Die Revolution von 1830
 

 
Als das Schloß brannte
Braunschweiger Zeitung, September 1980
"Als ein Stück Geschichte zum Anfassen" bezeichnet Dr. Gerd Spies, der Direktor des Städtischen Museums Braunschweig, den etwa vierzig Zentimeter. hohen vergoldeten Silberpokal, der die an sich schon stattliche Pokalsammlung des Hauses Am Löwenwall neuerdings bereichert. Und in der Tat, dieser im Frühjahr gelungene Neuerwerb aus Berliner Privatbesitz, den ein Braunschweiger Sammler vermittelte, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den dramatischen Ereignissen des 6. und 7. September 1830, als Braunschweiger Bürger vor genau 150 Jahren das herzogliche Schloß in Brand setzten und Herzog Karl II., den sogenannten "Diamantenherzog", aus der Stadt vertrieben. 

Es war der damalige braunschweigische Magistratsdirektor Dr. Wilhelm Bode, der in diesen turbulenten Tagen kühlen Kopf behielt. Ihm war es zu verdanken, daß der Aufruhr keine größeren Dimensionen annahm, was unter Umständen Preußen oder Hannover zum militärischen Eingriff Veranlassung gegeben hätte. Im Gegenteil: Durch Bodes tatkräftige Initiative, den in Berlin lebenden jüngeren Bruder des beim Volk verhaßten Herzogs Karl, Herzog Wilhelm, nach Braunschweig zu rufen und diesen dazu zu bewegen, innerhalb kurzer Frist die Regierung zu übernehmen, gelang eine weitgehende Befriedigung aller Stände. 

So überreichten die dankbaren Bürger bereits am 14. 0ktober desselben Jahres mit einer "äußerst glänzenden und zahlreichen Fackelmusik" unter Lebehoch-Rufen einer endlosen Menge von Einwohnern ihrem Magistratsdirektor "im innigsten Gefühl der Liebe und Dankbarkeit", wie es in der Chronik heißt, den Silberpokal. Der Braunschweiger Goldschmied Christian Heinrich Schack, ein Meister seines Faches, hatte das schöne Stück in einigen Wochen vollendet. Das Welfenwappen und der Löwe zieren den Pokal, dessen Widmung lautet: "Ihrem verehrten Magistratsdirektor Herrn W. I. L. Bode zum Andenken der Tage des 6ten und 7ten Septbr. 1830, die dankbare Bürgerschaft Braunschweigs".

Aufstand oder Revolution

Doch welche Ereignisse waren jenen Abendstunden des 7. September1830 voraufgegangen, als Herzog Karl II. gegen 19 Uhr seine Truppen auf dem Schloßplatz zusammenziehen ließ, während vor den Gittern der Schloßumzäunung Bewegung in die "Tausende von Menschen" geriet? Unter "Toben und Verwünschungen" versuchten sie, den in den Gittern angebrachten Namenszug des Herzogs zu zerstören, und wenig später drangen die ersten in das Schloß ein, während der Herzog bereits auf der Flucht war. Die Soldaten unter General Herzberg setzten ihnen keinen ernsthaften Widerstand entgegen. Als es Nacht wurde, stand der Feuerschein des brennenden Schlosses über der Stadt. 

Matthias Puhle, neuer Mitarbeiter des Städtischen Museums, hat sich in dem soeben erschienenen jüngsten Arbeitsbericht des Museums unter dem Thema "Ein Pokal für Wilhelm Bode" ebenso mit den Vorgängen auseinandergesetzt wie Dr. Hans-Gerhard Husung, der heute Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in London ist. Doch während Puhle vor dem politisch, sozial und geistig gärenden Hintergrund des Vormärzes zwischen 1815 und der 1848er MärzrevoluItion auch den Braunschweiger Geschehnissen den Status einer Revolution zubilligt und in ihr den Versuch einer bürgerlich-adeligen Führungsschicht in Braunschweig sieht, einen bereits zuvor erreichten rechtlichen und politischen Zustand wiederzuerlangen, den der Herzog in seinem von der Zeit überholten Absolutismusstreben rückgängig gemacht hatte, vertritt Dr. Hans-Gerhard Husung die Ansicht, daß es sich hier mehr um den spontanen Aufstand unterpriveligierter Handwerker und Arbeiter handelte, die besonders unter Karls Sparpolitik zu leiden hatten. 

Im einzelnen schreibt Husung dazu: Am 10.September 1830 macht in Frankfurt, dem Sitz des Deutschen Bundes, ein Gerücht aus Braunschweig die Runde, "daß daselbst am verwichenen Dienstag ein Aufstand ausgebrochen sei, infolge dessen der herzogliche Palast verheert worden, der Herzog aber sich flüchtenden Fußes, wie man sagt, nach Göttingen begeben habe". 

Was war geschehen? - Bereits am. 6. September, einem Montag, fanden Protestaktionen gegen den jugendlichen Herzog Karl II. statt. Sie begannen mit Pfiffen, Schimpfen und Steinwürfen bei dessen Abfahrt vom Hoftheater am Hagenmarkt. Kurz darauf forderten etwa 500 Demonstranten vor dem Schloß drohend Abgabenerleichterungen, Korn- und Brotunterstützungen sowie Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung. 

Am folgenden Abend waren es dann sogar einige tausend Menschen, die sowohl Sensationslust - der Ort der vorhergegangenen Geschehnisse und die spektakuläre Truppenkonzentration des Herzogs weckten Neugierde - als auch wirkliche Protestabsichten zum Schloß zog. Als einige Demonstranten ihrem Zorn gegen Karl mit dem Herausbrechen seines Namenszuges aus dem Schloßgitter symbolischen Ausdruck verliehen, schwand schnell der Unterschied zwischen Aktivisten und neugierigen Zuschauern, zummal der Herzog sich in diesem kritischen Augenblick "flüchtigen Fußes" auf die Reise nach London zu seinem Onkel, dem König von Großbritannien und Hannover, begab und auch das Militär kaum Anstalten machte, gegen die Menge gewaltsam vorzugehen. Das Risiko erschien zwanzig bis dreißig Demonstranten so gering, daß sie es wagten, das Gitter zu überwinden und ins Schloß selbst vorzudringen. Ihr Beispiel fand Nachahmer; das Schloß wurde geplündert und geriet in Brand. "Die Glut war fürchterlich, und niemandem wurde gestattet, den Flammen Einhalt zu tun alle Nebenhäuser wurden jedoch geschützt." Wie Augenzeugen hervorhoben, wurde auch Privateigentum nicht angetastet. 

Aufgeschreckt durch das Feuer, traten am 8. September Bürger in größerer Zahl der noch von Karl voller Mißtrauen genehmigten Bürgergarde bei. Im Zusammenwirken mit dem Militär war sie bemüht, immer noch vereinzelt auftretende Protestaktionen energisch zu unterdrücken. Unter ihrem Kommandanten, dem Bankier Löbbecke, stellte sie ein bedeutsames Ordnungsinstrument für die in jenen Tagen des politischen Machtvakuums treibende Persönlichkeit, den Magistratsdirektor Bode, dar. 

Mit dem Eintreffen Wilhelms am 10. September aus Berlin und der  Berufung eines neuen Staatsministeriums waren Bodes Planungen bereits innerhalb weniger Tage Wirklichkeit geworden. Während das Augenmerk vor allem Preußens der möglichen Bedrohung seiner westlichen Gebiete durch die Folgen der französischen Julirevolution von 1830 und dem Abfall der Belgier von den Niederlanden galt, konsolidierten sich in Braunschweig die schlagartig veränderten politischen Verhältnisse entscheidend mit der definitiven Regierungsübernahme Wilhelms am 25. April 1831. Den verfassungsrechtlichen Abschluß der neuen Machtverteilung bildete schließlich eine Landschaftsordnung vom Herbst 1832, die Bürgern und Bauern gegenüber adligen Rittergutsbesitzern, mit denen sie in einer Kammer vereint waren, verstärkte BeteiligungsmÖglichkeiten bot. Größere Mitentscheidungsbefugnis der Landschaft vor allem im wichtigen Finanzbereich und ihr Recht zur Gesetzesinitiative gehörten zu den grundlegenden Neuerungen, mit denen das Herzogtum Anschluß an die konstitutionellen Verfassungen Süddeutschlands fand. 

Mehrschichtige Bilanz 

Fragt man abschließend nach den Trägern der Aktionen, ihren Absichten, und den Erfolgen ihres HandeIns, ist die Bilanz mehrschichtig. Alle ernstzunehmenden Informationen deuten darauf hin, daß die aktiv vor dem Schloß Protestierenden aus Handwerkerkreisen und städtischen Unterschichten stammten, Gerade sie litten nicht nur unter der Sparpolitik Karls II., die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten zu verringern schien, sondern auch unter den schwerwiegenden Folgen einer sich abzeichnenden Mißernte. So war beispielsweise der Roggenpreis neben KartoffeIn das Hauptnahrungsmittel - allein in der Woche vom 15. zum 22.August um über 21 Prozent gegenüber der Vorwoche gestiegen. 

Hinzu kam die Empörung über die Verletzung traditioneller Verpflichtungen eines "gerechten Herrschers" zu Versorgungs- und Unterstützungsleistungen in Krisenzeiten, denen Karl nicht rechtzeitig nachgekommen war. Dies mag ihr HandeIn geleitet haben, doch nicht blinde Zerstörungswut oder obskure Anstifter aus adeligen Kreisen, wie sie Karls Anhänger beim Sturm auf das Schloß als vermummte Gestalten gesehen haben wollen. Entprechend traditionellen Rügegebräuchen wollten die Protestierenden den Herzog für seine Versäumnisse strafen und ihn handgreiflich auf seine Fürsorgepflichten und die herrschende Not  aufmerksam macheIn. Politische oder sozialrevolutionäre Antriebe fehlten  dagegen. Das mit ihnen zumindest anfangs sympathisierende Bürgertum ergriff erst am 8. September sichtbar die Initiative, und zwar nun im Sinne von Ruhe und Ordnung. Das durch Karls Flucht und die Passivität des Staatsministeriums hinterlassene politische Vakuum gab Bode und seinen Mitstreitern plötzlich Gelegenheit, die Herrschaftsstruktur nachhaltig verändernd zu beeinflussen. 

Ängstlich hob man jedoch gleichzeitig rechtfertigend hervor, daß nicht "Neuerungssucht und Ideenschwindel", sondern die Wahrnehmung traditionellen Widerstandsrechts gegen Karls tyrannische Herrschaft, der permanent die Stände und deren legitime Rechte mißachtet habe, hinter den bedauerlichen Ereignissen stünden. Während das städtische Bürgetum dauerhaften politischen Nutzen aus den Septemberunruhen ziehen konnte,  mußten sich die eigentlichen Träger der Protestaktionen mit kurzfristiger Abhilfe in Form von zeitweiligen Abgabenerleichterungen und öffentlichen Unterstützngsleistungen zufriedengeben. Zudem trugen sie die Hauptlast der "sozialen Kosten": Über 100 Verhaftete sowie mlndestens sechs Schwerverletzte und sIeben. Tote waren Angehorlge der Unterschichten. Obwohl in zahlreichen Selbstzeugnissen das Bürgertum deren Aktionen ignorierte oder bestenfalls als "Pöbelkrawalle" abqualifizierte, wäre ohne die Erschütterungen der Herrschaft Karls II. durch aktiven sozialen Protest der schnelle Erfolg auf der politischen Ebene kaum denkbar gewesen. In diesem Sinne hatte der traditionelleVolksprotest schließlich doch quasi revolutionäre Wirkungen, die offenbar tiefgreifend genug waren, um das  Herzogtum während der nächsten Welle revolutionärer Veränderungen in Europa im März 1848 als Hort der Ruhe erscheinen und die nationale Frage in den Vordergrund treten zu lassen. 


Braunschweiger Bürger plündern das brennende Schloß

 
Fenster schließen!