, daß er eines Tages heimkommen würde - zu der Frau aus dem fremden Land - die nie kocham cie sagte, doch immerzu dachte. Die genau wie er Nachts wach lag und brannte. Die sich wie er sehnte und hoffte, daß alles gut wird. Und er fuhr und schrie in den heulenden Wind: Ich will das Leben nicht überleben - ich will es leben! Sehr lange starrte Paul auf das Geschriebene. Sehr lange. Er las die Geschichte immer wieder und plötzlich fröstelte ihn. „Teil zwei" dachte er „Teil zwei ist das, was heute stimmt. Aber nicht Teil eins und Teil drei. Das ist nicht Iza. Da ist noch jemand. Aber wer. Ich projiziere das auf Iza. Aber sie ist es nicht. Sie würde nie zu meinen Kindern fahren. Sie würde mich in ihr Haus lassen, aber sie würde mich nie suchen." Fluchend klappte er das Laptop zu. „Ich Trottel," schrie er sich im Badezimmer an. „Idiot! Fetzenschädel. Arschloch. Du schreibst immer das, was du in der Realität nie tust. Tu es endlich. Liebe Iza! Brich sie aus ihrer Familie heraus. Mach sie zur Atheistin und glücklich. Schreib es nicht nur. Tu es. Hör auf zu nörgeln, zu grübeln, zu beleidigen, zu zertreten. Leb was du schreibst. Verlaß sie!" Erschrocken hörte Paul auf zu schreien. Iza verlassen. Nein. Nie. Sie war doch - was war sie? Wer war sie. Teil zwei - aber nicht Teil eins und drei. Und Paul entschloß sich, um Iza zu kämpfen und aus ihr Teil eins und drei seiner Geschichte vom Mann aus der anderen Welt zu machen. 8 Im August war es dann soweit. Iza war im Juli plötzlich verschwunden. Nach endlosen Szenen mit ihrem Mann vor dem Hotel in Gelsenkirchen. Der arme saß stundenlang auf einem Brunnenrand und wartete, bis seine treulose Frau wieder aus dem Hotel kam, in dem sie sich so unpolnisch mit einem windigen Österreicher verlustierte. Dem Mann aus Krakau machten seine sichtbaren Tränen nichts aus. Er saß da an seinem Brunnen, manchmal brachte ihm ein mitleidiger Kellner eine Tasse Kaffe. Er saß da und wartete. Von Liebe im Hotel war längst nicht mehr die Rede. Immer wieder schrie Iza in hellster Verzweiflung: „Hör auf zu träumen, Paul." „Das können nur Katholiken," giftete Paul dann zurück. Zum ersten Mal in seinem Leben erfuhr er, wie Galle schmeckt. Eines Tages klingelte in seinem schweizerischen Hotel das Telefon und die Verschollene wisperte: „Kannst d u nach Gelsenkirchen kommen? Wir müssen das anständig zu Ende bringen." Und Paul raste los. Da saßen sie dann, wie zwei Verlorene, die sich endlich gefunden hatten und doch nicht den Mut besaßen es zu akzeptieren. Mit Tränen in den Augen schob Iza Paul eine kleine Schachtel zu. Der bosnische Kellner servierte dazu Slibowitz. „Nimm Deine Perlen zurück. Sie schnüren mir die Kehle zu. Deine Briefe habe ich schon verbrannt," hauchte die schöne Polin und Paul war sich nicht mehr sicher, ob das ganze nur eine Galavorstellung masurischer Schauspielkunst war. „Die Perlen gehören dir, Iza. Nur dir." „Aber sie waren doch so teuer und du brauchst Geld." „Ich brauch kein Geld. Was ich brauche, das kann mir Geld nicht kaufen." Sie schwiegen sehr lange an diesem Nachmittag in Gelsenkirchen. Paul hatte das Gefühl, daß er für immer verstummen würde. Er, der in den unmöglichsten Situationen immer noch eine neue Wendung auf Lager hatte, er war plötzlich völlig hilflos. Nach Stunden stand Iza schweigend auf, nahm die Perlenkette, die aus zwei Schnüren - einer schwarzen und einer weißen Reihe gedreht war - legte sie sich um den Hals und sagte tapfer: „Und wenn ich daran ersticke. Sei gut zu dir." Iza war fort. Paul wußte am nächsten morgen nicht, wie er in sein Hotel gekommen war. Beim Frühstück kicherten die Kellnerinnen und so entschloß er sich, bei der Rezeption nachzufragen. Der aufrechte, bosnische Kellner hatte ihn gebracht. Paul hatte keine Ahnung mehr. Wieder einmal bezahlte er eine Hotelrechnung, setzte sich in seinen Wagen und brauste zurück - wieder einmal in die falsche Richtung, in die Schweiz. Paul hatte dort eine Musical Uraufführung inszeniert und betreute die laufenden Vorstellungen. Keep Cool hieß das Werk sinniger Weise auch noch. Paul lebte in einem noblen Hotel in Ober Ägeri, direkt am See und betrachtete sich einheimische Urlauber, die sich am privaten Strand des Hotels ihre Urlaute zuwarfen. Schweizer - fünfhundert Jahre Isolationssyndrom. Fünfhundert Jahre Frieden und Wohlstand. Was so ein einziger Rütli Schwur bewirken kann. Der Produzent der Produktion war ein bekannter Schweizer Komiker. Paul hatte noch nicht heraus gefunden, was an diesem kleinen Graubündner Nasenzwerg eigentlich komisch sein sollte. Aber die Show lief und da der Komiker auch noch seinen eigenen Hauptdarsteller, im eigenen Stück und teilweise eigener Musik vor sich hin mimte schien das Ganze sogar finanziell erfolgreich zu sein. Der Keep Cool - zu satt um noch zu rülpsen. Iza war fort. Also war sowieso alles egal. Im Herbst mußt Paul zurück nach Münster. Die gefährlichen Liebschaften zu Ende inszenieren und dann sein eigenes kleines Kindermusical zur Welt bringen. Ausgerechnet im Theater von Münster, das sich immer nur als das Amt sechsundvierzig präsentierte. Mit einem Intendanten der eigentlich nur ein Hochglanzabziehbild seiner eigenen Eitelkeit war. Ach ja, der Achim. Ein genitaler Nutznießer der Dummheit. Bei ihm hatte Paul oft das Gefühl endlich begriffen zu haben, was denn eigentlich Onanie war - der Versuch Intendanten zu befriedigen. Aber für Paul war Befriedigung eigentlich immer das Gefühl nicht aus Angst nachzugeben. Und Angst war nur mit Träumen zu besiegen. Und Träume? Die einzige Möglichkeit der Realität ins Auge zu schauen. Onanie, Befriedigung, Angst, Träume, Realität? Was zählte das noch in diesen schwülen August Tagen mit den gewaltigen Hitzegewittern. Iza war fort. Manchmal sagte die Barmaid in der Hotelbar früh morgens um vier Uhr zu Paul: „Gib mir mal 'nen Kuß." Und Paul hatte immer das Gefühl sich selbst zu küssen. Liebschaften ohne das Gefühl von Gefahr. In Münster gab es eine Schauspielerin gegen die sich Paul mit Händen und Füßen wehren mußte. Nicht weil er nichts von ihr wollte, sondern weil er nicht von ihr wollen wollte. Zu leicht wäre der Sturz in den Abgrund und die Frage wer hier wen erschaffen hat würde sich zu leicht beantworten lassen. „Ich wär so gern Eliza Doolittle" summte er dann in seinen Pflümli und die Band aus Tschechien spielte dazu Strangers in the Night. Ein Buch wollte er schreibe. 'Ungehaltene Reden ausgehaltener Männer' sollte es heißen. Warum hatte Iza ihn nicht ausgehalten, nicht gehalten. Er hatte doch tatsächlich für Iza alles über Bord geworfen, alles aufgegeben, was ihm so lange so wichtig war. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder das Gefühl gehabt, er würde um etwas kämpfen. Aber er hatte den Kampf verloren. Nun ja, vielleicht ist ja ein verlorener Kampf manchmal tatsächlich der größte Sieg. Vergessen. Alles vergessen. Aber er hatte immer noch nicht gelernt, das Gedächtnis und auch die Großzügigkeit eines Elefanten endlich abzulegen. Wenn endlich die letzten einheimischen Hotelgäste sich in ihre vornehmen Zimmer verabschiedet hatte, dann saß Paul oft noch lange mit dem Personal des Grand Hotels auf der Terrasse vor der Bar. Es war ein bunt gemischtes Völkchen. Der Mixer kam aus der Ukraine, die zwei Serviertöchter aus Herzogovina, die Band aus Tschechien und der Oberkellner war Tiroler. Da wurde dann philosophiert, während der Chef, ein Urschweizer ungarischer Abstammung, die Abendkasse machte. „Nichts bleibt und ist trotzdem immer da. Ich bin genial. Ich weiß - eins und eins ist zwei. Oder?" „Verdient man eigentlich mit Theater viel Geld?" „Geld - die Möglichkeit sich selbst etwas vorzumachen." „Dann mach ich mir jetzt einmal vor, wie ich mein Geld zähle," sagte darauf immer der Chef des Hotels und verabschiedete sich. Der ukrainische Barmixer hatte sich restlos in die Leadsängerin der Band verliebt und strolchte nach dem Abgang des Chefs mit ihr an den Strand. Die Saison ging zu Ende und er wollte immer noch nicht begreifen, daß eine Sängerin aus Tschechien, die mit dem Schlagzeuger und Bandleader verheiratet ist und mit ihm drei Kinder hat, die während ihres Engagements in der goldenen Schweiz bei der Großmutter in Olmütz die Ferien verbrachten, daß so eine Wunderfrau eben nicht mit einem Kellner aus der Ukraine im Herbst nach Venedig fahren wollte um dort mit ihm Zwillinge zu zeugen, weil er das seiner Mutter so versprochen hatte. Die ältere der beiden Barmädchen aus Herzogovina hatte die Aufgabe die Bar zu schließen. Oft gab sie dann Paul noch einen letzten doppelstöckigen Pflümli mit auf den langen Weg zu seinem Zimmer. Einmal bat sie ihn, ihr doch ein Bewerbungsschreiben zu korrigieren. Sie holte ihre Mappe hervor, in der sie all ihre Bewerbungen fein säuberlich gesammelt hatte. Sie ging jede einzelne mit Paul durch. Rührend. „Es gibt Menschen, die sammeln ein Leben lang Schriftstücke," sagte Paul als er sich die vielen Seiten betrachtete. „Ich sammle nur in Gedanken - die kann mir niemand verbrennen. Da fühlen sich die Mißverstandenen plötzlich verstanden - das totale Mißverständnis. Draußen vor der Tür, ja! Drinnen in der warmen Stube, nein! Außer im Gespräch mit Borchert." Paul rührte in seinem Pflümli und schob die Mappe achtlos über den Tresen. „Du bist toll," knurrte er. „Geh einfach und stell Dich vor, die merken dann schon, mit wem sie es zu tun haben." „Ich mag Borchert," kicherte das namenlose Wesen. „Wir hatten einen österreichischen Lehrer, der hat uns Borchert vorgelesen. Die anderen mußten Schiller und Hauptmann lesen. Wir durften Borchert hören." „Genial. Eine Serviertochter aus Herzogovina, mit Verdacht auf eine Hotelkarriere bei Kempinski in Berlin, weiß wer Wolfgang Borchert ist. Was wird dann aus meiner Genialität? Die muß ich dann wohl korrigieren, „ brummte Paul vor sich hin und die Barmaid klemmte sich ihre Bewerbungsmappe unter den Arm und sagte fröhlich: „Laß mich deine Genialität korrigieren." Und das tat sie dann auch, den Rest der Nacht und den ganzen nächsten Tag. Die Namenlose schenkte Paul ihren freien Tag und er ließ seinen Choreographen die Proben machen. Sie war so herrlich fröhlich und Paul dachte plötzlich an seine Lady Caroline - erinnerte sich und stellte fest, daß wie Iza war. Alle waren wie Iza. Und Paul sehnte sich zurück nach München. Noch einmal ganz von vorne anfangen. Alle Fehler noch einmal, aber jetzt bewußt und mit doppelten Tempo. 9 Die Frau stand blond und streng im Türrahmen. Hinter ihr lugten zwei riesengroße Kinderaugen um die Schürze. Wie abwesend streichelte die Frau über den Kopf des kleinen Mädchens. Der Mann stand vor ihr - betreten schweigend, er zog die Schultern hoch und konnte dem Blick nicht begegnen. Leise begann es zu schneien. Seltsam schwere Musik hing über der Szene. Die Frau weinte nicht. Sie sah nur stumm den Mann vor ihrer Tür an. Ihre Hände flochten, unbewußt, kleine, hilflose Zöpfchen in das Haar des Mädchens, das immer noch großäugig an ihrer Schürze hing. Über die Musik erhob sich eine schwere, dunkle Stimme die sprach und doch klang es eher wie Gesang: „Und sie sah auf den Mann, ihren Mann und erkannte ihn nicht wieder - diesen Mann, den sie immer in ihm gesucht, geahnt, vermutet hatte. Kurz dachte sie - ich habe Angst. Dann nahm sie ihn bei der Hand und sah zum ersten Mal nur ihn. Der ließ die Schultern sinken und dachte - gut, sehr gut! Ich bin zu Hause." „Scheiße!" brüllte ein nickelbebrillter Zopfträger in der vorletzten Reihe des fast leeren Kinos. Auf der Leinwand schneite es nun immer mehr und aus dem Schnee wuchs langsam der Abspann, während die Musik unerträglich laut aus der, offensichtlich neuen, Dolbyanlage des Kinos grölte. Das Pärchen aus der achtzehnten Reihe, das sich die quälend langen zwei Stunden des Films über fröstelnd aneinander geklammert hatte, schaute sich irgendwie betreten an und ging kopfschüttelnd zum Ausgang. Der Zopfträger randalierte weiter in der vorletzten Reihe. Wozu? Die blutjunge Kartenabreißerin riß die Ausgangstüren auf. Alle Türen - als wäre das Kino vollbesetzt. „Scheiße, Scheiße, Scheiße," schrie der Zopf. Dann zog er plötzlich die Schultern hoch und stürmte, mit hochrotem Kopf, an dem Mädchen an der Tür vorbei. Wie er da so lief, sah er aus wie der Mann am Ende des Films. Paul mußte unwillkürlich lachen. Er hatte es sich seit einiger Zeit zur Angewohnheit gemacht, jeden Film bis zum bitteren Ende zu sehen. Bei Theaterstücken gelang ihm das noch nicht. Aber er war ja noch lernfähig. So saß er nun in dem leeren Kino und starrte auf die abrollenden Titel auf der Leinwand. „Mein Gott, was für ein Aufwand. Wie viele Menschen für einen einzigen kleinen Kunstfilm." Die letzten Namen verschwanden im Schneetreiben und plötzlich fuhr die Kamera auf ein Fenster zu. Durch das Schneetreiben sah man den Mann auf einem Küchenstuhl sitzen, das kleine Mädchen saß auf seinem Schoß und zeigte ihm ein Bilderbuch. Die Frau stand am Herd und weinte. Die Schneeflocken trafen das Fenster und begannen zu schmelzen. Ein weinendes Fenster und plötzlich war die Leinwand leer. „Ups" dachte Paul, „Kitscher as Kitsch can." Doch trotzdem hielt es ihn auf seinem Kinosessel. Durch die Ausgangstüren strömte helles Sonnenlicht. Der Staub tanzte und die Kartenabreißerin sah plötzlich hinreißend schön aus. Als Paul sich entschlossen hatte ins Kino zu gehen, hatte es in Strömen geregnet. Paul ging immer am Nachmittag ins Kino. Aus Prinzip. Er wollte nicht an der Kasse Schlange stehen und schon gar nicht neben einem Fremden sitzen. Er wollte sich auf den Film konzentrieren und auf sonst nichts. „Sie - die nächste Vorstellung beginnt gleich!" Das breite Bayerisch des Mädchens ließ jegliche Schönheit von ihr abfallen. Da stand sie nun, kaugummikauend, die Kopfhörer des obligaten Walkmans auf den Ohren und wohl vor den Augen. Im Gegenlicht war sie hinreißend schön und stumm gewesen. Sprache zerstört. Paul sammelte seine Plastiktüte ein und ging. Er versuchte noch dem Mädchen einmal tief in die Augen zu schauen, aber die wiegte sich gerade in den Armen von Andi Borg. Zwinkernd trat Paul auf die Straße. Die Gullys gurgelten noch leise vor sich hin und die Gehsteige dampften. „Verdammtes Wetter," dachte er noch und machte sich auf den Weg zum Pressekaffee. Noch ein Espresso, ein Cognac und zehn Zigaretten und dann schnell zum Zug nach Münster. Wieder in den Bunker. Szenische Proben, mit einer Horde aufmüpfiger Jungschauspieler, die von nichts eine Ahnung hatten, aber alles wußten, was sonst niemanden interessierte. Einige dieser wilden Jungen waren zwar nur ein paar Jährchen jünger als er selbst - neununddreißig ist ja wohl kaum ein Alter - und doch gebärdeten sie sich um Jahrhunderte jünger als er. Über Schauspielerei konnte man Paul nichts erzählen. Er glaubte fest daran, daß er selbst ein sehr guter Schauspieler gewesen war. Immer noch war. Doch das nur spielen wurde ihm ja schon mit vierundzwanzig Qual. Schon damals wollte selber verantwortlich sein und verriet so seinen großen Traum. Sein Großvater hatte ihn einmal nach Salzburg zu den Festspielen mitgenommen. Jedermann! Danach waren sie noch ins Kino gegangen. Hamlet! Aber ein Film aus Rußland. So hatte Pauls Großvater, wohl ohne es zu ahnen, eine Sucht in ihm ausgelöst. Ach ja der Gustl, der arme Holzfällerbub aus dem böhmischen Wald, der es bis zum Direktor der staatlichen Druckereien in Tschechien gebracht hatte und der dann zu Kriegsende im KZ landete - im tschechischen. Trotzdem hatte der Gustl schon sehr bald wieder eine eigene Druckerei. „Man muß funfzig und funfzig richtig zusammenzählen, dann wird hundertfunfzig daraus." So hat er wohl den amerikanischen Besatzern in Günzburg 1947 dann das Zählen beigebracht. Der Gustl, der so wunderschöne Geschichten erzählen konnte. Stundenlang saßen die Kinder mit offenem Mund um ihn herum und hörten seine Deutungen des Rübezahls und der Eisprinzessin. Damals, 1958, waren es dann schon zwei Druckereien - in Günzburg und Tübingen und das Monopol auf den Druck der Welthölzeretiketten nannte der Gustl sein eigen. „Espresso und doppelten Cognac, Herr Leber?" Lena stand vor Paul und lächelte maliziös. „Ich weiß - ich bin ein Alki und nichts wert und überhaupt und trotzdem!" „Aber dafür so fesch und männlich. Ein Remy oder billiger?" Lena konnte gräßlich dröhnend lachen. Wenn man bei ihr bestellte, wußte das ganze Lokal Bescheid. Kurt, der Besitzer vom Pressekaffee, mochte da gar nicht, aber Lena war seine beste Kraft, in jeder Beziehung. Kurts säuerliches Gesicht schwebte über der Kuchentheke: „Lena - kusch und Platz und komm!" „Ich komme nicht immer, aber dafür immer öfter - mit dir." Lena konnte, wie niemand sonst, Pausen setzen. Manchmal, wenn Paul sehr müde war, schickte er Schauspieler und Sänger zu Lena ins Pressekaffee. Anschauungsunterricht nannte er das. Timing. Sein ganzes Leben hatte er damit zugebracht, das richtige Timing zu finden. Wie besessen hatte er sich die Slapstick-Filme der dreißiger und vierziger Jahre angesehen. Doch angelsächsischer Humor war in seiner Sparte schwer durchzusetzen. Paul war überall sehr beliebt - das heißt man haßte ihn. Paul war immer schon etwas großspurig aufgetreten. Der Pseudologismus seiner jungen Jahre trieb die wildesten Blüten. Da gab es gestreifte Kinder, die er mit schwarzen Prinzessinnen aus Obervolta zeugte. Die Prinzessin gab es, nur das Kind eben nicht. Da ließ die Gräfin Stolberg erst das Essen servieren wenn Er, Paul, Platz genommen hatte. Nicht wenn der liebe Otto - der letzte und einzige Kaiser Österreichs, wieder einmal, durch die scharfen Grenzkontrollen, ins geliebte Tirol gekommen war. Nein, wenn er, Paul, der Liebling saß. Pauls Familie hatte mit den Habsburgern ungefähr so viel zu tun, wie das englische Königshaus mit Anstand. Die Tiroler Grenzer, die hatten Anstand. Da gab es dieses verrückte Einreiseverbot für den Thronfolger Otto und drum mußte er halt heimlich einreisen. Über den Achensee. Da standen dann die aufrechten und strammen Tiroler Grenzgendarme, mit den Händen an der Hosennaht und brüllten: „Kaiserliche Hoheit. Herzlich willkommen in der Heimat!" Und der Otto soll dann immer gnädig genickt haben. Seine Gnädigkeit kam von innen, hatte Paul einmal von einem solch wackeren Grenzer erfahren. Also wurde Paul auch gnädig und ließ gnädig fallen, er stamme aus dem Hause Habsburg - ganz kleine, unbekannte, verarmte Nebenlinie, die äußerst stolz darauf war, anno 1920 das „Von" ablegen zu dürfen, um fortan bescheiden bürgerlich zu sein. Wer hätte denn auch das alte Stammschloß erhalten sollen, außer der reiche österreichische Staat. Nein, nein - es war schon besser so. Daß das Stammschloß den Namen Tratzburg trug, das fiel niemandem weiters auf. Selbst in München zog keiner den Schluß, daß tratzen auf gut Deutsch „auf den Arm nehmen" heißt. Ja, Paul war ein Weltmeister im Tratzen. „Einmal Espresso, zweimal Cognac - einen für Sie, einen für mich. Ex und Hopp." Lena leerte ihr Glas mit einem Zug, griff in die Schürzentasche und legte ein braunes Etwas neben die Espressotasse. „Schönen Gruß an die Leber, Herr Leber. Macht zwölf Mark. Ich hab Feierabend." Das Wundern hatte sich Paul bei Lena längst abgewöhnt. Sie war ihm immer noch leicht böse, wegen der einen Nacht vor zwölf Jahren. Damals gab es eine wilde Premierenfeier im Pressekaffee und Lena und Paul waren die Letzten. Am anderen Morgen hätte er sich am liebsten geohrfeigt, für seine Blödheit. Dann hatte er sich auch noch mit dem dämlichsten Satz seit Erfindung der Dummheit verabschiedet.: „Nun habe ich endlich wieder einmal meiner Leidenschaft fürs Gewöhnliche gefrönt. Hat schon was für sich, diese Missionarsstellung!" Lena hatte sehr geweint und ihn fast zwei Jahre lang nicht mehr bedient. Dann war Paul für lange Zeit nicht mehr in München und als er nach fast zehn Jahren wieder ins Pressekaffee kam, da begrüßte ihn Lena auf ihre spezielle Art: „Da legst die nieder und stehst nimmer auf - der Herr von Paul. Küß die Hand, gschamste Dienerin. Wissens schon das Neueste? Die Orgasmusfähigkeit der Frau wird in der Missionarsstellung bis zur Empfindungslosigkeit unter-drückt. Ihre Meinung bitte, Herr von Leber!" Mit hochrotem Kopf war Paul damals aus dem Lokal geschossen. Doch seither redeten sie wieder miteinander. Und wenn Lena glücklich war, konnte man sehr viel von ihr lernen. Doch heute war Lena nicht sehr glücklich. Argwöhnisch untersuchte er das braune Ding das sie ihm kredenzte. Es roch wie Schokolade, war es wohl auch, doch bei Lena konnte man nie wissen. Manchmal verteilte sie heimlich Haschkekse zum Kaffee. Das hob den Umsatz und die Stimmung ungemein. Lena selbst schwor, daß sie noch niemals etwas anderes als Alkohol und Nikotin zu sich genommen hätte. Sie verteilte die Haschkekse nur, um sich zu amüsieren. Sie lachte gerne und laut. Fast so wie Großmutter. Paul hatte seine Großeltern väterlicherseits nie kennengelernt. Aber sein Onkel Albert, der älteste Bruder seines Vaters, der hatte ihm immer von Mams erzählt. „Ich sollte die Geschichte einmal aufschreiben" dachte Paul. Er sah auf die Uhr und entdeckte, daß er noch gute zwei Stunden bis zur Abfahrt seines Zuges hatte. „Könnt ich a bissl Schreibpapier bekommen?" rief er Kurt zu. Der kam mürrisch mit einem Block angelatscht und Paul begann wie ein Besessener zu schreiben. Er konnte immer noch nur so schreiben. Ohne nachzudenken, ohne zu planen. Einfach den Gedanken, Erinnerungen freien Lauf lassen, ohne Plan und ohne Ziel. So hatte er seine Theaterstücke geschrieben, so schrieb er seine Musicals, so schrieb er am liebsten Briefe. Seine Briefe waren immer noch die einzige Wahrheit an ihm. Er glaubte fest an das, was er schrieb. Doch seit Iza aus seinem Leben verschwunden war, lebte er mit Lust genau das Gegenteil. „Die Mams" schrieb er in großen Lettern auf die Kopfzeile und begann zu schreiben. Die Mams Am 12. Februar 1922 hatte es den ganzen Tag lang geschneit. Die Wolken hingen schwer und eisgrau in den Bergtälern. Seit Mitte Dezember war es schon bitterkalt und die Schneefälle wollten und wollten nicht aufhören. Für die Reichen, unten in der Landeshauptstadt war das kein Problem. Die ließen ihre Knechte Holz hacken und lagen nachts unter dicken Eiderdaunen. Aber hier oben, direkt am Fuß des Bettelwurfs, am Halltaleingang, hier gab es keine Knechte und auch kein Holz, das sie hätten hacken können. Agnes Leber saß mit ihren Söhnen Alois und Hannes am Küchentisch. Sie hatte den Tisch ganz nahe an den Herd gezogen, damit die Kleinen nicht gar so frieren mußten. Gestern, da mußte sie dem Hannes schnell die Windel wechseln und als sie fertig war, da war die Milchsuppe auf dem Tisch halb eingefroren. Heute gab es Fleischbrühe, obwohl gar nicht Sonntag war. Sie hatte eine Stückchen Rindfleisch für dem Louis gekocht. Der Louis, ihr Mann, der sollte heute abend noch aus dem Halltal heim kommen. Durch das schlechte Wetter war er nun schon zwei Wochen im Salzbergwerk geblieben. Es hatte keinen Sinn, durch die meterhohen Schneeverwehungen ins Tal abzusteigen. Da riskierte man Kopf und Kragen. Aber heute morgen war der Jockel da gewesen und hatte ihr gesagt, daß der Louis aufs Bergbauamt in Innsbruck muß, wegen der Löhne und daß er deshalb am Abend kommt. Da hatte sie sich so gefreut und entschlossen, daß heute Sonntag ist. Der vierjährige Alois half gerade dem zweijährigen Hannes sein Brot in die Suppe zu brechen, als es an der Tür klopfte. Agnes sprang vom Tisch auf: „Der Vatter, der Vatter ist da!" Schnell strich sie den beiden Buben die Haare aus der Stirn, legte ihre Schürze ab und glättete sich das Kleid über dem schon schweren Bauch. Im Juni sollte ihr drittes Kind zur Welt kommen. Sie freute sich darauf, trotz der vielen Mühen, die sie hier oben am Taleingang zu erdulden hatte. Sie freute sich auf dieses neue Kind, so wie sie sich auf die ersten beiden gefreut hatte. Aber am meisten freute sie sich auf ihren Mann. Louis, der Tiroler, der es mit Zähigkeit bis auf die Technikerschule in Wien geschafft hatte, um dort seinen Abschluß als Bergbauingenieur zu machen. Der arme Bauernbub, mit dem unbändigen Willen. Der mit seinen schwarzen Locken und dem buschigen Schnauzbart beim Maitanz im Wiener Prater direkt auf sie zugegangen war und einfach gesagt hatte: „I bin der Louis aus Tirol und du bist die Fescheste in ganz Wien. Mit dir möcht ich tanzen!" Und sie war völlig sprachlos gewesen und hat ihn sich genau angeschaut, den Mann in der kurzen Lederhose, die er so stolz trug, wie andere einen Frack. Mein Gott, die Knie, seine braungebrannten Knie, an denen konnte sie sich nie satt sehen. Für diese Knie hat sie gerne die Avancen der ganzen Ärzteschaft im Spital aufgegeben. Sie war Nachtschwester auf der Unfallabteilung. Ein schweres Brot, das meistens nur Mädchen aus Böhmen annahmen. Am nächsten Abend hatte sie dann ganz spontan den Herrn Professor Wildgruber geküßt. Der hatte ihr nämlich am Abend vorher frei gegeben, weil sie gar so blaß war und doch ein bißchen Maienluft und Fliederduft verdient hätte. Der Herr Professor war aber dann gar nicht sehr glücklich gewesen über den Kuß. „Verliebt hat sie sich. Was bin ich für ein blöder Hammel. Da geb ich ihr frei und sie verliebt sich. In wen dann? Darf man das wissen?" „In den Louis!" Ganz still und leise lächelnd hatte sie das gesagt. „In den Louis? Was für ein Louis?" fragte der Professor. „In den Louis aus Tirol." „Aus Tirol?! Ja sind's noch gscheit Schwester Agnes. In einen Andreas Hofer verliebt die sich. Ja wissen Sie denn noch gar nicht, daß das Kannibalen sind, diese Tiroler? Die lieben ihre Freiheit so sehr, daß sie vor gar nichts zurückschrecken. Nicht einmal vor Mädchen aus Böhmen. Die Tiroler. Verliebt sich die in einen Tiroler. Na, da dürfen wir uns ja bald eine neue Nachtschwester suchen." Und so war es dann auch. Gleich, als der Louis mit seiner Prüfung fertig war und als frischgebackener Bergbau-ingenieur eine Stelle im Haller Salzbergwerk bekommen hatte, gleich dann hat er sie gefragt, ob sie mit ihm geht, nach Tirol, als seine Frau. Und sie hat ihm in die lustigen Augen geschaut und gelacht. Sie hat so lange gelacht, daß ihr danach noch eine Woche der Bauch weh getan hat. Aber sie hat vor Glück gelacht und der Louis hatte das genau gespürt. Und so kam sie nach Eichach, da am Halltaleingang, am Fuß dieses grausligen, grauen, riesen Berges, der bei Föhn immer so aussah, als würde er gleich zum Fenster hereinstürzen. Aber Agnes war glücklich, wenn ihr Louis da war. Kein anderer Mann hatte sie je so fröhlich gemacht und man mußte als Nachtschwester viele Männer fröhlich machen. Jetzt war der Louis schon zwei endlos lange Winterwochen oben im Bergwerk. Im Sommer, da war das nicht so schlimm, da bat sie schon manchmal die Bäuerin, ein bißchen nach den Kleinen zu schauen. Und dann sprang sie los über den Wildbach und lief ohne Halt und Atempause den langen Weg zum Bergwerk hinauf. Am Bettelwurfeck ließ sie immer einen Jodler los, damit der Louis wußte, daß sie kam. Die schönsten Stunden ihrer Ehe hatte sie da oben am Waldrand mit ihm verbracht. Wenn dann die Milchstraße direkt über ihnen war, hat ihr der Louis immer den Mund zugehalten. Sie schrie gerne, vor Lust. Doch es gab ja noch genug Hirsche da oben, die machten auch oft einen wüsten Lärm. Die letzten zwei Wochen waren hart gewesen für Agnes. Das Baby war wohl wieder ein Bub, so wie der sich in ihrem Bauch aufführte. Und weil die Winternächte so endlos lang waren, lag sie oft wach im Bett, lauschte in sich hinein und dachte an ihren Louis. Manchmal schoß ihr da die Milch ein und sie mußte aufstehen, um sich zu trocknen. Doch selbst die Kälte konnte das brennende Gefühl zwischen ihren Beinen nicht lindern. Doch jetzt war er ja da und diese Nacht würde sie nicht frieren. Sie zupfte schnell noch die Bluse zurecht, eilte zur Tür und riß sie auf. „Ander - was machst jetzt du da?" Hinter dem Ander sah sie Männer unter den steifgefrorenen Kirschbäumen stehen. Sie trugen Fackeln und aus den Nüstern der Haflingerpferde stiegen schneeweiße Wölckchen. „Agnes, wir bringen den Louis!" Wortlos gab der Ander den übrigen Männer ein Zeichen und sie hoben einen schwarzen Sack vom Schlitten, nahmen ihn andächtig auf die Schultern und trugen ihn an Agnes vorbei ins Haus. Agnes wußte nicht was geschah. Sie sahen nur die Männer, die den Sack an ihr vorbei schleppten und die kleinen Atemwölkchen der Pferde. Dann legte sich die schwere Hand Anders auf ihre Schulter. „Du weißt es ja - die Februarlawine am Bettelwurfeck. Sie ist ein bissl zu früh heuer. Aber so muß es halt sein. Der Louis is wie immer als letzter gegangen. Ich hab's nur noch rumpeln hörn und wie ich mich umdreh, war schon alles weiß. Wir haben sofort gegraben, alle miteinander, sechs Stunden lang. Wir haben ihn gefunden. Ganz friedlich ist er dagelegen. Es war fast, als wenn er auch noch gelacht hätte. Wahrscheinlich hat er an dich gedacht!" Stumm nickend gingen die Männer an Agnes vorbei in Freie. Die Haflinger blähten die Nüstern und der Nachthimmel war plötzlich sternklar. „Er hat gesagt, er möcht mehr Zeit bei dir. Deshalb sind wir schon früher herunter. Zu früh - die Bettelwurflawin kommt immer bei Tag." Und damit ging auch der Ander. Agnes stand wie gelähmt in der Tür. „Mama, kalt!" rief der Alois und der kleine Hannes sprang um den schwarzen Sack herum und rief immer wieder: „Papa da. Papa da" und dazu lachte er, wie er es von seiner Mutter vom ersten Tag an gelernt hatte. Agnes nahm den Hannes in die Arme und wiegte ihn sanft hin und her: „Gib ruh Bub. Gib ruh. Sei nicht so ein Unruh, so ein herziger, goldiger!" „Papa" antwortete Hannes. „Ja, so wie der Papa," sagte Agnes leise. „Wie der Papa!" Eine einzige Träne rann ihr aus dem Augenwinkel und lief ihr an der Nase entlang in den Mund. „Salzig" rief Hannes und lachte. Er nahm mit beiden kleinen Händen das Gesicht der Mutter und leckte ihr die Träne ab. Niemand hat je wieder die Agnes nach dieser Nacht weinen gesehen. Niemand. Ende, schrieb Paul unter die letzte Zeile. Nachdenklich las er die letzten Sätze durch und dachte: „Und aus dem herzigen, Salztränen leckenden Hannes wurde mein wunderbarer, verrückter, despotischer, steinharter Vater. Der Doktor mit der Tarnkappe. Was für ein Witz." Er sah auf die Uhr - fünf vor sieben. Er mußte zum Zug. Schnell kramte er seine Sachen zusammen. Er hatte nur leichtes Gepäck bei sich. Ihm war in Münster über das Wochenende die Decke auf den Kopf gefallen. Also setzte er sich in den Zug nach München. Auslüften nannte er das. Er ging so hastig, daß er Lenas kleines Päckchen auf dem Tisch vergaß. Auf dem kurzen Weg zum Bahnhof ging ihm sein Vater nicht aus dem Kopf. Dr. Leber arbeitete immer noch, als Sachverständiger und in der eigenen Praxis. Mit zweiundsiebzig. Der Unruh. Kämpfte wie ein junger Gott um seine um so vieles jüngere Frau und war Paul in vielen Dingen einfach sehr ähnlich. Paul wollte auch nie in Rente. Paul wollte auch nie berühmt werden. „Frühestens mit achtzig," sagte er immer. „Dann liebt man mich wie den Tabori und ich kann es auch genießen." Genoß denn sein Vater sein Alter? Er sollte ihn einmal danach fragen, dachte Paul und stieg in den Zug. 10 „Wie man liebt?" fragte Paul zurück? „Ihr wißt nicht, wie man liebt? Wollt ein Stück wie Gefährliche Liebschaften spielen und stellt mir solche Fragen?" „Du bist der Regisseur, Paul. Das ist deine Aufgabe, uns solche Fragen zu beantworten," meinte Gert, der hühnenhafte Darsteller des Valmont. Ein Bild von einem Mann, durchtrainiert, mit einem begnadetem Körper ausgestattet und schwul wie die Nacht. Alle Frauen kriegten immer ganz feuchte Augen, wenn sie ihn sahen. Gert kam aus den neuen Bundesländern. Auch so eine blöde Erfindung. „Ich will jetzt einmal so ehrlich sein, wie schon lange nicht mehr," sagte Paul. „Ha" kam es von Gesche. Ein versoffener Romy Schneider Verschnitt. Groß, laut, herzlich und kumpelhaft. Sie kam anscheinend aus einer sehr reichen Familie. Irgend etwas mit Berufskleidung und Dritte Welt Waren in Osnabrück. Doch anscheinend sturz unglücklich, mit ihren achtundzwanzig Jahren. Sie konnte wirklich trinken wie ein Fisch. „Ja, Frau Treppenhof? War das der Versuch einer Meinungsäußerung?" Paul war berühmt dafür, daß er mit wenigen Sätzen jeden zum Schweigen bringen konnte. Gesche biß sich auf die Lippen, etwas glitzerte in ihrem Augenwinkel, doch sie schwieg. „Ich bin seit sechzehn Jahre verheiratet," begann Paul. „Und sind bekannt für Ihre zahllosen Affären" schnappte die Gesche dazwischen. „Liebe Gesche, Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich bin zur Zeit nicht auf der Jagd." Paul lehnte sich zurück und zündete sich eine neue Zigarette an. Er war stolz darauf, in jedem Theater zu rauchen. Selbstverständlich hatte er die berühmten fünfhundert Mark nie dabei, die er zahlen müßte, falls ihn die Feuerwehr einmal auf frischer Tat ertappte. Doch er war ein militanter Raucher und nahm sich egoistisch dieses Recht. „Gesche hat Recht," sagte Paul. Er sprach plötzlich sehr leise, seine Stimme begann zu kratzen. Das war neu an ihm. Sonst sprach er immer mit großem Elan und riesigem Druck. Doch seit ein paar Monaten gab es Gedanken in seinem Leben, die ihn leise machten. „Ich habe meine Frau sehr geliebt. Dachte ich. Ich habe sie auf ein Podest gestellt und bedient. Hauptsache sie war bei mir. Doch irgend wann ist mir einmal eine Aufzeichnung in die Hände gefallen. Gedankensplitter, die ich manchmal so aufschreibe. Und da stand: Sydney - Juli 1978. Hochzeitsnacht auf dem Klo. Die Austern wollen nicht bei mir bleiben. Sie verschließen sich mir, So wie die Frau nebenan im Honeymoonbett." Paul sah in die Runde. Alle schwiegen. Paul hatte eine äußerst ruhige und intensive Art zu erzählen. Wahrscheinlich hatte er dies von seinem Großvater geerbt. Der erzählte auch immer Märchen in sieben Teilen. Jeden Abend eine Stunde. Doch Paul erzählte keine Märchen mehr. Im war das Geschichtenerzählen längst vergangen. „Begreift ihr, was ich meine?" fragte er in die Runde. „Du meinst, du hast in deiner Hochzeitsnacht schon gemerkt, daß das schiefgeht? Aber du warst doch endlos lang verheiratet." „Nicht endlos," lachte Paul „ bis heute nur sechzehn Jahre. Und ich bin immer noch verheiratet. Wenn auch meine Frau mit den Kindern jetzt in Australien lebt. Ein ziemlich weiter Weg um Kontakt zu halten. Am Telefon kann man keinen Gute Nacht Kuß geben." „Sie machen es sich ziemlich einfach - ihr Leben. Ich meine..." „Ach, Sie haben heute einmal eine Meinung? Das ist neu." „Sie...!" Wutschnaubend raste die Treppenhof aus dem Probenraum. „Also deine Art ist unmöglich, Paul," raunzte Grit los. „Meine Art ist so wie sie jeder Einzelne verdient. Sie muß da durch. Wie will sie die Tourvelle spielen, wenn sie keine Ahnung hat was sie da spielt. Sie muß sich endlich zulassen. Dieses oberflächliche Rumgequarke, diese Saufkumpanei - die bringt sie nicht an den Rand der Verzweiflung. Und da muß sie sein, wenn sie was Echtes spielen will. Sie rauscht ab und ich erzähle euch eine Geschichte - eine wahre Geschichte über Liebe. Die wunderbare große Liebe." Sarkasmus war da plötzlich wieder in Pauls Stimme. Seine Stimme wurde messerscharf. Seine Augen blitzten und er redete sich in Rage. „Liebe! Alle reden wir davon und wissen gar nicht was das heißt. Ficken und rumbasteln. Beziehungskistchen und Ehetragödien. Das hat alles nichts mit Liebe zu tun. Ich habe immer fest daran geglaubt, daß ich meine Frau tatsächlich liebe. Die Rumbumserei habe ich immer unter der Rubrik geöffnete Auster abgelegt. Heute frage ich mich manchmal, wie ich überhaupt zu zwei Töchtern gekommen bin. Aber sie sehen mir so ähnlich, daß ich es wohl gewesen sein muß! Liebe - die überfällt dich in dem Augenblick in dem du dich sicher fühlst und gibt sich nicht zu erkennen. Ich habe in Essen irgendeine Operette gemacht. Was man halt so macht, wenn man alleine und auf der Suche ist. Liebe. Ich erzähle euch eine Geschichte über die Liebe. Die Liebe in Essen." Und so begann Paul endlich Annes Wunsch zu erfüllen. Er erzählte zum ersten Mal über Iza. 11 Paul hatte in Essen die Produktion einer Operette angenommen. Er haßte Operetten. Aber was sein mußte, mußte eben sein. Am ersten Probentag wollte er so schnell wie möglich fertig werden. Sein Freundin aus dem Osten war da. Eine wunderbare Schauspielerin, mit der er die Gefährlichen Liebschaften erarbeitet hatte. Sie hatte damals ein Verhältnis mit ihrem Partner, der wiederum mit einer Zigeunerin verheiratet war, die es aber zum Opernstar gebracht hatte. Sie war nun zufällig in Essen und er wollte eigentlich nichts anderes, als mit ihr zusammen sein. Um zehn Uhr begann die erste Probe, nur die Diva fehlte. Paul machte in solchen Fällen immer kurzen Prozeß und fing sofort mit der Konzeption an. Plötzlich flog die Tür auf und die Diva stürmte herein. Was für ein Auftritt. Großer Pelzmantel, Pelzhut, polnischer Akzent, sprühende Augen und eine Flut von langen, schwarzen Haaren. „Hallo ihr Lieben" flötete sie. „Schön euch alle wieder zu sehen!" Paul blieb sprachlos der Mund offen. Er muß fürchterlich habsburgerisch ausgesehen haben, denn das Ensemble fing schon zu kichern an. „Sie müssen der Maestro sein," zwitscherte die Diva. „Und sie sind zu spät!" bellte Paul zurück. „Na und? Habt ihr etwa schon ohne mich angefangen?" Sie ging von Sänger zu Sängerin, verteilte Küßchen auf linke Backe und Küßchen auf rechte Backe, warf ihren Pelz achtlos auf den Boden und sagte strahlend zu Paul: „Ist nicht echtes Pelz. Würde ich nie tun. Die armen Viecherlein. Ich mag Tiere. Können wir nun?" Paul hatte sie die ganze Zeit über beobachtet. „Verdammt, ich muß meine Freundin heim schicken," dachte er verblüfft. „Das geht nie gut." Er war fast erleichtert über diesen Gedankensprung, denn er hätte sowieso sehr bald mit ihr einmal ernsthaft reden müssen. Über seine Frau und die Kinder, die bald aus Sydney heim kommen würden und überhaupt und so. Sie war ihm in der letzten Zeit bedrohlich nahe gekommen. Hatte viele Kleinigkeiten an ihm entdeckt, die er eigentlich für sich behalten wollte. „Frau Diva, setzen Sie sich hin und lernen Sie was!" knurrte Paul und begann sofort wieder mit seinen Ausführungen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie die Diva kurz Luft holte. Sie setzte sich aber doch schweigend zu ihren Kollegen und hörte zwei Stunden wortlos zu. Sie hatte keine Fragen, sie starrte nur lächelnd vor sich hin und schwieg. Am Ende der Probe gab Paul die Proben für den nächsten Vormittag bekannt. „Zehn Uhr für Edwin und Silva. Pünktlich." Paul brauchte immer einige Zeit, bis er sich die vielen neuen Namen merken konnte. Na ja, bei vier bis fünf Musik-theaterinszenierungen pro Jahr, kommen da einige zusammen. Die Rollennamen schienen ihm da sicherer. „Oh, das ist jetzt aber schade. Mein Flugzeug geht schon um halb zehn. Hab ich Vorstellung in Wien. So was Schades aber auch. Tschüß." Sie warf sich den Pelz um die Schultern und rauschte ab. Die nächsten zwei Wochen vergingen wie im Flug. Nicht weil die Proben so kreativ waren, nein, sie waren einfach lustig. Paul hatte mit seiner Freundin geredet. Es war eine fürchterliche Nacht und Paul kam sich wie immer wie das letzte Schwein vor. Was sollte er machen. Es ging nicht. Es konnte nicht gehen. Also Schluß. Die Diva entpuppte sich als wahre Stimmungskanone. Diese Frau war immer gut aufgelegt, stets wach und konzentriert, obwohl sie drei Mal in der Woche in Wien oder Mannheim sang. Wien machte sie mit Flugzeug, doch nach Mannheim fuhr sie mit ihrem schnellen Japaner. „Ich liebe rassige Autofahrten" meinte sie immer. Für Paul stand die Welt auf dem Kopf. Er fühlte sich zu dieser Frau auf eine ganz neue Art hingezogen. Er kannte dieses Gefühl nicht. In seiner Tasche trug er seit ein paar Tagen einen Brief mit sich herum. Er haderte mit sich, ob er ihn an der Pforte abgeben sollte, oder nicht. Willi, sein musikalischer Leiter, hatte ihm erzählt, daß die Diva verheiratet wäre, zwei süße Kinder hätte und einen reizenden Mann. Gott, wie haßte Paul dieses Wort. Reizend. Er sprach es immer wie Reiz aus, so sehr ekelte er sich davor. Am Abend war Probe angesetzt und Paul entschloß sich, den Brief an die Diva zu deponieren. Im Stillen nannte er sie Reh. Das war ihm auch noch nie passiert, daß er einer Frau einen Kosenamen gab. Er haßte es Liebling, oder Darling, oder Baby genannt zu werden und nannte auch seine Frau nur bei ihrem Vornamen. Selbst seinen beiden Töchtern verweigert er die Schmuseform. Aber bei dieser Polin, da konnte er nicht anders. Im Stillen hatte er zwar bemerkt, daß die Fröhlichkeit der Diva nicht ganz echt war. Manchmal, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, da verlor sich ihr Blick in eine unendliche Ferne. Sie war dann wunderschön und herrlich traurig. Er wußte auch nicht mehr, was er eigentlich in den Brief geschrieben hatte. Er wußte nur, daß er noch niemals einen solchen Brief an irgend einen Menschen abgeschickt hatte. Er schrieb seit dem Brief an Anne gerne Briefe und erreichte mit seinen Briefen sehr viel. Seine Briefe - ja das war wirklich er. Auf dem Weg zum Lift dachte Paul noch: „Scheiße, jetzt ist er weg und ich Trottel steh auf Glatteis." Als Iza in die Oper kam, war sie fröhlich wie immer. Der Pförtner überreichte ihr ihre Post und sie war schon auf dem Weg in die Garderobe, als der joviale Mann ihr hinterher rief: „Da ist noch eine Nachricht vom Herrn Leber für Sie." Er reichte ihr den Brief durch das kleine Fensterchen und Iza blieb gedankenverloren auf der Treppe stehen. „Will er mich beleidigen, dieser Tiroler? Was für Unver-schämtheiten hat er jetzt wieder zu bieten?" Langsam ging sie die Treppe hoch zu ihrer Garderobe. Sollte sie den Brief aufmachen oder einfach erst nach der Probe lesen? Aber vielleicht war es ja auch nur eine Terminänderung, oder Probenverschiebung. Sie riß das Kuvert auf und faltete das Blatt auseinander. Da stand nicht sehr viel und doch zitterte die große Iza Luda plötzlich am ganzen Leib. Ihre Knie wurden weich und sie mußte sich setzen. Immer wieder las sie die wenigen Zeilen und konnte es nicht fassen. Hochverehrte gnädige Frau, ich weiß, daß ich kein Recht habe Ihnen zu schreiben. Ich tue es trotzdem, obwohl ich weiß, in welcher Lage Sie sind. Wir sind beide verheiratet, haben Kinder und lieben unsere Partner. Doch wenn dieses Gefühl wahr ist, so muß ich es Ihnen sagen. Ich habe noch nie ein so wunderbar warmes und zärtliches Gefühl für einen Menschen empfunden, wie für Sie. Verzeihen Sie mir. Zerreißen Sie diesen Brief. Arbeiten wir an unserer Produktion und ich verspreche, Sie nicht weiter zu belästigen. Ist das Liebe? Hochachtungsvoll Ihr Paul Leber. Iza sah entsetzt auf die Uhr. Sie war eine viertel Stunde zu spät für die Probe. Sie zerknüllte den Brief, glättete ihn wieder und legte ihn dann in ihren Schminkkoffer. Hastig zog sie ihre Lippenkonturen nach und rannte zur Probe. Die Probe verlief ganz normal und unspektakulär. Um zehn Uhr verabschiedeten sich alle. Paul haßte die Abende in Essen. Opernsänger sind so schrecklich diszipliniert und marschieren nach der Probe immer sofort nach Hause. Für Gastregisseure ist das eine Qual. Wie lobte er sich da die feuchtfröhlichen Abende in Meiningen, wo die Kantine keine Sperrstunde hatte und der Wodka immer noch per Gramm getrunken wurde. Paul wollte an diesem Abend nicht alleine sein. Er trieb sich noch ein bißchen an den Spielplänen herum und hoffte wohl, daß die Diva vielleicht - so ganz zufällig, noch vorbei kommen würde. Aber das Haus war leer, die Lichter schon fast alle gelöscht und der Pförtner döste vor sich hin. Beim hinausgehen fragte Paul noch lässig. „Frau Luda schon raus?" „Vor zwanzig Minuten," seufzte der Nachtportier und Paul schlenderte langsam auf die Straße. Menschenleer sind große Städte um halb elf Uhr abends. Besonders rund um die Theater. Mürrisch machte Paul sich auf den Weg zu seiner miefigen, potthäßlichen Theaterwohnung. „Wieder so ein verhunzter Abend," dachte er noch, als neben ihm ein rasanter, japanischer Wagen hielt. In der Dunkelheit konnte Paul nicht erkennen, wer in dem Wagen saß. Die Scheibe wurde heruntergefahren und aus dem Wageninneren kam eine winzig kleine Stimme: „Ja, das ist Liebe! Aber wir dürfen das nicht. Wir müssen an unsre Pflichten denken. Ich werde für uns beide beten." Die Scheibe fuhr hoch und der Wagen flitzte, mit kreischenden Reifen, um die nächste Ecke. Paul stand wie angewurzelt auf dem Gehsteig. Er dachte nichts, sah nichts, hörte nichts. In seinem Kopf hämmerte es nur und im einsetzenden Winterregen war er bald völlig durchnäßt. Er stand auf der Straße und konnte weder vor noch zurück. Irgendwann war er dann zu Hause. Er entkorkte eine Flasche Wein und stellte Stunden später fest, daß er vergessen hatte, sich ein Glas einzuschenken. „Ich werde für uns beide beten. Beten!" brüllte Paul unvermittelt los. Er riß das Fenster auf und hielt seinen Kopf in den scharfen Wind. Der Regen war inzwischen zu Schnee geworden und im fahlen Laternenlicht tanzten die weißen Kristalle. „Beten. Oh Gott! Polin. Katholisch. Verheiratet zwei Kinder! Bist du wahnsinnig. Wozu bin ich aus Überzeugung aus der Kirche ausgetreten, wenn jetzt jemand für mich beten will!" Paul konnte es nicht fassen. „Ja, das ist Liebe" hatte sie geflüstert. War das ein Spiel? Nahm sie ihn hoch? Was war das. Er war achtunddreißig Jahre alt und kannte sich nicht mehr aus. Sein Leben schien den Verstand zu verlieren. Er brannte an beiden Enden ab. Der Papst - inkarnierter Gottesfurz, hatte er vor Jahren in sein kleines Buch geschrieben. Und nun eine katholische, verheiratete Mutter zweier Kinder. „Der polnische Papst - Durchfall nach zu scharf gewürzter Krakauer!" schoß es ihm durch den Kopf. Er mußte lachen. Na denn, sein Denkvermögen schien ja noch halbwegs in Ordnung zu sein. Nur wie sollte das weitergehen? Wie? Als Iza nach Hause kam wurde sie von ihrem schlafenden Mann begrüßt. Er war vor dem Fernseher eingeschlafen und schnarchte friedlich vor sich hin. Iza machte ihre obligate Runde durch die Kinderzimmer, ging in die Küche und trank ein kleines Bier und aß ein Schmalzbrot dazu. Sie liebte Schmalzbrot, obwohl sie nicht sollte. Als Operettendiva mit Spintoambitionen bis hin zu Mimi und Violetta sollte man vorsichtig sein. Aber sie liebte Schmalzbrot, mit ein bißchen frischem Knoblauch darauf. Sie wusch den Teller und das Glas ab und löschte das Küchenlicht. Im Wohnzimmer sägte immer noch ihr Mann, der liebe Alexander. Sie stand in der Wohnzimmertür und sah auf ihren Mann. Sie war verwirrt. Sie hatte Angst und wußte nicht was sie tun sollte. Mit einem tiefen Seufzer ging sie leise zu Alexander und küßte ihn sanft wach. „Hallo - ich bin zu Hause. Willst du?" Alexander wollte und konnte immer. Ganz egal wie müder er war, ganz egal wie viel er getrunken hatte. Bei seiner Iza konnte und wollte er immer. Kichernd turtelten sie ins Schlafzimmer und Alexander hatte die Nacht seines Lebens. Iza lag unter ihrem Mann und dachte nur: „Mein Gott, verzeih mir. Ich betrüge ihn!" Doch sie meinte damit nicht ihren Mann, sondern Paul. 12 „Und wie ging das weiter," fragte Grit. „Polnisch katholisch" antworte Paul. „Wir waren von diesem Tag an ein Paar. Was für ein Paar. Wir liebten uns auf eine Art, die ich noch nie erlebt hatte. Alles schien echt und wahr zu sein. Ich flog mit ihr durch die Welt. Ich machte sie stark. Es machte mir nicht einmal etwas aus, wenn sie manchmal mit ihrem Mann schlief. Es war mir egal. Ich dachte, ich liebe zum ersten Mal wahrhaftig und gut." „Dafür hast du aber ganz schön blechen müssen," nuschelte Gesche, die inzwischen beim fünften Glas Wein angekommen war. Das Ensemble hatte sich entschlossen, die Probe in ein nahe gelegenes Lokal zu verlegen. Dort erzählte es sich auch leichter. „Sie meinen die Perlen, Gesche? Die für viertausend Mark? Die ich im Juni hier während der Vorproben gekauft habe? Nein, ich habe nicht geblecht. Ich habe sie beschenkt. Sie meinte immer, ich würde ihr zum ersten Mal in ihrem Leben Sicherheit geben. Wenn ich im Zuschauerraum war, konnte sie frei singen. Und zu ihrem Debüt als Violetta meinte ich, gehören Perlen. Die Tränen um den Hals und nicht in der Stimme." „Wie romantisch," äffte Gesche. „Halt den Mund" sagte Gert. „Immerhin ist das sehr klug gedacht." „Aber ihr seid doch nicht mehr zusammen", meinte Grit. „Nein. Nach der Abreise meiner Frau eskalierte die Geschichte. Izas Mann hatte einen Freund beauftragt, seine Frau zu beobachten. Er ahnte etwas und fand so alles heraus. Es war ein wahres, polnisches Drama. Sogar der Pfarrer von Gelsenkirchen mischte sich ein. Auch ein Pole. Ihr Mann saß weinend vor meinem Hotel in Gelsenkirchen. Sie schlich sich für fünf Minuten zu mir. Manchmal sahen wir uns nur am Bahnhof, wenn sie zur Vorstellung fuhr. Die Zeit, als niemand etwas wußte, war vorbei. Als wir hier unsere Proben beendeten, da mußte ich nach Zug - zu dieser schwachsinnigen Keep Cool Produktion. Keep Cool bei fünfunddreißig Grad im Schatten. Iza sollte mit ihren Kindern zu mir kommen. Denkste. Sie verschwand plötzlich. Ihr Mann sagte mir dann am Telefon, sie sei schwanger und ab nach Polen. Heimlich. Er wisse auch nicht, wo sie sei. Ich verlangte einen Vaterschaftstest. Dann kam die Nachricht, daß es nur eine Scheinschwangerschaft gewesen sei. Lügen? Keine Ahnung. Verzweiflung? Wer weiß. Seither trage ich zwei Briefe mit mir herum. Einer aus dem Sommer, an Alexander, den Ehemann und den ersten von Hundert Briefen, die ich ihr seit unserem letzten Treffen geschrieben habe. Wenn ihr mir verzeiht, dann tue ich heute etwas, was mir total gegen den Strich geht. Aber wir probieren gerade ein Stück nach einem Briefroman. Vielleicht beweist euch mein eigener Weg, daß sich solche Dinge wie in unserem Stück auch heute noch ereignen. Darf ich?" Sie saßen nun schon Stunden zusammen. Es war einer der wichtigsten Abende in Pauls Leben. Er erzählte keine Märchen sondern die Wahrheit. Er erzählte nun endlich die Geschichte von seiner Sängerin. Er wußte nicht, warum er es tat. Doch er wußte, es war gut so. Paul zog die zwei Briefe aus seiner Brusttasche. Er trug sie tatsächlich ständig mit sich herum und fing leise, doch sehr konzentriert an vorzulesen. Oberägeri - 21.8.1992 Lieber Alexander, nach unserem heutigen Telefonat werde ich den Eindruck nicht los, daß Du einige Dinge in meinem letzten Brief nicht ganz richtig verstanden hast. Vielleicht liegt es doch an der Sprache und vor allen Dingen an meinen Formulierungen, die Anlaß zu Mißverständnissen geben könnten. Auch Dein Bericht über Deine Polenreise und das was Iza sagt, scheint nicht ganz den Tatsachen zu entsprechen. Deshalb hier einige Klarstellungen, so simpel wie möglich, damit sie endgültig verstanden werden. 1.) Iza hat Dich und mich mit ihrer Schwangerschaft belogen und zwar aus einem ganz einfachen Grund heraus: Sie war am 15. Juli mit mir zusammen, laut eigener Aussage zum gefährlichsten Zeitpunkt. Ihr seid vier Tage nach diesem Treffen in der Nacht nach Polen abgereist. Laut Iza hat sie erst in Polen mit Dir geschlafen, also frühestens sechs Tage nach ihrer „heißen Phase", denn nach der langen Fahrt wird wohl nicht auch noch Familienplanung angesagt gewesen sein. Rein medizinisch könnte sie dann - also am 21. Juli - noch empfangsbereit gewesen sein, jedoch ist das relativ unwahrscheinlich. Exakt drei Wochen nach dem 15. Juli teilte sie mir die Schwangerschaft mit - nämlich am 5. August. Wiederum zwei Wochen später ist sie nicht mehr schwanger, sondern hatte eine Scheinschwangerschaft, die sie in Polen behandeln ließ. Laut Auskunft meines Arztes (heute), wird eine Scheinschwangerschaft aber frühestens sechs Wochen nach dem Schwangerschaftsbefund diagnostizierbar und frühestens ab dem dritten Monat hormonell behandelt. Komisch - nicht? Also gewöhne Dich endlich daran, daß Deine Frau immer noch lügt. 2.) Es ist richtig, daß Iza die einzige Frau neben meiner Frau sein wollte. Richtig ist aber auch, daß ich selbst nicht zwei Frauen haben wollte - aus welchen moralischen Gründen heraus nun auch immer. Ich habe mich für Iza entschieden, weil sie die Frau ist, die ich liebe und für die ich leben will. Tatsache ist auch, daß ich meiner Frau nichts verschwiegen habe, sondern schon sehr früh in unserer Beziehung klare Tatsachen geschaffen habe. Bleibt die Frage, warum Iza nicht ebenso gehandelt hat. Ich habe ihr des öfteren dazu Gelegenheit gegeben, ich wollte immer wieder gehen - doch ihre Bitte zu bleiben hielt mich bei ihr - denn ich habe ihr grenzenlos vertraut. 3.) Ich habe nie von Iza verlangt mit Dir zu reden, oder Dich gar zu verlassen. Nicht weil ich die Verantwortung für Iza nicht übernehmen wollte, sondern weil sie in ihren Entscheidungen völlig frei ist. Ich war bereit alles zu akzeptieren, weil ich sie liebe. 4.) Ich bin niemals hinter Iza hergefahren und habe sie bedrängt. Ich war überall immer nur dann, wenn Iza damit einverstanden war und dies so wollte. Ich habe sie nie überrascht oder zu einem Treffen gezwungen. Unser Zusammensein war immer Izas eigener Wunsch. 5.) Nach meinem ersten Treffen mit Dir, in Gelsenkirchen, hätte Iza die Möglichkeit gehabt, mich endgültig loszuwerden, wie ich es Dir versprochen hatte. Sie hätte nur sagen müssen - ich will Dich nie mehr sehen. Sie hat sich aber dafür entschieden, unsere Beziehung wieder heimlich fortzusetzen. Deshalb war ich in Wien und wohnte in Gelsenkirchen. Ich habe Iza immer gewarnt, was passieren würde, wenn Du zum zweiten Mal dahinter kommen würdest - doch sie wollte es trotzdem so. Ich habe sie niemals dazu gezwungen. 6.) Iza hat mir niemals ihre Freundschaft angeboten oder mich gebeten „nur" ein guter Freund zu sein. Sie wußte immer, daß dies nicht möglich sein kann, solange wir uns lieben. Sie hat diese Geschichte anscheinend Dir erzählt, um Dich in Sicherheit zu wiegen. Bei unserem Treffen am 15. Juli hat sich Iza nicht von mir verabschiedet, sondern sie hat sich mit mir verabredet und zwar hier in Zug. Ich habe das Hotelzimmer für sie und die Kinder reserviert und auch bezahlt. Sie hat mir weiterhin versprochen, nach Münster zu meinem Liederabend zu kommen und mich wie immer zu lieben. Deshalb habe ich ihr versprochen, Dir niemals ein Wort über diese Begegnung zu sagen. Ich habe sie zu nichts gezwungen oder gar überredet. Iza wollte es so. Was dann geschah ist Geschichte. 7. Ich habe keine Freunde, weil ich Iza vertraute. Nachdem was sie nun tut kann ich keine Freunde haben, denn wem sollte ich noch vertrauen können. 8. Ich glaube an Gott, aber nicht an die katholische Kirche. Du und Iza, ihr verwechselt diese Kirche mit Gott - Iza versucht nach den Dogmen und Regeln dieser Kirche zu leben, obwohl sie das eigentlich nicht kann. Du selbst bemühst Dich nicht einmal, die Regeln einzuhalten - Du beichtest nicht, gehst nicht zur Kommunion - Du bist nur stolz darauf, nicht so feige wie ich gewesen zu sein. Ich bin der Meinung, ihr versucht mit diesem Glauben nichts anderes, als euch über den Tod hinaus abzusichern, denn das verspricht ja diese Kirche, deren Oberhaupt nicht zufällig einer der aggressivsten und unmenschlichsten Päpste der Kirchengeschichte ist. 9.) Die polnischen Familien halten dicht - das heißt nichts anderes, als daß jede Erschütterung verboten ist. Jede Abnabelung, jede Weiterentwicklung. Iza hatte große Angst vor dieser Familie - denn sie hatte Angst alles und auch ihre Kinder zu verlieren. Denn wer gehen will, der verliert alles. Angst macht schwach, lieber Alexander und die polnischen Familien wissen sehr wohl, wie man Angst einsetzt, um Ausbrecher zurück zu zwingen. Das schöne an meiner Familie war, daß niemand versucht hat, mir einen Vorwurf zu machen, nicht weil sie uninteressiert waren, sondern weil sie mich lieben und nur mein Bestes wollen und vor allem weil sie wissen, daß jeder das tun muß, was er muß. Meine Familie hat mich nicht fallen lassen, sie hat versucht mich zu verstehen. Seltsam - so verschieden sind die Welten. 10.) Und letzte Wahrheit: Ich denke an meine Kinder, ich denke an das Wohlergehen meiner Frau und habe alles getan, um ihre Zukunft so abzusichern, daß sie auch ohne mich weiterleben können. Man kann einen Mann wie mich nicht zwingen, eine falsche Verantwortung zu übernehmen, wenn er dabei lügen müßte. Und das, lieber Alexander, ist Izas Verdienst. Doch ich bedaure, daß ihr wahrscheinlich eine große Lebenslüge leben werdet und dazu noch behauptet, daß diese Lüge euch glücklich macht. Dein Triumph ist klein, Alexander, solange Iza nicht auch mir die Wahrheit sagt. Obwohl ich sicher bin, daß Iza gar nicht mehr fähig ist, mir offen und ehrlich Rede und Antwort zu stehen - denn sie müßte mich zwangsläufig dabei belügen und weiß zu genau, daß man mich nicht belügen kann. Wer mir in die Augen sieht weiß, daß ich kein falsches Spiel spiele - deshalb vermeidet Iza wohl diesen Blick. Was anständig begonnen hat, sollte auch anständig zu Ende gebracht werden. Davonschleichen wie ein Dieb, das ist nicht die Iza, die ich kenne. Intrigen zu spinnen, das ist nicht Izas Art. Du bist ein starker Mann, Alexander. Du nennst mich unmenschlich und erzählst Iza von mir, obwohl Du mich nicht kennst. Dir wäre am liebsten, ihr wäret wieder in Polen - wer ist hier nun egoistisch? Und Iza - die soll ruhig Hausfrau und Mutter sein und glücklich alt werden. Du bist der Egoist, lieber Alexander, nicht ich. Du hast die Tatsachen so verdreht, wie sie für Dich günstig erschienen. Du hältst Iza unter Verschluß, damit sie bloß nicht diesem grausamen Unhold Paul in die Hände fallen kann. Du behauptest, daß Du auch ohne sie leben kannst - beweise es. Ich habe Iza nie gezwungen Dich zu belügen, meine Gegenwart war von Iza gewollt, so wie sie Dich belügen wollte. Denn sonst hätte sie es nicht getan. Vielleicht hat sie Dich aber auch nur aus Angst vor den Konsequenzen belogen - Angst, Alexander - nicht Liebe. Ich habe keine Angst, weder vor Dir, weder vor Iza, weder vor dieser Welt - dafür hat mich Iza wohl geliebt. Doch es ist schwer, die eigene Angst zu besiegen. Ich will nicht gewinnen, denn ich spiele nicht. Ich will nur Izas Wahrheit - von ihr - direkt in meine Augen - nicht um meinetwillen, sondern nur damit Iza in Ruhe leben kann, damit sie singen kann und damit sie endlich wieder ehrlich sein kann, so wie sie es immer zu mir war. Es geht längst nicht mehr um mein Leben, lieber Alexander, sondern nur um Izas Glück. Iza wird einen Brief von mir bei ihrer Rückkehr vorfinden, in dem ich ihr diesen Brief an Dich zur Kenntnis bringe, damit sie weiß, wirklich weiß, was wir besprochen haben und damit sie weiß, daß ich sie weder betrogen noch belogen habe. Du hast unsere Telefonate für Deinen Kampf benutzt, Alexander. Ich habe nicht gewußt, daß Du gegen mich Krieg führst. Skoda - gegen mich sind keine Kriege zu führen, denn ich verweigere mich der Gewalt und dem Haß. Du kannst Deinen Kampf gegen mich nicht gewinnen, Alexander - Du kannst nur Iza besiegen - mich niemals. Meine Liebe zu Iza war darauf ausgerichtet, ihr so viel Vertrauen zu geben, daß auch sie unbesiegbar wird - daß sie als Mensch frei, aufrecht und geradeaus gehen kann. Du bist völlig gefangen von der Gesellschaft in der Du lebst. Die Gesellschaft und ihre Regeln sind Deine Lebensmaximen - du brauchst diese Regeln, um zu leben. Ich jedoch brauche diese Regeln nicht, denn mein Leben ist kein Kampf, sondern ein großes Geschenk. Das Geschenk der Liebe, Alexander, der ich immer vertraut habe und an die ich immer geglaubt habe und glauben werde. Zwei Menschen gehören zusammen - es ist aber nur einmal im Leben der wirklich richtige Mensch - und für mich ist dieser einzig wahre Mensch Iza. Das meinst Du auch - doch Iza hat einmal zu mir gesagt: Meine Wohnung in der Ringstraße ist das was ich mir aufgebaut habe, doch Du Paul, Du bist was ich mir immer geträumt habe. Träume werden selten wahr Alexander, denn die Menschen haben Angst vor Träumen - sie bescheiden sich lieber in der gesellschaftlichen Sicherheit, geben sich in den Schutz der katholischen Kirche und schreiben auf ihre Grabsteine: In der Hoffnung auf ein Leben in Frieden danach. Ich bin ein Mann aus einer anderen Welt, Alexander. Ich werde Iza immer lieben, ob ich nun mit ihr leben darf oder nicht. Auch Iza hat mir gesagt, daß sie mich immer lieben wird und ich habe ihr vertraut - ein letztes Mal. Sie hat mir auch gesagt, daß sie resignieren muß und ohne diese Liebe in Einsamkeit weiterleben muß - weil sie nicht den Mut finden könnte sich gegen ihre Familie zu stellen. Das sind ihre Worte, Alexander, nicht meine. Ich kann und will sie nicht zwingen. Ich kann Iza nur bitten, sich nicht so fürchterlich selbst aufzugeben. Ich verlange nichts, ich fordere nichts, ich bitte sie nur ein einziges Mal etwas für mich zu tun - aus freiem Willen und ohne Zwang - ich bitte sie, zu mir zu kommen und mir in die Augen zu schauen und mir zu sagen, was sie wirklich denkt und danach auch Dir diese Wahrheit zu sagen. Von mir erfährst Du sie zwar, weil ich es Dir versprochen habe - doch ich weiß nicht, was sie nach so einem Treffen Dir erzählen wird. Doch ich glaube, wenn sie einmal den Mut hat zu mir zu kommen, dann kannst Du ihr in Zukunft auch wieder ohne Argwohn glauben - und nur darum geht es - um sonst gar nichts. Paul. „Ein gewaltiges Finale" stöhnte Gert. „Noch eine Runde?" Alle nickten und Gesche starrte verlassen vor sich hin. „Wie siehst du das heute, Paul? War sie wirklich die große Liebe?" „Nein." „Nein?" „Bis zum Schluß redete ich mir das ein. Sie war ein Teil meines Traumes. Aber nicht der ganze Traum. Das sage ich jetzt nicht, weil sie mich verlassen hat. Nein, das ist es nicht. Sie war, wenn überhaupt der Anfang des Entdeckens." „Und jetzt ist er wieder auf der Pirsch, der Hirsch," grunzte Gesche vor dem siebten Wein. „Ich will jetzt noch den anderen Brief hören und dann geh ich mich beim Intendanten beschweren. Was versuchst du Pappnase denn da überhaupt. Gib mir den Brief - ich les ihn vor." Die anderen schwiegen betreten und Paul sagte: „Ich bin wohl zu weit gegangen. Aber so ist nun mal die Wahrheit." „Gib schon den Brief, Dummfatz!" Aus einem seltsamen Impuls heraus reichte Paul Gesche den Brief und konnte es sich nicht verkneifen zu sagen: „Aber bitte deutlich lesen, Frau von Treppenhof." „Ich lese so deutlich, wie du das verdienst, Pappnase." Gesche blätterte durch die Seiten des Briefes und sagte: „Dafür müßte ich Gefahrenzulage bekommen. Also, liebe Freunde. Ein Liebesbrief. Münster 4.09.1992. Der Letzte von Hundert." Sie las am Anfang noch kapriziert und hämisch,. Doch je länger sie vorlas, desto nüchterner und ernsthafter wurde sie. „Nun ist es also endgültig vorbei - dieser Abschied von Dir war quälend lang - so muß es wohl sein, wenn man weiß, daß man nicht mehr lange zu leben hat, doch niemand kann einem das genaue Todesdatum vorhersagen. Dein Anruf heute hat den Schlußstrich gezogen - sinnlos zu fragen warum. Ich kann Deinem Mann nicht einmal mehr böse sein, er muß mich schlecht machen - das gibt ihm die Kraft um Dich zu kämpfen. Egal - es ist vorbei - der Schmerz wird eines Tages nachlassen und der Mantel des Vergessens wird Dich schützen. Ich habe Dich nicht betrogen, ich habe Dein Vertrauen nicht mißbraucht, ich habe Dich nicht belogen und niemals ein böses oder gar schlechtes Wort über Dich gesagt. Ich habe nichts von dem, was uns so verbunden hat verraten. Da steht sein Wort gegen meines und warum solltest Du mir glauben. Du hast Dein Vertrauen zu mir verloren und damit wohl auch Deine Liebe. Damit muß ich mich abfinden, damit muß ich nun leben. Obwohl ich nach Deinem Glauben nicht hoffen durfte, habe ich die Hoffnung auf Dich nie aufgegeben, denn ich dachte ich liebe das Leben und den Glauben daran. Du sagst, man muß aufhören zu träumen! Das heißt für mich aber aufhören zu leben, aufhören zu lieben, zu riechen, schmecken und fühlen. Einfach aufhören ein Mensch zu sein. Man muß aufhören zu träumen - Du hast damit aufgehört und damit zwangsläufig mich ausradiert. Ich weiß, Du mußt das tun, ich weiß, das muß für Dich so sein. Ich weiß. Du wirst in Frieden leben, bis Du eines Tages wieder träumen mußt, denn ohne Träume ist das Leben lieblos und grau. Wenn Du wieder träumen wirst, dann wird wohl wieder ein Mann aus einer anderen Welt auftauchen - auch wenn Du heute diesen Gedanken weit von Dir weisen mußt. Doch glaube mir - der Tag kommt, denn Du glaubst an Deine Träume und Hoffnungen, an Deine Sehnsüchte und Deine Neugier so stark wie ich - ich war nur nicht fähig, sie für Dich auch wirklich lebbar zu machen und da habe ich wohl bitter versagt. Deshalb ist es wohl auch richtig, daß Du mir nicht mehr vertrauen kannst. Ich habe meine Kinder einfach weggeworfen - ich habe meine Frau zu tausend Scherben zerschlagen, ich habe fast Deine Familie ruiniert, ich habe meine Verantwortung verraten und verkauft und alles was ich glaubte, wofür ich gerade stand, ad absurdum geführt. Wie soll man einem solchen Menschen vertrauen können, warum sollte man ihm vertrauen, ihn gar lieben. Ja - der Traum von Dir war mir wichtiger als die Realität. Doch in dieser Realität will ich nicht mehr leben, kann ich nicht mehr atmen, darf ich nicht mehr arbeiten, denn meine Sehnsucht verwirrt meine Umgebung zu sehr. Ich habe einen großen Fehler gemacht - ich habe fest daran geglaubt ein Recht zu haben Dich zu lieben. Ich habe kein Recht. Weil ich ein achtloser Mensch bin, werde ich die Scherben, die ich verursacht habe nicht einmal aufkehren. Weil ich ein Narr bin, werde ich dem Scherbenhaufen einfach den Rücken kehren und den Ort suchen, wo ich neue Scherben produzieren kann. Und so wird der Mann aus einer anderen Welt wohl immer auf der Wanderschaft sein und weiter suchen, nach dem einen Menschen, der in seinen Träumen nicht mehr Iza heißt. Du hast Dein Vertrauen verloren - das einzige, große Glück, das mir die Kraft gab, zu glauben. Um Dein Vertrauen habe ich gekämpft, vom ersten Tag an. Du entziehst es mir und hast mich nun endgültig verlassen. Ich danke Dir, obwohl ich an Dank nicht glaube, ich danke Dir für eine Zeit des Ausruhens. Wie vielen Menschen werde ich nun wieder weh tun? Wie viele werden nun wieder unter meinem Sarkasmus, unter meiner Unbeugsamkeit leiden. Wie viele wird mein Spott, meine Verachtung verletzen. Wie viele werde ich nun wieder für ein kurzes, schnelles Wohlbefinden benutzen und nach der Abreise in eine neue Stadt schnell vergessen. Aber wahrscheinlich bin ich viel zu müde und ausgebrannt, um je wieder einer Frau lange genug in die Augen schauen zu können und sie damit zu verunsichern. Ach ja, ich sollte vielleicht Sonnenbrillen tragen und Handschuhe an den Händen. Die Hände die so sanft sein können. Soll ich über Gott mit Dir reden? Ich weiß nicht, ob Du schon bereit bist wirklich über ihn zu reden. Denn nach Deiner Zeit in Polen ist nicht Dein Glaube an Gott stark geworden, sondern wieder der Glaube an die katholische Kirche. Doch die katholische Kirche ist nicht Gott - sie ist nicht einmal Gottes Vertreter auf Erden, sie ist nur ein anderer, aggressiver, machthungriger, politischer Staat, mit einem Staatsoberhaupt, das sich Papst nennt. Die wichtigste politische Maßnahme dieses Staates ist es, Angst zu verbreiten. Die Bankkonten dieses Staates quellen über und die Kinder Somalias verhungern im Namen der Kirche - nicht im Namen Gottes - denn es gibt auf dieser Welt genug zu Essen für alle die Hunger leiden - nur das Teilen fällt den Satten sehr schwer - und zu diesen Satten gehört auch Deine katholische Kirche. Ja - ich bin der Teufel, Iza - Dein Teufel - der Dir immer wieder sagen wird, daß Gott Dich längst von Deinen Sünden erlöst hat, weil Gott niemals Bedingungen stellt, wenn jemand wie Du wirklich bereut - aber die katholische Kirche wird Dir nicht verzeihen, denn würde sie Dir verzeihen, hättest Du keine Angst mehr und ohne Angst brauchst Du keine Kirche mehr, sondern nur noch Deinen tiefen Glauben an Gott. Doch davon hat die katholische Kirche nichts - also wird sie Dir nie verzeihen. Deshalb habe ich Dir auch gesagt, daß ich oder Anne Dir nichts zu verzeihen haben, daß wir nur mit aller Kraft und dem Glauben an ein menschliches Leben verstehen lernen müssen. Glaube mir, ich verstehe Dich und kann Dir nicht böse sein - wie soll ich Dich denn verdammen, wenn alles was mich am Leben hält, einzig meine Liebe zu Dir ist. Ich sage Dir leb wohl, Iza, weil Du mir nicht mehr vertrauen kannst und willst. Ich kann Dir nichts wünschen, denn ich habe nichts zu wünschen mehr. Ich kann für Dich nichts hoffen, denn ich habe keine Hoffnung. Ich verabschiede mich von Dir, Iza, weil ich Deinen Frieden nicht länger stören darf - das durfte ich nur, solange Du mir noch vertraut hast. Vergiß mich, Iza, den Mann den Du zu lieben geglaubt hast, diesen Mann gibt es nicht mehr. Leb wohl - Du - Einzige - ich habe Angst." Gesche rülpste herzhaft und gab Paul den Brief zurück. Paul sah sie lange, aber ohne Zorn an und sagte dann leise: „Ab morgen sollten wir für unser Stück an dieser Angst arbeiten. Ich glaube es ist wichtig, daß ihr eure eigenen Ängste kennenlernt und mit in die Rollen einbringt. Die Liebschaften funktionieren nur, wenn eure Gefühle die eigenen sind. Wir spielen sehr nahe am Publikum, sozusagen auf dem Schoß. Sie sehen jede Regung, nichts und niemand kann sich hinter der Rampe verstecken. Sie werden die Schweißperlen auf eurer Oberlippe sehen. Sie werden euch riechen. Sie werden sich verschließen, wenn ihr nicht einzigartig wahr seid. Traut ihr euch das?" „Ausprobieren kann man alles!" Gert gähnte herzhaft. Es war zwei Uhr morgens geworden und Gert machte sich nun mit Grit und Werner, ein Hospitant, der seit Probenbeginn noch kein einziges Wort von sich gegeben hatte, auf den nach Hause Weg. Nur Gesche blieb sitzen. Paul faltete die beiden Briefe fein säuberlich zusammen und steckte sie wieder in die Brusttasche. „Dein Repertoire an Scheiße ist unwahrscheinlich, Pappnase," fauchte Gesche. Paul sah sie nur stumm an und holte dann die beiden Briefe hervor und zerriß sie in kleine Stücke, die er dann in den Aschenbecher warf. „Ende!" sagte er dazu. „Gib mir mal nen Kuß," murmelte die Treppenhof. Und Paul beugte sich über den Tisch und küßte sie auf den Mund. Damit begann ein wahrer Alptraum für Paul. 13 Paul und Gesche wurden für einige Zeit das wüsteste Paar von Münster. Sie liebten sich nicht. Nein sie verbrannten sich. Sie soffen wie die Pferde nach einem Galopprennen. Sie redeten, nein schrien sich stundenlang an. Ihre Diskussionen waren hitzig, gefährlich und falsch. Gesche liebte Paul. Sagte sie. Paul haßte Gesche. Aus reinem Herzen und sagte es ihr. Warum er bei ihr war, das war nur ihm klar. Er wollte sich betäuben. Nicht fühlen, kalte Maschine sein. Er fand es wunderbar, wenn er sich, um vier Uhr morgens, erschöpft in Gesche fallen ließ. Er fickte zum ersten Mal in seinem Leben. Roh, gewaltsam, einfallslos, rüde. Bisher war der Akt der Liebe für ihn ein Sakrileg gewesen. Nun kotzte er Liebe. Er legte sich mit jedem an. Er wütete im Theater, wohl wissend, daß ihn das das Vertrauen des Intendanten kosten konnte. Er mißtraute allen, die mit ihm zu tun hatten. Er schnüffelte nach Fehlern, deckte sie auf und ließ die Beteiligten eiskalt ins Messer laufen. Er war auf einem Selbstzerstörungstripp. Wer auf den berühmten roten Knopf gedrückt hatte, das wußte er nicht so genau. Mit Alkohol versuchte er sich zu betäuben. Sein neuestes Kindermusical wurde zu dieser Zeit in Münster uraufgeführt. Unter seiner eigenen Regie. Er wußte, er würde es nicht schaffen. Nach außen hin vielleicht. Aber für ihn war diese Arbeit reiner Mist. Er verachtete die Besetzung. Er schmiß mit Geld um sich, als würde er es selbst drucken. Einmal, da kam ihm der Hausfotograf ganz dumm und Paul zog fünfhundert Mark aus der Tasche, gab sie dem verblüfften Fotografen und sagte: „Wenn du ein einziges gutes Foto von mir schaffst, darfst du sie behalten. Und jetzt schweige und rede erst wieder, wenn du es geschafft hast." Der Fotograf schaffte das Bild natürlich nicht. Er gab aber auch das Geld nicht zurück. Gesche wollte Paul ganz für sich haben. Sie stellte ihn den Eltern in Osnabrück vor. Was für eine Freude. Gesche wollte unbedingt, daß er über Weihnachten nach Sydney zu den Kindern flog. Was sie damit eigentlich bezweckte war klar. Er sollte sich sicher machen, daß er nicht vielleicht doch wieder Sehnsucht nach Anne entwickeln könnte. Sie kaufte zwei riesige Teddys für die Kinder. Sie selbst brauchte eigentlich einen Teddy. An einem Adventsabend, kurz vor Weihnachten, gab es im Hause Treppenhof ein Weihnachtsessen, bei dem sich die Familie vorab beschenkte. Paul war mit eingeladen. Es verlief alles sehr harmonisch. Paul plauderte angeregt mit den Eltern. Dann wurden die Geschenke verteilt. Alle freuten sich und macht Ah und Oh und Küßchen. Dann sagte der Vater von Gesche plötzlich in die Runde: „Wieviel Geld wäre denn von Nöten, um Ihre Frau in Australien ein für alle Mal auszuzahlen? Meine Stieftochter scheint sie sehr zu - lieben, Paul. Ich finde Sie auch sehr angenehm. Ich möchte meine Tochter glücklich sehen." „Genial, Pappi," kreischte Gesche. Paul war immer noch still. „Nun Paul, es ist Weihnachten" brummte Herr Treppenhof. „Genial. Die absolute Genialität." „Genialität?" fragte Paul ruhig. „Genialität ist nur gut, wenn sie korrigierbar ist." „Dann laß mich doch deine Genialität ein bißchen korrigieren, Paul" schnurrte Gesche an seinem Ohr. Doch Paul stand auf und sagte leise: „Es tut mir sehr leid, wenn ich diese Feier jetzt etwas stören muß und gehe. Tut mir leid. Das war's dann wohl, Gesche." Paul ging ohne Zögern hinaus in die Halle, zog seinen Mantel an, verließ das Haus und fuhr mit seinem Wagen nach Bielefeld. Er dachte nichts. Gar nichts. Er fuhr ohne Ahnung wohin und landete doch in seinem Bielefelder Mövenpick. Er sagte Hallo an der Rezeption, bekam seinen Schlüssel, ging auf sein Zimmer und legte sich auf das Bett. Am Spiegel hingen zwei Bilder seiner Töchter. Beide im Badeanzug, herzlich lachend, an irgend einem Strand in Sydney. Paul lag auf dem Bett und dachte nichts. Er starrte an die Decke und sah nichts. Er fiel in ein großes schwarzes Loch und während er fiel, blinkte vor ihm eine Leuchtschrift mit den Worten: „30.11.1992 - Probenbeginn Two bei Two: Endlich brauche ich keine Spiegel mehr. Du bist da. „ 14 Am Montag den 30. November fingen in Bielefeld die Proben zur deutschen Erstaufführung von Two by Two an. Es war regnerisch kalt. Paul hatte drei Jahre, zusammen mit Anne, in Bielefeld gelebt und gearbeitet. Heute war er froh, ein gutes Zimmer im Mövenpick zu haben. Der Preis war annehmbar und er liebte inzwischen den Komfort guter Hotels. Daß er nach fast sechs Jahren wieder nach Bielefeld kam, das konnte er selbst nicht ganz begreifen. Two by Two war ein sülziges, altmodisches Musical von Richard Rogers. Mit Dany Kay konnte das ja ganz lustig gewesen sein. Aber es war eine Deutsche Erstaufführung und das hieß auch Reputation für Paul. Er hatte sein Team mitbringen können. Perdi machte Bühne und Kostüme und ein alter Mitstreiter, James Brookes, der ehemalige Bundes Jesus, sollte die Hauptrolle des Noah singen. Ansonsten kannte er noch Sylvia, mit der er auch schon tausend Mal gearbeitet hatte und die ehemaligen Kollegen aus Bielefeld, die noch da waren. Er freute sich auf die Leute und mit den drei neuen Gesichtern, die er noch nicht kannte, würde er schon fertig werden. Er kam auf die große Probebühne, begrüßte Perdi, murmelte etwas von Scheiße und klatschte in die Hände, um die Probe zu beginnen. In diesem Augenblick flog die Tür auf und Iza kam herein. Paul mußte sich setzen und Perdi sagte: „Was hast du?" Pauls schüttelte stumm den Kopf und sagte nicht. Natürlich war nicht Iza herein gekommen. Doch die Frau, die da im roten Mantel und wehenden, schwarzen Haaren herein getobt kam, war wie eine Inkarnation. Vielleicht etwas jünger. Vielleicht sogar noch schöner. Vielleicht sogar noch impulsiver, noch burschikoser, noch, noch, noch! Sie sah auch nicht aus wie Iza, sie roch nicht wie Iza, zog sich nicht an, wie Iza, hatte grüne Augen und nicht masurisch blaue, wie Iza, war zwar Sängerin, wie Iza, aber dazu noch Tänzerin und Choreographin Songtexterin und Schauspielerin, Kostümbildnerin und Mutter und Schwester und Bruder in einem. Das wußte er damals noch nicht, aber er wußte es eben. Er war im letzten Jahr einmal in Bielefeld gewesen, weil ihm der Intendant seine neue Entdeckung, seine Sally Bowles, für Two by Two andrehen wollte. Da hatte er sie gesehen, eine kleine, graue, verschnupfte Maus, mit einer großen Nase und einem gelangweilten Gesicht, die nur markierte und krank tat. Ihm war es damals egal ob sie bei ihm mit dabei sein sollte oder nicht. Er dachte, wenn Heiner sie vorschlägt, muß sie wenigstens Stimme haben. Darauf legte Heiner immer sehr großen Wert. Am Abend aßen Perdi und Paul zusammen im Mövenpick. „Jetzt erzähl" sagte Perdi. „Was ist los mit dir? Du bist ja völlig aus dem Häuschen. Ist was mit der Gesche." Perdi war der Einzige, der seit fast zwanzig Jahren jeden Streifzug Pauls miterlebt hatte. „Laß mich mit der Gesche in Ruhe," murrte Paul. „Du weißt genau, das ist nichts." „Oh je" seufzte Perdi und schob sich genüßlich ein Stück Lamm in den Mund. „Tu das bloß nicht, Paul. Tu es nicht." „Was soll ich nicht tun?" fragte Paul scheinheilig. „Laß das Mädchen in Ruhe. Laß sie in Ruhe, Paul." „Was für ein Mädchen?" „Ich kenn dich, Paul," sagte er und schlürfte seinen Dole. „Bin ich blöd?" „Ja, du bist blöd, wenn du dich darauf einläßt." „Und warum?" „Weil das eine Perle ist und du nur ein roher, Tiroler Lackel bist. Außerdem bist du zu alt." „Genau!" sagte Paul und bestellte noch einen Grappa. Damit war für beide die Diskussion erledigt. Perdi blieb noch einige Tage um Kostümanproben zu überwachen und kam öfter auch auf die Probe. Paul war auch bei den Kostümanproben dabei. Als Lu Brydell, die Perle, zu ihrer Anprobe kam, war Paul dabei. Perdi und er standen in der Ecke und als sie in einem schwarzen Taftkleid a la Ferrero Werbung da stand, drehte sich Paul mit dem Gesicht zur Wand und flüsterte: „Das Oberteil müßte durchsichtig sein." Perdi drehte den Kopf zu Lu und sagte ganz spontan: „Du hast Recht." Das arme Ding hatte nicht gehört, was die beiden alten Kämpen da diskutierten und fragte nun, leicht irritiert: „Was ist. Stimmt etwas nicht?" Paul musterte sie von oben bis unten und sagte: „Eigentlich müßte das Oberteil durchsichtig sein - ohne BH darunter." „Wenn Sie das meinen, bitte," sagte sie ruhig. „Geh, schneiden wir doch einmal das Futter heraus." „Dann ist aber das Kleid hin!" heulte die Schneiderin. „Machen Sie's einfach" raunzte der Perdi los und die Schneiderin verschwand mit Lu im anderen Zimmer. Paul und Perdi schwiegen. Als Lu nun mit durchsichtigem Oberteil da stand, sagten beide Herren ganz spontan: „So machen wir's," und Paul verließ die Anprobe. Am Abend, beim gemeinsamen Essen, sagte Perdi nur: „Du armer Hund. Das Mädchen ist eine Wucht. Ich versteh es, wenn du mußt. Aber bitte, ich bin jetzt alt. Bitte das letzte Mal." „Weißt du, was komisch ist? Das kann ich dir sogar versprechen. Frag nicht warum. Ich weiß es auch nicht. Aber so ist es." Die Proben verliefen äußerst zäh. Paul hatte keine große Lust auf das Stück und brauchte sehr viel Kraft, nicht auf Lu los zu gehen. Er wollte es nicht. Er wollte warten, warten und warten. Er hatte Angst. „Wie alt sind Sie, Frau Brydell? „Sechsundzwanzig, wieso?" „Keine Angst, ich rühre nichts unter dreißig an." Blöde Sätze auf der Probe, die niemand verstehen konnte. „Sein Sie einfach schön." „Ich kann nicht schön sein, weil ich nicht schön bin." „Sie sind schön, also sein Sie's." Manchmal benahm sich Paul fast aggressiv. „Muß ich jetzt aufstehen und euch das zeigen, wie man zärtlich an einem Zeh lutscht?" „Bitte nicht!" kam es prompt von Lu und ihrem Partner gleichzeitig. „Kinder," raunzte Paul in sich hinein. Eines Abends ging Paul mit James, seinem Noah, noch ein Bier trinken. Lu kam aus irgend einem unerfindlichen Grund mit in die kleine Bar. Paul wollte das, obwohl er es nicht wollte. James verabschiedete sich schon bald. Er war ein großer Künstler und sehr müde. Da saßen nun die beiden Ausweglosen und unterhielten sich. Paul sagte nur die Wahrheit. Grausame Wahrheiten. Doch Lu schien das nicht zu stören. Sie redeten auch über Iza, über Anne, die Kinder. Und Paul wußte, warum er am ersten Probentag diese Leuchtschrift gesehen hatte: Ich brauche keine Spiegel mehr. Du bist da. Das sagte er Lu natürlich nicht. Er wollte ihr in dieser Hinsicht gar nichts sagen. Sie sprachen auch über ihren derzeitigen Freund, den sie als One Night Stand bezeichnete, der dann fünf Jahre da blieb. Sie wollte ihn verlassen, wußte aber nicht wie. Dieses Gespräch fand vor jenem denkwürdigen Weihnachtsfest bei der Familie Treppenhof statt und so erzählte Paul auch über Gesche. „Ich werde sie verlassen. Wenn Sie glauben daß das ehrlicher ist. Machen wir einen Deal. Sie verlassen Ihren Peter und ich verlasse die Treppenhof." „Ich weiß nicht, wie ich das kann. Vielleicht. Sagen Sie, soll ich mich ändern? Ich meine, ich mache so viel Schwierigkeiten weil ich meine Meinung sage und den Mund nicht halten kann und an etwas glaube. Sollte ich mich vielleicht ändern und anpassen?" „Bleiben Sie genau so wie Sie sind" antwortete Paul. „Das ist Ihre Qualität. Sie sind hervorragend. Sie Können sehr viel. Sie sind außergewöhnlich gut. Bleiben Sie genau so. Bitte!" Sie verließen das Lokal und gingen getrennt ihrer Wege. Paul schlenderte zurück zum Hotel. Da war sie also, die Frau die er instinktiv und unterbewußt in seinem Märchen vom Mann aus der anderen Welt beschrieben hatte. Teil eins, zwei und drei in einem. Hatte Gott endlich ein Einsehen mit ihm? Oder kam da die verdiente Strafe? Am nächsten Wochenende fuhr er nach Osnabrück und verließ Gesche. 15 Die Proben sollten über Weihnachten unterbrochen werden. Pauls Flugzeug flog am 23. Dezember gegen abend nach Sydney ab. Er hatte sich vom Ensemble verabschiedet und saß alleine im Hotel. Er war aufgeregt, denn er wollte nicht nach Sydney. Aber, er mußte wohl. Am Morgen des 23. wachte er sehr früh auf. Er wanderte ruhelos in seinem Zimmer auf und ab und entschloß sich schließlich zu einem gewagten Schritt. Er rief Frau Brydell in ihrer Wohnung an und fragte, ob Sie Lust hätte, mit ihm zu frühstücken. Sie sagte sofort zu. Er ging in die Halle hinunter, um auf sie zu warten. Sie kam tatsächlich. Die beiden einsamen Menschen saßen da und erzählten Geschichten. Irgendwann sagte Paul: „Vielleicht komme ich nicht zurück, aus Sydney." „Dann bin ich Ihnen für den Rest meines Lebens böse," antwortete Lu. Sie sprachen über Belanglosigkeiten. Sie verabschiedeten sich. Irgendein hübscher Pilot sollte Lu noch nach Hamburg bringen. Paul hatte noch etwas Zeit und saß in seinem Zimmer und schrieb einen Brief. Doch dies war ein ganz anderer Brief, als er ihn jemals geschrieben hatte. Liebste Lu - Liebste? Lu, dies mag die schlimmste Zeit sein um Ihnen zu schreiben. Doch die Zeit ist immer einfach richtig oder falsch - wie gescheit, wie unwahrscheinlich intelligent so ein Satz auf Sie wirken muß. Wie auch immer - Sie haben mir das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht. Mit Ihnen zusammen zu sitzen und Tee zu trinken, ist mehr als ich im Augenblick von irgend jemandem erwarten kann. Doch wie auch immer. Ich fahre nach Australien - weil ich meine Töchter wirklich liebe. Weil ich wirklich möchte, daß sie ein glückliches und sicheres Leben führen können - oder was zumindestens das bekommen, was ihnen wichtig erscheint. Männer - liebste Lu - Männer reisen nicht nur um ihre Kondome benutzen zu können. Männer suchen nicht nur nach einer schnellen Befriedigung ihrer Sehnsüchte. Männer sind kein Kondom - oder nur brauchbar, wenn sie ein Kondom tragen. Männer denken nicht nur an Titten und Arsch und ihr eigenes Vergnügen. Männer lieben auch. Jeder von uns sucht nach dem einen, wunderbarsten Naturhafen. Es tut mir leid, doch ich glaube Sie sind für mich dieser Hafen. Ihre Geschichte, Ihre Kraft, Ihr Lächeln, Ihre Augen, Ihr Fatalismus, der der reine Optimismus ist - es tut mir leid. Das Jahr 1992 brachte das Ende meiner Ehe - den Tod meiner Mutter - das Ende fast all meiner Träume - und zeigte dieses Jahr mir auch die Ewigkeit der Träume - Sie. Ich bin glücklich, daß ich Sie treffen durfte. Bitte hassen Sie mich nicht, falls ich nicht zurück komme. Bitte hassen Sie mich nicht, falls ich zurück komme, um meinen letzten Hafen zu suchen. Bitte hassen Sie mich nicht. Was auch immer Sie tun werden, ich werde es akzeptieren. Was auch immer Sie brauchen, ich werde versuchen es für Sie zu tun. Was auch immer Sie sich wünschen, ich werde versuchen es zu erfüllen. Keine Spiele, keine Schummeleien, kein Betrug. Ich fahre nach Sydney und werde wieder kommen, mit der Hoffnung, daß Sie da sein werden und Hallo sagen. Die Beauty und das Biest. Ein Alptraum. Bitte laufen Sie nicht davon. Paul. Und wieder einmal flog Paul nach Sydney. Er hatte Angst. Er wußte nicht, wie er sich Anne gegenüber verhalten sollte. Er freute sich auf die Kinder, hatte aber keine Ahnung, wie er ihnen erklären sollte, warum er nicht bei ihnen leben, mit ihnen leben konnte. Er konnte auf dem langen Flug kein Auge zu tun und kam in fast überreizter Stimmung in Sydney an. Die Sonne ging gerade auf als der schwere Vogel über dem Opernhaus seine Landeschleife zog. Wie schon beim ersten Besuch in seiner heimlichen Traumstadt fiel beim Betreten des Flughafengebäudes jeglicher Druck von ihm ab. Sydney hatte eine seltsame Wirkung auf Paul. Er fühlte sich dort immer sofort zu Hause. Am Ausgang flogen ihm die Mädchen entgegen und Anne stand da, so schön und stolz wie immer. Die wenigen Tage, die Paul sich selbst zu Weihnachten geschenkt hatte, vergingen wie im Flug. Er alberte mit den Kindern, führte lange und endlich wieder ernsthafte und intensive Gespräche mit Anne, saß in der Sonne und wußte, was er zu tun hatte. Er mußte versuchen Annes Freundschaft zu gewinnen, den Kindern väterliche Sicherheit geben und mit Lu ein neues Leben beginnen. Als Paul aus Australien zurück kam, war er sehr ruhig. Er hatte endlich mit Anne geklärt, daß wirklich kein Weg zu ihr zurück führte. Sie hatten sogar versucht, sich zu lieben. Aber es ging nicht mehr. Es war ja nie so ganz richtig gegangen. Die Kinder waren glücklich, daß er da war und er flog fast fröhlich nach Deutschland zurück. In Bielefeld fand die erste Bühnenprobe statt und in einer kleinen Pause fragte Paul Lu: „Na, wie läuft es mit Ihrem Freund?" „Wie made up again." Sie sah sehr traurig aus, als sie das sagte. Paul antwortete nur: „Ich habe mit Gesche Schluß gemacht." „Wann?" „Schon vor Weihnachten." Danach trafen sie sich häufig zum Essen - sie Duzten sich nun auch. Sie führten wilde Diskussionen. Nicht über Liebe. Doch es waren immer Kollegen dabei. Eines Tages hatte Paul dann doch den Mut, Lu nach der Probe zum Essen einzuladen. Lu nahm gerne an und sie fuhren in den Teuteburger Wald hinauf, dort kannte Paul ein keines Ausflugslokal, das auch im Winter geöffnet hatte. Es schneite leise und erst saßen sich die beiden stumm gegenüber und stocherten lustlos in ihren Mahlzeiten herum. Schließlich sagte Paul: „Darf ich reden? „Sicher." Lu sprach so leise, daß man sie kaum verstehen konnte. „Aber bitte unterbrich mich nicht. Hör einfach nur zu und danach bezahlen wir und sprechen uns morgen. In Ordnung?" Nach einer langen Pause nickte Lu. Paul räusperte sich und begann sehr vorsichtig zu reden: „Lu - leider sind immer viel zu viele Ohren um uns herum. Leider fühle ich mich immer wieder veranlaßt, große Sprüche, Sarkasmen und Unverschämtheiten los zu werden. Das tut mir leid - denn ich will dich weder beleidigen, noch verunsichern oder dir zu nahe treten. Was will ich eigentlich? dir helfen, die Rachel zu knacken - so gut ich dir eben helfen kann." Lu wollte antworten, doch Paul schnitt ihr mit einer scharfen Geste das Wort ab. „Am liebsten wäre mir, wenn dieses Stück nie zur Premiere kommen würde. Wir einfach endlos weiter probieren, nur damit ich so lange wie möglich in deiner Nähe sein kann. Obwohl ich nun wirklich jegliche Chance verspielt habe, irgendwann einmal James Dean zu sein." Lu lachte ihr herrliches lachen und die Kellnerin kam aus der Küche um zu sehen, was da so lustig war. Paul bestellte noch zwei Gläser Wein und bis die Kellnerin serviert hatte saßen sich die beiden wieder stumm gegenüber. Sie prosteten sich zu und Paul grinste: „Prostata, auf daß sie mir erhalten bleibe. Ich möchte, daß du den Schleier endlich fallen läßt, den du dir umlegst, sobald du die Bühne betrittst. Lu - mach die Augen auf - auf der Bühne und vielleicht auch im richtigen Leben. Ich weiß - du vertraust eigentlich nur dir selbst - gut so - aber manchmal kannst du auch anderen Menschen vertrauen. Du hast alles was man für dieses Leben braucht. So viel Talent hat dir das Schicksal mit auf den Weg gegeben. So viel Disziplin und so große Lebensfreude. Nutze diese Talente, glaube an sie, setze sie ein und vertraue. Mach die Augen auf! Lächle und fang endlich an dich zu mögen. Schönheit ist Geschmackssache - laß dich nicht von Männern oder Menschen klein kriegen, die einfach einen anderen Geschmack als du selber haben." „Findest du mich etwas schön?" entfuhr es Lu so schnell, daß Paul sie nicht bremsen konnte. „Du bist schön - wunderschön, wenn du nur zuläßt, daß man dich mag, liebt, verehrt und sogar bewundert. Glaub es und fang an, an dich selbst zu glauben. Deine Mädchenjahre sind vorbei. Du hast Pech gehabt mit deinem Unfall und der Krankheit - da ist viel an dir vorbei gegangen. Und doch werden dir diese Erfahrungen immer treue Wegbegleiter sein und dir über Klippen hinweg helfen. Wir unterhalten uns endlich einmal alleine. Danke. Aber, Tatsache ist auch, du gehst ins Kino - allein. Ich geh an die Hotelbar - allein. Das Leben - wie langweilig. Scheiße - ich hatte Recht als ich annahm, daß du Angst vor deinen eigenen Entscheidungen hast. Als du mir erzählt hast, daß man mich auch den Sammler nennt - da erkannte ich das Problem. Ja - ich sammle Menschen, wie andere Briefmarken. Du bist eine Briefmarke. Die sammle ich nicht. Und nun sitze ich hier und warte auf Inspiration. Warte darauf, Songtexte wie du schreiben zu können. Warte auf eine unerwartete Nachricht. Warte wie ein Kind, das seine Mutter im Supermarkt verloren hat. Warte auf den Sturm. Warte auf deinen Regenbogen, den ich niemals sehen kann. Warte auf das Klingeln des Telefons. Warte auf die Rückkehr meiner Kraft. Warte auf ein Lächeln, ein bißchen Gelächter, ein paar warme Worte. Warte auf etwas - einfach auf irgend etwas. Was passiert, Lu? Warum spreche ich zu dir, so wie ich es tue? Warum verrate ich dir so viele Geheimnisse, die du nicht wissen solltest, weil sie dich verletzen könnten. Warum tauchst du gerade jetzt auf? Unberührbar, unbesiegbar, weil ich dich nicht besiegen möchte. Warum macht mich dein Anblick so traurig und hilflos, so hoffnungslos und zerrissen zwischen Disziplin und Dummheit." Paul schwieg. Er mußte schlucken, um seinen Tränen nicht freien Lauf zu lassen. Lu sah schweigend zum Fenster hinaus und schüttelte dabei immer wieder den Kopf. Lange saßen sie so und Paul fürchtete, daß er wieder einmal zu weit gegangen war. „Wer bist du?" sagte Lu plötzlich. „Frag mich," sagte Paul spontan und Lu setzte sich kerzengerade zurecht, ihre Augen begannen zu funkeln und ihre Stimme wurde hart: „Deine Aggression zum Beispiel." „Ist die positivste Form zu überleben." „Für mich ist Aggression, wenn meine Angst sich in Zorn verwandelt." Schoß Lu zurück. „Sarkasmus?" „Sarkasmus? Der zärtliche Weg, ein wahres Herz zu finden. Um es mal poetisch auszudrücken," lächelte Paul. „Ich werde sarkastisch, wenn es mir schwer fällt die Wahrheit zu sagen eine fatalistische Angst davor, mit zwei Komma drei Kindern zu sterben." murmelte Lu. „Fatalismus ist die Angst davor, in einem weichen Bett zu sterben," lachte Paul. Die beiden warfen sich nun Stichworte zu und Paul hatte das wohlige Gefühl endlich wieder einmal einen Menschen gefunden zu haben, mit dem er reden konnte. „Utopie?" fragte Lu. „Echte Menschen auf diesem Planeten." „Für mich Leute, die andere akzeptieren" konterte Lu. „Die Vergangenheit? Jeder der glaubt, noch am Leben zu sein," hielt Paul dagegen. „Vergangenheit? Das Leben ist nie wieder gleich," antwortete Lu fast traurig. Und Zukunft? Ein Bild davon, wie das Leben sein sollte." „Zukunft? Ein Planet aus lebenden Träumen. Träume? Des Teufels netteste Lüge." „Der Teufel? Mein bester Freund," entfuhr es Lu. „Für mich ist der Teufel die Chance an etwas zu glauben," meinte Paul. Nach einer langen Pause sah Lu Paul mit einem fast ängstlichen Blick an und fragte leise: „Leben?" „Nicht existent," knurrte Paul in seinen Wein. „Nicht die Uhr, die wir nicht sehen.?" hakte Lu nach. Doch Paul schwieg. „So wie wir nicht wissen ob der Tod das Ende oder der Anfang ist?" versuchte es Lu erneut. „Der Tod ist nur ein römisch katholischer Alptraum," entfuhr es Paul fast wütend. „Gott, ja - daran glaube ich so wie an die Tränen eines Kindes. Aber Gott ist nicht römisch katholisch." „Gott? Wer? Kinder? Wir könnten von ihrer Aufrichtigkeit lernen. Und von ihren Fragen. Aber wir wollen keine Antworten hören, die wir nicht akzeptieren." Lu hatte Tränen in den Augen und sah Paul trotzdem gerade in die Augen und Paul sagte sehr leise. „Kinder? Die einzigen Lebewesen, die wirklich Fragen stellen. Fragen? Des Anfang vom Ende. Das Ende? Hoffnung. Hoffnung? Du. Du? Der Hafen. Der Hafen? Leben." Lu rannen nun die Tränen übers Gesicht, aber sie wischt sie nicht fort, sondern sah nur Paul an, schluckte schwer und flüsterte dann fast tonlos: „Das Ende? Wenn wir neu anfangen wollen. Hoffnung? Du? Du? Der Regenbogen. Regenbogen? Wasser und Licht. Licht? Leben. Paul, ich habe Angst. Ich möchte daß du dich wieder jung fühlst. Ich möchte daß ich dich inspirieren kann, ich möchte dir das Gefühl geben, daß deine Träume Wirklichkeit sind. Aber ich habe Angst. Wovor? Vor Dir? Vor mir? Vor meinem Freund? Vor der Show. Die Angst ist da. Leider habe ich nur Fragen und keine Antworten. Fragen, von denen ich hoffe, daß ich sie irgend wann einmal stellen darf. Laß uns die Premiere gemeinsam feiern. Es ist mir sehr wichtig, daß du da bist. Und danach fängt ein neuer Tag an. Was auch immer nun passiert ...!" Die beiden saßen an ihrem Tisch und lächelten sich an. Es war längst dunkel geworden und ihre Hände hatten sich längst gefunden. „Die Premiere gemeinsam feiern und dann fängt ein neuer Tag an," murmelte Paul. „Und bei uns fängt jetzt die Sperrstunde an," kam es vom Tresen. Die Kellnerin unterstrich ihre Ankündigung mit einem herzhaften Gähnen. „Dann bringen sie uns doch noch zwei Gläser Champagner und danach ein Taxi bitte, „ rief Paul über die Schulter. „Den Wagen kann ich morgen holen. Ich bring dich im Taxi nach Hause und verzieh mich dann an meine Bar im Hotel. OK?" „OK," sagte Lu und schneuzte sich. Als sie ihren Champagner schweigend gelehrt hatten, kam auch schon das Taxi. Die beiden setzten sich ins Fond und Paul fragte Lu: „Wohin?" „Gibt es hier in der Nähe einen Flughafen?" fragte Lu den Fahrer. „Nicht das ich wüßte," meinte der Fahrer. „Dann bitte ins Mövenpick am Hauptbahnhof," sagte Lu. „Und bitte fahren sie so langsam wie möglich." Paul und Lu warteten nicht bis zur Premiere, um zu feiern. Sie feierten zwei Tage davor. Lu konnte es nicht fassen, daß sie in seinem Hotelzimmer war. Auf eigenen Wunsch. Sie konnte es nicht fassen, daß er MTV anstellte, ihr Bilder seiner Kinder zeigte und keine Avancen machte. Sie konnte es nicht fassen, als sie unter der Dusche stand, daß er nicht hereinkam und alles zunichte machte. Sie konnte es nicht fassen, als sie sich auf ihn legte und sich fallen ließ. Sie konnte es nicht fassen, daß sie fiel. Und Paul schwamm mit seiner Wildente auf hoher See. Die Beziehung zu ihrem Freund wurde auf der Premierenfeier beendet. In Dortmund bebte die Erde mitten im Winter, als ein gewaltiges Wintergewitter niederging, während Lu und Paul sich liebten. Von Berlin aus wurde die Mutter in London aufgeklärt. Sie stellte nur ein paar Fragen und wußte Bescheid. Wie alt? Vierzig. Verheiratet? Ja. Kinder? Zwei. Schläft mit allen seinen Hauptdarstellerinnen? Nicht unbedingt. Hat einen Aids Test? Nein, aber zwei gesunde Kinder. Die beiden lebten wie in einem Traum. Sie hielten sich stundenlang an den Händen, sie liebten sich unermüdlich, sie sprachen, lachten und konnten dieses Glück nicht fassen. Am fünften Februar war ein Vorsingen in Wien angesetzt. Paul wollte es mit einem Besuch in der Staatsoper verbinden und Lu hinfahren. Sie machten sich sehr zeitig auf den Weg. Es war nebelig. Doch die Autobahn war trocken uns sehr leer. Kurz hinter Passau brach plötzlich die Sonne durch. Lu griff nach ihrer Sonnenbrille und plötzlich sah man nichts mehr. Über eine Kuppe hinweg raste der schere Wagen mit hundertsechzig Stundenkilometern in eine Nebelwand. Einem im Nebel winkenden, grau bekittelten Mann, konnte Paul gerade noch auf dem Grünstreifen ausweichen. Stehende Kolonne ohne Warnblinker. Der Mercedes rast an zwölf stehenden Autos vorbei. Paul versuchte verzweifelt die Spur zu halten und abzubremsen, Lu rollte sich wie eine Katze auf den Beifahrersitz, immer noch die Brille fest umklammert und der Wagen krachte in einen LKW, der halb auf dem Grünstreifen geparkt war. Ende. Aus. Tot. Es krachte und splitterte. Der Motor kam in die Fahrgastzelle und Paul dachte: „Warum gerade immer auf dem Weg nach Wien." Bei St. Pölten hatte er mit siebzehn schon einmal so einen Unfall. Er hatte sich ein Auto gekauft, ohne Führerschein und war mit zwei Freunden auf dem Weg zu Maria Emo, seiner damaligen Muse. Er wurde damals aus dem VW geschleudert und fuhr trotzdem, stöhnend vor Schmerzen, zurück nach München, damit die Polizei nicht eingeschaltet werden konnte. „Wenn Lu tot ist, dann will ich auch tot sein," dachte Paul und dann war alles totenstill. Der Tacho war bei einhundertundvierzig Kilometern pro Stunde stehen geblieben. Die beiden hatten das Glück der Liebenden. Sie blieben unverletzt. Der Himmel hatte ein Einsehen. Die Prellungen taten zwar höllisch weh und später stellte Paul fest, daß wohl auch ein paar Rippen gebrochen waren. Lus Glück war unbeschreiblich. Dort , wo ihre Beine sein sollten, lag der Motor im Fußraum. Ihre Katzenreaktion rettete ihr das Leben. So hatte Lus Leidensgeschichte doch noch ein glückliches Ende gefunden. Eines Nachts hatte sie ihm alles gebeichtet, von dem schweren Asthma, das sie seit ihrer Kindheit hatte, von dem Eislaufunfall in Schweden, bei dem sie fast ihr linkes Bein verloren hätte. Das künstliche Knie tat seine Arbeit hervorragend. Sie war lange Zeit täglich zwei Stunden ohne Unterbrechung geschwommen, hatte eisern trainiert und konnte jetzt wieder so steppen wie früher. Dann kam noch ein Virusinfektion, die zerstörte das rechte Ohr. Sie war taub - für eine Sängerin und Tänzerin ein Alptraum. Doch auch das hatte sie in den Griff gebracht. Später mußten dann noch Krebszellen am Muttermund behandelt werden und durch mehrere Lungenentzündungen war ihre Lungenkapazität eingeschränkt. Und das alles mit sechsund-zwanzig Jahren. Sie erzählte ihm auch, warum sie unter dem Künstlernamen Brydell auftrat. Eine Laune und eine Spitze gegen die Eltern Blondel in London. Paul konnte es nicht fassen, denn für ihn war sie das Beste, was er auf einer Musicalbühne in Deutschland erlebt hatte. Er wollte sicherstellen, daß diese Qualität bekannt würde. Lu lag auf einer Astronautendecke am Straßenrand und wartete auf die Ambulanz. Paul sollte sofort zum Verhör in den Polizeibus. Bevor er ging, kniete er sich neben Lu hin und sagte nur: „Na denn." Lu begann zu weinen und schluchzte: „Ich weiß, ich bringe dir nur Unglück." „Ich glaube, da will uns ein netter Gott mitteilen, daß wir zusammen gehören. Wir sollten heiraten." Sprach's und folgte dem Polizisten. Später erfuhr Paul, daß Lu sicher war, er würde jetzt mit ihr Schluß machen. Sie war so glücklich, daß sie den ganzen Weg ins Krankenhaus nur von seinem Heiratsantrag erzählte. Beide hatten gerade einen fast tödlichen Unfall und waren nur glücklich. Nicht daß sie ihn überlebt hatten. Nein, daß sie zusammen waren, das machte sie frei. Sie mieteten sich, gleich nach den Check Ups im Krankenhaus, einen Wagen und fuhren nach Ebermergen zurück. Pauls Mercedes war nur noch einen Meter fünfzig lang, aber das Hinterteil war schon nach Polen verkauft worden. Wenige Tage später flogen sie nach London. Paul sollte die Eltern kennenlernen. Dann, auf dem Rückweg, machten sie einen kleinen Umweg nach Innsbruck, zu seiner Familie. Als sie nach Ebermergen zurück kamen wußten sie, daß sie auf dem richtigen Weg waren. In dieser Nacht, sahen sie sich tief in die Augen und wußten, daß es Zeit war, ein Kind zu machen. Der Orgasmus war endlos lang und Paul schrie „Mädchen" und Lu stöhnte „Boy." Sie konnten es danach gar nicht abwarten, bis Lu endlich einen B-Test machen konnte. Den ersten versaute sie, weil sie so aufgeregt war, daß sie daneben pinkelte. Doch am nächsten Tag klappte es. Positiv. Was sollte den beiden auch schief gehen. 16 Irgend etwas geht immer schief. Paul war so glücklich, daß er manchmal panische Angst bekam. Er glaubte Lus Liebe, aber konnte nicht glauben, daß sie nicht eines Tages aufwachen würde, um festzustellen, daß sie einen großen Fehler gemacht hatte. Sie war so jung. Warum hängte sie sich an ihn, den alten Streuner. Sie war so talentiert. Er konnte eigentlich nichts für sie tun. Paul hielt nicht viel von seinen Regiekünsten. Nur wenige wußten, daß er eigentlich einen kapitalen Minderwertigkeitskomplex hatte. Oft versuchte Paul, Lu zu provozieren und von sich zu stoßen. Er sah zwar, daß er ihr damit unendlich weh tat. Doch er konnte sich nicht helfen. Da alles so schnell gegangen war, zweifelte er einmal sogar an seiner Vaterschaft. Wie immer machte er das öffentlich, auf einer Probe, vor versammelter Mannschaft. Er wußte, daß er ihr damit weh tat. Doch er liebte sie so sehr, daß er unsicher wurde. Paul war immer noch nicht geschieden. Seine Frau Anne machte Schwierigkeiten und so zog sich der Prozeß hin. Eigentlich wollten die beiden spätestens bei der Geburt ihres Sohnes verheiratet sein. Lu konnte ihre Neugier natürlich nicht zügeln und mußte herausfinden was es war und Paul war sauer darüber, denn er hielt mehr von der Überraschung. Aber eigentlich waren diese Querelen eher die normalen Streitigkeiten beim Aufbau einer Lebensge-meinschaft. Was ihn aber schreckte, das waren die vierzehn Jahre Altersunterschied. Es war nicht so sehr das Alter, sondern viel mehr die Tatsache, daß er, mit seinen inzwischen einundvierzig Jahren, nun fünfundzwanzig Berufsjahre hinter sich hatte. Ein gewaltiger Vorsprung an Abneigung. Und manchmal blitzten bei Lu Ansichten auf, die er einfach nicht mehr akzeptieren konnte. Doch im Juli 1994 war es endlich so weit. Sie konnten heiraten. Die Hochzeit fand in England statt. Die Scheidungspapiere waren einen Tag vor dem Termin, per Sonderkurier aus Australien, gerade noch rechtzeitig eingetroffen. Kyra und Alicia waren zu Besuch, Babs durfte mit ihren Kindern ebenfalls mit und es sollte ein großes, wunderbares, unkompliziertes Fest werden. Doch Pustekuchen. Die Vorbereitungen liefen so schwierig, daß alle bis zum Hochzeitstag völlig erschöpft waren. So hatte sich Lu ihre Hochzeit bestimmt nicht vorgestellt. Paul wußte, daß Lus Eltern eigentlich total gegen diese Hochzeit waren. Ihr Vater hätte den Sohn ja am liebsten abgetrieben. Er mochte Paul nicht. Und Paul machte sich nichts daraus, denn Lu mochte ihren Vater auch nicht. Nur die Großmutter war eine wahre Wucht. Die Hochzeit verlief englisch steif. Die Rassen streng getrennt. Die Europäer auf der einen Seite, die Engländer auf der anderen. Zu allem Überfluß mußten sie dann auch noch früher abreisen als geplant. Sie waren nicht mehr erwünscht. Am Tag nach der Hochzeit kam es zu einem, für Paul prägenden, Zwischenfall mit der neuen Schwiegermutter. Die europäischen Gäste wollten sich Suffolk noch ein bißchen ansehen und Paul wollte auch seinen Sohn mitnehmen. Doch da stand die Schwiegermutter gebieterisch in der Tür und sagte: „Es ist viel zu heiß. Du gehörst jetzt zu dieser Familie und tust was ich sage. Der Junge bleibt." Natürlich blieb der Junge, doch bei Paul blieb eine tiefe Wunde. Er haßte diesen Ton. Er haßte diese Überheb-lichkeit. Er haßte die Oberflächlichkeit, er haßte die Arroganz. Er haßte die Dummheit. Er haßte ihr Geld. Aber er war glücklich und frisch verheiratet. Seltsam. Er war nur knappe zehn Stunden tatsächlich ein freier Mann und doch fühlte er sich nur restlos frei in der Bindung zu Lu. Paul und Lu arbeiteten sehr viel gemeinsam. Das war auch gut so. Der kleine Sean war immer mit dabei. Paul machte sich Sorgen. Er wollte einen festen Platz für sich finden , um nicht mehr so viel reisen zu müssen. Damit er sich um Sean kümmern konnte, während Lu Gastspiele sang. Er wußte nicht, wie er das bewerkstelligen sollte und fiel bei allen Versuchen auf die Schnauze. Das Scheidungsurteil sah auch konkrete Zahlungen vor und so rechnete Paul immer öfter die Finanzen nach. Es ging zwar alles, aber sie arbeiteten wie die Pferde und es blieb nichts übrig. Beide träumten davon, endlich ein eigenes Haus zu haben. Woher das Geld nehmen. Lu begann zu nörgeln und Paul begann sich zu entfernen. „Ich muß es schaffen, ihr die Sicherheit zu geben, die ich versprochen habe" grübelte er immer wieder. Stundenlang saß er in seinem Büro und plante. Er machte grauenhafte Fehler im Umgang mit seiner geliebten Frau und eines Tages war es dann soweit. Er fiel in eine tiefe Depression. Er kannte bisher keine Depressionen und hatte sich auch immer geweigert, in die Nähe eines Psychiaters oder Psychologen zu gehen. „Bei dem Elternhaus" konterte er dann immer. Doch das, was ihn da zu Sylvester 94 überfiel, das war eindeutig eine Depression. Kurz zuvor hatte Paul sein letztes, großes Geheimnis gelüftet. Er war einmal, von einem Freund, in Tunis in ein Badehaus eingeladen worden. Für die Männer gibt es dort versteckte Gucklöcher zu den Damenbädern. Paul war völlig weg gewesen von der Anmut und Erotik, die die Frauen bei der Körperpflege versprühten. Dort sah er auch, zum ersten Mal in seinem Leben, eine rasierte Scham. Paul versteckte diese Lust und diesen Traum ganz tief hinten bei der Akte „Unmöglich" und träumte nur davon. Nicht einmal seinem kleinen Büchlein wollte er einen Satz darüber anvertrauen. Doch die tiefe Vertrautheit mit Lu gab ihm den Mut, darüber zu sprechen. Und sie schien es auch ganz angenehm zu finden. Ja, sie tat so, als würde sie es sogar mögen. Auch seinen Hang zu extrem kurzen Frauenhaarschnitten beichtete er ihr. „Vielleicht ist das meine latente schwule Ader" scherzte er verlegen. Aber er schnitt einfach gern Haare. Es erotisierte ihn, es machte ihm Spaß und er liebte das Gefühl, den Kopf eines Menschen so klar zu sehen. So unverstellt. So ohne Schutz. Lu machte halbherzige Versuche und Paul spürte, daß er ihr diese beiden Träume niemals hätte beichten dürften. „Wenn sie mich liebt, sollte sie mich doch ganz lieben." Falscher Gedanke. Paul spürte, daß sich Lu von ihm entfernte. War ihr die Last zu viel? War er zu vehement? Forderte er zu viel? Seit er Lu getroffen hatte, quälte ihn auch wieder ein längst vergessenes Gefühl: Eifersucht. Er konnte es nicht ertragen, nicht mit ihr zusammen zu sein. Er sah in jedem Fremden einen Feind. Wenn Lu sich ohne ihn wohl fühlte, auf einer Party, bei einem Essen, bei einem Gastspiel, brachte ihn das fast um. Er hatte ständig Angst sie zu verlieren und klammerte und klammerte. Immer neue Projekte zog er für sie gemeinsam an Land. Er ging so gar soweit, sie zu bitten, die Choreographie zu West Side Story zu machen, obwohl sie Angebote hatte ihre Traumrolle, die Anita in der West Side, an anderen Häusern zu singen. Sie blieb ihm treu und choreographierte. Trotzdem war diese Produktion schließlich der Anfang vom Ende. Lu weinte bei der Premiere und Paul ahnte nicht warum. Er war viel zu beschäftigt, den Intendanten zu überreden, ihn fest anzustellen. Er hatte an ihrem ersten Hochzeitstag gearbeitet. Fehler. Er warf ihr vor, andere besser zu finden als ihn. Fehler. Er sagte ja wenn er nein meinte. Fehler. Er schnitt ihr die Haare. Fehler. Er trank zu viel. Fehler. Er wurde wieder mürrisch und launisch. Fehler. Er entwickelte einen neuen Menschenhaß. Fehler. Er gab zu viel Geld nach Australien. Fehler. Er vermittelte ihr das Gefühl, nicht die Nummer Eins zu sein. Fehler. Sie glaubte, in seinem Schatten zu stehen. Fehler. Fehler. Fehler. Paul dachte eigentlich immer umge-kehrt. Paul meinte, wenn Lu bei ihm war, würde etwas von ihrem Glanz auf ihn abfallen. Lu dachte aber, in seinem Schatten bin ich nichts. Paul hat das nie begriffen. Im Sommer 95 machte Paul dann seinen entscheidendsten Fehler. Nachdem ihn ein „Freund" total beschissen hatte und er ohne irgend ein Engagement dastand, hatte er eine glänzende Idee. Zum ersten Mal in seinem Leben wollt er sich an diesem Freund rächen und nahm ihm einfach eine europäische Erstaufführung weg. Die sollte er eigentlich in Meiningen machen, aber da das nun hinfällig war, machte er sie selber. Er kalkulierte und fand das Ergebnis gut. Er fragte Lu ob sie mitmachen würde. „Das ist unsere große Chance, Lu. Wenn das klappt wird alles gut. Es ist ein tolles Stück. Du bist eine tolle Besetzung. Es wird ein tolles Debüt für dich in Hamburg. Das wird unsere Show." Lu war Feuer und Flamme. Dachte Paul. Eigentlich hatte Lu zu diesem Zeitpunkt nur noch panische Angst. Das wußte Paul aber nicht. Lieber alles englisch unter den Teppich kehren, als offen die Wahrheit sagen. Er wußte zwar, daß Lu unbedingt nach Hamburg umziehen wollte. Sie hielt es in dem kleinen Nest nicht mehr aus. Paul hatte sich mühsam dazu durchgerungen das zu akzeptieren. Er liebte sie einfach zu sehr. Die Vorbereitungen begannen und das Schicksal nahm seinen Lauf. Lu veränderte sich in einem solch rasenden Tempo, daß es Paul schier den Atem raubte. Aus dem sonnigen, loyalen, lebenslustigen, standhaften, aufmüpfigen, unangepaßten, wilden Wesen wurde eine völlig andere Frau. Sie nahm eine zusätzliche Show in Hamburg an. Dummer Weise im gleichen Theater, in denen sie später ihre eigene Produktion machen wollten. Sie verriet ihre ganze Lebenseinstellung für diesen Job. Hatte sie Paul nicht damals in Bielefeld gefragt, ob sie sich ändern sollte? Jetzt tat sie es. Genau in die Richtung, die Paul befürchtet hatte. Sicherlich hatte sie guten Grund dazu. Nur Paul konnte die Gründe nicht erkennen. Er begann zu kämpfen. Zu wüten. „Laß mich endlich meine eigenen Fehler machen!" schrie sie ihn an. Und Paul ließ sie. „Du bist Alkoholiker. Ich verlasse dich," Und Paul ging zum Arzt und trank drei Monate keinen Tropfen. Als die Proben zu ihrer eigenen Produktion begannen, sah Paul Lu nur noch spät nachts privat. Und ließ sie nicht schlafen. Fehler. Sie begann noch mehr zu nörgeln, zu fluchen, zu bitchen, zu schreien, zu schlagen. Wo war Lu? „Sie schafft das nicht. Es ist einfach zu viel für sie. Warum merkt sie denn nicht, daß sie sich tot macht." Das dachte Paul oft, wenn er schlaflos neben ihr im Bett lag. Aus der großen Lust und Zärtlichkeit, mit der sie früher Liebe machten, war brutaler Sex geworden. Anscheinend liebte Lu Paul nur, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie tat es kurz entschlossen, schnell und leidenschaftslos. Eine Ehefrau, die ihre verdammte Pflicht erfüllt. Paul war so geschockt, daß er keine Ruhe geben konnte. Er wollte seine Lu zurück. Seine Sonne. Sein Licht. Doch es blieb dunkel und spitzte sich immer mehr zu. Sie nannte ihn Vergewaltiger, weil er eines Nachts etwas mißverstanden hatte. Sie wollte nicht, aber war heiß. Und für Paul schien Liebe das beste Versöhnungsmittel zu sein. Fehler. In der Sylvester Nacht, genau ein Jahr nach dem er in seine erste große Depression gefallen war, schlug Paul einmal zurück. Davor hatte es wütende Auseinandersetzungen gegeben. Vor Kyra und Alicia und Sean. Die Australier waren zu Weihnachten gekommen und verstanden die Welt nicht mehr. Lu schlug ihn immer auf Arme und Rücken. Zweimal nahm er sie in den Hundesperrgriff um sie zu stoppen. Sie behauptete er wollte sie erwürgen. Sie entwickelte panische Angst vor ihm. Sie redete sich immer mehr ein, Paul wolle sie ermorden. Er wolle ihr ans Leben. Er wolle sie vernichten. Er wolle sie verrückt machen. Was wollte Paul? Lu wollte sich sogar ein Messer zur Verteidigung kaufen. Was wollte sie? Er wollte sie nur zurück holen, aus ihrem dunklen Tal. Er wollte nicht den Teufel, den sie ja ihren besten Freund nannte. Er wollte wieder Licht. Und dann schlug er sie. Einmal. Hart und verzweifelt. Das Ende. Lu zog am nächsten Tag aus. Niemand wußte wo sie lebte. Sie kam professionell zu den Proben. Mit Paul spielte sie Rosenkrieg. Paul hatte schon seit Tagen nicht mehr geschlafen und erlitt einen Kollaps. Als er im Arm des Arztes aufwachte meinte dieser nur: „Sollen wir uns auch um ihre Frau kümmern?" Lu saß in ihrer Garderobe, kümmerte sich um nichts und dachte: „Hoffentlich stirbt er." Sie rührte keinen Finger für Paul. Die Produktion wurde ein finanzielles Desaster. Zu allem Glück noch dazu. Die Kinder saßen, nach der Premiere, mit Paul zu Hause in Ebermergen. Verstört. Nach Beendigung der Vorstellungen kam Lu nach Hause. Sie wohnte aber bei einer Freundin im Dorf. Sean wohnte bei Gretl und Paul hauste mit Kyra und Alicia in der gemeinsamen Wohnung. Es war offener Krieg. Lu wollte Sean. Paul wollte das nicht. Lu rief die Polizei. Die konnte nichts tun. Sie treffen sich beim Anwalt. Paul versucht eine Lösung zu finden. Sie gehen gemeinsam zur Eheberatung. Paul will es versuchen. Lu war aber längst beim Anwalt, um sich scheiden zu lassen. Sie ist fest entschlossen. Die Mädchen flogen zurück nach Australien. Am Flughafen mußte man Kyra drei Mal wieder einfangen. „Du bist doch jetzt so alleine. Ich will dich nicht auch noch alleine lassen" weinte sie. Tapfer stieg sie dann doch, mit Alicia an der Hand, ins Flugzeug. Während seiner Abwesenheit hatte Lu ihre persönlichen Sachen abgeholt. Obwohl sie versprochen hatte, im Augenblick nichts Drastisches zu unternehmen. Dann flog sie ab nach England. Mit dem Sohn Sean. Als Paul nach Hause kam und entdeckte, daß sie auch das Hochzeitsgeschenk ihrer Eltern mitgenommen hatte, wußte er Bescheid. Lu war fort. Für immer. Und Paul saß und wußte nicht mehr weiter. 17 „Du bist eine Steinfrucht," sagte Babs mit dunkler Stimme am Telefon. „Was ist das?" fragte Paul. „Eine Totgeburt. Die Spritze für deine Abtreibung lag auf dem Nachtkästchen deines Vaters - griffbereit. Du warst ein ungewolltes Kind , Paul." „Wieso ungewollt?" „Nach den Aufzeichnungen unserer Mutter hatte sie vor diesem Kind furchtbare Angst. Eben wegen der Steinfrucht. Bei der Geburt wollte dich der Vater dann sogar noch mit dem Skalpell zerstückeln. Weil du so schwer gekommen bist und er nur an das Leben der Mutti gedacht hat." „Komm, du übertreibst." „Nein, so steht es im Tagebuch. Denk an das Bild. Das Ölgemälde vom Seilern von der Mutti. Du hast es in deinem Wohnzimmer hängen. Schau es dir an, dieses traurige Gesicht." „Stimmt" meinte Paul und betrachtete das Bild seiner Mutter an der Wand. Daneben hing auch noch der Vater, vom gleichen Maler in Öl verewigt. Ein häßliches Bild. Das von der Mutter war ganz in Ordnung. Aber der Vater sah aus wie ein Weihnachtskarpfen. „Schneid sie beide aus ihrem Rahmen und verbrenn sie. Erlöse dich, Paul. Sonst wirst du verrückt." „Ich werd nicht verrückt." Doch. Du warst schon verrückt genug zum Psychiater zu gehen, nur weil deine Frau es wollte." „Stimmt. Das war ein Fehler" „Verbrenn die Eltern. Und dann geh zur Therapie und find heraus, warum du dir so unerwünscht vorkommst. Dann wird auch alles wieder gut. Vertrau deinem Karma, Paul. Du bist Wassermann mit Löwe. Und dein verdammter Löwe hat jetzt die Lebensaufgabe Demut zu erlernen. Und das beißt dein Ego. Das hältst du kaum aus. Aber wenn du es lernen kannst, hast du eine neue Chance. Deine Chance. Dann bist du endlich du und mußt dich nicht mehr so gräßlich verstellen." „Darf man denn Kunst verbrennen?" „Na ja. Jein! Aber denk dir einfach das ist keine Kunst. Das ist nur das Bild deiner Eltern. Du verbrennst damit nicht deine Eltern. Nur das Bild von ihnen, das du dir machst. Und wenn du dich ganz reinigen willst, verbrenn gleichzeitig ein Bild von Lu. Schau mal, was dann mit dir passiert. Tschau." Damit hatte sie aufgelegt. Babs, seine Schwester Babs. Auf sie konnte man sich in allen Lebenslagen verlassen. Und auf Gretl. Sie bekochte ihn rührend und ließ ihn in Ruhe. Seltsamer Weise hatte seit vier Tagen das Telefon kein einziges Mal geläutet. Paul ging es nicht sehr gut. Er trank nicht, rauchte aber wie ein Schlot. Er aß einmal pro Tag bei Gretl zu Mittag und sonst nichts. Er schlief maximal vier Stunden und wanderte dann ruhelos in der großen, jetzt so leeren Wohnung herum. Nach dem Anruf von Babs hängte er die Bilder seiner Eltern wieder ab und versteckte sie im Schrank. Babs hatte das bei ihrem letzten Besuch schon selbst getan. Doch Paul hatte sie, aus Gewohnheit, wieder hingehängt. Die Bilder verbrennen. Das ist doch verrückt. Achtlos kramte er in ein paar Fotoalben und stieß auf ein Bild seiner Eltern in schwarz weiß. Verbrennen. Nachdenklich ging er ins Eßzimmer und starrte auf das Bild Lus, das eine Freundin bei der Hochzeit fotografiert hatte. Sie war wunderschön. Er nahm das Bild aus dem Rahmen und ging zurück ins Wohnzimmer, holte das Bild seiner Eltern und machte die Tür zur Terrasse auf. Es war eiskalt, neblig trüb, wie seit Tagen. Paul holte sein Feuerzeug heraus und hielt es an das Elternbild. Die Flamme fraß sich schnell durch das alte Foto. Paul starrte auf das brennende Foto und empfand nichts. Überhaupt nichts. Der Wind vertrieb die verbrannten Fetzen und Paul betrachtete das Bild seiner Frau. Er zündete das Feuerzeug und hielt die Flamme nahe an das Bild. Seine Hand begann zu zittern. Er versuchte mit aller Kraft die Flamme an das Foto zu bringen, doch es gelang ihm nicht. Tränen rannen ihm übers Gesicht. „Ich kann nicht, kann nicht, kann nicht. Ich kann doch nicht mein Leben verbrennen." Weinend hielt er sich das Foto ans Gesicht. Er küßte es und sagte immer wieder: „Du. Du. Ich kann dich nicht ermorden." Es war ihm völlig egal, was die Nachbarin dachte, die äußerst intensiv die Fenster putzte. Paul ging langsam ins Haus zurück. Er hielt immer noch Lus Bild ganz fest in der Hand. „Ich schreib es mir von der Seele"[MW1] dachte er. „Vater und Mutter, beide gibt es für mich nicht. Hat sie nie gegeben. Ich wollte immer nur weg von ihnen. Sie haben mich nie interessiert. Steinfrucht. Deshalb kann ich wohl auch nicht um Muttis Tod trauern. Deshalb ist mir mein Vater auch so egal. Sie sind und waren mir immer fremd. Ich habe nie etwas für sie empfunden. Auch heute nicht. Und Lu? Sie sollte dann wohl alles in einer einzigen Person für mich sein. Die Arme. Ich Idiot. Kann ich das je wieder gut machen? Er ging ins Badezimmer und wusch sich die Tränen aus dem Gesicht. Als er sich im Spiegel sah sagte er: „Servus. Bis hierher war er Paul Leber, Schauspieler, Regisseur, Autor, Festivalleiter, Produzent, Übersetzer, Liebhaber, Geliebter, Ehemann, Vater, Schlumpfparkdirektor, Einzelkämpfer, Ratloser. Er schrieb mit dem Zeigerfinger Paul Leber auf den Spiegel und strich den Namen durch. Lange sah er auf den Namen und dann auf sein Spiegelbild und sagte laut und deutlich: „Servus, Paul. Hatte er endlich zu sich selbst gefunden? War dies das Ende dieses Romans, der sich Leben nannte? 18 Die Sonne, oder der Mond geht jeden Tag von neuem auf - auch für Paul, Lu, oder Kuschel, oder - und. Lu war in England. Paul fuhr durch Deutschland, nach Dresden und war gefangen. Mitten in der Ahnungslosigkeit tauchte hier, zum ersten Mal in fünfundzwanzig Jahren, die Stadt auf, nach der er jahrelang gesucht hatte. Als er an jenem Wintermorgen, direkt bei Sonnenaufgang, über die Dresdner Elbbrücke fuhr, dachte er, er sei im siebten Himmel angekommen. Dresden - sein Traum von der lebbaren Stadt in Deutschland. Die Gespräche mit der Staatsoperette liefen gut. Am Abend feierte er seinen dreiundvierzigsten Geburtstag mit Freunden, die er bisher nicht gekannt hatte. Tafelspitz hatte ihm die Frau des Chefdirigenten gekocht. Ein alter Bekannter von Anne kam zu Besuch. Er probierte gerade den Petruccio an der Staatsoperette. Der Abend war ruhig, gelassen und äußerst befriedigend. Er roch nach Freiheit. Am nächsten Tag fuhr Paul nach Leipzig und führte wieder eine gesundes Gespräch. Danach raste er nach Hamburg. Ließ sich mit einer alten Liebe ein und blieb standhaft monogam. Vernon, bei dem er nun immer öfter auf der Besucherritze schlafen durfte, nickte befriedigt mit dem Kopf und brummte: „Das ist vernünftig." Doch er meinte nicht die Standhaftigkeit, sondern Pauls Versuch zu leben. Paul erfuhr, daß Lu aus London nicht nach Ebermergen zurückkam, nein, sie kam nach Hamburg und mußte sich konfrontieren. Paul redetet, gurrte, kniete und überzeugte schließlich seine Wildente, einen neuen Versuch mit ihm zu wagen. Überglücklich fuhr er kurz nach Ebermergen zurück, um dann eine Woche lang mit Lu in Hamburg nach Haus, Wohnung, Bleibe, Hafen, Hort zu suchen. Als er am Montag morgen zurück nach Hamburg kam, da war die Glut der Passion der Versöhnungsnacht vom letzten Freitag schon längst verflogen. Vorbei. Alles war schon wieder vorbei. Da war kein Neuanfang. Da gab es keine Verständigung. Da war nur Ablehnung, da war nur nackte Angst von Lus Seite, da war blanker Haß. Paul merkte das, schwieg und wurde mißtrauisch. Dann wehrte er sich. Dann wurde er still und stumm und sie schrie. Auf der Straße, im Auto, bei den Freunden. Einmal klingelte im Auto das Telefon. Der Vater aus Tirol war dran. Er hatte über die Buschtrommeln von der Versöhnung gehört. Die Art und Weise, wie Lu ihm diesen Versuch eines neuen Anfangs erklärte klang so eiskalt, so hoffnungs- und zukunftslos. Paul war versteinert. Paul wußte nur noch - weg, weit weg, bevor ich sie töte. Doch er konnte nicht weg. Er mußte bleiben und den vorgezeichneten Weg bis zum bitteren Ende gehen. Sie hatten eine wunderschöne, stilvolle und bezahlbare Wohnung gefunden, doch Lu lehnte den Einzug ab. Pause. Zäsur? Atem anhalten. Provokation? Paul wollte sich beruhigen und konnte nicht. Bei Vernon, der ihnen für die Dauer ihrer Wohnungssuche ein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte, verlangte Lu die Versöhnung mit Champagner zu feiern. Paul wollte nicht trinken, denn er ahnte, was ihm passieren könnte. Und so trank er, zum ersten mal seit langer Zeit, wieder Alkohol. Und er veränderte sich. Was ihn bisher beruhigte, machte ihn plötzlich aggressiv. Was ihn bisher schlafen ließ, wurde plötzlich zum Tier in ihm. Er riß die Schlafzimmertür auf und begann zu wüten, zu geifern, nach Blut, nach Befriedigung, nach Absolution, nach Gerechtigkeit, nach Abbitte und Hilfe. „Wie kann ich dir helfen," fragte Lu scheinheilig. Sie hätte ihn nur in den Arm nehmen müssen, das hätte schon mehr als nur geholfen. Aber sie mußte fragen, ihn peinigen, schlagen mit Worten, mit ihren Händen und Fäusten und mit ihrer übermächtigen Aggression. Am nächsten morgen erinnerte sich Paul, nur noch an rot. Alles war rot. Er mußte Lu geschlagen haben. Er muß sie wie ein Werwolf bedroht haben, er muß den Teufel an die Wand gemalt haben und das Bild schlug er ihr dann über den Kopf. Es war das Ende vom Anfang, der Anfang vom Ende, das Ziel. Paul war nicht mehr der Weg, er war nun das Ziel. Sein Ziel hieß - Reißaus zu nehmen, durch Gewalt. Rohe, bestialische, körperlich chauvinistische Kraftmacht. Aus. Lu rief die Polizei - zu spät - es waren zehn Stunden vergangen. Lu zog aus. Lu redet mit dem Anwalt. Paul redet mit seinem Anwalt. Lu ging mit zehn Tüten, acht Koffern, einem Kindersitz, einem Toilettensitz, ihrem Sohn, denn dieser Sohn gehört nur ihr ganz allein und zu zwei Dritteln ihren Eltern. Aus. Und Deutschland friert und kann die Kohlen nicht mehr bezahlen, denn der Winter ist eiskalt - so wie die Gefühle von Frauen, wenn sie sich getäuscht haben. 19 „Ihr Mandant hat seinen Sohn inzwischen, im Tausch gegen ein Handy, an meine Mandantin übergeben!" stand da schwarz auf weiß in dem Brief von Lus Anwalt. Paul setzte sich hin; um ihre Bilder zu verbrennen. Es gelang ihm immer noch nicht, so verbrannte er sich selbst. Scheidung - eingereicht. Sorgerecht - für sich selbst beantragt. Krieg. In London bombt wieder die IRA. In Bosnien bomben sie jetzt im Namen des Friedens. Lu bastelt Handgranaten aus Mißverständnissen und Paul spitzt seine Pfeile mit den blutigen Fingernägeln der Ohnmacht. Krieg. An der Front steht ein zweijähriges Kind und weint. Es versteht die vielen weißen Kreuze nicht. Das Kind wandert durch die Schützengräben und schließt der Hoffnung die Augen. Das Kind steht im Kreuzfeuer und leckt den sterbenden Illusionen die Augen feucht. Das Kind duckt sich im Splitterhagel und küßt sich nur selbst die Lippen wund. Das Kind wird ermordet. Das Kind stirbt und mit ihm stirbt jedes Kind in uns. „SQ 525 nun zum Einsteigen bereit" - und Paul macht sich mit seinem Köfferchen auf den Weg. Wie der Narr, mit leichter Last, zieht er von Dannen auf der Suche nach einem neuen König, der er erheitern darf, den er belehren und beraten darf, nein soll - und muß. Der Narr hat seine Schuldigkeit getan und darf als Mohr nun gehn. Reisende haben alle den gleichen, belanglosen Ausdruck im Gesicht. Bloß nicht denken, einfach weg. Paul saß hellwach im Flugzeug und seine Gedanken rasten. Haltlos, zwanglos, ohne Zusammenhang. Wie Alptraum-bilder stiegen die Bilder aus den Quellwolken auf. Flughafen, ab, weg und aus. Randgestalten übernehmen die Macht. Angst frißt unerbittlich die Reste meiner Seele auf. Sie schmatzt genüßlich und rülpst mein Fühlen tot. Was war, was ist geschehen. Wer war der Mann, der hilflos um sich schlug und so verriet was ihn bisher durchs Leben trug. „Jetzt fang ich auch noch zu reimen an", dachte Paul verblüfft. „Mein Hirn reimt - wohl um sich etwas neu zusammenzureimen was nicht begreifbar ist. Ich hab ihr weh getan, in jener Nacht. Nicht sie, mich selbst hab ich dabei wohl umgebracht. Das reimt sich schon wieder. Jetzt muß ich fort, nur wenn ich geh, steh ich mir selbst nicht mehr im Weg. Das warst nicht du, die ich da schlug. Das war ich selbst, den ich begrub. So murmelts und wisperts ihm in Herz und Hirn. Mein Haß ist weg, so wie ein schnöd-schönes Liebeslied. Ich fühl mich frei, weil ich dich immer noch so lieb, wie damals als der Teufel kam und mir von Gott die Nachricht brachte, daß der lachte voller Glück, als er uns Beide händehalten sah. Ich hab dem Teufel das geglaubt und doch dem Frieden nie so recht vertraut, weil Gott der Teufel war." „Geht es Ihnen gut?" fragte die niedliche kleine Stewardeß aus Tasmanien. „Wie bitte?" Paul öffnete die Augen und starrte etwas weggetreten auf die Stewardeß. „Sie sind sehr unruhig. Soll ich Ihnen noch etwas bringen?" „Einen doppelten Whiskey, bitte." Und es waren erst drei Stunden Flugzeit vergangen. Acht Stunden später dann Anflug auf Singapur. Die Tränen bleiben nicht zurück. Sie folgen mir wie ein Kometenschweif, sie holen mich immer wieder ein, sind schneller als der Überschall, umhüllen mich, verbrennen mich, verglühen mich zur Asche meiner Schuld. „Noch einen Whiskey, bitte." „Tut mir leid, wir sind schon im Anflug." „Auch gut," knurrte Paul. Als die Maschine in Singapur aufsetzte ging ein gewaltiges Gewitter über dem Flughafen nieder. „Flug-Enten-Hafen-Singapur," dachte Paul, als er sich am Fenster der Raucherkabinen das Naturschauspiel ansah. „Vier Stunden - viel zu lange Stunden weine ich am Fenster - Singapur weint mit und peitscht sich im Tropensturm die eigene Schuld aus den Saubermannporen. Alkohol - tabu schreit Herz, Hirn und ein russischer Matrose, der sich im falschen Hafen verirrte." Paul stand wirklich vier Stunden am Fenster und wartete auf seinen Anschlußflug nach Sydney. Zu den Töchtern wollte er. Zu Anne, die nun Freundin war. In allen Fenstern spiegelte sich 'Drop Dead Fred' der Film, den Lu und er mit den Kindern bei ihrem ersten Besuch in Sydney gemeinsam sahen. Warum, zeigten alle Monitoren des riesigen Flughafens den gleichen Film. 'Drop Dead Fred' - das wollte er am liebsten auch. Einfach tot umfallen. „SQ 215 now ready for boarding" flötet es sanft. Die sechseinhalb Stunden Flug wurden quälend lang. Warum zeigt Singapur Airlines nur Filme über alleinerziehende Frauen, Männer denen die Frau weg starb und die nun Babys entdecken. Wollen sie damit den Touristen die Sonne schmackhaft machen? Laß die Sorgen doch zu Hause.....Kein Schlaf, nur grauenhafte Gedanken an sie und ihn, den Sohn, der so gar nichts fassen konnte und nie wieder etwas begreifen würde. Frauen, Frauen müssen nun helfen. Frauen müssen nun dem Mann in dieser Frau helfen - falsche Rollenverteilung in dieser Beziehung - Lu der Mann, Paul die Frau, die selbst im Flugzeug weinen kann. „Kein schlechter Trick," dachte er noch, als die Maschine zur Landung in Sydney ansetzte. „So aufmerksam und nett wurde ich noch nie auf einem Langstreckenflug behandelt." Tränen erinnern sogar Chefpurser und Stewardessen daran, daß das Leben nicht immer nur wie im Flug vergeht. Als die Maschine grazil zum touch down ansetzte, zog ein Wildenten-schwarm prächtig in die aufgehende Sonne. Die Enten flogen im perfekten Formationsflug. Und der Big Top Jumbo kauerte auf der Landebahn, wie ein Kuschelhund, dem niemals Flügel wachsen. Die restlos „overwhelmed" erstarrten Gesichter der Kinder, ihre riesigen Augen, der sperrangelweit offene Mund, die gemeinsame Erkenntnis: „It's Daddy" - das Losrennen, das Umarmen, das reine Glück zweier Menschlein, die nur eines wollen - ihren Vater lieben. Die Überraschung war gelungen. Anne hatte den Kindern nur erzählt, sie müsse einen Geschäftspartner vom Flughafen abholen. Anne, liebe Anne. Ihr Freund Mick stand verkrampft und schief lächelnd daneben und machte Erinnerungsfotos. Paul dachte noch - „Du mußt ihm helfen. Er muß begreifen, daß ich nicht hier bin um ihn zu verdrängen." Schwere Aufgabe für einen desperaten Mann aus Tirol. Drei Wochen wollte er in Sydney bleiben. Drei Wochen Sonne, drei Wochen konzentriertes Arbeiten an den Stücken, die er im Auftrag schreiben sollte, drei Wochen Kinder und gute Gespräche mit Anne und Peter und Steven und hoffentlich auch Mick. Drei Wochen Kraft tanken und beweisen - ich bin nicht verrückt, ich bin kein Alkoholiker, ich bin nicht depressiv, ich bin nicht paranoid, ich bin nicht schizophren ich bin kein Vergewaltiger, kein Mörder, kein Vieh, kein Lebensdieb. „Sprich mit Daddy" tönte es aus der Telefonhörermuschel. Erst lange Stille und dann: „Hallo!" „Sag bye, bye" kam aus dem Hintergrund Lus Stimme. „Bye, bye" hauchte Sean und war weg. Lu übernahm den Telefonhörer und begann übergangslos zu schreien, zu wüten. Brüllend schüttete sie ihren Haß über alle Menschen aus, die irgend etwas mit Paul zu tun hatten. Während sie geiferte, klingelte das Mobiltelefon, das Paul ja für seinen Sohn eingetauscht hatte und am anderen Ende war - wie seltsam - wieder der Vater aus Tirol. Paul versuchte schnell den Vater loszuwerden und wurde nur Lu los. Sie hängte einfach auf. Das war dann auch das letzte Mal, daß Paul von seiner Frau und seinem Sohn hörte. Fassungslos stand Paul am Küchentresen, fassungslos saß er beim Dinner, fassungslos diskutierte er und fassungslos legte er sich schlaflos ins Bett. Dieser Haß, der ihm da entgegen schlug, war unerträglich, unlebbar. Er konnte, trotz übergroßer Müdigkeit, nicht schlafen. Wie gerädert saß er am nächsten Morgen mit den Mädchen am Frühstückstisch. Wie ein Schlafwandler brachte er sie zur Schule, wie ein Zombie irrte er durch einen Buchladen und plötzlich war es da - das Unbekannte. Er fühlte sich schwindlig, kein Stuhl weit und breit. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren. Er zitterte wie Espenlaub und sein Herz machte wahre Bocksprünge. „Herzanfall" dachte Paul. „Ich habe nicht einmal einen Paß bei mir. Ich falle hier tot um und kein Mensch weiß, wer der Tote ist. Arme Anne. Arme Kyra und Alicia. Armer Sean. Glückliche Lu. Endlich hast du, was du wolltest." Mit kleinen Schritten schleppte er sich aus dem Buchladen in die grelle, wenn auch kalte Sommersonne. „Big Baer Medical Center", hämmerte es in seinem Kopf. „Nur noch ein paar Schritte - die schaffst du. Bloß nicht namenlos umfallen, bloß keine Leiche ohne Identität werden." Im Medical Center fragte er nach Dr. Brown. Die Schwestern merkten, daß er kurz vor einem Kollaps war und brachten ihn direkt zu diesem Arzt, der Pauls Leben total verändern sollte. Dr. Brown, ein ruhiger, gut aussehender Mitvierziger, saß Paul gegenüber und tat nichts. Er nahm keinen Blutdruck, machte kein EKG, keine Blutuntersuchung - er tat nichts medizinisches, sondern er stellte Fragen. Präzise Fragen, Fragen die weh taten, Fragen wie ein Skalpell. Und Paul antwortete. Er beantwortete jede Frage ohne zu zögern und ohne Selbstmitleid. Als Paul Dr. Brown verließ, rasten seine Gedanken. Er wußte nun, daß er nicht kurz vor einer Herzattacke stand, sondern daß er ganz simpel einen riesengroßen Panikanfall hatte. Auf dem Weg zu Annes Haus entschloß er sich, seine Identität zu finden. Und sein Sohn Sean war ihm so nah wie nie. Die Realität hatte ihn endlich tatsächlich eingeholt. Er kaufte sich das, von Dr. Brown empfohlene Buch „Rebuilding when your Relationship ends." Wiederaufbau nach dem Ende? Das klang so gräßlich nach Krieg. Er setzte sich auf die Terrasse und begann zu lesen und was er las, ließ ihn nicht mehr erschrecken, sondern endlich klar sehen. „Wer nichts sieht wird nicht gesehen, wer nichts sieht ist unsichtbar", mit diesem Satz hatte er immer sein Kästner Programm beendet, dieser Satz war immer seine Maxime gewesen. Doch erst heute erkannte er, daß er selbst der Blinde war. Doch seine neue Lebensmaxime schrieb er sich mit dicken, großen Lettern auf die Stirn: Eine Uhr, die richtig ticken soll braucht eine Unruh. Ein Mann, der richtig ticken soll braucht Ruhe um seine Unruh zu entdecken. Hat er erst beides kann keine Rolex ihm mehr die Stunde schlagen. 20 Freiheit - Alleinsein - Zweck - Offenheit - Liebe - Vertrauen - Verwandtschaft - Trauer - Zorn - Loslassen - Selbstwert - Übergang - Ablehnung - Angst - Anpassung - Einsamkeit - Freundschaft - Schuldabweisung. Diesen Berg sollte er erklimmen? Er begann seine Arbeit an dem Buch von Dr. Fisher mit großer Angst. Er mochte noch nie psychologische Abhandlungen. Doch das hier war anders, das war neu und aufregend. Schon nach den ersten Seiten begriff Paul, daß er diesen Berg, wie es Dr. Fischer nannte, besteigen mußte. So wie früher, als Kind. Lag hier vielleicht sogar der Schlüssel zu seiner großen Abneigung gegen die Berge? War ihm das Hinaufsteigen so schwer geworden, daß er lieber im nebligen Tal sitzen blieb? Mit Lust beantworte er die erste Frage in dem kleinen Buch mit: „Ja, ich bin bereit. Ja, ich akzeptiere, was ich getan habe, was passiert ist und ich will auch wissen warum. Ja, ich will mich auf die Wanderschaft machen und meinen eigenen Berg erklimmen, damit ich endlich wieder die Sonne sehe." Befriedigt schrieb Paul: „Ich akzeptiere meinen Verlust", unter den ersten Baustein mit der Aufschrift: Ablehnung. Manche Veränderung ist unerträglich. Ändert sich ein Mensch auf unerwartete Art und Weise, wächst die Ablehnung ins Unermeßliche. Ist es die Angst, die ein Gesicht zur Rattenfratze werden läßt? Ist es die Furcht vor dem unbekannten, neuen Gesicht, daß da aus dem Nebel der Verzweiflung wächst? Was lehnt man ab? Sich selbst, die Möglichkeit, das Leben, die Freude, die Lust, die Träume, die Ewigkeit? Paul wanderte auf Watte. Die helle, australische Sonne wurde grün, giftgrün. Der azurblaue Pazifikhimmel flammend rot. Paul sah Mond und Sterne auch bei Tag. Giftgelbe Glühpunkte im Flammenmeer. Jeder Muskel brannte, seine Gedanken spielten verrückt. Bilder rasten wie Zuspätkommende an ihm vorbei. Er streckte die Hände aus, um sie zu halten, sie zu greifen, zu begreifen, doch sie zerrannen wie Quecksilber, so wie das Mondlicht in einer föhnigen Winternacht. Warum? Das war die einzige Frage. Warum. Warum war es in Australien so kalt, mitten im Sommer. Fiel denn Schnee in sein sterbendes Herz? Verlust. Was hatte er da verloren? Wen hatte er verloren. Hatte er verloren? Als er sich bückte, um die zersplitterten Reste seines Lebens einzusammeln, zerschlug ein Nibelungen-schwert sein Rückgrat. Wer war sein Hagen, wer hatte sein Lorbeerblatt entdeckt und eiskalt die Lanze des Mißtrauens hinein versenkt. Agonie, jetzt auch noch gekrümmt, vor Rückenschmerzen, der Wahrheit tatsächlich ins Gesicht zu sehen. Hagen - der Ritter der Siegfried entmannte. Keith - der Blondel, der Paul verbrannte. Your Word of Honor - und Paul war dumm genug an, das Ehrenwort eines Engländers zu glauben. Die Engländer haben den Indern ihr Wort gegeben. Den Iren, den Australiern und den Insulanern und den für sie nur schwarzbraunen Beutelratten in Afrika. „Lustig, wie mein Hund so gerne diese schwarzen Ratten jagt," tönte einmal ein windelweicher Brite auf dem Bürgenstock bei Luzern. Dein Wort als Ehrenmann, hatte Keith gesagt. Sie hatten sich die Hände geschüttelt und Paul hat dem englischsten aller Briten fest vertraut. „Ich helfe dir, Paul. Wir wollen diese Ehe nicht zerstören. Wir wollen kein viertes Kind groß ziehen," hat er großzügig vor sich hingelogen. Und dann: „Rette unser Hochzeitsgeschenk." Und Lu rettete. „Geh zum Anwalt." Und Lu ging. „Laß dich scheiden." Und Lu will. Warum plötzlich wieder diese Abhängigkeit von den Eltern. Jahrelang war sie davor geflüchtet, hatte panische Angst davor, nicht geliebt zu werden, von diesem hohlen, dünnhäutigen, dummstrotzenden Vater. Keith hatte Zeit seines Lebens seine Hunde, Autos und sich selbst mehr geliebt , als seine Kinder. Des Bullien Dealers Goldlöffel war ihm seit Geburt am Gaumen angewachsen. Und das arme, hübsche, halbirische Mädchen, dessen Vater sich Don Kenito del Minstral nannte und der seinen Samen über alle fünf Kontinente verstreute, dieses ahnungslose Ding mit Namen Lee hatte sich brav auf den Rücken gelegt und geschworen - dich mach ich ein Leben lang un(wahrscheinlich)glücklich, ganz egal ob du das willst, oder nicht. Ein Tiroler versetzt Felsen, die Briten kehren sie für ihn unter den Teppich. Gehorche - das Schlüsselwort der Familie Blondel. Ordne Dich unter - nicht ein. Knicke den Rücken krumm und lecke die Stiefel der Einfalt. Geld - aber mit Geiz vermählt. „Wir können gerade den Kopf über Wasser halten, so arm sind wir. Diesen Winter können wir nicht einmal den Swimming Pool in Cherry Meadow heizen, so arm sind wir. Wir mußten drei Mitarbeiter entlassen. Wie tragisch, sonst hätten wir unsere drei Direktorenparkplätze in der City von London aufgeben müssen." So dozierte Herr Blondel einmal am Küchentisch in Hendon und merkte dabei gar nicht, wie er mit seinem Stakemesser dabei den schuldlosen Küchentisch immer wieder erstach. Für den, im Winter, geheizten Pool drei Mitarbeiter entlassen. Wie sozial, Herr Blondel. Am Grab des Don Kenito del Minstral standen weinend fünf Exfrauen aus Amerika, England, Schweden, Österreich und Australien. An Keith Blondels Grab wird sich sogar der Himmel weigern, eine einzige Träne zu vergießen. „Ich hasse Dummheit!" sagte Paul einmal nach einem herrlichen Abendessen zu Anne. „Wenn jemand das Synonym für gelebte und überlegte Dummheit ist, dann Lus Vater. Unter dem Deckmantel der väterlichen Liebe verspeist er die letzte Hoffnung seiner Tochter auf ein Leben in Freiheit. Der väterliche Wille legt sich mit dem ganzen Gewicht der Silberplatten aus dem Sicherheitsraum des Familienbetriebes auf Lus Herz und zerquetscht ihre Sehnsucht nach Geborgenheit. Der goldene Käfig wird blankgeputzt, dem heimgekehrten Ausreißer gnadenlos die Flügel gestutzt, der Schlüssel im Schloß gedreht und vorsichtshalber in der Themse versenkt. An der Stelle, an der Hitchkock einmal als seine eigene Leiche durch einen seiner Filme schwamm. Hurra, Herr Blondel - gut gemacht." „Du mußt aufhören nur dir selbst die Schuld zu geben," meinte Anne sanft. „Selbst ich habe inzwischen eingesehen, daß ich am Zerbrechen unserer Ehe auch mit beteiligt war." „Meine Schuld. Es ist meine Schuld. Ich suche mir keine Ausreden. Ich bin es selbst, der den goldenen Käfig ausgegraben hat. Ich selbst bin die Silberplatte, die ich herzlos auf Lu fallen lasse," schockte Paul sich selbst. „Deine Worte sind oft so riesig," meinte Anne lakonisch. „Versuch es doch einmal einfacher. Nicht immer so kompliziert." In diesen Wochen saß Paul oft mit Anne noch lange wach und versuchte nun endlich auch das zerschlagene Geschirr seiner ersten Ehe zu begreifen. Lus plötzliche Lebensangst hatte Paul völlig gelähmt. Atemlos gemacht. Ihre Angst vor Schulden, ihre Angst vor Heimatlosigkeit, ihre Furcht vor dem Versagen der Stimme, ihre Furcht vor Freiheitsbe-raubung, ihre Panik vor Träumen und Wünschen und Sehnsüchten. Ihr Horror vor Risiko. Seit dem Tag der Hochzeit wurde aus der wilden, freien, sehnsüchtigen Amazone, ein graues Hausstaubenmütterlein. Ätzend in ihrer Kritik. Haltlos in ihrer Sucht nach Anerkennung und Ruhm. Unerbittlich in ihrem Kampf gegen ihn. Wer ist stärker? Mann oder Frau. Hatte sie denn nie geahnt, daß nicht der Obermacho Paul der Mann in dieser Beziehung war? Wie ein endlich befreites Kind hatte sich Paul in Lu hinein fallen lassen. Ja, sie hatte ihm etwas gegeben, was er und auch sie selbst nie im Stande waren zu geben: Liebe. Sie gab ihm die Liebe, die sie von ihrem Vater nie bekam und er lernte ihr die Liebe zu geben, die er von seiner Mutter erhoffte. Fataler Irrtum. Lu heiratete unbewußt den Mann, der sie so liebte, wie sie es sich immer von Vater Keith gewünscht hatte und Paul die Frau, von der er später entdecken sollte, daß sie wie seine Mutter war. Doch als Lu herausfand, daß Paul niemals ihr Vater sein würde, niemals im Stande, ihr die Sicherheit und Geborgenheit zu geben, die sie von einem Vater-Ehe-Mann erwartete - geriet sie in Panik und rannte davon wie das halbverbrannte, vietnamesische Mädchen aus der Wochenschau. „Sind die Flitterwochen erst vorbei - es dauert lange, bevor die Realität dich erschlägt - wir lassen uns desillusionieren, weil der Partner nicht im geringsten an das Idealbild herankommt, das wir uns von ihm gemacht haben." Das sagte Anne in plötzlicher Lebensweisheit eines Abends, bevor sie sich zu ihrem Lebensabschnittsgefährten ins Bett begab. Peng. „Nur wer es geschafft hat, Glück und Zufriedenheit im alleine leben zu entdecken, der kann dies dann auch in einer Partnerschaft empfinden und ausleben," rief Paul Anne noch hinterher und blieb alleine vor dem Kamin sitzen. Waren Lu und er Freunde? Nein. Sie müßten das Wort erst begreifen. Haben sie sich einander anvertraut? Nein und Ja. Hatten sie die gleichen Hobbys, Freunde, Ansichten? Teils, teils - er dachte ja und sie sagte nichts. Waren ihre Ziele ähnlich? Am Anfang ja und dann verschlug es sie, ohne ihn, auf einen neuen Planeten. Lösten sie Probleme gemeinsam? Nein. Wenn sie aufeinander böse waren, versuchten sie das Problem zu lösen, es zu verstecken, oder taten sie sich weh? Erst verstecken und dann weh tun bis zum Umfallen. Haben sie gemeinsame Freundschaften gepflegt? Nein. Seine Freunde waren für sie nicht gut genug und ihre für ihn unerreichbar. Gingen sie miteinander aus? Ja, er mit ihr immer, doch sie wohl nur widerwillig nur mit ihm. Haben sie ihr Geld gemeinsam verdient und gemeinsam verteilt? Ja und Nein. Haben sie wichtige Entscheidungen gemeinsam getroffen? Nein. Denn sein Ja war Nein und ihr Nein war Ja. Haben sie sich Zeit allein gegönnt? Er fühlte sich einsam ohne sie und ängstlich klein und sie blühte auf und wurde gemein - allein. Haben sie einander vertraut? Nein. War diese Bindung wichtig genug für beide, persönliche Kompromisse einzugehen? Ja und Nein. Bankrotterklärung. 21 Ja, wie sollte er mit seiner Angst fertig werden, die ihn seit Jahren trieb. Doch an diesem Dienstag war er erstmalig bereit die treibenden, wie auch seine zukünftigen Ängste dankbar anzunehmen und zu erforschen. Er war sein Leben lang auf der Flucht vor der Angst. Paul wollte endlich stehen bleiben, sich gemütlich umdrehen und seiner Angst ins Gesicht sehen. Seiner Angst ein Lächeln entlocken. Seiner Angst Witze erzählen und gemeinsam mit ihr darüber lachen. Wovor hatte er Angst? Als Kind vor dem Kürbismonster, vor den Geräuschen im dunklen Garten, in den ihn der Vater, zur Erlernung der Selbstbeherrschung, ständig schickte. Vor dem Steinschlag im Gebirge. Vor dem losgetretenen Stein, der den unter ihm kletternden Vater traf und fast tötete. Vor den hämischen Augen der Geschwister, als er den endlos langen Weg zum Altar der Kirche von Absam laufen mußte, um für das Glück, den Vater nicht ermordet zu haben, eine Kerze anzuzünden. Er wollte niemanden ermorden. Ulrich, der älteste Bruder war über das kleine Plateau geklettert, Babs war heil darüber hinweg gekommen. Nur Paul hatte wohl zu viel Angst. Seit zwei Stunden kletterte er, mit zitternden Knien, vor seinem Vater in der grauenhaften Steilwand. Er haßte die Angst beim Klettern. Er wollte gar nicht klettern. Aber die Familie Leber kletterte. Die Platzwunde am Kopf des Vaters war bald verheilt. Aber die Wunde der Angst vor Mord und Totschlag in Paul verheilte nie. Sie eiterte bis heute und ließ keine Narbenbildung zu. In München war es die Angst, nicht alt genug zu sein. Nicht reif genug. Nicht sexuell stark genug. Er entdeckte, daß er nur so männlich sein konnte, wie es alle um ihn herum prahlten, daß er nur sexuell männlich sein konnte, wenn er nicht liebte. Mit belanglosen Affären hatte er herrlichen, ausdauernden Sex. Sein Leben lang. Mit den Frauen die er liebte, schlief er schon bald nicht mehr. Die Angst vor der prae-cox-Ejakulation trieb ihn zu seinen Affären. Lu liebte er - lang und ausdauernd. Ohne Angst. War sie deshalb eine Affäre. War Iza deshalb eine Affäre? Nein, die beiden hatten ihm die Angst vor der Liebe genommen. So Mitte zwanzig war es die panische Angst vor Krebs. Die schrieb er sich mit seinem Ballettlibretto „Der Tod hat Varianten" von der Seele. Anne tanzte darin nur für ihn. Mit dreißig plagte ihn die Angst vor dem Alter, vor dem tatsächlichen Tod. Er konnte nicht an das Leben nach dem Tod glauben. Er glaubte nur an das Jetzt und Hier. Hatte er Angst vor dem Tod? Seit Lu nicht mehr. Er erwartete den Tod nicht, sondern er ließ ihn einfach zu. Als allerletztes, großes Abenteuer. Nach seiner Scheidung von Anne wuchs die Angst vor Unsicherheit - in jeder Hinsicht. Er starrte gebannt auf Kontoauszüge. Marterte sein Hirn mit Ideen, wie es noch besser gehen könnte. Er hatte Angst, Lu kein Haus schenken zu können. Keinen Zweitwagen. Keine Reisen, keine neuen Kleider, keinen Schmuck. Er beschenkte sie trotzdem. Doch seine Geschenke waren nicht groß, oder auch gut genug. Sie reichten nicht aus, ihr die eigene Angst vor der Zukunft zu nehmen. Paul begriff das erst jetzt. Zu spät? „Erst wenn du dich änderst, kann ich wieder glücklich sein. Aus der Entfernung will ich zusehen, wie und ob du dich entwickelst. Dann sehe ich weiter," hatte sie gesagt. Eine achtundzwanzigjährige die Mutter spielt. Er wollte sich nicht ändern. Er wollte wachsen, aber sich nicht verändern. Paul blieb langsam stehen, drehte sich um und sah seine, ihn verhöhnende Angst. Er sah sich selbst. Er war ganz alleine seine Angst. Er hatte Angst vor sich selbst und seinen ungeahnten Möglichkeiten. Seine Angst wurde endlich klar. Was da vor ihm brüllend lachte, waren all die Kräfte, all die Möglichkeiten, all die Visionen, Phantasien, Utopien und Ideen, die er so lange hinter sich gelassen hatte. Sie lachten ihn aus, weil er sich erst heute umdrehte, um festzustellen, daß er vor sich selber keine Angst haben mußte. Paul begann zu lachen, herzlich und voller Mut. Er lachte so laut, daß er erst gar nicht hörte, wie seine Ängste verstummten. „Ich passe mich nicht an" hatte er sein Leben lang stolz in die Welt trompetet. Wozu auch. In letzter Zeit träumte sich Paul häufig zurück in seine frühen Jahre und entdeckte die Wahrheit. Ja, er hatte immer Probleme mit den Eltern. Er fühlte sich immer unverstanden, ungerecht behandelt, gezwungen zu Taten und Handlungen die er niemals wollte. Er haßte die kurze Leine, an der ihn seine Eltern hielten. Er haßte es, keine Bluejeans tragen zu dürfen, da dies proletarisch sei. „Nur Lappen und Karner tragen so einen Mist," knurrte der Vater. Karner - die Zigeuner - ja dort wollte er hingehören. War nicht eine von Lus Vorfahren Zigeunerin? Hatte ihn vielleicht dieses wilde Blut so an Lu gefesselt. Seine Sehnsucht nach Freiheit, nach dem Herumzigeunern. Sehnte er sich vielleicht nach der wilden, ungestümen Art der Zigeuner mit Emotionen, großen Gefühlen umzugehen? War Lu die Zigeunerin in seinem Leben, die ihm die Karten las und die Zukunft falsch voraus sagte? War sie die streunende Katze, die sich für kurze Zeit in die Geborgenheit eines Kuschelhundes begab. Die sich schnurrend um seine Waden wickelte, die mit ihren weichen Pfoten sanft seinen Nacken streichelte und ihn dabei zärtlich ins Ohrläppchen biß? War die Streunerin in der Sicherheit unsicher geworden und mußte nun wieder hinter Mäusen und Ratten her? Ließ sie ihn tatsächlich wieder in der Ausweglosigkeit zurück? Er brauchte Aufmerksamkeit und konnte sie nicht bekommen. Er brauchte Zärtlichkeit und hatte seine Mutter nie geküßt oder auch nur umarmt. Wie sich der übermännliche Vater körperlich anfühlte, das durfte er nie entdecken. Ja, er war voller Emotionen und konnte sie nicht ausleben. Er sehnte sich nach Geborgenheit, nach Sicherheit und Liebe. Er wünschte sich, er hätte seine Mutter und seinen Vater nur einmal nackt sehen dürfen. Paul begriff plötzlich, daß er tatsächlich zum pingeligen Perfektionisten geworden war. Daß er sich schon damals, als Kind, geschworen hatte, niemals Verantwortung für Andere, Schwächere, abzulehnen. Schon als er mit knapp siebzehn Jahren in München eintraf, versuchte er es allen recht zu machen. Dem Schulleiter, den Schülerkollegen, die ihn einmal dazu zwangen, das ganze Kapital von Marx zu lesen, um ihn hinterher zu verspotten, da ja nur das Manifest gemeint war. Anstatt seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, kerkerte er sie ein. Er wollte nicht verletzt werden, von niemandem. Er entwickelte einen überdimensionalen Gerechtigkeitssinn und mochte nie begreifen, daß dieser der Grund für seine zerstörerischen Aggression war. Immer mit dem Finger tief in offenen Wunden bohren. Schon nach kurzer Zeit über Mißstände stolpern. Ungerechtigkeiten aufzudecken und an den Pranger zu stellen, das war wie eine wie eine Manie bei ihm. War er tatsächlich so ungerecht behandelt worden als Kind? Konnte er die Schuld, nein, besser den Unverstand auf seine Eltern schieben? Das wäre gemein, weil so einfach. Sein übermäßiges Verantwortungsgefühl war bei seiner ersten Frau noch am richtigen Platz. Diese genoß es für lange Zeit, mit Geschäft und Ernährerverantwortung Immer nichts zu tun zu haben. Er trug jegliche Verantwortung siebzehn Jahre lang. Stellte die Herrliche auf ein Podest und kniete regungslos vor Andacht davor nieder. Und Lu? Am Anfang war Paul völlig hingerissen, endlich einer Frau begegnet zu sein, die anscheinend wie er selbst war: stark, emotionsgeladen, phantasiebegabt, Schwerarbeiterin, loyal, humorvoll, sarkastisch, verantwortungsbewußt, kreativ und lebensfroh. Er konnte sich endlich fallen lassen und bemerkte dabei nicht, daß eigentlich Lu sich endlich fallen lassen wollte. So wuchs sein Verantwortungsbewußtsein im Laufe der Zeit wieder mächtig an. Er allein wollte die Verantwortung tragen und so versuchte er diese starke Frau an seiner Seite zu verbiegen. Sie sollte sich seinem Leben unterordnen. Wie hatte Lu ihm das erklärt? „Seit unserer Hochzeit bin ich unglücklich. Seit damals fühle ich mich wie Anne zwei. Du hast keine Zeit für mich und Sean. Du hängst nur am Computer, sitzt nur in Kantinen herum und läßt mich allein in der Sorge um den Sohn. Ich stehe in deinem Schatten, ich habe keine eigene Persönlichkeit mehr. Und dann bist du auch noch krankhaft eifersüchtig, Alkoholiker, depressiv und wohl auch schizophren. Du bist ein potentieller Killer und Vergewaltiger Du bist krank!" Genau, genau - eifersüchtig wie ein sechzehnjährigen war er wieder geworden. Lag hier der Schlüssel? Aber hatte nicht sie selbst auf der raschen Hochzeit bestanden? War es nicht sie, die so schnell ihren Namen auf Leber geändert haben wollte? War er wirklich so krank wie sie das wollte, oder projizierte sie nur etwas von sich selbst auf ihn. Wie krank war Lu? „Ich bin nicht einsam. Ich bin nicht einmal alleine", schrie es aus ihm heraus. Seit dem Beginn der Krise suchte er Kontakt zu Menschen auf ganz neue Art. Er konnte plötzlich zuhören, ohne sich wie früher selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Ob er tatsächlich auch alleine sein konnte, das wußte er allerdings noch nicht so genau. Die Zeit mußte zeigen, wie er mit der Einsamkeit umgehen konnte. Vielleicht war die Furcht vor der Einsamkeit mit ein Grund für seinen Kampf um das Sorgerecht für Sean. Der wichtigste Grund hierfür war jedoch immer noch seine tiefe Zuneigung, seine Liebe und seine Sorge um den Sohn. Es sollte diesem Kind nur gut gehen. Sean sollte sich sicher und geborgen fühlen, um nicht so zu werden wie Paul selbst. Ebermergen war für Paul der dafür geeignetste Platz. Für ihn war es eine Horrorvorstellung, ihn in dieser gräßlichen Stadt Hamburg aufwachsen zu sehen. In beengten Wohnverhältnissen, hin und her geschoben von Tagesmutter zu Babysitter. Unter Umständen sogar von Stadt zu Stadt gezerrt. Paul wollte, daß Seans Bezugspersonen immer die Gleichen waren und zwar in Ebermergen. Mit Lu zusammen hätte er sogar Hamburg zu seiner Stadt gemacht. Doch alleine sah er hierfür keinen Grund. Er rief seinen Anwalt an und trug ihm auf, das alleinige Sorgerecht für Sean für ihn zu beantragen und den Scheidungsantrag zurückzuziehen. „Laß mich meine Fehler alleine machen", hatte Lu immer geschrien. „Bitte. Mach sie alleine und nicht mich dafür verantwortlich," dachte Paul und setzte sich wieder einmal an seinen Computer. Ein Märchen wollte er schreiben, für seinen Sohn. Er glaubte fest daran, wenn er seinem Sohn eine Geschichte schreiben würde, dann käme auch der Tag, an dem er sie ihm erzählen konnte. Und so schrieb er eine ganze Nacht lang, ohne Pause das Märchen vom lachenden Prinzen. 22 Der lachende Prinz In jener Zeit, die uns seit Jahrhunderten vorhergesagt wird, lebte, im Lande der Grotten, ein lachender Prinz. Dieser Prinz hat aber nicht immer so fürchterlich gelacht. Die Legende erzählt uns vom Fluch der Mondeule, die sich das Land der Grotten als Nistplatz auserkoren hatte und einst, in der Gestalt einer menschlichen Frau, um die Hand des Prinzen anhielt. Was die Mondeule dabei allerdings nicht bedachte, war die simple Tatsache, daß es im Land der Grotten üblich war, daß der Mann um die Hand einer Frau anhält. Außerdem hatte sie sich, in grenzenloser Eitelkeit geweigert, sich von dem, für ihre Gattung typischen, Eulenkamm zu trennen. Und so geschah es, daß der Prinz erst bei ihrem Anblick und etwas später, noch lauthalser, nach Anhörung ihres Ansinnens, in hellstes Gelächter ausbrach. Dies aber erzürnte die eitle Eule so sehr, daß sie dem armen Prinzen flux ihr eigenes, schepperndes Mondeulenlachen anfluchte. Was auch immer der arme Prinz unternahm, er konnte das gräßliche Lachen nicht mehr los werden. Die Jahre flogen dahin und das Volk hatte sich inzwischen an seinen lachenden Prinzen gewöhnt. Er lachte zwar immer dann, wenn es schon lange nichts mehr zu lachen gab, doch die Gewöhnung ist die Wundsalbe der Hoffnungslosen. So lachte der Prinz zum Beispiel, als seine Mutter starb. Er lachte sich an ihrem , noch halboffenen Grab halbtot und die hochwohlverborenen Trauergäste, die auch den weitesten Anreiseweg nicht gescheut hatten, waren unbekehrbar entsetzt über solche Herzenskälte. Sie glaubten auch seinen Beteuerungen und Erklärungen nicht, die zusätzlich auch noch vom gellenden Gelächter der Mondeule verziert wurden. Die Eule konnte, auch nach Jahren der Lächerlichkeit, ihre damalige, schmachvolle Niederlage nicht verschmerzen. Am Schlimmsten, oder sollten wir lieber am Tragischsten sagen, wurde es, als der Prinz sich in die liebreizende Tochter des Königs aus dem Nachbarland verliebte. Unsterblich war seine Liebe. Über Monate hinweg warb er um das schöne, sanfte Mädchen und in einer Mondnacht kam er endlich an sein heiß ersehntes Ziel - die bezaubernde Recha gestand ihm ihre Liebe. Kaum hatte jedoch Recha ihr süßes Geheimnis herausgeflüstert, da fing der Prinz, zu seinem eigenen Entsetzen, ganz unsäglich zu lachen an. Er konnte sein Zwerchfell nicht halten und seine Kehle nicht verschließen und lachte und lachte, bis das ganze Schloß aus dem Schlaf getrommelt war und das arme Mädchen plötzlich ins mitleidlos grelle Licht der Scham gezogen wurde. Rechas Vater verwies daraufhin den Prinzen, unter Schande, über die Landesgrenzen und brach sämtliche, freundschaftlichen Beziehungen zum Nachbarreich ab. Die arme Recha jedoch - nun, sie ertrug die Schmach und Schande nicht, so ungalant und herzlos ausgelacht worden zu sein. Sie wurde von Tag zu Tag blässer und verwelkte, wie eine Küchenschelle in der heißen Märzsonne. Sie erschrak jedes Mal zu Tode, wenn in ihrer Nähe jemand lachte und ihre Augen hatten längst die letzte Träne vergossen. In einer neuen, hellen Mondnacht, trieb sie ihr Gram hinaus in die Wälder und der Mistral wehte ihr trauriges Herz an die Grenzen des Landes der Grotten. Erschöpft und wie vergangen, sank sie am Fuß der alten Wachtürme nieder, die früher das Land stark machten, doch jetzt nur noch sicherer Schlupfwinkel für Mauersegler, Schleiereulen und Fledermäuse war. In dieser silbrigen Nacht saß die Mondeule auf der höchsten Zinne und lachte über das tränenlose Mädchen zu ihren Füßen. „Ach könnt ich nur endlich für immer verwehen", flüsterte Recha dem treuen Wind ins Ohr und der trug die Worte, samt ihrer Verzweiflung, hoch empor und so geschah es, daß die Mondeule sie deutlich zu hören bekam. Irgendwie - die Legende ist hier sehr ungenau - irgendwie ging der Eule das Flehen des Mädchens zu Herzen. Die Inbrunst, mit der sie verziert waren, traf ihren weiblichen, mütterlichen Kern, der auch bei Eulen nicht viel anders ist als bei den Menschen und so putzte sie ihren Silberkamm und segelte majestätisch zu Recha hinunter. Diese war inzwischen, wie in sich selbst verkrochen, eingeschlafen, was der Mondeule genügend Muße gab, sie sich eingehend zu betrachten. Als sie Recha so daliegen sah, in ihrer ganzen zierlichen Hilfsbedürftigkeit, da überkam die Eule eine Art Mitleid. Schnell versuchte sie, über sich selbst zu lachen, doch es gelang ihr nicht so ganz. „Dem Mädchen soll geholfen werden," raunte sie sich leise ins Ohr. „Sie soll ihren Frieden finden. Ich führe sie in die Grotte des Glücks. Dort findet sie Schwestern im Leid und ist in ihrer Trauer nicht mehr ganz so alleine." Behutsam nahm sie das Mädchen auf ihre mächtigen Schwingen und flog es zur Grotte des Glücks. Sie überredete, mit viel List und einer guten Portion Koketterie, die bissigen Fledermauswachen am Eingang, starrte den Spinnen undurchdringlich ins giftige Antlitz, beschenkte die Gnome mit ihrem gellenden Lachen, kratzte dem Jungfrauendrachen die verletzliche Stelle unter dem Schulterpanzer weich und erreichte so, unbehelligt die Grotte des Glücks. Dort legte sie die Prinzessin behutsam in den goldfarbenen Sand vor dem türkisfarbenen Weiher, drehte rasch noch eine elegante Abschiedsrunde an den, mit edlem Gestein und bergklaren Kristallen übersäten Grottenwänden entlang und verschwand durch die verirrten Gänge des Glücks. Recha war nun in Sicherheit. Sie durfte nun endlich träumen. Wieder und wieder, ohne Schmerz und Unterlaß. Der lachende Prinz hingegen wurde immer trauriger. Nur konnte ihm das kein Mensch glauben. Als er vom spurlosen Verschwinden Rechas hörte, da lachte er schallend, obwohl er doch bitterlich weinte. Doch wie das Schicksal sich nun einmal immer gegen die Richtung dreht, hörte Rechas Vater nur das bitterböse Lachen des Prinzen und schwor blutblinde Rache. Die beiden Herrscher zogen gegeneinander in den Krieg. Vier Jahre wütete der grausame Kampf, solange, bis beide Reiche am Ende waren und nur ein Waffenstillstand den letzten Rest an Vernunft überleben lassen konnte. Doch was macht die überlebende Vernunft nur ohne Überlebende? Selbst bei der Unterzeichnung des Friedensvertrages lachte der Prinz. Rechas Vater war jedoch zu leer und müde vom langen Kampf und viel zu schnell gealtert, in der Sehnsucht nach der verschwundenen Tochter, als daß er sich noch hätte dagegen wehren können. In seiner Verbitterung rang er sich sogar noch ein Lächeln für den Prinzen ab, das dieser ihm, wie einen Dolch ins Herz zurückwarf. Erschüttert über so viel rohe Kälte, die doch nur ein Hilfeschrei war, verschloß sich der König in seinem Schloß und haderte mit seinem Schicksal. Der Krieg hatte ihm nichts gebracht - wie so viele Kriege. Keinen strahlenden Sieg, die Tochter nicht zurück, sondern nur weiterhin das gellende Lachen des Prinzen aus dem Nachbarreich. Der lachende Prinz wollte nun jedoch endgültig seinem Leben ein Ende setzen. Er stieg hinauf in den hohen Wanderfalkenturm, versengte noch einmal sein Land mit seinem Lachen und stürzte sich in die Tiefe. Doch von dort kam ihm das Echo seines eigenen, grausigen Lachens entgegen und hob ihn gnadenlos zurück auf die Spitze des Turmes. Er veranstaltete ein großes Fest, auf dessen Höhepunkt er sich öffentlich vergiften wollte. Doch als er seinen Entschluß den Gästen mitteilte, fing er so herzlich zu lachen an, daß er das kostbare Gift aus dem Becher in seiner Hand restlos verschüttete. Er griff zu einem Dolch, mit dem er sich das Herz herausschneiden wollte, doch die Klinge sprang ihm lachend aus der Hand und versenkte sich im tiefsten Brunnen. So beschloß er, in den Wald zu reiten und sich dort an der treuesten Eiche des Reiches zu erhängen. Am Waldrand, dicht vor den Grotten, verabschiedete er sich von seinen Getreuen und schlug sich alleine ins dichte Unterholz. „Ich will warten, bis ich die Sonne nicht mehr beleidige mit meinem schauerlichen Tun." So saß er lachend unter der ewigen Eiche und wartete auf das Ende seiner Tage. Kaum war die Sonne hinter den Grotten verendet, warf er ein Seil über den stärksten Ast und band sich eine passende Schlinge. Kaum hatte er sich die Schlinge um den Hals gelegt, da ertönte, hoch aus dem Wipfel über ihm, ein häßliches Kichern. Er versuchte, den dichten Laubvorhang der Eiche zu durchspähen und entdeckte, hoch oben, in der Überkrone der Eiche, ein längst vergessenes, wohlbekanntes Gesicht. Dort oben hockte, in ihrer ganzen Pracht, die Mondeule und lachte. Zur Feier des Tages hatte sie sich noch einmal in die Verkleidung geworfen, in der sie der Prinz einst verschmähte. Und als sie der Prinz dort oben hocken sah, da konnte er sich nun wirklich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Man muß das auch verstehen, denn wer sieht schon alle Tage eine hochherrschaftlich gekleidete Mondeule, mit einem Puppengesicht und einem eitlen Silberkamm als Werbungsschmuck, in einer Eichenkrone sitzen? „Du lachst schon wieder." Kreischte die Eule und konnte sich vor Wut nicht fassen. Doch da wurde der Prinz plötzlich sehr ernst und sagte: „ Vergiß nicht, daß ich nicht über dich lache, sondern wegen dir. Dein eigener Fluch zwingt mich, dich auszulachen. Du hast mir mit deinem gekränkten Fluch alles genommen, was mir lieb und teuer war. Mein Land, mein Glück, mein Vertrauen, meine Kraft und meine Braut. Du hast mir auch geraubt die Trauer und den Schmerz, all das, was einen Menschen möglich macht. Du nahmst mir sogar das Weinen. Wer lacht am Besten nun? Und warum? Nur weil deine dumme Eitelkeit dich hart gemacht und weil du uns Menschen darum haßt. Ich gehe gern von dieser Welt, auf der kein Gefühl mich länger hält." Und wieder rührten Menschenworte das weibliche Eulenherz. Sie war ja schließlich keine Hexe, sondern lediglich eine, in ihrer Eitelkeit tödlich gekränkte Eulenfrau. Sie wollte ihr Spiel auch nicht zu weit treiben und so erzählte sie dem Prinzen, nach einigem Zögern, von Recha und der Grotte des Glücks. Ja, sie ging sogar so weit, ihn bis zum Eingang der Grotte zu führen. Von hier aus sollte nun der Prinz seinen eigenen Weg zu Recha finden. „Doch bitte, versuche nicht zu lachen. Zwinge dich mit aller Kraft, dann wirst du Recha finden." Mit sanftem Flügelschlag hob sich die Mondeule in die dunkle Nacht und dachte: „Vielleicht solltet ich einmal dem alten Mäusebussard einen Besuch abstatten. Erst mit ihm auf die Jagd und dann vielleicht ... nun ja, wer weiß." Der Prinz machte sich lächelnd auf den Weg, um endlich sein Lachen zu besiegen. Vorsichtig ging er in die Grotte hinein und wurde sofort von ihrem modrigen Geruch gefangen. Wie aus heiterem Himmel stürzten sich die Fledermauswachen auf ihn herab, grinsten ihm ins Gesicht, huschten über seine Wangen, kitzelten ihn an den weichsten Stellen, sanft und verführerisch. Doch der Prinz verbat sich mit Macht das Lachen. Er kämpfte sich durch das panische Gewirr und Geflirr und erreichte so die Spinnen. Die Spinnen krochen ganz nahe an ihn heran, berührten ihn mit ihren haarigen Beinen. Doch der Prinz lachte nicht. Er hatte seit seiner Kindheit panische Angst vor diesen Tieren, doch nicht einmal der Schock ließ ihn heute lachen. Plötzlich spuckte der Jungfrauendrache ihm, mit einem Feuerschwall, Lachgas ins Gesicht. Der Prinz verzog nun kaum noch die Mine. Die Gnome versuchten es noch mit drolligen Späßen und albernen Tänzen, doch nicht das kleinste Lächeln stahl sich in des Prinzen Gesicht. So ließ ihn alle Wächter, zwar mißmutig, passieren. Vor dem Prinzen gähnte nun ein tiefes, schwarzes Loch. In dieses mußte er nun versinken. Aus dem tiefsten Grund scholl ihm jauchzendes, kristallklares Lachen entgegen. Er nahm all seine Kraft zusammen und stürzte sich in den grausigen Schlund. Nach schwarzem Fliegen und bleiernem Drehen schlug er rücklings auf den smaragdgrünen Grund des Weihers in der Grotte des Glücks. Elfen, Nymphen, glückliche Seelen erstarrten ringsumher. Erschrocken brachen sich die Wassertropfen im milden Licht der Grotte. Der Prinz schwamm in der Mitte des Weihers und suchte nach einem bekannten Gesicht. Prinzessin Recha verbarg vor Angst ihr wunderschönes Antlitz hinter einem Elfenflügel. Doch den Prinzen zog es, geführt von einer fremden Macht direkt zu ihr. Mit einer scheuen Gebärde löste er Rechas Hände von deren Gesicht. Es muß etwas Wunderbares in des Prinzen Augen geglitzert haben, denn Rechas, erst noch so ängstliche Augen, füllten sich nun mit dem wonnigsten Lächeln einer Neugeborenen. Der Prinz sah das strahlende Mädchen und wendete sich scham- und gramvoll von ihr ab. Doch Recha berührte ihn sanft mit den Fingerspitzen, hauchte einen Kuß in seine tränenlosen Augen und diese füllten sich augenblicklich mit kostbaren Tränenperlen, die, wie ein junger Wildbach, Rechas Herz netzten und zum Erblühen brachten. Der Prinz konnte sein Glück kaum fassen. Er wollte lächeln, doch er traute sich nicht. Da legte ihm Recha sanft die Hand in den Nacken, küßte mit den Augen seinen Mund, berührte mit ihrem Glück sein altes Herz und aus Tausenden von Kehlen erscholl ein fröhliches Lachen und trug das Paar, auf den Schaukronen der Zweisamkeit hinaus aus der Grotte und spülte es an die Gestade neugeborener Hoffnung. Die Mondeule beobachtete dies aus luftiger Höhe, sie wollte kreischend lachen, doch es gelang ihr nicht mehr. Sie beschloß, auf ewig den Schnabel zu halten, um sich nicht zu verraten. Seither nennt man die Eulen weise, weil sie dich ansehen und so wortreich dazu schweigen. 23 Lu behauptete zwar immer, sie hätten keine gemeinsamen Freunde. Er selbst dachte immer, ich habe in Perdi einen guten Freund, auch in Micki, dem er sein Tonstudio verkauft hatte und der immer wieder Musik für ihn schrieb. Gemeinsame Freunde hatten sie auch. Dachte er. Daß Lu in Ebermergen emotional vereinsamte, das wurde ihm viel zu spät klar. In Hamburg hatte er die Freundschaft zu Vernon neu entdeckt. Im Kampf um seine Reputation als musikalischer Leiter der Falsetto Produktion - aus der schlußendlich die Trennung von Lu entsprang - in diesem Kampf hielt Paul eisern zu seinem Freund. Selbst Lu stellte sich gegen Vernon. Lu stellte sich in jener Zeit gegen all seine Freunde. Auch gegen Perdi, der die Produktion hängen ließ. Dafür sollte Paul ihn nun endlich fallen lassen. Doch das Fallenlassen von Menschen kam für ihn nie in Frage. „Bei mir hat jeder mindestens drei Betrügereien frei, bevor ich mein Vertrauen verliere", tönte er oft. Seltsamer weise konnte er bei Freunden, die ihn verrieten, keinen Haß empfinden. Sie wurden ihm einfach egal und interessierten ihn nicht mehr. Er hatte ein großes Potential an Verzeihen in sich. Diese Art trieb Lu manchmal bis zur Weißglut. Sie verdammte jene, die ihr weh getan hatten und schickte sie voller Haß zur Hölle. Wie sie über ihre Eltern sprach, zeigte deutlich eine tiefe Kindheitsverletzung. Tief in ihrem Herzen haßte Lu beide Eltern und nannte es Liebe. Paul jedoch kannte so einen Haß nicht. Er regte sich auf, er fluchte und wütete. Doch schon am nächsten Tag war alles vergessen. Lu konnte damit niemals umgehen. Seit Paul gelernt hatte, ohne Schuldgefühle um Hilfe zu bitten, wußte er auch, wer seine tatsächlichen Freunde waren: Vernon, Babs, Gretl in Ebermergen, vielleicht inzwischen auch Michelle in Dortmund. Er hatte genügend Freunde und doch die wichtigste Freundschaft nie zugelassen: Die Freundschaft zu seiner eigenen Frau, Lu. Sie hatte vor kurzem einmal zu ihm gesagt: „Können wir nicht einfach nur Freunde sein?" Damals war das für ihn völlig lächerlich. Für Paul war das der blödeste Standardsatz für Trennungen. Daß Freundschaft Liebe nicht ausschließt, das wurde ihm erst jetzt klar. Seine Suche nach Freundschaft führte ihn auch zu seiner wohl größten Freundin. Zu seiner Ex-Frau, Anne. Die Gespräche, die er mit ihr führte, waren ruhig und konzentriert. Ohne Hemmungen, aus dem tiefen Bewußtsein ihrer großen Vertrautheit heraus. Und dann tat ihm Anne den größtmögliche Freundschaftsdienst. Sie wusch ihn rein von der Angst, ein sadistischer, herzloser, egoistischer Schläger und Amokläufer zu sein. Anne schrieb ihm kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland eine eidesstattliche Erklärung zur Vorlage bei Gericht und dem Amt für Soziale Dienste in Hamburg, die Auskunft gab, über ihre persönliche Einschätzung zu den erzieherischen und väterlichen Qualitäten Pauls. Anne ging so gar so weit, daß sie Lu in Hamburg anrief, um sie von ihrem Statement in Kenntnis zu setzen. Anne hatte schon immer eine besonders sanfte Art gehabt und schaffte es, Lu in eine Diskussion zu verwickeln. Sie hatte die Mithöranlage des Telefons eingeschaltet, damit Paul zuhören konnte. „Jedes Kind braucht einen Vater, Lu. Auch Sean." „Es reicht wenn deine Töchter einen Vater haben," giftete Lu zurück. „Paul und ich teilen uns das Sorgerecht für Kyra und Alicia. Warum willst du das nicht auch so für Sean?" „Kümmert ihr euch um euere Kinder, ich kümmere mich um meinen Sohn. Paul hat dir ja sowieso alles in den Rachen geschmissen. Ich als die Nummer zwei komme für ihn erst ganz weit hinten dran." „Und was wird aus Sean und seinen Schwester?" fragte Anne ratlos. „Halbschwestern, Halbschwestern ," schrie es vom anderen Ende der Welt. „Also gut, Halbschwestern. Du warst doch damit einverstanden, daß Paul so engen Kontakt zu seinen Töchtern hält. Du hast ihnen gesagt, daß sie bei dir herzlich willkommen sind, daß du dich wie eine Mutter ihnen gegenüber fühlst." „Stiefmutter. Die sind nicht nur im Märchen böse," raunzte Lu. „Kyra und Alicia vertrauen Paul. Sie lieben ihn, obwohl er so weit weg wohnt. Warum willst du das nicht auch Sean ermöglichen?" „Weil mein Sohn das nicht braucht," fauchte Lu. „Mein Sohn braucht keinen gewalttätigen Vater. Wenn dir seine Brutalität so lange Spaß gemacht hat, ist das deine Sache." „Du weißt genau, Paul hat mich nie geschlagen." Nach einer kurzen Pause sagte Anne dann leise: „Und ich habe ihn nie geschlagen." „Hat er behauptet ich habe ihn geschlagen?" „Nein, nicht er. Das haben mir die Kinder nach ihrer Rückkehr aus Deutschland erzählt. Lu, die Kinder flogen, auf eigenen Wunsch, ohne Begleitung nach Deutschland. Ein Beweis von Mut und Vertrauen von einer vier und siebenjährigen, der ausschließlich auf die Bemühungen um Kontakt und Nähe seitens meines Ex-Mannes und meiner Unterstützung dieser Bemühungen zurückzuführen ist. Es ist uns, trotz der extremen Entfernung zwischen Sydney und Ebermergen gelungen, den Kontakt des Vaters zu den Kindern maximal zu ermöglichen. Paul ruft bis zu drei Mal in der Woche hier in Sydney an und holt die Kinder zwei Mal im Jahr für sechs Wochen zu sich nach Deutschland. Statistisch gesehen sieht und spricht Paul, obwohl durch Kontinente getrennt, seine Töchter öfter und intensiver als die meisten Familienväter, die mit ihren Kindern zusammen leben. Seine Fürsorge und sein Bestreben nach Harmonie und Vertrauen sind sehr stark ausgeprägt und geben so den Töchtern einen Vater, auf den sie vertrauen können und der in allen Lebenslagen für sie da ist." Paul hatte Anne noch nie so viel reden hören. Sie redete sich fast in Rage. „Er sollte sich ein einziges Mal für mich und meinen Sohn so viel zeit nehmen wie für seine verdammten Töchter," brüllte es aus dem Hörer. Doch Anne ging weder auf Lus Ton, noch auf ihre Argumente ein. „Die große Bindung und Liebe unserer Töchter zu ihrem Vater beruht auf seiner Fähigkeit, ihnen absolutes Vertrauen, Zärtlichkeit, Wärme und Liebe zu vermitteln. Egal über welche Entfernung hinweg. Paul lebt jetzt fast drei Wochen hier in Sydney mit den Kindern, meinem neuen Lebenspartner und mir zusammen im gleichen Haus. Ich entdecke bei ihm weder Haß, noch Wut oder Instabilität. Er ist um Harmonie bemüht und Ruhe. Ich kann Paul auch heute die Kinder jederzeit anvertrauen und sicher sein, daß sie geborgen und harmonisch leben. Mit ihm allein in Deutschland und auch hier in Sydney. Meinem Ex-Mann würde ich jederzeit, wenn notwendig, das Sorgerecht für seine Kinder anvertrauen. Ich bin sicher, daß sie bei ihm am besten aufgehoben sind und das denke und wünsche ich mir auch für Sean." „Vergiß es," kam es aus dem Lautsprecher und die Leitung war tot. „Was hast du nur gemacht, daß sie dich so haßt, Paul?" Annes Frage kam ruhig und nachdenklich. „Solange sie dir so böse ist, wirst du gar nichts erreichen. Hier. Nimm die Erklärung. Ich wünsche dir viel Glück damit. Aber es wird wohl nicht viel helfen." Als Paul diesen Brief an das Gericht von Anne bekam, weinte er vor Dankbarkeit. Er war nicht dankbar über das, was sie geschrieben hatte, sondern für die große Zuneigung, die ihm aus dem Schreiben entgegen schlug. Lu hatte das Vertrauen seiner Töchter schändlich mißbraucht. Sie hatte ihnen eine Lebenshoffnung genommen, ohne zu erklären warum. Paul war ihr darüber nicht böse. Sie mußte diese Trennung wohl so kraß, kalt und schamlos vollziehen wie sie nur konnte. Würde er den wahren Grund je erfahren? Wer hat Schuld? Wer war verantwortlich für diese Trennung. Er ganz alleine, weil er so viele Fehler gemacht hatte? Lu ganz alleine, weil ihr die Kraft zu verzeihen fehlte? Beide zu gleichen Teilen zusammen, weil beide blind waren? Wer hat nun hier wen verlassen? Bis zu seiner Beziehung mit Iza war es immer Paul gewesen, der sein Bündel packte und ging. Mara, die Möwe aus Nürnberg, war ja eigentlich nicht gegangen, sondern nur vor sich selber geflohen. Für ihn war es immer leicht gewesen zu gehen, denn er wollte keine Lügen leben. Vielleicht war das seine größte Lebenslüge. Seltsam, Lu benahm sich genauso wie er, wenn er hart eine Affäre beendete. Er verschwand einfach, so wie sie jetzt. „Ich hatte vielleicht doch Recht, mit meiner Ahnung, daß ich nur ein Strohfeuer für sie bin." Das dachte er auch immer bei seinen Affären: „Eines Tages wachen sie auf und sehen die Summe ihrer Fehler. Mich!" Wie viele Frauen er mit dieser Haltung unglücklich gemacht hatte konnte er nur ahnen. Nun spürte er, wie damals bei Iza, den großen Schmerz des Verlassenen. Die Erkenntnis, der Verlassene zu sein traf ihn hart. Ob Lu Schuldgefühle hatte, war ihm nicht bekannt. Er selbst wollte jedoch mit dem Haß, den der Schmerz gebar, nichts zu tun haben. Er wollte die Ruhe finden, um menschlich mit den Tatsachen umgehen zu können. Als Lu endgültig ging, sagte er ihr: „Laß dich nie wieder in meiner Nähe sehen, sonst vernichte ich dich. Ich werde alles tun, um dich zu vernichten." Schon zehn Minuten nachdem Lu gegangen war, bereute er diese Sätze. Er konnte sie ja gar nicht vernichten. Er wollte ihr nicht weh tun und verstand nicht, warum er es plötzlich auf so brutale, animalische Art tat. Er wußte, daß er ihr schlußendlich doch nur helfen würde, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Er mußte nur verzichten lernen. Helfen ohne Garantie. Helfen ohne Erwartungen. Freund sein, um so vielleicht wieder Geliebter zu werden. Jedoch ohne Garantie. Paul konnte sich endlich eingestehen, daß er verloren hatte und spürte, daß sein Schmerz an den Rändern weich wurde. 24 'In der Hoffnung auf eine Leben in Frieden.' So stand es üppig auf dem falschen Grabstein der Mutter. Fast angewidert hatte er damals seine paar Erdbrocken hinter ihrem Sarg hergeworfen. Er konnte keine Trauer empfinden. Nie. Er wußte auch, daß er beim Tod seines Vaters keine Trauer, keinen Schmerz empfinden würde. Oder vielleicht doch? Trauer - er war tief traurig, doch er fiel in keine Depression. Er weinte viel. Er mußte lernen, mit dieser Trauer zu leben, denn auf der anderen Seite der dunklen Trauer gibt es Licht. Paul war schon immer fähig gewesen zu weinen. Manchmal setzte er seine Tränen sogar als Mittel zum Zweck ein. Keine Frau ertrug Männertränen. Wenn Paul wirklich liebte, weinte er ohne Lug und Trug. Er weinte bei Iza, er weinte bei Lu. Bei Anne weinte er oft heimlich, still neben ihr liegend, aus Trauer über ihre Eiseskälte. Manchmal hörte sie ihn dann doch, streichelte leise, aber kaum zärtlich seinen Nacken und sagte: „Sorry." Trauerarbeit Er weinte bei der Principessa, als sie ihr einziges deutsches Wort sagte: „Leider." Danach war sie in ihrem Alfa gen Rom gebraust und hat wohl auch geweint. Die Principessa. Sie hatten sich wortlos geliebt. Ohne Sprache, nur mit den Augen, mit den Händen, den Lippen. Trotzdem hatte Paul immer noch das Gefühl, daß er sich noch nie und nie wieder so gut mit einer Frau verstanden hatte. Katjuschka, am roten Platz. Sie hatte große, dicke Kindertränen geweint, als er in den Bus zum Flughafen stieg. Er hatte nur laut in sich hineingeflucht. Über das Land, das ablaufende Visa, die Unfreiheit und seine Ahnung, daß er nie wieder nach Moskau fahren würde, weil Katjuschka kein Telefon besaß. Marina weinte nur einmal. Als sie aufwachte und merkte, daß ihr Selbstmordversuch mißglückt war. Paul weinte nie mit Marina. Mit ihr war er immer nur zornig, über ihre Leichtfertigkeit, ihre Abtreibungen, ihre Flatterhaftigkeit. Wahrscheinlich war Marina zu jung für den achtzehn-jährigen Jungschauspieler. Obwohl beide gleich alt waren. Trotzdem fuhr er ein Jahr lang in einem klapprigen VW Käfer täglich die hundertvierzig Kilometer von Dinslaken nach Wuppertal und zurück. Liebe? Über Marina weinte Paul erst Jahre später. Als er entdeckte, daß sie ihn vier tränenlose Jahre gekostet hatte. Diana Montaquue - er weinte, als er an der Reling der Fähre stand und ihr zum Abschied zuwinkte. Sie war das erste Mädchen, das ihn geküßt hatte. Erst aus purer Dankbarkeit, weil er ihr das Leben rettete. Sie hatten Fish and Chips gegessen und Diana bekam eine Allergie. Ihre Oberlippe schwoll mächtig an. Ihr strahlendes Aussehen war zeitlebens zerstört. Der Arztsohn Paul wußte Rat. Eis drauf und Basta. Ihr Leben und ihre Schönheit waren gerettet. In den vier Wochen Sommeraufenthalt in Totton, bei Southhampton, wurde dann wildes Geknutsche und große Sehnsucht nach dem sechzehnten Geburtstag daraus. Stammte daher seine Affinität für Anglosachsen? Nun, sie waren damals gerade zwölf Jahre alt und Ludmilla war noch nicht zu Hause eingezogen. Bei Trixi stellten sich seine Tränen erst in der Erinnerung ein. So wie bei der Medizinstudentin Elisabeth. Er hatte es nicht bis zum Akt geschafft. Peinlich. Den drei Kellnerinnen in seinem Leben - gut verteilt auf Österreich, Deutschland und die Schweiz - hatte er immer nur ein dickes Trinkgeld gegeben, wenn sie weinten als er ging. Sein jüngster Bruder, Andreas war Kellner. Ob der auch Trinkgeld nahm? Der Pina Bausch Tänzerin Josephine weinte er keine Träne hinterher. „Die hat mich ja auch verleumdet," schoß es ihm durch den Kopf. Sie hatte irgendwann Blutungen bekommen und da er sie gerade verlassen hatte, behauptete sie im Krankenhaus, er hätte sie so brutal geliebt, daß dabei wohl ein Hämatom entstand, das nun geplatzt war. Sie hat den behandelnden Ärzten nie verraten, daß sie in der letzten Wuppertaler Tanztheaterproduktion, vor der Sommerpause, jeden Abend aus einem Meter Höhe in den Spagat gesprungen war. Das sah spektakulär aus und nur eine waschechte Australierin geht bis an den Rand des Selbstmords für ihre Tanzkunst. Bühnenböden sind hart, selbst mit Tanzteppich. Australier auch, aber leider oft nicht im Nehmen. Gesche? Gehab dich wohl. Zlatika - die Lady Caroline aus der Striptease Bar. Da weinte er vor Glück. Das Glück bei den Zigeunern zu sein. Sie kam aus Mostar. Hatte Medizin studiert - vielleicht. Klug war sie. Aber doch abgestürzt. „Is sich viel Geld," sagte sie nur. Und eines Tages sagte sie ihm, nach durchliebter Nacht: „Krieg ich Hängebusen, schon bald. Bin ich altes Weib. Nehm ich Geld in Koffer und fahr zurück nach Mostar. Reiche alte Frau. Kauft sich Porsche und nie wieder einen Mann. Du bist so jung, viel zu jung, um mit Hängeflatschbusen erschlagen zu werden." Sie drückte seinen Kopf zwischen die herrlichen Hügel, zog sich an und ging. Er sah sie nie wieder. Anuschka - da spielte er den Valmont aus den Gefährlichen Liebschaften nach. Setzte seine Tränen wie eine Waffe ein. Schrieb Briefe wie ein wahrer Cyrano. Er war besser als die tatsächlichen Darsteller in seinen Produktionen. Ja, er war sogar besser als der Valmont im Briefroman. Sie wollte ein Kind. Da weinte er, denn er hatte schon zwei. Anuschka hatte er mit tödlicher Kälte an sich gebunden. Eiskalt ließ er sie in Meiningen verhungern. Er wußte bis heute nicht, warum. Was hatte sie ihm angetan? Sie liebte ihn. Betty - liebe, liebe Schneeflocktraumfrau. Ihre Briefe waren Kleinode der Zärtlichkeit. Waren es immer noch. Sie hatten sich nie aus den Augen verloren. Sie plauderten immer noch miteinander. Teilten sich ihre Sorgen mit, bauten sich gegenseitig auf, um dann das Telefon wieder für Tage, Monate verstummen zu lassen. Irgendwie waren sie immer noch miteinander verbunden. Warum? Beide forderten nichts voneinander. Beide verschenkten und schenken immer noch nur ihre Zuneigung zueinander. Freunde, die sich wohl mit achtzig, zahnlos anlächeln und immer noch verstehen. Bettina hatte sich ehrlich für Paul gefreut, als er ihr von Lu erzählte. Es gab ihr die notwendige Sicherheit, den Schmerz zu ertragen, den sie wohl immer noch empfand. Marja, die Czardasfürstin, die er bei der Premiere unter die kalte Dusche stellen mußte, weil sie Sekt auf Beruhigungspillen getrunken hatte. Marja weinte die Tränen der Masuren. Tatsächlich - sie war ja auch Polin gewesen, wenn auch in Bayreuth aufgewachsen. Paul weinte nie um sie, sondern nur, weil er Anne betrog. Mara - die Möwe, die nun in Hamburg saß und auf seine Rückkehr wartete. Bis zu seiner Abreise aus Sydney mußte er einen Weg finden, ihr die Angst zu nehmen. Er wollte nie wieder jemanden verängstigen, verunsichern oder gar emotional vergewaltigen. Er sehnte sich nach den Gesprächen mit ihr. Er sehnte sich nach den heiligen Salbungen, die sie im frühen Sonnenlicht veranstaltete. Er vermißte ihre warme Intelligenz und ihre schrille Verachtung dafür. Er stand gebannt und sah ihr beim Suchen zu. Er schrieb keinen einzigen Brief an sie, seit sie sich wieder getroffen hatten. Er rief sie an, ohne Timing, ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne Zweck. Er wollte ihr nahe sein, ohne sie zu beengen. Er ahnte wohl, daß er Mara brauchte, weil er ein Mann war. Und sie war ganz Frau. Er wollte die Möglichkeit zur Nähe einer Frau haben, seinem Alter Ego. Paul schwor sich, Mara niemals für seine Zwecke zu mißbrauchen und rief sie wieder einmal an. Und die Namenlosen? Sie waren nur blasse Erinnerungen aus Zeiten, in denen er vor Einsamkeit in seinem Hotelzimmern lautlos schrie. In diesen Zeiten hängte er sein Herz wie eine Fahne in den Wind und hoffte. Auf was? Um diese namenlosen Mädchen und Frauen aus Esslingen, München, Basel, Prag und Wuppertal weinte er, weil er sich an ihre Namen nicht erinnern konnte. 25 Er dachte mit unendlicher Zärtlichkeit an diese eine Frau, Lu, die ihm so viel Kraft geschenkt hatte. Er dachte mit sehnsuchtsvoller Liebe an seinen kleinen Sohn. Nein, die Sonne Australiens wärmte ihn und vertrieb so den Zorn, der nur in der Eiseskälte existieren konnte, die sich nun als Eiszeit bei seiner Frau eingenistet hatte. Paul war auch nicht mehr zornig auf den Vater, der sich immer im falschen Moment in Dinge einmischte, die ihn längst nichts mehr angingen. Nein, Paul hatte sich tatsächlich schon auf den Weg gemacht, seinen Lebenszorn endlich in eine positive Richtung zu lenken. Konstruktive Aggression nannte er immer seinen Zorn. Er hatte immer geglaubt, mit kreativer Wut sei mehr zu erreichen und mußte nun erkennen, daß er damit nur sich selbst betrog. Dr. Brown hatte ihm geraten, sich seinen Haß, seinen Zorn einfach von der Seele zu schreiben und das Ergebnis dann zu verbrennen. Denn selbst auf dem Weg der Besserung wartete sein Zorn hinter jeder neuen Hoffnung. So setzte er sich hin und schrie sich die Ohnmacht aus dem Herzen. Hexenjagd Lu - Jane - Synonym für Dummheit, Arroganz und Münch-hausens billigste Lüge. Oberflächliches Abziehbild histo-rischer, britischer Fehlinterpretationen. Engländerin, mit der Sehnsucht nach Brasilien, ohne zu wissen, wie man Brasilien überhaupt buchstabiert. Pfadfinderin mit Waffenschein. Mary Popins ohne Flugkraft. Bombshell. Leere Hülse. Tom Zahner hatte recht. Verwechselt Liebe mit Sex. Gebar einen Sohn, um sich wichtig zu machen. Macht Liebe wie eine Ertrinkende. Ausgestattet mit dem Minderwertig-keitskomplex der Besitzlosen. Sternzeichen Zwilling, Lebens-zeichen Mülleimer. Im halben Dutzend billiger. Schreber-gartenvereins Stimmwunder. Großgrundbesitzerin der Tatenlosigkeit. Gespaltene Persönlichkeit, die in der Hölle schmoren will und doch den Himmel meint. Himmel - für sie eines der teuersten Hotels der Welt: Bürgenstock Plaza - Luzern. Produziert fahle Intelligenz aus verlebter Dummheit. Setzt Buchstaben zu Sätzen zusammen, die nur ein britisch dekadenter Analphabet erklären kann. Ausgestattet mit dem Humor eines Kamikazefliegers. Wünscht sich eine neue Nase, weil die noch schlimmer wird als die alte. Erklärt ihre Schönheit zur Häßlichkeit, weil sie die schöner findet. Amazone mit Oberlippenbart. Kriegsvernarbt aus Selbst-zerstörungswut. Pubertierendes Pickelelend mit achtund-zwanzig Jahren. Spiegelblind - orgasmusfähig nur vor dem eigenen Spiegelbild. Schmerzverliebt aus Gefühllosigkeit. Wenn Lu redet, plätschert nur Schwedenjauche aus dem dreißigjährigen Krieg in den Gully ihrer Einfalt. Donnert ihr Lachen, um kleine Kinder zu erschrecken. Schreit, um die eigne Taubheit zu kaschieren. Ausgestattet mit der Stimme eines rostigen Nebelhorns, das sich im Sonnenlicht verlaufen hat. Wohlbefinden nur im Dreck der Nebensächlichkeit. Genießt die Manie englischer Liederlichkeit. Zelebrierte Gefühllosigkeit auf Jaffakisten. Lottermatratze für Unter-legene. Unersättliche Sehnsucht nach Geld = Macht = Sicherheit = Reihenhaus = Zweitwagen = Anerkennung = Unterwerfung = Totstellen = Schicksal = Ableben = Lu Jane = Kot der Herzlosigkeit. Sehnsucht nach sechzehnjährigen Jünglingen, die sie zureiten kann. Herrenreiterin auf Schweinerücken. Am liebsten stehend und in Stiefeln sterben, nur so stirbt ein echter Mann in Frauenkleidern. Einsamkeit ist Rache an allen, die es gut mit ihr meinten. Mauert ihren Lebensmut hinter dem Schutthaufen ihrer Belanglosigkeit ein und hängt sich als ausgeblutete Fledermaus an den eitlen Fahnenmast ihrer bürgerlich, britischen Herkunft. Schwanzlutscherin ohne den Mut zu schlucken. Lady Godiva ohne Haar, Busen und Roß. Ständig auf der Suche nach dem Schachbrett der Könige, auf das sie nicht einmal als Bauer darf. Chorsängerin ohne Gruppendynamik, dafür mit Solistenfrust. Diebin, die sich in Kaufhofträumen suhlt und nicht merkt, daß sie nur bei Aldi klaut. Reisende ohne Wiederkehr. Durch Dauerfick zur Frustgranate. Fregatte ohne Ankerplatz. Piratenhäuptling ohne Biß und Seetauglichkeit. Amputiertes Gewissen. Herzlose Straßenkatze. Angesyffte Gehirntote. In der eigenen Hoffnungslosigkeit ertrunken. Zwischen ihren Ohren ist Platz für das Wagenrennen aus Ben Hur. Toter Fisch, den ein Gebirgspelikan angewidert ausgekotzt hat. Ölpest der britischen Gewissenlosigkeit. Mururoabombe, um endlich ganz alleine auf dem Planeten Gier leben zu können. Lebensaufgabe: Tiefkühltruhe. Lebensantrieb: Haß. Lebensziel: Staub der Vergessenheit. Der ahnungslose Teufel, der die Kehrtwendung Gottes zum Islam nicht mitbekommen hat. Doubelt ihre eigene Bedeutungslosigkeit und erhofft sich dafür einen Oscar. Schauspielerin, mit dem berühmten Brett Oskar Kokoschkas zwischen Hirn und Verstand. Luder, auf der Suche nach einem Zuhälter. Sie glaubt, der hält ihr Mund, Augen und Nase zu. Oberflächlich, eitelgeile Priesterin ihrer dringend not-wendigen Enthaarungskuren. Nasenfotze. Hure, die sich selbst bezahlt. Analfetischistin. Windelsekret. Asthmalahmes Fähnlein im Wind. Rechts taub, links taubstumm. Klitoraler Eisbrecher. Fehlgeburt einer Supernova. Sternschnuppe hinter dem Mond. Sonnenfinsternis der Torheit. STAR. Als Paul das Geschriebene verbrannte, zuckte ihm ein einziger Gedanke durch den Kopf: „Verbrenne ich gerade den Vater oder vielleicht sogar die Väter?" Er wußte genau, daß er kein einziges Wort tatsächlich glaubte. Aber es tat gut, sich den Zorn über sein eigenes Unverständnis so vom Hals zu schaffen. Nein, Lu war das genaue Gegenteil von dem, was er da ejakulierte. Die Lu die er kannte, nicht die Jane, die sie jetzt schon so lange als Hauptrolle ihres Lebens spielte. „Es muß doch möglich sein, diese Jane aus dem Weg zu schaffen", dachte er und schrieb mit Kreide auf die Grillkohlen: Jane. Dann zündete er die Kohlen an und grillte den Braten fürs Abendessen. Es schmeckte herrlich und von Jane war nichts als Asche übriggeblieben. Loslassen - lernen, lernen, lernen, lernen. Kleinstschrittchen. Als sein Assistent, Dejan, ihn fragte, wie es sich denn anfühlt den Mercedes leer zu räumen, da hätte er fast geheult. Ja wie fühlte sich das an? Hart. Zum Kotzen. Doch er mußte es tun. Er mußte seinen latenten Materialismus loslassen, um endlich neu beginnen zu können. Um so auch endlich Lu nicht mehr mit giftigen Krakenarmen zu umklammern. Er mußte Lu frei geben, um so eine neue Chance zu erhalten, ihre Krise zu meistern. Er hatte sich damals spontan entschlossen, ihr den Gefallen zu tun und die Scheidung einzureichen. Er wollte gar nicht geschieden werden. Niemals. Er tat es für sie, aus dem alleinigen Grund, später sagen zu können: „War ich nicht brav, hab ich deine Befehle nicht treu befolgt? Merkst du nun, daß ich dir nicht weh tun möchte, dich nicht länger quälen will?" Wenn sie geschieden sein wollte, dann sollte sie auch die alleinige Verantwortung dafür übernehmen. Er wollte nicht mehr der Buhmann sein, sondern endlich zu seinem Wort stehen. Ja heißt Ja und Nein heißt Nein. So sollte es von nun an sein. Klar und deutlich. Keine Entscheidungen mehr, um dem Gegenüber nachzugeben. Er hatte bei ihrer Hochzeit aus vollem Herzen heraus Ja gesagt. Neben dem Ja zu Sohn Sean das Einzige wahre Ja in ihrer Beziehung. Das Ja zu Beehive war ein klares Nein. Das Ja zum Englandtrip Seans war ein deutliches Nein. Das Ja zum Ausstieg aus Müllers Büro war ein gequältes Nein. Das Ja zu König und Ich hieß Nein, das ja zu Nonnsense II hieß Nein und und und und. Er sagte Ja um sie zu halten, er sagte Ja um sie zu beruhigen, er sagte Ja um nett zu sein und geliebt zu werden. Er sagte Ja und meinte Nein. Gemein. Loslassen - Ja, aber nie wieder sich selbst. Und so schrieb er den ersten Brief an Lu seit langer Zeit. Liebste Lu und Sean, Ich wünsche, daß du dich über meine Vorschläge informierst, die ich deinem Anwalt, durch meinen Anwalt, zukommen ließ. Meine Anregung, einen „Healing Seperation Contract" miteinander abzuschließen, ist das Ergebnis meiner täglichen, therapeutischen Arbeit an der Ellard Practice hier in Sydney. Das Ergebnis dieser dreiwöchigen „Crash and Shock - Block Therapy" wird von meinem Arzt, Dr. Keith Maine, in einem professionellen, psychiatrischen Gutachten protokolliert, welches Deinem Anwalt, sofort nach Erhalt, zugehen wird. Ich weiß sehr gut, in welchem Zustand von Schmerz und Verletzung Du dich augenblicklich befindest. Ich möchte, daß Du weißt, daß ich weder Ärger, Haß, Ekel, Frustration, Ablehnung, Rache oder Ähnliches gegen Dich empfinde. Ich mache mir große Sorgen um Dein und Seans Wohlergehen. Ich habe großen Respekt vor Deinen Entscheidungen, seien sie nun für uns, oder gegen unsere gemeinsame Zukunft. Ich weiß nun, daß wir beide durch eine dunkle Zeit von Angst, Streß, Übermüdung und Zorn gegangen sind, was uns schlußendlich zu den unglaublichen Vorgängen der letzten Zeit verleitet hat. Was mit uns beiden geschehen ist, tut mir aus tiefster Seele leid. Ich möchte Dich um Verzeihung und Vergebung bitten, obwohl ich weiß, daß Du wahrscheinlich noch sehr viel mehr Zeit brauchst, um die fürchterlichen Wunden heilen zu lassen. Ich vergebe Dir, ohne es zu bedauern. Ich mußte hier den größten Fehler meines ganzen Lebens entdecken: Ja zu sagen, wenn ich Nein meinte, nur um meinem Gegenüber einen Gefallen zu tun. Die Angst, das zu verlieren, was ich so sehr liebe, führte bei mir zu Ablehnung. Anstatt meine Partnerin zu meinem besten Freund werden zu lassen, machte ich sie zum Vogel im goldenen Käfig. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, war der Antrieb meiner Zerstörungswut. Ich habe nun endlich die große Kraft in mir entdeckt. Diese Kraft kann zerstören, oder leiten. Ich lerne nun, diese Kraft zu benützen, um zu beschützen und zu begleiten, anstatt sie mein eignes und das Leben anderer zerstören zu lassen. Ja, ich besitze sehr viel Macht und Kraft und bin bereit, diese Kraft von nun an konstruktiv und auf einem neuem, hell erleuchteten Weg einzusetzen. Meine Hände sind offen - sie streicheln nur mit Liebe. Mein Herz ist offen und behütet nun Wärme und Zärtlichkeit. Meine Augen sind weit offen und sehen nun, worum es geht. Mein Verstand ist offen, um zu verstehen. Mein Gewissen ist offen, um Deinen Haß, Deine Liebe, Deine Angst, Deine Freude, Dein Mißtrauen und Dein Vertrauen, Deinen Ekel und Deine Sehnsucht zu empfangen. Meine Hände sind offen, um Dich zu halten, um dich gehen zu lassen, um Dich zu streicheln, um Dir Raum zu geben, um Dich zu führen und um von Dir geführt zu werden, um Dich zu beschützen, um Dich zu verführen, um Dich zu wärmen. Meine Hände werden offen bleiben und nie wieder eine Faust formen. Sie werden Dich beschützen, ohne dich festzuhalten. Sie werden nie wieder dazu benützt werden, jemand von mir zu stoßen. Meine Arme sind wie Adlerschwingen ausgebreitet , um Dich und Sean willkommen zu heißen - zu Hause. Meine Arme sind weit geöffnet, um Dich gehen zu lassen. Ich bin weit offen für das Leben und meine Türen sollen nie wieder verschlossen werden. Ich möchte, daß Du sehr tief in Dich hinein hörst. Ich werde nicht nach Dir suchen, solange Du Dich fürchtest. Ich werde Dir nicht nah sein, solange Du Angst hast. Ich werde nicht mit Dir sprechen, solange Deine Bitterkeit so viel Haß in Dir erzeugt. Ich komme spätestens am 1. März nach Deutschland zurück. Ich werde für Dich und Sean da sein, zu jeder Zeit, die Du für richtig hältst. Ich werde für Dich und Sean Tag und Nacht, unter meiner Mobilnummer, erreichbar sein. Ich kann zu Dir auf Wiedersehen sagen, oder auch Willkommen. Ich liebe Dich und ich liebe Sean und endlich auch mich selbst. Immer Euer Paul - Daddy. Paul faxte diesen Brief an Lus Anwalt, da dieser der Einzige war, der wußte wo man sie erreichen konnte. Allerdings teilte er ihm gleichzeitig mit, daß Lu ohne seine Zustimmung den Sohn bei sich behielt und mit ihm reiste. Lu hatte dem Anwalt gegenüber immer behauptet, Paul hätte ihren Aktionen zugestimmt. Zur Sicherheit schickte er ihn auch noch den Freunden in Hamburg, bei denen Lu so lange untergekrochen war. Er wartete und es blieb unheimlich still auf der anderen Seite der Welt. 26 „Eigentlich bin ich gar nicht so schlecht, wie ich es meistens behaupte." Paul begriff. Sein Minderwertigkeitskomplex hatte aufgehört zu wachsen. Seine Angst vor dem Leben kaschierte die Maske der Arroganz. Seine Furcht vor dem Versagen manipulierte er mit vernichtendem Sarkasmus und inquisitorischer Rechthaberei. Seinen Zweifel an wahrer Liebe ertränkte er im Alkohol. „Mich kann niemand lieben. Ich bin nicht genial, obwohl es so viele behaupten, ich bin nicht attraktiv, ich bin kein guter Regisseur, ich bin ein Versager und sollte Packetfahrer werden. Ich bin nur Show. Schall und Rauch. Wenn du dahinter kommst, siehst du nur ein großes, schwarzes, leeres Loch. Hau ab, bevor du dahinter kommst, daß ich nichts bin." Damit hatte er Lu nächtelang gequält. Er verdrängte alle guten Aspekte ihrer Beziehung. Wahrscheinlich wollte er nur nicht der Verlassene sein. Nein, von nun an muß es heißen: „Ich bin gut in meinem Beruf, ich bin ein guter Liebhaber, ich bin ein treuer Freund, ich bin der beste Mann für dich, ob Ehe oder nicht. Ich bin klug, ich bin warm, ich bin herzlich und ich bin treu. Ich kann herrlich schreiben und muß lernen, das was ich schreibe auch zu erfüllen. Ich bin kein schlechter Mensch. Ich bin kein gewalttätiger Mann, ich bin kein Vergewaltiger, ich bin kein Alkoholiker, ich bin nicht schizophren oder paranoid. Ich bin gesund und wertvoll für meine Umgebung. Ich mag mich. Ich mag meine Hände. Ich mag meine Stimme. Ich mag meine Zärtlichkeit. Ich mag meine Denkfähigkeit. Ich mag mein Schreiben. Ich mag meinen Humor. Ich mag meine Liebe zu meinen Kindern. Ich mag meine Art zu diskutieren. Ich mag meinen Sarkasmus. Ich mag meinen Essensgeschmack. Ich mag mein Kochen. Ich mag meine Wärme. Ich mag meine Art mit einer Frau zu schlafen. Ich mag mein schauspielerisches Talent. Ich mag meine Kraft. Ich mag meine Phantasie. Ich mag meine Augen. Ich mag meine Wärme. Ich mag meine Fähigkeit mich nicht anzupassen. Ich mag meinen Enthusiasmus. Ich mag meine Spontaneität." Waren das zwanzig Beispiele, die seine neue Bibel verlangte? Er hätte noch endlos weitermachen können, so sehr mochte er sich. Irgendwann mußte er einmal die Geschichte von Lord Nessi aufschreiben. Heimlich nannte sich Paul nun so. Das Ungeheuer, Lord Nessi, von dem alle reden, das aber noch nie jemand gesehen hat und das trotzdem Angst und Schrecken verbreitet. Ja, er hatte plötzlich wieder viele Ideen, zu neuen Stücken und Musicals, zu Romanen und Märchen. Er hatte ja auch Zeit. Viel Zeit. Vierundzwanzig Stunden waren oft Jahre für ihn. Für Sean wollte er bald das Musical von Koko-Kroko, dem Theaterkrokodil schreiben. Als Paul so in Sydney saß, begann er sich tatsächlich, zum ersten Mal in seinem Leben, richtig zu mögen. Er hielt sich nicht mehr zurück. Er sagte und schrieb was er dachte und fühlte. Sydney, seine zweite Geburt. Und zu dieser Geburt gehörte es dann wohl auch, endlich zuzugeben, was er nicht mochte. Er mochte keine Lügen, ekelte sich vor Humorlosigkeit, glaubte nicht an natürliche Dummheit, Mißtrauen kannte er nicht. Er verabscheute Karrieregeilheit und die daraus resultierende Eitelkeit. Gier war ihm zuwider und wer nur von einem Fick redete blieb ihm immer fremd. Egomanen waren für ihn immer schon ein Brechmittel. Faulheit ein Fremdwort. Der Geiz im Leben wie im Herzen war ihm ein Grauen. Von Verschwörern hielt er sich immer fern. One night stand kannte er nicht und wollte sie auch nie kennenlernen. Gegen Blindheit kämpfte er mit allen Mitteln an, so wie gegen die Taubheit. Rechthaberei hatte für ihn nur mit Selbstsucht zu tun, das dann häufig in Selbstmitleid umschlug. Seit den Gerichtsverhandlungen am sonntäglichen Frühstückstisch in Tirol war Ungerechtigkeit eine Lebens-tatsache geworden, die er für sich selbst nicht zuließ. Selbstsucht ließ er meist links liegen so wie englische Großeltern." Doch der immer noch vorhandene, ziehende Schmerz in seinem Solarplexus ließ nur nach, wenn er wütete. Paul kannte keinen Haß in seinem Leben, doch in der weite Australiens haßte er mit einer Lust, die er 'Noch nie so herzlich gehaßt' nannte. Es machte ihm diebischen Spaß Autonarren, Vergewaltiger, Gewalt an sich, Schläger, Geschwindigkeitskontrollen, Sport, Einheitsfraß, falsches Maß, Betrug, Intriganten und seinen Haß lustvoll zu hassen. Weiter kam er nicht. Denn plötzlich konnte er nur noch schreien: „Ich liebe Lu". Am Abend, nach seiner Liebeserklärung, die er lauthals an den Harbour Heads im Hafen von Sydney dem Westwind hinterher schrie, setzte sich an den Computer und begann mit der Arbeit an einem neuen Musical mit dem Titel: 'Dreamachine'. Um die Arbeit leichter zu machen, setzte er vorerst Lus und seinen eigenen Namen für die Charaktere ein und war erstaunt, wieviel Raum er plötzlich wieder in seinen Gedanken für seine tatsächliche Arbeit hatte. Die Kinder schliefen selig und Anne stritt sich zum x-ten Mal lautstark mit Mick um nichts. Paul schrieb die ganze Nacht, wie ein Gejagter und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder einmal ein Gefühl, an das er sich kaum noch erinnern konnte. Glück. Als seine Tochter Kyra ihn am nächsten morgen fragte, was er denn die ganze Nacht so getrieben hatte, meinte er nur: „Willst du es hören?" „Ich denke du hast geschrieben, kann man das hören?" fragte erstaunt die kleine Alicia. „Ich habe Songs geschrieben", antwortete Paul. „Aber du kannst doch gar nicht Klavier spielen," meinte Kyra trocken. „Aber singen kann ich," sagte Paul fröhlich. „Mami, Daddy singt wieder," schrie Alicia über die Treppe Anne zu, die sich gerade im Bad fertig machte. „Bitte nicht jetzt, ich bin noch im Bad," kam es etwas zusammenhanglos aus dem Badezimmer. „Mami ist noch im Bad, Daddy. Dann mußt du eben ganz leise singen," meinte Alicia und wisperte wie eine professionelle Verschwörerin. Paul nahm die beiden Mädchen mit hinaus in die strahlende Morgensonne, setzte sich an die schon warme Hauswand und nahm seine beiden Töchter links und rechts auf die Knie. „Das Lied heißt Love is," sagte er leise. „Du hast es auf Englisch geschrieben?" fragte Kyra mit einem fast besorgten Ausdruck in der Stimme. „Ja, damit auch ihr es verstehen könnt, habe ich es auf Englisch geschrieben." „Daddy, wann bringst du uns wieder Deutsch bei?" fragte Alicia. „Wenn ihr mich wieder in Deutschland besucht." „Was heißt 'Love is' auf Deutsch, Dad?" fragte Kyra. „Liebe heißt," sagte Paul und die beiden Mädchen wiederholten beide die Worte und sagten: „Das klingt schön. Singst du es jetzt?" Und Paul dachte einen Moment lang nach und begann mit leiser Stimme zu singen. Those years of harmony have made you cold? those years of cosiness and warmth Those days of laughter, those nights of tenderness. The many seconds of eternity we shared have grown to despair? Your love turned to hate and in this state of mind you punish me with nasty words, you put your finger where it hurts, you nurture your ego without cause, you hear applause from where there is no hand to clap. You wrap your selfishness in dreams of dreams. Did you forget the time you said: Love is. Love is to let you go. Love is to set you free. Love is to hold you, but not tight. Love is to care and stay aside. Love is to spare one moment of truth. Love is the light to guide you through the night. Love is. Love is. Those years of eagerness have now grown old. Those years of happiness and trust. Those days of future, those nights of foolishness. The many seconds of this ecstasy we shared have made you unfair? Your love changed to greed and cause you need a fiend you torture me and throw with mud, you turn the knife and drink my blood, you pamper your nightmare without care, you want to chase a dream which is no longer there. You swear you are the only one who counts. Did you forget the Time you said: Love is. Love is to let you go. Love is to set you free. Love is to hold you, but not tight. Love is to care and stay aside. Love is to spare one moment of truth. Love is the light to guide you through the night. Love is. Love is.. Love is to let you go. Love is to set you free. Love is to hold you, but not tight. Love is to care and stay aside. Love is to spare one moment of truth. Love is the light to guide you through the night. Love is. Love is. Love was Love was you. Love was you. Alle drei waren sehr lange still, als Paul sein Lied beendet hatte. Dann sagte Alicia plötzlich auf ihre unnachahmliche trockene Art: „Das klingt OK, Daddy." „Wirst du es auch Lu vorsingen, Dad?" fragte Kyra fast ängstlich. „ich hoffe, daß sie es eines Tages singen wird," sagte Paul sanft. „Aber jetzt los, macht euch fertig für die Schule." Die Mädchen sprangen davon und Paul blieb in der herrlichen Sonne sitzen, hörte wie die Mädchen ganz aufgeregt ihrer Mutter von dem Lied erzählten und daß es auf Deutsch 'Liebe heißt' bedeutet. Nachdem Anne, Mick und die Kinder sich bis zum nachmittag von Paul verabschiedet hatten war es wieder unheimlich still in dem großen Haus. Paul setzte sich an den Computer und las das Geschriebene der letzten Nacht und wie, um gleich noch einen drauf zu setzen sprudelte der 'Weinende Tiger' aus ihm heraus. Der Text lief in einem Stück, ohne zu denken, ohne zu kontrollieren schrieb ihn Paul nieder und war höchst zufrieden mit dem was er da endlich wieder schreiben konnte. Wann und wo er ihn verwenden wollt, das war ihm noch nicht klar. Doch irgendwie hatte der 'Weinende Tiger' auch etwas mit ihm zu tun. Er wußte nur noch nicht genau was. 27 Übergang, Brücken bauen, neue Wege gehen. Gemeinsam oder auch allein. In Lus Sonne stehen, aber nicht in ihrem Schatten. Lu sollte auch in seiner Sonne Frieden finden und nicht mehr erwürgt werden, von seinem dunklen Schatten. Übergang - über die Mauer sehen. Mit dem Wind fliegen. Utopien machbar machen. Träume zum Leben erwecken. Mut zur Kraft. Kraft für sich selbst. Kraft. Letzte Nacht, so gegen vier Uhr, da war er plötzlich aufgewacht und sofort hellwach. Die ersten Vögel zwitscherten und der Horizont färbte sich schon blaßrosa. Er wußte nicht, was ihn weckte. Hatte er geträumt? Paul konnte sich fast nie an seine Träume erinnern. Was hatte ihn geweckt. Er schlich sich ins Wohnzimmer hinunter und entdeckte, daß der Computer an war. Warum war der PC an? Hatte Mick noch gearbeitet und vergessen ihn auszuschalten? Paul setzte sich an den Schreibtisch und klickte den Bildschirmschoner aus. Auf dem Bildschirm tauchte ein Dokument auf. Sein eigenes Schreibdokument. Er hatte aus Deutschland seine Geheim-diskette mitgebracht und schrieb stundenlang, während die Mädchen in der Schule waren. Warum war sein Programm gestartet? Er ging mit dem Cursor zur letzten Seite des Dokuments und wunderte sich. Da stand etwas, von dem er noch nichts wußte. Hatte er das selbst geschrieben? Im Traum? Wurde er nun doch verrückt? Hatte er Bewußt-seinsaussetzer? Black outs? Fassungslos begann Paul zu lesen. Lord Nessi Eddi Mc Nullen hatte seiner Mutter versprochen, niemals am Ufer von Loch Ness zu angeln. Eddi war acht Jahre alt und hatte von seinem Großvater, dem Clanführer der Mc Nullens, schon mit drei Jahren fischen gelernt. Eddi gewann jedes Jahr, im Frühjahr, die schottischen Landesmeis-terschaften im Fliegenfischen. Er war ein wahrer Meister mit der Angelrute. Keiner konnte so weit werfen wie er. Eddi wußte nicht, wie er das tatsächlich machte. Er flippte einfach die Rute ein paar Mal hin und her und schon flog seine Fliege, als hinge sie nicht an einer Angelschnur. Er holte so die schwersten Brocken aus allen Gewässern. Er brauchte nicht sehr viel Kraft dazu, denn er benutzte seine Angel, ganz unbewußt, wie einen mächtigen Hebel. Inzwischen studierten ganze Heerscharen von Experten seine Technik, doch bisher konnte selbst die Universität von Oxford sein Geheimnis nicht enträtseln. Sein größtes Geheimnis war aber, daß er seine Fliegen auf spezielle Art präparierte. Wenn er Forellen fischen ging, tauchte er die Fliegen in Gin. Für Barsche war einfacher Scotch gut genug und für Hechte war Single Malt das Zauberwort. Da die Mc Nullens seit Jahrhunderten stolz auf ihre kleine, aber sehr berühmte Whiskeybrennerei waren, hatte Eddi kein Problem, an den nötigen Vorrat zu kommen. Nur für den Gin mußte er sich immer etwas einfallen lassen. Niemand wußte, daß Großvater Mc Nullen noch nie in seinem Leben seinen eigenen Whiskey probiert hatte. Er war ein klammheimlicher Ginfanatiker. Da dies allerdings einem alteingesessenen Whiskeybrenner nicht gerade sehr professionell aussehen ließ, hielt er seine Leidenschaft geheim und das Versteck seiner Ginvorräte kannte nur er selbst. Dachte er. Eddi kannte es auch. Aber da es ausgerechnet in dem großen Ohrensessel seines Großvaters lag, in dem dieser nun schon seit Jahren fast ausschließlich Tag und Nacht vor sich hindöste, war es für Eddi immer ein Abenteuer, den rechten Zeitpunkt für seinen Ginraub abzupassen. Heute wollte er eigentlich Forellen fangen, aber Großvater Mc Nullen war nach dem Mittagessen einfach nicht eingeschlafen und Eddi wollte nicht den ganzen Nachmittag damit vergeuden, auf seine Chance zu warten. Also schlich er sich rasch zum Whiskeykeller, füllte sich seine Spezialflasche mit dem ältesten Single Malt ab, griff sich seine Lieblingsrute und rannte los. Er wußte, daß heute ein besonderer Tag war, denn er hatte seit dem frühen Morgen ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch. Als Eddi bei Loch Ness angekommen war, wunderte er sich. Er wollte eigentlich gar nicht hierher. Aber irgendwo muß er mit seinen Gedanken weit weg gewesen sein und hatte gar nicht gemerkt, daß er direkt zum einzigen verbotenen See gelaufen war. Natürlich war Eddi mit den Eltern schon einmal hier gewesen. Besonders dann, wenn wieder ein paar Nessiforscher ihre Zelte aufgebaut hatten. Er fand diese Irren aus aller Herren Länder ganz ulkig, wenn sie da mit ihren selbst gebastelten Unterseebooten hinter dem Ungeheuer herdüsten. Er glaubte nicht an Ungeheuer und schon gar nicht an das von Loch Ness. Aber der See hatte irgend eine merkwürdige Ausstrahlung. So ganz wohl fühlte er sich in seiner Nähe noch nie. Doch heute stand die Sonne strahlend am tiefblauen Sommerhimmel und da er nun schon einmal hier war, konnte er ja auch sein Glück versuchen. Er wollte gerade seine Angel auswerfen, als ein kleines Ruderboot ans Ufer trieb. Das Boot war leer, aber es sah so aus, als ob vor kurzem noch jemand damit gerudert war. Eddi kniff die Augen zusammen und spähte das Ufer ab, ob er irgendwo den Besitzer des Bootes entdecken konnte. Aber da war keine Menschenseele weit und breit. Aus einem seltsamen Impuls heraus, stieg Eddi plötzlich, samt seiner Angelausrüstung, in das Boot und begann auf den See hinauszurudern. Nicht die kleinste Brise regte sich und es war ziemlich heiß. Eddi kam richtig ins Schwitzen, doch er wollte bis in die Mitte des Sees, da er dort die besten Fische vermutete. Endlich war es soweit. Eddi zog die Ruder ein und griff nach seiner Angelrute. Aus einer plötzlichen Eingebung heraus tauchte er die Fliege noch einmal in seine Whiskeyflasche. „An so einem Spezialtag sollen die Fische auch wirklich etwas davon haben," dachte er und nahm selbst einen kleinen Schluck aus der Flasche. Eddi war schon als Baby mit Whiskey beruhigt worden und Single Malt mochte er besonders gern. Er setzte sich sicher in die Mitte des kleinen Bootes und warf die Angel aus. Im gleißenden Sonnenlicht flog die Fliege , wie ein Minidüsenflugzeug, pfeilgeschwind dicht über der Wasseroberfläche und versenkte sich nach zirka hundert Metern in die Fluten. Die Sonne stach vom Himmel, kein Laut regte sich und Eddi spulte langsam und bedächtig die Leine auf. Manchmal bewegte er die Rute ganz sacht, er wußte, daß seine Fliege so wie lebendig aussah und die Fische leichter darauf hereinfielen. Er nahm sich zwanzig Minuten Zeit, um die Fliege zurückzuholen. Wieder und wieder warf Eddi seine Angel aus, doch kein einziger Fisch schien heute beißen zu wollen. Nach fast zwei Stunden auf dem See, fluchte Eddi einmal laut auf, so wie er es von seinem Großvater gelernt hatte und warf die Angel mißmutig in das Boot. „Das gibt es doch nicht. Wer bin ich denn. Wo seid ihr verdammten Fische," schallte es über den See. „Kommt endlich her, ihr Feiglinge." Eddi beugte sich über den Bootsrand und versuchte tief in den See zu schauen. Er versenkte sogar seinen Kopf unter Wasser und hielt, mit weit aufgerissenen Augen, nach irgendwelchen Fischen Ausschau. Doch es war einfach nichts zu entdecken. Als er, nacht Luft schnappend, den Kopf wieder aus dem Wasser zog, hatte sich der Himmel total verändert. Wo kamen die dicken Wolken plötzlich her? Eddi hatte noch nie so pechschwarze Gewitterwolken gesehen. Es war immer noch windstill, aber es lag ein seltsamer Ton über Loch Ness. Die Wolken waren an den Rändern schwefelgelb und sie türmten sich, wie von einer Riesenfaust geschoben, heftig übereinander. Eddi wußte, daß Gewitter die Fische an die Oberfläche trieben und so warf er ein letztes Mal seine Angel aus. Kaum war die Fliege versunken, begann der Blinker wie wahnsinnig zu zucken. Doch plötzlich trieb er wieder regungslos auf den sanften Wellen. Eddi wollte schon die Angelschnur einholen, als es rings um den Blinker heftig zu brodeln begann. Das Wasser wurde anscheinend von einem plötzlichen Strudel so aufgewühlt. Eddi verstand die Welt nicht mehr. Was passierte hier? Mit einem Mal verschwand der Blinker in der Tiefe des Sees. Die Angelschnur spulte sich in einer derartigen Geschwindigkeit ab, daß das Gewinde zu qualmen begann. Eddi wurde es nun ein wenig mulmig. Was er da an der Angel hatte, mußte gewaltige Ausmaße haben. Mit dem Mut des geborenen Fischers hielt Eddi jedoch dem Druck von unten stand und das kleine Ruderboot flitzte, wie ein Rennboot, im Kreis um den ganzen See. Eddi stand breitbeinig mitten in seinem zerbrechlichen Kahn und stemmte sich mit aller Kraft gegen die Sitzbank, um bloß nicht aus dem Boot gerissen zu werden. Plötzlich ließ der Zug von unten nach und Eddi hätte fast das Gleichgewicht verloren, so überraschend kam die Entspannung. Es war totenstill, nur der seltsame Ton hing immer noch bedrohlich in der Luft. Vorsichtig begann Eddi die Leine einzuholen. Hatte sich der riesige Fisch, oder was immer es war, etwa von der Angel losgerissen? Da tauchte auch der Schwimmer wieder auf, doch die Leine hatte immer noch keinen Druck. Eddi zog leicht mit der Rute an und wie aus heiterem Himmel katapultierte sich ein riesiges, schwarzes Etwas, wie ein Killerwal aus dem See, stieg hoch in die Luft, vollführte drei vollendete Saltos und krachte mit großen Gewicht zurück ins Wasser, wo es dann, wie leblos, auf der Wasseroberfläche trieb. Eddi stand, mit sperrangelweit offenem Mund, in seinem Boot und konnte es nicht fassen. Was war das? Was hatte er da vom Grund des Sees geholt. Etwa doch das Ungeheuer? Gab es diesen Alptraum denn wirklich? Erst jetzt bemerkte Eddi, daß die dräuenden Gewitterwolken sich verzogen hatten. Die Sonne stand schon tief im Westen und von den Bergen kam der erste, kühle Abendhauch. Vorsichtig näherte sich Eddi dem sanft vor sich hinschaukelnden Ungeheuer. Je näher er an das Ding aus der Tiefe herankam, desto deutlicher konnte er seine Umrisse ausmachen. Was glitzerte da so im brandroten Abendlicht? Das Ding schien übersät mit kleinen Leuchtpunkten. Eddi hielt sich in sicherer Entfernung und ruderte langsam um seinen Fang herum. Nun erkannte er auch, daß das Unwesen über und über mit vielfarbigen Muscheln, Krebsen und Seespinnen überzogen war. Es sah nicht aus wie ein Fisch. Es hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit einem Wassertier. Was war das? Das Ungeheuer regte sich immer noch nicht und so entschloß sich Eddi, ganz langsam ans Ufer zurückzurudern, mit dem Ungetüm im Schlepp. Hoffentlich hielt seine Angelschnur die schwere Last, bis er das Ufer erreichte. Mit seinem Fang im Schlepp ruderte es sich ziemlich schwer für den kleinen Eddi. Das Ding mußte mindestens zwei Meter lang sein und war sicher einhundert Kilo schwer. Doch was schon Hemmingway so grandios beschrieben hatte, das schaffte an diesem Sondertag auch der kleine Eddi Mc Nullen. Trotzdem war er ziemlich erschöpft, als er das Boot an den sicheren Kiesstrand zog. Er gab noch etwas mehr Leine und stellte sich mit seiner Angel auf einen kleinen Hügel am Rande des Sees. Behutsam begann er die Leine einzuholen. Er bewegte seine Rute dabei vor und zurück und erzeugte so ein leichtes hin und her Schwingen seiner Beute. Mit einem plötzlichen Ruck der Rute brachte er seinen Fang so in Fahrt, daß er auf den Kiesstrand auflief. Eddi ließ ein wahres Wolfsgeheul vor Begeisterung los. Respektvoll näherte er sich nun dem Untier. Es lag immer noch regungslos am Ufer. Eddi versuchte herauszufinden, wo bei dem Ding vorne und hinten war. Eddi konnte auch nirgendwo Kiemen entdecken, also konnte es sich nicht um einen Fisch handeln. Eigentlich sah das Gebilde eher wie eine überdimensionale Miesmuschel aus. Muschel, das mußte es sein. Er hatte eine Muschel gefangen. Aber wie konnte denn eine Muschel aus dem Wasser springen und Saltos drehen. Ratlos kratzte sich Eddi am Kopf und ging noch etwas näher an seine Muschel heran. „Wenn es eine Muschel ist, dann muß sie auch zu knacken sein," murmelte er vor sich hin und klopfte sanft auf den Panzer. Augenblicklich hörten die vielen kleinen Glühpunkte zu leuchten auf und Eddi fuhr erschrocken zurück. Da entdeckte er, daß zwei Punkte nicht aufgehört hatten zu glimmen. Sie waren größer als die anderen und befanden sich an dem Teil der Muschel, die noch unter Wasser lag. Erst jetzt bemerkte Eddi, daß die Angelschnur zu einem Punkt unter diesen Augen lief. „Augen - das sind Augen," fuhr es Eddi durch den Kopf. Er ging zwei Schritte näher an den Wasserrand heran um besser sehen zu können. Das Leuchten der beiden Punkte wurde nun stärker, nein, intensiver. Wie Phosphat leuchteten sie. „Das Ding lebt. Du lebst ja, du Muschel du," hauchte Eddi ergriffen und streichelte sanft über den Panzer. Doch in dem Augenblick, in dem er mit seiner Hand unter Wasser fuhr, tat es einen schrecklichen Knacks, der bis in die Wälder um Edinburgh herum zu hören war. Vor Schreck setzte sich Eddi auf seinen Hosenboden, rappelte sich schnell wieder hoch, stürmte auf den kleinen Hügel und warf sich in Deckung. Das Krachen verschärfte sich nun und durch die gespreizten Finger vor seinem Gesicht sah Eddi, wie der Panzer, in Richtung der gelben Augen, aufzubrechen begann. Es krachte und splitterte, es gellte und schrie. Eddi wäre am liebsten im Boden versunken, doch was sich da vor seinen Augen abspielte, hielt ihn so in Bann, daß er wie verwurzelt liegenblieb. Der Panzer zerbarst, wie unter großen Druck. Eddi flogen die Krustenteile wie Schrapnellsplitter um die Ohren. Doch plötzlich war es wieder unheimlich still. Einen Moment lang tat sich gar nichts und dann hob sich plötzlich das Ungeheuer von Loch Ness aus dem Wasser. Es war ungeheuer groß, ungefähr einsachtzig schätzte Eddi, hatte bernsteinfarbene Rastahaare, gelbleuchtende Augen, die jedoch nun, als sie aus dem Wasser auftauchten, azurblau wurden. Die Nase war griechisch schön und im Bart hingen Tausende von Mikroperlen. „Whiskey," donnerte es aus dem Bartgestrüpp. „Wo ist der Whiskey." Das Ungeheuer setzte sich langsam, aber mit mächtigen Schritten in Richtung Eddis Hügel in Bewegung, nahm die Steigung mit einem Schritt und baute sich hoch über Eddi auf. „Whiskey," kam wieder die Stimme aus der anderen Welt. „Ich ho...ho..hol ihn," stotterte Eddi und nahm beide Beine in die Hand, um zu dem kleine Boot zu rasen, in dem er immer noch seine Flasche liegen hatte. Er griff sich die Flasche aus dem Boot, machte auf dem Absatz kehrt und rannte den Hügel hinauf. Ohne das Ungeheuer anzusehen, hielt Eddi ihm die Flasche entgegen. Das Ungeheuer nahm sie ihm, fast zärtlich, aus der Hand, strich sich einmal mit der riesigen Hand über den Bart und setzte die Flasche an. Eddi meinte, Schwimmhäute zwischen den Fingern des Ungeheuers gesehen zu haben. Doch was war das überhaupt für ein Ungeheuer? Es hatte zwei Beine. Wie er selbst. Zwei Arme. Wie er selbst. Mund, Nase und Augen und unter den Rastahaaren, die wie aus Tang geflochten schienen, darunter versteckten sich bestimmt auch Ohren. Wie bei ihm. Das Ungeheuer sah aus, wie jeder andere Schotte nach einem langen Whiskeywochenende. Aber Eddi hatte es geangelt. Was war hier los? Wie kam dieser Mann, der da breitbeinig vor ihm stand und liebevoll den Whiskey in seine Kehle laufen ließ, wie kam dieser Mann in eine Muschel auf den Grund von Loch Ness. Wie konnte er da überleben, wo er doch kein Fisch und auch keine Muschel war. „Ich glaube ich sollte doch einmal zum Schulpsychologen gehen," dachte Eddi. „Ich habe doch heute nichts getrunken. Auf jedenfalls nicht mehr, als für einen achtjährigen Schotten gut ist," beruhigte er sich selbst. „Single Malt," kam die dunkle Stimme des Muschelmannes. „Und noch dazu einer aus den Fässern von Mc Nullen." „Sie kennen Mc Nullen?" wisperte Eddi. „Seit hunderten von Jahren. Wie heißt du mein Sohn?" „Mc Nullen," kam es prompt von Eddi und das Ungeheuer fing dröhnend zu lachen an. Sein Lachen riß Großvater Mc Nullen aus dem Schlaf. Er lauschte und rief nach seiner Frau. Doch die war seit zwanzig Jahren tot und nur in seiner Phantasie noch am Leben. Großvater Mc Nullen hatte das Lachen schon oft gehört. Er wußte, wem es gehörte. Dieses Lachen war der Grund, warum er keinen Whiskey trank. Eine schottische Sage berichtet von einem Clanführer im sechzehnten Jahrhundert, der den besten Whiskey des ganzen Königreiches brannte. Dieser Clanführer nahm sich jedoch, liebesblind, eine Hexe aus England zur Frau. Die verbot ihm den Whiskey und trainierte ihn auf Gin. Als sie ihren Mann jedoch eines Tages erwischte, als er heimlich seinen geliebten Whiskey trank, wurde sie so englisch wütend, daß sie ihn mit einer Streitaxt aus Wales erschlug und seine Überreste den Fischen in Loch Ness zum Fraß überließ. Seither gibt es auch keine Fische mehr in diesem See. Die Sage berichtet auch, daß dieser Clanführer sogar noch gelacht hatte, als ihm die englische Hexe den Kopf vom Leib schlug. Er konnte es bis zuletzt nicht glauben, daß ihn, den Schotten, eine englische Frau schlug. Als Großvater Mc Nullen in einem Londoner Krankenhaus seine Verletzungen aus dem ersten Weltkrieg auskurierte, da verliebte er sich in eine englische Krankenschwester und heiratete sie. Damals hatte er die Sage fast vergessen. Aber als seine Frau in der ersten Hochzeitsnacht statt Liebe Gin von ihm verlangte, da kam auch Großvater Mc Nullen ins Grübeln. Nie wieder hat er nach dieser Nacht dem Whiskey gefrönt. Schnell griff er nun in sein geheimes Stuhlversteck, holte eine Flasche Gin heraus und betrank sich sinnlos. Die Sonne war inzwischen hinter Loch Ness versunken und die ersten Sterne funkelten in der klaren Sommernacht. Das Ungeheuer, das ein ganz normaler Schotte war, leckte die letzten Tropfen des edlen Whiskeys aus der Flasche und reichte diese an Eddi zurück. „Danke" sagte er freundlich zu dem staunenden Jungen. Dann verlor sich sein Blick über Loch Ness, in dem sich die letzten Sonnenstrahlen fingen. Er sah plötzlich sehr traurig aus und Eddi meinte, ein kleine Träne im rechten Auge des Ungeheuers zu sehen. „Ich bin Lord Nessi." Eddi erschrak vor dieser Stimme, die nun aus der Tiefe des Sees zu kommen schien. Sie war rauh und doch scharf wie Stahl. Aber es schwang auch Melancholie und Wärme in ihr mit. Es war die Stimme eines Mannes, der viel Leid erfahren hatte und der damit noch nicht fertig war. „Du fragst Dich wohl, kleiner Mc Nullen, was hier geschieht." „Ist doch ganz einfach," sprudelte es aus Eddi heraus. „Ich war beim Angeln, dann biß eine Muschel an und benahm sich wie ein Killerwal, dann brachte ich sie an Land und statt einer Perle waren Sie in der Muschel. Versteht doch jeder. Oder?" „Verstehst du es?" fragte Lord Nessi. „Nein!" kam es prompt und ehrlich von Eddi. Lord Nessi setzte sich auf die Kuppe des kleinen Hügels und begann leise zu erzählen: „Es war einmal ein fröhlicher junger Mann. Er liebte das Leben, seine siebzehn Töchter und am meisten seine wunderschöne Frau. Er lebte hier, ganz in der Nähe von Loch Ness. Loch Ness war ein fischreiches Gewässer und seine Quelle war die Grundlage für den besten Whiskey der britischen Inseln. Kein Ire kam jemals an den Geschmack dieses Whiskey heran. Nun, John Jamison, der gute alte Freund, der kam gefährlich nahe heran. Das Wasser und des Brenners Herz, das ist die Seele eines echten Malts. Was der fröhliche Schotte nicht wußte war, daß seine herrliche Frau ein Geschöpf des Teufels war. Wie seither alle Frauen auf dieser Welt. Sie verbot ihrem Mann den Whiskey und zwang ihn zu Gin. Ein gräßlicher Gedanke. Doch der Schotte ließ sich nicht von seiner Berufung abbringen. Obwohl er den Haß seiner Frau kannte, liebte er sie mit jeder Faser seines Herzens. Er ließ sich sogar von dieser Frau schlagen, was für einen Schotten so gut wie der Tod ist und verzieh ihr, daß sie ihm keinen Sohn gebar. Eines Tages betrank sich der fröhliche Schotte und fuhr, in einer dunklen Nacht, hinaus auf Loch Ness. Er hatte sein Boot mit dem besten Faß Whiskey aus seinem reichen Keller beladen und wollte sich auf dem See zu Tode trinken. Doch guter Whiskey tötet keinen echten Mann. Als der Schotte das merkte, tat er einen großen Schwur. Wenn er diese Nacht überleben sollte, dann wollte er den Rest seines Lebens gegen alle Hexen und Teufelsweiber dieser Welt ankämpfen, solange, bis Gott ein Einsehen hat und dem besten Mann der Welt eine neue Eva aus den Rippen schneidet. Dann leerte er sein Faß bis auf den Grund und fiel rücklings ins Wasser. Bleischwer versank er in den Fluten und wart nie mehr gesehen." „Bis heute," flüsterte Eddi andächtig. „Glaubst du an Märchen, Mc Nullen?" „Seit heute," sagte Eddi atemlos. „Whiskey, warum hast du Whiskey an deine Fliege getan. Weißt du denn nicht, daß nur Whiskey einen toten Schotten wieder zum Leben erweckt? Es ging mir gut da unten. Ich hatte viel Spaß, besonders mit den Welsen. Das sind gute Kämpfer. Warum hast du mich aufgeweckt, Mc Nullen?" „Mein Großvater trinkt Gin." Sagte Eddi tapfer. Er wollte das eigentlich gar nicht sagen, aber er wußte, wie sehr sein Großvater darunter litt. Schon als kleines Kind wollte er Großvater so gerne helfen. Aber wann immer er es versuchte, schien die Großmutter aus dem Bild über dem Kamin springen zu wollen. „Ein Mc Nullen, der Gin trinkt. Das ist also das Geheimnis. Geh nach Hause, kleiner Mc Nullen und bringe deinem Großvater ein kleines Geschenk." Mit einem mächtigen Satz sprang Lord Nessi von der Kuppe ab und hechtete ins Wasser, tauchte unter und war verschwunden. Doch schon wenig später brodelte das Wasser und Lord Nessi schoß aus dem Wasser, drehte einen herrlichen Salto und landete direkt neben Eddi auf der Hügelkuppe. In der Hand hielt er eine muschelverkrustete Whiskeyflasche, die er Eddi überreichte. „Hier, mein Junge. Gib sie deinem Großvater. Er wird verstehen und nie wieder leiden. Sage ihm auch, Lord Nessi ist auf dem Weg nach London. Nun geh, sonst sorgen sich deine Eltern noch um Dich." „Viel Glück," murmelte Eddi und rannte los, schnurstracks nach Hause und in den Wohnraum seines Großvaters. Der lag, halb aus dem Lehnstuhl gefallen und schnarchte in seine Gin Flasche. Eddi versuchte den alten Mann zu wecken, doch es gelang ihm nicht. Mühsam kratzte er die Muscheln von der Flasche und als sie endlich sauber war, entdeckte er, daß sie aus wunderschönem Kristall war. Nessis Single Malt - the finest 1687 - war auf ihr kunstvoll eingraviert. „1687" flüsterte Eddi andachtsvoll und löste vorsichtig den Kristallkorken. Augenblicklich füllte sich das ganze Zimmer mit einem wunderbaren Duft. Herb und doch süß, schwer und leicht zugleich. Wie Nebel zog der Duft in Eddis Nase und machte ihn leicht schwindlig. Großvater Mc Nullen rieb sich verstört die Augen. Kaum war ihm der Duft in die Nase gedrungen erwachte er. Er sah seinen Enkel selig lächelnd auf dem Fußboden sitzen, sah die Flasche in seiner Hand und ahnte, daß heute Weihnachten war. „Was hast du da für eine Flasche," fragte er, völlig nüchtern geworden. „Ein Geschenk." „Von wem," knurrte der Alte. „Von Lord Nessi." Unwillkürlich griff sich Großvater Mc Nullen ans Herz. „Was weißt du von Lord Nessi?" „Nur, daß er kein Ungeheuer ist und daß ich Dir ausrichten soll, er sei nun auf dem Weg nach London." „Hä?" machte der alte Mann nur. „Das soll ich Dir ausrichten und Dir die Flasche geben." Behutsam nahm Großvater Mc Nullen die Flasche in die Hand, hielt sie, wie ein kostbares Schmuckstück, gegen das sanfte Kerzenlicht, führte sie langsam an seine Nase und begann überirdisch zu lächeln. „Er ist auf dem Weg nach London," jauchzte er. „Er ist tatsächlich auf dem Weg nach London." Er drehte sich zu dem Bild seiner Frau über dem Kamin und hielt ihm die Kristallflasche entgegen. Lange saß er so und hielt die Flasche in die Höhe. Da begann das Bild an der Wand plötzlich zu zittern, Schatten huschten über das Gesicht der griesgrämigen alten Frau und schließlich rutschte es von seinem Haken und zerbarst am Granitboden. Der alte Mc Nullen bückte sich, wischte die Scherben zur Seite und hob den Rahmen hoch. „Darf ich vorstellen. Deine Großmutter. Meine geliebte Frau Beth Mc Nullen." Er reichte Eddi ganz zärtlich das Bild und dieser entdeckte nun, daß sich anscheinend unter dem Bild der alten Frau ein zweites versteckt hielt. Es zeigte eine wunderschöne, sanft lächelnde Frau. Aus ihren Augen strahlte so viel Wärme und Zärtlichkeit, daß Eddi ganz warm uns Herz wurde. „Sie ist so schön und.....so gut," wisperte Eddi und sein Großvater nahm das Bild wieder an sich, stellte es in die Mitte des Tisches, so, daß beide es gut sehen konnten, schlurfte zum Schrank und holte zwei edle Whiskeygläser. Andachtsvoll goß er sie aus der Kristallflasche voll, reichte eines seinem achtjährigen Enkel und begann von seiner Frau zu erzählen. Er erzählte von der Frau, die er damals, nach dem Krieg, kennengelernt hatte. Nicht von der Frau, die über dem Kamin hing und über die er seit zwanzig Jahren mit niemandem gesprochen hatte. Er erzählte die ganze Nacht und trank mit seinem Enkel die Whiskeyflasche leer. Als er die letzten beiden Gläser eingeschenkt hatte, stand er auf, hob feierlich sein Glas und sagte: „Auf Lord Nessi. Auf den Mann, der auf dem Weg nach London ist." Er leerte das Glas in einem Zug, ging zu seinem alten Grammophon, drehte an der Kurbel und endlich hörte Eddi die Musik, die er nie hören durfte, weil sein Großvater kategorisch verbot, daß er an den alten Plattenspieler ging. Der greise Mc Nullen, der in dieser Nacht so jung wie vor siebzig Jahren geworden war, ging zum Tisch, verbeugte sich vor dem Foto seiner Frau, nahm das Bild zärtlich in den Arm und begann zu tanzen. Eddi saß am Tisch und sah dem alten jungen Mann zu und hat diese Nacht nie wieder vergessen. In den nächsten Wochen berichteten alle Zeitungen des Landes fast täglich über den Mann, der sich Lord Nessi nannte und auf dem Weg nach London war. Sie berichteten immer nur, daß Lord Nessi wieder in einer Stadt auf dem weiten Weg nach London eingetroffen war. In jeder Stadt ging Lord Nessi direkt zum Stadtpark, stellte sich auf eine kleine Holzkiste und wartete stumm. Da sich die Kunde von seinem Eintreffen schnell herumsprach, füllten sich die Parks sehr rasch. Lord Nessi brachte überall, mit der gleichen Geste, die Menschenmassen zu tödlichem Schweigen und sagte nach einer langen Pause, in der er jeden einzelnen Menschen zu mustern schien, nur einen einzigen Satz: „Ich bin auf dem Weg nach London." Dann stieg er von seiner Kiste und ging aus dem Park, aus der Stadt, seinem nächsten Ziel entgegen. Die ganze Insel rätselte, was Lord Nessi in London wollte. Es hatten sich schon Fanggruppen gebildet. Wissenschaftler rechneten aus, wann Lord Nessi in London eintreffen würde. Am 22. Juli würde das sein. Die Londoner Hotels waren für diesen Tag alle ausgebucht und auch im Umkreis von einhundert Kilometern war kein Zimmer, keine Ritze, keine Decke mehr zu finden. Die Londoner Polizei erlaubte die Errichtung von Zeltstädten in den vielen Parks. Es war eine Stimmung, die zwischen Ratlosigkeit, Euphorie und Angst schwankte. Lord Nessi war auf dem Weg. Er tat niemandem etwas zu Leide, sprach mit niemandem, lächelte nur aus seinen azurblauen Augen und marschierte auf London zu. Er wurde inzwischen von Hubschraubern und Polizei Kolonnen begleitet, um sicher zu stellen, daß er doch nicht nur ein Terrorist war, der irgendwo vor London seine Waffen versteckt hatte, um dann die Königin zu ermorden. Vielen Briten wäre es lieber gewesen, er hätte den Premierminister im Visier, aber die Experten von BBC waren sich einig, wenn überhaupt, müsse es die Königin sein. Großvater Mc Nullen kümmerte die Hysterie nicht. Er wußte, was Lord Nessi vorhatte und war frisch verliebt in seine wunderschöne Frau, mit der er nun allabendlich speiste und danach auch noch ein Tänzchen wagte. Mc Nullen war der glücklichste Mann auf der ganzen Welt. Am 22. Juli traf Lord Nessi tatsächlich in London ein. Er wurde, von einer riesigen Menschenmenge, schon an der Stadtgrenze empfangen und bahnte sich mühsam seinen Weg durch den Jubel der Menschen. Die da jubelten wußten überhaupt nicht, warum sie so euphorisch waren. Doch selbst die Japaner vergaßen an diesem Tag ihre Fotoapparate und schossen kein einziges Bild. Erst viele Jahre später entdeckten die Historiker der Yale University, daß von dem Mann, der sich Lord Nessi nannte, kein einziges Bild existierte. Aus irgend einem unerklärlichen Grund, hatte weder das Fernsehen, noch die Presse jemals Bildmaterial gesammelt. Sämtliche Stationen von Funk und TV waren zwar, mit allen einschlägigen Presseagenturen, bei Lord Nessis Einzug in London vertreten, doch niemand hatte eine Kamera dabei. Um Punkt zwölf Uhr traf Lord Nessi im Hyde Park ein und ging direkt zum Speakers Corner. Dort war eine kleine schwarze Kiste aufgebaut, mit einem Mikrofon davor, das Nessis Stimme in die ganze Welt übertragen sollte. Lord Nessi ging geradewegs auf die Kiste zu, bestieg sie und machte seine, inzwischen berühmte Geste. Augenblicklich verstummte die ganze Menschheit. Atemlose Stille lag über dem Erdball und Lord Nessi blickte in jedes Gesicht. Selbst in Sydney dachten die Menschen, jetzt sieht er gerade mir ins Herz. Was für ein Augenblick. Lord Nessi schloß kurz die Augen, öffnete sie ganz langsam wieder und sagte dann: „Ich bin in London." Sprach's, stieg von der Kiste und machte sich auf den Weg aus der Stadt. Ein Aufschrei ging durch die Welt. Überall fielen sich die Menschen vor Glück in die Arme. Frauen kreischten wie hysterische Popfans. Es war wie die Öffnung des Paradieses. Den ganzen Tag und durch die ganze Nacht wurde weltweit gefeiert und niemand, außer Lord Nessi, wußte warum. Wie ein Lauffeuer ging es um die Welt, daß Lord Nessi London noch nicht verlassen hatte. Hubschrauber hatten entdeckt, daß er sich unter einer Themsebrücke auf eine Bank gesetzt hatte und dort still wartete. Stündlich wurde die Nachricht durchgegeben, daß Lord Nessi immer noch auf seiner Bank an der Themse saß. Die Themse selbst war ein einziges Blumenmeer. Die Leute warfen alles was sie an Blüten finden konnten in den Fluß, um so Lord Nessi zu begrüßen. Es war ein schönes Bild, das niemand festhielt. Am 23. Juli, um zehn Uhr morgens, kam die Nachricht, daß Lord Nessi wieder auf dem Weg. Wie schon am Vortag strömten die Menschen hinter ihm her. Doch heute, an diesem 23. Juli 1987 ging Lord Nessi nicht zum Hyde Park, nein, es zog ihn zum Friedhof von Westminster. Die Welt hielt den Atem an. War dies hier nur ein genialer Scharlatan, der sich mit einem einzigen Satz eine Millionengemeinde erkauft hatte, oder war dies doch ein Mann, der wirklich etwas zu sagen hatte. Als Lord Nessi den Friedhof erreicht hatte, drehte er sich kurz um und machte seine berühmte Geste. Die Menge erstarrte und folgte ihm nicht durch das Friedhofstor. Lord Nessi ging zielstrebig auf ein kleines, sehr, sehr altes Grab zu, bückte sich, um den Staub der Jahrhunderte von der Grabplatte zu wischen und kniete sich vor dem Grab nieder. Auf der Grabplatte stand, in verwitterten Lettern: Gwendolynne Nessi zur Schande verdammt. a.D. 23.Juli 1705 Lange starrte Lord Nessi auf die verblaßte Schrift. Schließlich holte er tief Luft und begann, klar und deutlich, für alle Menschen der Welt hörbar, zu sprechen. Er erzählte den Menschen die Geschichte von seiner Frau Gwendolynne, die ihm heimlich Zauberkräuter verabreichte, um ihn so nur Mädchen zeugen zu lassen. Denn sie haßte jeden Mann der Welt und wollte mit ihren siebzehn Töchtern gegen die Männer der Welt zu Felde ziehen und sie auf immer vernichten. Er erzählte ihnen von seinem Leben auf dem Grund von Loch Ness. Er erzählte ihnen von der Seele des Whiskeys und von seiner heilenden Kraft. Er erzählte von Liebe und Sehnsucht, von Träumen und Utopien. Er erzählte sein Leben, seinen Tod und seine Zukunft. Und ganz am Schluß sagte er: „Und nun muß ich tun, was nur ein Mann tun kann." Lord Nessi drehte sich langsam zum Grab seiner Frau um, hob mit einer einzigen Hand die schwere Platte von dem Grab und stieg, unter dem entsetzten Aufschrei der Menschheit zu seiner Frau hinab. Schon nach wenigen Augenblicken tauchte er wieder aus dem Grab auf und hielt eine Rippe seiner Frau in der Hand. Er schob die Platte wieder auf das Grab, stellte sich auf sie und zog ein dolchartiges Messer hervor. Mit dem Messer machte er sich, dicht unter dem rechten Rippenbogen, einen langen, sauberen Schnitt, zog mit der linken Hand die straffe Haut auseinander und setzte sich die Rippe ein. In allen Ländern der Erde ging ein Aufschrei durch die Frauenwelt. Noch während die Frauen im Todeskampf schrien, sanken sie zu alle zu Boden und hauchten ihr Leben aus. Keine einzige Frau blieb an diesem 23. Juli am Leben. Die Männer standen stumm und fassungslos. Lord Nessi drehte sich ein letztes Mal zum Grab seiner Frau um und sagte zärtlich: „Und trotzdem liebe ich dich." Dann ging Lord Nessi. Er verließ London, verließ England, wanderte über die Grenze nach Schottland und erreichte schon bald Loch Ness. Man hat ihn nie wieder gesehen und kein Mensch sprach seit jener Zeit je wieder über das Ungeheuer von Loch Ness. In jener Nacht, in der Lord Nessi auf immer verschwunden war, wachte Eddi Mc Nullen mitten in der Nacht erschrocken auf. Die Nacht war mild und sternklar und Eddi rieb sich verwundert die immer noch schmerzenden Augen. Er hatte sehr viel um die so plötzlich verstorbene Mutter geweint und auch seine Schulpsychologin vermißte er sehr. Aus der Ferne trug ihm der Wind einen seltsamen Ton zu. Eddi kannte diesen Ton. Es klang genau so, wie an jenem Tag, als er Lord Nessi, den Frauentod geangelt hatte. Der Ton wurde immer intensiver und zog Eddi aus dem Bett und hinaus in Richtung von Loch Ness. Eddi rannte wie noch nie in seinem Leben und erreichte schon bald das Ufer des traurigen Sees. Der Mond spiegelte sich silbrig in den leichten Wellen. Aus der Weite des Sees trieb das kleine Ruderboot sanft auf Eddi zu und legte, wie von Geisterhand geführt, sacht am Ufer an. Wie unter Zwang wollte Eddi das Boot besteigen, doch da bemerkte er ein kleines Bündel, das unter der Sitzbank lag. Vorsichtig, wie um nicht gebissen zu werden, hob er das Bündel aus dem Boot. Es war nicht sehr schwer und doch hatte es ein seltsames Gewicht. Eddi legte das Bündel ins weiche Moos und öffnete es. Vor ihm lag ein, kaum tagealtes, nacktes Baby, das Eddi aus großen Augen ansah. „Ein Babymädchen," flüsterte Eddi ergriffen und streichelte dem Mädchen sanft über das winzige Gesicht. „Hallo, ich bin Eddi Mc Nullen und du wirst Gwendolynne heißen, aber ich werde dich Lynne nennen." Eddi liebte diesen Mädchennamen, seit er erfahren hatte, daß Miss Buttock, seine verstorbene Schulpsychologin, so geheißen hatte. Eddi drückte dem kleinen Mädchen einen zärtlichen Kuß auf die Stirn und erhielt von ihr dafür ein strahlendes Lächeln. Gwendolynne lächelte das gleiche Lächeln sechzehn Jahre später, an dem Tag, als sie Mrs. Eddi Mc Nullen wurde und ihre erste Tochter kam, mit dem gleichen Lächeln, an einem dreiundzwanzigsten Juli zur Welt. 28 Paul saß über drei Wochen lang in Sydney vor dem Computer. Er saß täglich über Dr. Fischers Buch. Er arbeitete an sich, seinem Buch, seinem Leben, seinen Kindern, seinen Beziehungen, seiner Zukunft, seinem Tod. Er saß täglich stundenlang in dem Zimmer und hatte nur sich selbst. Sieben Stunden nur sich selbst. Hin und wieder Dr. Maine, dieses herrliche Abziehbild eines Psychiater. Dieser freundliche Mann, der ihm so selbstlos zuhörte und der ihm täglich neuen Mut machte. Das psychiatrische Gutachten, das Dr. Maine über ihn verfaßte, machte ihn zu einem langweiligen Normalo, der zu allem Überfluß auch noch eine Hete war. Vielleicht sollte er, nach seiner Ankunft in Deutschland, doch seine Idee vom Minderheitenbeauftragten für Heterosexuelle im Bundestag propagieren. Nicht schizoid, schizophren, paranoid, kein Anzeichen auf Geisteskrankheit, inklusive Alkoholismus. Die beiden Ausbrüche von Gewalt waren offensichtlich isolierte Einzelfälle, resultierend aus der Situation. Er mußte nur mit seinem latenten Hang zu Depressionen fertig werden und in Zukunft derartige Streßsituationen, wie damals in Hamburg, vermeiden. Er war sich sicher, daß er das schaffen würde. Als er sich von den Töchtern verabschiedet hatte und langsam den Gang zum Flugzeugeinstieg hinunterging, da straffte er den Rücken, setzte ein breites Lächeln auf und zwinkert der Miniatur Stewardeß von Singapur Airlines aufmunternd zu. Er flog nach Hause. In seine Welt. „Ich bin auf dem Weg," dachte er. „Ich bin endlich auf dem Weg. Nach Hause." Was dieses zu Hause in der Zukunft bringen würde, davon hatte er keine Ahnung. Er wollte nur zurück, um endlich den richtigen Weg zu gehen. Mit Lu, ohne sie, mit den Kindern oder auch ohne sie. Wie hatte seine Schwester Babs immer gesagt: „Seltsam, du verstreust Kinder über die Welt, mit denen du nie zusammen leben wirst." Er sehnte sich nach Lu und dachte an die Nacht, in der er ihr seinen sehnlichsten Wunsch verraten hatte: „Deine Hand halten, wenn ich für immer die Augen schließe." Er wußte nur, er würde Lus Hand halten, beim Abschied. Er würde all die Hände halten, die ihn begleitet hatten. Er würde ruhig abtreten. Er konnte ohne Lu leben, doch er konnte sie nicht aus seinem Leben, aus seiner Liebe, aus seiner Wärme entlassen. Er würde sterben, mit dem Bild der erstaunten Mädchenaugen vor den Augen, diesen erstaunten Augen in ihrer ersten Mövenpicknacht. Diese Augen sagten damals: „Ich bin endlich zu Hause." Und dieses zu Hause wollte er ihr, bis zu seinem Tod, erhalten. Ob mit ihr lebend, oder nicht. Paul verstaute seinen kleinen, schwarzen Teutonenkoffer im Ablagefach, schnallte sich an, nahm die Kopfhörer entgegen, blies die Nackenrolle auf, stellte den Klassikkanal ein und schloß die Augen. Bis zur Landung in Frankfurt hielt er Lus Hand zärtlich umschlossen und plauderte mit seinen Kindern, Kyra, Sean und Alicia über fliegende Hunden, weinende Tiger, Männer aus einer anderen Welt, Frauen von Päpsten, Opernsängerinnen und Leading Ladies die manchmal zu liegenden Ladies wurden. Er erzählte ihnen von Freunden, die Freunde wurden, weil sie ihn tief und innig liebten, ohne ihn zu verspeisen, von Vätern und Müttern, von Omas und Opas und Großmutter und Großvater. Er erzählte von Goldhändlern, die nie erwachsen werden, von Waisenkindern und von Koala Joe. Er erfand die Geschichte von Koko-Kroko, dem Theaterkrokodil, das so himmlische Koloraturen singen konnte und das ganze Flugzeug lachte mit ihnen. Die Stewardessen kümmerten sich rührend um den, anscheinend schlafenden, Mann mit dem kurzgeschorenen Bart und der prächtigen Glatze. Sie ließen ihn wissend in Ruhe. In Frankfurt gelandet weckten sie ihn erst, als alle anderen Passagiere von Bord gegangen waren. Sie weckten ihn mit einem Glas Champagner und die Chefstewardeß überreichte ihm eine Orchidee. Sie verneigten sich vor ihm, wie es nur wahre Asiaten können und lächelten ihn an. „Womit habe ich das verdient?" fragte Paul verblüfft. „Sie haben in Sydney geboarded," zwitscherte die Chefin der fliegenden Orchideen. „Unsere Kolleginnen vom Sydney-Leg haben uns gesagt, wir sollen Sie einfach so lassen, wie Sie da saßen. Das Flugzeug wurde in Singapur nicht gewechselt, drum war das kein Problem, sie nicht von Bord zu schicken." „Danke", sagte Paul, fast gerührt. „Aber trotzdem, ich verstehe nicht ganz." „Wir haben bei uns ein altes, chinesisches Sprichwort," sagte leise ein wunderschönes, junges Flugentenmädchen. „Wenn Gott im Schlaf lächelt, steht die Zeit still und wird frohe Ewigkeit. Sie haben uns allen ein bißchen Ewigkeit geschenkt. Bitte lächeln Sie." Paul konnte gar nicht anders, er mußte lächeln, ein warmes, strahlendes Jungenlächeln. Und die Stewardessen, inklusive ihrer halbmännlichen Kollegen, zückten die Canons und Kodaks und Fujis und es machte SPLASH. Kichernd verneigten sich die Crew von SQ Flight 224 erneut vor Paul und machte eine Gasse für ihn frei. Paul griff sich seinen Koffer aus der Ablage, legte sich den, nun wohl notwendigen, Wintermantel um die Schultern und verließ, immer noch freundlich lächelnd, das Flugzeug. „Wenn Gott lächelt," dachte er, „wenn Gott im Schlaf lächelt." Später erfuhr er, daß Singapur Airlines einen internen Mitarbeiter-wettbewerb laufen hatte: „Das beste Foto eines glücklichen Fluggastes gewinnt." Er sah auf die Uhr und stellte fest, daß er anscheinend volle sechsundzwanzig Stunden seines Lebens verschlafen hatte. Dieses Glück hatte der diensthabende Zollbeamte ganz offensichtlich nicht gehabt. Paul sah sich im Spiegel tief in die Augen, nahm Lu, Anne, Kyra, Alicia, Sean, Babs, Mara und Conny, Iza und Vernon und Gretl und Peter und Steven und seine Mutter samt seinem Vater fest an die Hand und ging, vertrauensvoll, geradeaus. 29 In Deutschland war es immer noch sehr kalt, nicht nur im Freien. Was auch immer Paul versuchte, endlich seinen Sohn wieder zu sehen, es gelang ihm nicht. Lu schwieg eisern und verweigerte jeglichen Kontakt. „Wir waren beide nicht offen und auch nicht leer," dachte Paul oft. „Wir trugen beide Masken. Wir versteckten uns dahinter wie zwei Kinder, die der Wolf nicht finden sollte." Kommunikative Mißverständnisse am laufenden Band. Die starke Lu, dahinter die Schwache. Der geniale Paul, dahinter der Tor. Die geile Lu, dahinter die Erschöpfung. Der zärtliche Paul, dahinter die nackte Gewalt. Die hervorragende Sängerin, dahinter das Stimmchen des Zweifels. Der erfolgreiche Paul, dahinter die panische Lebensangst. Das perfekte Liebespaar, dahinter blanker Haß und Unverständnis für den anderen. Die ewig fröhliche Lu, dahinter tiefe Frustration. Der ewig mürrische Paul, dahinter die Sehnsucht nach Fröhlichkeit. In sein Buch schrieb Paul: „Meine Tür steht weit offen. Für jeden!" Doch was Paul träumte sah ganz anders aus. Er hatte in letzter zeit Angst morgens aufzuwachen und sich an seine wüsten Träume zu erinnern. Deshalb war er wohl auch wieder einmal auf dem Weg nach London. „In Kürze werden wir in London landen," schnurrte es aus den Bordlautsprechern. Das Flugzeug setzte sanft auf der Rollbahn in Heathrow auf. Die Fluggäste drängten zu den Ausgängen und als letzter verließ Paul mit seinem ewig spöttischem Lächeln in den Augenwinkeln, das Flugzeug. Mit bedächtigen Schritten näherte er sich der Paßkontrolle und steckte sich eine Zigarette an. „Rauchen verboten" stand an jeder Säule. Der Zollbeamte öffnete schon zur Rüge den Mund, doch ließ es lieber bleiben. Paul blies ihm den Zigarettenrauch mit einer Selbstverständlichkeit ins Gesicht, die keinen Zweifel offen ließ. Dem Zöllner war klar, dieser Mann hatte das Recht, auch im heiligen Flughafen von London zu rauchen. Wortlos stempelte der Grenzbeamte den Paß ab und ließ den Raucher passieren. Vor dem Flughafen pfiff Paul, immer noch braungebrannt von seinem letzten Australienaufenthalt kurz durch die Zähne nach einem Taxi. Der Mann mit dem spöttischen Lächeln in den Augen und der Zigarette im Mundwinkel, der davon träumte wie eine Mischung zwischen Sean Conery und Richard Burton auszusehen, dieser Mann, der einmal Paul Leber hieß und nie wieder so heißen wollte, oder gar wie dieser sein wollte, dieser Mann ließ sich auf den Beifahrersitz des Taxis fallen und murmelte: „Hendon." Auch im Taxi galt eigentlich Rauchverbot, doch der Fahrer kurbelte einfach sein Fenster herunter und fuhr los. „Es ist kalt," sagte Paul sanft, obwohl er doch Wind und Wetter so sehr liebte und zündete sich eine neue Zigarette an. Er hielt dem Fahrer die Packung unter die Nase und der nahm, wie auf Befehl, das Angebot an, obwohl er doch nach seinem zweiten Herzinfarkt vor zwei Jahren das Rauchen endgültig aufgegeben hatte. Paul reichte dem Taxifahrer freundlich sein Feuerzeug und der Fahrer steckte die Zigarette an. „Kalt," sagte der seltsame Mann, der einmal Paul gewesen war, wieder und der Fahrer kurbelte das Fenster zu. „Musik?" probierte der Fahrer ein Gespräch. „Ich hasse Musik." „Ich auch", entfuhr es dem schweißgebadeten Mann am Steuer. Von nun an verlief die Fahrt ruhig. Der Fahrer, mit dem unenglischen Namen Bill fuhr wie um sein Leben. Erst in Hendon angekommen wagte er wieder eine Frage. „Adresse?" „Biegen sie nach der nächsten Ampel rechts ab." „Da darf ich nicht abbiegen." "Biegen sie ab." Und Bill bog ab. „Die nächste links," kam es vom Beifahrersitz. „Da vorne, an der Ecke können sie mich aussteigen lassen." Bill fuhr an den Bordstein und sah auf sein Taxameter und dann auf den ihn anlächelnden Mann. „Ich hab heute Geburtstag. Ich schenke Ihnen die Fahrt." Der Mann mit dem spöttischen Lächeln in den Augenwinkeln sagte gar nichts. Er griff nur in die Brusttasche, zog einen Hundert Pfundschein heraus und legte ihn auf das Armaturenbrett. „Machen Sie Feierabend," lachte er spöttisch und sprang aus dem Taxi. Bill sah ihm hinterher, wie er mit leicht hochgezogenen Schultern auf ein Apartmenthaus zu ging, zielstrebig einen Klingelknopf betätigte, irgend etwas in die Sprechanlage sagte und im Haus verschwand. Bill konnte, oder wollte nicht los fahren. Er saß in seinem Taxi und wartete auf die Rückkehr dieses Mannes. Er entdeckte, daß dieser seine Zigaretten auf dem Beifahrersitz liegen gelassen hatte und zündete sich wie unter Zwang noch eine an. Wenn seine Frau dahinter käme, würde es wieder endlose Zetereien geben. Das Flurlicht des Apartmenthauses, in dem der Fremde verschwunden war, ging wieder an. Man sah verschwommene Schatten hinter den Scheiben des Treppenhauses und dann kam der Fremde heraus. An seinem Arm hing eine glücklich gackernde alte Dame, so gegen fünfundsiebzig, und war offensichtlich ganz aus dem Häuschen über den Besuch des Fremden. Die beiden gingen zu einem alten Mini Cooper, der im Hof geparkt war. Die alte Dame öffnete das Auto, setzte sich hinter das Steuer und der Mann mit dem Lächeln zwängte sich mühsam auf den Beifahrersitz. Ununterbrochen schwatzend startete die alte Dame das Auto und fuhr los. Sie nahm die Hofausfahrt, ohne nach rechts oder links zu sehen, mit quietschenden Reifen und brauste an Bill's Taxi vorbei. Fast sah es so aus, als hätte der Fremde Bill spöttisch zugewinkt, doch das konnte auch eine Täuschung gewesen sein. Als Bill an diesem Abend nach Hause kam war er betrunken, hatte sogar dicke Zigarren geraucht und auf die fragenden Augen seiner Frau verzog er nur sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen und sagte: „Ich hatte Geburtstag und du hast ihn verpaßt." Er mußte über diesen albernen, unverständlichen Witz so herzlich lachen, daß er einen Hustenanfall bekam. Er hustete und lachte, griff sich ans Herz und war schon tot, bevor er schließlich auf den Boden sank. Mit kreischenden Bremsen hielt der kleine Mini in einer Sackgasse vor einem halb-protzigen Haus. Die alte Dame sprang wie eine siebzehnjährige aus dem Wagen und rannte zur Eingangstür. Sie hatte offensichtlich einen Haustürschlüssel und war schon im Haus, bevor sich der Fremde aus dem Miniwagen geschält hatte. Die Haustür stand offen und man hörte die alte Dame im Inneren laut und fröhlich erzählen. Aus dem Haus kam plötzlich ein ungefähr zweijähriger Junge gestürmt. Er blieb wie angewurzelt vor dem Fremden stehen, verzog die Mundwinkel verschämt nach unten und senkte den Kopf. „Hi, Sohn," sagte Paul, nun ohne spöttisches Lächeln, dafür mit warmer, sanfter Stimme. Und der kleine Knirps hob den Kopf und lächelte Paul mit dem gleichen spöttischen Lächeln in den Augenwinkeln an, das dieser so oft als Waffe benutzte. Dann sprang er an ihm hoch, vergrub den kleinen Kopf in seiner Halsbeuge und sagte, mit seiner seltsam tiefen Kinderstimme: „Mein Daddy da." Paul betrat das Haus nicht. Er wartete mit seinem Sohn auf dem Arm bis Keith, Keith, Lee und die alte Dame zu ihm nach draußen kamen. „Wir sind nicht erfreut," sagte Keith mit dünner Stimme. „Darum geht es auch gar nicht," murmelte Paul. „Hauptsache ich freue mich. Wo ist Lu?" „Sie will dich nicht sehen," räusperte sich Lee. Sie sah einfach zu albern aus, wie sie da in ihrem Pullöverchen und den blond gefärbten Barbydoll Haaren stand. Sie färbte ihre Haare nur für den einen großen, nichtssagenden Mann neben ihr. Für Keith gab sie sich mit zweiundfünfzig dazu her, auf ewig Doris Day mit fünfundzwanzig zu sein. Die alte Dame neben ihr sah mit ihren fünfundsiebzig immer noch besser aus als ihre Tochter. Sie sah überhaupt immer besser aus als ihre Tochter. Doch die wollte das einfach nicht mit ihrem Analytiker besprechen. „Sag ihr, wir fahren nach Cherry Meadow. Alle zusammen." Sagte Paul bestimmt. „Ist er nicht großartig, ist es nicht herrlich," freute sich die alte Dame. „Lu, wir fahren aufs Land. Komm, schnell, wir fahren alle zusammen aufs Land." „Strafe muß sein," sagte der fremde Paul ruhig und öffnete die Tür des großen Citroen, der vor dem Haus stand. „Darf ich bitten." Keith sah seine Frau fragend an, doch die saß schon im Fond. Keith setzte sich hinter das Steuer und die alte Dame nahm neben ihrer Tochter Platz. Paul reichte ihr seinen Sohn ins Wageninnere. Die Haustüre stand immer noch offen er ging nun gemächlich ins Innere. Lange hörte man gar nichts, dann die schrille Stimme Lus: „Nur wenn du mich schlägst." Die drei Erwachsenen im Wagen zuckten zusammen, als man aus dem Haus ein lautes Klatschen hörte. Der kleine Junge lachte nur und sagte: „Mami glücklich." Lu kam aus dem Haus gestürzt, hielt sich die Wange und setzte sich neben ihre Großmutter in den Wagen. „Daddy, er hat es wieder getan. Er hat mich schon wieder...." Sie verstummte, als sie bemerkte, daß alle im Wagen nur ihrem Blick auswichen. Paul, nun wieder spöttisch lächelnd, aus dem Haus und setzte sich neben Keith auf den Beifahrersitz. „Andiamo," sagte er und Keith fuhr los, der hereinbrechenden Dunkelheit entgegen. Die Fahrt verlief wortlos. Der kleine Junge war im Arm der Großmutter eingeschlafen und man hörte nur das Brummen des schweren Motors. Keith liebte Autos. Er träumte von einem Mercedes, doch er war mit seinen fünfzig Jahren immer noch zu geizig, sich den Traum zu erfüllen. Nach ungefähr einer Stunde bog der Citroen von der Hauptstraße ab und holperte an einer Hecke entlang, der Einfahrt von Cherry Meadow entgegen. Der Mond war aufgegangen und warf sein Silberlicht schattenlos auf die Wiesen. Keith bog vorsichtig in die Einfahrt zum Landsitz der Familie ein. Da lag es - Cherry Meadow - das große Haus mit seinen sieben Schlafzimmern und vier Bädern war ein Ausbund an Geschmacklosigkeit, doch es stand auf einem fünfundzwanzig Hektar großen, parkähnlichen Grundstück, mit einem großen Swimmingpool und einem Ententeich. Eigentlich ein Paradies. Abgelegen, einsam und äußerst ruhig, unnachahmlich englisch. Auf Cherry Meadow konnte man machen was man wollte und das wollte der Fremde in dieser Nacht. Die alte Dame war wieder die erste im Haus und flötete: „Ich koche Tee, für jeden und wann immer." Sie ging in die Küche und begann singend und pfeifend Teewasser aufzukochen. Das war alles, was sie in dieser Nacht tun sollte. Tee kochen und in der Küche glücklich sein. Paul trug seinen Sohn ins Kinderzimmer im ersten Stock und legte ihn sanft in das Kinderbett. Als er sich zu ihm hinunter bückte, um ihm einen letzten Kuß zu geben, kicherte der Kleine fröhlich im Schlaf. Er hatte immer noch nicht aufgehört zu lächeln. Zärtlich strich ihm Paul eine Locke aus dem Gesicht und löschte das Licht. Im Wohnzimmer saßen sich, immer noch schweigend, Lu und ihre Eltern gegenüber. Paul zündete sich eine Zigarette an. Er wußte, daß Lus Eltern seine Raucherei haßten. Lu hatte so viel Angst vor ihnen, daß sie ihnen nie gebeichtet hatte, daß auch sie ganz gerne rauchte. „Ich fange mit Lee an," sagte Paul leise." Erzählt euch solange eine Geschichte." Er nahm Lee an der Hand und führte sie ganz ruhig in das Badezimmer neben dem Fernsehraum. Er rückte ihr vor dem großen Spiegel einen Stuhl vor dem Waschbecken zurecht und begann ihr, fast liebevoll, die Haare zu waschen. Seine kräftigen Hände massierten den Schaum, langsam und für Lee sehr genußvoll, in die Kopfhaut ein. Paul spülte den Schaum aus, griff in die Westentasche und holte eine Packung Haarfarbe hervor. Er mischte die Komponenten zusammen, legte eine altes Handtuch um Lees Schultern und begann die Farbe auf ihr Haar aufzutragen. Er arbeitete wortlos und konzentriert. Lee ließ dies alles mit geschlossenen Augen über sich ergehen. Sie wehrte sich nicht, sie saß nur still lächelnd da und ließ das Wunder geschehen. Während der zwanzig Minuten Einwirkzeit saß Paul dann auf der Badewannenkante und rauchte still vor sich hin. Dann spülte er Lees Haare sehr gründlich durch, frottierte sie mit einem frischen Handtuch und griff nach dem Kamm, der im Zahnputzglas stand. Er kämmte Lees Haare glatt, nahm eine goldene Schere zur Hand und begann sein Werk zu vollenden. Schon nach wenigen Minuten waren die langen Barbie Haare auf schicke Länge gekürzt. Der Fremde arbeitete präzise und schnell. Er verstand sein Handwerk offensichtlich. Lee hielt immer noch ihre Augen geschlossen und summte nun fröhlich vor sich hin. Paul vollendete die Prozedur mit dem Föhn. „Vollbracht," sagte Paul und drehte Lee auf ihrem Stuhl ins rechte Licht. Lee öffnete, wie ein kleines Mädchen vor dem Weihnachtsbaum, ganz langsam die Augen. Ihre Hände fuhren, freudig erregt an den Mund, um den aufsteigenden Schrei des Glücks zu dämpfen. Was Lee im Spiegel sah, war eine wunderschöne, zweiundfünzigjährige Frau mit samtweichen, fast ebenholzschwarz glänzenden, sehr weiblich kurz geschnittenen Haaren. Fassungslos und glücklich erstaunt starrte Lee auf ihr neues Spiegelbild. Die Tür zum Badezimmer ging auf und die alte Dame kam mit Tee herein. Sie sah ihre Tochter vor dem Spiegel sitzen und sagte nur: „Wie wunderhübsch du bist. Noch mehr Tee?" Dann ging sie wieder in ihre Küche und trällerte Schlager aus den Zwanzigern. „Danke" flüsterte Lee. „Darf ich schwimmen gehen?" „Solange du willst." Lee sprang auf, fuhr ungeniert aus ihren Hosen und dem Pullöverchen, legte BH und Slip ab und ging quer durch das Wohnzimmer über die Terrasse zum Pool. Keith saß mit offenem Mund und einer Tasse Tee in der Hand auf dem überalterten Sofa und glotzte dumpf hinter seiner neuen Frau her. Der Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel und in seinen Augen standen Tränen. „Du hättest wohl gerne zugesehen," murmelte Paul. „Das darfst du dafür jetzt." „Noch Tee?" flötete es von der Küchentür. „Vielleicht später," antwortete Paul, der nun wieder lächelte. „Lu, es ist Zeit." Lu nickte stumm und begann sich langsam auszuziehen. Sie tat es, wie eine echte Stripperin und selbst in dieser, außergewöhnlich undurchschaubaren Situation schaffte sie es noch, sich dabei selbst im Spiegel zu beobachten. Als Paul dies sah, schüttelte er leise seinen Kopf und dacht nur: „Es muß sein. Ich muß es tun." Zu Keith sagte er: „Willst du mir helfen, Mann der Ehre?" Keith nickte kraftlos. Paul drückte ihm eine Armee- Haarschneidemaschine in die Hand und sagte: „Rasier sie - überall - Kopf - Achsel - Scham. Alles. Laß dir Zeit. Genieß es. Die Messerarbeit mache ich selbst." Keith begann, ohne zu zögern, mit seiner Trauerarbeit. Er rasierte genußvoll und unter leichtem Stöhnen seiner Tochter das Haupthaar ab, fuhr, schon viel frecher, einmal kurz unter die linke und rechte Achselhöhle und fegte dann wie ein Rasenmäher über ihren dunklen, seidigen Venushügel. Er gab sich dieser Arbeit völlig losgelöst hin, ohne daran zu denken, was er tat. Der Fremde saß in der Zwischenzeit bei der alten Dame in der Küche und ließ sich „A pretty Girl is like a Melody" von ihr vorsingen. „Fertig," schrie es strahlend aus dem Wohnzimmer. Paul stand langsam auf, drückte der alten Dame einen Kuß auf die Stirn, ließ warmes Wasser in ein Glas laufen und rieb sich die Hände mit Seife ein. Dann ging er mit dem Glas und einem Rasiermesser zurück ins Wohnzimmer, in dem Lu völlig verzückt im Lotussitz saß und sich mit beiden Händen über den fast kahlen Schädel und die rauhe Scham fuhr: „Geil" schnurrte sie, „das geilste Gefühl der Welt." Paul sprühte ihr warmes Wasser auf Kopf und Scham und fuhr sanft mit seinen seifigen Händen über ihren Kopf und ihre Scham. Sie glühte. Sie lief fast über, als er sie berührte. Ihre Brustwarzen standen steif wie Zinnsoldaten und ihre Schamlippen pulsierten wie nach einem Marathonlauf. Sie war so erregt, daß jede kleinste Berührung sie erschauern ließ. Keith saß auf seinem Sofa, die Hände im Schoß verkrampft, der Speichel lief ihm immer noch in Strömen. Keith sah zu, konnte es nicht fassen und verging in Feuerphantasien. Paul rasierte Lu gänzlich glatt. Als er fertig war, sagte er ihr mitten in die Augen: „Die Nazis schrieben über ein KZ - Jedem das Seine - die französische Resistance rasierte ihre Frauen kahl, wenn sie sich dem Feind hingaben. Dein Vater tat es, weil er sich von dir betrogen fühlt und ich vollende das Stigma, weil du mich für ihn verraten hast." „Ich brauche Liebe. Jetzt. Füll mir den Bauch. Jetzt, bevor ich explodiere," keuchte Lu, fast einem Höhepunkt nahe. Vom Pool hörte man ruhiges Planschen. Lee drehte dort kraftvoll und selbstvergessen ihre Runden. „Noch Tee?" wisperte die alte Dame diskret. „Ja, für Keith, er braucht ihn dringend," sagte Paul. Die alte Dame reichte Keith eine dampfende Tasse und sagte: „Nun sei ein guter Junge und trink nicht zu hastig. Genieße." Kichernd ging sie zurück in ihre Küche. Es war der Abend ihres Triumphes. Sie durfte tun und lassen was sie wollte. Keiner gängelte sie, keiner rügte sie, keiner gab ihr das Gefühl, nutzlos und wertlos zu sein. Sie fühlte sich jung und stark. Heute war ihre Nacht. Noch einmal durfte sie erwachen. Sie fühlte sich stark und lebensfroh und wollte ab sofort mindestens hundert Jahre alt werden. Im Wohnzimmer saß zitternd Keith und schlürfte seinen Tee. Er konnte seinen Blick nicht von der Tochter nehmen, die immer noch im Lotussitz auf dem Teppich saß und an sich herum fingerte. „Es ist deine Nacht, Keith," sagte Paul mit einem gefährlichen Ton in der Stimme. Da war nichts sanftes mehr. Da gab es keinen Spott. Seine Augen waren farblos und leer. Nur wer genau hinsah konnte sehen, daß sie tot waren. Tot vor Trauer. „Du darfst es, Keith. Du hast meine Erlaubnis. Nimm sie dir." sagte Paul und sah aus den Augenwinkeln, wie sich Lu auf dem Boden legte und weit auseinander spreizte. Keith fuhr sich einmal mit der Zunge über die trockenen Lippen und öffnete seinen Gürtel. Wie abwesend zog er den Reißverschluß seiner Hose auf und grinsend, wie ein Sonderschüler, zog er seinen Penis aus der Unterhose. Er stürzte sich ohne Vorwarnung auf seine Tochter, die ihn mit einem, fast tierisch anmutenden Lustschrei empfing. Paul stieg langsam die Treppe zum ersten Stock empor und ging in das Zimmer seines Sohnes. Vorsichtig hob er den Kleinen aus seinem Bettchen. Das Kind erwachte trotzdem und rieb sich quengelig die Augen. Doch als er seinen Vater erkannte, lächelte er ihn spitzbübisch an und biß ihn sanft in die Nase. Paul trug seine Sohn nach unten zu der alten Dame in die Küche. „Es ist nun Zeit für uns," sagte er leise. „Noch eine Tasse mit auf den Weg?" fragte fröhlich die alte Dame. „Nein, es ist spät, wir müssen los. Ich danke dir, für dein Vertrauen." „Du hast mir nichts zu danken. Ich danke dir. Du hast meinen Glauben an die Liebe bestätigt. Dafür hat es sich gelohnt, zu leben." „Ich habe deinen Glauben bestätigt? Wodurch?" fragte Paul fassungslos. „Du gibst nicht auf. Du läßt nicht nach. Nie. Du gehst bis an die Grenzen und überschreitest sie. Das ist Liebe." Paul und die alte Dame sahen sich lange still an. Ganz langsam schlich sich ein Lächeln in ihre Augen. Kein spöttisches, sondern ein sehr warmes. Die beiden Seelenverwandten sahen sich sehr lange an und lächelten. Dann nickten sie sich zu und Paul ging grußlos mit seinem Sohn aus dem Haus. Er wanderte zum Pool hinauf, in dem Lee immer noch völlig losgelöst ihre Runden drehte. Sie sah Paul mit seinem Sohn am Eingang stehen und winkte ihnen fröhlich zu. Der Kleine winkte zurück und legte den Kopf an die Schulter seines Vaters. Dann gingen der große und der kleine Mann gemeinsam zu dem alten Citroen. Paul schnallte das Kind auf dem Beifahrersitz fest und setzte sich hinter das Steuer. Er ließ den Motor an und legte den Gang ein. Der Kies spritzte als er die Auffahrt hinunter fuhr. Der Mond hatte sich hinter einer Wolke geparkt und so tanzten die Mücken nur im Scheinwerferlicht. Die Nacht war lau und früher Morgentau wehte durch das geöffnete Wagenfenster. An der Einfahrt stoppte Paul noch einmal kurz. Es war still, nur die lauten, lustverzückten Schreie aus dem Haus verzierten die dunkle Nacht. Da bekam nun Lu endlich das von ihrem Vater, was sie ihr Leben lang mit Liebe verwechselt hatte: Sex. „Eines Tages müssen wir uns ernsthaft über die Liebe unterhalten," sagte Paul zu seinem Sohn. „Liebe" buchstabierte der Kleine verschlafen. „Liebe Daddy, liebe Mami, liebe Gnom." Paul mußte lachen. Sein Sohn konnte seinen Namen nicht richtig aussprechen und nannte sich deshalb Gnom. Wenn er nur wüßte, was ein Gnom ist. Ganz bestimmt nicht dieses Sonnenkind. „Weißt du was wir jetzt machen?" fragte Paul seinen fast schlafenden Sohn. „Heim," murmelte Gnom und rutschte mit seinem Kopf in den Arm seines Vaters. „Heim" wiederholte Paul. „Genau, das machen wir. Wir fahren heim." In Heathrow stellte Paul den Wagen in der Langzeitgarage ab. Mit dickem, roten Filzstift schrieb er: „Ich bin ein Mercedes" auf die Kühlerhaube und ließ den Schlüssel einfach stecken. Er nahm seinen Sohn auf die Schultern, hängte sich die kleine Reisetasche um, die sein einzig notwendiges Gepäck geworden war und ging zur Paßkontrolle. Der Zöllner sah den Fremden mit dem kleinen, strahlenden Jungen huckepack und legte sich eine Rüge zurecht. Er hatte einen schlaflose Nacht gehabt und mit seinem Schicksal gehadert. Er als Oberzöllneranwärter war nicht Manns genug, einem schnöden Fluggast das Rauchen zu verbieten. Er hatte deshalb sogar seine Mutter in Manchester aus dem Bett geklingelt. Die konnte ihm aber auch keine plausible Antwort geben. Und da kam er nun schon wieder. Mit Kind. Das würde schwierig werden, denn Männer mit kleinen Kindern mußten bevorzugt behandelt werden. Paul reichte ihm zwei Pässe, die sich der Beamte stumm betrachtete. Er verglich die Namen, die Paßbilder, musterte, wie er meinte, äußerst streng und durchdringend Paul von oben bis unten und gab die Pässe wortlos zurück. „Übrigens, danke für ihr Verständnis gestern," sagte Paul. „Ich war vielleicht ein bißchen nervös. Hier, schenk ich Ihnen." Und er reichte dem verblüfften Zollbeamten eine halbe Stange Silkcut. „Ich bin nämlich Nichtraucher und rauche nur in England," grunzte Paul mit diebischem Vergnügen und war schon um die Ecke verschwunden. „Ich bin auch Nichtraucher und wir dürfen nichts annehmen," flüsterte der Beamte. Doch Paul war längst im Getümmel auf nimmer Wiedersehen verschwunden. „Sie wissen doch, daß hier Rauchverbot herrscht, Patrick!" raunzte die Stimme seines Vorgesetzten. „Das Gift ist konfisziert." Wie eine Tarantel schoß die Hand des Noch-Oberzöllners auf die halbe Stange Zigaretten zu und klemmte sie sich unter den Arm. „Das wird ein Dienstvermerk, Patrick," knurrte der Ex-Obergefreite, der es im Standort Bielefeld nur zu einer ehrlosen Entlassung aus der Armee wegen anhaltender, therapieresistenter Dummheit gebracht hatte. Mit dem federnden Schritt der professionellen Totmacher eilte er davon. „Ich hasse meine Mutter" dachte Patrick und winkte sich den nächsten Fluggast an den Schalter, während im Langzeitparkhaus die schnellsten Diebe Londons einem Citroen, der gerne ein Mercedes gewesen wäre, alle vier Reifen abmontierten. Den Wagen selber wollten sie nicht. Der war ihnen zu wertlos. Als Paul schweißgebadet aus diesem Traum erwachte, rannte er ins Bad, ließ sich eiskaltes Wasser über Gesicht, Nacken und Hände laufen und brüllte immer wieder: „Du bist krank, völlig krank, Paul. Geh zum Arzt." Er trocknete sich Gesicht und Hände und als er in den Spiegel sah, konnte er den Anblick nicht fassen. Er sah einen fröhlich lachenden Paul. Die Augen sprühten und in den Augenwinkeln saß dieser diebische Schalk. Er lachte zum ersten Mal seit Monaten. Und er mochte dieses Lachen. Da diese Nacht für ihn ja nun zu Ende war, setzte er sich an den Computer und schrieb den Traum nieder. Wort für Wort unter dem Titel: 'Die Abrechnung.' Als Paul am nächsten morgen seine Hauswirtin beim Brötchen holen traf, meinte diese: „ Sie waren ja letzte Nacht sehr fröhlich." „Tut mir leid, Frau Wiedemann. Habe ich sehr gestört?" entschuldigte sich Paul. „Nein, nein. Gestört überhaupt nicht. Sie wissen doch: Es ist schön wenn bei uns im Haus gelacht wird." 30 Paul war immer stolz auf sein großes Vertrauen. Wenn er einmal jemandem vertraute, durfte dieser ihn in den Dreck werfen wie er wollte. So kam es auch zu dem unfairen Krach in Meiningen. Paul vertraute dem Intendanten sehr. Dieser war einmal in Bielefeld sein Regieassistent gewesen. Er war über Jugoslawien aus der DDR geflohen und landetet in Bielefeld. Wenig später wurde er Chefdramaturg in Kassel und schon sehr bald darauf Intendant in Meiningen, diesem Unikum in der Theaterlandschaft. In einer Stadt mit fünfundzwanzigtausend Einwohnern steht dort ein herrliches, altes Theater mit siebenhundertfünfzig Plätzen. Schon im ersten Jahr der Intendanz von Uli Burkhard, inszenierte Paul dort 'Gefährliche Liebschaften' und wurde mit dieser Inszenierung zum beliebten Dauergast. In Meiningen fühlte er sich immer wohl. Das war ein Theater und eine Atmosphäre nach seinem Geschmack. Er inszeniert sehr viel in Meiningen und schließlich durfte er sogar sein eigenes Musical „Müllers Büro" in Meiningen uraufführen. Doch diese Produktion war auch das Ende. Uli hatte Paul immer wieder einen Köder vor die Nase gehalten, um ihn dazu zu bewegen, weiterhin in Meiningen zu bleiben. Zuerst bot er ihm die Stelle des Musiktheater Direktors an, doch schon bald wurde klar, daß diese Stelle gar nicht frei wurde. Danach sollte es dann der Schauspiel Direktor werden. April, April. Zum Schluß einigten sich die beiden auf die Funktion des Chefdramaturgen mit Regieverpflichtung. Paul war überglücklich. Diese Position würde ihn endlich von der Straße holen und wahrscheinlich auch beruflich sehr viel weiter bringen. April, April. Als der Vertrag unterschrieben werden sollte, zog Uli ihn einfach zurück und sagte: „Du wirst stellvertretender Schauspiel- und Musiktheater Direktor." Paul verfiel an jenem Tag in großes Schweigen. Sein Vertrauen in einen Menschen wurde noch nie so tief verletzt wie an jenem Tag. Selbstverständlich war die Stimmung nach diesem Gespräch auf dem Nullpunkt und die Proben zu Müllers Büro verliefen äußerst zäh. Es gab pfundweise Probleme und Paul sah einfach nicht mehr ein, warum er in Meiningen noch irgend jemanden schonen sollte. Er deckte alle Fehler auf, die er nur finden konnte und stellte sie lautstark an den Pranger. Doch als bei der ersten Hauptrobe völlig andere Kostüme auftauchten, als die besprochenen, riß Paul endgültig der Geduldsfaden. Er ging hoch wie ein Rakete und auf die lapidare Antwort des Kostümbildners: „Ich hab's mir halt anders überlegt," war der Skandal perfekt. Am nächsten Morgen erhielt Paul Hausverbot, der Herr Intendant stand breitbeinig in der Pfortentür und wartete bis dieser „Feind" endlich vom Hof gefahren war. Eine große Freundschaft war zu Ende und Paul trug sein Vertrauen zu Grabe. Die einzige, positive Triebfeder seines Lebens, sein Vertrauen, hatte den Geist aufgegeben. Seit jenem Tag war Paul nur noch mißtrauisch, auch seiner Frau gegenüber. Er konnte an nichts mehr glauben, auch nicht mehr an die Liebe seiner Frau zu ihm. Er nörgelte, geiferte, verfiel erstmalig in eine Depression, zerpflückte mit Genuß jeden Ansatz von Vertrauen und wurde eine säuerlicher, unfroher, nörgelnder Mensch. Doch das sah er nicht bei sich, sondern bei Lu. Für ihn begann sie seit jenem Tag zu nörgeln und zu zweifeln und zu hetzen und zu vernichten. Paul erkannte nicht, daß er nur in seinen eigenen Spiegel sah. Vertrauen - es ist noch da, es hält nur einen langen Winterschlaf. Verwandtschaft - im wahrsten Sinne des Wortes. Verwandtschaft im Geiste, Verwandtschaft in Träumen, Verwandtschaft in Liebe, Geschmack, Zuneigung und Lebenslust. Erkennen daß es sich gut anfühlt wenn man entdeckt, daß hier eine gute Entwicklung voran schreitet. Endlich der zu sein, der man sein möchte. Akzeptieren wer man wirklich ist. Geduld erlernen und sie dann in allen Lebenslagen haben. Geduld auch mit sich selbst. Zeit nützen und nicht vergeuden. Zeit nehmen für das Wichtige. Zeit ist Geld. Nein. Zeit ist Ruhe. Und Verwandtschaft forderte Paul nun auch mit sich selbst. Jetzt wußte er plötzlich, wohin der 'Weinende Tiger' gehörte. Zu seinen inneren Verwandten. Bei einem seiner vielen Besuche in Hamburg zeigte er Vernon das dichterische Ergebnis seiner Australienreise. Vernon nahm sich den Text vor und schrieb eine Spontanmelodie. Stundenlang saßen die beiden am Klavier und probierten den neuen Song. Eines Abends, Freunde waren zum indischen Essen gekommen, traute sich Paul, das neue Lied erstmals vor Publikum zu singen. The crying Tiger There was a tiger, young and strong, full of excitement may come what come. He was a dreamer of some kind, he had illusions on his mind, he saw himself as king of clouds, he was a bear fishing trouts, he had his hope flying high in the wind, he was the rope tying down seagulls wings, he was the knight who fought the night, he was the kite which flew out of sight, he was a baby and a man, he was a killer with no frame to name his fear. He was in love with spicy food, he wished to be wise like a Drood, and know about the stars and God, be wise about the futures fraud, he screamed and yelled was full of joy, he thought the world was his own toy to play and fool around as he pleased. There was a tiger in that tiger who whispered nasty little words of anger. There was a lion within him, who knocked him out with his fearless grin. The tiger sat in one stary night he just sat down and cried. The birds, they laughed when they saw this, from now on they would give the crying tiger a miss. He sat and cried, but in spite of fear he discovered that he was as powerful to be always here. Paul sang dann auch noch 'Love is' und Vernon improvisierte dazu am Klavier. Am Schluß stand Vernon vom Klavier auf und umarmte Paul. Niemand klatschte, aber alle hatten verstanden. 31 „Wir passen sexuell so genial zusammen," stöhnte Lu häufig. Wie der Handschuh zur Hand. Wie der Schlüssel ins Schlüsselloch. In seiner Beziehung zu Lu, hatte Paul auch endlich seine sexuelle Kraft gefunden. Die beiden machten Liebe mit einer Intensität, die unwahrscheinlich war. Er war sich sicher, daß einem so etwas nur einmal im Leben vergönnt ist. Doch während sie sich liebten, hatten sie vergessen ihre Beziehung zu pflegen. Statt dessen hängte er ihr große Spiegel ins Schlafzimmer, damit sie sich auch noch beim Liebesakt betrachten konnte - nein, ihn sah sie selten, meist nur sich. Sie liebte ihr Spiegelbild, aber nicht seines. In Ebermergen war es schrecklich still. Einsam und leer. Die große Wohnung erschlug Paul. Und doch hielt er das Alleinsein aus, wohl eher durch. Immer wieder hämmerte er sich ein: „Erst sich selbst lieben, um dann wirklich lieben zu können." Das galt nun für Lu und auch Paul. Beide mußten sie lernen, sich selbst zu akzeptieren und so auch zu lieben. Liebe zulassen. Sie erkennen zur rechten Zeit. Lieben mit dem Kopf und dem Herzen in harmonischer Balance. Wärme. Doch zu diesem Zeitpunkt entdeckte Paul keinen Funken Wärme in seiner Frau. Es war, als hätte sie alle Möglichkeiten, Wärme zu erzeugen, hinter die Mauern ihres Tiefkühlhauses verbannt. Einmal in der Woche raste er nach Hamburg, zu Vernon. Er wollte seinen Sohn sehen. Doch Lu ließ das nicht zu. Wochenlang. In Hamburg saß auch Mascha. Wartend. Was wollte sie? Wieder einmal Rollenfutter aus ihm machen, wie damals in Nürnberg. Sie bereitete sich gerade auf zwei Rollen vor, die sie im Sommer in Wunsiedel spielen sollte. Als Paul die beiden Stücke las, wußte er, daß sie ihn wieder benutzte, um näher an die Figuren heran zu finden. Doch diesmal machte ihm das nichts aus. Denn er kannte das Spiel. Und so brach er den Schwur, nie wieder einen Brief an eine Frau zu schreiben. Doch der Ausdruck in den Augen der Möwe aus Nürnberg, beim Abschied, vor wenigen Tagen in Hamburg, dieser Ausdruck zwang ihn geradezu dazu. Ebermergen - 15-3-96 Liebe, jetzt tu ich's doch und zwinge Dich ins Joch - sagt man bei uns daheim. Der Ausdruck in Deinen Augen hat mich erschreckt - da war plötzlich Zweifel. Das hat sehr weh getan. Ich versichere Dir - ich habe Dich niemals mit Dreck beworfen - ich habe Dich nie für meine Zwecke benützt - ich habe nicht schlecht von Dir geredet - nichts über Dich, oder uns gesagt, erzählt, fabuliert, ausgedacht oder gar gelogen. Was Menschen - sollte man dieses Gesocks überhaupt so nennen dürfen - was also diese Aasgeier auf Gottes herrlichem Acker zu suchen haben, bleibt rätselhaft. Hier wird aus allen zur Verfügung stehenden Körperöffnungen gelogen, gedemütigt, mit Jauche geworfen, verunglimpft, verleumdet, verraten und verkauft. Eines Tages wirst Du mein Buch lesen - es ist die reine Wahrheit. Darin ist nichts erfunden, die Sprache ist aufrichtig und manchmal gewaltig. Die Phantasien und Märchen sind teils erlebt, teils gealpträumt, aber wahr. Die Gefühle sind groß, so groß wie sie eben nur in meinem Leben sein können. Du willst wissen, was zwischen uns passierte? Am Samstag schon? Ich hatte Angst vor mir. Ich wußte nicht, wie es mir ergehen würde. Und als ich dann nackt neben Dir lag - da wurde mir so viel klar. Mein - verwenden wir nun einmal die Lieblingssprache der Vasallen um mein Weib herum - mein Schwanz reagierte - das ist das Drama der Männer. Mein Herz reagierte jedoch nicht. Und ich habe mein Leben lang noch nie herzlose Erregung zugelassen. Ich will es auch nicht in Zukunft. Deshalb lag ich so regungslos, nackt neben Dir und habe, zum ersten Mal in meinem Leben, meinem Verlangen nicht nachgegeben. Ich weiß, ich habe Dich als Frau damit beleidigt. Ich habe in jener Nacht begriffen, was mein Pfahl im Fleisch, was Lu mir angetan hat. Sie versetzt mich in Angst und Schrecken, vor dem Verlust meines großen Vertrauens. Ich habe bisher mein Leben ohne Verachtung überlebt. Ich habe geliebt und manchmal für kurze Zeit auch gehaßt. Doch niemals sehr lange, ein paar Stunden vielleicht, dann siegte mein Vertrauen, meine Zuneigung und mein Glaube an Menschen. So mußte ich niemals verachten. Du sagst ja selbst - vor einem hast Du Angst - vor meiner Verachtung. Sei beruhigt, ich werde Dich nie verachten, denn dafür hat mein Herz einmal zu laut ja zu Dir gesagt. Du stimmst mich traurig, wenn Du mir Dein Vertrauen entziehst. Doch ich sehe es ein, daß es nun so sein muß und Du Dich schützen willst. Warum ich diese Frau so sehr liebe? Ich will Dir ehrlich sagen, warum: Sie hat in mir eine Saite zum Klingen gebracht, die ich verschüttet glaubte. Mein Leben war jahrelang gebaut auf Disziplin, Verantwortung, Schutz und Unterhalt. Ich war der Felsen an den sich jeder lehnen durfte. Ich trug, wie Atlas, jede Last und wurde todmüde dabei. Der Fels war lange schon porös, doch der blinde Alltag sah das nicht, wollte es nicht sehen. Dann kam diese Frau, so männlich stark. So autark wie ich es einmal war. So vom Leben und dem Schicksal gebeutelt. So hart am Rand der Selbstzerstörung und doch so tief im Glauben an ein mögliches Glück verwurzelt. Einmal sah ich in ihren Augen diese Sehnsucht. Einmal ließ sie mich ganz in sich hinein. Einmal durfte ich verwundert durch ihre Seele wandern und erlebte staunend mein Alter Ego. Einmal und ich war endlich zu Hause. Unerschütterlich war meine Liebe. Bedroht von meiner Angst sie zu verlieren. Ich hatte vom ersten Tag an Furcht, daß dieses Wunder nicht mir gelten konnte. Vielleicht hat sie mir zu viel vorgespielt. Vielleicht sagte sie auch stets die Wahrheit. Weißt du, wann sie anfing sich von mir zu lösen? Am Tag der Geburt von Sean. Wir kamen aus dem Krankenhaus schon nach vier Stunden nach Hause. Am Abend legten wir uns, gemeinsam mit unserem neugeborenen Sohn, ins Bett. Er lag zwischen uns und doch sehr nah bei ihr. Er konnte sich nicht beruhigen in ihrem Arm und schlief nicht ein. Da nahm ich ihn zu mir, legte ihn an meinen Bauch und schützend den Arm um ihn und er schlief so, die ganze Nacht. Seither ist sie mir aus tiefster Seele böse. Ich habe die Zeichen nur nicht erkannt. Für mich war es kein egoistisches Besitzergreifen meines Sohnes, für mich war es nur der Hinweis, daß wir gemeinsam dieses Kind beschützen können. Daß ich als Mann auch Mutter sein kann, ohne meinen Stolz zu verlieren. Ich glaube, sie verbiß sich damals in einen ungeahnten Neid. Ich war zu dumm es zu sehen. Warum ich sie so liebe? Weil sie der Fels sein konnte. Weil ich mich anlehnen konnte ohne Mißtrauen. Weil ich so weiblich sein durfte, wie ich wollte. Weil sie mich zum potenten Liebhaber machte und so mein Selbstvertrauen endlich wachsen ließ. Warum ich sie immer lieben werde? Weil sie einen ganzen Menschen aus mir gemacht hat. Der Mann der sie geschlagen hat, das war nicht ich. Das war ein verzweifelter, ohnmächtiger Riese. Sie hat mich in jener Nacht mit Eiseskälte und Worten erschlagen. Sie hat kalkuliert provoziert, um gehen zu können. Sie hat mich lebendig begraben, erstickte mich mit ihrem Zorn, verriet mich mit ihrem Haß, vergiftete mein Vertrauen mit ihrer Lüge von Liebe. Ja, ich habe sie geschlagen und ich würde es wieder tun, ließe ich eine solche Situation noch einmal in mein Leben. Meine Arbeit zielt darauf, dies nie wieder zuzulassen. Lieber entferne ich mich vorher. Lieber verreise ich in mich selbst, bevor ich Gott noch einmal vor die Füße spucke. Nennen wir Dich einmal Meroe - die Geliebte Pentesileas - die ihr doch nicht helfen konnte. Freunde sind erst dann Freunde, wenn sie freundschaftlich verbunden bleiben, obwohl sie beide Seiten kennen und auch glauben. Du fragst, ob ich weiß, warum Lu mich verlassen hat? Ja, ich weiß es. Nicht, weil ich ihr eine einzige Ohrfeige gegeben habe, da sie den einzigen Menschen, zu dem ich jemals aufrichtig „Mutter" sagen konnte, weil sie die Gretl in schamloser Weise beleidigt hat. Nicht weil ich seit dem Anfang unserer Beziehung ihre Aggressionen und ihre Schläge zugelassen habe. Wie stolz war Lu doch, als sie ihrer Mutter berichtete: „Ich habe meinen Regisseur geschlagen." Da waren wir noch gar nicht zusammen. Nicht weil ich sie in der Nacht vom 6. auf den 7. Februar zum zweiten und letzten Mal, auf ihren eigenen Wunsch hin, geschlagen habe. Die panische Angst vor dem Vater, vor dem gebrochenen Versprechen das sie ihm gegeben hatte, diese Angst war ihr wichtiger als Sean und ich. Sie ließ sich schlagen, ohne Gegenwehr, ohne sich zu schützen, ohne um Hilfe zu schreien, ohne das Zimmer zu verlassen und zu den Freunden im Nebenzimmer zu flüchten. Nur so konnte sie endlich einen triftigen Grund nennen, um zu gehen. Der Trick mit dem Alkoholiker war fehlgeschlagen, der Trick mit der Schizophrenie hatte nicht funktioniert, nicht einmal ihre Verweigerung, den australischen Töchtern gegenüber, brachte mich dazu, sie zu verlassen. Nicht einmal ihre rohe Kälte, als sie in der Garderobe saß und ich zusammengebrochen war, nicht einmal ihr Satz: Hoffentlich stirbt er! brachte mich dazu, sie aus meinem Leben zu schneiden. Nichts von dem was Lu mir antat und antut, hat meine Liebe zu ihr jemals besiegt. Lu werde ich immer lieben. Verrückt, aber wunderbar wahr. Ihr zu verzeihen, fällt mir nicht schwer. Warum? Liebe! Sie wollte weg, seit langer Zeit. Als kein Argument ihr einen Anlaß gab, zu gehen, griff sie zum fürchterlichsten Mittel. Gewalt. Gegen mich, vor den Kindern, gegen sich selbst, vor den Kindern. Rohe, nackte Gewalt. Nein, es mußte Gewalt sein. Ich wußte das und machte mich betrunken, um den Schmerz dieser Erkenntnis nicht bei Bewußtsein ertragen zu müssen. Ich schlug sie, um sie aus ihrer Ohnmacht und Hilflosigkeit zu befreien. Ich schlug sie und wußte sehr wohl, daß ich mich damit selbst ermordete. Mein Sohn war in meiner Gegenwart nie krank. Wenn Lu ankam, dann verschlug es ihm den Atem. Ihre Aggression, ihre Wut auf dieses minderwertige Leben, das sie mit uns zu führen hatte, ihre Ohnmacht, den Sohn nicht zu ertragen, die Verantwortung nicht übernehmen zu können und zu wollen, die hat ihm den Atem verschlagen. Bei mir war er immer fröhlich und ruhig. Er war ja auch die meiste Zeit bei mir. Wenn sie heute behauptet, sie wäre von Anfang an alleinig für die Erziehung und Pflege des Sohnes und den gesamten Haushalt zuständig gewesen, dann müßte sie erst einmal ihren Terminkalender überprüfen, Gretl und mich der Lüge überführen und ihre Putzfrau kündigen. Wenn sie heute behauptet, ich sei neidisch auf ihre beruflichen Erfolge gewesen, dann müßte sie erst einmal zusammenrechnen, was sie denn eigentlich in den letzten drei Jahren beruflich gemacht hat. Ihre beruflichen Erfolge fußen auf meinen Bemühungen, ihre Karriere tatsächlich und dauerhaft in Gang zu bringen und ihr ein zweites Standbein in der Choreographie zu ermöglichen. Lu hat in den letzten drei Jahren Two by Two, Nonnsense, King and I, Zombie Ball und Falsettos und Hair als Darstellerin mit mir gemacht. Sie hat Jesus Christ, West Side Story, Liebesperlen, Nonnsense, Hair, Zombie Ball für mich choreographiert. Was machte sie alleine? Sie war Zweitbesetzung Maria Magdalena in Bielefeld, sprang für zehn Vorstellungen in Nonnsense Zwei ein und erschöpfte sich total mit Beehive. Das war's dann. Meine Schuld? Nein. Sie bekam keine Engagements, weil sie zu gierig war und das hört man beim Vorsingen. Falsettos wurde ausschließlich für sie gemacht. Es sollte ihr fabelhaftes Debüt in Hamburg werden. Daß sie sich gegen mich entschieden hat, als Produzentin, Hauptdarstellerin, Choreographin, Mutter unseres Sohnes, Stiefmutter meiner Töchter und Ehefrau, ist ihrer Hilflosigkeit, Erschöpfung und Arroganz zuzuschreiben. Sie sollte erst einmal lernen, das Wort Karriere zu buchstabieren und zu begreifen, daß man nur mit Sucht, Gier, Geilheit und egomaner Eitelkeit keine Karriere machen wird. Herz braucht man dazu - ein Begriff, der leider im Wortschatz dieser Pentisilea fehlt. Achilles war der Amazone so verfallen wie ich. Doch Achilles ist tot: „Sie reißt ihm die Zähne in die Brust" berichtet Meroe. Ich bin und war nie Achilles. Ich bin sein Bruder, der lebt und ihn rächen wird. Meine Fersen sind stahlgeschient und mein Ahornblatt ist aus Platin. Kein Hagen, weiblich oder männlich, wird mich je entmannen. Warum sie mich verlassen hat? Weil sie entdecken mußte, daß ich nicht der Vater bin, der ihr die verlorene Liebe der Kindheit wiedergibt. Weil sie entdecken mußte, daß ich nicht der Mann bin, der Tag ein Tag aus der Fels in der Brandung ist. Weil sie in mir die Summe ihrer eigenen Fehler erkannte. Weil sie ihr Spiegelbild vergötterte und dabei mich nicht mehr sah. Sie trieb Geschlechtsverkehr mit sich selbst. Sie vögelte ihr Spiegelbild. Weil sie als Frau der bessere Mann ist. Weil sie einen Großvater hatte, der sich Don Kenito del Minstral nannte, obwohl er Keneth Bennett hieß. Weil sie sich brasilianisches Zigeunerblut andichtete und mit mir feststellen mußte, daß sie nur eine streunende Katze ist, die mit Brasilien und schon gar nicht Zigeunern etwas zu tun hat. Weil sie mit all den Verletzungen ihrer Kindheit und Jugend nicht umgehen konnte. Weil ich ihre Taubheit bewunderte, weil ich ihr künstliches Knie beschützte, weil ich für sie atmete wenn sie Asthma hatte, weil ich ihr, trotz Gebährmuttermundkrebs einen Sohn schenkte, weil ich sie auf mir reiten ließ, um ihre eingeschränkte Lungenkapazität zu schonen, weil ich ihren Selbstmordversuch glaubte, weil ich ihr den Kokainmißbrauch nicht verzieh, weil ich ihre Haschkekse verschmähte, weil ich nicht tanze, weil ich ihr den One night Stand, der dann fünf Jahre blieb und von dem sie behauptet, ihn nie geliebt zu haben, obwohl ihre Aufzeichnungen vor wahnwitzigen Liebeserklärungen an ihn überquellen, weil ich diesen Proleten, der mir die Eier abschneiden und die Fresse zerschlagen will, der mich kleinschwanzig und drittklassig nennt, weil ich ihr diesen Mann, der so dumm wie ihr Vater ist, nie abkaufen konnte. Weil ich ihr das bosnische Warzenschwein Dejan(owitsch) Kotzki nie verzeihen werde, das sie mir wie eine Filzlaus ins Haus gesetzt hat und der hier in über einhundertzwanzig Tele Info Service Anrufen der Marke „Hotline" „Schwulen-express" „Blas mit mir" sein Ejakulat über meine Wohnung verspritzt hat und dabei eine Telefonrechnung von eintausendvierhundert Mark hinterließ. Dieses Stück Dreck lebt heute mit Lu zusammen. Ich mußte die Wohnung hier dampfreinigen lassen, nachdem ich seine Telefonsex-leidenschaft entdeckte. Warum sie mich verlassen hat? Weil sie sich lieber mit Menschen umgibt, die immer nur Ja sagen und nie hinter ihre Fassade sehen. Warum sie mich verlassen hat? Weil ich sie liebe. Das kann dieses Abziehbild des Teufels nicht ertragen. Den Teufel muß man hassen, oder man muß sich ihm unterwerfen. Doch ihn tatsächlich lieben, das erträgt der Teufel nicht. Ich habe ihr weh getan? Wann? Als ich sie schlug? Nein, da hatte sie einen Orgasmus vor Glück. Wahrscheinlich den ersten wahrhaftigen Orgasmus in den letzten drei Jahren. Lu ist ein prachtvoller Mensch, eine wunderbare Frau, wenn sie sich selbst zuläßt. Wenn sie jedoch, so wie jetzt, ihr Spiegelbild lebt, wird sie zur Hetäre, zur Medusa, zur Spinnenfrau, zur Hyäne ihrer Eitelkeit und Borniertheit. Lus Lebensaufgabe ist es, böse zu sein. Sie sagt selbst so oft: „Ich bin böse. Ich bin ein schlechter Mensch. Ich fühle mich wohl, wenn ich ganz gemein bin." Sie findet es lustig, wenn sie Sean beim Essen anbrüllt: „Eat or I'll send you to the devil." Sie findet es wunderbar wenn sie sagt: „Der Teufel? Mein bester Freund. „Sie findet es großartig, wenn sie wildfremde Menschen vor dem Dammtor Bahnhof anbrüllt: „Sie sind ein dreckiges Schwein. Ich freue mich schon darauf, sie in der Hölle zu treffen." Sie erwartet für ihre Aggression Applaus. Sie bekommt ihn leider zu selten. Lu ist heute ein armes, krankes Wesen. Durch mich? Nein, ausschließlich durch sich selbst und die Menschen, denen sie mehr vertraut als mir. Kaputtgeschlagen von der Lieblosigkeit ihres Vaters. Zertreten und geschändet von den Männern, mit denen sie sich vor mir eingelassen hat. Ich gehöre nicht zu diesen Männern. Sie hat mich auserwählt, stellvertretend für all die Qual und Schmerzen, die ihr andere zugefügt haben, zu büßen. Und mit meinem großen, weiblichen Potential bin ich natürlich ein außerordentlich williges Opfer. Liebe Mascha - oder Meroe - Du sagst, wenn zwei Menschen sich so zerfleischen, sollten sie getrennte Wege gehen. Nein - wenn zwei Menschen sich so lieben, sollten sie einander verzeihen, ihre Wunden gemeinsam heilen und einen neuen, besseren Weg einschlagen. Solange Lu das Leben als griechische Tragödie nachspielt, solange sie ihren derzeitigen Zustand wie eine Hauptrolle zelebriert, solange sie ihre Spiegel nicht verhängt und zu sich selbst findet, solange wird sie kein Mensch sein. Tom Zahner sagte einmal auf die Frage: „Was hältst du von Lu?" nur: „Empty Shell". Leider sehr weise. Warum sie mich verlassen hat? Weil sie mit mir am 2.2. eine rauschende Liebesnacht im Interconti in Hamburg feierte. Die beste Nacht unseres Lebens und weil sie heute in ihrer Klageschrift behauptet, ich hätte sie in dieser Nacht geschlagen. In dieser Nacht war nur Liebe, wunderbare, hervorragende Liebe. Doch selbst damals zog sie mich auf den Boden, vor den Spiegel, um wieder nur sich selbst zu lieben. Ich habe es leider in meinem Liebesrausch nicht ernst genommen. Warum sie mich verlassen hat? Weiß sie selbst das denn wirklich? Ich umgebe mich sehr gerne mit Menschen. Also mit Dir. Fäkalien lasse ich gerne links liegen. Ich habe lange still gehalten, zu lange vielleicht auch schon in meinen Ehen. Ist ein Mann, der sich von seiner achtundzwanzigjährigen Frau schlagen läßt, ohne sich dagegen zu wehren, der die Aggression und Wut dieser Frau zu lange schweigend erträgt, ist das ein schlechter oder unmännlicher Mann? Daß dieser Mann dann irgendwann einmal im Affekt und unter Alkoholwirkung, in völliger Verzweiflung und panischer Ohnmacht zurück schlägt, das ist nur zu verständlich. Und laß Dir eines gesagt sein - diese Frau, die es einmal nicht abwarten konnte meine Frau zu sein, hat sich am 7. Februar nicht gewehrt, sie hat sich nicht einmal geschützt, sie hat nicht um Hilfe gerufen und auch nicht das Zimmer verlassen. Sie saß auf der Matratze, in diesem blutroten Zimmer und forderte mehr und mehr körperliche Gewalt von mir. Sie trägt für die Vorkommnisse die Verantwortung, so wie ich meine Verantwortung dafür trage und an der Lösung dieses grauenhaften Konfliktes mit professioneller Hilfe arbeite. Warum die Geschlagene diese Hilfe ablehnt, ist mir klar. Sie hat wohl panische Angst vor den daraus resultierenden Ergebnissen. Daß Geisteskrankheiten ein Familienproblem väterlicherseits sind, das weiß sie nur zu gut. Ich selbst hätte da auch Angst, um meinen tatsächlichen Geisteszustand. Für mich ist diese fremde Frau schwer an der Seele erkrankt. Jedoch nicht durch mich, ich bin da nur der Stellvertreter für jemand ganz anderen. Sie bestraft mich stellvertretend für alle Männer in ihrem Leben, die sie so schrecklich verletzt haben - bis hin zur Lieblosigkeit ihres Vaters. Diese Fremde ist eine kleine, geile Theaternutte, deren einziges Ziel die Karriere ist. Sie hat mir am Anfang unserer Beziehung einmal ihren wahren Kern entblößt - dieser ist auch heute noch wunderbar, leider nur tief verschüttet unter dem Geröll ihres Hasses. Ein Mensch, der nicht verzeihen kann, wird niemals glücklich sein. Doch ihr gepeinigtes Hirn läßt die wahre Menschenfrau nicht zu. Das ist Zeitgeist und irgendwann auch der Untergang dieser schönen Welt. Egoismus, Hoffart, Gier, Geilheit, Geiz im pekuniären Sinne wie im Emotionalen, Eitelkeit und fortwährende Lügen mögen die Hauptmerkmale von Darstellern sein. Sie haben jedoch in meinem Leben nichts zu suchen. Und zum Schluß - trotz dieses unsäglichen Gefühls der Verachtung, wird meine Frau immer in meinem Herzen sein. Meine Liebe zu ihr ist unverändert und wird die Jahre überdauern. Mein Vertrauen in die Frau, die ich einmal kannte und lieben durfte, ist ungebrochen. Ganz egal, was dieses chaotische Götzenbild Lu-Jane, das Du so ernsthaft, aus Deiner Weiblichkeit heraus, zu verteidigen suchst , auch treibt und in Bewegung setzt, ich verzeihe ihr, weil ich sie tatsächlich liebe. Und wahre Liebe - liebe Hedda, liebe Möwe, die wünsche ich jedem von ganzem Herzen - denn nur durch sie wird man ein ganzer Mensch. Der Weg ist endlos weit und beschwerlich, mit Steinen gepflastert und von Dornenhecken umstellt. Doch er lohnt sich, denn es ist der Weg zu Dir selbst. Für Deine Zukunft alles Gute. Daß sich unsere Wege hier trennen müssen ist wohl für Dich unabdingbar. Wer einmal mein Vertrauen verloren hat, bekommt es nie wieder. Wer es gewonnen hat und nicht mißbraucht, findet in mir einen lebenslangen Freund. Ich vertraue Dir. Das haben Phantasten wie ich nun einmal so an sich. Nun hast Du doch meine Telefonnummern. Ich gebe Rauchlebenszeichen, damit Du dich um mich nicht sorgen mußt. Gehab dich wohl Dein Paul. P.S. Gib ihr meinen Abschiedsbrief. Er wird sie glücklich machen, die Arme. 32 Nicht mehr zu hassen. Nicht mehr vernichten, sich selbst und das Gegenüber tatsächlich wahrnehmen. Leben in Balance. Frei von negativen Gefühlen. Freiheit zu geben und zu nehmen. Zäune einreißen, Mauern sprengen. Weg mit den Alpen - freie Sicht aufs Mittelmeer. Frei denken, frei reden, frei fühlen, frei schwimmen! Nicht mehr selbstmitleidig in Sorgen ertrinken. Von Fesseln befreit im Aufwind treiben. Abschied nehmen. Paul hatte der Möwe in Hamburg eine Kassette für Lu mitgeschickt. Er wollte keinen Brief an sie schreiben, aus Angst, sie würde ihn ungelesen wegschmeißen. Er hatte mit Vernon den 'Crying Tiger' und 'Love is' aufgenommen. Im Anschluß an die beiden Lieder sprach er dann zu Lu und seinem kleinen Sohn. Er wollte, daß Sean seine Stimme hören konnte und sich so an ihn erinnerte. Ob Sean das Band jemals hören würde? Ob Lu den Mut hatte, es zu verstehen? Bevor er sich dazu entschlossen hatte, das Band tatsächlich abzuschicken, hatte er es wieder und wieder abgehört. Doch er fand keinen Grund den Text zu ändern, oder zu korrigieren. Was er auf dem Band sprach war die Wahrheit und war unveränderbar. Ebermergen 22.4.1996 Liebste Lu, Es ist Zeit, Adieu zu sagen zu diesem Drama, bevor es eine griechische Tragödie wird. Es ist Zeit, zu Dir Adieu zu sagen, Adieu zu der Liebe, für die ich leben wollte. Es ist Zeit, Adieu zu sagen, zu dem Traum von dem Haus, das ich für uns suchen wollte. Sicher werde ich nie wieder nach einem solchen Haus wie unserem suchen. Das Leben mit Dir war so viel mehr, als nur ein Haus. Es repräsentierte das Ende meines Suchens, das erreichen eines Ziels, den Anfang eines Neubeginns, so weit entfernt von dem, was ich glaubte suchen zu müssen. So weit fort von dem Ort, den ich dachte erreichen zu müssen. Gott, ich war so müde vom suchen und so dankbar, dich endlich gefunden zu haben. Und nun habe ich alles verloren. Adieu dem Heim, das wir für die Zukunft bauten. Adieu den Bäumen, die wir in unserem eigenen Garten pflanzen wollten. Adieu den Plänen, die wir schmiedeten, um unseren Sohn glücklich zu machen. Adieu dem großen Potential, das unser Neuanfang uns geschenkt hatte.. Adieu dem Vertrauen und der Zufriedenheit, die ich fühlte als „Dein Mann." Adieu. Ich wollte dir schon so lange Adieu sagen. Dich loslassen. Dich ganz und gar aus meinem Leben streichen, so wie Du es schon längst mit mir gemacht hast. Was ist es, woran ich mich so klammere. Versprechen - die guten, alten „Sobald wir..." Versprechen. Neue Shows.... Reisen.... Jobs... Erfolg.... Geld... Das Haus... Gemeinsam alt werden... Seltsam, wie sie sich zu „Sobald ich..." Versprechen gewandelt haben. Ich liebte dich, da du die andere Hälfte unserer Ehe warst, die ich so dringend brauchte, um mich ganz zu fühlen. Weil du die Mutter unserer Familie warst, weil ich jemanden brauchte, den ich pflegen konnte, den ich selbst bemuttern und bevatern durfte, den ich beraten und begeistern durfte. Du gabst mir das Gefühl, gebraucht zu werden. Du gabst mir Sicherheit. Ich glaube, ich habe schon auf mehr Arten Adieu gesagt, als ich je für möglich hielt. Du bist schon über ein Jahr fort - denn Du warst ja längst gegangen, bevor es überhaupt zu unserem Unglück kam. Irgendwie gibt es mich doch immer noch und nirgendwo steht geschrieben, daß ich jetzt nur noch ein halber Mensch bin, nur noch fünfzig Prozent von dem Mann, der ich einmal war. Ich versuche nicht, zu meinem Selbstwertgefühl und meiner Ehre Adieu zu sagen. Die habe ich nicht wirklich verloren. Viel mehr versuche ich, mich von dem Gefühl zu verabschieden, daß ich Deinen Berechtigungs-stempel brauche, um meine Gefühle wertvoll zu machen. Adieu, zu Deinem Lächeln und Deiner Zärtlichkeit. Adieu, zu Deiner Schönheit, Deinem fabelhaften Talent. Adieu, zu Deiner wunderbaren Stimme und zu dem Lachen, das uns so oft glücklich machte.. Die letzten Adjeus, das sind die positiven. Weil sie Adieu sagen zu all den negativen Dingen. Adieu, zu den Gefühlen der Versklavung. Adieu, zu meinem Hang, Dich von mir zu stoßen. Adieu, zu Deinen kleinlichen Stänkereien. Adieu, zu meiner Eifersucht. Adieu, zu Deiner Ziellosigkeit, zu Deiner fehlenden Kreativität, Deiner Unfähigkeit Dich zu freuen, Deinem Mangel an Sensibilität, zu deiner Eiseskälte.. Adieu, zu meinen Bemühungen, Dir die Leviten zu lesen. Adieu, zu Deiner Machtgier und zu Deinen eingetrockneten Emotionen und zu Deinem humorlosen Humor. Adieu, zu meinem Ärger, zu meinem Zorn und meiner Hoffnungslosigkeit. Adieu, zu meiner Angst und Aggression. Adieu, zu dem Gefühl der Scham, wenn ich ärgerlich wurde und es auch gezeigt habe, dem Gefühl der Minderwertigkeit, wenn ich albern war, dem Schuldgefühl, wenn ich die Antwort wußte und Du nicht. Doch niemals Adieu zu unserem Sohn, dies ist das einzige Adieu, das ich mit Dir nicht teilen kann, so wie ich auch zu meinen Töchtern nicht Adieu sagen konnte, als Du das wolltest. Adieu, um endlich wieder Willkommen zu Dir sagen zu können. Paul. Paul hatte erfahren, daß seine Lu nun offensichtlich total durchgedreht hatte. Sie zog, entgegen all Ihrer Träume und Versprechungen aus früheren Tagen, sie zog in die wüsteste Straße Hamburg - dort am Hansaplatz, in die Straße mit den vielen Sexkneipen und Bordells und Pornoverleihs. In die Straße mit den Pennern, Huren, Strichern, Fixern. In die Straße ohne Wiederkehr. Mitten ins Herz des Sumpfes. Sie war heimgekehrt zu ihrem besten Freund, dem Teufel. Sie zog, samt ihrem Sohn und dem bosnischen Warzenschwein, der inzwischen auch noch die Bargeldkasse von Pauls Firma beklaut hatte, dort zog sie hin, mit ihrer roten Couch, die so gut zu einer Hure paßte. Sie versank im Morast der Großstadt - sie adoptierte, für ihre Sehnsucht nach dem freien Leben, die Bremer Reihe im Rotlichtviertel von Hamburg. Paul war über diesen Vorgang so geschockt, daß er nicht mehr sprechen wollte, nicht mehr denken, nicht mehr fühlen, nicht mehr atmen. Als er dann den Mut fand, sich doch ihre neue Produktion, Sweet Charity, in Hamburg anzusehen, machte er wohl den letzten großen Fehler seines Lebens. Er hatte dem Intendanten des St. Pauli Theaters versprochen, auf keinen Fall zur Premiere zu erscheinen, um den emotionalen Streß der Diva nicht noch zu erhöhen. Also wartete er bis zur dritten Vorstellung. Vernon hatte Karten besorgt. Den ganzen Tag über plagten Paul gräßliche Panik Attacken. Er zitterte wie Espenlaub und konnte vor Angst kaum atmen. Als er mit Vernon in den Zuschauerraum kam, und sich auf seinen Platz setzte, war der Grund für seinen Zustand klar. Er saß direkt neben seiner Schwiegermutter. Schicksal gibt es doch. Er schaffte es gerade noch, höflich wie er als Tiroler nun einmal war, ein Good evening zu hauchen und verstummte. Da saßen sie, die ihn seit Wochen mit ihrem Gift und ihrem Haß überschütteten. Die seine Frau dazu gezwungen hatten, diesen Weg zu gehen, da ansonsten die Unterstützung aus England nicht zu erwarten sei. Da saßen sie, die ihm den Sohn entfremden wollten, die Frau entzogen. Was die Briten trieben war für Paul seit langer Zeit Mord. Mord an ihm. Lus Eltern verließen, ohne Gruß, ohne ein Wort an Paul gerichtet zu haben, den Zuschauerraum und besorgten sich neue Plätze. Vernon war geschockt. Wie Paul konnte er dieses eiserne, grausame Verhalten nicht verstehen. Paul wußte, über die bereits erschienenen Kritiken, was ihn erwartete. Lu hatte großen Erfolg, wurde als hoch talentiert und professionell gefeiert - „Eine Stimme wie aus flüssigem Glas" titelte die Morgenpost überschwenglich. Wie gut Lu war, das wußte er doch am besten. Doch das Hamburger Abendblatt brachte alles auf einen Punkt: „ ... doch leider fehlt Lu Brydell jegliche menschliche Wärme, die das Schicksal des Taxi Girls Sweet Charity hätte glaubhaft machen können." Jegliche menschliche Wärme. Paul und Vernon verließen die Vorstellung in der Pause. Die Produktion war gut. Witzig, temporeich, mit vielen, guten Ideen. Doch Lu war eiskalt. Ohne jeden Funken von Herz, Wärme, Charme oder Sinnlichkeit. Eine Maschine. Eine Kopie von all den wunderbaren Frauen, die Stars wurden, weil sie eben diese menschliche Wärme zu ihrem Talent mit in die Wiege bekamen. Sie war an jenem Abend besser als Liza Minelli selbst. Sie übertraf mit ihren Kopien die Vorbilder, jedoch ohne deren Herz. Paul war erschüttert. Er wollte nicht draußen am Spielbudenplatz beim Cats-Fest bleiben. Er wollte weg. In die Höhle, zu Vernon. Er wollte sich betrinken und in sich hinein hören. War da noch eine Saite in ihm, die klingen wollte? Paul hatte seinen Sohn seit über elf Wochen nicht mehr gesehen, oder gar gesprochen. Seine Sehnsucht verbrannte ihn. Lange saß er mit seinem Freund und zerredete die Nacht. Er wußte, was er zu tun hatte. Nach diesem Abend war es ihm klar. Er blieb noch einen Tag in Hamburg und fuhr dann zurück nach Ebermergen. Heim. Nach Hause. Zu Gretl - die ihn sofort verstand. Er schrieb einen letzten Brief an seinen Sohn und seine Frau. Er teilte ihnen mit, daß er verstanden hätte. Restlos. Dann begann er aufzuräumen. Er verschenkte, oder vielleicht besser - entsorgte seine gesamte Habe. Nur sein Laptop behielt er. Ein paar Kleidungsstücke und seine wichtigsten Papiere. Paul machte sein Testament und hinterlegte es bei Gretl. Er verabschiedete sich aus seinem Dorf, seinem Hafen, seiner Ruhe, seiner Kraft. Er weinte nicht. Paul hatte keine Tränen mehr. Das Reservoir war leer. Ausgetrocknet, wie nach einem regenlosen Sommer in Australien. Paul nahm beide Beine in die Hand und rannte um sein Leben. Der Crying Tiger lief mit ihm. Lord Nessi war mit dabei. Kuschel flog ihnen voraus. Der Mann aus der anderen Welt gesellte sich an der ersten Kreuzung zu ihnen. Der lachende Prinz verließ seine große Liebe und zog mit ihnen. Der fremde Paul mit dem seltsamen Lächeln in den Augenwinkeln zeigte ihnen den Weg. Und auf diesem Weg stand schon hinter der ersten Wegbiegung Marianne und bei ihrem Anblick entschloß sich Paul endlich das zu tun, wovor er sein ganzes Leben lang so panische Angst hatte: Sein Leben zu leben. 33 „Verdammt", knurrte Marianne wütend durch die wunderschönen, edel Blendamed gepflegten, weißen Zähne. Wieder so ein Montag, so ein vermaledeiter. Sie wußte selber nicht, warum sie sich jeden Montag morgen den Streß antat, vom heimeligen Augsburg den schier endlosen Weg nach Donauwörth anzutreten, um in einem Sumpfgebiet am Zusammenfluß von Donau und Wörnitz ihren Dienst an Kasse Zwo anzutreten. „Krone" nannte sich das Etablissement und Marianne war sich seit Monaten klar darüber, daß sie selbst die einzige Krone in diesem Schuppen war. Arrogant, das nannten sie einige der Kolleginnen. Nur weil sie versuchte, zu jedem freundlich zu sein. Zu jedem. Was in der pinkfarbenen Plastikeinheitshaut der Krone-kettenuniform gar nicht so einfach war. Im Winter, wenn die Verkaufsräume schlecht geheizt waren, da sahen selbst die schlanksten Mitarbeiterinnen in diesen schrecklichen Kitteln wie frischgepreßte Schweinswürste aus - aber nicht wie Würste vom lokalen Metzger, sondern eher wie ein Sondereinkauf bei Aldi. Und im Sommer, wenn die Kassiererinnen an ihren Kassen wie Glühwürmchen glühten, da gaben die schlecht sitzenden Zweithäute den Blick auf viel zu viel frei. Da wurde dann gezupft und gezerrt und vor lauter Peinlichkeit stimmte am Abend der Saldo in der Kasse nicht. „Arrogant", dachte Marianne, während sie erneut versucht, ihren Wagen zu starten. „Arrogant, daß ich nicht lache. Nur weil alle neidisch sind, daß sich die Herren aus dem Ries nun in Kilts an der Kasse zwei anstellten. Irgendwann hatte die männliche Kundschaft den Sinn der Spiegel über den Kassiererinnen entdeckt. Und da Marianne eine äußerst penible Spiegelguckerin war, kamen die Herren der Schöpfung auf die Kiltidee. Was Schotten können, das können gestandene Mannsbilder aus dem bayerischen Schwabenländle schon lange. Im Sommer trugen sie meist nichts unter ihren Kilts sondern trugen stolz ihr verschrumpeltes Gehänge zur Schau. Aber im Winter sahen sie schon ein bißchen lächerlich aus, in ihren langen Unterhosen mit den Stopfmustern der Großmutter darauf und den Stallgaloschen an den Füßen. Aber was soll's, Männer. Überall gleich und doch so unentbehrlich. Heute, an diesem Märzmorgen, sprang der verdammte Wagen wie so oft nicht an. Und ihr wundersamer Stecher lag oben im, endlich wieder einmal heißgeliebten Bett und schnarchte sich die letzte Liebesnacht aus dem Leib. Sie liebte ihren Stecher, so wie sie alle Männer liebte, die mindestens ein paar Jahre jünger als sie selbst waren und den Anschein machten, daß sie etwas von Geld verstünden. Sie mußten nicht viel Geld haben, aber sie mußten es mit Stil ausgeben können. „Stecher", das war so ein Ausdruck den sie aus dem Ries übernommen hatte. Der Röthinger Karl, der mit den dunklen, spanischen Augen und dem Teint eines Araberscheichs, der nannte alle Männer, die er nicht mochte, Stecher. Karl hatte in seinem Leben so oft eine Mistgabel unter sich, daß er wußte, was so ein Stecher zu leiden hatte. Doch sie selbst hatte sich inzwischen an diesen Kosenamen gewöhnt. Nun, es war Montag morgen, sie hatte gerade noch genügend Zeit, um halbwegs pünktlich nach Donauwörth zu kommen und ihr verdammter Wagen sprang nicht an. Sollte sie nach oben gehen und ihren geliebten Heißsporn um Hilfe bitten? Lieber nicht. Sie haßte Diskussionen am frühen morgen und in letzter Zeit hatte sie schon viel zu oft heimlich geweint. Die roten Augen entschuldigte sie dann immer mit einer allergischen Reaktion auf den, neuerdings schon im März einsetzenden, Pollenflug der Birkenblüten. Nein, Marianne holte lieber noch einmal tief Luft, wie sie es schon so oft in ihrem Leben getan hatte und betätigte erneut den Zündschlüssel. Trara! Man konnte sich auf Marianne und ihr Auto in allen Lebenslagen verlassen und viele wurden ja auch von ihr dann und wann folgerichtig verlassen. Der Wagen sprang an und frohen Mutes, einen neuen, öden Montag vor Augen, raste Marianne, selbstbewußt wie es nun einmal ihre Art war, gen Donauwörth von dannen. Marianne fühlte sich wohl an diesem Montag. Sie war dreiundvierzig, sah aus wie knappe zweiunddreißig und an guten Samstagen, wenn sie sich wirklich Mühe gab, schaffte sie leicht auch noch achtundzwanzig. Jünger wollte Marianne sowieso nie sein, denn zu jung verscheuchte die potenten Mitdreißiger und davon hielt sie nicht viel. Marianne war sehr lebenslustig. Immer schon gewesen. Ihr Sohn sah inzwischen, bei schummriger Discobeleuchtung schon genauso alt aus wie sie selbst - nur nicht so schön. Ja, der kleine Fratz lebte schon in einer eigenen Wohnung und stellte sie meistens als seine Kusine aus Ungarn vor. Auf Ungarn kam er wegen der Sprache seiner Mutter. Marianne sprach eigentlich keinen Dialekt. Sie zelebrierte ein ungarisches, rollendes „R" und einen fast französischen Akzent, der hervorragend zu ihrer Schuhgröße vierzig paßte, aber kaum zu der ländlichen Gegend des Rieses an der romantischen Straße. Marianne überfuhr die erste rote Ampel und winkte dem Polizisten an der Ecke zu, den sie sitzen ließ, weil er ihr versprochen hatte spätestens in zwei Jahren Hauptkommisar zu sein und er es bis heute nicht geschafft hatte. Was Marianne natürlich nicht wissen konnte war, daß der arme Schutzpolizist Xaver niemals Hauptkommisar werden konnte, denn er hatte weder als Bürgermeister kandidiert, noch hatte er Mariannes instinktiven Biß. Xaver hatte sich seit Mariannes Auszug aus der gemeinsamen Wohnung auf ein neues Hobby verlegt: Er verfolgte blonde Frauen an roten Ampeln. Die Fängerquote im Donau-Rieskreis stieg seither sprunghaft und die Friseure der Umgebung boten schon Sonderangebote für Umfärbungen von blond auf blauschwarz für die geplagte Blondinenwelt. Doch Xaver war schlau - er erkannte eine Blondine auch in rabenschwarzer Nacht. Er lockte die erdunkelten Blondinen mit einem freundlichem Lächeln bei Rot über die Kreuzung - wenn die Damen trotz Rot losfuhren waren sie für Xaver eindeutig blond - blieben sie brav stehen und warteten auf Grün, waren sie für Xaver uninteressant. Er hatte sich mit dieser Methode schon siebzehn Belobigungen geholt und der Polizeidirektor überlegte sich eine Vergünstigung für Xaver. Xaver sollte auf Kosten der Steuerzahler zwei Wochen nach Bangkok fliegen dürfen. Als Dank, für die so prall gefüllten Polizeikassen. Doch der gute Xaver lehnte ab. Er wußte, daß es in Bangkok nur echte Schwarzhaarige gab. Da fehlte ihm der Kick. Er blieb lieber an seiner Kreuzung stehen und sehnte sich nach Marianne. "Gosch heit mid ins Grammophon" knurrte Karl und fuhr sich genüßlich über den kurzgeschorenen Stuzterschnurr-bart. „Was soll ich dort?" fragte der gramgebeugte Paul zurück. Paul litt. Wie eine junge Sau, die zu Weihnachten noch nicht fett genug gewesen war, eine zünftige Weihnachtsgans abzugeben. Daraufhin hatte ihn seine Frau mit dem jüngsten Ferkel verlassen und war zu den Laufsteghühnern nach Hamburg gezogen. „Im Grammphon hockad oft saugeile Büchsa rom." grunzte Karl glücklich. „Meine Büchse ist nicht mehr geladen," meinte Paul trocken und schrieb weiter. „Du muasch die jo ned glei verliaba. Nimmsch euna mid und gschobsch, daß se spätesden noch'm Füastück widdr gonnt," maulte Karl. „Mal sehen," sagte Paul und entschloß sich, an diesem denkwürdigen Montag im März mit seinem Freund Karl in die Unterwelt Donauwörths einzusteigen. Als Marianne im Krone-Einkaufs-Center in Donauwörth ankam fühlte sie sich irgendwie mulmig. Auf der eigentlich so kurzen Fahrt hatte sie lange nachgedacht. Über ihr Leben, ihre ständig wechselnden Lebensbeziehungen. Warum mußten ihre Freunde immer jünger sein als sie? Machte sie das ebenfalls jünger, oder nur um so älter. Was träumte sie, wo wollte sie sein? Wer wollte sie sein. Irgendwie hatte sie immer das Gefühl, daß sie zu kurz gekommen sei. Sie wußte, daß sie gut aussah, nein, hervorragend aussah. Sie wußte auch, daß in ihren Augen ein Funke glimmte, der viele Männer träumen ließ. Warum sah sie diesen Funken niemals in den Augen von einem Mann? Warum durfte sie nicht mehr träumen. Hatte sie jemals geträumt? War es das nun? Montag und Dienstag an Kasse Zwei im Krone in Donau-wörth? „Und wie jeden Montag morgen um sieben Minuten nach acht begrüßen wir ganz herzlich unsere Nummer Eins an Kasse Zwei - Marianne, die andere Kassiererin bei Krone. Kasse machen kann jeder, aber niemand macht Kasse mit so viel Klasse wie Marianne," flötete Anita - Chefauskunftgebe-rin des Supermarktes durch die Durchrufanlage, als Marianne mit wehendem Pferdeschwanz und äußerst unglücklich über die obligate Verspätung an ihre Kasse stürmte. Gottseidank waren erst zwei, oder drei Kunden im Markt und so sah niemand, wer nun Marianne von Kasse Zwei wirklich war. Marianne dachte noch: „Der zeig ich's heute abend in unserer Stammkneipe", überflog rasch die Liste der Sonderpreise des heutigen Tages und öffnete ihre Kasse. Wieder ein Tag der Superpreise und der Kiltmänner und der schwitzenden Hausfrauen und der geplagten Mütter und genervten Marktleiter und neidischen Kolleginnen. Augen zu und durch - so häßlich und unscheinbar sein, wie nur irgendwie möglich und an nichts denken. Bloß nicht denken. „Kasse Zwei bitte zur Auskunft," flötete Anita. Die gute Anita - sie kümmerte sich um Marianne, die immer vergaß auf die Uhr zu sehen und so meistens ihre knapp bemessene Mittagspause verpaßt hätte. „Kasse Zwei zur Auskunft" bedeutete Pause. Marianne schloß ihre Kasse und ging in ihre Pause. Dreißig Minuten - schnell ein Happen gegessen, ein kleiner Plausch, ein Blick in den Spiegel - nicht zu lange, denn was sie da sah, das hatte nichts mit der Marianne zu tun, die sie im Spiegel sehen wollte. Doch heute blieb sie am Spiegel hängen. Sie betrachtete ihre Falten - um die Augen - das sind Lachfalten dachte sie - sie betrachtete ihre Augen - traurig blickten sie ihr aus dem Spiegel entgegen. Warum so traurig, dacht Marianne noch - des geht dir doch gut. Sie leckte sich noch einmal die vollen Lippen feucht, eine Angewohnheit, die sie benutzte um ihren Lippen etwas Farbe zu geben, wenn sie keinen Lippenstift auftragen konnte. Marianne wußte nicht, wie lange sie an diesem Montag vor dem Spiegel geträumt hatte, doch plötzlich bemerkte sie, daß sie ihre Mittagspause um einiges überschritten hatte. Rasch strich sie sich die haare glatt, die sich in der Hektik an der Kasse wieder so neckisch um ihre Ohren gekräuselt hatten und lief zu ihrem Arbeitsplatz. Peng machte es. „Wer zum Teufel hat mitten auf meinem normalen Weg zu meiner Kasse diesen verdammten Zeitungsständer aufgebaut?" schoß es Marianne noch durch den Kopf. „Und warum ist ausgerechnet heute der Chef da, wo er doch sonst am Montag immer in der Konzernzentrale hockt?" Aber es war zu spät. Im Gegensatz zu Anita, die mindestens eine halbe Stunde brauchte, bis sie von A nach B gelangte machte Marianne immer mächtig Dampf. Und so rasselte sie mit voller Wucht in den Zeitungsständer und von Focus bis Spiegel, von Beate Uses neuestem Katalog bis zum Goldenen Blatt bekamen die Zeitungen und Illustrierten Flügel und flatterten fröhlich den geschockten Kunden um die Ohren. Marianne sah plötzlich alles in Zeitlupe. Sie sah den Chef krebsrot werden, sie sah die Kunden die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, sie sah die neidischen Kolleginnen hämisch grinsen und sie sah sich selbst, wie sie vor Scham im Boden versank. Doch plötzlich war es unheimlich still um sie. Sie öffnete langsam die Augen und wischte sich eine vereinzelte Träne der Wut aus dem Augenwinkel. Sie saß ganz alleine zwischen den verstreuten Zeitungen. Das Kaufhaus war leer, wie ausgestorben. „Hallo, ist da jemand?" traute sich Marianne zaghaft zu rufen, doch es echote nur unheimlich zurück. Sie war tatsächlich ganz alleine. Sie sah richtig rührend aus, wie sie da, mit weit ausgespreizten Beinen inmitten des Zeitungschaoses saß. Der Pferdeschwanz hatte sich gelöst und ihre blonden Haare kringelten sich, wie elektrisiert um ihre Ohren. Wie sie da so saß sah sie zum ersten mal seit langer zeit wieder wie sechzehn aus. „Darf ich ihnen helfen?" fragte eine dunkle Stimme und Marianne fuhr erschrocken herum um zu sehen, wer sie da so frech ansprach. Marianne sah nur Augen. Stahlblau Augen mit einen schwarzen Ring um die Iris. Lachten sie diese Augen etwa aus? Irgendwie glimmerte da ein Lächeln in diesen wundersamen Augen. Verwundert nickte Marianne den Augen zu und begann Auge in Auge mit den blauen Augen die Zeitungen aufzusammeln. Sie sah tatsächlich nur die Augen und nie das Gesicht oder den ganzen Mann vor ihr. Wie in Trance versank sie in diesen verlockenden Augen und segelte auf einer weißen Jacht durch die Karibik, flog mit der Concorde von Paris nach New York, schlenderte durch Sydney und fütterte die Paviane in Kenia. Wo auch immer sie hinkam blickte sie in diese blauen Augen und in ihnen spiegelte sich die wunderbare Welt in den sattesten Farben. Und wenn sie sich selbst in diesen Augen sah, dann entdeckte sie eine glücklich strahlende Frau ohne Angst vor der Zukunft, dem Alter, den täglichen Sorgen, den Männern und vor sich selbst. Sie fühlte sich wie schwerelos während sie den Zeitungsständer wieder füllte und lächelte vergnügt in sich hinein. Marianne wußte gar nicht, wie wunderschön sie war, wenn sie lächelte. Doch heute sah sie es zum ersten Mal in den Augen mit der dunklen Stimme daß sie am Leben war. „Fräulein Marianne bitte sofort zur Geschäftsleitung" schnarrte es aus den Lautsprechern. Plötzlich war alles wieder laut und emsig um Marianne herum. Das Kaufhaus war nicht mehr leer, sie sah wieder das spöttische Grinsen der Kolleginnen, den krebsroten Chef, die gaffenden Kunden und Anita, die prustend Illustrierte und Zeitungen einsammelte. „Nun mach schon, beeil dich und geh zum Chef," knurrte Anita und ein bißchen Mitleid schwang in der Stimme mit. „Ich räum das hier für dich auf. Geh schon." Marianne blickte sich erstaunt um und suchte in den Gesichtern der Kunden nach den blauen Augen. Hatte sie geträumt? War sie verrückt geworden? Wo war die weiße Jacht, wo die Concorde? Wo das Opernhaus von Sydney. Wo die Paviane? Marianne mußte plötzlich lachen. Die Paviane standen ja gaffend vor ihr. Das ist halt das Kreuz in Deutschland. Die Menschen gaffen sehr gerne und ahnten nicht, daß sie dabei wie Paviane aussahen. "Danke" raunte sie Anita zu und machte sich auf den Weg zur Kreuzigung. „Hat's unsere Primadonna wieder einmal erwischt," knurrte schadenfroh die Stixin, als Marianne bei ihr vorbeikam. Doch heute schenkte ihr Marianne nur ein strahlendes Lächeln und eilte weiter in das Büro des Marktleiters. „Ja hat jetzt dieses arrogante Miststück eine Hummel gestochen?" entfuhr es der Stixin. „Lacht die mir doch tatsächlich mitten ins Gesicht, diese ausgschamte Barbarin, die ausgschamte. Aus dir mach ich auch noch an brauchbarer Menschen, du Mensch!" Die Stixin konnte sich herrlich in Wut reden, ihre knarrende Whiskeystimme rollte dann wie Donner und Blitz durch das Einkaufszentrum. Doch Marianne kümmerte das heute gar nicht. Lächelnd stand sie vor ihrem Chef, lächelnd ließ sie die Schimpftirade über sich ergehen und lächelnd kehrte sie an ihre Kasse zurück und machte sich an die Arbeit. So freundlich und aufmerksam wie an diesem Montag wurde noch nie ein Kunde im Krone bedient. Marianne saß an ihrer Kasse, summte leise vor sich hin und beschenkte die versauerten Kunden mit ihrem Lächeln. „Was ist den mit dir los," stach die Stimme Anitas wie ein Messer von hinten auf Marianne ein. „Bist du noch bei uns, oder schon in einer Gummizelle?" „Warum?" fragte Marianne unschuldig zurück. „Weil du da rumsitzt wie ein Rauschgoldengel mit deinen wirren Haaren und dem blöden Grinsen im Gesicht. Die Kunden beschweren sich schon, ob du dich über sie lustig machst." „Laß sie doch. Mir geht's gut. Mir geht's glänzend. Gehn wir nach Dienstschluß ins Grammophon?" „Da gehn wir doch jeden Montag hin," maulte Anita. „Ja, aber heute besonders. Macht siebenundsechzig - neunundneunzig. Und noch einen schönen Tag." „Danke" stammelte die erstaunte Kundin und ging kopfschüttelnd zum Ausgang. Anita sah Marianne noch eine Weile bei der Arbeit zu und ging dann, ebenfalls kopfschüttelnd und leicht verstört zurück zu ihrem Auskunftsschalter. „So eine verrückte Henne," dachte Anita. „Aus der wird doch keiner schlau." Aber was soll's, es war eben der Tag, an dem der Zeitungsständer umfiel. Am Abend trafen sich die eingeschworenen Grammo Fans in ihrer Stammkneipe. Einem urigen Lokal mit Kondomen über der Eingangstür, alten Plüschsofas und einem Chef, der am liebsten für sich selbst kochte. Spätzle mit frischen Pfifferlingen hatten es ihm besonders angetan. Seine Lebensgefährtin machte Tresendienst und hatte wohl die Kunst des Rechnens neu erfunden. Sie zählte wie aus einer anderen Welt. Zwei und zwei ist fünf plus eins ist sieben plus zwei macht zehn. Offensichtlich rechneten sich zehn Bier leichter als die tatsächlich getrunkenen sieben. Aber was soll's, das Grammophon tat seinen Gästen einfach gut. Anita und ihre Schwester Anneliese waren schon da, als Marianne mit fröhlich glänzenden Wangen im Grammophon einflog. „Einen Schoppen und schöne Musik bitte," rief sie Tommy zu und knallte sich auf den Hocker in ihrer Lieblingsecke. „Darf ich mich ein bißchen zu den Damen setzen?" fragte ein Herr Rat aus der Stadtverwaltung und saß schon. Der Kerl war ungemein von sich eingenommen und dachte wohl, an diesem Montag sei Weihnachten und Geburtstag zugleich. Da saß er vor den Damen aus der Arbeitswelt und schwadronierte was das Zeug hielt. Sein Gockelkamm war bis zur Zugspitze zu sehen, so schwoll er an. Für die vier Spätlesemädchen war das ganz lustig, denn sie kannten solche Typen und machten sich manchmal einen Spaß mit ihnen. „Das ist mein Spetzl, der Paul. Ein echter Ebermergener aus Tirol," stellte Karl den Mann vor, den im Grammophon bisher noch nie jemand gesehen hatte. Paul nickte in die Runde und setzte sich an den Tresen und bestellte ein Glas Wein. Der Besuch in Karls Stammlokal war für Paul etwas peinlich. Paul mochte keine Kneipen. Er saß ja über zweihundert Tage im Jahr an Hotelbars und mußte sich dort die elendigen Geschichten der Hosenknopfvertreter und Reisenden in Sachen Schraubendrehlager anhören. Aber Karl zuliebe war er halt mitgegangen. Der Karl brauchte Paul manchmal als Ausgleich für seinen Ehewirrwarr und als Klagemauer. Paul konnte gut zuhören und wußte auch häufig einen sinnvollen Rat. Marianne war gerade in einer tiefen un-sinnigen Diskussion mit dem Herrn Rat, der ihr irgend etwas von Männlichkeit und bayerischer Manneshaltung erzählte und so sah sie kaum auf, als Karl Paul vorstellte. „Des sen dia Büchsa, die wo i gmoint hab," murmelte Karl. Paul drehte sich heimlich um und besah sich die Damen etwas genauer. „Wer ist die Blonde?" „Des ischt Marianne. Dia arbeita alle beim Krone und die Marianne hot so an junga Stecher, so an eifersüchtiga. Bei der got des nauf und ra. Des isch a weng a Gschutzte." „Aber wunderschön. Sie hat etwas. Wer ist der Typ bei ihnen?" „Der kommt net oft do rei. Des isch a Amtsrat oder so was. Der raschpelt Süßholz daß dr die Ohra klingla. A Schwätzer." Paul hörte dem Schwätzer eine Zeitlang zu und beobachtete nun ganz offen das Frauenquartett mit ihrem Montagsgalan. Anita bemerkte den offenen Blick des fremden Gastes zuerst und begann, spielerisch, zurück zu starren. Sie bemerkte wohl instinktiv, daß das spöttische Lächeln in den Augen Pauls den Abend noch ganz lustig machen könnte. Paul versuchte zwar immer wieder Blickkontakt zu Marianne zu bekommen, doch die war zu vertieft in ihre philosophische Diskussion mit dem Anbaggerer vom Amt. „Komm, os hocket se zu de Henna mit no," meinte Karl und stellte schon die Gläser auf den Stammtisch der Kronedamen. „Des isch der Paul und des ischt Anita, Anneliese und die Marianne." „Frauen interessieren mich nicht," sagte Paul und sah dabei Marianne tief in die Augen. „Ich stehe zu meiner Homosexualität." Marianne sah nun zum ersten Mal Paul direkt ins Gesicht und sah nur die blauen Augen aus dem Krone. Doch Marianne war eine äußerst disziplinierte Frau und schluckte ihre Überraschung lieber hinunter. Sie glaubte Paul kein Wort. Keine der Damen am Tisch glaubte Paul sein Schwulsein. „Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen," sagte Paul zu dem Herrn Rat. „Aber ich beobachte sie jetzt schon eine Weile von hinten und muß sagen, ich bin fasziniert von ihnen. Sicher - ich weiß daß sie nicht schwul sind, aber ich wollte es Ihnen einfach sagen." Und so entspann sich ein Streitgespräch über den Sinn und Unsinn von Homosexualität und ob denn ein echter Bayer so etwas zulassen könnte. Paul trieb das Spiel etwas zu weit und so kam es schlußendlich fast zu einer Schlägerei zwischen dem, inzwischen sturzbetrunkenen, Rat und Karl. Der Herr Rat wurde von einem Freund herzlich aus dem Lokal gebracht und am Kronestammtisch entspann sich ein engagiertes Gespräch über den Vorfall. Paul hatte sein Ziel erreicht. Der Hahnenkamm war fort, das Grammophon hatte etwas zu lachen und er selbst konnte sich endlich auf Marianne konzentrieren. Doch Marianne blockte alle Fragen instinktiv ab. Paul wußte nicht, ob sie irritiert war, oder ob sie sich tatsächlich nicht interessierte, oder nur so tat. Es machte auch nichts. Paul war nicht auf der Suche nach einem Abenteuer. Er hatte genügend Abenteuer hinter sich und wollte eigentlich nur seine Ruhe. Doch Paul liebte die Frauen und besonders diejenigen, bei denen er eine gewisse Sehnsucht entdeckte. Marianne war eine dieser Frauen und sie faszinierte Paul. Nach diesem denkwürdigen Montag, dem Tag als der Zeitungsständer umfiel, versuchte Paul seine Reisen nach Hamburg so einzuteilen, daß er am Montag mit Karl ins Grammophon gehen konnte. Paul nahm sich sehr lange Zeit sich aus Ebermergen zu verabschieden. Es fiel ihm unendlich schwer und ganz tief unten im Bauch hoffte er wohl immer noch, daß sich in der Sache Lu vielleicht doch noch eine Wende ergeben könnte. Er vermißte seinen Sohn und er fuhr deshalb einmal in der Woche in den Norden, wartete auf ein Zeichen von Lu, besoff sich mit Vernon und fuhr unverrichteter Dinge wieder nach Bayern. Und so traf er die Damenriege jeden Montag, plauderte mit ihnen und schaute immer wieder tief in Mariannes Augen. „Ich habe eine sehr gut gehende Beziehung" hämmerte Marianne immer wieder. „Ich bin glücklich. Mir geht es gut. Mir fehlt nichts." Wie ein Gebet blieb sie standhaft und in weiter Ferne. Daß sie einmal nicht zu überreden war, mit ins Grammophon zu gehen, weil sie zu Hause saß und sich nach einem Streit mit ihrem Stecher die Augen ausweinte, das hielt sie nicht davon ab, sich eisern an der Kandare zu halten, um bloß nicht noch einmal in den stahlblauen Augen träumend zu versinken. Marianne war es gewohnt, sich in allen Lebenslagen durchzubeißen und sie wollte unter keinen Umständen verletzt werden. Niemand sollte sie je wieder verletzen. Schon gar nicht ein halbseidener Ebermergener aus Tirol, ein windiger Theatermacher, ein reisender in Sachen Kunst, der nicht seßhaft werden wollte, der seine Kinder über die ganze Welt verstreut hatte und der offensichtlich trotz seiner dreiundvierzig Jahre immer noch träumte wie ein kleines Kind. Der immer nur sagte was er dachte und wenn es noch so brutal war. Hatte Marianne wirklich schon das Ende der Fahnenstange erreicht, oder gab es da noch etwas neues in ihrem Leben zu entdecken. Am Montag vor der endgültigen Abreise Pauls in ein neues Leben, da saß Marianne allein im Grammophon. Sie hatte die Beine hochgelegt und hockte, wie erschöpft, in ihrer Ecke und trank ihre Weißweinschorles in sich hinein. Als Paul und Karl ankamen, wollte sie eigentlich gerade gehen. Doch sie blieb und plauderte mit den beiden eingefleischten Freunden aus Ebermergen. An diesem Montag war Marianne auch zum ersten Mal nicht so selbstsicher. Sie stellte sich den bohrenden Fragen Pauls, ohne jedoch klare und konkrete Antworten zu geben. Als sie sich verabschiedete, sagte Paul er würde etwas über sei schreiben, bis zum nächsten Montag, dem Abschiedstag für wohl sehr lange Zeit. Marianne konterte und meinte, auch sie würde etwas über Paul zu Papier bringen. Als Paul jedoch unter der Woche einmal alleine ins Grammophon zum Essen ging, traf er Anita und die Stixin, die lakonisch meinten, Marianne sei viel zu gestreßt um irgend etwas über Paul zu schreiben. Außerdem hätte sie Paul nicht ernst genommen und nie geglaubt, daß dieser sich tatsächlich an den Computer schmeißen würde um die Geschichte vom Tag an dem der Zeitungsständer umfiel aufzuschreiben. Nun, so hatte sich Marianne wieder einmal in einem Menschen grob verrechnet. Und Paul hoffte, daß er sich nicht umsonst die Mühe gemacht hatte. „Der Tag als der Zeitungsständer umfiel oder Marianne beißt sich durch" hieß die kleine Geschichte, die er über Marianne geschrieben hatte. Marianne beißt sich durch - fraglich ist nur ob sie sich durch eine Wurst beißt, durch trockenes Brot oder durch Beton. Paul würde die Erinnerung an Marianne wohl jahrelang mit sich herumtragen. Das ist nun eben so mit Menschen, die eigentlich das gleiche meinen und doch meistens, aus Angst oder Oberflächlichkeit heraus getrennte Wege gehen. „Ich laß es mir nur noch gut gehen," posaunte Marianne oft in die Gegend und bemerkte dabei nicht die mitleidigen Gesichter ihrer Umgebung. Paul war es völlig egal, was Marianne für ein Leben führte. Er wollte es gar nicht wissen, denn er hatte sich für die eigene Zukunft fest vorgenommen, jegliche Vergangenheit ruhen zu lassen. Sollte in seinem Leben noch einmal ein Mensch auftauchen, der Paul erneut fliegen ließ, dann wollte er nur noch nach vorne schauen und nie wieder zurück. Aus diesem Grund hatte er sich ja auch entschlossen sein bisheriges Leben radikal auszulöschen. „Warst du damals wirklich nicht im Krone, als der Zeitungsständer umfiel?" fragte Marianne, nachdem sie Pauls Geschichte in einem Ruck durchgelesen hatte. „Würde es etwas ändern, wenn ich da gewesen wäre?" fragte Paul sanft zurück. „Aber ich hab die Augen tatsächlich gesehen. Es waren wirklich genau deine." „Dann war ich auch da." „Das gibt's doch nicht. Wie kann denn so etwas sein?" fragte Marianne ratlos. „Träume," sagte Paul trocken. Und Marianne begann zu weinen und gleichzeitig zu lächeln. „Hätte ich mehr Mut, dann würde ich mit dir gehen," schluchzte sie in ihre Weinschorle. „Dazu braucht es keinen Mut," meinte Paul. „Sondern?" „Etwas was dir in meiner Hinsicht fehlt." „Liebe? Die wächst ja dann vielleicht." „Wenn sie gewachsen ist, dann komm nach Hamburg," sagte Paul rauh und ging auf die Toilette. Als er zurückkam saß Marianne versonnen am Tresen. Sie sah in schelmisch von der Seite her an und meinte dann: "Du bist der erste Kerl der mich nicht angemacht hat, Paul. Dafür danke ich dir. Dafür habe ich großen Respekt." Respekt ist auch das, was ich im Augenblick am nötigsten habe," knurrte Paul und gab ihr einen Kuß - auf die Stirn, doch Marianne nahm seinen Kopf in beide Hände und küßte ihn sehr sanft und lang. Sie räusperte sich und sagte laut in die Runde: „Das ihr meinem Stecher aber bloß nichts sagt. Das war ein Dankeschön und sonst gar nicht. Klar?" „Ehrensache," lallte der ewig Betrunkene Metzger aus Berg in sein Glas und überlegte sich, ob er gleich zum Telefon gehen sollte, um seinem Freund, Mariannes Stecher einen Lagebericht abzugeben, oder ob er vielleicht doch lieber vorher noch ein Bier bestellen sollte. „Und du hast tatsächlich alles verkauft. Alles aufgegeben was du hattest?" fragte Marianne und man konnte das große Staunen in ihrer Stimme hören. „Ja. Am Samstag war Tag der offenen Tür. Es war grausam, zuzusehen, wie die Leute Sachen aus der Wohnung trugen, die mich fast zwanzig Jahre begleitet haben. Ich habe nur noch meinen Laptop, meinen Mercedes, Papiere und ein paar Kleider. Leichtes Gepäck nennt sich das. Vor mir muß niemand mehr Angst haben. Mein Rucksack ist leer und ich werde ihn nie wieder füllen." Paul hatte am letzten Samstag fast die ganze Nacht geweint, so hart traf ihn das Verhalten der Leute, die seine Wohnung wie ein Parasitenschwarm auseinander genommen hatten. Am Sonntag morgen war für Paul dann alles klar gewesen. Mit äußerst leichtem Gepäck startete Paul durch, um in der zweiten Hälfte seines Lebens vollkommen offen für alles Neue zu sein. Und Marianne? Wollte sie tatsächlich jeden Montag nach Donauwörth rasen um an Kasse Zwei zu sitzen. Wollte sie wirklich weiterhin nur von Gran Canaria träumen, wieder und wieder. Wollte sie weiterhin nur jüngere Männer in ihr Leben lassen um selbst jung zu bleiben? Oder würde sie eines Tages den Mut haben und ganz alleine und überhaupt nicht heimlich nach Hamburg fahren, um einmal nachzusehen, ob sie sich in den stahlblauen Augen wieder selbst erkennen würde. Jeder beißt sich durch und jeder hat mindestens einmal einen Tag verdient, an dem ein Zeitungsständer umfällt. 34 Paul zog zu Vernon nach Hamburg. Aus dem schwäbischen Dörfchen Ebermergen in den dörflichen Stadtteil Eppendorf. Die beiden Freunde gründeten zusammen eine neue Firma. Sie wollten endlich das tun, wofür sie geboren waren. Ihr eigenes Theater machen. Neue Stücke auf den Markt bringen. Deutsche Musicals fördern. Sie hatten das St. Pauli Theater in Hamburg davon überzeugt Hair dort zu produzieren. Sie richteten das Büro in der Wohnung ein. Paul verließ die Wohnung nur, um einzukaufen. Er kümmerte sich um den organisatorischen Teil der neuen Firma, er besorgte den Haushalt, kochte täglich in hunderten Variationen indisch, italienisch, chinesisch, aber auch österreichisch und wenn er besonders gut aufgelegt war böhmisch. Paul lernte zum ersten Mal in seinem Leben zu spielen. Stundenlang saß er vor dem Computer und spielte Schanghai. Er telefonierte fast täglich mit seiner Gretl, einmal in der Woche mit Babs in Tirol. Bei einem dieser Gespräche sagte Babs einmal zu ihm: „Du tust genau das Richtige. Endlich bist du wieder das bewegliche Ziel, das du immer warst und das nie jemand treffen konnte. Wenn du deine Sorgerechtsverhandlung hast, spiel ihnen einfach das Känguruh vor. Hüpf vor ihnen auf und ab und lächle. Du bist frei, Paul." „Freiheit - nicht mehr Narr sein. Nicht mehr Reisender sein. Frei sein!" Das betete sich Paul jeden Abend vor dem einschlafen vor. „Nicht mehr Narr sein." Die Sorgerechtsverhandlung verlor Paul mit Pauken und Trompeten. Lu war sehr schlau. Sie zog aus dem Rotlichtviertel in ein schmuckes Reihenhaus, ließ das bosnische Warzenschwein nicht mehr bei sich wohnen, sondern legte sich ein norwegisches Kindermädchen zu. Sean war im neuen Kindergarten des Vereins Christlicher Junger Männer untergebracht worden, die Betreuerin vom Amt für Soziale Dienste war ihr so verfallen, daß sie sogar falsche Eidesstattliche Erklärungen für Lu abgab, hatte eine Festanstellung bei Cats angenommen und so sprach die Richterin Lu das Sorgerecht zu und räumte Paul, für die ersten drei Monate, ein vorläufiges Besuchsrecht ein. Paul durfte seinen Sohn drei Monate lang jeden Montag in den Räumen des Amtes für Soziale Dienste Hamburg Mitte für drei Stunden im Spielzimmer sehen. Danach sollte er Sean jeweils jeden zweiten Samstag im Monat in der Zeit von neun bis siebzehn Uhr zu sich in die Hamburger Wohnung nehmen dürfen. Zum Wohle des Kindes. Da Paul seinen Sohn zu Weihnachten nicht sehen durfte, da dies den englischen Großeltern nicht zuzumuten war, entschloß er sich noch einmal nach Sydney zu fliegen. Kyra und Alicia waren überglücklich und so verbrachte er sechs herrliche Wochen in Australien. Er sprach nun sehr häufig über den Tod und Kyra sagte dann oft zu ihm: „Dad, ich will nicht daß du stirbst. Ich finde den Tod nicht sehr zweckvoll." „Alles hat Zweck", lachte da Paul. „Selbst der Tod. Aber nur, wenn man vorher wahrhaftig gelebt hat. Die meisten Menschen stellen sich tot, um so länger zu überleben." „Das verstehe ich nicht," meinte Kyra grüblerisch. „Deshalb erzähle ich es dir ja. Damit du es eines Tages verstehen kannst." „Du überforderst die Kleine, Paul," kam es sanft von Anne aus der Küche. „Erzähle ihr lieber von Ebermergen." Und Paul erzählte seinen Töchtern von Ebermergen, von Tirol, von seinen Reisen, seinen Träumen und als er die beiden Mädchen nach ihren Weihnachtswünschen fragte, sagten beide ganz spontan: „Du bist doch da." „Und das reicht euch?" fragte Paul erstaunt. „Wir sparen jetzt, damit wir dir immer wieder einen Flug hierher kaufen können," sagte Alicia ernsthaft. „Wir haben Mami gesagt, daß sie uns keine Schokolade oder so mehr kaufen soll, sondern daß wir das Geld lieber für deinen Flug sparen." Die Mädchen hatten tatsächlich mit Anne über diese Möglichkeit diskutiert. Sie waren einfach rührend. Am Weihnachtstag kamen Freunde Annes zum Weihnachtsessen. Ein Ehepaar, das aber getrennt lebte und deren Töchter, die mit Kyra und Alicia zur Schule gingen. Mr. Peach verabschiedete sich gleich nach dem Essen. Ihm war die Situation wohl doch etwas zu unheimlich. Man sah ihm direkt an, daß er nicht begreifen konnte, wie da der Ex-Mann Annes friedlich mit ihrem neuen Lebensgefährten am Grill stand und über den Sinn und Unsinn von Computern diskutierte und er selbst kein einziges, vernünftiges Wort zu seiner Frau sagen konnte. Mrs. Peggy Peach trank wohl deshalb auch den Weißwein in sich hinein, als ob es klares Leitungswasser wäre. Sie war eine äußert attraktive und selbstbewußte Frau. Sechsundvierzig Jahre alt und ihr Blick ging manchmal über die Baumkronen bis ins All. Und so entschloß sich Gott, oder wer auch immer, Paul ein einzigartiges Weihnachtsgeschenk zu machen. Nach dem Mr. Peach gegangen war, entspann sich ein fast hitziges Gespräch zwischen Paul und Mrs. Peach. „Nenn mich doch Peg. Mrs. Peach, das klingt so alt." „Ich bin Österreicher, nein, Tiroler, wir wurden so erzogen, Mrs. Peach." „Diese Höflichkeit kann manchmal aber auch wie Ablehnung sein," stichelte Peg. „Ablehnung, oder der Versuch, nicht in den Spiegel zu sehen, Mrs. Peach?" konterte Paul. „Peg." „Ja?" fragte Paul scheinheilig. „Willst du mir Angst machen, Paul.?" „Auf der Flucht vor der Angst begegnet man meistens nur sich selbst." „Bist du dir selbst begegnet?" „Ja, sonst wäre ich gar nicht hier," meinte Paul versonnen. „Ich finde es einfach irrsinnig, wie ihr diese Situation hier meistert. Ich wünsche mir, daß das mit meinem Mann auch einmal so gehen kann. Aber er kann sich einfach nicht anpassen," sagte Peg traurig. „Mein Prinzip lautet: Paßt euch mir an, damit es euch besser geht. Und schauen Sie sich um, Mrs. Peach. Anne, Mick und meinen Töchtern geht es so besser. Mick muß keine Angst haben, daß ich nun vielleicht wieder zu Anne zurück will, nur weil ich Mitte Januar von Lu geschieden werde. Als meine beste Freundin ist sie mir viel wichtiger. So können wir uns respektieren und wohl auch besser lieben." „Erstaunlich. Für mich unfaßbar daß es geht, obwohl du doch Schuld an eurer Scheidung warst," schüttelte Peg den Kopf. „Ich weise jede Schuld von mir. Schuldig ist nur die Schuld, solange sie nicht an sich selbst erstickt," antwortete Paul fast zornig." „Paul, nicht böse werden. Es ist Weihnachten." Peg legte dabei, wie unabsichtlich, ihre Hand auf Pauls Schulter. „Selbst Jesus wurde bei den Händlern zornig," sagte Paul und sah Peg sehr lange an. „Laß los," sagte Peg leise. „Dann stürzt du ab," erwiderte Paul. „Laß los, sonst stürzen wir beide ab!" flüsterte Peg. „Und er ließ los und kletterte mit ihr ihm Herzen weiter?" fragte Paul und ließ Peg nicht aus den Augen. „Ich mag mich, Paul. Oder wie man halt so sagt: Ich liebe mich wirklich. Mach mir das nicht kaputt, Paul." Peg nahm sich ihr Weinglas vom Tisch und setzte sich unter den großen Eukalyptusbaum im Garten. Paul schlenderte ihr nach, lehnte sich an den riesigen Baum und sah durch das Laub in den Abendhimmel, der fast blutrot über ihnen strahlte. „Peg. Ich bin nicht hier um irgend jemandem etwas kaputt zu machen. Morgen fliege ich nach Deutschland zurück. Ich mache nichts kaputt. Ich bin der Übergang, der Abgang, der Untergang, der Heimgang, Ich bin der Weg. Ich bin vielleicht der Ausweg aus deiner Ausweglosigkeit. Ich mache nichts kaputt." „Weil heute Weihnachten ist?" kam es fast unhörbar von Peg. „Nein, weil dort oben die ersten Sterne glitzern. Weil nun der Abendwind kommt. Fühlst du den Wind? Was sagt dir der Wind, Peg?" „Daß ich leer bin." „Leer? Wovor hast du dann Angst? Wer leere Flaschen öffnet und austrinkt, verrät den Wunsch von Coca Cola und MacDonalds nach einer Filiale auf dem Mond." Peg lachte laut auf. „Du bist unmöglich, Paul. Anne und ich sind Freundinnen. Sehr gute Freundinnen und vielleicht bald auch Nachbarn." „Liebe deine Nachbarn wie dich selbst, " antwortete Paul trocken. „Was ist, wenn ich mich selbst nicht liebe?" hakte Peg nach. „Anne vertraut mir, Paul." „Vertrauen, oder der Mut auf die Schnauze zu fallen." „Ich bin zu oft auf die Schnauze gefallen, Paul. Aber bei Anne ist das anders. Wir sind irgendwie verwandt..." „Verwandte - rette sich wer kann," blödelte Paul. „Liebst du deine Frau noch, Paul?" wechselte Peg plötzlich das Thema. „Meine erste Ex oder meine Ex Ex?" „Lu." „Wer?" „Deine Frau." „Eis - aber nicht lutschbar. Ewiges Eis. Draußen jaulen die Menschencats. Bei Sweet Charity ist jede süße Wohltätigkeit hinter einer Stimme wie aus flüssigem Glas, zu Polareis erstarrt. Ein rampengeiles, karrieresüchtiges Kind huldigt der Borniertheit ihrer, im Zuschauerraum sitzenden, trium-phierenden Erzeuger. Das Kind, das kein Geschlecht mehr besitzt, ejakuliert ausschließlich sich selbst. Die Seele hat sie sich, von Jack the Ripper, wie Schamlippen aus dem Leib sezieren lassen. Eis. Das unmenschliche Bündel auf der Bühne schreibt Rechtschreibgeschichte: Star buchstabiert sie mit c. u. n. t." Paul hatte sehr leise gesprochen. Er hatte sich vor Peg hingehockt. Sein Gesicht war ihrem sehr nahe und er ließ ihr keine Möglichkeit sich seinem Blick z entziehen. Nun stand Paul auf, prostete ihr zu und leerte sein Glas in einem Zug. Peg saß fröstelnd, mit angezogenen Knien unter dem großen Baum. Paul erinnerte das Bild an Ludmilla und an Lu. Auch Lu liebte es, so unter einem Baum zu sitzen. Es war inzwischen fast Mitternacht geworden. Die Kinder waren längst im Bett. Anne hatte rigoros entschlossen, daß auch Pegs Kinder da bleiben sollten. Anne und Mick lagen total erschöpft im Wohnzimmer vor dem Fernseher und schliefen. „Komm, wir gehen ein bißchen spazieren," sagte Paul. Er nahm einfach Pegs Hand und sie schlenderten auf die Straße. Der warme Wind vom Hafen war sehr stark geworden und blies die beiden fast mühelos die Straße hinauf in Richtung Golfplatz. Peg zog ihre Schuhe aus und lief, wie ein kleines Mädchen, über den englisch getrimmten Golfplatzrasen. Sie wanderten über den riesigen Platz und an Loch achtzehn fielen sie wie zwei Ertrinkende übereinander her. Weihnachten in Sydney. 35 „Mr. Paul Leber bitte zum Ausgang. Wir haben eine Nachricht für sie," kam es aus den Bordlautsprechern. Die Maschine der Britisch Airways aus Sydney war eben in Heathrow gelandet. Paul hatte gerade seinen kleinen, schwarzen Koffer aus der Ablage geholt, seit Monaten sein einziges Reisegepäck. Er liebte die erstaunten Gesichter des Bodenpersonals, wenn er sich nur mit seinem Bordgepäck bewaffnet auf den weiten Flug ans jeweils andere Ende der Welt machte. Paul wollte so rasch wie möglich aus dem Flugzeug kommen, da er nur eine knappe Stunde Zeit hatte, um von Terminal vier zu Terminal eins zu kommen, um dort seinen Anschlußmaschine nach Hamburg zu erreichen. Er hatte extra den Zwischenstop in Heathrow gewählt, um vielleicht doch die Möglichkeit zu haben, seinen Sohn zu sehen, der ja bei den Großeltern in Hendon war. Sollten sich die Engländer vielleicht doch erbarmt haben Vater und Sohn ein weihnachtliches Wiedersehen gestatten. Nach der Weihnachtsnacht auf dem Golfplatz in Sydney wäre dies für Paul die absolute Krönung gewesen. Er machte sich auf den Weg zum Ausgang und meldete sich dort bei der Stewardeß. „Ich bin Paul Leber," sagte er aufgeregt. „Dieser Gentleman möchte sie sprechen," sagte die verwelkte, britische Stewardeß mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme. Seltsam, daß die Engländer offensichtlich nur Großmütter für tauglich hielten, Langstreckenflüge gesittet zu betreuen. „Sie sind Paul Leber?" fragte ein, elegant gekleideter kleiner Herr, mit offensichtlich indischen Gesichtszügen. „Ja. Sie haben eine Nachricht für mich?" fragte Paul zurück. „Mein Name ist Sergeant Rashid. Sonderkommission Flughafenpolizei. Bitte folgen sie mir." „Ist etwas mit meinem Sohn?" entfuhr es Paul erschrocken. „Beruhigen Sie sich," meinte der sanfte Sergeant. „Mit ihrem Sohn ist alles in Ordnung." Seargent Rashid öffnete mit einer Codekarte eine Tür im Zwischenstock und bot Paul freundlich einen Stuhl an. „Es liegt eine Anzeige gegen sie vor. Haben sie Waffen bei sich?" „Wie bitte? Ich komme aus Sydney. Dieser Koffer hier ist mein einziges Gepäck. Glauben Sie nicht, daß man bei der Kontrolle eine Waffe entdeckt hätte?" sagte Paul, mit nun doch zitternder Stimme. „Wohin wollen Sie, Mr. Leber?" „Nach Hamburg. Meine Maschine geht in dreißig Minuten von Terminal eins." „Sie wollen also nicht in England einreisen?" „Nein. Wozu auch." „Um ihren Sohn zu sehen?" „Das wurde mir nicht gestattet. Also fliege ich direkt nach Hamburg weiter. Würden Sie mir bitte verraten, was das hier soll?" „Sie haben ein Buch geschrieben?" „Das haben Schriftsteller so an sich," mokierte sich Paul. „Ach. Sie sind Schriftsteller?" „Autor. Ich übersetze Musicals. Schreibe Theaterstücke. Lyrik. Geschichten und auch Romane. Ich mache Theater. Regie." „Sie sind als intellektuell tätig?" „Wenn Sie das so nennen wollen. Warum?" „In der uns vorliegenden Anzeige ist von ihrem Beruf leider nicht die Rede. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsanzeige der Familie Blondel, der Frau Leber und des Herrn Dr. Leber aus Österreich." „Eine Anzeige meines Vaters gegen mich?" Paul war aufgesprungen. War er hier im falschen Film? Träumte er wieder einmal? „Beruhigen Sie sich, Mr. Leber. Wir müssen dieser Sache nachgehen. Es wird behauptet, sie befinden sich auf dem Weg nach London um ihre Familie zu ermorden, so wie sie es in ihrem Buch beschrieben haben." „In welchem Buch? Ich habe noch nie ein Buch geschrieben in dem ein Mord vorkommt," sagte Paul verblüfft. „Das Kapitel aus ihrem Buch befindet sich in Kopie bei der Polizei und wird gerade übersetzt." „Und sie verhaften mich hier, ohne überhaupt zu wissen, was da eigentlich steht?" fragte Paul mit gefährlich sarkastischem Unterton. „Die Anzeige wurde gestern erstattet." „Am Weihnachtstag. Ist das die britische Art Weihnachten zu feiern?" „Ihre Familie hat Angst vor ihnen und will sicherstellen, daß nichts passieren kann. Ich frage Sie noch einmal. Wohin reisen Sie?" „Am liebsten zusammen mit Ihnen und einer Ladung Zwangsjacken nach Hendon." „Ich verstehe Ihre Aufgeregtheit, Mr. Leber. Aber Sie müssen auch verstehen, daß wir uns mit so einer gravierenden Anzeige auseinandersetzen müssen. Ich werde jetzt ihren Koffer durchsuchen und Sie einer Leibesvisitation unterziehen. Sollte sich dabei unser Verdacht als nicht gegeben erweisen, werde ich Sie zu ihrem Anschlußflug nach Hamburg begleiten und sicherstellen, daß Sie England wieder verlassen haben," sagte Seargent Rashid freundlich. „Meinen Anschluß habe ich inzwischen verpaßt," grinste Paul. „Die nächste Maschine geht in einer Stunde. Selbstverständlich entstehen Ihnen keine Kosten." „Wie nobel. Und wer bezahlt meine Therapiekosten? Ich fühle mich nämlich ziemlich abartig," frotzelte Paul. Paul ließ den erniedrigenden Prozeß der Leibesvisitation über sich ergehen. Er verstummte einfach. Seargent Rashid gestattete ihm sogar in den heiligen Hallen des Königreiches zu rauchen. Als der kleine Mr. Rashid Paul in der Maschine der Lufthansa nach Hamburg zum Abschied die Hand reichte sagte er mitleidig lächelnd: „Ich wünsche Ihnen einen guten Flug. Und bitte verzeihen Sie mir." Mr. Rashid hatte Paul tatsächlich bis zu seinem Sitzplatz im Flugzeug begleitet. Die Kunst der Engländer jeden Menschen, der nicht Engländer war, zu erniedrigen. Daß sich jetzt allerdings auch ein waschechter Inder dazu hergab, das fand Paul äußerst bedenklich. Nach Pauls Rückkehr nach Hamburg überschlugen sich die Ereignisse. Er machte eine Fehler nach dem anderen. Als er seinen Sohn zu seinem ersten Besuch nach sechs Wochen abholen wollte, wedelte er stolz und schwachsinnig mit seinem Paß vor Lus Gesicht herum. Er hatte inzwischen Sean in seinen Reispaß eintragen lassen. Da die Engländer wohl nicht mitbekommen hatten, daß nun auch Österreich ein Mitgliedsstaat der Europäischen Gemeinschaft war und so, wie die Briten, das Privileg auf die roten Einheitspässe der EU hatten, glaubte Lu Paul hätte Seans Paß gestohlen. Zusammen mit ihrem Vater zerrte sie das arme Kind aus Pauls Auto und schreckte auch nicht davor zurück, Paul wieder einmal vor seinem Sohn zu schlagen. Paul sah seinen Sohn nach diesem Zwischenfall nie wieder. Er durfte nicht einmal mehr mit ihm telefonieren. „Dein Sohn mag dich nicht. Er hat Angst vor dir," war die monotone Antwort auf alle Versuche Pauls, den Kontakt zu Sean irgendwie zu erreichen. Paul wurde geschieden. Er konnte durchsetzen, daß er seine Frau vor Gericht nicht mehr sehen mußte. Aus Amerika kam plötzlich das Verbot der Hair Produktion im St. Pauli Theater. Der Althippie James Rado, einer der Autoren von Hair, wollte Pauls Fassung nicht auf der Bühne sehen. Damit brach auch die neue Firma in Hamburg zusammen. Paul flog schon nach zwei Wochen wieder nach Sydney zurück. Diesmal nur für drei Wochen. Er verbrachte mit Peg und ihren Töchtern drei herrliche Wochen an der Südküste von New South Wales. Dann kehrte er nach Europa zurück, um in Leipzig seine letzte Theaterinszenierung zu machen. Er telefonierte täglich mit Peg und wußte endlich, was er zu tun hatte. Er mußte Europa verlassen. Er mußt nach Hause gehen. In seine Heimat. Nach Australien. Zu Vernon sagte er: „Wenn schon arm und unter der Brücke, dann wenigstens in Australien. Da muß ich nicht heizen." Durch Peg schien dieser Gedanke auch gar nicht mehr so abwegig. Und für die Mädchen hieß dieser Entschluß nur, daß sie endlich ihren Vater bei sich hatten. Die Dresdner Bank gab zu bedenken, daß sein Konto überzogen wäre und so verlor er auch noch seine Lebensversicherungen. Lu weigerte sich eisern, ihren Teil der gemeinsamen Schulden zu bezahlen. Paul war es egal geworden. Er wollte endlich wieder atmen. Er beendete seine Produktion in Leipzig, ließ sich von Einzi Stolz noch mit Lorbeeren überschütten. Die Bildzeitung schrieb irgend etwas über den in halb Europa berüchtigten Theaterschreck Leber, er verwies ein letztes Mal einen Generalmusikdirektor in seine eitlen Schranken, fuhr ein letztes Mal nach Ebermergen und machte sich auf den Weg. Die Beziehung zu Peg zerbrach innerhalb von zwei Wochen nach seiner Ankunft in Sydney. Er sollte plötzlich mit ihr zum Camping gehen. Auf Buschwanderungen nach Schlangen suchen. Jeden Samstag und Sonntag ausschließlich „mein Mann" sein, nicht so viel Zeit mit seinen Töchtern verbringen, den blöden Computer ausschalten, keine eigenen Freunde haben, alleine leben. „Du wirst sehr alleine sein, Peg," sagte Paul ihr zum Abschied. „Ich hatte gehofft, daß die holländischen Wurzeln in dir den englischen Anteil überwuchern. Man kann Menschen nicht biegen. Man darf sie nicht wie englischen Rasen stutzen. Du redest und handelst, als würde Lu dir soufflieren. Das liegt hinter mir." Paul hatte sich ein kleines Appartement an der Fährenanlegestelle von Neutral Bay genommen. Das Bett verschwand tagsüber in der Wand. Die herrliche, große Terrasse war überdacht und wild bewachsen. Durch die bäume sah man hinunter auf den Hafen und auf die U-Boot Service Stege der australischen Marine. Paul kochte und schrieb. Er war zu Hause. EPILOG Paul konnte sich sehr schwer an die rauhe, braune Kutte gewöhnen. Der schwere Stoff rieb ihm die Haut wund und wenn er zum Pinkeln mußte, wußte er immer noch nicht so recht, wie er das bewerkstelligen sollte. Doch er liebte sein neues zu Hause in den sanften Hügeln des Hunter Valley. Die Einsiedelei der Abofranzis - einem australischen Ableger des Franziskaner Ordens, der besonders stolz darauf war, daß er, seit seiner Gründung immer einen Mitbrüderbestand von mindestens fünfzig Prozent Aboriginals hatte - diese Einsiedelei sah eher wie der fürstliche Landsitz eines Englischen Teebarons in Malaysia aus, als der Wohnsitz eines armen Bettler Ordens. Gleich hinter dem langgestreckten Haus begannen die Weinberge. Der Orden war bekannt für seinen hervorragenden Pinot Noir und beschäftigte sich gerade mit der Aufzucht einer neuen Chardonay Sorte, die dem Orden den verdienten Durchbruch zum Spitzenwinzer bringen sollte. Zwei Goldmedaillen hingen schon im Studierzimmer des Abtes. Paul hatte diesen Orden nicht nur wegen des Weines gewählt, sondern auch wegen der üppigen Tabakfelder. Bruder Keto, ein Ureinwohner aus Zentral Australien, schaffte es auch, Canabis anzupflanzen - selbstverständlich nur zur Herstellung von natürlichen Webstoffen. Doch Bruder Leary, der Abt, war ein eingefleischter Hippie mit dem Wahlspruch: 'Einmal ein fool on the hill, immer einer.' Darum nannte man das Abofranzi Kloster auch das Kicherschloß. Doch seit das Kloster auch eine Kookaburra Zucht betrieb, kam niemand mehr auf den Gedanken, es könnten die seligen Mönche auf ihrem Trip sein, die da nächtens so kicherten und lachten, sondern eben die Kookaburras, die man ja nicht umsonst auch lachender Hans nennt. In Pauls Zelle hingen die Bilder seiner Töchter und auf dem roh gezimmerten Nachtisch stand ein Bild von Sean. Paul stand wieder einmal verzweifelt vor der Schüssel im Gemeinschaftsklo des Ordens. Vielleicht sollte er den Kuttensaum einfach in die Leibschnur stecken und so sein Glück versuchen. Mühsam klemmte er sich den dicken Stoff seiner Kutte in den Gürtel. Ein seltsamer Anblick. Die Abofranzi Mönche trugen keine Unterhosen. Wozu auch. Die Kutten waren selbst im Winter warm genug. „Was für ein wunderschöner, knackiger Abofranzi Arsch," näselte die Stimme des Abtes hinter Paul. „Ein wahrlich lobens- und lohnenswerter Neuzugang....." Paul lachte. Er lachte so herzhaft, daß der Kaffe ihm aus der Tasse schwappte. Er stand auf seiner Terrasse am Hafen von Sydney und lachte. Jack, eine liebe Freundin aus Leipzig, die gerade für ein paar Wochen bei ihm zu Besuch war, kam auf die Terrasse gestürzt, um nachzusehen, was denn nun wieder los war. Sie sah niedlich aus, mit den pinkfarbenen Gummilockenwicklern in der üppigen Löwenmähne. Jack hatte sich auf den weiten Weg gemacht, um das Träumen zu lernen. Und wie sie das lernte. Paul zeigte ihr sein Sydney, reiste mit ihr in den Norden und fuhr die achtzehnhundert langen Kilometer von Cairns bis zur Goldküste hinter Brisbane im Auto mit ihr ab. Sie kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ihre Beziehungskisten in Leipzig mußten sich wohl von nun an ziemlich warm anziehen, denn was da aus Australien zu ihnen zurückkam, war kaum noch das Mädchen, das mit ziemlichen Watteknien vor fünf Wochen auf die Reise ging, um ihre ganz ureigenste Dream Time zu entdecken. „Was lachst du denn so?" fragte Jack neugierig. „Ich habe mir gerade die Schlußszene meines Romans vorgestellt," lachte Paul immer noch mit Tränen in den Augen. „Erzähl," forderte Jack frech. Und Paul erzählte ihr seine Vision vom Ende seines Buches. Jack begann so herzlich zu lachen, daß das Kookaburra Pärchen, das in der Pappel vor Pauls Terrasse wohnte, fast von seinem Ast kippte. „Deine Phantasie möchte ich haben," lachte Jack und aus dem Magnolienbusch im Garten unterhalb der Terrasse kam Alicias Stimme: „Was lachst du denn so, Daddy?" „Nur über einen blöden Witz, Alicia. Mach dir keine Sorgen," rief Paul seiner Tochter zu. „Erzähl ihn, erzähl ihn," brüllte Kyra, die gerade wieder einmal andächtig die Wäsche auf der Leine der Nachbarin goß. „Nein, nein. Den Witz versteht ihr nicht. He, schaut Mal, die Marine geht wieder baden." „Wo?" kreischten die beiden Mädchen. „Kommt rauf, da könnt ihr besser sehen," rief Paul seinen Töchtern zu und die Mädchen rasten um die Palmen und stürmten zu ihm und Jack auf die Terrasse. Seit Tagen versuchten die Matrosen der U-Boot Werft ein ziemlich altersschwach aussehendes U-Boot zum abtauchen zu bringen. Immer wieder gurgelte das Wasser, aber nie versank das Boot in den glasklaren Fluten von Neutral Bay. Es war zu lustig, wie dann die Matrosen sich an den kahlgeschorenen Köpfen kratzten und ahnungslos um ihren Unterwassersarg herum liefen. Doch heute sank das Boot immer tiefer und verschwand schließlich gänzlich unter Wasser. Es brodelte noch einmal kurz, dann beruhigte sich das Wasser wieder und lag spiegelglatt. Die Matrosen der Werft starrten gebannt auf die Stelle, an der ihr U-Boot versunken war. Plötzlich kam eine riesige Luftblase aus dem Wasser und die Matrosen warfen ihre Mützen in die Luft und umarmten sich und schrien wie bei der Meuterei auf der Bounty. „Die Marine ist baden gegangen, die Marine ist Baden gegangen," johlten die Mädchen und Paul bemerkte, daß er Tränen in den Augen hatte. „War das nun ein erfolgreicher Tauchversuch, oder das Begräbnis einer Blechbüchse," versuchte Paul seine Stimmung mit Sarkasmus zu verschleiern. Aber er konnte oder wollte auch nicht, seine Tränen zurückhalten. „Dad? Bist du in Ordnung?" fragte Kyra bestürzt, Alicia legte ihren Kopf in seine Halsbeuge und Jack sah ihn besorgt an. Paul nahm seine beiden Töchter in den Arm, drückte sie fest an sich, sah auf den Hafen von Sydney hinunter und sagte: „Ich bin glücklich." ENDE [MW1] 4