|
|
|
| Die Alte Waage - Der Wiederaufbau |
| Fast 50 Jahre lang blieb der Platz leer - dann hatten wir in Braunschweig in den 80er Jahren einen Stadtbaurat Dr. Konrad Wiese, der seinen Ehrgeiz darein setzte, sich mit dem Wiederaufbau der Alten Waage ein bleibendes Denkmal zu setzen. |
![]() |
Im Jahr seiner Verabschiedung gelang ihm das auch: Nach langem Hin und Her wurde das Haus 1991-94 detailgetreu wiederaufgebaut. |
| Die Wiedererichtung
der Alten Waage war in Braunschweig nicht unumstritten - die einen sprachen
von Disneyland, die anderen begrüßten die Wiederherstellung
eines einmaligen Kulturdenkmals. Auch die Anwohner waren nicht unbedingt
glücklich über den Neubau. Der ehemals freie Platz wurde verstellt,
es gab weniger Parkfläche, das hohe Gebäude verdunkelte die Wohnungen.
Wie dem nun auch sein mag - die Bauhandwerker, besonders die Zimmerleute, haben ganze Arbeit geleistet! Es ist wirklich in alten Techniken gebaut worden - obwohl funkelnagelniegelneu, ist die neue Alte Waage mit der alten nahezu identisch. Grundlage des Wiederaufbaus war der Zustand des Gebäudes nach der Renovierung durch Krahe, allerdings ohne die Dachtürmchen und mit unverputztem Erdgeschoß. Inzwischen sind die Diskussionen verstummt. Und man muß sagen - es ist auch wirklich kein Disneyland geworden. Denn der Neubau ist nicht - wie in vielen Fällen - nur Fassade, sondern er entspricht in seiner gesamten Konstruktion, auch im Inneren, in nahezu allem den Original. Daß wir wirklich wieder ein spätmittelalterliches Haus vor uns sehen und seine Errichtung beobachten konnten und nicht nur Bilder davon, gibt zu allerlei Gedanken Anlaß. Einer der Architekten des Wiederaufbaus, Justus Herrenberger, hat einige davon in der Braunschweiger Zeitung geäußert: |
"Sehr groß ist die Hochachtung vor der geistigen Leistung des unbekannten Zimmermeisters und dem handwerklichen Geschick der Zimmerleute. 12.000 Einzelhölzer mußten zugerichtet werden. Vorher mußte das Holz geschlagen werden, der Zimmermeister suchte geeignete Eichen im städtischen Forst Kampstüh und im Lehrer Wald heraus für die scharfkantigen Stiele, Unterzüge, fast eine Tonne wiegenden Deckenbalken. Die Stämme wurden auf den Zimmerplatz geschafft, dort mit dem Beil nach der Schnur rechtwinklig auf den passenden Querschnitt geschlagen und abgelängt. |
![]() |
|
|
Nun mußten mehrere teils sehr komplizierte Holzverbindungen hergestellt, 2000 Löcher für die Holznägel von Hand hineingebohrt werden. Die Zimmerleute setzten die Hölzer vorerst zusammen, kennzeichneten sie, da jedes Holz nur an der Stelle, für die es angebunden ist, am Bau gerichtet werden kann. |
Dann begannen sie mit dem Schnitzwerk. Schließlich richteten die Handwerker sie auf den vorbereiteten Fundamenten. |
![]() |
Heute brauchen wir zur Rekonstruktion zwei Professoren, Doktoren, Baudirektoren, Diplomingenieure, Verwaltungsfachleute, Techniker, Kalkulatoren, drei Zimmermeister, Poliere und Handwerker. Dazu haben wir alle technischen Hilfsmittel: LKW, Gabelstapler, Baukran, Sägewerk, Elektro-Sägen, -Fräsen, -Bohrer, Fototechnik, Telefon, Telefax, Lichtpausen, Schreibcomputer und vieles mehr. |
|
|
![]() |
![]() |
Selbst wenn unsere alltäglichen Überlegungen nicht so ins Detail und in die Tiefe gehen, so kann doch eigentlich niemand umhin, die klare Struktur des Fachwerkbaus zu bewundern. |
| Auf den Schwellen,
d.h. waagerecht liegenden Hölzern, wurden die Ständer errichtet,
die durch die Fußbänder und die Rähme senkrecht gehalten
wurden.
Auf die Ständer kamen die Balken zu liegen, die von Geschoß zu Geschoß weiter vorkragen, um auf der engen Grundfläche mehr Raum zu gewinnen. Auf die Balkenenden wurden die Schwellen des nächsten Geschosses aufgelegt, deren Last fingen die Knaggen ab. Auf dieser Schwelle stehen jetzt neue Ständer usw. |
![]() |
![]() |
Weil wir die Alte Waage von allen Seiten betrachten können, läßt sich hier besonders gut erkennen, nach welchem Prinzip dieses und praktisch alle mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fachwerk-Häuser gebaut sind. |
| Für den Schmuck aus Schnitzwerk waren bei einfacheren Mustern die Zimmerleute zuständig, für besondere, vor allem figürliche Darstellungen wurden eigene Schnitzer oder Bildhauer engagiert. |
![]() |
| Bei der Alten Waage wurden - neben sparsamer Verzierung von Balken und Knaggen nur die Schwellen aufwendiger gestaltet. |
![]() |
| Die Schwelle des Dachgeschosses ziert ein Kettenfries (oben), die Schwelle des zweiten Stockes ein Laubstab (unten). |
![]() |
| Auf der Schwelle des ersten Stocks hingegen - in Sichtweite des Publikums - ist ein Schriftband angebracht, dessen Enden von Meerjungfrauen und Seeungeheuern geschmückt ist. |
![]() |
| Das geschah nicht von ungefähr und war ein Hinweis auf die Handelsverbindungen der Neustadt, die einen Hafen besaß. Von der Oker gelangte man damals zu Schiff über Aller und Weser zum Meer! |
| Hübsch sind auch die mit Ziegeln ausgemauerten Fächer, von denen keines dem anderen gleicht - eine Erscheinung, die man eher an norddeutschen Bauernhäusern findet. Auf jeden Fall werden die Maurer stolz darauf gewesen sein! |
![]() |